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BEITRÄGE
ZUR
EHTWICKELÜNCS-GESeHieHTE
DER MALTECHNIK
MIT UNTERSTÜTZUNG DES KÖNIGLICH PREUSSISCHEN MINISTERIUMS DER GEISTLICHEN,
UNTERRICHTS- UND MEDIZINAL-ANGELEGENHEITEN
HEKAUSGEUEBEN VON
ERNST BERGER
MALER.
MÜNCHEN 1904.
VERLAG VON GEORG D. W. CALLWEY.
DIE
MALTECHNIK DES ALTERTUMS
NACH DEN QUELLEN, FUNDEN, CHEMISCHEN ANALYSEN UND
EIGENEN VERSUCHEN
VON
ERNST BERGER
MALER.
VOT.LSTÄNDIG UMGEARBEITETE AUFLAGE
DER
„ERLÄUTERUNGEN ZU DEN VERSUCHEN ZUR REKONSTRUKTION
DER MALTECHNIK DES ALTERTUMS“.
MIT ZWEI FARBIGEN TAFELN UND 57 ILLUSTRATIONEN.
MÜNCHEN 1904.
VERLAG VON GEORG D. W. CALLWEY.
Coixo,
Nr>
M-71
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THE GETTY CENTER
LIBRARY
Inhalt.
V orwort
Seite
IX— XII
I. Teil.
Technik der Malerei bei den alten Aegypteru, Assyriern, Persern
und in Ostasien.
I. Die Maltechnih der alten Aegypter 3
1. Wandmalerei der Aegypter 6
2. Malerei auf Holzunterlage 11
Aelteste Art der Malerei auf Mumiensärgen 13
Zweite Periode der technischen Arbeitsführung beim Ausschrnücken der
Mumiensärge 14
Reicher Stil 15
Neuerungen in koloristischer Beziehung 16
Kaschierungen mittels Leinwand 18
Realistische Periode der ägyptischen Malerei 19
Letzte Periode. Mumienporträts der hellenistischen Zeit ... 21
3. Farben der Aegypter 22
II. Die Maltechnik im alten Assyrien, Persien nnd Ostasien 29
Ili. China und Japan . . • 37
II. Teil.
Technik der griechischen und römischen Malerei.
AllgemeineUebersicht über die Entwicklung im Altertum 49
I. Die Wandmalerei bei den Griechen und Römern (Alter und Charakteristik) 58
II. Der Meinungsstreit über die Technik der antiken Wandmalerei.
1. Aeltere Ansichten 63
2. Der gegenwärtige Stand der Frage 69
III. Das antike Tectorium nach VitruT und seine besonderen Kennzeichen 83
1. Massgebende Faktoren für die innere Festigkeit der Mauermörtel im
allgemeiuen und des antiken Tectoriums im besonderen ... 89
2. Erzielung der äusseren Erscheinung an dem Tectorium der Alten 94
IV. Die „Ganosis^^.
Das antike Verfahren zur Glättung des Stucco mit Hilfe des sog. Pu-
nischenWachses 98
V. Das „wie ein Spiegel glänzende“ Tectorium des Vitruv und Stucco lustro
der Italiener 104
VI
VI. Meine Versuche zur Rekonstruktion der antiken Wandmalerei. Sehe
Vorbemerkung 110
1. Versuche zur Herstellung des Tectoriums 121
2. 'Versuche, die letzte Stuckschicht durch Zusätze organischer Natur
zu festigen 123
3. Versuche, deu so hergestellten Stucco zu glätten .... 124
4. Versuche, mit verschiedenen Bindemitteln auf frischem, nicht ge-
glätteten Stuccogrund zu malen und das Gemalte zu glätten . . 124
5. Versuche, mit Tempera-Bindemitteln auf frisch geglättetem Grund
zu malen . • 125
6. Versuche, mit Galle auf frischem Stuck zu malen . , . . 127
7. Versuche, auf dem in Stuccolustro-Manier geglätteten Grund Orna-
mente und Figuren zu malen 123
8. Schlussarbeiten 128
9. Zusammenstellung der durch die Versucbe gefundenen Resultate 129
10. Chemisches Verhalten 129
VII. Die chemischen Analysen und ihre Bedeutung für die Kenntnis
der antiken Technik 131
1. Chevreul’s chemische Analysen der gefärbten Bewürfe und Ma-
lereien pompejanischen und römischen Ursprungs .... 135
2. Untersuchung römischer und pompejanischer Farben und Unterlagen
von Geiger 140
3. Faraday’s Analysen von Bewürfen und Farben athenischer Mo-
numente ■ . . . 144
4. Landerer’s Analysen von Farben antiker Monumente in Athen 145
5. Chemische Analyse von Wilh. Semper 145
6. Versuche, den Einfluss grosser Hitze, wie sie bei der Verschüttuug
von Pompeji durch den glühend heissen Aschenregen allerwärts ge-
herrscht haben muss, auf die Malerei und das Tectorium zu ergründen 148
VIII. Schlussfolgerungen.
Technische Verschiedenheiten innerhalb der antiken Wandmalerei 151
III. Teil.
Die anderen Arten der Malerei bei den Griechen und Römern
(insbes. Tafelmalerei in Tempera und Enkaustik).
Die Tafelmalerei 171
I. Tempera und Temperamalerei 172
II. Die Enkaustik.
1. Die litterarischen Zeugnisse 185
2. Die hellenistischen Mumienporträts aus dem Fayüm und andere
Tafelbilder 197
3. Der Instrumentenfuud von St. Medard-des-Pres und meine Versuche
in enkaustischer Technik 211
. 4. Ergebnisse für das Wesen und die Entwicklung der enkaustischen
Technik 219
a) Die Oanterium-Technik 219
b) Cestrurn-Technik 223
c) Pinsel-Technik 226
5. Ende der Enkaustik und der Wachsmaierei des Altertums (der Fund
von Herne -St. Hubert) 230
III. Polychromie der Statuen (Malerei auf Marmor, Ton u. a.) . 239
IV. Uebergänge zur byzantinischen Zeit (Vergoldung, Miniatur,
Mosaik) 245
VII
IV. Teil.
Anhänge.
Anhang 1. Seite
Die Farben der Alten 255
Anhang II.
Malgeräte im Museum zu Neapel 2G3
Anhang III.
Chemische Analysen.
1. Chevreul’s chemische Analysen römischer Farben und anderer Substanzen
des Fundes von St. M4dard-des-Pres 268
2. Chemische Analysen von Farben römischer Provenienz des Fundes von
Herne -St. Hubert in Belgien 271
a) Analj’-sen von Dr. Fr. Schoofs . . .* 271
b) Bericht von Chemiker Georg Büchner 273
A n. h a n g IV.
Verbreitung der alt-römiscben Stuckinalerei in Deutschland . . . 276
Anhang V.
Frühere Rekonstruktionen 285
a) Enkaustik 285
b) Wandmalerei 295
Anhang VI.
Kollektion meiner Versuche zur Rekonstruktion der Maltechnik des Altertums 304
Anhang VII.
Litteratur 307
Register 309
Vorwort.
Zehn Jahre sind verflossen, seit ich anfing, mit den Ergebnissen meiner
Studien zur Geschichte der Maltechnik in die Oeffentlichkeit zu treten. Die
beiden ersten Hefte meiner „Beiträge“, welche die Malerei des Altertums zum
Gegenstände haben, sind in den Jahren 1893 und 95 erschienen; mit dem
vorliegenden Bande erscheinen sie jetzt in einer neuen, teils völlig umgearbeiteten,
teils erweiterten Gestalt, von der ich hoffe, dass sie in mehr als einer Hinsicht
sich als eine verbesserte erweisen werde.
Unverändert geblieben sind die Voraussetzungen, die meine Ansicht von
aem historischen Zusammenhänge der Tradition bestimmen, und die Forschungs-
methoden, die im einzelnen Palle durch Zahl und Art der uns zu Gebote
stehenden Hilfsmittel bedingt sind.
Ich halte fest an der Ueber'zeugung, dass die Maltechnik sich nicht anders
entwickelt haben könne als alle übrige Kultur, nämlich in allmählichem Fort-
schritt und langsam sich vollziehenden, daher erst nach gewisser Zeit bemerk-
baren Uebergängen. Jede Neuerung wird eine Vervollkommnung oder Be-
reicherung der früheren Verfahren gewesen sein und eine aus der natürlichen
Beschaffenheit des Materials geschöpfte Handwerkserfahrung zur Grundlage
gehabt haben. Und keine einmal gewonnene Erfahrung ist völlig spurlos
wieder untergegangen, selbst wenn im Wechsel der Zeiten die Gelegenheit,
sie in der ursprünglichen Art weiter anzuwenden, sich vermindert oder ganz
aufgehört hatte , sondern das Wesentliche davon hat sich auf die Folgezeit
vererbt und, wenn auch in veränderter Form der Anwendung, fruchtbar fort-
gewirkt. Wie innig auch in der Kunst der Zusammenhang ist zwischen den
Ausdrucksmitteln und dem erreichten Ausdruck, zwischen dem technischen
Können und der künstlerischen Auffassung und Durchbildung , so hat doch
die Maltechnik im engeren Sinne nicht unmittelbar und in gleichem Masse
teilgenommen an dem Niedergang der künstlerischen Malei’ei, deren Höhe und
Vollendung in erster Linie von dem Vorhandensein grosser und schöpferischer
Talente abhängig ist. Vielmehr ergibt sich im Technischen eine fast ununter-
brochene Ueberlieferung vom Altertum durch künstlerisch arme Jahrhunderte
hindurch zum Mittelalter und darüber hinaus, wenn man die grossen Zeiträume
nicht isoliert für sich betrachtet, sondern aufmerksam nach vorn und wieder
nach rückwärts schauend deh ganzen geschichtlichen Verlauf im Auge be-
hält und sich den Blick schärft für die Zusammenhänge, die vorhanden sind,
auch wo sie nicht ohne weiteres zu Tage liegen.
Bei einer solchen auf das Ganze gerichteten Betrachtung wird wohl
auch die Hypothese, wenn sie nicht mehr scheinen will als sie ist, die Er-
laubnis erhalten, einmal ergänzend einzutreten, wo die Lückenhaftigkeit des
Quellenmaterials uns die Gewissheit des Beweises versagt. Das ist ja die
grösste unter den mancherlei Schwierigkeiten, die sich der Ergründung längst-
X
vergangener Tatsachen entgegenstellen, dass die unentbehrlichen Hilfsmittel —
bei den hier zu lösenden Problemen die litterarischen Zeugnisse und die er-
haltenen Denkmäler aus dem Altertum und die Ergebnisse chemischer Unter-
suchungen von Farbstoffen und Bindemitteln — nicht in jedem Palle in hin-
reichendem Masse und alle zugleich vorhanden sind, so dass sie einander
unterstützen könnten. Manchmal fehlen die Schriftquellen, manchmal die
Funde und mit ihnen die Gutachten der Chemiker. In dem günstigen Falle
aber, dass alle drei Bedingungen erfüllt sind, entstehen andere Schwierigkeiten
durch den Meinungsstreit derjenigen, die als eigentlich Sachverständige zu
einem Urteil berufen sein sollten. Ueber eine schwerverständliche Textstelle
des Vitruv, einen in seiner Kürze nicht unzweideutig klaren Satz des Plinius
oder einen dunklen technischen Ausdruck der Alten wird man entscheidenOen
Aufschluss bei den Archäologen oder den Philologen suchen, die neben der
grammatischen Schulung auch Verständnis haben für das Reale der Gegen-
stände, um die es sich hier handelt; aber nicht selten liegt die Sache so, dass
mehrere Auffassungen mit scheinbar gleich triftigen Gründen sich stützen
lassen; in anderen Fällen ist die von litterarisch-wissenschaftlicher Seite ge-
gebene Erklärung nicht nach dem Sinne des technisch erfahrenen Malers,
der die von seinem besonderen Standpunkt aus gefasste Ansicht in den um-
strittenen Textworten wiederfinden möchte und, wenn er eigensinnig ist, Gefahr
läuft, den Worten Gewalt anzutun, um sie für seinen Zweck brauchbar zu
machen. Von solchem Eigensinn glaube ich mich freigehalten zu haben.
Weder in philologischen noch in chemikalischen Dingen habe ich mir auf Grund
eingebildeten Besser Wissens ein eigenes Urteil angemasst, vielmehr mich der
überlegenen Einsicht der Männer vom Fach untergeordnet, allerdings nicht
in blindem Glauben, sondern so, dass ich von der einleuchtenden Beweiskraft
ihrer Gründe mich überzeugen liess. So habe ich unter sorgfältiger Beitick-
sichtigung alles erreichbaren Materials und reiflicher Prüfung aller früheren
Ansichten danach gestrebt, die in Betracht kommenden Momente so mit ein-
ander in Einklang zu bringen, dass sich eine theoretisch wahrscheinliche
Restitution der verschiedenen Arten antiker Maltechnik ergibt. Aber um die
letzten Zweifel zu beseitigen, musste noch Eines hinzukommen; das Ex-
periment, der eigene Versuch praktischer Anwendung, der gleichsam die
Probe auf das Exempel der Theorie macht und den augenfälligen Nachweis
liefert, dass die behauptete Technik auch in Wirklichkeit ausführbar ist und
je nach der Geschicklichkeit des Ausführenden verhältnismässig dieselben
Wirkungen erreicht, die an den Denkmälern aus dem Altertum zu beobachten
sind. Auf diese Art der Beweisführung lege ich ganz besonderes Gewicht.
Es gibt kein lehrreicheres Verfahren, sich über die Praxis der antiken Technik
zu unterrichten, als in methodisch ausgeführten Proben Nachbildungen von
alten Werken zu versuchen; in diesem Sinne gilt auch hier das bewährte
„Probieren geht über Studieren“.
Diese Theorie und Praxis kombinierende Methode habe ich den allge-
meinen Grundsätzen nach schon vom ersten Beginn meiner Untersuchungen an
befolgt; nur die Umsicht und Sicherheit in der Anwendung, und hoffentlich
auch die Haltbarkeit der gewonnenen Resultate, ist jetzt gewachsen infolge
der seitdem fast ohne Unterbrechung fortgesetzten Arbeiten und sich mehrenden
Erfahrungen. Dass sich dabei Irrtümer herausgestellt haben, die mir früher
verborgen geblieben waren, ist bei der Schwierigkeit der Sache kein Wunder.
Sie offen als solche anzuerkennen und zu berichtigen ist wissenschaftliche
Pflicht, und die Erfüllung dieser Pflicht würde mir auch dann nicht schwer
gefallen sein, wenn ich nicht den Trost hätte, mich damit in der Gesellschaft
von Männern wie Semper, Hittorff, Montabert u. a. befunden zu haben. Was
die jetzige Formulierung meiner Ansichten betrifft, so stelle ich ihr Schicksal
mit gutem Gewissen der Zukunft anheim. Widerspruch wird nicht ausbleiben,
wie er jedes Abweichen von hergebrachten Meinungen zu treffen pflegt; wenn
er sich an die Sache hält, werde ich von ihm zu lernen suchen, um der
Wahrheit näher zu kommen. Persönliche Angriffe, die wissenschaftlichen
XI
Kontroversen fremd bleiben sollten, sind mir bisher nicht erspart geblieben;
wenn sie sich künftig wiederholen, werde ich sie gelassen ertragen und auf
das unbefangene Urteil Billigdenkender vertrauen. In deren Augen wird mich
vor dem Vorwurf der Leichtfertigkeit die schon äusserlich erkennbare Tatsache
schützen, dass ich es an Mühe und Fleiss im Sammeln und Verarbeiten des
weitschichtigen Materials nicht habe fehlen lassen; wer näher zusieht, wird
auch finden, dass ich keiner Schwierigkeit ausgewichen bin noch bewusster
Weise irgend etwas verheimlicht habe, was auf den Gang der Untersuchung
hätte von Einfluss sein können. Und in jedem Stadium meiner Auseinander-
setzungen ist dem kritischen Leser die genaue Nachprüfung bequem gemacht,
da nicht nur das gesamte Material in authentischer Form und in grösster
Ausführlichkeit und übersichtlicher Anordnung vor seinen Augen ausgebreitet,
sondern auch durch zahlreiche Vor- und Rückverweisungen, selbst auf Kosten
der Lesbarkeit der Darstellung, für die stete Hervorhebung des Zusammen-
hanges gesorgt worden ist.
Blicke ich jetzt, da der vollendete Band seinen Weg in die Oeffentlich-
keit antreten soll, auf die ganze Summe von Arbeit zurück, die nötig war,
um ihm die Gestalt zu geben, die er schliesslich gewonnen hat, so fühle ich
das lebhafte Bedürfnis, an dieser Stelle in aufrichtiger Dankbarkeit der Männer
zu gedenken, die mit freundlicher Bereitwilligkeit, so oft ich darum bat, meine
wisse<nschaftlichen Berater gewesen sind und ohne deren Beihilfe ich meine
Aufgabe nicht so, wie es geschehen, hätte lösen können. Vor allen habe ich
meinen verehrten Freund, Herrn Professor Dr. May hoff in Dresden, zu nennen,
der, als Herausgeber des Plinius wie als Freund der Malerei für die hier
verhandelten Fragen seit lange interessiert, meine Behandlung des gelehrten
philologischen Materials prüfend und berichtigend verfolgt und sich auch um
die Korrektheit seiner Wiedergabe durch den Druck nach Möglichkeit bemüht
hat. Er hat mich noch besonders durch die erste Mitteilung der von ihm
gefundenen Textberichtigung in der Hauptstelle des Plinius (XXXV, 149)
über die drei Arten der Enkaustik erfreut, die zu einer durchgreifenden Neu-
bearbeitung der betreffenden Abschnitte geführt hat, aber auch zu meiner'
Genugtuung geeignet ist, die schon früher von mir aufgestellte Erklärung
jener Technik in allen Hauptpunkten zu bestätigen. Weiter habe ich Herrn
Georg Büchner hier zu danken für seine Mitarbeit bei ahem, was die
Chemie angeht, diese Wissenschaft, die auf allen Gebieten der Technologie
eine wichtige Rolle spielt und besonders auf dem hier betretenen zur Lösung
manches Rätsels berufen ist. Ihm verdanke ich die Möglichkeit, die bisher
bezweifelte Uebereinstimraung der chemischen Analysen mit der litterarischen
Ueberlieferung zu erzielen und das Entgegenkommen des Herni Frangois Huy-
brigts in Tongres (Belgien), des glücklichen Entdeckers des Malergrabes
von Herne -St. Hubert, zu einer so gründlichen und umfassenden Unteisuchung
des Bindemittels von Farben aus spätrömischer Periode zu benutzen, wie sie
bisher bei den zur Verfügung stehenden äusserst geringen Mengen gar nicht
möglich war. Nicht minder bin ich dem Direktor der hiesigen Glyptothek,
Herrn Professor Dr. Furtwängler, verpflichtet, der von Anfang an den
Fortschritten meiner Arbeiten eine wohlwollende Teilnahme zugewandt und
sie durch vielfache Hinweise auf die neuesten archäologischen Funde in
dankenswerter Weise gefördert hat.
Endlich spreche ich den Hohen Behörden des Königlich Preussischen
Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal- Ange-
legenheiten und des Senates der Kgl. Akademie der Künste in Berlin
für die mir jahrelang gewährte Unterstützung mit geziemender Ehrerbietung
den schuldigen Dank aus. Ich gedenke denselben auch dadurch abzustalten,
dass ich einige Proben meiner Naohbildungsversuohe, und zwar vornehmlich
solche, welche die Technik der römisch-pompejanischen Wandmalerei betreffen,
dem Archäologischen Seminar, der Kgl. Akademie der Künste und der Kgl.
Technischen Hochschule zu München, dem Kaiserl. Deutschen Archäologi-
schen Institute in Rom und anderen öffentlichen Instituten und Sammlungen,
XII
wie dem Kgl. Albertinum zu Dresden, übergebe. Auf diese Weise werden
diese Versuche einem grösseren Interessentenkreise zugänglich gemacht, und
dieser selbst in die Lage versetzt, der Beweisführung, die ihren Schwerpunkt
darin gesucht hat, durch ausgeführte Proben in die Praxis der alten Mal-
verfahren einzudringen, leichter zu folgen und die Resultate zu prüfen.
lieber Zweck und Wert einer geschichtlichen Darstellung der Maltechnik
habe ich in der Einleitung zum folgenden Bande (Quellen und Technik der
Pj esko-, Oel- und Temperamalerei des Mittelalters) meine Ansicht ausführlich
dargelegt. Mögen meine Herren Kollegen, für die ja in erster Linie das
Studium der Technik alter Zeiten von Nutzen sein dürfte, auch diesem der
Technik des Altertums gewidmeten Bande dasselbe Interesse entgegenbringen,
das den übrigen Bänden bisher in vollem Masse zu teil geworden ist.
MÜNCHEN, im März 1904.
Ernst Berger.
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Tafel I. Altägyptische Malereien auf Holz und auf Leinwand.
(Nach Originalen im Besitz des Verfassers.)
Tafel II. Römisch-Pompejanische Stuckmalereien.
(Nach Originalen im Besitz des V^erfassers.)
i.
I. Teil.
Technik der Malerei bei den alten Aegyptern
Assyriern, Persern und in Ostasien.
I. Die Maltechnik der alten Aegypter. *)
Bekanntlich lässt Platon in seinen Dialogen einen Anonymus sagen,
dass man in Aegypten zehntausend Jahre alte Gemälde sähe, und Plinius
erzählt in seiner Natural, histor. (XXXV, 15), dass sich die Aegypter rühmten,
eine um sechs Jahrtausende ältere Malkunst zu besitzen, als die Griechen. Sie
leiteten ihre Königsdynastien direkt von ihren Gottheiten in sagenhafter Vorzeit
ab , und wenn wir auch von der Möglichkeit derartiger Tatsachen absehen,
so ist doch das Vorhandensein einer dreitausendjährigen hochentwickelten
Kultur vor unserer Zeitrechnung durch die grossartigen Tempelruinen, die
Pyramiden, die Mastaba genannten Gräber und andere Bauten unbestritten.
Dass während einer so langen Zeitdauer Perioden des Aufschwungs mit Zeiten
des Verfalls abwechseln, dass sich auf allen Gebieten künstlerischer Tätigkeit
(Architektur, Bildhauerei und Malerei) allerlei Strömungen und Wandlungen
infolge innerer U7id äusserer Einflüsse geltend gemacht haben, und dass dabei
Läuterung des Geschmackes, Veredlung der Formen mit technischen Ver-
besserungen Hand in Hand gegangen sein müssen, ist eine zwingende Not-
wendigkeit aller Kulturentwicklung. Mit Recht hat deshalb die veraltete
Ansicht von einer absoluten Unveränderlichkeit der ägyptischen Kunst ihre
Gültigkeit vollständig eingebüsst, seitdem man gelernt hat, die Gesetze, welche
die Kunstübung aller Zeiten und Völker beherrschen, auch in der Kunst der
Aegypter wirksam zu sehen.
Ein Hauptpunkt ihrer religiösen Anschauung war der Glaube an das
materielle Portleben nach dem Tode; infolgedessen haben die Aegypter seit
den ältesten Zeiten der Einbalsamierung der Toten und allem, was mit dem
Totenkultus zusammenhängt, die grösste Sorgfalt zugewendet. Wohlausgerüstet
sollte der Verstorbene die Fahrt ins Schattenreich antreten, und deshalb hatten
ihm die Zurückgebliebenen allerlei Weihgeschenke, selbst Wegzehrung mit
ins. Grab gegeben und Gebete auf die Sargumhüllungen geschrieben , damit
ihm der Eintritt in das Jenseits erleichtert werde. Diesen Gebräuchen und
der fast das ganze Jahr andaueimden Trockenheit des Nillandes ist es zu danken,
dass die Jahrtausende nur wenige Spuren an den ausgegrabenen Schätzen
hinterlassen haben, und da hauptsächlich alle zum Totenkultus gehörigen
Dinge in fast tadellosem Zustande erhalten sind, so kann man dreist be-
haupten, in keinem Lande einer ähnlichen durch so lange Zeit währenden,
ununterbrochenen Reihenfolge gleichartiger Dinge zu begegnen, wie sie aus
*) Litteratur;
Perrot et Ohipiez, Histoire de l’Art dans l’Antiquite Paris 1882. T. I
p. 781 t.
Prisse d’Avennes, Histoire de l’Art dgyptien. Paris 1878 — 79. Textband,
p. 289 f.
Merim4e, Dissertation sur la preparation et l’emploi des couleurs, des,vernis etc.
in dem Catalogue raisonnd et historique des Antiqirites decouvertes en Egypte par
J. Passalacqua, de Trieste, Paris 1826, p. 258 f.
M. von Minutoli, Reise zum Tempel des Jupiter Ammon und nach Ober-
ägypten, nebst ehern. Analysen von Prof. John, Berlin 1827, p. 330 f.
Alter der ägypt.
Malerei.
Uräaclieri der
Erhaltung.
1
4
den Grabstätten Aegyptens zutage gefördert worden sind. Von der ältesten
Art der einfachen Bemalung von Mumien - Särgen und Mumienhüllen, von
der Behandlung des Materials, des Holzes und der Leinwand, die mit
monochromen schematischen Figuren und mit symbolischen Darstellungen,
Götterbildern und Hieroglyphen geschmückt wurden, bis zu den kunstvollen,
reichen plastischen Verzierungen, den vergoldeten Masken und den durch
vielfache Leinwandschichtung hergestellten Kaschierungen späterer Zeit,
dann noch weiter bis in die Zeiten der hellinistischen Mumienporträts, die in
Wachsenkaustik und ähnlichen vorgeschrittenen Techniken gefertigt wurden,
alle diese vielen Stadien der fortschreitenden Entwicklung liegen sichtbar vor
unseren Blicken.
Stilistische
Verschieden-
heiten.
Dem aufmerksamen Beobachter wird es kaum entgehen, dass die in
irgend einem grösseren Museum (z. B. Paris, London, Berlin, Wien, Florenz
u. a.) aufgestapelten altägyptischen Malereien unter einander Verschiedenheiten
zeigen, die abgesehen von allgemeinen stilistischen Momenten vor allem durch
die materielle Behandlung bedingt sind. Innerhalb der gleichen Formen voll-
ziehen sich nämlich stetige Veränderungen, die ausser auf die Verfeinerung
des künstlerischen Geschmackes auf eine verbesserte Technik hinweisen. Ob
hier äussere Einflüsse sich geltend gemacht haben, oder die naturgemässe
Ausbildung der technischen Fertigkeiten allein die Schuld trägt, ist an sich
gleichgültig; jedenfalls stehen diese Erscheinungen mit dem allgemeinen
Stand der kulturellen Entwicklung im innigsten Zusammenhang.^)
“) Zum besseren Verständnis der Eutwicklungsstadien der altägyptischen Kunst
und deren Beeinflussung von aussen mögen hier einige Hauptdaten aus der Geschichte
Aegyptens angeführt werden; I. Zeit der Pharaonen (etwa 3000 vor Ohr.), welche
nach der Meinung der Aegypter den drei Götterdynastien folgte. Die ersten Pyra-
miden erbaute Unephes und seinem Beispiele folgten fortan alle Könige von Memphis
(Cheops, Chephren, Mykerinos der IV. Dynastie). Höhe der Kultur unter Amenemhalll
(2221 — 2179). Anlagen der Felsengräber von Beni Hassan, des Mörissees in der Oase
Fayüm und anderer grosser Bauten (Labyrinth) zur Verehrung der' Gottheiten. Nach
Amenemba’s Tod Herrschaft der Hyksos während etwa 500 Jahren. König Amosis
von Theben (1684—59) vertrieb die Hyksos, und nach deren Vertreibung beginnt die
glanzvollste Periode des Reiches, dessen Pharaonen (18. und 19. Dynastie) Theben
mit den bewunderungswürdigsten Denkmälern schmückten und ihre Macht weit über
die Grenzen des Reichs ausbreiteten. Besonders glänzend waren die Regierungen
Sethos I (1439—1388), Ramses II (1388 —28). Unter dessen Nachfolgern beginnt
der Verfall der von der mächtigen Priesteraristokratie abhängigen Herrscher. Es
folgt eine Reihe von Dynastien aus Unterägypten, deren Könige, in vielfache Kriege
mit den eindringenden Assyriern verwickelt, den Verfall des Reiches nicht abzuwenden
imstande waren. Der assyrische König Asserheddon stürzte 672 die Herrschaft der
äthiopischen Könige. Psammetich 1 (655—610) gelang es jedoch mit Hilfe griechischer
Söldner aus Kleinasien, Aegypten von der Fremdherrschaft zu befreien; er machte
es wieder unabhängig. Bald mehrte sich die griechische Bevölkerung, nachdem ihr
die Häfen geöffnet worden waren. Necho (310—595) begann von neuem den Bau
des Kanals zwischen Nil und dem roten Meer. Sein Vorhaben, den Sturz des assyri-
schen Reiches zur Ausbreitung seiner Macht in Syrien zu benützen, misslang. Das
gleiche Schicksal traf seinen Nachfolger Hop hra. Durch Empörung der ägyptischen
Krieger gelangte Amasis (570 — 526) zur Herrschaft, der die Seestadt Naukratis den
Griechen einräumte und dadurch dem Handelsverkehr eröffnete. Niemals war dei'
allgemeine Wohlstand grösser, und die Zahl der Städte stieg unter Amasis auf 20 000.
Auch die Kunst blühte wieder auf. Sein Sohn Psammetich III konnte der stets
wachsenden persischen Macht nicht Widerstand leisten und erlag ihr 525 in der Schlacht
bei Pelusion. Aegypten wurde persische Provinz; nach fast hundert Jahren ge-
wann es zwar seine Unabhängigkeit wieder (405) und stand unter einheimischen
Dynastien, wurde aber 340 von den Persern abermals erobert. Im J. 332 vertauschte
es die persische Herrschaft mit der Alexanders d. Gr. und verblieb bis 305 unter
makedonischer Oberhoheit. Mit dem makedonischen Statthalter Ptolemaeos,
der den Königstitel annahm, begann die Herrschaft der 12 ptolemaeiscben Könige.
Das altägyptische Wesen wurde vom Hellenismus mehr und mehr beeinflusst. Alexan-
dria wurde der Mittelpunkt griechischer Gelehrsamkeit. Mit dem Tode der Kleopatra
endete diese letzte Epoche äusserer Unabhängigkeit Aegyptens. Die Schlacht yon
Aktium entschied die Einverleibung Aegyptens ju das römische Reich
(30 V. Ch.).
Wir unterscheiden demnach mehrere Perioden der ägyptischen Kunst-
geschichto, die sich an die allgemeine Gliederung der politischen Geschichte eng
5
Die Malerei der alten Aegypter ist vor allem P ] ä c h e n k u n s t, sie hat
ausschliesslich dekorativen Zweck und steht somit von den ältesten Zeiten an
im Dienste der Architektur; auch die skulpturalen Darstellungen auf Wänden
können die Farben zur besseren Deutlichmachung aller Einzelheiten nicht
entbehren. Wie die Schrift der Aegypter, die Hieroglyphen, vielfach bildartig
erscheint, so haben die Bilder wieder oft Schriftcharakter. Sie bestehen aus
sicheren, auf traditionellem Schema beruhenden Umrissen, die mit einzelnen
Farben ohne jede Tonabstufung ausgefüllt sind. Perspektivische Verkürzung
kennt die ägyptische Malerei nicht, ebensowenig wie die Kunst der anderen
ältesten Kulturvölker. Sollen auf einer Darstellung verschiedene Figuren gleich-
zeitig zur Anschauung gebracht werden, so hilft sich der ägyptische Maler
durch Uebereinanderstellung; ein Hintereinander gibt es nicht. Meist ist der
Kopf im Profil, das darin liegende Auge aber von vorn dargestellt; die Beine
sieht man in profilierter Ansicht, die Brust aber in voller Breite. Dabei ist
jedoch in späterer Zeit ein Eingehen in die individuellen Besonderheiten der
Typen oder bei Porträtdarstellungen ein feines Beobachten des Charakteristischen
zu erkennen, das mehr noch bei plastischen Arbeiten als in der Malerei sich
bemerkbar macht. Besonders Tiere, auch die unbedeutendsten, sind so ge-
zeichnet, dass den Malern eine ausgeprägte Beobachtungsgabe ohne Zweifel
eigen gewesen sein muss. Zur ausgebildeten Malerei in unserem Sinne,
d. h. zur Modellierung der Formen in Licht und Schatten, scheint es in
Aegypten von selbst nicht gekommen zu sein; diese Kunst mag erst durch
späteren griechischen Einfluss dort Puss gefasst haben. Das eigentliche
Merkmal der älteren Perioden ist die Ausbildung der Linienzeichnung,
wovon manche Beispiele aus den zierlichen Wandgemälden von Beni- Hassan
(musizierende Tänzerinnen), aus den Gräbern zu Abu Simbel und viele andere
Darstellungen (abgebildet in den Werken von Prioe d’Avennes, Rosselini,
Lepsius) vorhanden sind. Auch die so reizvollen Tierparodien aus der späteren
Saitischen Periode illustrieren die Tatsache einer realistischeren Bewegung
innerhalb der altägyptischen Malerei.
Die Farben Wirkung ist auf die einfachsten Grundsätze gegründet,
wie solche sich von selbst ergeben, wenn die festen Umrisse mit Farben aus-
gefüllt werden. Meist ist der Untergrund hell gehalten, so dass eine Silhouetten-
wirkung (Schattenriss) entsteht. Erst in späterer Zeit und in kleineren Dar-
stellungen sehen wir die Wirkung umgekehrt, indem der Hintergrund mit
P''arbe ausgeraalt ist, so dass die Figuren dann hell auf den dunklen Grund
zu stehen kommen. Das Parbenmaterial ist von geringem Umfang und be-
steht aus fünf Farben (Schwarz, Gelb, Rot, Blau und Grün); in späteren
Perioden komnien noch weitere Farben, Abstufungen oder Mischtöne (Pleisch-
farbe, Zinnober, Purpur, Gold) hinzü.
Ueber das rein Technische der Malerei bei den alten Aegyptern in allen
Einzelheiten abschliessend zu handeln, ist trotz der vielfachen Vorarbeiten,
die Aegyptologen und anderen Forschern verdankt werden , bis heute nicht
möglich. Schriftquellen aus der Zeit, bevor griechischer Einfluss stattgefunden
haben kann, sind vorläufig nicht vorhanden; wir müssen uns deshalb auf
grund des Studiums der Funde sowie der wenigen chemischen Untersuchun-
gen ein Bild von der Technik machen und durch Rekonstrirktionsversuche
die einzelnen raattechnischen Fertigkeiten feststellen. Vielleicht verdanken
wir dem glücklichen Zufall noch einmal den Fund eines Papyrus mit An-
weisungen und Rezepten für Malarbeit, so dass wir an Stelle von Vermutungen
wirkliche Zeugnisse setzen könnten. Unmöglich erscheint dies nicht, da unsere
anschliessen, und sondern die Kunst des alten Reiches (I. — XII. Dynastie 3800 —
2100 V. Ch.) von der des neuen Reiches (XVII. — XXVI. Dyn. 1700 —525 v. Ch.).
Innerhalb dieser grossen Perioden heben sich wieder die Zeiten der IV. Dyn. (mit der
Residenz in Memphis) und der XII. (politische Vereinigung) des Landes), weiter der
XVIII. und XIX. Dyn. (Hauptstadt des Reiches Theben), sowie der letzten nationalen
Dynastie, der XXVI. in Sais, als Glanzpunkte der Kunsttätigkeit ab (Handb. der Kunst-
gesch. V. Ant. Springer I. p. 9).
Charakter) Stil:.
Technik der
Malerei.
6
Verschiedene
Ansichten über
Wandtechnik.
gelehrten Aegyptologen, die in dem Entziffern von Hieroglyphen so bewandert
sind, uns ausser mit alten Novellen und Märchen auch bereits mit einem
altägyptischen Lehrbuch der Geometrie bekannt gemacht haben. Warum
sollte nicht auch ein Rezeptenbuch in einer Papyrusrolle verborgen sein?
1. Wandmalerei der Aegypter.
„lieber die Manier der Aegypter, Wandmalereien auszuführen“, sagt Prisse
d’Avennes (p. 296), „sind wir wenig unterrichtet; wir vermeiden es aber,
diese mit „Fresken“ zu bezeichnen, weil der Üntergrund lange vorher zu-
bereitet gewesen ist, und man auf ausgedehnten Flächen unvollendete, quadra-
tisch eingeteilte Entwürfe gefunden hat. Der Grund war mit einem gelblichen
oder perlgrauen Ton überzogen, um das Weiss besser hervortreten zu lassen.
Wenn der für die Malerei bestimmte Grund genügend fest war, skizzierte
man mit roter Farbe, dann brachte man an einzelnen Stellen gesättigte Farben
an, an anderen wieder Halbtöne, vor allem an Flächen, welche weitere
Details erhalten sollten; schliesslich lasierte man einzelne Partien, um sie
kräftiger zu machen oder um das Ganze in Harmonie zu setzen.“
„Die Unterschichten sind meistens ziemlich rauh; mitunter aber mit be-
sonderer Sorgfalt bereitet. Zu derartigem Grund verwendeten die Aegypter
(wie man es auch bei uns im Mittelalter machte) entweder Kreide oder wie
Kalk gebrannten Gips, den man in einem Tongefäss mit Hautleim und
Wasser anmischte und auf Kohlen stellte, um die Masse flüssig zu halten,
ln diesem Zustande (warm?) gab man eine leichte Lage, dann eine zweite
dickere, und glättete hierauf die Fläche.“
„Wie die Wahl der Farben, so ändert sich auch die Art ihrer An-
wendung. Die einfachste und zugleich die älteste Art scheint das Ausbreiten
mit Hilfe des Pinsels zu sein, nachdem die Farben in Wasser verrührt worden.
Wenn Gummi oder Leim zugemischt werden, so macht dies die Farben fester
und lebhafter; diese Methode, Temperamalerei genannt, scheint zur Aus-
schmückung der ägyptischen Tempel angewendet worden zu sein.“
„Der zur Bindung gebrauchte Leim war sehr fest, und diese Tempera-
malereien (Peinture en dötrempe) widerstehen so sehr der Einwirkung des
Wassers, hauptsächlich die ältesten in Beni-Hassan, dass die meisten Be-
sucher nicht Anstand nehmen, einen Schwamm über die Wand zu streichen,
um die Malereien lebhafter» zu machen (p. 291).“
Nach der Ansicht des genannten Aegyptologen wurden die Farben mit
Wasser und Leim oder Gummi, vielleicht auch pait Milch angemischt. Mon-
tabert (Traitö de Peinture IX. p. 416) ist dagegen der Meinung, dass bei
Tempehnalereien die Farben mit Kalk angemacht sind.
Per rot (I p. 785) berichtet darüber; „In den thebanischen Gräbern sind
die Figuren auf einen sehr feinen Grund aufgezeichnet. Dieser Grund hat
die Glätte des Stucks und scheint aus sehr feinem Gips (plätre tres fin) und
durchsichtigem Leim hergestellt. An unbemalten Stellen erscheint er noch
weiss und an einzelnen Orten sogar glänzend.“ Er glaubt, dass die Malereien
mit Gummiwasser, wie Traganth oder einem ähnlichen Pflanzenschleim, an-
gemacht waren.
„Hector Leroux, der auf seiner ägyptischen Reise eine grosse Zahl
von Basreliefs abgedrückt hat, neigt zu der Ansicht, dass in den verwendeten
Farben auch Honig enthalten sei, wie in unseren heutigen Aquarellfarben;
in mehreren Gräbern wurden nämlich die Farben klebrig, sobald er sein an-
gefeuchtetes Papier auf die Wand auflegte. An anderen Plätzen wiederum
konnte er genügend anfeuchten, und die Oberfläche blieb so glatt und fest,
als ob sie mit durchsichtigem Email bedeckt wäre. Manchmal hatte man die
Wandmalereien mit einem harzigen Firnis bedeckt, der mit der Zeit nach-
dunkelte und die Farben, die er bedeckt, verdarb. Es ist der nämliche
schmutzige Firnis, der den kartonnageartigen Mumien-Urahüllungen den röt-
lichen und dunklen Ueberzug von heute verleiht und die Farben sehr be-
7
einträohligt. Gewöhnlich hatte raan aber die Wandbilder nicht mit einem
Mittel übergangen, das sich verändern könnte, und dank der Gleiohmässigkeit
der Temperatur und der Trockenheit haben sie ihre unvergleichliche Frische
bewahrt.“
Die Ansichten der oben erwähnten Forscher sind auf den äusseren
Anschein gegründet und haben deshalb nur bedingten Wert. Viel wichtiger
sind die Schlussfolgerungen ■ aus den wenigen chemischen Analysen, welche
hier angefügt seien:
Minutoli (p. 336 s. Reisewerkes) gibt darüber folgendes Resumö:
„Aus einer grossen Anzahl von mit bemalten Steinmassen aus den Kata-
„komben und Pyramiden angestellten Versuchen ergibt sich, dass die steinigen
„Wände, sie mögen nun natürlicher Kalkstein oder künstlich sein, zuerst mit
„einer dicken Lage Mörtelmasse aus gebranntem Kalk und Gips beworfen
„worden sind; auf der sorgfältig geebneten und selbst polierten Oberfläche
„ist Kalktünche nur dünn aufgetragen und auf dieser befindet sich unmittelbar
„die Malerei, welche entweder mit wahrem tierischen Leim oder in
„seltenen Fällen, wie der ziegelrote Anstrich der Katakomben Oberägyptens,
„mit Wachs bindend gemacht worden ist.
„Was die Kalktünche anbelangt, so scheint mir diese in den meisten
„Fällen aus wenig gebranntem Muschelkalk bereitet, und nur zu geringeren
„Arbeiten eine Art Kreide oder weichen Kalksteins genommen zu sein. Das
„erstere schliesse ich aus der zarten Beschaffenheit der Teile dieser Kalkdecke
„und dem Mangel der Beimischung erdiger Teile; das letztere aber aus der
„Gegenwart der letzteren (erdigen Teile), die jedoch nie im aufgelösten Zu-
„ Stande, d. i. als Zement im Mörtel, vorhanden sind. Diese Kalktünche ist
„also durch das Brennen des Kalkes an und für sich bindend geworden und
„sie enthält keinen Leimzusatz. Nur in einigen Fällen bemerkte ich durch
„einen äusserst geringen Grad der in der Hitze sich zeigenden Verkohlnng
„die Gegenwart einer Spur Leims; allein es ist sehr wahrscheinlich, dass
„letzterer nur aus dem Farbenanstriche eingezogen ist.“
Die Verwendung von Leim als Bindemittel der Farben kann als zweck-
entsprechend bezeichnet werden, da die klimatischen Verhältnisse des Landes
für diese Art des Anstriches günstig sind. Es ist aber sehr wahrscheinlich,
dass auch andere Bindemittel tierischer Natur (etwa Ei oder Milch) von den
Aegyptern frühzeitig gekannt und angewendet wurden. So fand Geiger®),
wie weiter unten zu ersehen ist, dass bei seiner Untersuchung eines Bewürf-
stückes die tierische Substanz in ihrem Verhalten gegen Reagentien
vom Leim abwich. Hierbei ist noch zu bedenken, dass in Fällen, wie sie
Prisse d’Avennes und Perrot (s. oben) beschreiben, das Bindemittel der auf
den geleimten Gipsuntergrund gemalten Farbenschicht auch teilweise in
den Untergrund eingesogen sein kann, mithin der Chemiker diese innige
Verbindung wohl kaum zu trennen imstande sein wird. Eine Verschiedenheit
der Verfahrungsarten ist auch daraus zu ersehen, dass auf gediegenere Aus-
führung, auf glänzendere Erscheinung der Malerei (vermutlich in späterer
Zeit) Bedacht genommen wurde, und dass die Aegypter sogar die Benützung
von Wachs (u. z. in der von den Römern „punisches Wachs“ genannten Art,
cera punica) gekannt haben. Wir müssen daraus den Schluss ziehen, dass
bei der Wandmalerei der Aegypter verschiedene Techniken in Gebrauch waren,
denn Wasser würde die Leimfarben erweichen, während die oben erwähnten
Malereien in Beni-Hassan der Einwirkung des Wassers widerstehen.
Begründet wird diese Ansicht durch die chemische Analyse von John,
der diese nebst anderen Analysen altägyptischer Farben (s. weiter unten) in
Minutoli’s Werk (p. 330) veröffentlichte. Es heisst daselbst:
®) Chemische Untersuchung alt- ägyptischer und alt- römischer Farben, deren
Unterlagen und Bindemittel. Mit Zusätzen über die Malertechnik der Alten von Roux.
Karlsruhe 1826.
Minutoli’s
Ansicht.
Bindemittel für
Wandmalerei.
8
Analyse von
John.
Analyse von
Geiger.
Bindemittel
von Wachs,
Harz und tieri-
scherSubstanz.
„Ziegelrot der Freskomalerei aus den Katakomben Oberägyptens. Vor
dem Lötrohre nahm die Intensität der Farbe ab, welches aber, wie sich er-
gab, nicht vom Zinnobergehalte, sondern von einer Desoxydation des Eisens
herrührt. In Salz- und Salpetersäure steht die Farbe, aber die Grundierung löset
sich unter Luftentwickelung und unter ähnlichen Erscheinungen wie die
Schuppen der Austern oder die Eierschalen auf. Die Auflösung enthielt
ausser Kalk keine Beimischung, wie die Prüfungen mit Ammonium, blausaurem
Kali und Barytauflösung bewiesen. Das in Säuren zurückgebliebene
Pigment gab mit Borax eine Perle, welche in der Wärme ölgrün, in der
Kälte aber farblos erschien. Die Mörtelmasse der Wände dieser Katakomben
ist aus Kalk und Gips gemengt. — Wasser, womit ich die Freskomalerei
zuvor benetzte, wirkte nicht darauf; aber siedender absoluter Alkohol
erweichte den sehr glänzenden Anstrich, jedoch konnte ich die Flüssigkeit,
wegen der geringen Menge der darin wahrscheinlich aufgelösten fettigen
Stoffe, nicht weiter untersuchen, und bekanntlich ist leider die Hauptsammlung
dieser Art Altertümer des Freiherrn v. Minutoli ein Raub der Wellen ge-
worden. Es scheint indessen auch diese Prüfung hinzureichen, um daraus
zu folgern, dass die Alten' die Wände dieser Katakomben, auf einer
Grundierung von feinem Kalk oder Kreide, mit rotem Eisenoxyd,
das mit Wachsseife bindend gemacht ist, angestrichen haben.“
Mit dieser Untersuchung stimmt die folgende überein, welche Geiger
an einem Stückchen von einer Decke (Tectorium) mit Malerei aus der
von Belzoni entdeckten Katakombe in Biban el Moluk (Oberägypten) an-
gestellt hat:
„Zur Untersuchung kam ein kleines Stückchen einer Decke (Tectorium)
von ungefähr 2 Quadratzoll und Zoll Dicke, Fragment eines Pfeilers aus
Kalkstein mit Freskomalerei aus dem von Belzoni entdeckten Grabe in Biban
el Moluk in Aegypten. Die Farben waren: 1. Braunrot, welches die grösste
Fläche einnahm, 2. Grün, ziemlich schmutzig mit helleren und dunkleren
Flecken, 3. P''ahlgelb, 4. Schwarz; die drei letzteren dienten zur Einfassung
der roten Farbe. Die Farben waren sämtlich matt, hatten keinen Glanz.
Resultate: 1. Die braunrote Farbe ist grösstenteils Eisenoxyd (Roteisenstein
oder gebrannter Ocker) mit einer geringen Menge Zinnober vermengt. Als Binde-
mittel wurde eine tierische Substanz angewendet, die aber in ihrem
Verhalten gegen Reagentien vom Leim abweicht. Das Verhalten
des weingeistigen Extraktes in der Hitze deutet auf eine Spur voi--
handenen Wachses. 2. Die grüne Farbe ist ein Gemenge von Gelb und
Blau. Ersteres ist organischen Ursprungs, gelber farbiger Extraktivstoff, und
letzteres durch Kupferoxyd blaugefärbtes Glas. 3. Die gelbe Farbe scheint
mit der bei Grün, gefundenen identisch zu sein, wenigstens zeigt ihre Zerstör-
barkeit in der Hitze und ihr übriges Verhalten, dass sie organischer Natur ist.
4. Die schwarze Farbe ist ebenfalls organischer Natur und zwar nach den
angestellten Versuchen tierischen Ursprungs, etwa eine Art Sepia. Das
Bindemittel scheint bei allen diesen Farben dasselbe wie bei der braun-
roten gewesen zu sein.
Die Untersuchung des Untergrundes der Farben ergab: kohlensauren
Kalk mit geringen Mengen Gips, Kieselerde, Alaunerde und Eisenoxyd.
Die Decke (Tectorium) war kohlensaurer Kalk mit wenig Kieselerde
und Spuren von Gips, Alaunerde und Eisenoxyd, muss daher als Kreide an-
gesehen werden. Das Bindemittel war tierischer Natur, doch weicht
sein Verhalten sehr vom Leim ab.
(Geiger hält es für Blutwasser; die rötliche Farbe der Decke sowie
die untermengten braunroten Punkte sprachen dafür.)
Das Bindemittel war Wächs mit etwas aromatischem Harz
vermischt und von der oben bei den Farben erwähnten tierischen
Substanz durchdrungen.“
Nach den obigen Untersuchungen fällt vor allem auf, dass bei der alt-
ägyptischen Wandmalerei von einem Freskomalen in unserem heutigen Sinne,
Abbild. 1. Altägyptische Malerei. Innerer Deckel eines Mumiensarges.
Nach dem Original im Wiener Hofmuseum. (Nr. 1 m. Versuchskollektion.)
Abbild. 2. Altägyptische Malereien auf Holz und kaschierter Leinwand.
(Nr. 2 — 5 m. Versuchskollektion.)
9
(1. h. Malen auf ganz frischen Bewurf, nicht die Rede sein kann. Selbst die
Verwendung von Kalkfarben ist nicht nachzuweiseh , obwohl der Kalk in
manchen Fällen als erste Unterschicht zweifellos in Mischung gekommen ist.
Bei der allgemeinen Verwendung von Stein wird die meist sehr dünne
Kälktünche zur Ausgleichung der Unebenheiten des Steinmateriales gedient
haben, denn die Figuren und Hieroglyphen waren im Relief aus Stein gemeisselt
und mussten erst sorgfältig zur Aufnahme der Malerei vorbereitet werden.
Minutoli gibt uns auch darüber Aufschluss; in seinem mehrfach zitierten
Reisewerk (S. 270) zeigt er deutlich die Reihenfolge der Malarbeit an der
nicht fertig gewordenen Kammer der Katakomben des Psamis.*)
Er schreibt: „Die am meisten bewunderte, von Belzoni entdeckte
„Katakombe (der Königsgräber bei Biban-el-Moluk) ist teils mit Skulpturen,
„teils mit Freskomalerei geschmückt, besonders sind die Decken sehr reich
„und geschmackvoll geziert. Da diese Katakombe vortrefflich erhalten, aber
„nicht in allen Teilen vollendet ist, so gibt sie zugleich die beste Gelegenheit,
„sich über das von den Aegyptern beobachtete Kunstverfahren zu belehren.
„Die ausgehauenen Wände wurden zuerst sorgfältig geebnet und schad-
„hafte Stellen mit Kalk, Gips oder Kitt ausgefüllt, in welchen man nachher
„die Figuren und Hieroglyphen ebenso aussphnitt, wie in den Stein selbst,
„welches ich durch mehrere mitgebrachte Proben dartun kann. Wo der
„Kalkstein durch eingesprengten Kiesel und durch Versteinerungen der Be-
„arbeitung Hindernisse entgegensetzte, wurden diese Stellen ausgehoben
„und bessere Steine eingesetzt. Wände, die bemalt werden sollten, wurden
„vorher gewöhnlich mit. Schlamm, Kalk oder Gips beworfen und im ersten
„Palle geweisst; worauf alsdann die Malerei aufgetragen wurde. Man
„findet Wände, die zum Teil bloss liniiert sind, auf anderen ist die Zeichnung
„der Figuren und Hieroglyphen mit roter Farbe entworfen und die nötigen
„Korrekturen sind schwarz aufgesetzt. Sowohl in den Zeichnungen als in
„den Korrekturen ist die Freiheit und Sicherheit der Hand bewunderungs-
„würdig, so dass man den Aegyptern eine grosse Meisterschaft der Aus-
„führung nicht absprechen kann. Man findet selbst schöne Köpfe und an-
„ mutige Stellungen, soweit der aegyptische Kunststil beide zuliess.“
Die äussere Erscheinung der Wandmalereien wird meist als matt ge-
schildert, doch scheint es auch Fälle zu geben, wo die Malereien glänzend,
wie mit einem Firnis überzogen waren. Prisse d’Avennes (p. 289) glaubt
sogar, dass ein grosser Teil der jetzigen brillanten Wirkung aegyptiscber
Wandmalereien dem Pirnisüberzug zuzuschreiben wäre, da „man beim Be-
treten des Grabes Seti I von der Klarheit und Durchsichtigkeit des Firnisses
völlig überrascht wurde“, und fügt hinzu:
„Die Erscheinung der Durchsichtigkeit nach so langer Zeit ist mit un-
serer Meinung, dass diese Firnisse aus Harzen bestehen, im Widerspruch,
weil alle fetten Körper, hauptsächlich wenn sie im Dunkeln aufbewahrt sind,
dunkler werden. Und ausserdem war ein solcher Firnis sehr dick, so dass
•er nur sehr schwer gleichmässig auf Mumienkästen aufgetrageu werden
konnte; und gerade auf Wandgemälden erscheint dieser Auftrag eher leicht
und gleichmässig gegeben, so dass es schwer zu entscheiden ist, ob er mit
Leimen, flüssigem Balsam oder einfach mit natürlichem Harz hergestellt ist.“
Obwohl es mir bis jetzt nicht vergönnt war^ die hier besprochene
glänzende Art der altägyptischen Wandmalerei durch eigene Anschauung kennen
zu lernen, muss ich doch der von Prisse geäusserten Ansicht widersprechen,
da der Glanz oder die Glätte des Tektorium auch auf andere Art als durch
Firnis erzeugt worden sein kann, nämlich durch das Glätten des Bewurfes
und der Malerei in der Art, wie sie bei den Griechen und Römern
üblich war. Dass hierbei auch die von John und Geiger nachgewiesene
Anwendung von Wachs für Wandmalerei, u. zw. in Form der Wachsseife, wovon
später die Rede sein wird, schon bekannt und gebräuchlich war, ist für die Ent-
Katakombe
von Biban-el-
Moluk.
Glänzende
Wand-
malereien.
*) Psamis oder Psammetich II, SohnNechos, 595 — 589 vor unserer Zeitrechnung.
10
Sltulptiuren.
Wicklungsgeschichte der Maltechnik von der grössten Wichtigkeit. Denn die
zur chemischen Untersuchung gelangten Proben stammen aus der Zeit des
Psammetich II., als infolge der Eröffnung der Hafenstadt Naukratis der
griechisclien Einwanderung sich kein Hindernis mehr entgegenstellte und
gleichzeitig mit der griechischen Bevölkerung auch griechische Handwerks-
fertigkeiten sich ausbreiten konnten.
Was die Bemalung von Skulpturen betrifft, so müssen Unterschiede
gemacht werden, je nachdem das Material Stein oder Holz gewesen ist.
Reliefs aus Kalkstein, wie sie die Wände mancher Tempel zeigen, erhielten
stets Bemalung j da wegen der Beleuchtungsverhältnisse sonst ein kräftigeres
Hervortreten der Einzelheiten nicht möglich gewesen wäre. Man nahm des-
halb die Farbe zu Hilfe und verzierte die Reliefs mit Malerei. Als Vorarbeit
wird eine allgemeine Deckung von flüssiger weisser Kalkfarbe am Platze ge-
wesen sein , wodurch die kleinen Rauhigkeiten des Steines ausgefüllt und
wenn nötig eine oberflächliche Glättung erzielt wurde. Auch wurde durch
eine solche Vorarbeit die ungleiche Färbung des Steines ausgeglichen und
gleichzeitig das allzurasche oder fleckige Auftrocknen der Farben vermieden.
Auch auf den ältesten Grabstelen^) kann man Spuren von Farben er-
kennen, und da die Farbe notwendig zur Deutlichmachung der meist nur
ganz flach reliefierten Figuren und Hieroglyphen gehörte, hat sich auch bei
der Bemalung von Reliefs und Figuren aus Stein eine Tradition gebildet,
die mit der Maltechnik im allgemeinen vielfach übereinstimmte. So erinnere
ich mich im ägyptischen Museum zu Berlin ein Bruchstück aus dem Felsen-
grabe Königs Sethos I. (um 1360 v. Ch.) aus Theben (Nr. 2079, Sammlung
Lepsius) mit erhöhten Figuren und Hieroglyphen gesehen zu haben, deren
Bemalung einen ganz glatten Eindruck machte. Wie an schadhaften Stellen
zu ersehen war, ward der Stein zuerst mit einer dünnen Kalk- oder Kreide-
schicht überzogen, keinesfalls aber war die Malerei mit einer Leim- oder
Kalkfarbe, sondern einem viel konsistenteren Bindemittel ausgeführt worden.
Ein ähnliches reich bemaltes Steinrelief im archäologischen Museum zu Florenz,
ist so glatt und glänzend, dass man die Anwendung einer wachs- und harz-
haltigen Tempera oder aber einep firnisartigen Ueberzug auf einer Malerei
mit Eibindemittel vermuten könnte. Diese Beispiele zeigen demnach schon
die durch Erfahrungen geläuterte Technik der glanzvollsten Zeiten ägyptischer
Kunst unter den Regierungen Sethos I. und Ramses II. (18. und 19. Dynastie).
Bei der Bemalung von geschnitzten Holzfiguren verfolgten die alten
Aegypter genau das Verfahren, welches auf den Mumiensärgen üblich war
und im folgenden Abschnitt beschrieben ist.
0 Es dürfte den Leser vielleicht interessieren, was Maspero (Guide du Visiteur
au Musee de Boulaq 1883 p. 29) über diese Grabstelen berichtet:
„Jedes Grab enthielt zum mindesten eine Stele, welche den Namen und die
Abstammung des Toten aufwies. Mitunter waren sie an der Aussenseit'e, meist im
Innern des Grabes angebracht, manchmal auf die Mauer gemalt oder in den Stein
gemeisselt. Zumeist war die Stele aus gesondertem Stein gearbeitet und auf seinen
Platz gestellt im Gange, der zum Grabe führt.
„Noch viel zahlreicher sind diegeweihten Stelen, und fast alle diese stammen aus
Abydos. Die kleine Stadt Abydos spielte im Glauben der alten Aegypter eine grosse
Rolle. Nach dem das Jenseits betreffenden Dogma musste von hier aus die Reise in
die andere Welt angetreten werden, und der genaue Punkt, von wo aus die Seelen
dahingelangen konnten, befand sich im Westen von Abydos. Das Sonnenschiff glitt
am Ende seiner tägliclien Fahrt nebst seiner göttlichen Begleitung durch den hier be-
findlichen Felsenspalt in die Nacht. Die Seelen folgten dann unter dem Schutze des
Osiris nach. Deshalb war es nötig, dass diese sich von allen Seiten Aegyptens dahin
zu begeben hatten. Man stellte sich diese Fahrt zu Wasser vor (wie Charon zur Unter-
welt), und so ist diese Reise vielfach auf den Gemälden der Gräber dargestellt. Viele
Reiche Hessen sich auch in Abydos begraben, um Osiris näher zu sein, weitaus die
Mehrzahl errichtete aber dort Stelen für die Verstorbenen, und diese ex voto-Gräber
und Stelen bildeten mit der Zeit eine ungeheure Masse.“
11
2. Malerei auf Holzunterlage.
Die ersten Anfänge der späteren sog. Tafelmalerei finden wir in der Art
der Ausstaffierung altägyptischer Mumienkästen, insoferti nämlich bei beiden
Arten das Holz als Unterlage Verwendung fand. Und da das gleiche Ver-
fahren durch Jahrtausende geübt wurde, so haben wir in dem Studium
der Entwicklungsphasen der altägyptischen Mumienkästen oder Särge die
beste Gelegenheit, über das Technische der Tafelmalerei allerältester Zeit
Aufschluss zu gewinnen. Dabei ist es höchst merkwürdig zu beobachten, dass
der handwerksmässige Sinn jene alten Praktiker ungemein schnell alle die
Dinge finden liess und die nötigen Handtierungen anzuwenden lehrte, die so-
wohl für die schnelle Ausführbarkeit als auch für die längste Dauer des aus-
geführten Werkes am geeignetsten waren. In diesem Punkte waren die Maler
um die Mitte des zweiten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung schon genau
so weit, wie die Künstler der Frührenaissance, mit dem Unterschiede allerdings,
dass im Zeitalter der Renaissance ganz andere künstlerische Anschauungen
geltend waren, als zur Zeit der Aegypter.
Die ägyptische Malerei bestand, wie bereits ausgeführt worden ist, in
dem einfachen Ausfällen der Konturen mit einzelnen Farben ohne jede
Modellierung. Der Maler war also eigentlich ein Handwerker; seine künst-
lerische Tätigkeit bestand darin, die schematischen Konturen der Figuren und
Ornamente zu ziehen, die als Umgrenzung der Farben zu dienen hatten. Für
diese an sich so einfache Arbeit bereiteten sich aber unsere ägyptischen
Kollegen den Untergrund, die Bindemittel und Firnisse mit der gleichen Um-
sicht, wie die Künstler der Renaissance ! Ja, man kann in fast allen Einzelheiten
die Vorschriften des Cennini (s. m. Beitr. Mittelalt. p. 97 ff.) über das Grundieren
der Malbretter, das Ueberziehen derselben mit Leinwand, das Abschleifen des
Gipsgrundes, die verschiedenen Vorarbeiten für Vergoldung der plastisch ge-
formten Zieraten bis zum Firnissen des gemalten Gegenstandes auf den Mumien-
särgen des Pharaohenlandes vollkommen richtig angewendet wieder erkennen.
Im allgemeinen zeigt die Bemalung von Mumiensärgen hier rot konturierte
Zeichnung der Figuren und Hieroglyphen, die mit roter, blauer, gelber und
grüner Farbe ausgefüllt erscheinen, meist so, dass die Figuren auf dem un-
bemalten oder hell-ockergelben Grund stehen, wie es die Figur der Abbild. 1
(Göttin Hathor mit Geierhaube und 2 Federn mit dem gehörnten Diskus
auf dem Haupte) nach einem Original eines inneren Sargdeckels im Wiener
Hofmuseum (Invent. Nr. 232 der Sammlg. ägypt. Altert.) zeigt. Hier ist die
ganze Figur in reicher Kleidung, mit prächtigem Kopfschmuck, die Zeichen
der Herrscherwürde in der Hand, dargestellt; Hieroglyphen füllen den ganzen,
leer gebliebenen Hintergrund aus. Der Fall, dass die lichte Erscheinung
der Figuren durch dunkleren Hintergrund erreicht wird, ist in der altägypti-
schen Malerei ein Zeichen späterer Periode und weist auf eine höhere Stufe
der Entwicklung hin (s. Abbild. 2, oberste Figur).
So einfach, wie die Zwecke, sind auch die Mittel in der alt ägyptischen
Maltechnik. Dabei ist aber eines bemerkenswert und dies steht mit der bereits
erwähnten Pflege des Totenkultus in innigstem Zusammenhang: das ist die
ausgesprochene Sorgfalt, mit der alle die handwerklichen Einzelheiten
ausgeführt wurden, um den bemalten Dingen die grösstmögliche Dauer zu
sichern.
Zur Herstellung des Grundes ist wohl der tierische Leim als besonders
geeignet seit den ältesten Zeiten in Anwendung gebracht worden , denn kein
anderes Bindemittel eignet sich hiezu besser, und die Tradition hat sich in
dieser Hinsicht bis in spätere Zeiten gleich erhalten. Als Anreibemittel für
Farben hat sich durch einschlägige Versuche die Ei-Tempera als das zweck-
mässigste erwiesen. Die von Perrot, Prisse d’Avennes und Merimöe geäusserte
Ansicht, dass Gummiarten, besonders Traganth, als Bindemittel gedient haben
könnten (s. p. 6), muss nach meinen bezüglichen Proben für irrig erklärt
werden. Traganthgummi ist in dicker Konsistenz als Farbenbindemittel nicht
Mumionkäaten
und Särge, Mu-
mienmasken.
Technik.
Bindemittel.
Leim und Ki.
12
Honig.
geeignet, in dünner Lösung aber nicht bindend genug. Gummi arabicum ist
für Malerei auf Kreidegrund ohne andere Beigaben zu spröde.
Sehr wichtig und für die ägyptische Maltechnik von grosser Bedeutung
ist eine Stelle des Einbalsamierungs-Papyrus von Bulak (I S. 12, X 19),
in welcher die Verwendung von Honig zur Malerfarbe erwähnt ist. Die Stelle
lautet: „Die Gestalt des Gottes Ohem werde mit grüner Farbe (Xenti), die
mit Honig angemacht ist, auf die Binde gemalt.“*')
Honig als Bindemittel mag für das ägyptische Klima geeignet ge-
wesen sein, weil die Trockenheit der Luft die hygroskopische Eigenschaft
des Honigs aufhebt. Versuche mit Honig als Bindemittel haben gute Resultate
erzielt, insbesondere wenn der Honig nicht allein, sondern in Mischung
mit Gummi oder Ei verwendet wurde.
Es bliebe noch in Erwägung zu ziehen, ob auch die Farben mit Leim an-
gerieben worden seien, wenn nicht Geiger’s chemische Untersuchungen,
nach denen die als Bindemittel verwendete tieiäsche Substanz in ihrem Ver-
halten gegen Reagentien vom Leim abwich (s. oben p. 7), dagegen sprächen.
Ausserdem war es bei den vorgenommenen Proben auf geleimtem Kreide-
grund selbst mit dem sogenannten Schlepper (einem Pinsel mit langen Haaren)
kaum möglich, so gleichmässige Striche zu ziehen, wie sie die altägyptischen
Originale zeigen, während dies mit der Eitempera (Eigelb, mit Essigwasser
verdünnt) sehr leicht bewerkstelligt werden konnte. H
Diese Annahme steht zwar in scheinbarem Widerspruch mit den
in der Anmerkung gegebenen Untersuchungen von John, welche im HL
und IV. Anhang zu Minutoli’s Reise werk veröffentlicht sind; wenn man
jedoch bedenkt, dass die Gipsdecke stark mit Leim durchsetzt gewesen
und darauf die dünnflüssige Eitempera aufgemalt war, so wird der Che-
miker diese innige Verbindung wohl kaum zu trennen imstande gewesen
sein. Dass aber der Leim eine grosse Rolle in der ägyptischen Malerei
gespielt und ausser zur Gundierung jedenfalls zur Anlage grösserer Flächen
gedient hat, scheint zweifellos festzustehen.®)
®) Vgl. Heinrich L. Emil Lüring, die über die medizin, Kenntnisse der alten
Aegypter berichtenden Papyri. Leipzig 1888, p. 93.
Hier möge angefügt werden, dass bei Plutarch Alexand. 0. 36 von Purpur-
gewändern die Rede ist, deren Farbe und Glanz durch Verwendung von Honig beim
Färben fast 200 Jahre lang frisch geblieben seien, und dass Vi'^ruv VII, 13 er-
wähnt, die Purpurfarbe werde gegen zu schnelles Austrocknen durch Zusatz von
Honig geschützt. Honig mag demnach in der Färbentechnik der Alten eine Rolle
gespielt haben. Gummi arab. nebst Eiklar und Honig bildete das Bindemittel der
späteren Miniatoren, und bis auf unsere Zeit hat sich die Honigzugabe bei Aquarell-
farben erhalten (sog. Honigfarben).
J S. Nr. 1-4 meiner Kollektion von Versuchen zur Rekonstruktion der antiken
Technik.
®) John berichtet darüber in Minutolis Reisewerk (p. 336) wie folgt:
„Was den Holzanstrich und die Hieroglyphen malerei anlangt, so ist enl-
„weder die Kalktünche, jedoch in der Regel bis zur Dicke 'ji — l Linie, unmittelbar
„auf Holz getragen und darauf die Farbe mit Leimwasser gestrichen und gemalt;
„oder man hat sich zu den kostbarsten Sachen einer mehr zusammengesetzten
„Methode bedient. Die köstlichen Sarkophage der (von Minutoli) mitgebrachten
„Sammlung z. ß. sind zuerst mit Leinwand mittels Leimes überzogen. Hierauf
„folgt eine dünne Decke von geschlämmter Kreide mit Leimwasser, die wieder mit
„einem dicken Leimanstriche, worin ein fadenartiges Gewebe (von wahren Per-
„gamentfäden herrührend), überzogen und zuletzt mit einer zweiten Kalkgrundierung
„gedeckt ist. Auf letzterer sieht man endlich die Malerei, d. i. Anstrich und
„Hieroglyphen, entweder mit blosser Leimfarbe, oder unter Zusatz von geschlämmter
„Kreide aufgetragen. So ist es wenigstens an dem oberen Teil der eine Prüfung
„zulassenden Stellen, dieser Sarkophage beschaffen. Auf der grössten Fläche fehlt
„indessen der, wie es scheint, überflüssige Leim und zweite Kalkgrund.
„Meine Versuche mit diesen eben erwähnten Ueberzügen haben über das
„Bindemittel, womit die Alten ihre Farben aufgetragen, den letzten Zweifel gelöst.
„Es befindet sich nämlich an einzelnen Stellen dieses Sarkophages eine so dicke
„Le im läge, dass ich vermögend war, die entscheidendsten Versuche mit einer
„kleinen Quantität, die der Herr General-Lieutenant v. Minutoli der Wissenschaft
„opferte, anzustellen. Durch Erhitzung mit Wasser löste sich nämlich die Leim-
13
Zu solcher Vollkommenheit konnten die altägyptischen Maler naturgemäss
nur infolge von Generationen langer Uebung in stufenweiser Entwicklung ge-
langen, und diese musste sich wiederum auch in Wandlungen des Stiles aus-
spreohen. Mit neuen Aufgaben in stilistischer Hinsicht steht ‘meist auch eine
Vervollkommnung der technischen Fertigkeit im innigsten Zusammenhang.
Wenn wir also versuchen, aus stilistischen Merkmalen auf die Perioden der
Technik und umgekehrt von der äusseren Erscheinung der Malerei auf die
Perioden des Stiles Schlüsse zu ziehen, so können wir ein Bild der tech-
nischen Entwicklung gewinnen. Es sei freilich bemerkt, dass es, ohne
eingehendere ägyptologische Forschungen betrieben zu haben, schwer ist,
die Zeitperioden der malerischen Stilarten nach den technischen Einzel-
heiten genau zu bestimmen. Aber nach den genannten Anzeichen kann darauf
geschlossen würden, in welcher Reihenfolge die einzelnen Phasen auf
einander folgten. Wie lange jede einzelne Art der Technik in Uebung ge-
wesen sein mag, soll nicht Gegenstand der folgenden Aufstellungen sein.
1. Aelteste Art der Malerei auf Mumiensärgen.
Meist findet sich der innere Holzsarg in einen äusseren grösseren
von einfacherer Form eingesenkt. Malereien und Hieroglyphen bedecken die
inneren Wände des äusseren Sarges, ebenso den ganzen inneren Sarg und in
späterer Zeit auch die Leinenumhüllungen der Mumien selbst. (Die steinernen
Sarkophage, zumeist hervorragenderen Toten angehörig, sind hier nicht in
Betracht gezogen, da ihre Ausschmückung skulpturalen Charakters ist.)
Der obere Teil des Sarges, Kopf mit Brust, ist realistisch behandelt, die
Hautfarbe mit hellrotem oder gelbem Ocker angelegt, Konturen mit dunklerem
Rot gezeichnet, die Augen und Augenbrauen schwarz umrandet, das Kopftuch
und die Haare dunkel- oder blauschwarz bemalt, der Halsschmuck in ab-
wechselnden Farben wie mit Perlenreihen verziert.
Die äussere Erscheinung gleicht einer liegenden Figur, deren Kopf bis
zu den Schultern eingehüllt ist. Das Ganze ist aus Holz gearbeitet und be-
malt. Der Deckel ist der Form gemäss etwas ausgehöhlt und enthält seitliche
Fugen, die in die Zapfen des unteren Teiles passen.
In stilistischer Hinsicht besteht die Bemalung, dem Charakter der
Umwickelungei» entsprechend, aus einfachen grösseren Querstreifen, auf denen
die den Toten und seine Reise ins Reich des Osiris betreffenden Szenen dar-
gestellt sind. Unter dem aufgemalten Halsschmuck breitet sich die geflügelte
Uräusschlange (Symbol der schnellen Macht über Leben und Tod), mitunter
auch die geflügelte Sonnenscheibe oder der Skarabäus, über die ganze Fläche
aus; dann folgen die Szenen : der Tote zwischen Anubis (Wächter der Toten-
städte, abgebildet mit dem Schakalkopf) und Horus (Licht- und Sonnengott,
abgebildet mit Sperberkopf), der die Taten abwägt; darunter die Szenen der
Libationen, Gebete und Opfergaben der Verwandten vor Osiris, dem Gott
der Unterwelt. Es folgen in Hieroglyphenschrift Stellen aus dem „Buch des
Wissens von der Unterwelt“ und zu den Füssen abermals geflügelte Symbole
oder die schakalköpfigen Anubisgestalten als Geleiter der Seelen auf dem
Wege ins Jenseits. Auf den dargestellten Szenen sind die leeren Stellen mit
„masse unter Zurücklassung der erwähnten Fäden, welche zu einer zitternden
„Gallerte, die zu einer hornartigen, durchsichtigen Haut eintrocknete, und bei Aul-
„lösung durch Alkohol und Gallusinfusion augenblicklich zerstört wurde. — Die auf-
„gequollenen Fäden trocknen in der Wärme wieder zusammen und verbrennen
„unter Geruch des Leims. Die Beschaffenheit des Leims und difeser Fäden machen
„es wahrscheinlich, dass die Alten denselben aus harten Häuten, z. B. aus Rhinozeros-
Pfeilen (?) bereitet haben.“
„In Beziehung auf die Kalkdecke der Sarkophage bin ich der Meinung, dass
„hiezu geschlämmte Kreide gedient habe. Denn die Grundierung zerfällt in kochendem
„Wasser und hinterlässt, bei Auflösung in Säuren, erdige Beimischung, die nicht
„durch Brennen in Mörtel-Ceraent umgewandelt gewesen sein konnte und die der
„Mischung der Muschelschalen abgeht.“
1. Periode.
14
Periode.
Hieroglyphen, dem, Namen des Toten, seiner Verwandten und anderen An-
deutungen über ihn bedeckt (s. Abbild. 3).
In den ältesten Perioden (von 2500 v. Ch.) bildet bereits eine weisse
Kreide- oder Gipsschichte die Unterlage, worauf alle Hieroglyphen und
figürlichen Darstellungen aufgeraalt sind. Diese Schicht mag aus irgend
einer Kreideart oder Gips mit Leim als Bindungsmittel bereitet worden sein.
Die Farben (gelb, rot, grün, blau und. schwarz) füllen die Konturen aus
oder sind mit dicken Strichen direkt aufgemalt, so dass der helle Kreide- oder
Gipsgrund den B''ond abgibt.
Pirnisüberzüge scheint man in der ältesten Zeit nicht angebracht zu
haben. Bei der doppelten Uinsargung und dem Einsenken in steinerne Sarko-
phage liegt hiefür kein zwingender Grund vor, weil die Trockenheit des
ägyptischen Klimas eine schädigende Einwirkung kaum befürchten liess. *)
Abbild. 3.
Gruppe von Mumiensärgen aus der Zeit von 121)0—1000 v. Ch. im Museum zu Bulak (Aegypten).
Ein charakteristisches Beispiel dieser ältesten Art der Mumiensargmalerei
ist der Sarg eines Mannes Namens Apaanchu, ca. 2400 v. Ohr. im Berliner
Museum (Nr. 10184, Sammlung Lepsius).
2. Zweite Periode der technischen Arbeitsführung beim
Ausschmücken der Mumiensärge.
Die äussere Form des Mumionsavges bleibt vorerst beibehalten; sie
ändert sich auch späterhin nur insofern, als die Form der menschlichen
Anders verhalten sich derartige Malereien, sobald sie in andere Klimate ge-
bracht werden. Hier gehen sie vielfach zu Grunde. So befindet sich im Berliner
ägyptischen Museum der erwähnte Sarg des Apaanchu, dessen innere Bemalung jetzt
zum grössten Teil zerstört ist, während zur Zeit der Ausgrabung die Malereien deutlich
genug waren, um eine detaillierte Abbildung davon zu machen, die ebenda aufgestellt
ist. Die berühmte Holzstatue des Dorfschulzen Per-her-nofret (ca. 2600 v. Ch.)
im gleichen Museum zeigt jetzt gar keine Bemalung und nur wenige Spuren des
weissen Untergrundes; zweifellos war auch sie ursprünglich ganz und gar bemalt.
— 15
Figur mehr als früher zur Erscheinung gebracht wird, z. B. dadurch, dass
auch die Hände über der Brust gekreuzt zum Vorschein kommen (Abbild. 3,
dritte Figur von links). Im Stil treten Wandlungen ein, indem die Dar-
stellungen figürlicher Art vorherrschend werden, während die hieroglyphischen
Texte mehr eingeschränkt sind. Durch die Ausbreitung der figürlichen
und ornamentalen Motive, insbesondere durch reichere Anbringung geflügelter
Symbole (Sonne, Uräus, Skarabäus) und selbst geflügelter Figuren (der
Göttinnen Mut und der zu Sais verehrten Neith, dargpstellt mit grüner
Gesichtsfarbe) wird die Oberfläche für die hieroglyphischen Texte immer
geringer. „Schliesslich begnügt man sich nur mit kurzen Auszügen aus
dem Totenbuch oder mit Figuren und Namen der 12 Tages- und Nacht-
stunden, durch welche der Gestorbene auf dem Sonnenschiff hindurch-
fährt.“ Gleichzeitig beginnt aber in der Ausführung der einzelnen Szenen
und Göttergestalten, die oft die ganze Fläche der inneren Sargdeckel schmücken,
eine gewisse Grazie der Linienführung und eine Leichtigkeit der Hand sich
bemerkbar zu machen, die auch heute noch unser Staunen erregen muss.
Das Hauptaugenmerk des ägyptischen Künstlers, ist auf die sichere Pinsel-
führung gerichtet, so dass oft mit einem Zuge, ohne abzusetzen, die Umriss-
linie ausgeführt ist.
Zu derart ausgebildeter Technik musste auch der Gru.nd genügend
glatt vorbereitet und das Bindemittel entsprechend leicht-
fliessend zugerichtet werden. Durch die Glättung des Grundes wurden
die Farben viel transparenter zur Geltung gebracht, umsomehr als auch die
Firnisüberzüge ein charakteristisches Merkmal dieser zweiten
Periode bilden.
Da in dieser Periode auch das Firnissen als Schlussarbeit Eingang fand,
ira Altertum aber nur die heisse Lösung von Harzen in fettem OeU'^) bekannt
war, und das Aufträgen des Firnisses nur in erwärmtem Zustande tunlich er-
scheint, musste als nächste Folge das System des Vergipsen s der Holz-
teile geändert werden; denn das heisse Oel bringt den Gips- oder Kreide-
grund allzuleicht zum Abspringen und Bröckeln. Wir sehen deshalb anfangs
nur auf grösseren Flächen, später aber allgemein das Unterlegen von Lein-
wand unter der Grundierung angewendet. Diese wichtige Neuerung
ist als das Merkmal der 2. Periode zu betrachten.
Die gewölbten Sargdeckel konnten jetzt weniger massiv gearbeitet
werden, auch Hessen kleinere Blöcke von Sykomorenholz sich aneinander-
fügen, ohne dass es auf der Malerei bemerkbar wurde. Das sogenannte Auf-
kaschieren der Leinwand hat für die Vorbereitung des Malgrundes die Mög-
lichkeit eines dickeren oder wiederholten Auftragens der weissen Kreide- oder
Gipsschioht zur Folge, mit darauffolgendem Abschleifen und gleichmässigem
Ebnen der Fläche mit Hilfe des Schabmessers oder mit Bimstein oder dergl.
Auf diese Grundierung folgte dann , wenn nötig , eine nochmalige Leimung,
liierauf die Aufzeichnung und Ausführung der feineren Details und das Aus-
füllen der Konturen mittels der Eiteraperafarbe in der üblichen Weise.
Die besten Beispiele dieser Periode stammen aus der 19. und 20. Dy-
nastie (1700 — 1050 V. Ch.). Die Farben sind lebhaft und leuchtend, gleich-
zeitig ist die gelbe Farbe vorherrschend, verursacht durch die goldfarbigen
Firnisse,, mit welchen die Malereien ganz oder teilweise überzogen sind.
(Vgl. die farbige Abbildung eines Originales Tafel- 1.)
3. Periode. Reicher Stil.
Als besondei’e Neuerung dieser Periode sind die zur Verstärkung des
Eindruckes angebrachten plastischen Verzierungen zu bezeichnen, die
'*) Einige Forscher, darunter auch John, sind der Ansicht, dass im Altertum
das Terpentinöl bekannt war. Diese Annahme beruht jedoch auf irriger Voraus-
setzung; denn das Terpentinöl ist ein Produkt der trockenen Destillation (von Ter-
pontinbalsamen) und diese Destiilationsart ist eine Errungenschaft arabischer Zeit,
3. Periode.
16
Periode.
von jetzt ab vielfach angewendet erscheinen und technisch als eine direkte
Folge der Gips- und Kreidegrundierung angesehen werden müssen. Solche
plastische Verzierungen dienen dazu, einzelne Hauptteile der Ausschmückung
besser hervortreten zu lassen; sie erscheinen beim ersten Anblick wie aus
dem Holz herausgearbeitet, sind aber bei näherer Untersuchung nichts anderes
als dick aufgelegte Schichten von Grundierungsmasse, ln allen grösseren
Museen finden sich derartig ausgezierte Mumienkästen (vermutlich noch
aus der 22. Dynastie, um 800 v. Ch. stammend), auch im Antiquarium
zu München sind zwei Exemplare gleicher Art aufbewahrt, denen das
in Abbild. 2 (2, Figur von unten) gegebene Detail nachgebildet ist.
Es ist von Interesse, an dem Original zu verfolgen, in welcher Reihen-
folge die Arbeit vor sich gegangen sein muss; an einigen schadhaften
Stellen ist dies leicht zu erkennen. Arbeitsfolge: 1. Auf den mit Leim
angemaohten weissen Gips- und Kreidegrund ist 2. eine gleichniässige Lage
von gelber (heller) Ockerfarbe aufgetragen. Darauf stehen 3. mit roter
Farbe (rotem Eisenoxyd) die Einteilungslinien nebst den Konturen der
Figuren und Hieroglyphen. Als 4. Arbeit wurden die hauptsächlich ins
Auge fallenden Ornamente und Figuren mit Gips erhöht, denn wo diese Gips-
erhöhung abgesprungen ist, zeigt sich darunter die gelbe Ockerfarbe , nebst
der roten Einteilung. Die Gipsornamente liessen sich folgendermassen leicht
machen : feiner Gips mit sehr wenig Kreide (Kreide allein ergab kein günstiges
Resultat) wird in Leimwasser angerieben und die Mischung in heissem Wasserbad
warm gehalten, damit die Masse nicht zu schnell erhärte; mit einem lang-
haarigen Pinsel wird auf die leicht benetzten Stellen, die erhöht werden sollen,
so viel Gips aufgetragen , als die Konsistenz des Breies gestattet. Selbst-
verständlich muss die zu behandelnde Holzfläche wagerecht liegen, und deshalb
nehmen diese erhöhten Gipsverzierungen nach den abgerundeten Seiten des
Mumiendeckels hin stetig ab. Die Fortsetzung der Arbeit bestand 5. in der
Bemalung der weissen Gipsmasse sowie aller übrigen Figuren u. s. w. mit der
blauen , roten , grünen und schwarzen Farbe. Zum Schluss folgte 6. der
Firnisüberzug.
Auf diese Weise wurden sehr reich dekorierte, mitunter sogar überladen
erscheinende Arbeiten ausgeführt.
In dem für die Geschichte der Maltechnik besonders lehrreichen und
reichhaltigen archäologischen Museum zu Florenz befindet sich ein überaus
schön verzierter Sarg, bei dem die zahlreichen reliefartigen Verzierungen
vergoldet waren, wodurch eine entzückende Wirkung erzielt ist.
Naturgemäss mussten auf Zeiten der Höhe auch wieder Zeiten des
Verfalles folgen. Sie verraten sich auf unserem Gebiete in mannigfachen
Uebertreibungen; die Ornamente werden unruhig, die Einteilung der einzelnen
Bilderreihen durch schräg nach aufwärts oder abwärts angeordnete geflügelte
Symbole verwirrt, die plastischen Erhöhungen durch gleiche Wiederholung
derselben Motive um ihre Wirkung gebracht, und in der Farbengebung tritt
mitunter Buntheit oder Monotonie ein.
4. Periode. Neuerungen in koloristischer Beziehung.
Wie lange sich die oben geschilderten Arten der Ausschmückung er-
halten haben, lässt sich schwer sagen. Sie mögen sich in einzelnen Städten
des Landes länger erhalten haben, in anderen aber wieder durch neuere
Methoden verdrängt worden sein. Die nun folgende Periode kennzeichnet
sich durch das Auftreten koloristischer Neuerungen, hauptsächlich durch die
Ausfüllung des Grundes mit roter, blauer oder grüner Farbe. Dadurch
erscheinen die Figuren hell auf dunklem Grund, während früher durch
die Ausfüllung der Umrisse mit Farben die umgekehrte Wirkung erzielt
wurde. Diese Neuerung kann als ein völliger Umsturz des früheren Systems
bezeichnet werden, da es der alt-nationalen Tradition ganz fremd ist. Es
liegt demnach die Vermutung nahe, dass sich hier aiisserägyptische Einflüsse,
17
etwa assyrische oder griechische, geltend gemacht haben müssen. Jedenfalls
war durch die vielfachen Kämpfe mit den assyrischen Königen und dem
schliesslichen Durchdringen der assyrischen Machthaber die Möglichkeit dazu
gegeben, umsomehr als dann endlich auch mit griechischer Hilfe Aegypten
von der Fremdherrschaft befreit wurde. (S. 4 Note 2.)
In Beziehung auf den Stil ist nach der obengenannten Neuerung keine
erhebliche Aenderung zu bemerken; aber es kommt eine grössere Ruhe in
die Komposition ; während früher die Figuren vereinzelt nebeneinander und
übereinander gestellt sind, treten sie jetzt wirkungsvoller in Erscheinung.
(S. die Figur auf Abbild. 2 oben.)
Jetzt werden auch hellfarbige Figuren oder Symbole direkt auf dunklen
Grund gemalt, und die schwarze Farbe, die bisher nur als Umrandung ge-
dient hatte, tritt in breiten Flächen, wieder mit hellgelben Hieroglyphen be-
deckt, als neues Glied in die Farbenkomposition ein.
Mit dem Einsetzen der koloristischen Epoche, wie ich sie nennep
möchte, kommen auch noch andere technische Erfahrungen zur Geltung, die
von ausserägyptischem Einfluss zeugen. Ebenso wie in der Wandmalerei die
technische Tradition durch griechische Handwerker neue Impulse bekam
(s. oben .S. 9), werden auch bei der Ausstattung der Mumiensärge und
anderer Holzgegenstände (Grabstelen, kleiner Kästchen u. a.) Verbesserungen
in der Grundierung, den Bindemitteln und der Firnisbereitung sehr bald Ein-
gang gefunden haben. Von jetzt ab werden die Farben intensiver, leuchtender
und die allgemeine Erscheinung der Malerei überhaupt glänzender. Man be-
gnügte sich nicht mit dem Glanz, den der Firnis der Malerei verleiht, sondern
man glättete die Malerei selbst.
Auf diesen Umstand wurde ich durch die auf Abbildung 2 (oberste
Figur) gegebene Kopie des Oberteils einer Votivtafel aus der Zeit von etwa
550 V. Ch. im Wiener Hofmuseum (Saal V, Kasten X, Nr. 68, Invent. Nr. 5073)
aufmerksam, welche in der äusseren Erscheinung einem geglätteten Steine
ähnlich war. Die Farben sind viel durchsichtiger und leuchtender, als auf
anderen Holzmalereien, so dass ich diese Wirkung anfangs dem vermeintlich
verwendeten Stein zuschrieb. Erst als der Kustos des Museums , Herr Dr.
Alex. Dedekind mit liebenswürdiger Zuvorkommenheit das Objekt aus der
Vitrine nahm, erkannte ich meinen Irrtum. Das etwa 6cm dicke Holzbrett
zeigte sich von allen Seiten mit einer kreidigen und glatten Schicht über-
zogen, auf welcher die Farben durchsichtig und wie lasiert erschienen.
Durch einschlägige Versuche kam ich darauf, dass die blosse Glättung der
Malerei einen starken Einfluss auf die Farbenwirkung auszuüben imstande
ist.. So lassen sich mit Eigelb oder dem ganzen Ei angeriebene Farben auf
entsprechender Unterlage von geleimtem Gips mit einem Glättstein aus
Achat, wie ihn unsere Vergolder benützen, mehrere Tage lang nach dem
Auftrag glätten , und noch leichter ist dies zu bewerkstelligen , wenn dem
Gipsgrund eine geringe Menge einer fettigen Substanz (z. B. Venetianer Seife
d. h. verseiftes Olivenöl oder etwas trocknendes Oel) beigegeben wird. Bei
den erwähnten Versuchen (Nr. 4 meiner Kollektion nach dem Original im
Wiener Hofmuseum) wurde der gleiche Effekt mit sog. punischem Wachs
erzielt, welches in ganz dünner Schicht auf den Gipsgrund aufgetragen
worden war. Bei neuerlicher Untersuchung dös Originales fand ich die Ober-
fläche mit einer weisslichen Ausschwitzung bedeckt, die nach Befeuchten mit
genässtem Finger verschwand, und dabei, wie sich herausstellte, alkalisch
reagierte.
Die gleiche Erscheinung zeigt eine ähnliche Stele (ebenda Nr. 63), und
demnach ist es nicht unwahrscheinlich, dass bei diesen Stücken ein durch
Alkali verseiftes Oel oder punisohes Wachs verwendet wurde.") In unserem
") Bezüglich des punischen Wachses sei auf den Abschnitt über „Ganosis“ ver-
wiesen. Vorläufig möge erwähnt sein, dass im Altertum zur Verseifung Pottasche,
i. c. kohlensaures Kali (Nitrum bei Plinius) verwendet wurde.
2
18
5; Periode.
feuchten Klima kommt das überschüssige Alkali dann auf der Oberfläche als
grauer Ueberzug zur Erscheinung; es schwitzt aus, wie wir sagen.
Noch auffallender machte sich ein ähnlicher Vorgang an einer mit Malerei
bedeckten Holzurne (im Besitze des Herrn Akademiedirektors v. Löfftz,
München) bemerkbar. Diese wurde nämlich in vollkommen intaktem Zu-
stand vom Maler Bauernfeind in Aegypten erworben; der bekannte
Orientmaler hielt sich auf der Heimreise noch mehrere Wochen an der Küste
von Palästina auf und bemerkte zu seinem Erstaunen, dass der anfangs ganz
trockene Ueberzug der Urne „ins Laufen“ kam und sich durch die Feuchtigkeit
der Luft erweichte ; dadurch hatte die Malerei natürlich arg gelitten, so dass
jetzt' einzelne Stellen ganz runzelig aussehen. In diesem Palle mag vielleicht
die allzureichliche Beigabe von Honig die Ursache gewesen sein; denn eine
Untersuchung des Bindemittels ergab keinerlei Zeichen von Anwesenheit einer
alkalischen Substanz.
5. Kaschierungen mittels Leinwand.
Als eine weitere Neuerung ist zu betrachten die allgemeinere An-
wendung von kaschierter Leinwand, die jetzt nicht mehr als Hilfsmittel
für den Holzuntergrund , sondern als selbständiges
Material zur Herstellung ganzer MümLensärge
oder zur Ausschmückung der im Inneren des Holz-
sarges und der mit Masken versehenen Mumien dient!
Anfänglich wurde wohl nur die Mumienmaske und der
Halsschmuck aus kaschierter und bemalter Leinwand
hergestellt, schliesslich ging man aber zur Fabrikation
des Sarges selbst über. Derartige Stücke bestehen
aus lauter aufeinandergeleimten Leinwandschichten,
deren oberste Lagen wieder mit Gips überzogen und
im übrigen genau so behandelt wurden, wie die aus
Holz gearbeiteten Särge. Ueber einer festen Unterlage
geschichtet, nehmen die in heissen Leim getränkten
Leinenstücke beim Trocknen die darzustellenden äusse-
ren Formen willig an, genau so wie auch heute noch
die Karnevalsmasken über der Holzforin gefertigt
werden.
Eine besonders schöne Variante dieser Art ist
in Nr. 5a meiner Kollektion nachgebildet (s. Abbild. 4).
Das Original (ein Teil eines Sargdeckels) ist aus lauter
aufeinandergeleimten Leinwandstücken gefertigt; gegen
10 Lagen von Leinwand bilden den vollkommenen
festen und harten Deckel. Die oberste Lage ist ver-
gipst, darauf eine zweite vergipste Leinwand mit aus-
geschnittenen Figuren und Ornamenten, als
ob das Ganze flach reliefiert wäre. Auf der
Oberfläche ist der glänzende gelbe Firnis bemerkens-
wert, welcher die Farben ungemein brillant erscheinen
lässt.
Kaschierte Masken wurden vielfach über die mit
Leinenstreifen umwickelte Mumie gestülpt und der
Hals- und Brustschmuck ebenso aus vergipster Lein-
wand gebildet oder ausgeschnitten. So entstand ein
einfacher, leicht herstellbarer Ersatz für die reichen
Perlenketten und Zierate der früheren Perioden. In
dieser Art findet man vielfach sehr zierlich ausgeführte
Kaschierungen, teils in Form des rund um den Hals gelegten Kragens, teils
in Form von mit den geflügelten Symbolen geschmückten Bändern oder von
Amuletten, auf denen wieder die auf die Wanderung der Seele zur Unterwelt
bezüglichen Szenen gemalt sind.
Teil eipes Mumiensarges aus
kaschierter Leinwand mit re-
liefartig ausgeschnittenen, ver-
gipsten Figuren. Etwa 700 v.
Ch. (Original in Privatbesitz).
19
Die bereits kurz erwähnte Vergoldung einzelner Teile der Aus-
zierung unterstützt auch bei dieser Art die zur reichen Erscheinung der
Kaschierungen angebrachten Ornamente und das figurale Beiwerk. Ja, selbst
grössere Partien, wie das ganze Gesicht und umfangreichere Teile des Brust-
schmuckes, finden sich mit Vergoldungen versehen. Derartige Vergoldungen
sind mit besonderer Sorgfalt hergestellt und erregen oft durch ihre ausser-
ordentlich gute Erhaltung den Zweifel, ob sie wirklich älteren Datums seien. ‘^)
Was nun die Technik der Vergoldung betrifft, so haben wir es hier
stets mit der sogenannten Glanzvergoldung zu tun, d. h. die feingeschlagenen
Goldblätter wurden zunächst mit einem Bindemittel (wie dünnes Leimwasser
oder Eiklar) befestigt, und die Oberfläche nach dem Trocknen mit einem glatten
geschliffenen Stein (Achat) oder geeignetem harten Gegenstand (Hunds- oder
Eberzahn) geglättet. Um diese Manipulation ausführen zu können, muss der
Untergrund noch eine gewisse weiche Konsistenz haben, also noch frisch genug
sein, oder aber durch geeignete Beigaben länger traktabel erhalten bleiben.
Die oben (S. 16) erwähnten vergoldeten plastischen Erhöhungen sind in
gleicher Weise ausgeführt, wobei aber eine Glättung noch nicht bemerkbar ist.
Die geglättete Vergoldung ist ein Merkmal der von Maspero als
„griechisch“ bezeichneten Periode (um 600 v. Ch.).
6. Realistische Periode der ägyptischen Malerei.
Im weiteren Verlaufe der Entwicklung spricht sich das Verlangen
nach grösserer Naturwahrheit iranier mehr aus. Diese Bewegung mag
von der Bildhauerei beeinflusst worden sein, die schon in früheren Perioden
deutliche Anläufe zum Realismus zeigte, ln plastischen Darstellungen ist die
ägyptische Kunst bekanntlich früher zur Reife gelangt als in der eigentlichen
Malerei, die im einmal festgestellten Schema zu ersticken drohte. Durch die
Plastik sehen wir die Malerei befruchtet, wenn z. B. ein Schnitzwerk bemalt
werden sollte, und .wie realistisch in dieser Art vorgegangen wurde, zeigt die
Abbildung 5 nach einem Mumiensargdeckel des Berliner Museums (etwa
1250—1150 V. Ch.). Je näher der hellenistischen Zeit (300 v. Ch.), desto
mehr verwarf man das althergebrachte Schema und begann ein der Wirk-
lichkeit näher kommendes Verfahren der Bemalung, vor allem des Kopfteiles
der Mumien; die Hautfarbe wird mehr charakterisiert, oft auf ganz dünner
Gipsschicht auf die Mumienhülle selbst aufgemalt , auch wird die Mumien-
umhüllung selbst mit Bemalung geschmückt, wobei man aber immer mehr die
alte Darstellungsart vernachlässigte. Während in früheren Perioden der Mu-
mienschmuck gesondert auf kaschierter Leinwand an der Mumie befestigt
wurde, ist jetzt eine Trennung nicht mehr im Gebrauch: Mumie und Mu-
mienschmuck sind miteinander vereinigt.
Zwei unter sich ähnliche Mumien dieser Art befinden sich im Albertinum
zu Dresden (aus Sakkhara stammend). In der überreichen Ausstattung er-
innern diese Bilder an byzantinische. ’®)
‘0 Maspero beschreibt einige vergoldete „Kartonnagen“ in seinem genannten
„Oiiide“ und setzt die Zeit ihrer Entstehung in die griechische Epoche (um 6Ö0 v. Chr.).
So Nr. 5604 (Epoque grecque); „Momie. La masque est revetue d’un or si brillant
que les visiteurs ont peine ä le croire ancien. La momie est celle de Peteharpokhrate,
fils de Psametik; eile est envelopp^e d’un cartonnage ä tond rouge, sur lequel est
peint en bleu l’imitation d’un rdseau de perles analogue ä celui de la momie thebaine
(Nr. 3967).“
Ein Beispiel von kaschiertem Mumiensclimuck wird in Nr. 1264 der gleichen
Zeit, ebenfalls aus Saqqarah stammend, beschrieben: „Teile stuquee et peint.
La momie, une fois revetue de ses bandelettes, recevait une certaine quantite d’orne-
ments en teile stuquee et peinte. C’etait gdperalement la reproduction des ornements
reels, qu’on devait ddposer avec eile, un collier, des figurines, des scarab5es, des
sandales. Le collier enteile tenait lieu du collier r5el (nomm4 Onöskh) et coutait
moins eher.“
‘0. Maspero, Guide Nr. 5613:
„Epoque byzantine (Saqqarah): Le corps est enferme dans une enveloppe en
teile et eh cuir cousu, dont les attaches sont mainlenues par des sceaux encore iii-
2*
6. Periode.
20
Die Malerei ist teraperaartig aufgemalt, wobei nur eine leichte Grundierung
der Leinwand bemerkbar ist. Gips ist nur zur Erhöhung der ungemein ab-
wechslungsreichen plastischen Zierate mit dem Pinsel aufgetragen und die
Vergoldung glänzend geglättet. Gleichzeitig mit dieser Form der Mumien-
umhüllung scheint aber immer noch die althergebrachte Kaschierung beibehalten
zu sein oder vielmehr sie hat ebenfalls die realistische Tendenz mitgemacht.
Bis zu welch’ hohem Grade der Vollendung schliesslich diese Kunst zu Beginn
unserer Zeitrechnung gelangte, beweist die hier nach dem Kataloge der ägypti-
Abbild. 5.
Geschnitzter, realistisch be-
malter innerer Deckel eines
Mumiensarges. Etwa 1250 —
lläü V. Ch. (XX. Dynastie).
Original im Berliner Museum.
Abbild. 6.
Realistisch kaschierte und
bemalte Muraienhülle einer
graeco-ägypt. Frau: Kopf
und Hals vergoldet. Um 2ÜU
n. Ch. Orig, im British Mu-
seum, London.
Abbild. 8.
Mumie des Artemidorus mit
feingefügtem Porträt. Um-
hüllung mit vergoldeten, aus
Stuck gebildeten Darstellun-
gen auf zinnoberrotem Grund.
Um 2Ü0 n. Ch. Orig, im Bri-
tish Museum, London.
sehen Abteilung des British Museum zu London gegebene Abbildung 6. Sie
gibt die Muraienhülle einer gräco- ägyptischen Frau in ganzer Figur mit
reichem Haarschmuck und vergoldeten Gesichts- und Halsteilen wieder. Das
tunikaartige Gewand, reich gefaltet gemalt, reicht bis zu den Knöcheln herab ;
von der Schulter fällt noch ein kürzerer Ueberwurf über die rechte Brust.
Arme und Hals ziert schwerer Goldschmuck. Die Realistik der durch-
scheinenden Körperforra, der anmutige Ausdruck des Gesichts lässt auf gute
tacts. Sur la face superieur est peinte ä la d^trampe la figure de la femme en-
sevelie. Le costume, la chaussure, les bijoux sont byzantines et fort analogues au
costume des mosaiques de Ravenne. Sur les genoux, ä la place oü 4taient autrefois
le nom de la defunt et la priöre ä Osiris, sont estampös des figures oü Fon r4connait
uu melange d’emblümes chrütiens et paiens, l’öpervier d'Horus, un toreau, des figures
nimbees etc.“ Nr. 5614. Mumie gleichen Stils.
21
Naturbeobachtung ebenso wie auf technische Vollendung bezüglich der Aus-
führung schliessen.
Bemerkenswert ist, dass die Kaschierungsraasse grossenteils aus mit
griechischen Schriftzeichen versehenen Papyrusstücken besteht.
Als besondere Form der Mumienmasken müssen die während der letzten
Zeiten des Heidentums, besonders im südlichen Aegypten, aufgekommenen
Terracottabüsten hier noch angereiht werden, welche man an Stelle der
Holz- oder kaschierten Maske an der Mumie befestigte.
Auch solche Terracottamasken (zumeist sind beide Hände noch mit
sichtbar) sind sehr geschickt mit der übrigen kaschierten Umhüllung vereinigt,
und alle Teile realistisch bemalt. An den Männerbüsten sind die Barthaare
sorgsam aufgemalt, bei Prauenbüsten die Gewandung in einfachen, mitunter
purpurfarbigen, Bändern geziert, auch die Bekränzungen in Purpurfarbe
scheinen auf besondere Vornehmheit der Toten hinzuweisen. (S. Originale im
Berliner Museum.)
Variante dieser Art; Die Gesichtsteile sind glänzend vergoldet, die Augen
aus geschliffenen Steinen eingesetzt.
Abbild. 7. MumienmaBke ans kaschierter, mit Stuck überzogener Leinwand; realmtisch bemalt.
Epoche der griechisch-römischen Kunstühung in Aegypten. Orig, im Wiener Hofmuseum.
Ganz ähnliche Masken, dem Stil nach vermutlich der gleichen Periode
angehörig, wurden auch ganz aus kaschierter Leinwand hergestellt, die oberste
Lage sehr dick mit Gipsmasse aufgetragen und nach der oben geschilderten
Manier realistisch bemalt. Die äussere Erscheinung weicht von den Terracotta-
masken wenig ab. Zwei Beispiele befinden sich in der ägyptischen Abteilung
des Wiener Hofmuseums (Nr. 6608 und 6609), eine männliche und eine
weibfiehe Maske; die letztere ist in Abbildung 7 gegeben.
7. Letzte Periode. Mumienporträts der hellenistischen Zeit.
Aber keine Neuerung war so epochemachend wie die Einfügung
wirklicher Porträtgemälde in die Wicklungen der Mumienumhüllung.
Da diese Porträtgemälde selbst gar keinen inneren Zusammenhang mit der boden-
ständigen ägyptischen Kunst zeigen, so ist es zweifellos importierte Kunst,
die uns in diesen Kunstleistungen entgegentritt. Es fehlt jedes Bindeglied
zwischen der auf den einfachsten Prinzipien beruhenden ägyptischen Kunst
(Ausfüllung der Umrisse mit Farben ohne Modellierung) und der in Auffassung
und Ausführung mitunter bewundernswerten Porträts dieser sogenannten
Terrakotta-
Masken.
Letzte Periode.
22
P arben.
Merimee Uber
die Farben der
altenAegypter.
hellenistischen Periode. Denn die ägyptische Malerei blieb selbst in
ihren besten Beispielen nichts anderes als Plächenkunst ; hier tritt mit einem-
male völlig ausgebildete Raumkunst auf, die mit den Gesetzen der Modellierung,
des Helldunkels , des Kolorits durchaus vertraut ist , und obendrein in einer
ganz neuen Technik, nämlich der enkaustischen , derselben, von der
uns griechische und römische Schriftquellen berichten.
In der äusseren Ausschmückung der Mumien bilden diese Porträts die
letzten Reste der Bemalung früherer Epochen , denn die Mumie ist nur in
Bänder eingeschnürt. Aber es finden sich auch Beispiele gemischter Art.
Die Mumienhülle ist mit plastischen Zieraten reich bedeckt, bemalt und ver-
goldet, und an der Stelle des Kopfes findet sich das gemalte Porträt ein-
gelassen. Besonders schön und prunkvoll ist eine im British Museum be-
wahrte Mumie des Artemidorus (Abbildung 8 nach Tafel XXII des Guide
of the I and II .Egyptisch Rooms p. 78). Die vergipste Leinwand ist sehr
dick mit Plastik verziert und vergoldet , die Zwischenräume sind mit Zinn-
ober bemalt.
Neben dieser enkaustischen Technik sind noch Temperaarten verschiedener
Zusammensetzung von griechischen Künstlern nach Aegypten gebracht worden,
so dass die in ägyptischen Nekropolen gefundenen Mumienporträts ein Museum
für die Geschichte der griechisch-römischen Maltechnik bilden, wie es Griechen-
land selbst uns kaum besser hätte hinterlassen können. In dem Abschnitt
„Enkaustik“ wird über die einzelnen Entwicklungsstadien dieser Malweise ein-
gehender zu handeln sein.
3. Farben der Aegypter.
Wenn man sich den immensen Verbrauch von Farbstoffen vergegen-
wärtigt, die von den alten Aegyptern zur Verzierung aller ihrer religiösen und
privaten Bauten und Gegenstände benötigt wurden, so ist man dennoch über-
rascht, dass sie sich, sowohl während des zweiten Reiches der Pharaonen
und unter den Lagiden . wie in der ersten Periode der ägyptischen Zivili-
sation, mit nur wenigen Farben begnügten. Der Grund hiefür mag in dem
Umstande zu suchen sein, dass alle Farben für die Aegypter eine symbolische
Bedeutung hatten, und deshalb deren Anwendung für religiöse Zwecke des
Totenkultus von vornherein ein für allemal vorgeschrieben war. Aber auch
vom rein materiellen Standpunkt aus betrachtet, war der Umfang des Farben'-\
materiales besonders für Wanddekorationen beschränkt, weil auf den mit Kalk-
tünche überzogenen Steinwänden (man bedeckte schon in den ältesten Zeiten
die porösen Sandsteine mit Kalkmörtel, um einen geeigneten Untergrund für
Malerei zu schaffen) nur mineralische Farben anwendbar waren. Ebenso-
waren die Reliefs und andere skulpierte Dinge, wie Kapitäle, Säulen, mit
einem solchen Ueberzug versehen, der bezweckte, die weiteren farbigen Aus-
schmückungen zu erleichtern. Die Palette der alten Aegypter ist demnach
sehr gering: Rot, Blau, Gelb, Weiss und Schwarz sind die Hauptfarben.
Grün ist, wenigstens im alten Reich, seltner verwendet worden. In den
Zeiten der Pharaonen besteht für Rot, Blau und Gelb entschiedene Vorliebe,
während auf Bas-reliefs der ptolemäischen Zeit wieder Blau und Grün vor-
herrschend sind.
Nach den Untersuchungen, die Merimee über die Farben der alten
Aegypter im Anhang des Catalogue raisonnö et historique der Sammlung
'^) Maspero beschreibt eine ähnliche Mumie der griechisch-römischen Epoche
unter Nr. 5607 des „Guide“: (Ep. greco-romaiue.) „Cercueil de la dame Terbosti, Alle
de Tattiosiri. Couvercle plat. Type de momie assez rare: Elle est doree des pieds
k la töte; au lieu du masque , eile avait, comme les momies de la famille de Soter
au Louvre, une plaque en bois mince, sur laquelle etait peint ä rencaust ique le portrait
de l’enfant. La main gauche ramenöe sur la poitriue tient une figure d’oiseau, pro-
bablement un moineau familier qui avait apparteuu au petit mort.
23
Passalacqua (Paris 1826, p. 258 u. f.) veröffentlicht hat, sind hauptsächlich
die folgenden im Gebrauch gewesen:
„1. Gelb. Davon sind zwei Arten zu unterscheiden; erstlich ein sehr
häufig angewandtes Gelb, das nichts anderes ist als heller gelber Ocker, wie
er in eisenreichen Gegenden reichlich gefunden wird; zweitens ein leuchtenderes
Gelb, das Sohwefelarsenik (Auripigment) zu sein scheint. Diese Farbe kann
künstlich erzeugt werden, findet sich aber auch in der Natur als Mineral.
Dies Urteil gründet sich nur auf die äussere Erscheinung, und es ist nicht
ausgeschlossen, dass diese gelbe Farbe eine dem Neapelgelb ähnlich bereitete
Glasfritte sein kann, deren Herstellung den alten Aegyptern bekannt war.“
„2. Rot. Das auf den Malereien angebrachte Rot ist (wenigstens zum
weitaus grössten Teil) roter Ocker, den die Natur in grossen Mengen liefert,
oder der durch Brennen des gelben Ockers erhältlich ist. Das Stück roter Farbe
(Nr. 562 der Kollektion Passalacqua) ist roter Ocker von weniger schöner
Färbung als das Englischrot oder der rote Ocker des Handels. Auch be-
richtet Vitruv, dass aus Aegypten sehr schöner roter Ocker bezogen wurde.
Dass auch Zinnober angewendet wurde, ist nicht unmöglich, da diese Farbe
in Indien seit den ältesten Zeiten bekannt war und die Aegypter auf dem
Handelswege sich solchen beschaffen konnten. Zinnober ändert sich an der
Luft und scheint dann nicht lebhafter als roter Ocker; deshalb würdö nur
eine chemische Analyse das Vorhandensein beweisen können.“
„3. Blau. Dieses Blau, wovon eine ziemliche Menge in pulverisiertem
Zustande vorhanden war (Kollekt. Nr. 561), ist so leuchtend wie. Ultramarin
und ist eine bemerkenswerte Probe der altägyptischeii Industrie. Es ist eine
Art von Aschenblau (oendre bleu, künstl. Bergblau), das den jetzt erzeugten
weit überlegen ist, da diese durch Feuer, Säuren und Alkalien angegriffen
werden und auch an der Luft veränderlich sind, während das ägyptische Blau
allen diesen Reagentien widersteht und seine Farbe nach mehr als drei Jahr-
tausenden erhalten hat.“
„Theophrast schreibt die Entdeckung dieser blauen Farbe einem ägypti-
schen Könige zu und erwähnt, dass sie in Alexandria hergestellt wurde.
Vitruv berichtet,, dass VestoriuS die Bereitungsweise nach Italien brachte und
dass das Blau in Pozzuoli bereitet wurde , indem man gestossenen Sand,
Kupferfeile und Lauge (flos nitri), d. h. Natron oder kohlensaures Kali, zu-
sammenmischte und in Kugelform dem Töpferfeuer aussetzte. (Vitr. VII, 11, 1.)“
„Davy, welcher die Farben alter Malereien in Italien mit grosser Sorgfalt
untersuchte, versichert ein ähnliches Blau erhalten zu haben, indem er 15 Teile
kohlensaures Natron, 20 Teile pulverisierte Kieselerde und 3 Teile Kupferfeile
zwei Stunden lang sehr stark erhitzte (d. h. glühte).“
„Die Aegypter erzeugten sehr viel Schmuck aus Lapis lazuli; sie mussten
demnach wissen, dass dieser Stein, zu Pulver gerieben, eine schöne blaue
Farbe gibt; vermutlich wurde diese Farbe von einzelnen Malern gebraucht;
aber da das Material zu kostbar ist, um allgemein angewendet zu werden,
mag man davon abgesehen haben, umsomehr als man reichlich mit einem
ähnlich brillanten Blau versorgt war.“
„Nicht so sicher ist es, ob sie Indigo anwendeten; die Aegypter kannten
ihn wohl, da sie ihn in der Färberei gebrauchten; so werden sie ihn auch
zur Malerei benützt haben.“
„4. Grün. Man findet kein brillantes Grün, alle sind olivgrün.“ An-
fänglich glaubte Mörimöe, dass dieses Grün durch eine Art von grüner Erde,
wie Veroneser Grün, das die alten Italiener und noch zu unserer Zeit Maler
verwenden, hervorgebracht sei; aber bei Untersuchung mittelst des Lötrohrs
und durch Lösung in Salpetersäure erkannte man Kupfer als färbendes
Element. „Es war auch kein Gemenge von Lichtocker und Alexandrinisch-
Blau, denn dieses Blau wird durch Säure durchaus nicht angegriffen.“
„5. Weiss. Die Erhaltung der weissen Farbe auf ägyptischen Malereien
ist sehr bemerkenswert; jedenfalls muss dieser Umstand mein noch dem
Klima und den getroffenen Massnahmen zur Vermeidung der Veränderungen,
24
Aegypt.
Malerfarben
nach John.
als dem verwendeten Material zugeschrieben werden. Man versichert, dass
die Masse Gips ist, und die chemische Analyse hat dies bestätigt. So bleibt
demnach nur zu untersuchen übrig, ob der Gips ohne Beimischung eines
Bindemittels angewendet wurde ; dies ist wohl möglich, aber hat das missliche,
dass man nur eine kleine Menge anmischen und in kürzester Zeit verwenden
müsste. Es ist deshalb anzunehmen, dass man schon gelöschten Gips mit
einer leimartigen Masse angerührt verwendete.“
„6. Schw arz und Braun. Der bläuliche Ton dieses Schwarz zeigt, dass
es Kohlschwarz ist. Was die Braun betrifft, so könnte man sie durch Mischung
von Schwarz und rotem Ocker erzielt haben. Auch in Aegypten gibt es viele
natürliche braune Farben; aber es wäre von geringer Bedeutung zu wissen,
ob es bituminöse Erden oder Mischfarben sind.“^®)
Als Malerfarben , deren sich die alten Aegypter bedient haben, be-
zeichnet John^^) die folgenden, welche er an von Minutoli mitgebrachten Ge-
genständen untersuchte.
„I. Grün. Die Farbe hält das Mittel zwischen Laubgrün und Berggrün
und befindet sich auf der Mörtelmasse aus den Katakomben von Theben.
Sie brennt sich unter Entwickelung eines tierischen Geruches vor dem Löt-
rohre schwarz, dann blau. In Säulen und Ammonium verschwindet das Grün
ebenfalls und die Farbe bleibt blau zurück, welche mit Borax eine blaue
Kupferperle gibt. Durch Schmelzen der Farbe mit Salpeter erhält man eine
braune Masse, welche, mit Salzsäure aufgelöst, durch Ammonium blau ge-
färbt wird, und die ammoniakalische Flüssigkeit gibt, nach vorangegangener
Neutralisation mit Salzsäure, mittelst blausauren Eisenkalis einen kupferroten
Niederschlag. Die Farbe ist folglich durch Vermischung eines gelben Farben-
pigments und eines Kupferblau erzeugt und mit Leimwasser aufgetragen
worden.“
„II. Bläulichgrün. Die Farbe ist matt und wegen eines graulichen
Hauches nicht lebhaft. Die Farbe stammt von den kleinen hölzernen Hüllen
der Kindermumien, und es erscheinen besonders die Holzfiguren aus Memphis,
welche um die Mumien gestellt wurden, mit dieser Farbe. Die grüne Farbe
erscheint mir an den der Luft ausgesetzten Stellen grün, beim Abkratzen mit
dem Messer zeigt sie sich blau. Dieses Grün ist Kupferblau, welches durch
den Zahn der Zeit in Blaugrün umgewandelt ist.“
„III. Hell-Lazurblau aus den grossen Denkmälern und Tempeln bei
Theben, welches von Minutoli durch Abkratzen von den Wänden gewonnen,
scheint wie helle Smalte und ist, wie sich aus der Untersuchung ergibt, eine
Art Glasfritte, hauptsächlich aus Kupferoxyd, Kieselerde und Natrum, und
dieses dient als Bestätigung der Meinung, dass das alexandrinische Blau nicht
mit Kobalt, sondern mit Kupfer mittelst jener Bestandteile u. s. w. be-
reitet worden sei.“
Ausser Gips sind jedenfalls auch Kreiden oder zu Pulver gestossener Muschel-
kalk verwendet worden. Die weisse Farbe ist in den weitaus meisten Fällen nur
als Grundierung, selten als Mischfarbe gebraucht. Minutoli kritisiert in seinem
Essay „Ueber die Pigmente und die Maltechnik der Alten, insbesondere über die der
alten Aegypter“ Merimöes Aufstellungen als nicht erschöpfend und fügt hinzu; ,,Eine
genaue Analyse dieser weissen Farbe dürfte für den Künstler und den Archäologen
um so willkommener gewesen sein, als die Griechen und Römer bereits mehrere
Arten von natürlichem und künstlichem Weiss kannten und die alten Aegypter ijir
Parätonium hatten, das beim Orte gleichen Namens gefunden ward.“ Minutoli
zieht hier die Griechen und Römer heran, er vergisst aber, dass die in Frage kommen-
den Pigmente aus einer Zeit stammen, die viel älter ist als die Kultur der Griechen
und Römer.
Hiezu bemerkt Minutoli ganz richtig, dass diese schwarzen Pigmente,
die Merim4e der Analyse nicht unterwarf, ebensogut aus harzigem Russ oder aus
anderen vegetabilischen und tierischen Stoffen erzeugt sein können.
Chemische Analysen altägyptischer Farben von Prof. John,
nebst Zusätzen und einem Vorwort von Minutoli (S. 330 s. Reisewerkes).
25
„IV. Dunkel-Lazurblau von einer kleinen Kinderfigur aus Memphis.
Diese Farbe ist beinahe schwarz und besteht aus denselben Bestandteilen
wie die vorige.“
„V. Bergblau von einer irdenen Figur, bei welcher die Farbe oben
auflag, sich leicht abkratzen liess und daher nicht mit eingebrannt war, ist
Kupferoxyd mit geringer Beimischung von Eisen.“
„VI. Braun vom Gesicht der auf einen Mumiendeckel gemalten mensch-
lichen Figur. Die Farbe bildet eine wirkliche dünne Rinde, die sich ablösen
lässt und hat auf der unteren Fläche, wie mitten in der Masse dieselbe Nuance.
Vor dem Lötrohr entwickelt sich tierischer Geruch; die Beimischung von
Grau löst sich dann brausend in Salzsäure etc. Folglich hat zu dieser Ge-
sichtsfarbe braunes Eisenoxyd, mit dem zur Nachahmung des den Aegyptern
eigenen braunen Teints nötigen Kreidezusatz vermengt, gedient, welcher durch
Leimwasser bindend gemacht ist.“
„VII, Ziegelrot der Freskomalerei aus den Katakomben Oberägyptens.“
Diese Analyse ist abgedruckt im Abschnitt „Wandmalerei“ (S. 8).
„VIII. Braunrot von einer hölzernen Kinderfigur aus Theben. Die stark
ins Mordoreaurot gehende Farbe ist auf weissem Grunde mit Leim aufgetragen,
und erhellet aus der Untersuchung, dass auch diese Nüance wahres
Eisenoxyd sei.“
„IX. Gelb von einem Kasten aus Theben und Abydos. Die Farbe ist
sehr rein, lebhaft schwefelgelb und kommt auch auf anderen Malereien, z. B.
auf den kleinen Kästchen, die wahrscheinlich die Eingeweide der Mumien ent-
halten, vor. Die Farbe ist sehr dünn auf Kalkmasse aufgetragen und ist das
Pigment aus dem Pflanzenreiche von der Natur unseres Schüttgölb, von welchem
es sich wenig oder gar nicht unterscheidet.“
„X. Gelbe Maske aus den Katakomben Oberägyptens. Diese Maske
hat die grösste Aehnlichkeit mit den unsrigen. Auf grober grauer Leinwand
ist eine weisse Masse aufgetragen, welche mit einer schwefelgelben Farbe an-
gestrichen ist. Auch 9-uf der inneren Fläche ist die Maske mit eben derselben
Masse überzogen, (Folgt die detaillierte chemische Untersuchung.) Wir lernen
dadurch die Art und Weise kennen, wie die Alten ihre Masken angefertigt
haben. Auf grober Leinwand trugen sie durch gelindes Brennen in äusserst
zarten Staub verwandelten Muschelkalk (wenn sie nicht etwa geschabte und
geschlämmte Kreide anwendeten), mittelst Leimwasser bindend gemacht, auf;
diesen Grund überzogen sie darauf mit einem äusserst dünnen, unsichtbaren
Gipsanstrich und letzteren bemalten sie mit gelber, wie es scheint, Pflanzen-
farbe welche ebenfalls mit Leimwasser aufgetragen wurde. Auf der inneren
Fläche der Maske ist ebenfalls ein dünner Kreideanstrich aufgetragen, und
man bemerkt hier an einigen Stellen zwischen diesem Anstrich und der Lein-
wand noch eine Lehmbedeckung.“
Schliesslich sei auch noch auf die chemischen Analysen altägyptischer
Farben von Geiger hingewiesen, die auf ein Fragment von Wandmalerei
aus dem von Belzoni entdeckten Grabe zu Biban-el-Moluk Bezug haben und
im vorigen Abschnitt (S. 8) mitgeteilt sind.
Von Analysen altägyptischer Farben ist hier noch anzureihen die Unter-
suchung von Baillif (Catalogue raiscnnö von Bassalacqua p. 242), der in
zwei Fällen Kupfer als färbende Substanz des ägyptischen Blau fand;
und zwar erstens bei Untersuchung der blauen Farbe von der Palette mit
den 7 Farben der Sammlung Passalaoqua (jetzt im Berliner Museum), und
zweitens bei Untersuchung eines kleinen Stückchens blaugrüner Farbe, die
vom Bug des ägyptischen Schiffes (Totenschiff) sich abgelöst hatte.
Prisse d’Avennes spricht von chemischen Analysen, die Girardin und
Haaxmann im Jahre 1839 an altägyptischen Farben im Museum zu Leyden
anstellten; deren Resultate sind mir jedoch nicht zugänglich.
In neuerer Zeit sind 6 Farben, die Flinders Petrie in einem Grabe von
Hawara, und zwar in nicht angemachtem Zustande, gefunden hat (jetzt im
British Museum), von Dr. Russell untersucht worden.
Analysen von
Geiger und
Baillif.
Farben eines
Grabes von
Hawara.
26
Firnis.
Es sind die folgenden :
1. Dunkelrot, war Eisenoxyd mit ein wenig Sand vermischt, wie gute
gebrannte Sienaerde ;
2. Gelb, Ocker, ebenfalls Eisenoxydfarbe mit wenig Alaunerde; wurde
durch Erhitzung dunkel-rotbraun;
3. Weiss, schwefelsaurer Kalk (Gips) in Form eines amorphen Pulvers ;
4. Rot (Lack), organische Farbe in einem Medium von schwefelsaurera
Kalk;
5. Blau, durch Kupfer gefärbtes Glas;
6. Rot, Mennig oder Bleioxyd, wahrscheinlich mit Alaunerde gemischt.
(Vgl. Petrie, Hawara, Biahmu and Arsinoe, London 1889, p. 11.)
Die altägyptischen Farben bestanden nach den obigen Ausführungen
aus natürlichen und aus künstlich hergestellten. Die natürlichen waren; Weisse
Kreiden, Gips, Ocker (gelber u. roter), Zinnober, vielleicht auch natürliches
Braun (Umbrabraun) ; künstlich erzeugt waren Blau durch Herstellung
der blauen Glasfritte, ein Pflanzengelb (Extrakt von Gelbbeeren), Braun
aus Sepia, Schwarz aus Russschwarz. In späterer Zeit wurden auch die
kostbaren Purpur bekannt, ebenso auch andere künstliche Farben griechischer
und römischer F’abrikafion.
Was das Violett betrifft, so behauptet Champollion (Lettres d’Egypte et
de Nubie p. 130), dass eine solche Farbe im Altertum keine Bedeutung
gehabt habe. Wo man sie ausnahmsweise antreffe, z. B. auf Basreliefs,
bedeute dies nur, dass der heute violett erscheinende Teil früher vergoldet
war. Dieser Ton komme, sagt er, von der Beize oder Mixtion her, die auf
die . zu vergoldenden Stellen der Bilder aufgetragen wurde.
Dass diese Ansicht den tatsächlichen Umständen nicht entspricht, braucht
wohl kaum besonders bemerkt zu werden. Im Altertum wurde Violett d. h.
Pürpurviolett viel zu sehr geschätzt, als dass man es zur Unterlage oder
Beize (!) verwendet hätte. Die Beize für Gold bestand vielmehr aus Eiklar
oder Leim, nach Befinden mit rotem Ocker vermischt.
Firnis. Der auf Mumienhüllen sichtbare Firnis erscheint jetzt sehr gelb,
jedenfalls gelber als zur Zeit des Auftrages; denn alle Harze und fetten Körper
vergilben mit der Zeit, und das um so merklicher und schneller, wenn sie an
dunklen Plätzen aufbewahrt werden. Mitunter sieht man solche Firnisaufträge
sehr dick oder auch ungleichmässig geraten, was auf eine dickflüssige Kon-
sistenz derselben schliessen lässt, und ofi erscheinen sie in entschieden
goldgelbem Ton. Es hat deshalb den Anschein, als ob hiezu schon an sich
gelbe Harzsorten, wie es die orientalischen Gummi-Harze vielfach sind, gedient
haben. So etwa Gummi Galbanum, Storax, Aloeharz und ähnliche. Nebst
flüssigen Balsamen und anderen natürlichen Harzen dienten diese Firnisse als
Ueberzug. Wenig wahrscheinlich ist es, dass die alten Aegypter auf die
Farblosigkeit des Firnisses ihr Hauptaugenmerk gerichtet hätten, denn
ihre Malerei war keine Naturnachahmung, sondern einfach angewandte Flächen-
dekoration; der goldgelbe Firnis war mithin von vornherein bezweckt.
Merimöe (a. a. 0. p. 262) vermutet, dass die Perser schon frühzeitig
die Lösbarkeit der Harze io Naphtha kannten und dass diese Erfindung durch
sie nach Aegypten gelangt sein könne. Wahrscheinlicher ist es, dass sie
Harze und Balsame in Oelen auflösten, wie es auch Plinius von allen Harzen
erwähnt (XIV, 25: Resina omnis dissolvitur oleo). Prisse d’Avennes glaubt
sogar, dass die ägyptischen Maler transparente und ungefärbte Firnisse ihren
Farben beimischten, wie es in späterer Zeit die Griechen (Byzantiner)
taten. Mit Hilfe dieses Firnisses führten sie Lasuren aus, z. B. am Grabe
des Ai'chesi auf dem königlichen Palankin eine blaue Lasur über gelbem
Grund, wobei die Figuren ausgespart sind (p. 291).
Im Wiener Hofmuseum (Saal IV, Fensterschrank VI) befindet sich ein
kleines Stück Malerei auf Sykomorenholz , das auffallenden Glanz zeigt,
vermutlich aus spätägyptischer Zeit stammend. Die dargestellte Figur (mit
den typischen geflügelten Armen) ist in dicker Schicht erhöht und erstlich
27
mit glänzender gelber Farbe bemalt, darauf stehen rote Konturen und darauf
Hellgrün sowie Blau von so konsistenter Erscheinung, dass man dies tat-
sächlich für Pirnisfarbe halten könnte.
Friss e (a. a. 0.) bemerkt, dass viele Mumienmasken auf Holz oder
Kartonnage in enkaustischer Art (mit Wachs in Naphtha gelöst) bemalt worden
seien, aber der Zeitpunkt, von wo ab dies der Fall war, sei unentschieden.
Malgeräte. Es bleibt noch die Frage zu erörtern, welche Art von
Malgerätschaften die Aegypter bei ihrer Malerei benützten. Dass sie ihre
Farben in verschiedener W eise gebrauchten, lässt sich aus einigen erhaltenen
Wandmalereien schliessen, die den Maler bei der Arbeit darstellen. Auf
einer solchen sehen wir die Maler beschäftigt, eine Statue und einen Altar,
vermutlich mit Hieroglyphen, zu verzieren. In der rechten Hand hält der
Maler den stilartigen Pinsel, in der linken ein Parbenbehältnis oblonger Form ;
wie es scheint, ist damit eine der unten beschriebenen Holz-Paletten gemeint,
die hier ohne V'erkürzung dargestellt ist. Auf einem anderen Bilde sind
mehrere Maler bei der Arbeit, wobei der eine ein Gefäss in der linken
Hand hält, in dem sich offenbar eine Flüssigkeit befindet. Derartige Töpfchen
finden sich, noch mit Farben gefüllt, in manchen Museen, z. B. im Wiener
Museum aus Steingut, desgleichen im British Museum. Im Berliner Museum
(Nr. 4700 Sammlung Passalacqua) ist ein Farbenkasten mit 6 Töpfchen (grün,
braun und schwarz noch deutlich erkennbar) aufbewahrt.
Abbild. 9. Aegypt. Schreib- und Malgeräte. Orig, im Berliner Museum.
Obsehon die Erfindung des Pinsels so nahe liegt, dass sie den Aegyptern
wohl kaum hat entgehen können, so hat Passalacqua doch keinen solchen
gefunden. Bei dem Schreibzeug mit zwei Farben (rot und schwarz) waren
zwei kleine Stiele von der Grösse einer Rabenfeder; die Palette (Nr. 551 der
Sammlung Passalacqua) mit den 7 Vertiefungen für ebensoviele Farben war
auch mit sieben den obigen ähnlichen Stielen versehen. Passalacqua hielt
sie für Federn oder Pinsel zum Schreiben und Malen. „Anfänglich, sagt
Merinree, „schien mir diese Voraussetzung nicht zulässig und zur Probe
schnitt ich eine dieser kleinen Stiele an der Spitze ab, tauchte das Ende in
Wasser, ohne davon überzeugt zu sein, dass man mit einem derartigen In-
strument Striche von der Art, wie man sie auf Mumienhüllen sieht, machen
könnte. Solche Striche scheinen schnell gezogen, sie sind völlig oder dünn, je
nachdem der Strich mit geringem oder stärkerem Druck geführt ist. Zu meiner
grcssen Ueberraschung bildete der kleine Stiel, der mir wie eine Art Binse
erschien , durch die Teilung seiner Fasern einen Pinsel. Dieser Pinsel hatte
nicht die Elastizität der unseren, aber es war zu bedenken, dass durch die
Länge der Zeit gar viel von seiner ursprünglichen Kraft verloren gegangen
sein musste. Sache der Naturforscher wäre es, unter den in Aegypten
Malgeräte.
28
wachsenden Binsenarten eine herauszufinden, deren kleine faserige Stengel
sich zum Pinselgebrauch eignen würden.“
Zum Bemalen von Papyrus oder zum Aufzeichnen der Konturen von
Hieroglyphen mögen derartige Binsen wohl getaugt haben; und die genannten
Geräte sind wahrscheinlich auch vielmehr Schreib- als Malgeräte gewesen. Für
die Bemalung von Flächen, für Grundierungen, zur Wandmalerei in grösserer
Ausdehnung werden wohl auch wie heute Pinsel mit Borsten oder Tierhaaren
erzeugt worden sein.
Die hier (Abbild. 9) vorgeführten Malgeräte des Berliner Museums zeigen
die Anordnung der Farben und den Raum zum Aufbewahren der Binsenstiele.
Das kleinere Schreibgerät enthält nur die zwei Farben rot und schwarz. Das
obengenannte grössere, aus der Sammlung Passalacqua stammend, hat ähn-
liche Anordnung : die Räume für die Farben sind vertieft und die freibleibenden
Flächen sind reich mit eingeschnitzten Hieroglyphen geziert. Die Reihenfolge
der Farben von oben nach unten ist: 1. weiss, 2. gelb, 3. (nicht erkennbar),
4. blau, 5. rot, 6. und 7. schwarz. Allem Anschein nach ist dieses Gerät
nicht für den Gebrauch bestimmt gewesen, sondern zum Zeichen der Ehrung
dem Toten beigegeben worden.
* 4
29
II. Die Maltechnik im alten Assyrien, Persien und Ostasien.^®)
Von Herodot (I, 98) wird uns überliefert, dass die Meder eine Königs-
burg mit sieben Ringmauern gebaut haben , und dass die Zinnen dieser
Ringmauern verschieden gefärbt waren, die der ersten weiss, der zweiten
schwarz, der dritten purpurn, der vierten blau, der fünften orangerot; die
der vorletzten waren versilbert, die der letzten innersten vergoldet.
An diese offenbar symbolische Anordnung^®) wurden Layard und Place
bei den Ausgrabungen zu Khorsab'ad erinnert, da sie vier noch erhaltene
Stockwerke an einer Tempelruine , welche Place das „Observatorium“
nennt, mit verschiedenen Farben bemalt fanden. Die Stockwerke hatten die
gleiche Höhe von etwa 6 Metern , und wie man während der Ausgrabung
noch bemerken konnte, war das erste Stockwerk weiss , das zweite schwarz,
das dritte rot, das vierte weiss angestrichen. Wie vermutet wird, war dieser
Turm ebenso sieben Stockwerke hoch und werden die Färbungen der obigen
Reihenfolge entsprochen haben (das Weiss des vierten Stockwerkes als ver-
blasstes Blau gerechnet). Wenn man sich diesen „Turm mit sieben Stock-
werken, diesen Tempel der sieben irdischen Leuchter“, dessen Wiederherstellung
in grösster Pracht sich Nobuchodonosor rühmte, vorstellen will, so kann
es nur in der Weise geschehen, dass man die Farben wie bunte Bänder von
gleicher Höhe und in der symbolischen Reihenfolge der Färbung übereinander
angebracht sein lässt. Nach der Meinung der genannten Forscher wären
auf dem die Ziegeln bedeckenden Stuck diese Farben und Ornamente
durch Sonne und Regen mit der Zeit unscheinbar geworden und nach Bedarf
wiederholt erneuert worden, Aber auch im Innern verlangte die Ausstattung
die malerische Hebung der Architektur durch Farben , die wahrscheinlich ä
tempera aufgetragen wurden; sie haben sich leider nur in geringen Resten er-
halten. Im Verlaufe der Ausgrabungen fand Place vielfache Spuren dieser
„Fresken“ , und hauptsächlich in Räumen, deren untere Mauerflächen mit
Basreliefs geschmückt waren (Layard, Nineveh I p. 136; Place, Nineveh II
p. 80-81). Aber die Farben, die bei der Aufdeckung der Stuckteile noch
sehr lebhaft erschienen, verblassten an der freien Luft sehr bald und die Stücke
zerfielen zu Staub. Nur mit grösster Mühe gelang es Place einige dieser Ma-
lereien in den Stand zu bringen, um sie zu kopieren. Nach den Beispielen, f/a^rischlr
die er gibt, wechselten menschliche Figuren mit reinen Ornamenten, wie Bän- Wandmalerei,
dem, Palmetten und Rosetten. Die verwendeten Farben waren schwarz, grün,
rot und gelb; der weisse Grund, auf den die Farben gesetzt waren, bildete
als fünfte Farbe die Hautfarbe. Auch Layard hat einige Fragmente solcher
Wandmalereien veröffentlicht; es sind einfache ornamentale Bänder in gelber
Litteratur: Layard, Monuments of Nineveh, London 1849 und 1853.
Perrot et Chipiez II. Paris 1884.
Place, Ninev6 et l’As'syrie, Paris 1867 — 69.
Semper, der Stil II, p. 324 f.
Die Siebenzahl war geheiligt und im alten Chaldäa als glückbringend ver-
ehrt; von da stammt auch die Einteilung der Woche in 7 Tage als Folge des Kultus
der 5 Planeten nebst Sonne und Mond.
30
Inkrustation
mit glasierten
Ziegeln.
oder blauer Farbe mit kleinen anschliessenden Bordüren von roten und blauen
Querstreifen, die durch eine weisse Linie von dem Mittelbande getrennt
werden. In einem reichen Ornamente finden sich die gleichen Farben und
ebenso in einem mit zwei gegenüber gestellten Stieren verzierten Bandstreifen ;
die Körper der Tiere sind weiss, mit einer schwarzen Kontur umzogen, auf
einem hellgelben Grund; die Zinken, die die Komposition bekrönen, sind von
schöner dunkelblauer Farbe. Auf den oberen Wandparlien angebracht, konnte
diese Malerei sich lange Zeit erhalten. Place glaubt annehmen zu sollen,
dass die inneren Laibungen der Gewölbe in gleicher Weise ausgestattet waren;
denn diese Teile, die keine sehr reiche Ausstattung erhalten sollten, konnten,
in Temperamanier ausgeführt werden. George Smith (Assyrian discoveries
p. 77-78) fand einfache Farbenbänder in Räumen, deren untere Partie aus
Steinplatten bestand, auf diesen selbst aufgemalt.
In der assyrischen Dekorationsweise musste der Maler zugleich darauf
bedacht sein, seine Farben mit den Details der skulpierten Friese in Ueber-
einstimmung zu setzen, denn die reichen Reliefs wurden gleicherweise farbig
verziert. So hatten Bart, Haare und Augenbrauen schwarze Färbung,
während das Rot und Blau dazu dienten, einzelnes Beiwerk, wie die Franzen
der Gewänder, die Waffengehänge und Blumen, die die Figuren trugen, vom
Grund zu trennen. Es war eben nötig, dem ganzen Raume durch Färbung
der Reliefs in Harmonie zu bringen; sonst wäre der graue kalte Ton des
Alabasters in der vielfarbigen Umgebung zu sehr abgefailen.
Heber die Art, wie diese Malereien aufgetragen wurden, ob ä tempera
oder ä fresco oder durch ein anderes Medium (Wachs, Oel oder dergleichen),
sind wir nicht unterrichtet. In dieser Beziehung ist diese Art der assyrischen
Malerei meines Wissens nicht geprüft. Nach Semper’ s Ansicht (II p. 326)
müssten in einer gewissen Zeit vegetabilische Farbstoffe dabei häufiger be-
nützt worden sein, weil auf den meisten Kalk- oder Stuckwänden die
Malereien dergestalt verblichen seien, dass kaum noch die Umrisse in schwachen
Spuren hier und da von ihrer früheren Existenz zeugen. (Layard, Ninive und
seine Ueberreste; deutsch. Ausg. p. 201.) „Der Stuck ist an einigen Orten
sehr dünn, an anderen dagegen sehr dick aufgetragen, und manchmal finden
sich mehrere Stuckschichten übereinander, jede mit besonderer Malerei, wor-
aus hervorgeht, dass die Wanddekoration an diesen Orten zu verschiedenen
Perioden erneuert wurde. In dem Gebäude südlich des grossen Nordwest-
palastes zu Nimrud Hess sich die dekorierte Stuckwand bis über vierzehn
Fuss über die Platten der unteren Mauerbekleidung hinaus, die hier nur zwei
Fuss hoch ist und aus nicht skulpierten Kalksteintafeln besteht, verfolgen;
sie ging wahrscheinlich noch weit über diese Höhe hinaus. Dabei haben die
Räume nur etwa vierzehn Fuss Breite. Der ganze Hügel von Nimrud ist
gleichsam mit Spuren solcher stuckbekleideter Wände bedeckt; nur die den
grossen Centralhallen zunächst liegenden Piecen, die den kleinsten Teil der
Anlage bilden, waren mit Steintafeln bekleidet.“
Wir wissen auch nicht das mindeste über die immerhin wichtigen Arten
der Malerei auf Holz, Leinwand u. s. w. bei den alten Medern, Persern und
den angrenzenden Völkern. Sie hatten nicht den ausgebildeten Totenkultus wie
die Aegypter, nicht die auf ewige Dauer der irdischen Reste berechneten
Gräber und Katakomben; auch klimatisch ist das Hochland ungünstiger für
die Erhaltung der im Schutt versunkenen Baulichkeiten. Aber in einem
Punkte versuchten jene Völker durch Kunst zu erreichen, was ihnen von der
Natur versagt war: sie verstanden es, ihre Ziegel durch eine schützende Glasur
zu festigen. Und durch die Ausbildung dieser Technik nach jeder Richtung
haben sie den Grund gelegt zu einem für alle Zeiten wichtigen Industriezweig,
der heute noch in direkter Tradition im Kaukasus, in Persien und bis nach
Indien weit verbreiteten Inkrustation der Lehmwände mit gebrannten
und bemalten oder vielmehr mit glasierten Ziegeln.
Loft US „Travels and Researches in Chaldea and Susiana“ berichtete
zuerst (s. Semper II p. 309) über die merkwürdige Art der Ziegelbekleidungen,
31
die in den Trümmern der alten Ohaldäermetropolis zu Wurka entdeckt wurden.
Sie bestanden in regeli'echtem Mosaik, zusammengesetzt aus Stiften oder
Konen von gebranntem, oben an dem sichtbaren dicken Ende mit farbiger
Glasur überzogenem Tone. Jeder Kegel hatte eine bestimmte Farbe, und
durch das Reihen und Zusammenfügen derselben entstanden regelmässige geo-
metrische Muster, Imbrikationen, Netzwerke u. dergl. Spuren ähnlicher Mosaik-
bekleidungen der Wände finden sich auch unter den assyrischen Trümmer-
haufen. Aber weit häufigere Ueberreste einer ganz anderen Technik, die mit
jener Verwandtschaft zeigt, weil sie den Stofi’ mit ihr gemein hat, lassen es
unentschieden, ob hier eine alte Tradition durch eine neue Erfindung ver-
drängt ward, oder ob umgekehrt die spätere Erfindung noch nicht Zeit ge-
habt hatte, neben der früheren sich Bahn zu brechen.
In den mit Steintafeln verbrämten Räumen , vorzüglich zwischen den
Eingangspforten, fand man eine Menge gebrannter Ziegel mit Malereien, die in
der technischen Ausführung von den Wanddekorationen zu Wurka durchaus ab-
weichen. Es scheint erwiesen und entspricht den Berichten der Alten über den
buntfarbigen Ziegelschmuck ähnlicher babylonischer Burgen und Paläste, dass
ein Teil der inneren und wahrscheinlich die genannten äusseren Wände
Niniveh’s in ihren oberen Teilen mit dieser solideren Inkrustation gesichert
und zugleich verziert waren. So hat uns Diodor (wahrscheinlich nach Ktesias)
II, 8 überliefert , dass die zweite kreisförmige Mauer der Königsburg zu Ba-
bylon (i7i ihrem westlichen Teile) geschmückt gewesen sei mit aus dem
weichen Tone der Ziegel geformten und gebrannten Bildwerken von
verschiedenartigen Tieren, die durch kunstvolle farbige Bemalung der Natur
nahe kamen. Innerhalb dieser zweiten Umfassungsmauer habe eine dritte
(Peribolus) die eigentliche Akropolis umgeben, aüf deren Türmen und Mauern
mancherlei Tiere sehr kunstreich in Farben und Formen nachgeahmt wären.
Das Ganze stelle eine Jagd vor, mit einer Menge verschiedener Tiere und
mit Figuren rhehr als vier Ellen hoch. Man sehe Semiramis dargestellt, wie
sie vom Pferde aus mit dem Wurfspeer einen Panther erlege, nahe bei ihr
den Gemahl Ninus, der mit der Lanze einen Löwen niedersteche.
An diese Darstellungen wird man lebhaft erinnert, wenn man die aus
den Bruchstücken wieder vereinigten Fragmente im Museum des Louvre be-
trachtet (Löwenlries von der Bekrönung der Pylonen vom Palaste des
Artaxerxes Mnemon; Bogenschützen vom Thronsaal des Darius). Die ganze
Dekoration besteht aus ziemlich grossen auf einer Seite glasierten Ziegeln,
dabei treten die Figuren in starkem Relief hervor. Als Randverzierung ange-
brachte reicher ornamentierte Ziegel zeigen Rippen von hellerer oder auch
dunklerer Färbung, um die aufgetragene Glasur in dem dafür bestimmten
Raum festzuhalten. Manche Stücke gleichen demnach der Cloisonnötechnik,
und die Ornamente bekommen dadurch etwas prägnantes. Einige Fragmente
vom Palaste des Sargon (Khorsabad) zeigen diese plastische Vorbereitung für
die Glasur besonders deutlicli (Saal I, I. Etage des Louvre-Museums). Bei
anderen Ziegeln lassen sich nur Spuren von Farbe erkennen oder gesinterte
Stellen, deren Charakter vielleicht auf eine andere Herstellungsart hinweist
und die mehr an den direkten Fai-benauftrag denken lässt (ohne Rippen-
vorbereitung).
Es scheinen demnach zwei Arten der Herstellung glasierter Ziegel bei
den Assyriern bekannt gewesen zu sein, wovon die zuletzt genannte wohl die
die ältere war, denn das Herstellen besonders vertiefter Ornamente zur Ver-
hinderung des Auslaufens der beim Brennen in Fluss geratenden Glasur deutet
entschieden auf höhere technische Kenntnisse. Den Vorgang bei der Her-
stellung derartiger Ziegeldekorationen haben wir uns so zu denken, dass
die mauergerecht aufgestellten, vorerst lufttrockenen oder nur mässig ge-
brannten Ziegel (ihre Grösse beträgt etwa 22 ; 34 cm) mit der Zeichnung
und den Glasurfarben versehen wurden, um dann wieder auseinander ge-
nommen und einzeln, mit einem Merkzeichen von rückwärts versehen, in ge-
Technik.
32
eigneter Weise gebrannt zu werden. Zweifellos müssen bei den alten
Assyriern schon Brennöfen grösseren Umfanges in Gebrauch gewesen sein,
da in der Sammlung des Louvre ein Ganzstück in Form und Grösse einer
richtigen Badewanne aufbewahrt ist. In solchen Brennöfen mag man daher
gleichzeitig eine grosse Zahl mit Glasur bedeckter Ziegel dem Brande aus-
gesetzt haben. Nach dem Herausnehmen der Stücke wurden die einzelnen
Ziegel in ihrer richtigen Ordnung an der Wand vermauert, wie man es heute
auch mit sog. Verblendsteinen macht.
^nreiiets reicherer Ausführung, wobei die figürlichen Darstellungen (Bogen-
schützen, geflügelte Löwen im Louvre) in Halbrelief über den allgemeinen
Grund erhaben erscheinen, ist der Vorgang insofern komplizierter, als
vorerst die Figuren in dem weichen Ton herausgebildet werden mussten. Be-
sondere Schwierigkeiten sind darin wohl kaum zu finden, denn es mögen
die in Tonrelief gebildeten Teile entweder auf die mauerrecht geordneten Ziegel
aufgelegt, oder aber auch in Ziegelform geteilt worden sein, solange die
Tonmasse noch weich war. Nachdem nun wiederum die einzelnen Ziegel
von rückwärts mit Merkzeichen (Nummern oder dergl.) versehen und einem
vorbereitenden Brande unterzogen worden waren, folgte wie oben der Auftrag
der Glasurfarben und das abermalige Einbrennen der Malereien im Brennofen.
Aus dem Umstande, dass auf einzelnen Ziegeln mitunter die Farbe über deren
Rand hinaus und längs der benachbarten Seitenflächen des Ziegels herabfloss,
schliesst Semper (II p. 330) mit Recht, dass die aneinandergereihten Ziegel
während der Malarbeit horizontal angeordnet waren. Dies hatte vor allem
den Zweck, dass möglichst viel von den Schmelzfarben durch die poröse Ton-
masse aufgesogen werden sollte, und führte naturgemäss dazu, auf den ein-
zelnen Ziegeln jene rippenartige Erhöhungen anzubringen, deren Zweck
zweifellos war, das Auslaufen der im Brennen flüssig gewordenen Schmelz-
farben zu verhindern.^’)
Das gleiche Verfahren war auch bei den alten Persern in Gebrauch;
dies bezeugen die von Dieulafoy im alten Susa gefundenen emaillierten
Ziegel (Museum des Louvre). Die cloisonnöartigen Rippen bilden in ihren
hervorspringenden braun oder grau erscheinenden Höhen die Zeichnung, ent-
weder der Gesamt- Ornamentation oder der einzelnen Teile der figuralen
Darstellung. Naturgemäss musste eine . solche erhabene Anlage der Rippen
“) Obwohl dieser Umstand Semper bekannt war, stellt er (Stil I, p. 330) die
Hypothese auf, dass „die auf ebenen Boden geordneten und numerierten ungebrannten
Ziegel wieder in gleicher Ordnung vertikal zusammengefügt wurden und hierauf die
Wand, nämlich die ganze innere und äussere Bekleidung eines Raumabschlusses, einer
Glut ausgesetzt wurde, die hinreichte, die sehr flüssige Glasurfarbe in Schmelz zu
verwandeln und zugleich der Wand aus Lehmziegeln eine dünne Terrakottakruste zu
geben“. Gegen diese Hypothese des Glasierens ganzer bereits mit Malerei über-
zogener Luftziegelwände spricht aber gerade das Numerieren der Ziegel von rück-
wärts, das doch sonst ganz überflüssig wäre, sowie der Umstand, dass die chemische
Untersuchung der babylonischen Glasurfarben Schmelzpunkte ergab, die nicht geringer
waren als die Glasuren der späteren Zeit, also ein Brennen im Muffelofen erforderlich
machten.
^’) Die chemischen Untersuchungen altbäbylonischer Ziegelglasuren durch Dr.
Percy und Sir Henry de la Bbche, Vorsteher des Museums für praktische Geologie
zu London, ergab folgende Resultate: Das Gelb ist ein Antimoniat von Blei und
enthält Zinn; diese Mischung, genannt Neapelgelb, die man für eine moderne Erfindung
hält, war auch den Aegyptern bekannt. Das Weiss ist ein Zinnoxydemail; man
kannte also die Benützung des Zinnoxyds zu der Gewinnung opaker Emailfarben,
welche Erfindung immer den Arabern des VIII. oder 'IX. Jhds. zugeschrieben wird
und die Lucca della Robbia im XV. Jhd, vielleicht ohne Kenntnis dessen, _ was so
lange vor ihm gekannt war, aus sich selbst erneuerte und in genialster Weise tech-
nisch und künstlerisch zu benützen verstand. Das Blau, und wahrscheinlich auch
das auf ninivetischen Emails vorherrschende Grün, ist reines Kupferoxyd, verbunden
mit Blei. Das letztere wurde nicht der Farbe, sondern des leichteren Flusses wegen
hinzugefügt, eine Erfindung, die in der Geschichte der Töpferei gewöhnlich erst dem
XII. oder XIll. Jhd. nach Christo zugeschrieben wird. Das Rot ist ein Kupfersub-
oxyd. Ueber das Braun, das vielleicht auf babylonischen Ziegeln nicht vorkommt,
enthält der Bericht keine Mitteilung (s. Semper I. p. 332).
33
mit sehr dickflüssiger Masse aufgetragen werden, deren Schmelzpunkt aber
höher war, als die in die Zwischenräume eingetragenen Glasurfarben; denn
sonst wäre das ganze mühevolle Verfahren zwecklos geblieben, falls beim
Brennen ein Zusammenfliessen der Rippenmasse mit den Püllungsfarben ein-
getreteii wäre. Zweifellos war es durch praktische Erfahrung bekannt, durch
welche Zusätze die Schmelzbarkeit der Glasuren verändert werden konnte
(verschiedene Mengen von Quarzsand, Ton, Bleierde und Zinnasche u. a.),
auch konnte man die mit der Rippen-Ornamentation versehenen Ziegel
vorher einem stärkeren Brennprozess aussetzen, ehe die Glasurfarben auf-
getragen wurden.
Bis zu welchem Grade der Vollendung die Orientalen es in dieser Technik
gebracht haben, zeigen die vor wenigen Jahren gemachten Funde von
Tell-el-Jahudieh, welche sich teils in der ägyptischen Abteilung des Wiener
Hofrauseums, teils in Berlin und London befinden. Bei diesen sieht man
die dargestellten Figuren (äusserst charakteristisch modellierte Typen orien-
talischer Volksstämme) in halbem Relief aus einer glasierten, teils bemalten,
teils weissen oder farbigen Masse gebildet, wobei die Schmelzfarben für einzelne
Teile der Gewandung (Stickereimuster) in vorher gefertigte passende Vertiefungen
eingegossen erscheinen, so dass eine Art Mosaik von eingelegten und mit-
gebrannten verschiedenfarbigen Glaspasten entsteht.®^)
Diese glasierten Bilder sind in der Tat höchst merkwürdige Belege für
eine überaus entwickelte Kunsttechnik, die nur durch langandauernde Tradition
auf solche Höhe gebracht worden sein kann. Nehmen wir dazu das äusserst
seltene Vorkommen dieser Dekorationsweise im alten Aegypten (Semper er-
wähnt nur ein einziges derartiges Beispiel von Inkrustation altchaldäischer
Fayencebekleidung in einer Grabkammer zu Saquära; I p. 385), so ist der
Schluss naheliegend genug, dass diese Kunstfertigkeit erst mit der Perser-
herrschaft dort Eingang gefunden haben und, einmal dahin verpflanzt, weiter
geübt worden sein wird. Die vielen Gegenstände glasierter Tonwaren und
Schmelzarbeiten aller Art (cloisonnierter Schmuck, Amulete u. s. w.) ägyptischer
Provenienz sind deutliche Anzeichen davon. Wir kommen aber bei diesen
Erwägungen zu einer weiteren Hypothese, die sich unversehens aufdrängt,
dass nämlich die ältesten Kulturstätten Asiens die Ursprungsgebiete gewesen
sein dürften, von wo aus sich die Kunstfertigkeiten nach allen Seiten strahlen-
artig ausgebreitet haben werden. Diese Anschauung steht zwar mit der
hergebrachten in Widerspruch, welche die griechische Kunst auf den
Schultern der altägyptischen stehen lässt , aber andererseits wird von
neueren Kunstgelehrten der nähere Zusammenhang zwischen der aitgriechischen
und der Kunst Kleinasiens und der der alten Phönizier, Meder und Perser
immer mehr erkannt und gewürdigt. Es will mir scheinen, als ob von den
Grenzen des „Fabellandes“ Indien aus der Impuls ausgehe und dort die
Quellen zu suchen seien, die nach allen Seiten weiterrieseln, sich zu Strömen
vergrössern und schliesslich, durch die Verschiedenheit der Weltanschau-
ungen, Religionen und Kulturen beeinflusst, auch verschiedene Aeusse-
rungen des Kunsttriebes hervorgebracht haben. Während aber nach Osten
hin die kulturelle Strömung des Buddhismus einer freien Entfaltung der Kunst
hinderlich gewesen ist und (um im Bilde zu bleiben) versandete, hat nach Westen
hin das Griechentum alle Stufen bis zur höchsten Vollendung der Kunst
erklommen.
Selbst auf dem engeren Gebiete der Maltechnik gilt die gleiche Beob-
achtung; denn während die Indier und Chinesen wie die Aegypter nicht über
die Wasserfarbentechnik in der Malerei hinaus kamen, gelang es den Griechen,
durch die Enkaustik eine Malweise zu finden, die in Bezug auf Realismus
den höchsten Forderungen der Zeit zu genügen vermochte.
*^) Vgl. die Monographie über diese „Musivischen Flachreliefs aus der Zeit
Ramses’ des Dritten“ von Dr. Alex. Dedekind in dessen „Aegyptol. Untersuchungen“.
Wien 1902.. (Enthält zwei vortreffliche Abbildungen in Heliogravüre nach den Wiener
Originalen.)
Glasierte
Bilder v. Tell-
el-Jahudieh.
Indien, das ür-
sprungsgebiet
ältester Kul-
turstätten.
3
Indien,
Lieferant von
Farben und
Droguen.
Indische
Wandmalerei.
Indien war, das muss hier sogleich hervorgehoben werden, schon vom
Altertum her durch das ganze Mittelalter, man kann sogar sagen, bis in die
neueste Zeit Lieferant kostbarer, für die Kunst der Malerei wichtiger Droguen
und Farben. Der Indigo wird auch heute noch von Indien bezogen, und im
Altertum waren es die Harze und Balsame, das Drachenblut, das echte Ultra-
marinblau und Zinnober, die auf dem Karawanenweg von Indien zum Helles-
pontus oder über Phönizien nach den westlichen Reichen gelangten. Vitruv
(VII, 10, 4) erwähnt das „indische Schwarz“ (chin. Tusche), das man nur
durch besonders sorgfältig hergestelltes Schwarz zu ersetzen imstande ist.
Von dem Umfang des römisch-orientalischen Handels überhaupt können zwei
Stellen des Plinius (XII, 84 und VI, 101) eine Vorstellung geben, wonach
„bei niedrigster Schätzung die drei Gebiete Indien, China und Arabien dem
Reiche jährlich 100 Millionen Sesterzen kosteten, und Indien allein 65 Millionen
aus dem Reiche zog“.^^)
Die eigene Kultur Indiens reicht weit zurück, „denn schon im 12. Jhd.
V. Ch. erhoben sich die prachtvollsten Bauten brahmanischer Herrscher in
dem vom Ganges und Djumna eingeschlossenen Mittelstromland, dem ge-
weihten Duab“. Von der Pracht und dem Umfang der Bauten geben die
glänzenden Schilderungen der alten Epen Mahabarata und Ramayana Kunde,
aber auch nicht minder die noch erhaltenen Tempel, Pagoden und Grotten-
bauten, aus den späteren Perioden der Entwicklung des Buddhismus, von
dessen siegreichem Auftreten in Indien das eigentliche monumentale Kunst-
schaffen datiert. Die überschwängliche Phantastik der Dekoration, verbunden
mit der religiösen Symbolik der Tier- uud Menschengestalten, die in wilder
Verschlingung und Unordnung Säulen und Wände bedecken, geben Zeugnis
von einer schöpferischen Tätigkeit, deren oberstes Gesetz, wie es scheint, die
„volle Willkür“ war. „Meist sind diese Darstellungen in kräftig vorspringendem
Relief dem Aeussern der Tempel und der Pagoden aufgemeisselt oder im
Innern über den Pfeilern, an den Gesimsen und Wandnischen angebracht.
Die Gestalten des brahmanischen Götterhimmels, der mythisch ausgeschmückten
Heldensage verbinden sich hier mit freien phantastischen Gebilden; überall
symbolische Bezüge, tiefsinnige Spekulation, Ergüsse einer überströmend reichen
Phantasie, selten die einfachen Zustände des täglichen Lebens, niemals, wie
es scheint, geschichtliche Vorgänge in festen Zügen versinnlichend. Der Stil
dieser Bildwerke, der im Laufe der Jahrhunderte zwar gewisse Wandlungen
zeigt und von gestrenger Gemessenheit zu freierer Bewegung und endlich zu
ausschweifender Uebertreibung fortschreitet, hat gleichwohl durch alle Epochen
einen gleichmässig ausgeprägten Charakter“ (Lübke).
Auch die Malerei tritt frühzeitig in ausgedehnten Wandgemälden, na-
mentlich bei den Grotten von Ajunta und Baug, ins Leben, wo grosse
Prozessionen mit Elephanten und der Gestalt des Buddha, Kampfszenen und
Jagden in lebhaften Farben dargestellt sind. Aus den Kopien dieser etwa
aus dem V. Jhd. unserer Zeitrechnung stammenden Malereien, die im Indian
Museum zu London zu sehen sind, kann man kaum auf die Technik einen
Schluss ziehen. Die Figuren drängen sich in Gruppen aneinander und bilden
ein wahres Chaos von Tieren, Menschenleibern, Götterbildern u. dgl. , die
sich von einem allgemeinen braun gehaltenen Hintergrund abheben. ^‘‘) Dass
diese „Fresken von Ajunta“ sich als Produkte einer überschwenglich reichen
Phantasie darstellen, ist nicht zu leugnen, aber es fehlt ihnen die gemessene
Ruhe einer ausgereiften Kunst. Ohne Perspektive und richtige Anwendung
von Verkürzungen gleichen diese Malereien mehr lebensgrossen Nachbildungen
von Miniaturmalereien späterer indischer Stilepochen, wie man dergleichen
in europäischen Bibliotheken und Sammlungen begegnet. „Hier zeigt sich der
alte symbolische Gedankenkreis der indischen Kunst ausgelebt und nur in
erstarrter Tradition noch festgehalten.“
Vgl. Fr. Hirth, Chinesische Studien (München und Leipzig 1890), p. 9.
Einige Gruppen sind abgebildet bei Gust. le Bon, Les civilisations de l’Inde,
Paris 1887 (Firmln Didot).
35
Fragen wir nun nach den technischen Hilfsmitteln der indischen
wie auch der persischen Malerei in so früher Zeit, so muss eingestanden
werden, dass darüber nicht das geringste bekannt ist. Alle meine Bemühungen,
quellenmässig etwas darüber zu erfahren, sind bisher erfolglos geblieben. In
der Reiseliteratur oder in Werken über die alte indische Kunst sind nicht
einmal Andeutungen zu finden, so dass ich kaum mehr als Vermutungen aus-
zusprechen wage. Unsere Gelehrten haben sich zwar mit altindischer und
altpersischer Literatur gründlich beschäftigt, aber der Malerei nur soweit In-
teresse entgegengebracht , als zum Verständnis der von ihr dargestellten
Legenden erforderlich schien, und über deren Entwicklung hat man selten,
über das Technische niemals Studien gemacht. Erst in allerjüngster Zeit ist
man durch das berechtigte Interesse, das die japanischen und chinesischen
Malereien in Europa hervorgerufen haben, auch zu historischen Forschun-
gen über die älteren Malerschulen Ostasiens angeregt worden. Man müsste
aber eine viele Jahrhunderte hindurch währende Tradition als feststehend
annehmen, wollte man etwa die im 18. Jh. angewendeten Maltechniken schon
für die frühesten Perioden gelten lassen.
Nicht zu übergehen sind die Einflüsse arabischen Ursprungs,
die infolge der grossen Ausdehnung des osmanischen Reiches sich bis nach
Persien und Indien fühlbar gemacht haben müssen. Wir verweisen in dieser
Beziehung auf die Quellen arabischen Ursprungs (m. Beitr. III p, 57), das
von Berthelot (Ohimie au Moyen-äge, Paris 1893, I, p. 179 f.) veröffent-
lichte Liber sacerdotum sowie die weiteren Angaben über arabische Schriften
des Dyäber und Ibu Sina (a. a. 0.).
Während der Islam der Kunst der Malerei ausschliesslich ornamentale
Motive gestattete und aus religiösen Gründen die Darstellung der mensch-
lichen Figur verbot, hat sich in Indien die Figurenmalerei reich entwickelt.
Sie war im XVI. Jhd. unserer Zeitrechnung technisch ungefähr auf gleicher
Höhe wie die Miniaturmalerei des Westens zu Anfang des XV. Jhd., und
man muss wahrhaft staunen über die Grazie der Auffassung, die Be-
herrschung der Form und die technische Vollendung der Details, mit der
die indischen Miniaturen ausgeführt sind. Ihren Höhepunkt erreichte diese
Kunst unter Akbar, dem Gründer der Moghal-Dynastie in Indien (Zeit der
Königin Elisabeth von England), denn die mit 169 Vollbildern ausgestattete
„Geschichte des Krieges“ (Razm Nämah) zwischen Hindu und Muselmanen
kann sich den besten Miniaturen europäischer Kunst kühn an die Seite
stellen. ^^) Aus Akbar’s Zeit stammen auch Reste von Wandgemälden und
ornamentalen Malereien eines Palastes in Khwabgah, F'athpur Sikri bei Agra
(erbaut 1570-1606), die nach den Abbildungen zu schliessen in den Figuren
persische Einflüsse, in den Ornamenten chinesische Anklänge zeigen.^®)
Diese Beispiele bezwecken selbstverständlich nur zu zeigen, bis zu welcher
Vollkommenheit die indische Miniaturmalerei gelangt war, um daraus den
Schluss zu ziehen, dass auch die technischen Mittel sich in gleicher Weise
vervollkommnet haben werden. Man kann diese Malereien als Deckfarben-
malereien oder Gouachen bezeichnen, insofern als zum Bindemittel eine
wassermischbare Lösung einer gummösen oder leimartigen Substanz, vei’-
mutlich mit Galle und Alaun als Zugabe, gedient hat, denn die ältesten
chinesischen Malereien (angeblich aus dem XII. Jhd. n. Ch.), die ich darauf zu
untersuchen Gelegenheit hatte, waren mit einer schwer löslichen Wasserfarbe
gemalt, ein Umstand, der auf die Zumischung von Alaun zu Leim oder zu Ei-
klär, letzteres ein seit den ältesten Zeiten benütztes Miniaturbindemittel, hinweist.
“*) Diese Prachthandschrift wurde durch die grosse indische Ausstellung be-
kannt und ist veröffentlicht in Memorials of the Jeypore Exhibition von
Th. H. Hendley, Vol. IV, London 1884.
^®) Abgebildet m The Journal of Indian Art and Industrie, London 1896, Vol. VI,
p. 65 und Tafeln. Vgl. auch Vol. IV, 1892, Tafel 48 und 49. Blätter aus Razm.
Namah, gemalt von Rämdas und Läl, der letztere ein berühmter Tiermaler ; Vol. VII,
1896, Nr. 56. Persische Bilder v. 1627 des Tarubi.
Arabische
Einflüsse.
Indische
Miniaturen.
3’
36
Lackmalerei.
Mit dem gleichen Bindemittel scheinen auch die persischen und
indischen Lackmalereien hergestellt zu sein, die auf entprechend
präparierten geglätteten Grund aufgemalt, nur mit einem Firnis über-
zogen sind. Bei ihrer Kenntnis des Alkohols und dessen Eigenschaft,
gewisse Harze oder Schellack zu lösen, ist die Kunst des Lackierens früh-
zeitig von den Orientalen geübt worden. Hierbei muss aber auf den prin-
zipiellen Unterschied zwischen der persischen oder indischen
und der chinesischen Lackarbeit hingewiesen werden, der in der
Natur des verwendeten Materials besteht. Die indischen Lacke sind durch-
gehend in Alkohol gelöste Harze und demnach gegen Chloroform, Aether
sehr empfindlich, während die chinesischen und japanischen Lacke von Rhus
vernicifera und ähnlichen, ausschliesslich dort vorkommenden Sumacharten ge-
wonnene Gummiharze sind , die den genannten Lösungsmitteln widerstehen.
In der Kunst des Lackierens ist der Orient, speziell Ostasien, zeitlich
Europa weitaus vorangegangen; sie ist sogar von dort erst im XVII. Jhd.
zu uns importiert worden.
Der wie Gold scheinende Lack indischer und persischer Lackmalereien ist
meist nur ein gelber Börnis, oftmals auf Silberunterlage aufgetragen. Derartige
„Goldfirnisse“ werden durch Lösung von einheimischen Harzen, wie Storax, Gummi
amoniacum, Aloe hergestellt, wobei mitunter noch Safrangelb, Gummigutt bei-
gemischt werden.
37
III. China und Japan.
lieber chinesische und japanische Maltechnik mögen hier im
Anschluss einige Daten mitgeteilt werden, die insolern unserem Thema nahe
stehen, als sie auf ältere Tradition zurückgeführt werden müssen und den
Zusammenhang mit der alt-indischen Malerei noch deutlicher machen werden.
Bekanntlich wurde der in Indien heimische vielgötterige Volksglauben ^g“‘her^un8t'
des Brahmaismus durch die Lehre des Buddha, dessen Auftreten zwischen
600 und 540 v. Ch. fällt, verdrängt. Es dauerte aber noch längere Zeit, bis
dieser Glaube und mit ihm die indische Kunst nach China gelangte. Nach
alten üeberlieferungen hat eine indisch-buddhistische Gesandtschaft des Königs
Ming-Ti im ersten Jhd. unserer Zeitrechnung nicht allein das religiöse Stand-
bild, sondern auch Zeichnungen und Malereien sowie andere Kunst-
werke nach China gebracht, und bei der grossen Ausbreitung der neuen Re-
ligion in China wurden durch die Missionäre im Laufe der nächsten Jahrhunderte
diese Schätze stets vermehrt. Auf diese Weise mögen die chinesischen
Künstler reiche Vorlagen in Menge für ihre Tempelbilder und zur Aus-
schmückung erlangt haben. Auch sprechen noch andere Umstände für
den Einfluss der alt-indischen Kunst auf die chinesische , so vor allem der
vollständige Mangel des mongolischen Typus in den Physiognomien der
buddhistischen Götterbilder; die Gleichheit der Stellung und Kleidung der
Personen und die unverkennbare Aehnlichkeit der Färbung, welche die chi-
nesisch-japanischen Buddha-Bilder oder andere Dekorationen mit indischen
Werken zeigen. Andererseits werden manche der von Westen angenommenen
Typen durch die Verschmelzung mit chinesischen Elementen einen neuen
Kunststil gebildet haben, sei es durch die Einführung des Drachens in der
Ornamentik oder durch Unterdrückung der übertriebenen weibischen Formen
in den Darstellungen der indisch-buddhistischen Kunst.
Hatte die Kunst Übung in China festen Fuss gefasst, so konnte es nicht
bleiben, dass sie in den nächsten Jahrhunderten sich auch nach der koreani-
schen Halbinsel und nach Japan ausbreitete.
Anderson, dessen Werk (Pictorial Arts of Japan, London 1886, p. 23 ff.),
die weiteren Daten entnommen sind, beschreibt die Phasen dieser Malerei
von der ältesten bis zu unserer Zeit. Das Charakteristische der buddhis-
tischen Malerei ist die reiche Anwendung von Gold und die minutiöse kalli-
graphische Durchführung sämtlicher Details, ohne je durch Helldunkel eine
Modellierung der Form zu versuchen. Die mit der Darstellung in Harmonie
gebrachten Farben sind Körperfarben (Deckfarben) von ausgesprochenen
Tinten, aber durch die Kostbarkeit des Goldmetalles, das allerwärts die festen
Farben überdeckt, gemildert.
Einzelne Künstler, wieYaraato oder Tosa, ragen durch ihre besondere Ma\ersdiifien°’
Routine und die Einführung neuer Stilformen hervor und bildeten Schulen.
Die typischen Bilder der Tosa-Schule zeigen noch alle dekorativen Effekte,
die durch den reichlichen Gebrauch von Gold und brillanten Farben möglich
sind; die farbigen Flächen sind mitunter so eingeteilt, dass sie die sich wieder-
38
Technik der
Japan, u. chines.
Malerei.
holenden Muster von Brokatgewändern imitieren, öfters ist ein leuchtendes
Grün in die Komposition eingeführt, das die Harmonie beeinträchtigt; im
grossen Ganzen ist aber die Gesamtwirkung der unserer illuminierten Missalien
des XIV. Jhd. nicht unähnlich.
Die Neuerung der Yamato-Schule bestand in der scheinbaren Ent-
fernung der Bedachungen der Räumlichkeiten, wodurch der Innenraum mit
den Figuren, wie von oben gesehen, zur Darstellung kam; im übrigen folgten
sie technisch der alten Tradition.
Die mittlere Zeit des Königtums (XIV— XV. Jhd.) sah die chinesische
Schule aufkommen, die in ihrer weiteren Ausbildung auch der Landschaft
besonderes Studium zuwandte. Erwähnt seien noch die Sesshiu-Schule
(um 1420), welche sich realistisch an die Nachahmung der Natur hielt und
als Vorläufer der heutigen japanischen Kunst grossen Einfluss hatte, und die
Kano-Sctiule (XVII. Jhd.), deren Mitglieder alle der Priesterschaft ange-
hörten. Dieser kirchlichen Schule stand bald eine „volkstümliche Kano-
Schule“ gegenüber, die in Matafei ihren Hauptvertreter, in Moronobu
und Schokotu weitere Ausbilder fand. In deren Periode fällt die Ver-
vielfältigung der Werke durch bunten Holzschnitt in Büchern und einzelnen
Blättern (Anfang des XVIII. Jhd.). Diese Chromoxylographien wurden
ursprünglich in zwei oder drei Tönen (rot, gelb und blassblau) gedruckt und
erreichten 60 — 70 Jahre später ihre grosse" Vollkommenheit.
Derjenige Künstler, der für die neueste japanische Kunst grundlegend
wirkte, war Ogato Ko rin; ihm sind die realistischen Darstellungen von
Tieren und Pflanzen mit der grossen Grazie des Entwurfs und der unüber-
trefllichen Feinheit der Ausführung zu danken^ welche seit Korin’s Tode
(1716) immer in gleicher Weise geübt und vervollkommnet worden sind.
Gonse (l’Art Japonais) nennt ihn „le plus Japonais des Japonais“,
Die letzte Periode der Entwicklung fällt in die letzten Jahrzehnte des
achtzehnten Jahrhunderts. Anschliessend an die trefflichen Vorbilder ent-
stand in Kioto eine besondere naturalistische, die Shi jo- Schule, die
in dem emsigen Studium der Natur die höchste Vollendung zu erreichen be-
strebt war. Hier verbindet sich der freie Stil der Raumausfüllung mit
der äussersten Sorgfalt der Naturwiedergabe. Innige Vertrautheit der
Künstler mit der Natur, ohne konventionelle Anlehnung an ein Vorbild,
ist die Basis der Shijo-Schule; sie schloss zwar manche beliebte Motive der
früheren „klassischen, akademischen“ Richtung aus, aber chinesische Land-
schaften oder Darstellungen mythischer Tiere wurden vorteilhaft durch die
Nachahmung japanischer Tier- und Pflanzenwelt ersetzt. Die Motive der
„volkstümlichen Schule“, wie Strassenbilder, Aufzüge oder Theaterszenen,
wurden durch die Shijo-Schule nicht beeinträchtigt, aber wo die beiden Schulen
hinsichtlich der Darstellung übereinstimmten, hatte die letztere stets die
grössere Vollendung für sich.
lieber die Technik der Malerei gibt Anderson in dem genannten
Werk „The pictorial Arts of Japan“ überaus interessante und bemerkenswerte
Aufschlüsse, die mehr als alle weiteren Erläuterungen unsere oben (p. 33)
ausgesprochene Hypothese bekräftigen; denn sowohl Technik als angewandtes
Material sind mit den in westlichen Kulturzentren gebrauchten in so auf-
fallender Uebereinstimmung, dass man dies sicher nicht für zufällig halten
kann. Nur darin kann eine Erklärung gefunden werden, dass sowohl im
Ocoident als auch im äussersten Orient sich die maltechnischen Gebräuche
und Fertigkeiten aus ursprünglich gleichen Traditionen entwickelt haben.
Die japanische Technik beruht auf älterer chinesischer Tradition ; be-
schrieben ist sie in Quellenwerken , die verfasst worden sind , ehe Einflüsse
der europäischen Kultur sich geltend gemacht hatten.
Diese Quellenwerke sind:
39
Honchö gwa-shi (Appendix) v. J. 1694,
Gwa-sen „ „ 1722,
E-hon Yamato-hyi (Appendices) „ „ 1742,
Wa-kan Schiu-gwa yeh (Appendix) „ „ 1759.
Die Materialien, auf denen und mit denen gemalt wurde, sind: 1. Papier,
Seide, Holz. 2. Tinte und Farbstoffe. 3. Gold, Silber, Mica. 4. Pinsel.
Um Papier zur Malerei mit Tinte und Farbe vorzubereiten, dient nach
Gwa-sen (1722) eine Art Kleister, welcher Dösa heisst. Br besteht aus:
durchsichtigem Leim (nikawa) 10 momme,
gestossenem Alaun (miöban) 5 „
Wasser 1 sho.
(1 momme = 58.33 gr, 1 sho = 109.75 Kubikzoll engl.)
Der Nikawa-Leim wird aus Häuten durch Kochen bereitet. Eine
Abart desselben erhält man durch Einlagern in Schnee für einige Tage, wo-
durch er weicher werden soll. Man färbt ihn auch mit ein wenig Ver-
millon (Minium) oder Gummigutt; zur Präparation des Dösa wird der Leim
so lange im Wasser geweicht, bis er zergangen, dann wird kochendes
Wasser zugesetzt und durchgerührt, der Alaun hinzugefügt, alle Ingredienzien
gesiebt und dann erkalten gelassen.
Im Sommer wird die Menge des Leimes vergrössert, im Winter dagegen
die des Alauns.
Papier und Seide erhalten eine bis zwei Schichten der Dösa, die
Seide von rückwärts, wodurch die Brüche beseitigt und das „Fliessen“ der
Farbe vermieden wird.
Holz wird gewöhnlich mit einer Lage von Odo-no-gu (Mischung von
Kreide und gelbem Ocker nebst Leim) überzogen. Mit derselben Masse werden
auch bei weitfaserigen Hölzern die Ungleichheiten ausgefüllt; ein Ueberzug
von Dösa in der doppelten Stärke, als bei Papier oder Seide, macht das Holz
zur Aufnahme der Malerei bereit.
Für das Malen auf feuchtem Holz empfiehlt Shiu-gwa yen (1759), um
der Tinte die richtige Konsistenz zu geben, den Zusatz von ein wenig „Ohren-
schmalz“ ^s) und, um sie in das Holz tiefer eindringen zu lassen, die Bei-
mengung eines Pflanzensaftes, welcher Namomi heisst.
Die Tinte (Sumi), eigentlich Tusche, aus Fichten-Russ mit einer Lösung
von Gelatine (Leim) angemacht, entspricht der allerältesten Art der Bereitung.
Die berünmte chinesische Tusche übertrifft an Qualität alle anderen Fa-
brikate. Auch farbige Tinten aus Rinden, Samen oder Hülsen verschiedener
Pflanzen sind im Gebrauch; Bindemittel ist flüssig gemachter Leim.
Das Farbenmaterial bestand, ehe europäische Fabrikate importiert
wurden, nach den älteren Quellen aus den in der Natur sich findenden mi-
neralischen Produkten , die durch Schlemmen und Reinigen zum Gebrauch
zugerichtet werden, und einigen Pflanzenfarbstoffen. Die Liste derselben
hat eine so grosse Aehnlichkeit mit der des frühen Mittel-
alters und selbst mit den von Plinius und Vitruv genannten
Farben, dass man über diese Gleichheit erstaunen muss.
Es werden angeführt:
1. Rokushö, natürliches arsensaures Kupfergrün (Strahlerz), wovon
6 Variationen gezählt werden;
2. Konjö, blaues Kupferkarbonat; Bergblau;
3. Shin-sha, Zinnober (Schwefelquecksilber);
4. Tan, rotes Bleioxyd (Bleirot, Mennige), in Mischung mit der nächsten
Farbe zur Karnation benützt;
“*) S. Neapeler Codex (XIV. Jh.) Rubrica XXII; „Um Zinnober zu florieren“,
wo die Zugabe von Ohrenschmalz als Geheimnis des Schreibers erwähnt wird; m.
Beitr. III Mittelalt., p. 131.
Farben.
40
Gold- u. Silber-
malerei.
5. Go-fun, das gereinigte Pulver von gebrannten Muscheln oder Austern-
sohalen; dasselbe wird den Farben auch beigemischt, um ihnen
Körper zu geben;
6. 0-go-fun, weisse Kreide;
7. Tö-no-tsuchi, Bleikarbonat (Bleiweiss);
8. Odo, gelber Ocker;
9. Schido, rotes Eisenoxyd (roter Ocker, Bnglischrot) ;
10. Sökiwö, Auripigment (Schwefelarsenik);
11. Sha-söki, Hämatit (Blutsteiu'l ,
12. Shiwö, Gummigutt (gelber Harzsaft einiger Garciana- Arten) ;
13. Ra-sei, Indigo;
14. Shö-yenji, Farbstoff einer Pflanze Oto-giriso, welcher in Tuch oder
Leinen eingetränkt wird , von purpurähnlicher Farbe. Man unter-
scheidet zwei Arten. Zum Gebrauch wird das gefärbte Tuch oder
Leinen stück eingefeuchtet und der Farbstoff ausgedrückt^®);
15. Beniko, Saflor (Stempel und Staubfäden von Oarthamus tinct. Lin.);
16. ATro, blauer Pflanzenfarbstoff aus Polygonum tinct. ;
17. En-shi, Purpurfarbe aus Santelholz (Oaesalpina Sappan), Rotholz
(verzino, brasil, presilgen des Mittelalters);
18. Airo-bö, blaue Farbe, aus alten gefärbten Leinenlappen durch Aus-
kochen gewonnen;
19. Ai, auf gleiche Weise aus blaugefärbtem Papier durch Einweichen in
Wasser und etwas Essig gewonnen;
20. Sango-matso, Rot von gestossenen Korallen;
21. Lapis lazuli, echter Ultramarin.
Es würde ein leichtes sein, allen diesen Farben die entsprechenden
des griechischen Altertums bis zum späteren Mittelalter beizusetzen. Die
Gleichheit des Farbenmateriales spricht sich auch noch darin aus , dass
den einzelnen Mischungen von Farben untereinander besondere Bezeichnungen
gegeben werden, von welchen Anderson (p. 174) eine ganze Reihe angibt;
darunter befinden sich Namen wie „tote Blatt-Farbe“, „Tauben-, Ratten-
oder Grassaftfarbe“; Kastanien-, Baumrinden-, Pfirsichfarbe, Teefarbe, „blaue
Totenfarbe“, dürre Fleischfarbe u. s. w. , welche vielfach an die ähnlichen
Bezeichnungen des Strassburger Ms. oder bei Bolz erinnern, (üeber besondere
Namen der Mischungen vergl. auch Theophilus u. Hermeneia.)
Bei Verwendung von Gold und Silber zur Malerei der Bilder (Ka-
kömonos und Makimonos) werden die Metalle in Staubform oder Blatt-
folien gebraucht, wie in den ältesten Zeiten. Auch die Anwendung ist ähn-
lich, u. zw. merkwürdigerweise der Methode, welche das Athosbuch (§ 28)
kennt, nemlich mit Hilfe des Knoblauchsaftes. ®°)
Die zu vergoldende Fläche wird mit dem (gekochten) Safte eingerieben
und darüber eine dünne Lage einer Goldbeize gelegt, welche aus einer „funori“
genannten Seepflanze (fucus vesiculosus ?) bereitet wird. Das Goldblatt wird
dann in der gewünschten Grösse mit Hilfe eines mit Nussöl eingeriebenen
Papieres auf die betreffende Stelle gelegt und angedrückt. Die Materialien
und Utensilien (Vergolderkissen, Messer) sind dieselben wie in Europa.
Soll auf Vergoldung gemalt werden, so muss das anhaftende Oel
wieder entfernt werden ; das geschieht durch Auflegen von dünnem (Fliess-)
Papier und Darüberstreuen von heisser Kohlenasche, wodurch die Fettigkeit
sich in das Papier einsaugt. Um stärkeren Glanz zu erzielen wiederholt man
*®) Die gleiche Methode war auch im Ahendland verbreitet, bevor die Herstellung
von sog. Farblacken durch Niederschlag der Lösung bekannt wurde; s. »pezzette* od.
pezzuole des Cennini, m. Beitr. III p. 116. „Tüchleinfarben“ des Strassburger Ms.,
ebenda p. 161 (violvarw tüchlin), p. 162 (fin tüchlin blaw); Neap. Codex (Toumesolblau)
loc. cit. p. 126.
**) S. m. Beitr. III Mittelalt., Index s. v. Knoblauchsaft.
41
die Goldlage. Zum Malen auf Gold wird auch eine Beigabe von ReismehP^)
mochi gomd (Kleister) empfohlen. Bei Wand- und Deckendekoration wird
Gold auf eine Unterschicht von Firnis oder Lack aufgetragen. Auch wird
in gewissen Fällen das Gold in kleinen Stückchen durch ein Sieb auf die
zu verzierenden, vorher mit Firnisbeize bearbeiteten Stellen aufgestreut.
Zur Malerei mit Goldstaub (Goldschrift) wird das fein zerkleinerte
Metall mit dem Bindemittel (Leim) aufs innigste verrieben, mit Wasser
mehrmals ausgewaschen und die überstehende Flüssigkeit sorgfältig abgegossen,
das gleiche Verfahren, wie es schon die ältesten Quellen (Leydener Pap. u. a.)
beschreiben. Goldmalerei wird mit der Mischung von Goldpulver und Leim-
wasser ausgeführt. Die Unterfläche wird zur Aufnahme des Goldes erst
mit einer Schicht von Gummigutt und Knoblauchsaft (Ki-nikawa) überzogen.
Gold auf plastisch erhöhte Unterschicht (bestehend aus Kreide und Leim)
aufzutragen, ist bei den Japanern nicht beliebt, aber in buddhistischen Bildern
häufig angewendet.
Charakteristisch, obwohl vielleicht erst neueren Datums, ist die An-
wendung von gestossenem Mica (Glimmer) in Verbindung mit schleimigem
Bindemittel zur Erzielung glänzender Wirkung bei Fischschuppen oder glän-
zendem Metall, bei Blumen u. dgl.
Pinsel werden hauptsächlich bereitet aus den Haaren der Hirschkuh,
auf zweierlei Art, je nachdem das Winter- oder das Soinmerhaar genommen
wird; aus den Haaren des Waschbären, Fuchses, Marders, der Hasen,
Ratten, Katzen, und Ziegen. Ausserdem sollen Pinsel aus mazeriertem Reis-
stroh für gewisse Zwecke viel im Gebrauch gewesen sein. Die Handhabe
ist hieist aus einem Stück Bambusstiel gebildet, der oft verziert und lackiert ist.
Beim Zeichnen und Malen wird der Pinsel stets senkrecht zur Malfläche
gehalten. Ist die Zeichnung mit Tinte oder Tusche fertig gestellt, so werden
die Farben aufgetragen, wobei je nach dem gewünschten Effekte lasierend,
deckend oder verwaschend vorgegangen wird. Eine besondere Eigentümlich-
keit ist die Unterlegung eines Lokaltones auf der Rückseite von transparenten
Malgründen, wie dünne Seide, Reispapier u. a., was auch die Indier bei ihren
Malereien auf Micaglas (Glimmer) zu tun pflegen. Auf diese Weise scheint
der Farbenton durch, und der Maler kann Details anbringen, ohne die Auf-
lösung der Unterschicht zu befürchten.
Die japanischen Bilder werden je nach ihrer Anfertigung eingeteilt in :
1. Sumi-yö, einfache schwarze Darstellungen mit Tusche ohne Farben, und
2. Sai-schiki, farbige Bilder.
Von den letzteren unterscheidet man:
a) Goku-zaischiki, dick und bunt gefärbte Malereien, wie gewisse
Gemälde der Buddha-, Tosa-, chinesischen und Kano-Schule,
b) Usu-zaischiki, dünn kolorierte, wie es die älteren chinesischen,
Sesshiu- und Kano-Bilder zeigen,
c) Chiu-zaischiki , ein Mittelding zwischen beiden Arten, wie bei den
meisten Gemälden der Schijo-Schule und den Kano-Bildern der
mittleren Periode angewendet erscheint.
Auch die Verbindung von Gold mit Farben bildet eine beliebte Art
der japanischen Malerei, die in der europäischen Kunst neuerdings von dorther
angenommen worden ist; sie erinnert vielfach an die mittelalterliche Miniatur-
und Missalen Malerei des XV. und XVI. Jh.
In der Komposition folgt der japanische Künstler mehr seinem an-
geborenen Geschmack als bestimmten Regeln; es gibt auch keine solchen im
strengen Sinne. Mag der Gegenstand noch so anspruchslos sein, wie etwa
**) Reismehl, resp. Reisstärke dient auch zur Herstellung der japanischen Holz-
schnitte. Otto Eckmann, der seine Originalholzschnitte selbst druckte, ist nach
vielen Versuchen auch auf obiges Mittel aufmerksam geworden und hat sich mit Erfolg
desselben bedient. Schreiber dieses besitzt eine handgemalte Kakemono (auf Papier),
welche auf einer durchsichtigen Unterlage von Reiskleister gemalt ist. Vergl. auch
die Angaben arabischen Ursprungs in den obgen. Beitr. p. 60 Note.
Pinsel.
Komposition.
42
ein Blütenzweig oder ein Bambusbüschel, die wie von ungefähr auf das
Papier hingeworfen sind, unter Ausserachtlassung jeglicher Symmetrie und
ohne irgend eine Spur von vorheriger Ueberlegung im Arrangement, so sind
doch die Zweige jedesmal mit ungezwungener Vollendung gezeichnet. Die un-
gemeine Freiheit und Sicherheit im Entwurf wie in der Detailausführung ist
eine Folge der traditionellen Anschauung und der genauesten Vertrautheit
mit den dargestellten Dingen. Der japanische Maler betreibt seine Kunst als
Handwerk und wiederholt das eine Thema in tausendfacher Variation sein
ganzes Leben hindurch. Daher seine staunenswerte Geschicklichkeit, die
ebenso in Gruppen- und Figurenszenen zur Erscheinung kommt wie in Tier-
und Pflanzenstücken. Im Ausdruck der Leidenschaft , Schrecken u. dergl.,
sind oft meisterhafte Nuancen von feinster Beobachtung zu bemerken , die
keiner unserer europäischen Künstler besser machen könnte. Der Schreiber
dieser Zeilen besitzt z. B. eine kleine Schale mit der Darstellung einer Markt-
szene, wobei ein Händler übelriechende Fische feil hält; wie sich die Um-
stehenden die Nasen zuhalten und die Fische an langen Stöcken von sich
weg halten, unter Grimassen und Geschrei, das ist ganz wundervoll wieder-
gegeben.
Perspektive. ßj0 Kenntnis der Perspektive ist neueren Datums, denn die ursprüng-
liche chinesische Malerei kennt dieselbe nicht. Nach Anderson’s Annahme
(p. 208 des cit. Buches) sind die Prinzipien der Linienperspektive durch
holländischen Einfluss am Ende des XVIII. Jahrhunderts in die japanische
Kunst eingeführt worden. Ein Schreiber, Schiba Gokan, habe die Grundzüge
von einem holländischen Residenten in Nagasaki erlernt und in einem 1794
erschienenen gedruckten Buche „Gwa-to Sai-yu den“ seinen Landsleuten mit-
geteilt. Von dieser Zeit an bemächtigten sich die japanischen Szenenmaler
sehr schnell dieser Kunst, wie es die Zeic’hnungen des Hokusai (1810) und
vieler Anderer beweisen. In realistischen Stimmungsbildern, wobei die Luft-
perspektive eine grosse Rolle spielt, gehen sie ihren eigenen Weg, der von
dem der europäischen Künstler verschieden ist. Erdichtete Wolkenbildungen,
Berge, die in der Luft oder im Nebel stehen, Mondschein bei heller Be-
leuchtung und andere Freiheiten gestatten sie sich mit grosser Ungeniertheit,
die nur durch die wahrhaft malerische Gesamtwirkung wieder entschuldigt
werden kann. Die jetzt im Aufschwung begriffene naturalistische Schule von
Schijo wird aber bald auch hierin sich jene Meisterschaft angeeignet haben,
die sie im übrigen auszeichnet.
maiw^en Kunst des Lackierens stammt vom Ende des 6. Jhd. und bestand
zunächst in dem einfachen Ueberziehen des Gegenstandes mit Firnis; bald ver-
vollkommnete sie sich zu einer eigenen und bedeutenden Industrie. Ein Edikt
vom J. 646 bestimmte, dass eine dreifache Schicht von Lack anzubringen
sei, um die Lackarbeiten wasserdicht zu machen; ein anderes aus dem
Anfang des 8. Jhd. befahl die Anpflanzung von Lackbäumen (Rhus vernici-
fera) in allen Gärten und öffentlichen Gründen, wie die von Maulbeerbäumen
für die Seidenindustrie, zur Hebung des Gewerbes. Roten und schwarzen
' Lack erzeugte man im 7. Jhd. unter der Regierung des Teinmu (673 — 686);
mit Perlmutter, Silber und anderen Dekorationen verzierte Lackarbeiten reichen
zurück bis ins 8. Jhd., die Zeit der Gründung von Kioto.
Bezüglich der Technik unterscheidet man
1. Lackarbeiten mit erhöhtem Gold -Dessin auf Goldunterlage (kin
makiyö) ;
2. Gold- oder Silber -Dessin auf schwarzer, roter oder andersfarbiger
Lackunterlage oder auf nashyi. Letzteres ist ein durch Goldstaub
gesprenkelter Lack. Die Zeichnung kann hier entweder erhöht oder
in einer Fläche sein;
3. einfarbige, gewöhnlich schwarze Zeichnung auf farbiger Lackfläche;
4. gold- oder andersfarbige Dekoration auf einem der erwähnten Unter-
gründe (urushi-ye = Lackbilder);
43
5. inkrustierte Laokarbeiten, durch Einfügung dünner Blätter von Perl-
mutter, Schildkrot, Elfenbein, Metall oder anderen Materien, die mit^
unter erhöht gearbeitet sind, wodurch eine grosse Mannigfaltigkeit
der Arbeit erzielt wird;
6. lackierte Dessins auf irgend einer ungefirnisten Fläche, wie Elfen-
bein, Korallen, SchildkFot, Horn, Holz, Porzellan, selbst auf Seide u. a.
Neuerdings sind auch Lackmalereien auf gefirnistem Papier nicht
selten ;
7. gravierte Laokarbeit, bei welcher die Zeichnung mit einem scharfen
Instrument vertieft und in die Vertiefung Goldlack eingetragen wird
(Ohinkin-bori) ;
8. geschnittene Lackarbeit, bei welcher das Relief durch eine dicke
Schicht von rotem, schwai'zem oder andersfarbigem Lack erzielt
wird. Hier wird auch ein Unterschied gemacht, ob die Holzunterlage
bereits geschnitzt war (Chomoku) oder die Erhöhung durch die Lack-
schichten erzeugt wird, die dann abermals dem Firnissen und Po-
lieren unterzogen werden (Zokuku-nuri) ; endlich
9. Lackarbeit mit Hilfe von Gold- oder Silberdraht, welcher die Konturen
bildet; in deren Zwischenraum wird schwarzer Lack eingestrichen
und dann poliert, so dass die Metalllinien wieder zum Vorschein
kommen.
Ueber chinesischen Lackfirnis, dessen Zusammensetzung lange Zeit
unbekannt war, haben erst Missionäre am Ende des XVIII. Jahrhunderts
nähere Nachrichten gebracht. Besonders hat Pater d’Inc arville der
französischen Akademie zuerst berichtet, dass der chinesische Lackfirnis
ein Gummi oder Harz ist und aus dem Firnisbaum (Augia chin. , Rhus
vernicifera) , einer auf Japan, in Nepal und anderen ostasiatischen Ländern
heimischen Sumach-Art, gewonnen wird. Der Firnis gleicht im frischen Zu-
stande einem flüssigen Pech von gelb- oder grauweisser Farbe; an der Luft
nimmt er eine rötliche Farbe an und wird bald schwarz, doch ist dies
kein glänzendes Schwarz, weil noch viele Wasserteile darin enthalten sind.
Um den Lack glänzend zu machen, d. h. um ihm die Wasserteile zu be-
nehmen , lassen die Chinesen ihn an der Sonne in breiten Gefässen einige
Stunden stehen, wodurch die Masse zäher wird, oder man dampft ihn bis
zur Hälfte ein, mischt 5 — 6 Drachmen auf ein Pfund Firnis gut eingedickter
Schweinsgalle hinzu und wenn diese eine Viertelstunde lang eingerührt ist,
fügt man noch 4 Drachmen römischen Vitriols auf jedes Pfund der Masse
hinzu; letzterer ist in einer gehörigen Quantität Tee-Oel aufgelöst und dadurch
trocknend gemacht worden. Das Töe-Oel wird aus den Früchten des Tee-
baumes zu diesem Zwecke gewonnen. Um es trocknender zu machen,
wird beim schwarzen chinesischen Lack das Teeöl mittels 50 Gramm Arsenikum
(Realgar und Auripigment zu gleichen Teilen) bis auf die Hälfte eingesotten.
Abgedruckt in Watin L’art du Peintre, Vernisseur. Deutsch. Ausg Il-
menau 1827, p. 319.
Semper (I p. 114) gibt folgende Angaben über die Zusammensetzung des
chinesischen Lacks: „Man vermischt die gereinigten und auf verschiedene Weisen
durch Zusätze von Schweinsgalle, Hirschhornkohle u. s. w. präparierten Lacke mit
Wasser, so dass etwa 605 Gramm Lack der ersten Qualität auf ein Kilogramm
Wasser kommen, setzt noch zu derselben Quantität Lack 37 bis 40. Gramm Oel von
der Camellia Sesanqua, eine Schweinsgalle und circa 19 Grarnm Reisessig hinzu.
Nachdem diese Stoffe gut zusammengemischt sind, bilden sie einen feinen pastosen
Firnis von glänzend schwarzer Farbe.“ .
Ueber den japanischen Lack schreibt Andes (Praktisches Handbuch f. An-
streicher u. Lackierer, Techn. Bibliothek v. Hartleben,, Leipz. 1892, p. 17): „Der ja-
panische Lack stellt, wie er vom Baume kommt, einen ziemlich dickflüssigen, gelb-
oder grauweissen Saft dar, welcher an der Luft sich rasch bräunt und giftige
Eigenschaften zeigt. Die Zubereitung, welcher derselbe unterzogen wird, ehe man
ihn anwendet, besteht darin, dass man ihn, um ihn von Staub, Insekten und Rinden-
oder Blattteilchen zu befreien, durch besonderes, sehr durchlässiges Papier presst;
daun rührt man denselben längere oder kürzere Zeit an der Luft, um ihn geschmeidiger
Naohrichteu
Uber chines.
Lackfirnis.
44
Das Oel gibt (lern Firnis einen vortrefflichen Glanz. Den schönen
schwarzen Lack erhält man durch Zusatz von pulverisierter Hirschknochenkohle
oder Elfenbeinschwarz mit dem genannten Siccativöl. Die weisse Pirnisfarbe
wird aus Silberblättchen bereitet, die man mit Firnis zu einem Teige knetet; man
fügt etwas Kampher hinzu, um die Auflösung wasserklar zu machen. Statt
des Silbers wird auch mitunter Quecksilber «angewendet. Der mineralische
Zinnober oder die Safflorblume, dem Lack zugesetzt, machen ihn rot; Auri-
pigment allein gibt gelben Lack, vermischt mit Indigo, grünen Lack; zu dem
violetten nimmt man einen fein gepulverten Stein, The-che genannt, oder
wohl auch calcinierten roten Vitriol, der scharf gebrannt ist, um ihm sein Salz
zu nehmen, da der Firnis, wie sie sagen, kein Salz ertrage.
Die Anwendung des Lackes verlangt die allergrösste Sorgfalt; er wird
nur auf ganz geebnete Flächen, die vorher mit dem Oel des Tong-ohou-Baumes
bestrichen sind, aufgetragen; bei farbigen Arbeiten werden die Lacküberzüge
sehr oft wiederholt, bis die Oberfläche glatt und glänzend wie ein Spiegel
ist; auf diesen glänzenden Grund wird dann Malerei, Vergoldung u. s. w. auf-
getragen, die schliesslich ihren Halt durch einen letzten leichten Lacküberzug
erhalten. Mit der grössten Vorsicht wird während der Arbeit darauf geachtet,
dass die Werkstätte vollständig staubfrei bleibe; auch gilt es als Bedingung,
von der das Gelingen aller Lackarbeiten abhängt, dass diese an einem mehr
feuchten als trockenen Orte erhärten, und in den Trockenräumen wird hierauf
die peinlichste Sorgfalt verwandt.
Zum Polieren der Lacküberzüge wird nach d’Incarville eine Komposition
von Ziegelmehl, das mehrmals gewaschen und durchgesiebt ist, mit Schweins-
blut und Kalkwasser angerührt; daraus werden dann Stangen geformt, die
zum Polieren dienen. Von der oftmaligen Wiederholung des Polierens und
der Anzahl der Firnisschichton hängt die Vortrefflichkeit ab.
Zur Vorbereitung von Goldfirnisverzierungen wird, nach derselben
Quelle, die Zeichnung auf einem- Stück Papier entworfen, mit verdünntem
Operment ausgefüllt und auf die weiche Masse der zu dekorierenden Fläche
stark aufgedrückt. Nachher werden mit Operment in Gummi oder Leim
die Züge übergangen. Derselbe Firnis, der zur Goldbeize dient, wird auch
zur Auflösung der Farben gebraucht; um ihn flüssiger zu machen, mischt
man etwas fein gestossenen Kampfer hinzu und bereitet mittelst einiger Tropfen
Firnis einen Teig, den man eine Viertelstunde hindurch mit einem Spatel
durchknetet. Von diesem Teige nimmt man das Nötige zur Auflösung der
Farben. Soll das Gold erhöht erscheinen, so mischt man der Beize etwas
Zinnober bei. Vor der Vollendung bringt man den Gegenstand zum Trocknen
in die Trockenräume. Zwölf Stunden sind hinreichend, ihn soweit zu bringen,
dass man das Gold anlegen kann. Zur Anlegung des Goldes drückt man.
Läppchen von Kokonseide auf das Goldpulver (Muschelgold), um sie damit
zu beladen, und reibt sie über die zu vergoldenden Stellen hin und her.
Das Gold bindet sich sofort an die Beize. Ist dies aber nicht der Pall,
weil die Unterlage nicht trocken genug war, so zerstückelt man schnell ein
zu machen, versetzt ihn mit Oel, oder mischt ihn, wenn man schwarzen Lack dar-
stellen will, mit Wasser, welches einige Zeit über Eisenfeilspänen gestanden hat.“
Aus diesen Angaben ist die Eigenartigkeit der Lackmasse ersichtlich, die an-
fänglich mit Wasser mischbar nach dem Trocknen überaus widerstandsfähig wird.
Dem ,grauweissen“ Aussehen und allen übrigen Merkmalen nach zu schliessen, haben
wir es hier mit einer emulsionsartigen Masse zu tun, einem Gummiharz, das noch
mit Oelen versetzt wurde, um es gebrauchsfähig zu machen.
Interessant^ ist eine Bemerkung, die ein arabischer Reisender Masudi im
IX. Jh. über einen eigentümlichen Anstrich der Holzbauten bei den Chinesen ge-
macht hat, dass infolge dieses Anstriches deren Bauten leicht in Brand geraten;
es heisst in der von Renaudet gegebenen Uebersetzung (Anciennes Relations des
Indes et de la Chine, traduites de l’Arabe avec des rdmarques, Paris 1718 p. 59): bHs
enduisent le tont avec une colle particuliere qu’ils font avec de la graine de chanvre,
qui devient blanche comme du lait, et quand les murailles en sont enduites,
eiles on un esclat merveilleux“. Dies scheint demnach einer emulsionsartigen Flüssig-
keit, die aus Hanföl und irgend einem Gummi hergestellt wurde, zu entsprechen.
wenig weissen Bolus und wischt diesen auf die Stellen; dann kann man un-
bedenklich das Gold auf die Beize auftragen.
Wir haben uns mit dem chinesischen Verfahren des Lackierens vielleicht
über Gebühr beschäftigt. Es galt aber hier zu zeigen, wie aus dem örtlichen
Vorkommen eines bestimmten Materials sich besondere Bedingungen für die
Ausbildung einer eigenen industriellen Technik ergeben, von der sowohl der
Stil als auch die Art der Malerei beeinflusst ist. Semper (I p. 116) glaubt,
dass „das chinesische Verfahren des Lackierens in Vielen Punkten mit dem-
jenigen übereinstimmt, welches die Hellenen und überhaupt alle antiken kunst-
gebildeten Völker (Assyrier, Aegypter, Etrusker u. s. w.) bei ihren polychromen
Flächenverzierungen beobachteten, und manchen interessanten Blick in die
Technik der ältesten Malerei gewährt.“ Und in der Tat- herrscht von den
ältesten Zeiten an überall das Prinzip, das Material zur Grundlage der hand-
werklichen Ausführung zu nehmen, um möglichst grosse Wirkung zu erzielen.
Durch das Glätten oder Polieren (der chinesische Lack ist ein polierter
Ueberzug, nicht nur ein Firnis) wird gleichzeitig eine innige Verbindung mit
dem Untergrund, eine weit intensivere Farbenerscheinung und die grösste
Dauerhaftigkeit der Malerei erreicht. Diese gegenseitige Unterstützung
aller auf äussere Erscheinung, Solidität und Materialauslese gegründeten Mo-
mente finden wir bei allen älteren Methoden der Malerei vereinigt, und hierauf
beruht jede rationelle Technik der Malerei.
Einfluss des
Materials auf
die Technik.
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II. Teil.
Technik der griechischen und römischen Malerei.
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49
Allgemeine Uebersicht über die Entwicklung im Altertum.
Ob die Malkunst in einer bestimmten Zeit und von bestimmten Personen
erfunden worden ist, erscheint uns heute als völlig müssige Frage. Bei den
Griechen füllten jedoch die Namen der „Erfinder“ ein beliebtes Kapitel in
ihren kulturgeschichtlichen Schriften; für jede Wissenschaft und Kunst, jedes
Gewerbe, ja jedes Handwerkszeug wusste man einen „Erfinder“ zu nennen,
und es schmeichelte dem Stolz einer Stadt, wenn einer ihrer Bürger eine Er-
findung gemacht, einen wichtigen Fortschritt zuerst eingeführt haben sollte.
Schon mehrere tausend Jahre vor den Griechen rühmten sich die Aegypter
die Kunst der Malerei gekannt zu haben; in Griechenland nahmen Sikyon
und Korinth das Verdienst der Erfindung und frühesten Pflege für sich in
Anspruch. Später, als die griechische Malerei in sicherer Tradition zu immer
höherer Vollkommenheit sich entwickelte, haben namentlich Xenokrates und
Antigonus sich bemüht, die Fortschritte dieser Entwicklung im einzelnen
festzustellen. Solchen Autoren hatte Plinius sein Material entnommen, als
er in den letzten Büchern seiner sog. Naturgeschichte alles zusammenstellte,
was für das kunstgeschichtliche Wissen der Gebildeten seiner Zeit nötig zu
sein schien, und es wird das Bild, das er von der Entwicklung der
Malerei entwirft, im wesentlichen den Anschauungen der alten Künstler und
Kunstgelehrten entsprochen haben. Wenn uns manches dabei unklar und
unsicher vorkommt, weil uns die Kunstwerke fehlen, die eine Nachprüfung
gestatten, so mag sein Bericht in diesem Palle doch zur Grundlage genommen
werden, um von da aus zu allgemeineren Gesichtspunkten zu gelangen.
Nach Plinius (XXXV, 15) G war man im Altertums darüber einig, die
erste Malerei hätte darin bestanden, dass man den menschlichen Schatten
mit Linien umzog. Demnach war der so umzogpne Schattenriss, mit nur
einer Farbe ausgefüllt und kaum mit der allernötigsten inneren Linienführung
versehen, wie wir dies an allerältesten griechischen Vasen sehen, die erste
Art der Darstellung der menschlichen Figur, denn nur von der letzteren geht
Plinius bei seiner Erörterung aus. Aber welch’ grosser Unterschied zwischen
dem kindisch unbeholfenen Leichenzug auf den bekannten Vasen vom Dipylon
und der Amazonenschlacht der Münchener Vasensammlung 1 (Abb. 10.) Dort
der Eindruck der absoluten Unfähigkeit, hier die Anzeichen meisterhafter
Form und Linienführung.
Angenommen, es wäre dieser Schattenriss die älteste Art der Darstellung,
so konnte dieselbe natürlich nicht lange dem sich freier entwickelnden Ge-
schmack genügen; der Ausfüllung der Kontur mit nur einer Farbe musste
alsbald die Verschiedenfarbigkeit folgen, und es ist meiner Ansicht nach
kaum richtig, den Griechen selbst der ältesten Zeit zuzutrauen, dass sie an
ihren Tempelwänden einfarbige Silhouetten geduldet hätten. Die Auffassung
0 Die Zitate aus der Naturalis historia des Plinius gebe ich regelmässig mit der
Buch- und der Paragraphenzahl, ohne die Kapitel und Sektionen zu bezeichnen , wie
es, wenigstens in Deutschland, allgemeinei Gebrauch geworden ist, seitdem Sillig die
bequeme Paragrapbeneinteilimg eingelührt hat.
Schattenriss.
Monochrome
Malerei.
4
50
der monochromen Malerei in dem eben angedeuteten Sinne kann schon
deshalb nicht zutreffend sein, weil wir bei den Aegyptern vergebens nach
einer Analogie suchen. Die stets schwarze Farbe der altgriechischen Vasen-
bilder wird eher ihren Grund in dem Material haben, weil die Vasenmaler
eine entsprechendere Farbe, die sich eingebrannt vom roten Ton äbheben
sollte, nicht kannten und selbst da sehr bald noch Weiss und Violettrot zu
Hilfe nahmen. Ueberdies wird in den Worten des Plinius die sog. Monochrom-
Malerei nicht einmal die erste, als welche der Schattenriss (Skiagraphia) gelten
soll, sondern de zweite Stufe genannt: „Die zweite mit einzelnen Farben
habe man Monochromatos genannt“ (XXXV, 15: itaque primam talem, se-
cundam singulis coloribus et inonochromaton dictam). Ganz deutlich ist dem-
nach hier schon die Mehrfarbigkeit gemeint, aber die Farben wurden in
der monochromen Malerei nur als Lokalfarbe, ohne jede Modellierung in
Licht und Schatten verwendet, wie es auf den altägyptischen Malereien zu
sehen ist. Dass dabei schon reiche Detailausführung der Stoff-Ornamentik,
jedoch ohne Faltenzüge, und sehr charakteristisches Erfassen des Gesichtes
typus zu bemerken ist, haben wir bei der Besprechung der ägyptischen
Maltechnik hervorgehoben (p. 5).
Abbild. 10. Amazonenkampf. Vasengemälde archaistischen Stiles. Nach einem Original der
Münchener Vasensammlung.
Monochrome Malerei wurde noch zu Plinius Zeiten ausgeübt (a. a. 0.),
ein Beweis dafür, dass die naive Auffassung der ältesten Vasenmaler nicht
damit gemein sein kann, und dass diese Malerei besondere Eigenschaften gehabt
hat, die sie für bestimmte Zwecke verwendbar erscheinen liess. Die An-
wendung einer Lokalfarbe, d. h. einer Farbe ohne Tonabstufung hat, ko-
loristisch genommen, den Zweck, die so bemalte Figur aus der Umgebung her-
vortreten zu lassen; die Figur erhielt durch die starke Färbung ihrer einzelnen
Teile ihre volle Wirkung für die Entfernung. Aber während ursprünghch
diese Figuren dunkel auf heller, unbemalter Umgebung standen, vollzieht sich,
genau so wie wir es bei der ägypt. Malerei gesehen (p. 17), in der Folgezeit
eine Wandlung ins Gegenteil. Dadurch machte die Monochrom malerei mit
einem mal einen grossen Fortschritt und ging nun ihrer höchsten Vol-
lendung entgegen. Jetzt hoben sich die Figuren licht von der dunklen
Umgebung ab, und damit begann die Herrschaft des Malerischen in der
Malerei. Der klassische Stil der griechischen Vasenbilder gibt davon tausend-
fache Beweise; der Schwung der Linienführung, die glänzende und höchst
geschmackvolle Rauraausfüllung setzen uns heute noch in gerechtes Er-
staunen. (Abb. 11.)
51
Zu den Monoohroraen zählen wir alle diejenigen Malereien, bei welchen
durch Linien- und Umrisszeiohnung die Flächen ausgefüllt werden, ohne
Modellierung und ohne Berücksichtigung eines nach der Tiefe (des Raumes)
wirkenden Hintergrundes, mit einem Wort: die Prieskomposition, bei wel-
cher die Figuren auf einer Ebene und auf einem einfarbigen oder ungefärbten
Hintergründe stehen. So primitiv auch scheinbar eine solche Kunstrichtung
sein mag (vergl. die Malereien in den etruskischen Hypogäen von Ruvo,
Oorneto u. s. w.), so lassen sich durch sie doch grosse monumentale Wir-
kungen erzielen, und daraus erklärt sich auch die Erhaltung dieses Kunst-
zweiges bis zur Zeit des Plinius. Zur Steigerung dieser monumental-dekorativen
Eigenschaft der monochromen Malerei wurden im Altertum selbst die grellsten
Farben, verwendet; Drachenblut und Zinnober (cinnabaris, minium) erwähnt
Plinius speziell bei dieser Malart, „man hielt aber beide Farben für zu
schreiend und ist zur Rubrica (Rötel) und Sinopisrot übergegangen (XXXIII,
117). Die Erfahrung lehrte sehr bald auch die Kontrastwirkung der Farben,
so dass mit den weniger grellen Farben der gleiche Effekt für die Perne er-
reicht werden konnte.^)
Abbild. 11. Musikunterricht. Vasengemälde der Bjiütezeit. Nach einem Original der gleichen
Sammlung.
Innerhalb dieser Monochrommalerei werden sich in logischer Reihe alle
durch eingehenderes Naturstudium bedingten Verbesserungen vollzogen haben;
Plinius (XXXV, 16) nennt auch die Namen der Künstler, denen diese zu-
geschrieben wurden: Die primitive Umriss- oder Linienmalerei (linearis) wurde
von Aridikes aus Korinth und Telephanes aus Sikyon durch Hinzufügung
der „inneren Linienführung“ bereichert, aber in der Charakteristik des Dar-
gestellten kamen sie über das Roheste nicht hinaus; „daher wurde es ge-
bräuchlich, die Namen der Abgebildeten beizuschreiben“. Ekphantos aus
Korinth wird als der erste genannt, der solche Porträts auch kolorierte,
„wie man angibt, mit zerriebenen Scherben“, worunter nicht unser Ziegelrot,
sondern der Farbstoff der terra sigillata zu verstehen ist (John p. 110).
*) Blümner, Terminol. und Techn. IV, p. 420 und Brunn, Geschichte der
griech. Künstler II, p. 8 sind der Ansicht, dass zu Plinius Zeiten unter Monochromen
etwas anderes, nämlich die durch Schattierung einer und derselben Farbe (mittelst
Weiss) hergestellten Gemälde verstanden wurden, also was en camayeu oder chiaros-
curo, „grau in grau“ bedeutet, und dass Zeuxis die von Plinius (XXX V", 64) ex albo
genannten Monochrome so gemalt hätte, denn es Hesse sich ein so raffiniertes Ver-
fahren, wie das Malen von ,, Helldunkel“ unmöglich den Anfängen der Kunst zu-
schreiben. Vielleicht meint Plinius damit, dass Zeuxis die Lichtwirkung der mono-
chromen Malerei durch Weiss noch zu steigern verstand.
Verbesserun-
(ren innerhalb
d. Monoohrom-
malerei.
4*
52
Beginn des
Kolorits.
Polygnot.
Früher wurde naralich der Fleischton nicht mit Farbe ausgefüllt, sondern
nur die Gewandung u. s. w., wie auf den altägyptischen Malereien; dann be-
gann Eumaros aus Athen „den männlichen und weiblichen Körper durch
das Kolorit zu unterscheiden“ (XXXV, 56), die nächste Folge des Vorigen
und ein Beweis des Strebens, die Natur als Lehrerin zu erkennen. Eumaros
„wagte es, alle Formen nachzumachen“ d. h. er individualisierte, mehr als
es bisher üblich war, die verschiedenen Stellungen, Bewegungen und die
Muskulatur des menschlichen Körpers. Immerhin war er in gewisser Richtung
beschränkt, weil jeder Kopf und jede Bewegung im Profil, die Glieder alle
in ganzer Länge sichtbar bleiben mussten, da die Ueberschneiduogen und die
nötige Verkürzung der Form ohne Licht und Schatten schwer ausdrückbar
sind; ein nach vorn gestreckter Arm z. B. würde, nur mit Konturlinien ge-
zogen, viel z\i kurz aussehen. Aber er war auf dem richtigen Weg. Dann
„bildete Kimon aus Kleonae diese Errungenschaft weiter aus“. Er musste er-
kennen, dass viele Bewegungen, insbesondere wenn mehrere Figuren in Be-
ziehung zu einander dargestellt werden sollten, mit reiner Profilansicht nicht
zu geben waren; so hat er denn „erfunden, Katagraphen, Bildnisse von der
Seite, zu malen und das Gesicht willkürlich zu richten, so dass es jemand
bald gerade ansieht, bald aufwärts, bald abwärts blickt“. Ihm werden also
die Erfindungen des Porträts im Halbprofil und die üeberschneidungen nach
oben und unten zuzuschreiben sein. Alles, was ihm sonst noch zur Ehre an-
gerechnet wird, ist die Folge seiner schärferen Naturbeobachtung: „er hat
auch die Artikulation der Glieder unterschieden, die Blutgefässe angedeutet
und ausserdem die Falten und den Wurf des Gewandes in der Malerei er-
funden.“ Daraus ergibt sich, dass er sehen gelernt hatte und die Dinge
auch so darzustellen verstand, wie er es sah; er war Realist, wie wir heute
sagen würden. Brunn (Gesoh. d. griech. Künstler II, 8) nennt ihn mit
Recht den Begründer der kunstmässigen Zeichnung. Während man vor ihm
die Gewandung in einfachen Linien über die Formen des Körpers hinwegzog,
beobachtete er, wo sich die Falten an die Körperteile anlegen und wie der
Körper selbst durch die Gewandung hindurch wirkt, wie sich die Falten an
solchen Stellen brechen oder der Form nachgeben u. s. f.; es gehört auch
heute noch zu den bekannten Gesetzen des Faltenwurfes, dass die Artikulation
der Glieder damit deutlich zu machen ist.
„Schliesslich“, so berichtet Plinius (XXXV, 29), „erzeugte die Kunst
aus sich selbst heraus grössere Mannigfaltigkeit und schuf Licht und Schatten,
wobei die Kontraste von heller und dunkler Farbe sich gegenseitig hoben;
nachher kam dann das Glanzlicht (splendor) hinzu, das vom Licht noch ver-
schieden ist; was zwischen diesen und dem Schatten lag, wurde Ton (tonos),
die Verschmelzung und die Uebergänge der Farben harmoge genannt“. Da-
mit ist eigentlich, was wir Kolorit nennen, beschrieben. Durch fortgesetztes
Naturstudium reifte selbstverständlich die Erkenntnis der Formengebung durch
Licht und Schatten; man beobachtete sogar schon, dass das höchste Licht
einen anderen Charakter hat als der Lokalton (kalt oder warm) und dass erst
durch richtige Abschattierung nach den Seiten hin die harmonische Rundung
der h'orm eintritt.
ln der 83. Olympiade (um 445 v. Oh.) muss der Gebrauch von Farbe
und die Hebung im Zeichnen schon sehr vervollkommnet gewesen sein, da
Panänos, der Bruder des Phidias, auf einem die Schlacht von Marathon
(490 V. Oh.) darstellenden Gemälde die Feldherrn, von den Athenern Miltiades,
Kallimachos und Kynaegiros, von den Barbaren Datis und Artapharnes,
porträtähnlich gemalt haben soll. Ziemlich gleichzeitig hat Polygnot von
Thasos die Malerei ausserordentlich gefördert: „er malte zuerst weibliche
Figuren in durchsichtigem Gewände und schmückte die Köpfe mit vielfarbigem
Putz; er unternahm es zuerst seine Figuren mit geöffnetem Munde und
Sichtbarwerden der Zähne darzustellen, auch den Gesiohtszügen die alte Starr-
heit zu nehmen“. Polygnot führte also Anmut und Schönheit in die Kunst
ein, welche von nun an in der Darstellung des Weibes, der Krone der
1
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J
f
53
Schöpfung, eine ihrer höchsten Aufgaben erblickte. Er hat den sieghaften
Typus der klassischen Schönheit mit dem lächelnd halb geöffneten Munde
erfunden; er hat in seinen berühmten Darstellungen aus der Heldensage (zu
Delphi und in der Stoa Poikile zu Athen) die Idealgestalten so geschaffen,
wie sie sich die zeitgenössische Phantasie in ihrem höchsten Schwünge vor-
stellte; er hob sie „über die Wirklichkeit“, indem er idealisierte.
Von da an schreitet die Malerei ihrer höchsten Blüte entgegen. In der
93. Olympiade (um 406 v. Oh.) tut sich Apollodor aus Athen durch be-
sonders feine Modellierung der Formen (exprimere species) hervor. Er er-
reichte durch Licht- und Schattenwirkung einen hohen Grad von Körperlichkeit;
Ausdruck und Bewegung sind ganz und gar der Natur abgelauscht, die Farbe
so kräftig und verständig abgewogen, dass der Beschauer schon den Ein-
druck der Illusion, der gemalten Wirklichkeit erlangen musste. „In die
durch ihn geöffneten Pforten trat Zeuxis von Heraklea im 4. Jahre der
95. Olympiade (396 v. Ch.) und führte den schon kühn gewordenen Pinsel
zu hohem Ruhm.“ Er war der berühmteste Maler seiner Zeit, und die un-
gemessene Wertschätzung verleitete ihn zum Eigendünkel, so dass „er seine
Werke nur verschenkte, weil kein Preis, wie er sagte, für sie hoch genug
war“. An Naturwahrheit wurde er freilich von Parrhasios aus Ephesus
übertroffen, wie aus der bekannten Anekdote von den gemalten Trauben, auf
welche Vögel zuflogen, und dem von Parrhasios gemalten Vorhang, hinter dem
Zeuxis das eigentliche Bild vermutete, hervorgeht. Das fortgesetzte Studium
der Natur führte eben auch zu den allerletzten Konsequenzen, wonach in der ab-
soluten Täuschung das höchste Ziel erblickt wird; es ist der N aturalismus,
der sich ebenso sehr in den Motiven wie in der Ausführung ausspricht. Dem
Parrhasios wird von seinen Kunstgenossen noch besonders nachgerühmt, dass
er in der malerischen Behandlung des äusseren Umrisses (liniis extremis) die
Palme davontrug: er habe die „nur selten erreichte Kunst“ verstanden, „bei
den äusseren Umrissen der Körper trotz der verschwindenden Malerei die Be-
stimmtheit der Form zu wahren, so dass die Körper an ihrer Begrenzung
um sich selbst herumgehen (se ipsa ambire, d, h. sich vollkommen runden)
und, wo sie aufhören, ahnen lassen, was noch hinter ihnen ist, und so ge-
wissermassen auch zeigen, was sie verdecken“ (XXXV, 67. 68). So gezwungen
auch sich Plinius an dieser (schwer übersetzbaren) Stelle ausdrückt, so ist
doch klar zu erkennen, dass damit nur die freie Erscheinung einer ge-
malten Figur im vorgestellten Raum gemeint sein kann, dasselbe, was unsere
Pleinairisten auch heute anstreben! Von demselben Künstler werden Studien
auf Holz und Pergament erwähnt, „von denen selbst Künstler lernen könnten“,
die älteste Erwähnung von Malerei auf Pergament (Miniaturmalerei).
Der glänzende Ruhm und der reiche Lohn der Kunst in dieser Periode
zog Talente nach den Städten, in denen sich Malerschulen gebildet hatten;
Pamphilos zu Sikyon insbesondere war als Lehrer sehr gesucht, denn er war
der erste Maler, der eine allgemeine wissenschaftliche Bildung, „namentlich
Kenntnisse in Arithmetik und Geometrie besass, ohne die seiner Meinung nach
die Kunst nie zur Vollkommenheit gedeihen könne“. Zu dem praktischen
Studium der Natur gesellte sich noch das theoretische Wissen; die Linien-
perspektive und anatomisches Erkennen des Körpers müssen in seinem Lehr-
plan einen hervorragenden Platz eingenommen haben. Er verlangte von allen
für zehn Jahre Unterrichts nicht weniger als ein Talent (4500 — 5000
und dieses Lehrgeld hat ihm auch Apelles entrichtet.
Ap eiles aus Kos (112. Olympiade, um 330 v. Oh.) übertraf so sehr alle
berühmten Vorgänger und Zeitgenossen, dass die Alten meinten, er weide
auch für alle Zeiten unübertroffen bleiben. Er war der Raffael des Alter-
tums, und von dem Eindruck, den diese blendende Künstlererscheinung hinter-
lassen hat, zeugt eine ganze Reihe von feinen Zügen aus seinem Leben und
von sprichwörtlich gewordenen Aussprüchen, die man sorglich gesammelt
und der Nachwelt überliefert hat. Als die ihn auszeichnende Eigenschaft, in
der niemand ihm auch nur nahe kam, galt die „Grazie“ (}(apis). Daher war
Zeuxis und
Parrhasios.
Malerschulen.
Apelles.
54
er der gefeiertste Maler höchster Prauenschönheit; seine Aphroditebilder wurden
als unvergleichliche, einzigartige Kunstwerke betrachtet und mit Gold auf-
gewogen. Br schuf auch figurenreiche Kompositionen, doch seine Hauptstärke
scheint in Einzelfiguren mit mannigfachem Beiwerk gelegen zu haben, und
hier vereinigte er die grösste zeichnerische Vollendung — von der Sicherheit
seiner Hand und der Feinheit der Linienführung erzählt die bekannte Anekdote
von seinem Besuche in Protogenes’ Werkstätte — mit vollkommener Natur-
treue in der malerischen Behandlung. Daher zeigten seine Porträts eine
,bis zur Ununterscheidbarkeit gehende Aehnlichkeit“ ; Alexander d. Gr. wollte
von niemand anders gemalt werden und ist oft in vielfacher Variation von
ihm gemalt worden. Auch an koloristisch schwierige Aufgaben hat er sich
gewagt, denn er soll „Dinge, die sich nicht malen lassen, Blitz und Donner (I)
und Wetterleuchten“ malerisch dargestellt haben — in welcher Weise, ist
freilich nicht mehr zu erkennen. Ueber seine Kunst hat er selbst Bücher
geschrieben, doch muss er, was die Technik betrifft, einiges als Geheimnis
behandelt haben; wenigstens konnte ihm niemand den von ihm erfundenen
eigentümlichen Firnis nachmachen, der „durch Reflexion des lächtes die Klarheit
der Farbe erhöhte und gleichzeitig durch einen von weitem nicht zu be-
merkenden dunkleren Schein die allzuleuchtenden Farben milderte“ (XXXV, 97).
Dass auf dieser Stufe der technischen Entwicklung Gemälde von so hohem
Parbenreiz mit nur vier Farben gemalt worden seien, klingt uns heute
ganz unglaublich, und doch sagt Plinius XXXV, 50 (vgl. auch § 92), dass
die berühmten Maler Apelles, Aötion, Melanthios, Nikomachos mit nur vier
Farben ihre unsterblichen Werke hergestellt hätten,^) und nennt Weiss von
Melos, attischen Ocker, Sinopisrot und Schwarz; Blau kommt nicht vor. Man
könnte etwa daran denken, dass zu dem Zwecke das den Alten bekannte
Rebenschwarz gedient habe, da dieses mit Weiss gemischt einen bläulichen
Ton anniramt. Für die monochrome Malerei dürften auch wenige Farben
genügt haben, weil hier mit möglichst einfacher Parbenwirkung gerechnet
wird; die Stelle des Plinius scheint aber mehr den Unterschied zwischen
der früheren und seiner eigenen Zeit ausdrücken zu sollen, denn er fügt hinzu:
„Jetzt, wo der Purpur sogar auf die Wände kommt, und Indien den Schlamm
seiner Flüsse und den blutigen Ausfluss seiner Drachen und Elefanten bei-
steuert, gibt es keine edle Malerei mehr.“ Er will damit vor allem sageri,
die Schönheit der Malerei hänge nicht von der Kostbarkeit des verwendeten
Materials ab (die gleiche Ansicht bei Vitruv VII 5, 7).
Ein Zeitgenosse des Apelles, Aristides, malte im grossen Stile was wir
Historienmalerei nennen würden, z. B. ein Schlaehtenbild mit hundert Figuren,
und war meisterhaft im Ausdruck der Charaktere und der Affekte.
Von der Höhe des technischen Könnens und künstlerischen Verständ-
nisses jener Zeit gibt folgende Anekdote einen erwähnenswerten Beweis:
Apelles soll beim Anblick eines von Protogenes mit unsäglicher Sorgfalt
durchgeführten Gemäldes wahrhaft betroffen gewesen sein und gern dem
Nebenbuhler den Vorrang vor sich eingeräurat haben; nur in einem Punkte
müsse er diesen für sich in Anspruch nehmen, darin nämlich, dass er ver-
stehe, die Hand zur rechten Zeit von der Arbeit zurückzuziehen, denn zu
grosse Sorgfalt tue der Wirkung Eintrag (Plin. XXXV, 80). Im Nebensäch-
lichen mit geringer Andeutung sich zu begnügen, um die grosse Wirkung in
die Hauptsache zu verlegen, darin besteht die höchste Vollendung der Technik,
darin liegt der wahrhaft künstlerische Geist.
®) In diesem Punkte befindet eich Plinius nicht im Einklänge mit anderen alten
Schriftstellern. Cicero (Brut. 18, 70) sagt dies speziell von Polygnot, Zeuxis. Timanthes
und deren Zeitgenossen, während er den Künstlern der Folgezeit, Action, Nikomachos,
Protogenes, Apelles hinsichtlich des Kolorits die volle Beherrschung der Technik zu-
schreibt. Vgl. Blümuer IV, 465. — Mir will scheinen, als ob die Alten mit den „vier“
Farben nicht die Pigmente, sondern das von griechischen Philosophen aufgestellte
Farbensystem gemeint haben. Geradeso genügten den Späteren nur drei Grund-
farben (gelb, rot und blau) im optischen Sinne, und niemand wird behaupten, dass
sie nur drei Pigmente anwendeten.
55
Das intimere Studium der Natur führte weiter auch zur Beobachtung
und Nachbildung unbedeutender Vorgänge und Gegenstände der allernächsten
Umgebung, zur Stilleben-, Landschafts- und Genremalerei. Piraeicus
malte z. B. Barbierstuben, Schusterwerkstätten, Gemüse- und Küchenstücke,
dies alles in kleinstem Format, aber mit vollendeter Feinheit der Durchführung,
Kalates und Antiphilos auch komische Szenen und Karikaturen. Derartige
Kontraste finden wir stets in den höchsten Kunstperioden; waren doch Teniers
und Ostade Zeitgenossen von Rubens und Van Dyckl
Dies sind die hervorragendsten in der Reihe der Maler „ersten Ranges“
(proceres), die Plinius als die „Meister des Pinsels“, d. h. der Tempera-
malerei auf Wänden und Tafeln j bezeichnet. Ihnen stellt er als ebenbürtige
Vertreter einer anderen Technik eine Reihe der grossen Meister der Bn-
kaustik gegenüber,
üeber Ursprung und Alter dieser Technik herrschte, nach seinem Bericht
(XXXV, 122), schon bei den Alten Ungewissheit. Einige behaupteten, er-
funden sei sie von dem Maler Aristides und vervollkommnet von dem Bild-
hauer Praxiteles; beide hatten, dem Lebensalter nach nur um wenige Jahr-
zehnte verschieden, ihre Blütezeit erst nach 370 v. Ohr., etwa während der
Regierung Philipps von Macedonien. Aber mit Recht wendet Plinius selbst
dagegen ein, dass es weit ältere Bilder enkaustischer Art gäbe: so von Po-
lygnotos, der ein Zeitgenosse des Phidias, ungefähr 70 Jahre früher auf der
Höhe seines Ruhmes stand, von Nikanor, Mnesilaos aus Paros und Bla-
sippos. Sicherlich ist die Enkaustik schon bekannt gewesen in der Zeit,
wo die Wand- und Tafelmalerei hohen Stils erst anfing, sich zu künstlerischer
Höhe zu erheben, und die „Meister des Pinsels“ werden auch enkaustisch
gemalt haben — von P am philos, dem anerkannten Haupt der sikyonischen
Schule ist bekannt, dass er sogar darin unterrichtet hat — ; aber ebenso
sicher ist, dass dies nur nebenbei geschah, denn es war eine äusserst mühe-
volle Art zu arbeiten^) und nur geeignet, wie es schien, für Bilder von mässi-
gem Umfang; die Vorzüge, die sie besass, die Kraft und der Glanz sowie
vor allem die Haltbarkeit der mittelst Wärme zu befestigenden Wachsfarben,
die durch Abwaschen nicht beschädigt wurden,^) mochten nicht gross genug
erscheinen, um die Unbequemlichkeit des Verfahrens, das eine ungewöhnliche
Geschicklichkeit der Hand erforderte, aufzuwiegen.
Jedenfalls ist des Pamphilos Schüler, Pausias aus Sikyon der erste,
der die Enkaustik als seine Spezialität pflegte, und er hat es darin sofort
zu unübertroffener Meisterschaft gebracht. Sein Name wurde typisch für diese
Technik. Er gehörte auch sonst zu den angesehensten Malern seiner Zeit,
denn er war es, der berufen wurde, die unscheinbar oder schadhaft gewordenen
Wandgemälde des Polygnotos in Thespiä „mit dem Pinsel“ zu restaurieren;
aber suum genus, wie Plinius sagt, sein eigentliches Feld waren die Kabinett-
stücke in enkaustischer Technik. Blumenstücke in geschmackvoller Farben-
komposition und Knabengestalten, vermutlich Amoretten, zählten zu seinen
Lieblingsmotiven. Er brachte die Sitte auf, mit solchen Bildern die Kassetten
getäfelter Zimmerdecken auszufüllen. Sein berühmtestes Werk war ein Bild
seiner Geliebten, der Kränze bindenden Glykera, inmitten ihrer Blumen sitzend,
— eine dankbare Erinnerung daran, dass sie einst durch den Verkauf ihrer
Kränze dem mittellosen Kunstjünger durchs Leben geholfen. Wegen der
Langsamkeit seines Arbeitens, die doch in dem besonderen Wesen des en-
kaustischen Verfahrens begründet war, von seinen Neidern verspottet, vollen-
dete er einmal eine kleine Tafel, die einen Knaben darstellte, an einem einzigen
Tage; sie wurde berühmt unter dem Namen Hemeresios (d. h. Bintagswerk).
Die schliesslich erworbene Virtuosität in der Handhabung seiner Technik be-
*) Plin. XXXV, 124: tarda picturae ratio . . . parvae tabellae.
®) So werden die Worte Plato’s in Tim. p. 26 C lyxaupaxa ÄvsxitXöxou Ypacpyjs ge-
wöhnlich verstanden. Doch werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass der Ausdruck
auch auf axtypaxa, mit dem Brenneisen hervorgebracht, also Brandmale auf der Haut
sich beziehen könne.
Stilleben-,
Landschafts-
und Genre-
malerei.
Meister
der Enkaustik
Pausias.
56
Koloristische
Vorzüge der
Knkaustik.
Nikias.
finkausten der
späteren Zeit.
fähigte ihn denn auch, ,,grandes tabulas“, umfangreiche Gemälde enkaustisch
zu malen. Ein solches war sein noch vierhundert Jahre nachher, zu Plinius’
Zeit, im Porticus des Pompeius zu Rom bewundertes ,, Stieropfer“, worauf er
in unnachahmlicher Weise die Aufgabe gelöst hatte, einen schwarzen Stier in
kühnster Verkürzung von vorn, Schwarz in Schwarz zu so augenfälliger Run-
dung zu modellieren, dass der Beschauer die volle Länge des Körpers zu sehen
meinte. Wir sehen daraus, dass Pausias es verstand, durch die Kraft der Farbe
volle plastische Wirkung zu erzielen, dass es also koloristische Vorzüge
waren, die seine Art zu malen auszeichneten, während von den Temperamalern
mehr Wert auf die Auffassung, den seelischen Ausdruck und die lineare Kom-
position gelegt worden zu sein scheint. Das wäre dann derselbe Gegensatz,
vs'ie wir ihn in der Renaissance zwischen Stilisten und Koloristen, zwischen
der florentinischen und der venetianischen Schule bemerken, und man könnte
versucht sein, Pausias den Tizian des Altertums zu nennen.
Dass das Koloristische das Hauptmerkmal der Enkaustik war, beweisen
auch die Mitteilungen, die Plinius über andere Meister auf diesem Gebiete der
Malerei macht. Euphranor aus Korinth (um 360 v. Ch.), ein ungemein
vielseitiger Künstler, Maler und Plastiker zugleich und als Schriftsteller Ver-
fasser von zwei Büchern über die Sy.mmetrie und über die Farben, hat unter
anderen Heldengestalten einen Theseus gemalt, von dem er im Gegensatz zu
einem gleichnamigen Temperabilde des Parrhasios sagte, der Theseus des
letzteren sei mit Rosen genährt, der seinige mit Fleisch.®) Und höchst be-
i^eichnend ist, dass die wenigen charakterisierenden Bemerkungen, die Plinius
den Namen anderer beifügt, sich vorzugsweise auf deren Farbengebung be-
ziehen:’) beim Antidotos, Schüler Euphranors, nennt er sie ernst oder streng,
beim Nikophanes, Schüler des Pausias, hart und mit einem Uebermass von
Ockergelb, beim A'thenion aus Maronea, Schüler des Korinthers Glaukion,
herber oder dunkler (etwa „toniger“, wie wir heute sagen), als beim Nikias,
aber trotz dieser Herbheit manchmal anziehender und sein tiefes Kunst-
verständnis verratend. Im übrigen war Nikias aus Athen, Schüler des Anti-
dotos, ihm überlegen und einer der am meisten bewunderten Künstler seines
Faches, hervorragend als Frauenmaler, aber bei seiner Meisterschaft in natur-
getreuer Darstellung, in Behandlung von Licht und Schatten und dem plasti-
schen Herausarbeiten der Figuren jeder Aufgabe gewachsen (Plin. XXX V’,
131 ff). Schon bei seinen Lebzeiten wurden für seine Bilder ausserordentlich
hohe Preise gezahlt, und er war so verwöhnt, dass er seine „Nekyomantie
Homers“, worauf Odysseus in der Unterwelt die Toten befragend dargestellt
war, seiner Vaterstadt schenkte, da er den vom König Ptolemäus ihm ge-
botenen Preis von 60 Talenten zu niedrig fand. Von seinen „grandes picturae“
wird eine „Neinea“, auf einem Löwen sitzend, erwähnt, die 75 v. Ch. von
Silanus aus Kleinasien nach Rom gebracht und später von Kaiser Augustus
in der Kurie öffentlich ausgestellt wurde (vgl. Plih. XXXV, 27); ausserdem
waren berühmt sein „Hyakinthos“, eine Kalypso, Io und Andromeda. Auch
ein „Alexander“ im Portikus des Porapejus wurde ihm zugeschrieben. Eine
besondere Kunstfertigkeit zeigte er in der enkaustischen Bemalung der Marmor-
plastik; Praxiteles legte auf seine Mitarbeit bei der farbigen Tönung
(circumlitio) einen so grossen Wert, dass er auf die Frage, welche von seinen
Marmor werken er für die besten halte, zur Antwort gab: „Diejenigen, an
welche Nikias seine Hand gelegt hat.“
Aus der späteren Zeit mögen hier noch genannt sein: Der — be-
zeichnenderweise — von der Schiffsmalerei hergekommene Macedonier Her a-
kleides, um 168 v. Ch. in Athen tätig, und sein Zeitgenosse Metrodoros
®),Plin. XXXV, 129: Theseum . . . apud Parrhasium rosa pastum esse, suum
vero carne.
’) Ebenda 130: Antidotus ... in coloribus severus: 134; Niciae comparatur
et aliquando praefertur Athenion . . . . austerior colore et in austeritate iucundior,
ut in ipsa pictura eruditio eluceat; 137: Nicophanes . . . durus in coloribus et sile
multus.
57
von Athen, zugleich Philosoph, der dem Aemilius Paullus nach Rom folgte,
und Timomaohos von Byzanz, dessen Ajax und Medea Julius Cäsar für
80 Talente kaufte und im Venustempel zu Rom aufstellte. Zu Varro’s Jugend-
zeit (etwa 90 — 80 v. Oh.) hatte eine Malerin Jaia aus Kyzikos sich in Rom
einen Namen gemacht. Sie malte dort „mit dem Pinsel und auf Elfenbein
mit dem Oestrum“ meist weibliche Bildnisse, in Neapel auf einer grossen
Tafel das Bildnis einer Greisin und ihr eigenes nach dem Spiegel, und sie
arbeitete mit einer Schnelligkeit, der niemand gleichkam, und solchem Talent,
dass sie weit höhere Preise erzielte, als die gesuchtesten Porträtmaler ihrer Zeit.
Bis hierher sind wir dem Berichte des Plinius über die Blütezeit der
griechischen Malerei gefolgt^); was er ausserdem noch über die spätere Zeit
und über die einheimische italische oder römische Malerei bemerkt, kann hier
ausser Betracht bleiben. Es sind auch nur mehr oder minder dürftige Notizen,
zum Teil wohl deshalb, weil seine Bewunderung allein der grossen Ver-
gangenheit galt; denn er beklagte es, das zu seiner Zeit, deren törichte Prunk-
liebe als Schmuck nur noch kostbare Stoffe schätze, die „einst von Königen
und Freistaaten geehrte, edle Kunst“ der Malerei in tiefen Verfall geraten
sei, und nennt diese geradezu eine „absterbende Kunst“ (XXXV, 28). Vom
künstlerischen Standpunkt aus mochte er recht haben, denn es fehlten die
hervorragenden Talente; vom rein technischen Standpunkt aus jedoch nicht,
denn die einmal errungene Technik ging nicht zu Grunde, sondern wurde in
ihren hauptsächlichen Methoden auch von den Epigonen geübt und teilweise
weiter entwickelt ins Mittelalter hinübergerettet.
Zur Betrachtung dieser Technik wenden wir uns jetzt. Bedingt durch
die Verschiedenheit des Malgrundes, der Bindemittel für die Farbstoffe und
der Werkzeuge ist sie verschieden bei der Wand- und bei der Tafelmalerei.
Der üblichen Anordnung folgend beginnen wir mit der Wandmalerei.
Die geschichtliche Aufzählung der namhaften Maler (celebres in ea arte) be-
ginnt bei Plinius XXXV 53 und reicht bis § 148. Sie zerfällt in drei, dem Umfange
nach sehr ungleiche Abteilungen, und zwar umfassim nach einer Erörterung de
aetate picturae (§ 54—57) und einer kurzen Bemerkung über picturae primum certamen
(§ 58) die §§ 58 — 137 I) die grossen Meister ersten Ranges, die lumiua artis,
wie sie § 60, die proceres, wie sie § 138 genannt werden. Und innerhalb dieser
Abteilung werden zwei Gruppen nach dem „genus“ picturae unterschieden; a) die
penicillo pingentes (§ 58 — 120) und b) die encausto pingentes (§ 122—137). Nach der
Aufzählung dieser „proceres in utroque genere“ folgen II) die primis proximi,
die den Ersten am nächsten kommen (§ 138—145), doch ohne die bisherige Unter-
scheidung zwischen den penicillo und encausto pingentes. Diese beiden Abteilungen
werden es sein, die in dem Index des I. Buches unter der Bezeichnung operum et
artificum in pictura nobilitates zusammengefasst werden. Hierauf folgt III) eine
kurze Reihe (§ 146) von „non ignobiles quidem, in transcursu tarnen dicendi, d. h.
von zwar bekannten, aber doch nur beiläufig zu erwähnenden Malern, ebenfalls ohne
Unterscheidung zwischen Temperatechnik und Enkaustik, auch ohne andere als rein
alphabetische Ordnung,, und anhangsweise werden noch die Namen einiger Malerinnen
hinzugefügt (§ 147 — 148), wobei die Jaia, die in Rom tätig gewesen war, als Vertreterin
der Enkaustik besonders bervorgehoben wird. Der Hinweis auf diese Eimeilung
scheint mir notwendig zu sein, um der Annahme entgegenzuwirken, als ob die En-
kaustik eine von verhältnismässig nur Wenigen gepflegte Technik gewesen sei.
I. Die Wandmalerei bei den Griechen und Römern.
(Alter und Charakteristik.)
Geglättete
StUokfläohen.
Wie weit der Brauch, auf Wänden Malereien dekorativer oder figürlicher
Art anzubringen, im griechischen Altertum zurückreicht, lässt sich nach
den wenigen Nachrichten, welche wir dem älteren PUnius, Pausanias u. a.
verdanken, nicht mit Sicherheit bestimmen. Jedenfalls haben die Griechen
darin schon frühzeitig grosse Fertigkeit erreicht, denn jene Nachrichten lassen
erkennen, dass von jeher in Griechenland die Ausschmückung der Tempel
und öffentlichen Gebäude mit Malerei üblich gewesen ist. Der ausgesprochene
Sinn für reiche farbige Plächenverzierung ist allen Völkern des Altertums
gemeinsam (Aegypter, Assyrer, Perser); es ist demnach natürlich, dass gerade
die Griechen hierin weit vorangeschritten sind, umsomehr als wir von den
ältesten Vasengemälden auf ihre hervorragende Begabung für die Dekoration
mannigfach gestalteter Flächen schliessen können.
Die Grundbedingung jeder Wanddekoration, nämlich die Herstellung
einer geglätteten Fläche zur Aufnahme der Malerei, war schon in den ältesten
Zeiten den Griechen bekannt. Sie verstanden die Bereitung eines vortreff-
lichen Mauerbewurfes (opus tectorium) , wie die Ueberreste im Innern des
Theseustempels zu Athen, die Oellawände der altgriechischen Tempel Siziliens
(Selinunt, Metapont) beweisen. * *) Die Wände des Tempels zu Aegina waren
(nach Wagners Berichten über die äginetischen Giebel und Sempers eigener
Anschauung) innen und aussen mit einem feingeschliffenen, mitunter roc ge-
färbten Stuck überzogen, ebenso ist an dem Travertin der Tempel zu Pästum
der Stucküberzug noch zu erkennen. ^)
Die ältesten Grabkammern zu Corneto zeigen Stuckbekleidung der Wände,
woraus wir auf eine frühe Einführung griechischer Art in Etrurien schliessen
können. In Athen hatte die Ausschmückung der Grabkammern einen solchen
Luxus erreicht, dass dagegen ein Verbot erlassen werden musste.*)
Wir gehen nicht zu weit mit der Annahme, dass überall der Stucküberzug
nicht zu bloss einfarbigem Anstrich, sondern zu weiterer Ausschmückung mit
Malerei ornamentaler oder figürlicher Art bestimmt war; so wird auch die
Nachricht des Plinius zu verstehen sein (XXXVI, 177), dass der Bruder des
Phidias, Panänus die Wände des Minervateinpels zu Elis mit gelber Safran-
tünche gefärbt hätte, denn ans anderer Quelle (Pausanias V, 11, 4) wissen
wir, dass er ein Künstler war und iin Tempel zu Olympia die Schranken, welche
das berühmte Zeusbild umgaben, mit „Gemälden“ schmückte. ‘‘) Die Be-
‘) Vgl. Semper, Der ötil. I., p. 429.
“■*) Wiegmaim, Malerei der Alten, p. 55
®) Cicero de legg. II, 26 erwähnt das Verbot (aus nachsolonischer Zeit): sepulcrum
opere tectorio exornari; er bemerkt aber, dass dieses Verbot nicht beobachtet
worden sei.
*) Die den Hintergrund der chryselephantinen Zeusstatue bildenden Umfassungs-
wände waren mit einfachem Blau überzogen , wodurch die Statue ausserordentlich
gehoben wurde. Um diesen Eindruck nicht zu stören, waren die eigentlichen Gemälde
auf die übrigen Seiten der Umfassungsmauern beschränkt. Diese Gemälde sind es,
welche Panänus gemalt hatte.
59
malung ist demnach als die gewöhnliche Folge der Stuckbekleidung, oder die
Stuckbekleidung als die Vorarbeit für die Arbeit des ivlalers anzusehen. Dass
diese Uebung so alt ist, wie die Baukunst selbst, liegt in der Natur der Sache;
es ist deshalb müssig, auf den Gelehrtenstreit zwischen den französischen Aka-
demikern Raoul-Rochette und Letronne einzugehen, zu welchem ein i. J. 1830
von dem Architekten Hittorff veröffentlichter Aufsatz über die polychrome Ar-
chitektur der Alten die erste Veranlassung gab, und wobei der erstere die
Behauptung aufstellte, dass die Wände nicht bemalt, sondern mit Gemälden
auf Holztafeln geschmückt gewesen wären, und dass die eigentliche Wand-
malerei in der Art der pompejanischen der Verfallperiode der alten Kunst
angehöre.
Ohne Zweifel waren Malereien auf Wänden in Tempeln üblich; Plinius
erwähnt solche in den Tempeln zu Ardea, darunter die des Malers Plautius
Marcus, die älter als die Stadt Rom wären und, obwohl ohne Dach und
Schutz dem Wetter preisgegeben, sich dennoch wie neu erhalten hätten.^)
Ebenso unanfechtbare Wandmalerei waren die berühmten Bilder im Tempel
der Ceres zu Rom, von den griechischen Malern Damophilos und Gorgasos
gefertigt, die (nach Varro) beim Umbau des Tempels aus den Wandflächen
gebrochen und in gerahmte Tafeln gefasst wurden;®) nicht minder die von
Murena und Varro zu Lacedämon ausgebrochenen Wandmalereien die in
hölzerne Behältnisse eingeschlossen nach Rom übergeführt wurden, um das
Comitiurn zu schmücken, dann das beim Einsturz des Tempels zu Lanuvium
verschont gebliebene Gemälde „Atalanta und Helena“, das Caligula in gleicher
Weise hätte abnehmen lassen, wenn es die „Art des Bewurfes“ gestattet
hätte. ®)
Auch darüber sind die Gelehrten einig (vgl. Brunn II, p. 47), dass die
berühmtesten Malereien des Altertums, die des Polygnotos im Tempel zu
Delphi und in der Stoa Poikile zu Athen, Wandgemälde waren,®) nicht minder
^ diejenigen in Thespis, die Pausias später wieder erneuerte. ^®) Von Protogenes
wird berichtet, dass er bei der Ausmalung des Propylon vom Tempel der
5) Plin. XXXV, 115.
®) Plin XXXV, 154: (auctor est Varro) ex hac (aede), cum reficeretur, crustas
parietum excisas tabulis marginatis inclusas esse.
^) Plin. XXXV, 173.
®) Plin. XXXV, 18; ausserdem werden Wandgemälde zu Caere angeführt, die
gleichfalls älter wären, als die Stadt Rom.
■’) Plin. XXXV, 59: (Polygnotusj Delphis aedem pinxit, hic et Athenis porticum,
quae Poecile vocatur.
Nach Pausanias (Phoc. I, 15 und X, 25) enthielten die Gemälde folgende Dar-
stellungen (s. Semper I, 427):
In der P ikile zu Athen waren drei Wandfiächen mit je drei Bildern gemalf:
Erste Wand: 1. Schlachtordnung der Athener bei Oenoe,
2. Beginn des Kampfes,
3. Schlachtordnung der Spartaner.
Zweite Wand; l. Amazonenkampf,
2. Ilions Fall,
3. Die Könige um Aiax und Kassandra.
Dritte Wand: 1. Marathonische Schlacht; Platäer und Athener im Kampfe gegen die
Barbaren,
2. Flucht der letzteren,
3. Kampf und Niederlage bei den Schiffen.
Letztere drei Bilder waren begrenzt durch vier an der Handlung nicht un-
mittelbar teilnehmende Heroen uud Götter: Marathon, Theseus, Herakles, Athena.
Aehnlich waren auch die drei Bilder der anderen Wände getrennt.
Noch reicher muss man sich die Kompositionen des Polygnot vorstellen, welche
die Wände der Lesche in Delphi deckten. Einerseits Ilions Erstürmung nebst der
Abfahrt der Griechen, andererseits die Höllenfahrt des Odysseus; die getrennten
Handlungen zugleich neben- und übereinander gruppiert, „ein reicher Prachtteppich
von der grössten Figurenfülle“.
Plin. XXXV, 123: Pinxit (Pausias) et ipse penicillo parietes Thespiis, cum
reficerentur quondam a Polygnoto picti.
Wand-
malereien in
Tempeln.
60
Wand-
malereien in
Italien.
Herkulanum
und Pompeji.
Minerra zu Athen tätig war^^), und noch andere Nachrichten sprechen für
das Vorhandensein der Wandmalerei im alten Griechenland.
Dem scheint die Bemerkung des Plinius zu widersprechen , dass nur
diejenigen Künstler Ruhm erworben hätten, welche Tafelbilder malten; denn
in alter Zeit sei man so weise gewesen, die Wände unbeweglicher Häuser nicht
mit Dingen zu schmücken, welche bei Peuersgefahr nicht schnell weggetragen
werden könnten. Apelles habe in seinem Hause keine Wandgemälde gehabt;
damals habe man noch nicht beliebt, die Wände ganz und gar zu bemalen.
Sieht man aber auf den Zusammenhang, in dem diese Stelle mit dem Vorher-
gehenden steht, so ist. es klar, dass hier nur von Privathäusern, deren Ein-
fachheit dem Luxus der späteren Zeit entgegengesetzt wird, die Rede ist nicht
von Tempeln und öffentlichen Gebäuden.
Von Griechenland wurde die Sitte der Wandmalerei schon früh nach
Italien verpflanzt, und als der erste vornehme Römer, der eigenhändig diese
Malerei ausübte, wird Pabius Pictor genannt, der i. J. 304. v. Oh. den Tempel
der Salus ausmalte. Wandmalereien waren wahrscheinlich auch die Ge-
mälde, welche Cornelius Pinus und Attius Priscus in dem Doppeltempel des
Honos und der Virtus unter Vespasian gemalt haben.
Sehr zu bedauern ist es, dass weder Pausanias noch Plinius irgend eine
Bemerkung über die Technik hinterlassen haben, in welcher die Wandbilder
der ältesten Epochen gemalt waren, so dass die Präge, ob wir uns diese Ge-
mälde als Presken, als Temperagemälde oder, wie vielfach angenommen worden,
in enkaustischer Art ausgeführt vorzustellen haben, lange Zeit eine offene blieb.
Am wichtigsten ist die Wiederaufdeckung der vom Vesuv im
Jahre 79 verschütteten Städte Herkulanum und Pompeji für die
Beantwortung dieser Präge geworden. In Herkulanum, das genau unter
der neuen Stadt Portici liegt, hat man sich auf unterirdische Gänge und
Aushöhlungen von nicht zu grossen Dimensionen beschränken müssen, in
Pompeji konnte man ganze Strassen offen legen und jene unschätzbare
Masse von interessanten Gegenständen zu Tage fördern , die sich teils
im' Museo nazionale (früher Museo Borbonico), teils an Ort und Stelle be-
finden. Dadurch wurde erst die vollständige Anschauung möglich, welche
wir jetzt von der Art der künstlerischen Ausschmückung der öffentlichen
Gebäude und der Privatwohnräume besitzen. Das Beobachtungsmaterial ist
seitdem beständig gewachsen, je mehr auch an anderen Orten Bauwerke
mit ähnlichen Malereien aufgedeckt worden sind, wie die Villa der Ijivia
auf dem Palatin oder die neuestens ausgegrabenen Villen in den durch die
Tiber-Regulierung miteinbezogenen Gärten der Parnesina zu Rom (jeti^t 'm
Thermen-Museum daselbst), in Boscoreale u. dgl. m.
Da von den Gemälden der grossen griechischen Meister, deren Werke
einst mit vielen Hunderttausenden bezahlt wurden, kein einziges auf die Nach-
welt gekommen ist, das uns befähigte, durch eigene Anschauung von der
Auffassungs- und Kompositionsweise, von dem Grade der Kunstfertigkeit
im Zeichnen und in der Beherrschung der Parbe eine Vorstellung zu ge-
winnen, so bieten uns die Wandgemälde von Pompeji einen zwar nicht aus-
reichenden, aber höchst wertvollen Ersatz, insofern sie, als von der Hand
mehr handwerksmässiger Urheber herrührend, geeignet sind, einen vergleichen-
den Schluss zu gestatten auf das, was die gefeierten Meister der Kunst zu
leisten fähig waren. Von diesem Gesichtspunkte hat man in erster Linie die
“) Plin. XXXV, 101.
Plin. XXXV , 118: Sed nulla gloria artificum est, nisi qui tabulas pinxere:
eo venerabilior antiquitatis prudentia apparet. Non enim parietes excolebant dominis
tantum nec domos uno in loco mansuras, quae ex incendiis rapi non possent . . .
Nulla m Apellis tectoriis pictura erat. Nondura libebat parietes totos tinguere.
Plin. XXXV, 19 . . . (Fabius Pictor) aedem Salutis pinxit anno IJrbis cond.
CCCCL, qmae pictura dura vit ad nostram memoriam aede ea Olaudii principatu exusta.
Ebenda 120: . . . Cornelius Pinus et Attius Priscus, qui Honoris et Virtutis
aedes Imperatori Vespasiano Augusto restituenti pinxerimt.
61
auf die Wand gemalten Darstellungen mythologischen oder historischen Inhalts
besonderen Studiums für wert erachtet^®) und erst in zweiter Linie der rein
ornamentalen Ausmalung vier Atrien, Peristyle und Gemächer seine Auf-
merksamkeit zugewendet.
Beschrieben wird die Dekorationsweise von Vitruv VII, 5. „Die Alten“,
sagt er hätten in den Wandgemälden stets getreue Nachbildungen von wirk-
lichen Dingen gegeben. „Daher haben sie zuerst die wechselnden Bogen der
marmornen Belegplatteu nachgeahmt, dann die Gesimse und die verschiedenförmig
miteinander abwechselnden ockergelben (und mennigroten) Felder. Darauf mach-
ten sie den Fortschritt, dass sie sich Gebäude und Säulen, wie hochragende und
weltausladende Giebel, in ihren Wandgemälden nachahmten, in offenen Räumen
aber, wie in den Exedren, die Ansicht eines tragischen oder komischen oder
Satyrspielbühnenhintergrundes malten, Gänge aber wegen ihrer ausgedehnten
Länge mit Landschaften schmückten, indem sie in den Gemälden die wirklichen
Eigentümlichkeiten der verschiedenen Plätze Wiedergaben — denn es finden sich
Häfen, Vorgebirge, Küsten, Flüsse, Quellen, Meerengen, Heiligtümer, Haine,
Berge, Schafherden, Hirten dargestellt — , an einigen Orten ferner Gruppen-
bilder malten, welche die Bildnisse von Göttern oder mythischen Szenen, wohl
auch die Kämpfe vor Troja oder die Irrfahrten des Ulysses mit landschaft-
lichem Hintergründe darstellten, und anderes, was auf ähnliche Weise natur-
getreu gegeben ist.“
Beim Anblick der Friese im Hause der Livia auf dem Palatin (Tri-
clinium rechts) wird man durch den Augenschein bestätigt finden, was Plinius
(XXXV, 116 ff.) mit sichtlichem Wohlgefallen von der reizvollen Wanddekoration
rühmt, die Ludius (oder Studius, der Name ist ungewiss) zur Zeit des
Augustus aufgebracht hatte: die malerische Schilderung von „Villen mit
Säulenhallen, Lustgärten und Parkanlagen, Hügeln, Fischteichen, Flüssen und
felsigen Gestaden und darauf eine mannigfache Staffage von Leuten, die lust-
wandeln oder umhergehen, sich auf dem Rücken von Trägern oder Trägerinnen
über seichte Stellen tragen lassen, auf Eseln oder zu Wagen nach den Land-
häusern ziehen, mit Fisch- oder Vogelfang sich beschäftigen oder als Winzer
an den Weinstöcken zu tun haben.“ Wahrhaft erstaunen mxiss man über die
äussörst lebensvollen Darstellungen von Gerichtsszenen mit den kaum spann-
grossen Figuren, welche das schwarze Zimmer der römischen Villa aus
den farnesinischen Gärten (Thermen -Museum zu Rom) friesartig umsäumt,
und kaum zu über bieten sind die erst vor wenigen Jahren den Blicken
wiedergegebenen Kinderfriese und die anderen herrlichen Dekorationen im
schönsten aller bisher ausgegrabenen Häuser von Pompeji, in der 0 a s a der
Ve ttii.
Aber nicht allein in Pompeji, Rom und anderen Orten Italiens bietet
sich uns Gelegenheit, die verschiedenen Arten der antiken Wanddekoration
kennen zu lernen: in neuerer Zeit wurden viel ältere Beispiele griechischer
Wandmalerei aufgedeckt, so die Malereien im „Palast des Minos“ auf Kreta
und die gleichfalls neu ausgegrabeneu in Orchomenos, die Zeitungsnotizen zu-
folge ganz ähnlichen Charakters sein sollen. Hier wären noch die Aus-
grabungen in Nordafrika an der Stelle des alten Karthago, des „tunesischen
Pompeji“, zu erwähnen und Malereien aus Solunto in Sizilien, die gewiss viel
älter sind als die von Pompeji und Rom. Wenn einmal diese vielen
neuen Funde so überblickt werden können, dass es möglich wird, den Zu-
sammenhang unter ihnen festzustellen, dann wird sich auch zeigen, dass die
Art, Wandflächen der Wohnräume und öffentlichen Bauten malerisch zu
schmücken, die in den Städten Italiens und überall verbreitet war, wohin die
Herrschaft des kaiserlichen Rom reichte, griechischen Ursprungs gewesen und
^®) S. Helbig, Wandgemälde der vom Vesuv verschütteten Städte Campaniens,
Leipzig 1869.
'*) Uebersetzung von Reber, des Vitruvius Zehn Bücher über Architektur,
Stuttgart 1866.
Vitruv
Uber Wand-
dekoration.
Aeltere Bei-
spiele griechi-
scher Wand-
inalerei.
62
entweder direkt^'^) oder auf dem Umwege über Alexandria, das Zentrum der
hellenistischen Kultur, nach Italien gekommen ist.
Viel weniger sicher als diese Erkenntnis ist das Urteil über die Technik,
deren die alten Maler sich bedient haben, obwohl von dem Tage an, da
die ersten vereinzelten Reste antiker Wandmalerei auf glattem Stuck, wie
die Grottesken in den Thermen des Titus (zu Raphaels Zeit) ihrem Grabe
entrissen, den staunenden Blicken der Beschauer sich zeigten, ausübende
Künstler, Maler wie Architekten, sich mit der Frage beschäftigt haben :
Wie sind diese Gemälde gemacht worden? Wie haben die Künstler ge-
arbeitet? Mit welchen Materialien, welchen Instrumenten, in welcher
Reihenfolge der Manipulationen, um die Vollendung zu erreichen die noch
jetzt nach Jahrhunderten als erster Eindruck sich aufdrängt?
Die ältesten in Italien gefimdenen Wandgemälde sind die im archaischen
Stil gehaltenen von Caere (jetzt Cervetri) und Veji (etwa 500 v. Ch.). Es folgen dann
die Malereien der Grabkammern in den Nekropolen von Tarquinii (Corneto), Clusium
(Ohiusi), Vulci imd Orvieto.
63
II. Der Meinungsstreit über die Technik der antiken Wandmalerei.
1. Aeltere Ansichten.
Diese Technik zu ergründen, genügte auch für den schärfsten Blick
des geübten Praktikers der blosse Augenschein nicht. Man konnte nur
Vermutungen ausspreohen und mit einschlägigem Quellenmaterial aus den
alten Autoren zu Hilfe kommen. Die durch die Ausgrabungen bekannt
gewordenen antiken Malereien sahen so ganz anders aus äls alles, was
man selbst in der Art leistete oder von Arbeiten der letztvergangenen
Jahrhunderte zu sehen gewohnt war; die leichte, flotte Behandlung und die
Solidität der Arbeit, die in der wunderbaren Erhaltung sich zeigte, wiesen auf
eine seitdem verloren gegangene Technik hin, die durch vielfältige Erfahrung
erprobt und ausgebildet sein musste.
Als anfangs des XVI. Jahrhunderts die sogenannten Thermen des Titus
am esquilinischen Hügel zugänglich gemacht und die Malereien an deren phaeis Zeit.
Wänden und Gewölben bekannt wurden, waren es vor allem der ausser-
ordentliche Reichtum der Formen und der wunderbare Geschmack der An-
ordnung, welche nach Vasaris Berichten Raphael und Giovanni da Udine
begeisterten und zu deren Nachahmung (in den vatikanischen Loggien, der
Villa Madama u. a.) veranlassten. Um eine der antiken möglichst ähnliche
Erscheinung hervorzurufen , widmete mau der Zusammensetzung des Stucco
grosse Sorgfalt, während man die Malerei zwischen den Reliefs und plastisch
verzierten Leisten, Simsen, Archivolten u. s. w. in der damals üblichen
Weise ausführte. Nun war die Preskoteohnik als die haltbarste Art der
*) Vasari erzählt, wie Giovanni da Udine und? Raphael sich dem Studium
der Grottesken mit grossem Eifer hingaben. Im Leben des Giovanni da Udine (Va-
sari, T. III. p. 43 Edit. Roma 1750.) heisst es:
„Giovanni begnügte sich nicht damit, dieselben ein- oder z,veimal zu zeichnen
„und abzumalen; wenn es ihm auch gelang, dieselben mit Leichtigkeit und Ge-
„schmack nächzuahmen, so fehlte ihm doch die Kenntnis der Ausführungsart des
„Stuckes, auf welchem die Grotesken gearbeitet waren. Und obschon gar Viele
„vor ihm darüber nachgegrübelt hatten, ohne anderes gefunden zu haben, als die
„Manier, den Stuck in heissem Zustande mit Gips, Kalk, griechischem Pech, Wachs
„und gestossenem Ziegel (gesso, caleina, pece greca, cera e matton pesto) zu be-
„reiten und darauf zu vergolden, so batten sie doch nicht die wahre Methode ge-
„funden, den Stuck dem in jenen Gewölben und ausgegrabenen Räumen gleich zu
„machen. Aber als man nachher in S. Pietro die Bogen und die Tribuna dahinter
„(wie es im Leben des Bramante gesagt wurde) aus Kalk und Pozzuolanerde
„fertigte, indem man in Erdfsrmen (wohl gebrannte Tonform) alle Vertiefungen
„des Blattwerkes, der Eierstäbe und anderer Teile goss, fasste Giovanni diese Manier
„mit Kalk und Pozzuolanerde (calcina e pozzolana) ins Auge und versuchte, ob es
„gelingen werde, Figuren in Halbrelief zu bilden und alle anderen Partien in gleicher
„Weise auszuführen; nur der letzte Ueberzug Hess sich nicht mit gleicher Weichheit
„und Feinheit hersteilen rmd war auch nicht so weiss, wie die Antiken es zeigten;
„deshalb dachte er, dass es nötig sei, dem aus weissem Travertin (gebrannten)
„Kalk an Stelle der Pozzuolanerde etwas beizumischen, was von weisser Farbe
„war. Nachdem er verschiedene andere Dinge versucht hatte, Hess er Abfälle von
„Travertin stossen und fand, dass sie sich sehr gut bearbeiten Hessen, aber immerhin
64
Fresko odor
Bnkaustik ?
Wandbemalung bekannt; und so folgerte Vasari, dass auch die römischen
„Grottesken“ in dieser Technik ausgeführt sein müssten, denn Tem-
pera, d. h. Malerei mit Bindemitteln wie Eigelb, Leim oder Gummi,
womit die Alten ihre Staffeleibilder auf Holztafeln malten, konnte es nicht
sein ; mit dieser Technik war man von jeher wohlvertraut. Gegen das damals
gebräuchliche Fresko schienen allerdings die Glätte und der Glanz der Ober-
fläche, die Leuchtkraft und tiefe Sättigung der Farben, der geschmeidige und
stellenweise pastose Farbenauftrag zu sprechen; deshalb wurden schon früh-
zeitig Stimmen gegen die Freskotheorie laut (s. Cespedes, Kommentar zu
Vitruv), und da die alten Schriftsteller von der Enkaustik, d. h. einer Ma-
lerei mit eingebrannten Wachsfarben, Kunde geben, so glaubten manche, jene
nicht mehr gebräuchliche Technik der Wandmalerei müsste mit der gleichfalls
verloren gegangenen Enkaustik identisch sein, umsomehr als an der En-
kaustik vornehmlich die Dauerhaftigkeit gerühmt wurde, und diese ausgezeich-
nete Eigenschaft gerade an den ausgegrabenen Stuckmalereien in hervor-
ragendei- Weise sich zeigten.
So unberechtigt dieser Schluss auch ist, man konate ihn um so argloser
machen, je weniger man von dem wahren Wesen der enkaustischen Technik
eine klare Vorstellung hatte. Aber ebenso unberechtigt ist der andere Schluss,
nur die Freskotechnik könne in Betracht kommen, weil sie als die einzig
bekannte Art von wasserfester Malerei auf Wandflächen vom Altertum dem
Mittelalter vererbt worden sei und, wie zweifellos auch die antike Wand-
malerei, mit dem Pinsel ausgeführt werde, während die Enkaustik niemals
Pinseltechnik gewesen sei.^)
Diese Annahme hat lange Zeit geherrscht, und man kann sagen , dass
wir bis heute nicht viel weiter gekommen sind. Auch wurde immer an der
Behauptung festgehalten, dass nur Freskomalereien ein fast zweitausend-
jähriges Verweilen in feuchter Erde ertragen könnten, so dass die am nächsten
liegende Frage übersehen wurde, nämlich ob nicht ausser der Freskotechnik
noch eine oder mehrere andere Techniken sich nach weisen lassen, die auf
Wandstuck angewandt werden konnten.
ln eingehender Weise ist die „Freskofrage“ behandelt worden in dem
ersten von der Academia Ercolanese herausgegebenen Bande über die antiken
Gemälde von Herculanum und dessen Umgebung.^) Carcani, der Verfasser
„war die Arbeit fleckig und nicht weiss, auch rauh und körnig. Aber schliesslich
„liess er Abfälle vom allerweissesten Marmor, den man auftreiben konnte, stossen,
, machte ganz feines Pulver davon, siebte es durch, mischte dieses dem italk (von
„weissem Travertin) bei und fand so, wenn es genau gemacht wird, zweifelsohne
„den wirklichen antiken Stuck in allen seinen Teilen, wie er es gewünscht hatte.“
Mit diesem so bereiteten Stuck wurden dann die Loggien für Leo X. gemacht.
(Vasari erwähnt nicht, in welcher Weise darauf gemalt wurde). Nachdem die Loggia,
das gepriesenste Werk des Giovanni, vollendet war, hätte Raphael, der auch die reiz-
vollen Pilasterfüllungen ersonnen, so geht die Sage, die Bäder des Titus wieder zu-
.«ächütten lassen, damit die Nachwelt nicht Vergleiche mit dem Vorbilde anstellen
könnte. Heute ist allerdings von den Malereien m den Titusthermen wenig mehr zu
sehen, aber es will mir scheinen, als ob der Rauch der Wachsfackeln, wMche Jahr-
hunderte hindurch den Besuchern zmr Beleuchtung dienten, die Decken geschwärzt
und im Verein mit der durohsickemden Feuchtigkeit die Malerei unscheinbar gemacht
hat. Die prächtigen Stiche von Ponce zeigen, dass es früher anders gewesen
sein muss.
“) Vasari in der Introduzione zu seinen Vite, Kap. 19 und 27.
^*) Wiegmann, Mal. d. Alten, p. 62 folgert so, nachdem er die alten Malereien
in „wasserfeste“ und „schutzbedürftige“ eingeteilt hat: „Darnach müssen wir alle
Wandmalereien, welche, obgleich dem Wetter ausgesetzt, sich dennoch gehalten haben,
für echte Fresken- und alle Tafelmalereien und Anstriche, welche nicht a fresco sind,
aber dennoch durch Nässe nicht verlöscht worden sind, für enkaustische oder Wachs-
malereien halten. Dagegen würden die leicht verlöschlicheu Wandmalereien sowohl,
wie Tafelbilder immer der Temperamalerei angehören “
„Darnach können wir auch a priori urteilen, dass zu dauerhaften Wand-
malereien die Alten die Freskomalerei, — zu dauerhaften Malereien und Anstrichen
an Dingen, welche die Freskomalerei nicht zuliessen, die Enkaustik gewählt haben
werden.“
‘) Pitture antiche d’Ercolano e contorni, Napoli 1757, T. I, p. 273 ff.
65
des darin enthaltenen Artikels „alcune osservationi“, kommt zu dem Sohiuss,
dass „alle Malereien in dem königl. Museum zu Portioi, einige ganz un-
bedeutende ausgenommen, die man für Preskobilder halten könne, a tempera
ausgeführt seien, und stützt seine Behauptung darauf :
1. dass die Pinselstriche anderer Natur seien, als das Wesen der Fresko-
malerei zulasse ;
2. dass Abblätterungen der übereinanderliegenden Farbenschichten, wie sie
sich infolge der Einwirkungen der Zeit und der Feuchtigkeit an jenen Malereien
vielfach zeigten, in der Freskomalerei nicht möglich seien, bei der der nasse
Kalk die Farben derart anziehe, dass sie sich mit ihm gleichsam zu einem
einzigen Körper verbinden und nur durch die Zerstörung des Bewurfes davon
zu trennen seien; und
3. dass man alle Farben ohne Unterschied angewendet sähe, auch
solche, welche sich mit dem nassen Kalke nicht vertragen und deshalb von
der Freskomalerei ausgeschlossen seien.
Es sei hier gleich erwähnt, dass auf diese drei Punkte von fast allen
Altertumsforschern das grösste Gewicht gelegt worden ist, und dass diese
drei Behauptungen erst widerlegt werden müssen, wenn eine andere An-
sicht zur Geltung gelangen soll. So dreht sich der Streit, ob die Alten
a fresco, d. h. mit Wasserfarben auf die nasse Kalkwand, gemalt haben, immer
um den Punkt, ob die pompejanischen und herkulaneischen Malereien reine
Fresken sind oder nicht.
Winckelmann, der Begründer der archäologischen Wissenschaft, schloss Winokeimann.
sich anfangs in einem Briefe aus Portici (11. März 1758) an Raphael
Mengs und in seinem in Rom (Juli 1762) veröffentlichten „Sendschreiben
an den Grafen Brühl“ der Ansicht Oarcanis an;®) aber 20 Jahre später be-
gann er au deren Richtigkeit zu zweifeln: er wendet dagegen ein, „man könne
derart dick aufgesetzte Farben, dass sie von der Seite beleuchtet einen
Schatten werfen, sowie das Abblättern einzelner Farbenschichten auch an
den Fresken Raphaels in den Stanzen bemerken ; er verlangt bessere Be-
weise als nur das Machtwort des königlichen Baumeisters Luigi Vanvitelli,
auf welches sich die Herren der Akademie in solchen Dingen verliessen, weil
er in seiner Jugend einmal den Pinsel geführt habe, und bedauert, dass
man, wie er gewiss wisse, keine chemischen Untersuchungen an den Bildern
angestellt habe, die jetzt durch den Firnis, womit man sie überzogen habe,
unmöglich geworden seien. Uebrigens wolle er nicht in Abrede stellen, dass
nicht auch Temperamalereien sich erhalten könnten, und fügt dann noch
hinzu : Die Erhaltung (der Bilder) hänge von der trefflicheren und sorgfältigeren
Bereitung des Mauerbewurfes ab.“^)
Mit dieser Erklärung hat Winckelmann einen der wesentlichsten Unter-
schiede zwischen der Preskotechnik seiner Zeit und der Stuckmalerei des
Altertums berührt, denn in der Tat ist der Glanz und die Glätte des antiken
Stucco eine Folge seiner kunstvolleren Herstellung.
In unzweideutiger Weise hat auch der als ausgezeichneter Techniker RaphaeiMengs.
bekannte Maler Raphael Mengs in einem von Rom 1773 datierten Briefe
seine Ansicht, dass jene antiken Malereien wirkliche Fresken seien, .aus-
gesprochen,®) ohne aber besonderen Einfluss auf die Entscheidung der Frage
auszuüben, denn schon vor der Herausgabe der Mengsschen Werke war
Ein klares Bild dieses Streites findet sich in dem Werke von 0. Donner
(Die erhaltenen antiken Wandgemälde in technischer Beziehung. Einleitung zu Helbig,
Wandgemälde der vom Vesuv verschütteten Städte Campaniens; Sonderabdruck
Leipzig 1869) und in J. J. Hittorff (Restitution du temple d’Empedocle ä Selinunt,
Paris 1851), welche beide sich die Mühe gegeben haben, die verschiedenen Ansichten
gegeneinander zu halten oder zu registrieren. Die hier folgende Darstellung schliesst
sich in der Hauptsache an Donners Ausführui^en an.
®) Winckelmanns Werke von Fernow. ‘T. II, p. 44.
Winckelmann, Storia delle arti del disegno etc. Ediz. C. Fea fRom 1784),
T. III, p. 217.
®) Opere di Ant. Raff. Mengs, Ediz. Carlo Fea (Rom 1787), p. 395.
5
66
Enkaustik auf
Mauern.
eine Schrift des Abbate Vincenzo Requeno „Saggi sul ristabilimento delP
antica arte“ (Napoli 1784, 2. Bd. Parma 1787) erschienen, worin auf die
gänzlich verloren gegangene Technik der enkaustischen Malerei der Alten
wieder aufmerksam gemacht und die Ansicht ausführlich begründet wurde,
dass in den alten Wandmalereien nur die farbigen Gründe a fresco, die
Ornamente und Bilder aber enkaustisch (mit Wachs?) oder a tempera auf
den getrockneten Grund gemalt seien. Diese Ansicht scheint so viel Beifall
gefunden zu haben, dass sogar Carlo Pea, der Freund von Mengs, meint;
„Es irrten doch wohl jene nicht, die mit Abbate Requeno jene Malereien
für enkaustisch hielten.“®) Das Aufsehen, welches die bedeutsame Schrift
des Abbate Requeno unter den damaligen Altertumsforschern und Kunst-
freunden hervorgerufen hatte, wirkte noch viele Jahrzehnte nach, und
selbst die von dem französischen Chemiker Chaptal 1809 veröffentlichten
Analysen von in Pompeji in Töpfchen aufgefundenen Farben und die
nicht misszuverstehenden chemischen Analysen von Humphry Davy i. J. 1815,
welche die Abwesenheit von Wachs sowohl in den untersuchten Farben als
auch in den Malereien selbst feststellten, vermochten die bei Vielen fest-
gewurzelte Ansicht, dass doch wenigstens ein Teil der erhaltenen antiken
Gemälde „all’ encausto“ ausgeführt sei, nicht ganz auszurotten.
In der schon (p. 59) erwähnten Kontroverse zwischen R aoul-Rochette
und Le t rönne trat der letztere 1835 in den „Lettres d’un antiquaire ä un
artiste“ auf die Seite der Freskogegner; es sei kaum ein erwiesenes Fresko-
gemälde (un exemple constatö de la fresque) oder dies nur als seltene Aus-
nahme aus dem Altertum auf uns gekommen; „höchstens seien die farbigen
Gründe und auch diese nicht immer, nie aber die Ornamente und Bilder
a fresco behandelt, sondern diese entweder in Tomperafarben oder enkaustisch
auf die getrockneten Wände aufgesetzt worden.“ Wir sehen hier wieder
die von Carcani aufgestellten Punkte adoptiert und sogar Requeno’s mit Re-
serve geäusserte Ansicht noch erweitert und aufs hartnäckigste verteidigt.
Unter solchen Umständen kann es nicht Wunder nehmen, wenn die
Anhänger der „Enkaustik auf Mauern“ in dem Streite die Oberhand gewannen,
und die Versuche von Künstlern und Architekten , eine solche Technik
wieder praktisch anzu wenden, allseitig gefördert wurden, umsomehr als die
Frage der Polyohromie der antiken Architektur und Skulptur, die damit in
untrennbarer Verbindung stand, hinzukam und in Hittorff wie in Semper
ausserordentlich gewandte Verfechter fand. ^®) Diese Verquickung völlig von
einander zu trennender Dinge, nämlich der antiken Wandmalerei und der antiken
Enkaustik, beherrscht während der folgenden Periode die Litteratur über diesen
Gegenstand und die dadurch hervorgerufenen mannigfachen Bemühungen,
die pompejanische Technik durch Erfindung verschiedener Verfahren zu er-
neuern, wie der Wachsmalerei von Montabert in Paris, von F. X. Fernbach
in München, der Harz- und Balsammalerei von Knirim, und schliesslich
der Wasserglasmalerei oder Stereoohromie von Fuchs und Schlottauer,
worüber in dem Abschnitt über die Rekonstruktionsversuche das Nähere zu
finden ist.
Neben diesen beiden Parteien gab es als dritte auch wieder Ver-
teidiger der älteren Ansicht, dass der Tempera ein grösseres Feld in
der antiken Wandmalerei einzuräumen sei, weil man vielfach die Beobachtung
an Wandresten gemacht hatte, d^ss die oberen Farbenschichten sich wegwaschen
Hessen, während die Grundfarbe fest blieb. So sagtHirt;^^) „Auf den nassen
Anwurf der Wände — al fresco — malten die Alten nicht; wohl aber über-
tünchten sie den noch frischen Anwurf mit einer beliebigen Farbe und malten
dann erst die Gegenstände auf einen solchen farbigen Grund mit Leimfarben.
Auf diese Weise sind alle antiken Mauergemälde, welche auf uns gekommen
®) S. Donner, a. a. 0., p. 5.
Vgl. den Abschnitt über d. Rekonstruktionsversuche d. Enkaustik (Anhang III).
"j Hirt, Geschichte der bild. Künste bei den Alten. Berlin 1833, p. 162.
67
sind, gemacht.“ Und K. 0. Müller sagt noch kürzer: „In Herkulanum ist
gewöhnlich die Grundfarbe a fresco, die übrigen a tempera.“
So wogte der Kampf zwischen Gegnern und Freunden der Preskotheorie
hin und her; Archäologen, Architekten und Chemiker aus Italien, Frank-
reich, Deutschland und England hatten sich mit grösstem Eifer daran be-
teiligt, ohne die Frage zu einer Entscheidung zu bringen, bis 1836 der
Architekt R. Wiegmann in seiner Schrift „Die Malerei der Alten“ i"*) mit
neuen Beweisen zu Gunsten der Preskoanhänger auftrat. Während die
früheren Gelehrten ihre Meinung nur mit Vermutungen und der Abwägung
einzelner Momente begründet hatten , stellte Wiegraann zuerst sichere An-
haltspunkte fest. Er hat zuerst nachgewiesen:
1. dass ah antiken Wänden, wenn ihre Oberfläche gross ist oder reich
verziert, der letzte Stucküberzug nicht mit einem Male über die ganze
Wand ausgebreitet worden ist, sondern dass nach Massgabe der Einteilung
der Felder der Stuck sich angesetzt zeigt, und dass ausserdem noch die
Bilder, welche sich innerhalb der Felder befinden, ebenfalls von einer Ansatz-
fuge umgeben sind (p. 37) ;
2. dass auf dem noch frischen Stuck mit einem Griffel eingedrückte Um-
risse, Einteilungen und Hilfslinien, die nicht immer durch die Malerei verdeckt
wurden, zu bemerken sind (p. 39);
3. dass die auffallende Dicke der antiken Stuckschichten bezwecken
sollte, ein viel längeres Malen auf dem Frischen zu gestatten, als wenn die
Bewurfschicht nur dünn aufgetragen ist (p. 44).
Für die ersten beiden Punkte brachte Wiegmaiai den Nachweis durch
bestimmte Bezeichnung der Plätze, wo derartige deutlich sichtbare Ansatz-
fugen oder eingedrückte Umrisse oder Hilfslinien in den Häusern und Tempeln
von Pompeji zu finden sind, und was den dritten Punkt betrifft, so hat er in
seinen Versuchen die Vorschriften Vitruvs zur Herstellung des opus tectorium
wohl zum ersten Male auf richtiger Basis wieder befolgt (s. Anhang III:
Frühere Rekonstruktionsversuche).
Ganz neu ist aber die von Wiegmann ausgesprochene Ansicht, dass de r
Glanz und die Glätte des antiken Stucks eine Folge der krystallinischen
Kalkhaut ist, die sich an der Oberfläche des Bewurfes bilde, und dass dieser
krystallinische , aus Kalkkarbonat bestehende Ueberzug nicht so sehr zur
Bindung der Farben — denn dazu reiche weniges hin — als vielmehr zur Er-
zeugung eines glänzenden, glasähnlichen Firnisses diene (p. 44). Des-
halb verlangten Plinius (XXXVI, 176) und Vitruv (VII, 3 u. 7) die 5 bis 6
Schichten übereinander, deren Zweck, kein anderer sei, als der: „eine möglichst
starke Masse auf der Wand zu haben, die durch und durch noch einiger-
massen feucht und dennoch dem Reissen nicht unterworfen sei“ ; die durch-
gängige Feuchtigkeit bewirke „auf der äussersten geglätteten Oberfläche einen
schönen firnisartigen Kry stallisationsüberzug, welcher nicht allein der
Wand ein glänzendes Ansehen verschafft, sondern auch die' Farben bindet,
so dass sie selbst beim Waschen nicht ablassen“ (p. 175).
Wenn Wiegmann in diesem Punkte Recht hätte und tatsächlich ein
„glänzender und durchsichtiger“ (auf diese doppelte Eigenschaft ist das Ge-
wicht zu legen) Ueberzug von kohlensaurem Kalk sich auf der Oberfläche
bildete, dann wäre ihm wohl die Lösung der Frage gelungen. Es wird
aber in der Folge gezeigt werden, dass Wiegraann sich geirrt hat, denn selbst,
wenn die Stuckoberfläche im Nassen schon geglättet war, müsste doch (nach
Wiegmanns eigenen Anweisungen) noch die Malerei daraufgesetzt werden,
wobei die Pinselstriche unter allen Umständen die vorhandene Glätte ver-
dorben haben würden. Malerei mit Kalkfarben wird aber, wie jeder weiss, der
mit solchen auf der Wandfläche gearbeitet hat, immer matt auftrocknen,
K. 0. Müller, Handbuch der Archäologie der Kunst (Berlin 1835), § 319, 5.
'*) R. Wiegmann, Die Malerei der Alten in ihrer Anwendung und Technik,
insbesondere der Dekorationsmalerei. Nebst einer Vorrede vom Hofrate K. ü. Müller
in Göttingen. Hannover 1836.
Wiegmann’s
Beweise.
Glanz und
Glätte alsPolge
der krystallini-
sohen Kalk-
haut?
5*
68
selbst' wenn die Kalkfarbe so dick ist, dass sie (wie der reine Kalk im ge-
trockneten Zustande) Sprünge bekommt. Die feine Krystallhaut , welche
das Charakteristische des Fresko und die Hauptursache der Dauerhaftigkeit
ist, bildet sich an der Oberfläche bereits nach kürzester Zeit; in der trockenen
Luft Campaniens sicherlich viel schneller als im Norden bei Feuchtigkeit.
Dies hat Wiegmann bei seinen Versuchen sehr störend gefunden und deshalb
(p. 199) die sich bildende Kalkhaut künstlich durch üeberstreichen mit ver-
dünnter Schwefelsäure zu zerstören empfohlen 1
^rsuSfe"mit Heber die von Wiegmann angestellten Versuche und seine Erfahrungen
Leimtarben. bei Bereitung des antiken Stucks wird im weiteren Verlauf dieser Abhandlung
noch zu reden sein. Sehr interessant ist es aber aus seinen Berichten
zu ersehen, dass er schliesslich selbst an der Uebereinstimmung der von ihm
gewonnenen Resultate mit dem antiken Verfahren zweifelte und in Anbetracht
der Vorschrift bei Vitruv (.VII, 10) und ebenso bei Plinius (XXXV, 43), wonach
das Russchwarz mit Leim angemacht von den Stuckarbeitern verwendet wurde.
Versuche mit geleimten Farben auf dem nassen Stuck gemacht hat. Seite 206
sagt er:
„Der Erfolg war höchst überraschend, denn ausserdem, dass manche
Farben, wie Caput mortuum, Kobalt etc. weit besser und alle Farben länger
anzogen, erhielt auch die ganze Malerei ein zarteres Aussehen. Die Be-
handlung bekam etwas weit flüssigeres, als mit blossem Wasser und Kalk-
farben und kam der auf der aldobrandinischen Hochzeit so auffallend nahe,
dass ich keinen Augenblick zweifle, dass dieses Bild mit Leimfarben auf dem
frischen Stuck gemalt ist.“ Besonders empfehlenswert scheint Wiegmann der
Zusatz von Leim zum Schwarz, weil dies sonst gern ein taubes und totes
Ansehen annehme. Daher verdiene die chinesische schwarze Tusche wegen
ihrer Feinheit und das darin enthaltene Bindemittels den Vorzug. „Die damit
behandelten Flächen nehmen von selbst einen schönen Halbglanz an, während
bei den gewöhnlichen Schwärzen, und vollends, wenn sie ohne Leim sind,
nur eine mühsame Bearbeitung die rauhe Fläche zu beseitigen vermag.“
Der „schöne firnisartige Krystallisationsüberzug“ , der sich von selbst
bildet, war also doch nur eine Hypothese 1
Betreffs des Ganosis (Kausis) genannten Verfahrens der Alten, wonach die
Wände nach deren Fertigstellung mit Punischem Wachs überzogen, dann er-
wärmt und schliesslich mittels Leinenlappen abgerieben und glänzend frottiert
wurden,^^) glaubt Wiegmann (p. 170), dass „die Kausis nur auf Freskotünchen
u. zw. nur beim Zinnober gebräuchlich war“.
Im gleichen Jahre wie Wiegmann’s Buch erschien auch die Abhandlung
von Joh. Fried. John „Die Malerei der Alten“ (Berlin 1836), worin bei
der Erwähnung der chemischen Analysen die Ansicht ausgesprochen wird;
Die pompejanische Malerei sei a fresco ausgeführt, wenigstens könne dazu
kein Wachs gedient haben, wie die an einem Stück roten Tectorium an-
gestellten Versuche bewiesen hätten' (p. 155). üebrigens steht John auch
noch auf dem Standpunkt, die Enkaustik auf Wänden dennoch für eine antike
Methode zu halten, denn er sagt p. 157 : „Die dritte Art der Alten auf
Wänden zu malen ist die Enkaustik“, wobei er die Ganosis (Kausis) meint
'^) lieber die unter Wiegmanns Anleitung im Hause des hannöver’schen Le-
gationsrats Kestner in Rom ausgeführten Fresken, welche die pompejanische Technik
rekonstruiert zeigen sollten, liess sich Hittorff von dem damaligen (1849) Direktor
der franz. Akademie in Rom, M. Alaux und einigen preisgekrönten Pensionären ein
Gutachtenabgeben; es lautet: Der erste Anblick erinnert keineswegs an die
Malereien in Pompeji; die Farben des Grundes sind sehr viel matter; dann: „les
figures comme exdcution ressemblent assez aux figures antiques ; cependant dans les
nus, les Couleurs ne paraissent pas avoir acquis le meme degrd d’adhdrence au fond ;
dans plusieurs endroits ou le frottement d’un meuble les a endommagees, eiles se
sont dcaillees, et le fond reparait entihrement“. Weitere Punkte beziehen sich auf
die technische Ausführung, welche „indique un emploi difficile des couleurs, au lieu
de la grande facilite d’execution qui caractdrise les peintures de Pompei“.
■5) Vitruv VII, 9; - Plin. XXXIII, 122.
69
(Anmerkung 232) und hinzufügt; „Die erste Art der Wandmalerei ist nach Vitruv
Fresko, welches in vielen Fällen die Grundlage für Malerei mit Bindemittel
und für Enkaustik (!) war“.
Nach John beschäftigte sich Leo v. Klenze in seinen „Aphoristischen
Bemerkungen auf einer Reise nach Griechenland“ (Berlin 1838) mit der Frage,
wobei er den besser ausgeführten pompejanischen Bildern wieder die Ehre
abspricht, Fresken zu sein , diese Technik nur auf einfache Anstriche und
wenige Ornamente beschränkt wissen will und auf die Enkaustik als die
Technik der „feiner und anmutiger behandelten Bilder in Pompeji“ zurück-
kommt.
Dagegen räumt Kugler in seiner „Kunstgeschichte“ (Stuttgart 1842)
der Freskomalerei wieder den Hauptplatz auf den pompejanischen Wänden
ein, der Tempera -Malerei aber nur einen sehr untergeordneten, allerdings
ohne seinen Ausspruch zu begründen.^®)
Als letztes Werk dieser Reihe ist J. Overbecks „Pompeji“ (II. Auflage,
Leipzig 1866)^'^) zu erwähnen, der unter Mitteilung eigener Beobachtungen
,,die Frage als eine noch offene behandelt“ und mit dem Hinweis auf
K. 0. Müllers Ansicht die Meinung ausspricht, dass ,, höchstens nur eines
oder das andere der grösseren Bilder inmitten der Wandflächen der Fresko-
technik angehöre, die Wandflächen selbst aber ohne Ausnahme a fresco ge-
färbt seien, und dass auf diese die meisten Malereien a terapera mit verschiedenen
Bindemitteln aufgesetzt worden wären“.
Von Interesse sind auch noch die Aeusserungen von Peter Cornelius,
der die pompejanischen Wandmalereien zwar nur kurze Zeit sah, aber,, wie
wir sogleich bemerken, mit jenem sicheren, praktischen Blick, der rasch
den rechten Punkt zu treffen weiss. Besonders auffallend war ihm „.ein eigen-
tümlicher, leichter und angenehmer Schimmer, ähnlich dem Fett-
glanz der menschlichen Haut, wie wir ihn weder mit blossen Leimfarben,
noch auch mit iinsern Kalkwasserfarben auf nassem Kalkbewurf hervorzubringen
imstande wären“. Er vermutete daher ein anderes Farbenbindemittel als
Kalk- oder Leimwasser. Dass es jedoch auch ein schnelltrocknendes gewesen
sei, schien ihm besonders daraus hervorzugehen, dass die Farben nicht in-
einander vertrieben und die Schatten, fast wie bei bedruckten Tapeten, meist
durch Strichelung und Uebereinanderlegung der Töne bewirkt sind. Was
das Malen mit Kalkwasserfarben auf Marmorstuck betreffe (Wiegmann’s Re-
konstruktion), so sei dies, wie er aus eigenen Versuchen wisse, äusserst
schwierig und mühsam, und nur für kleinere Werke, wie etwa die Rundbilder
an den Wänden von Pompeji und die dortigen Dekorationsmalereien, ge-
eignet; die Farbe erstarre im Pinsel in dem Augenblick des Auftrages der-
selben (?), eine Erfahrung, die dem gestrichelten Wesen, zumal in den Fleisch-
partien jener Malereien, allerdings nicht entgegen sei. Aber es Hessen sich
auf diese Weise nur kleinere Gemälde mit einer gewissen Vollendung aus-
führen, indem es schon zu den allerschwersten Aufgaben gehöre, mit Kalk-
wasserfarben auf blossem Kalkgrund, der noch lange nicht so heiss ist, als
Marmorstuckgrund, grosse Massen Fleischpartien so zu malen, dass sie ein
in sich verschmolzenes Ganzes bildeten und nichts Gestricheltes zeigten (s.
Marggraff, Münchener Jahrbücher f. bild. Kunst, III. Heft. Leipzig 1840,
p. 235 Note).
2. Der gegenwärtige Stand der Frage.
Zu einem vorläufigen Stillstand kam dieses Suchen, als der jetzt in
Frankfurt lebende Maler 0. Donner eine Abhandlung über ,,die erhaltenen
antiken Wandmalereien in technischer Beziehung“ als Einleitung zu Wolf-
'*) F. Kugler, Handbuch der Kunstgeschichte. II. Aufl. mit Zusätzen von Dr.
Jac. Burkhardt (Stuttg. 1848), p. 241.
”) Die erste Auflage dieses Werkes; Pompeji in seinen Gebäuden, Altertümern
lind Kunstwerken für Kunst- und Altertumsfreunde, dargestellt von Dr. J. Over-
beck (Leipzig 1856), war erschienen, bevor der Verfasser Pompeji selbst besucht hatte.
Peter Corne-
lius über an-
tike Wand-
malerei.
Der gegenwär-
tige Stand der
Präge.
70
Freskotheorie
von Donner.
gang Helbigs Buch über die Wandgemälde der vom Vesuv verschütteten
Städte Oampaniens (Leipzig 1869) veröffentlichte. Auf diese Abhandlung des
gelehrten Kollegen wird hier ausführlicher einzugehen sein, weil es gerade
Donner war, welcher durch eine bestechende Darstellung alle Preskogegner für
«ich gewann und durch die Wucht einer scheinbar zwingenden Beweisführung
jede der seinen entgegenstehende Ansicht zu nichte machte, üeberdies kam
ihm der Ruf als technisch geschulter Maler zugute, und es ist hauptsächlich
diesem Umstande zuzuschreiben, wenn in den letzten 30 Jahren seine Ansicht
als die allein richtige gegolten hat. In neueren archäologischen Werken (siehe
letzte Ausgabe von Overbecks Pompeji) wird die Frage, ob die pompejanischen
Wandmalereien Fresken sind, gar nicht mehr diskutiert, sondern einfach die
Donnersche Ansicht als feststehend angeführt, und alle, die sich über die
Frage zu äussern hatten, stimmten wie Helbig seiner Ansicht bei. Selbst der
so kritisch wägende Blümner in seiner vortrefflichen Technologie der Ge-
werbe und Künste bei den Griechen und Römern (Leipzig 1886, IV, p. 434)
machte sie ohne Vorbehalt zu seiner eigenen. Es erscheint mir deshalb von
Wichtigkeit, im folgenden die Donnersche Preskotheorie ausführlicher zu
besprechen und mit einer Kritik zu begleiten und dadurch gleichzeitig die
Leser übei den gegenwärtigen Stand der Frage zu unterrichten.
Folgendes sind die Hauptpunkte dieser Theorie, die Donner dahin
zusammenfasst :
1. dass, wenn auch nicht absolut alle, doch ein sehr grosser Teil, ja
bei weitem der grösste Teil jener Wandmalereien, u. zw. sowohl die farbigen
Gründe, als auch die auf ihnen und auf weissen Gründen stehenden Or-
namente, Binzeifiguren und abgegrenzten Bilder a fresco gemalt sind;
2. dass diese Technik die weitaus vorherrschende ist, die Leimfarben
und Tempera-Malerei dagegen eine sehr untergeordnete Stelle einnimmt und
sich mehr aushilfsweise als selbständig angewendet findet;
3. dass enkaustische Malereien absolut nicht verkommen. ^*)
Um diese Punkte zu beweisen, gibt Donner zuerst eine Darstellung der
enkaustischen Malweisen bei den Alten, wobei er seine von uns später zu be-
sprechenden Ansichten näher ausein andersetzt. Da die Bnkaustik niemals
Pinseltechnik gewesen, sondern ausschliesslich mit dem einem Spatel ähn-
lichen „Oestrum“ ausgeführt worden sei, unter den alten erhaltenen Gemälden
aber kein einziges existiere, in welchem nicht die sichtbarsten Pinselspuren
zu erkennen wären, so beweise dies allein schon, dass unter denselben kein
enkaustisches Gemälde erhalten sei (p. 24).
Donner gibt dann eine Beschreibung des modernen Fresko- und Tempera-
Verfahrens, um vor allem die Einwände Oarcanis (s. oben p. 65), dass
F’reskofarben in den Mauerbewurf derart eindrängen, dass sie sich mit ihm
gleichsam zu einem einzigen Körper verbänden und nur durch dessen Zer-
störung von ihm zu trennen wären, zu widerlegen. Er meint dagegen , dass
die Preskofarben nicht tiefer in den nassen Grund eindringen, als jede andere
Wasserfarbe; das Wasser der Farbe dringe wohl tiefer ein, nicht aber der Farben-
körper: dieser werde im Gegenteil durchdrungen von der aus dem
Bewurf herausdringenden Kalkhydrat-Lösung, die sich nur auf der Oberfläche
in die harte Krystallhaut von kohlensaurem Kalk verwandeln könne. Unter
dieser Krystallhaut wäre beim Fresko nur ein schwacher Zusammenhang.
Demnach könne die Behauptung Oarcanis, dass Preskofarbe nur durch Zer-
störung des Bewurfes von ihm zu trennen ist, nicht richtig sein. Wo Donner
mit dieser eigens ausgeklügelten Deutung der allbekannten Fresko-Erhärtung
hinaus will, wird sofort klar durch die weiteren Ausführungen über das Ent-
stehen von Abblätterungen nach Schichten, je nachdem auf den frischen,
halbnassen oder schon zu trockenen Grund gemalt worden ist (p. 34). Er
beruft sich auf die Autorität von Praktikern, wie Raphael Mengs, und führt
die „nicht als Fresken angezweif eiten“ Pruchtguirlanden des Giovanni da
’*) S. Donner (Einleitung), p. l.
71
Udine in den vatikanischen Loggien, an, wo nicht nur häufig die oberste,
sondern auch die zweite Lage abgeblättert ist, und erklärt diese Abblätterungen
aus dem Preskoverfahren selbst.
Dem stehen aber die ebenso unbezweifelten Tatsachen entgegen, dass
gerade bei den Preskomalern der Renaissance ein Ueberinalen der ersten An-
lage mit Retouohiermitteln allgemein in Gebrauch war, weil man eben kein
anderes Mittel zur Verfügung hatte. Die Maler kannten allerdings die Ge-
fährlichkeit einer derartigen Uebermalung mit Tempera, aber sie hielten sich
trotz der Warnungen (s. Vasari Introduzione)^^) nicht darnach. Ueberdies ist es
erwiesen, dass gerade die als Beispiel erwähnte Raphael’sche Loggia, in welcher
sich Giovanni’s Fruchtguirlanden befinden, schon kurze Zeit nach deren
Vollendung übermalt werden musste. Aus dem Berichte des Vasari (im
Leben des Giovanni da Udine) ist deutlich zu ersehen, dass Gio\anni in
späteren Lebensjahren auf päpstlichen Wunsch veranlasst worden ist, die über
der Raphael’schen gelegene Loggia auszuschmücken und hierauf auch die
zuerst gemalte (Raphaelsche) zu übermalen. Dies wurde schon damals
als grosser Fehler angesehen, weil durch die Uebermalungen a secco die
frühere Frische und die meisterhafte erste Ausführung vernichtet worden
sei. Das von Donner zum Beweis herangezogene Beispiel ist demnach
nicht glücklich gewählt, denn abgesehen von der oben erwähnten sind noch
manche späteren Uebermalungen der Loggien nötig geworden, so dass man
diese ausgezeichneten Werke nicht als „notorische Fresken“ ansehen kann.
Selbst Donner gesteht (p. 38) ein, dass es wegen des zu dünnen Verputzes
kaum möglich gewesen wäre, die Pilaster der genannten Loggia a fresco aus-
zuführen, und dass dies nachträglich mit Tempera geschah. Ja, es ist sogar
sehr wahrscheinlich, dass man von einer a Presco-Ausführung von allem An-
fang an absah, weil wegen der zwischengesetzten plastischen Ornamente,
Figuren und Medaillons hier ein Preskomalen untunlich gewesen wäre.
Daraus erklären sich auch zur Genüge die Abblätterungen und die schlechte
Erhaltung dieser Werke. (Abbild. 12.)
Der Unterschied zwischen Abblätterungen an Fresken der späteren Zeit
und an den pompejanischen Gemälden ist darin zu erblicken, dass hier unter
der abgesprungenen (oder mit Absicht abgesprengten) Malschicht eine glatte
S. m. Beiträge IV (Renaissance), p. 25.
“) Vgl. Vasari (Ed. Roma 1750) III, p 52 im Leben d. Giov. da Udine: „messe
in opera con buona provisione a dar perfezione e fine all’ ultima loggia, la quäle 5
sopra quella, che gli aveva giä fatta fare Papa Leone; e quella finita, gli fece il me-
desimo Papa ritoccare tutta detta loggia prima; il che fu errore e cosa poca
considerata, perciocchä il rittoccarla a secco, le fece perdere tutti que’ colpi maestre-
voli, che erano stati tirati dal pennello di Giovanni nell’ eccellenza della sua migliore
etä, e perdere quella freschezza, che la facea, nel suo primo essere, cosa rarissima.“
Von Interesse ist das folgende Rezept, das angeblich Giovanni da Udine
benützte (s. Merrifield, Original Treatises on the art of Painting. London 1849. II.
p. 639. Marciana Ms. Nr. 393): „Ex Magistro Jacopo de Monte S. Savino Scultore —
provato. Stuccho mirabile per fare figure etc. et etiam improntare et colorirlo, et
regge allacqua — Togli travertino rnacinato sottile V. libra, et se vuoi che sia piu
gentile et delicato, Togli marmo fino in luogo di travertinq, et togli dua lib. di calcina
spenta et mescolale insieme con acqua et rimenale et battile bene insieme come pasta
fine et fanne che lavoro tu vuoi, o con mano o impromptato con le forme, et secchalo
alombra et se lo volessi colorire di bianco, quando il lavoro 5 tanto seccho che sia
fermo, ma non secco interamente, macina la biaccha con l’acqua k uso di colore, et
fiore di calcina colata, et dalla col penello, et sara bianchissimo, et stara forte allacqua,
et se lo vuoi colorire d’altro colore, lascia secchare il lavoro perfettamente ; poi lo
colorisci, ma questi colori non reggeranno ä lacqua oome quello bianco, perche non
si incorporanno, ne si uniscono con la materia del lavoro come va quello. Se a dunque
tu vuoi che questi colori reghino älacqua, da insul lavoro la inzuppatura di sopra
detta la quäle si da comi qui dice, et poi dipigni k olio.
Puoi etiam colorire lo stuccho co’ colori macinati asciuttj : ma non venghono
tanto vivi, quanto a colorirgli poi.“ Nach Borghini (Riposo p. 402) war dieses Stuck-
rezept das nämliche, welches Giov ann i da Udine erfunden hatte und mit dem
er die vatikanische Loggia ausführte. Vergl. Morelli, Catalogo de Codici della
Libreria Nani p. 32.
Uebermalung
der
Raphael’schen
Loggia.
72
Abblätterun-
gen.
und glänzende Grundschicht zum Vorschein kommt. Dies ist charakte-
ristisch für den antiken Stuck, während an späteren Fresken Abblätterungen
wohl Vorkommen, hauptsächlich wenn sie a secco retouchiert sind, aber nie
eine geglättete Fläche dabei zum Vorschein kommt. Auf diese
Eigenschaft bezieht sich der Ein wand des Verfassers der „osservazioni“
Carcani, und die Beobachtungen an antiken Stuckmalereien, wo Ornamente
oder Figuren auf den als Grundfläche durchgehenden farbigen oder weissen
Stuck aufgetragen sind, bestätigen es vollauf.
Abbild. 12. Detail aus den Loggien des Raphael im Vatikan im jetzigen Zustand.
Nach einer photogr. Aufnahme.
Schon Wiegmann hatte die Buonfreskotechnik der Renaissance mit
der Technik der pompejanischen Wandmalerei in Beziehung gebracht,
und durch Beobachtungen an Ort und Stelle sowohl Ansatzfugen an den
Feldern und Bildern, sowie in dem frischen Bewurf eingedrückte Konturen
und Hilfslinien nachgewiesen; er war es auch, der (s. oben p. 67) die
Bildung einer durchsichtigen Krystallhaut als Ursache des Glanzes mit dem
73
antiken Tektorium in Verbindung brachte und sich auf Vitruv’s Angaben
(VII, 3, 7 £F.) stützte, wonach die Farben nur dann für die Dauer haltbar
bleiben, wenn sie auf die feuchte Wandbekleidung aufgetragen werden. Die
Möglichkeit eines längeren Arbeitens auf frischem Grunde erklärte er aus der
Dicke des Bewurfes, der um so länger die Feuchtigkeit in sich behalte, je
dicker er sei.
Alle diese Argumente bringt in erweiterter Form und unter Zuziehung
einer viel grösseren Zahl von genau präzisierten Beispielen auch Donner vor.
Wer, wie Verfasser, sich die Mühe genommen hat, tagelang in Pompeji die
angegebenen Oertlichkeiten zu suchen und die von Donner bezeichneten Stellen
zum Zweck der technischen Erkenntnis zu vergleichen, muss über diesen Teil
des Buches seine uneingeschränkte Bewunderung aussprechen. Mit einem
ausserordentlichen Spürsinn hat Donner unter vielen Hunderten die besonders
in die Augen springenden Beispiele herausgefunden, und soweit der gegen-
wärtige Zustand der vielfach in Verfall begriffenen Malereien und Wand-
dekorationen es gestattete, habe ich die Richtigkeit der Donnerschen
Angaben bestätigt gefunden. Donners Beobachtungsgabe ist zweifellos ganz
hervorragend, aber in seinen Schlussfolgerungen stellen sich Irrtümer ein, weil
er die Dinge in der vorgefassten Meinung betrachtet, alles hänge mit der
„wahren Leidenschaft der Alten für Freskotechnik“ zusammen.
1. So erklärt Donner beispielsweise, dass die in dem Atrium des Hauses
neben der Oasa di Diadumeno befindlichen Malereien, nämlich Medaillons,
die mit oblongen Tier- und Fruchtstücken wechseln, auf den Wandpfeilern
rechts und auf der ununterbrochenen Langwand links schön und unversehrt
geblieben seien, während auf dem zweiten Pfeiler rechts der Platz sauber und
scharf ausgeschnitten mit der ersten Lage gröberen Marmorstucks bedeckt
sei und nur noch die letzte feinere Lage von 0,002 Dicke zur Aufnahme der
Malerei fehle, weil — die Katastrophe von 79 die Vollendung untei’brochen
haben müsse. Eine genaue Betrachtung der übrigen Bilder zeige, dass affe
diese in gleicher Weise eingeputzt waren (p. 61). Die Beobachtung ist,
wie ich mich überzeugte, richtig, aber die Schlussfolgerung ist es nicht; denn
die in dem allgemeinen durchgehenden Gnlnd von rotem Stuck ausgesparten
und für blau gefärbten Stuck bestimmten Medaillons zeigen ganz deutlich die
Grade des Verfalles, wie sie in Pompeji auf allen gegen West oder
Süden gelegenen Wandflächen zu bemerken sind. Der blaue Fond hat,
wie später gezeigt werden wird, nicht die Festigkeit des roten geglätteten
Bewurfes; er bröckelt durch die atmosphärischen Einflüsse, welche im Laufe
der Jahrzehnte an allen unbedeckten Räumen sich in bedenklichem
Masse geltend machen, mitsamt der darauf befindlichen Malerei ab, so dass
nur die erste Lage gröberen Marmorstucks noch übrig bleibt.
Dieses Abbröckeln von einzelnen Teilen der Wandfläche oder der auf
den Flächen befindlichen Malerei geht in Pompeji leider nur zu schnell vor
Wenn man sich die Mühe gibt, die von Donner p. 86 ff. beschriebenen Räume,
bei deren Ausschmückung die verschiedenen Hilfsmittel der Freskotechuik besonders
deutlich zu erkennen wären, auch nur auf dem Plane von Pompeji aufzusuchen,
wird man finden, dass die am schlechtesten erhaltenen Wände, die nach Donnerfe
Ansicht erst in Angriff genommen wurden, nachdem die Wandflächen zur Fresko-
malerei nicht mehr genügend feucht gewesen seien, gegen Westen oder Süden
gelegen sind. Darin ist vor allem der natürliche Grund zu erblicken, dass sich
die auf solchen Wänden beflndlichen Gemälde heute in schlechterem Zustande be-
finden, als die Bilder auf den übrigen Wändenl Donner bemüht sich aber mit
grossem Aufwand von Beredsamkeit, diesen Umstand so darzustellen, als ob die un-
gleichartige Erhaltung sich aus der Freskotechnik von selbst ergebe.
Unwillkürlich drängt sich hier dem Beobachter der naheliegende Gedanke auf,
dass der „antike Freskomaler“ jede der einzelnen Wände für sich als Ganzes ge-
malt haben würde, also alle Wände in der Erhaltung sich gleich gut zeigen müssten,
wenn das System der Freskotechnik nach Donner richtig wäre.
Die schl^eudste Widerlegung finden Donners Ausführungen aber durch die
staunenswerte Erhaltung aller Jener Räume, die bald nach deren Aufdeckung durch
Bedachtmg gegen Sonne und Regen geschützt sind.
Widerlegung
der
Donner’schen
Argumente.
Ursachen des
Verfalles
pompej. Ma-
lereien.
74
Ansatzfugen
innerhalb an-
tiker Bilder.
sich, hauptsächlich veranlasst durch die Regengüsse, die kalten Nächte des
Winters und die Abwechslung von Sonnenschein und Regen, wodurch die
Feuchtigkeit der Oberfläche immer wieder schnell verdunstet und die auf-
gemalten Parbenpartien daher zuerst gelockert werden. Durch eindringende
Feuchtigkeit, die nachts gefriert, tagsüber aber wieder auftaut, wird das ein-
mal begonnene Vernichtungswerk beschleunigt. Deshalb sieht man in den
früher ausgegrabenen Häusern jetzt kaum noch Spuren der Bemalung, und an
Oertlichkeiten , deren Bilderschmuck noch vor 30 Jahren deutlich zu sehen
war, z. B. in casa del poeta (Donner p. 86), konnte ich bei meinem Besuche
1902 absolut nichts mehr unterscheiden. Während Donner 1867 noch Unter-
schiede bemerkte und von „erstaunlich guter Erhaltung“ spricht, waren jetzt
alle diese Bilder gleich schlecht erhalten. Der Verfall war demnach in der
kurzen Zeit bereits vollendet.
In unbedeckten Räumen ist in Pompeji die allmähliche Vernichtung
aller Malereien nicht aufzuhalten, aber selbst an Stellen, die durch Ueber-
dachung geschützt sind, zeigt sich der verderbliche Einfluss des Wechsels von
Feuchtigkeit und schneller Trocknung durch direkten Sonnenschein. Diesen
Vorgang kann man deutlich an dem Gemälde „Toilette , des Hermaphroditen“
(Helbig Wandgem. N. 1369) bemerken, das Donner (p. 115) wegen „seines
starken mit einem Instumente geglätteten Impasto“ besonders erwähnt. In
der zum Schutz des Raumes errichteten Wand dem Bilde gegenüber ist eine
Oeffnung für die Lichtzufuhr gelassen, durch welche die Nachmittagsonne direkt
auf den unteren Teil des Bildes scheint, und so hat sich vom unteren Rand
nach aufwärts im Laufe der Jahre der Brock lungs Vorgang eingestellt, der das
reizvolle Bild in wenigen Jahren zu vernichten droht. Hier kann man es
deutlich sehen, wie die unter der Parbenschicht befindliche Lage von
Stuck zu Staub verfällt, der in anderen Fällen, wo keine Bedachung dies
hindert, einfach vom Regen abgewaschen wird, so daös endlich die Stelle
bis auf den unteren widerstandsfähigeren und gröberen Stuck blossgelegt er-
scheint.
2. Als wesentliche Bedingung der Preskotechnik ist das Ansetzen der
Flächen aneinander zu betrachten; auch die antiken Stuokarbeiter mussten da-
mit rechnen, wenn die Flächen zu gross waren, um den Aüftrag in einem Zuge
machen zu können. Das übliche Dekorationssohema (Pries, Felder und Sockel
in vertikaler, symmetrische Anlage der Flächen in horizontaler Anordnung)
unterstützte ihre Arbeit und es war nur Sache der Uebung, die Ansatzfugen
so wenig als möglich sichtbar zu machen. Ansatzfugen sind in Pompeji fast
bei allen grösseren Dekorationen zu bemerken, besonders dort, wo die
Anordnung einen natürlichen Anlass dazu bietet. Auffallenderweise sind
aber innerhalb der Bildflächen, selbst wenn sie noch so gross sind, keine
Ansätze zu finden, so dass dieses Pehlen entweder eine uns unfassbare
immense Schnelligkeit beim Ausmalen der grossen Fläche voraussetzen hiesse
oder als das Merkmal für eine andere als die Preskotechnik erkannt werden
müsste. Donner hatte jedenfalls die Empfindung, dass ein Hauptglied in der
Kette seiner Beweisgründe fehlen würde, wenn es ihm nicht gelänge. Fresko-
ansätze innerhalb der antiken Bilder nachzuweisen. Und so fand er auch,
was er suchte, in dem grössten der pompejanischen_ Wandgemälde, in dem
verwundeten Adonis (Helbig N. 340), oder vielmehr er glaubte in
kleinen Sprüngen, die sich durch die Bewurfschicht schlängeln, die nach
modernen Gesichtspunkten unerlässlichen Ansätze zu erkennen. Ich muss offen
gestehen, dass es mir trotz wiederholten Betrachtens und genaueren Studiums
mit Hilfe der Lupe nicht gelingen wollte, dort die Spuren der Ansätze zu
sehen, wo sie Donner (Tafel C Fig. 1 seines Buches) angegeben hat, obwohl
es auch mir wie so vielen anderen ein Rätsel bleiben wird , wie es möglich
gewesen, eine so grosse Fläche (das Bild ist über 3 m hoch und incl. Seiten-
gruppen 3,70 m breit) a fresko zu behandeln und die überlebensgrossen
Figuren in ihren hellleuchtenden Farben wie aus einem Guss heraus-
75
zuarbeiten. 23). Das grosse Mittelbild ist von zwei tiefrot gefärbten Pilastern
begrenzt, auf deren Sockel je eine Gruppe (Cheiron und Achill) gemalt ist.
Man sieht an den stellenweisen Abblätterungen den roten glatten Grund
unter den Gruppen hindurchgehen, in gleicher Art, wie dies vielfach auf
porapejanischen Wänden der Pall ist. Mit bravourösen Strichen und im grossen
Zuge ist die Figur des Adonis ohne jeden Ansatz gemalt, ebenso auch die
Figur der Aphrodite; jede dieser Figuren ist gewiss an 2,50 hoch, Zeichnung
und Ausführung deuten auf eine grössere Kunstfertigkeit hin, als sie der ge-
wöhnliche Durchschnitt der pompejanischen Maler gehabt hat, und darnach
müssen wir unser Urteil richten. Die hier beigegebene Zeichnung Donner’s
(Abbildg. 13) zeigt in den punktierten Linien die angeblichen Ansätze u. zw.
wurde zufolge der Erklärung (p. 77) „der (rechtseitige) Teil a bis an die innere
Grenze des Pilasters zuerst beworfen, dieser rot gemalt und das Rot hinab bis
Abbild, 13. Verwundeter Adonis. Fompe.]'an. Wandgemälde mit den angeblichen Preskofugen
nach Donner.
ungefähr unter die Schultern des Oheiron und des Achill geführt, zugleich der
Luft- und der hellgrüne Lokalton des Buschwerkes auf derselben Seite ge-
strichen, u. zw. bis in die Cheirongruppe hinein, welche alsdann der Meister in
Angriö' nahm, indem er zuerst die Köpfe über den roten Grund des Pilasters,
die unteren Teile aber über jene grüne Unterstreichung malte, und zuletzt
auch über diese das Rot des Pilasters strich, welches wieder zwischen den Pferde-
beinen erscheint. Sodann wurde der ganze Teil b b b angetragen inclusive
des Pilasters (links), an dessen äusserer Gienze der Ansatz hinläuft, und der
Künstler malte alsdann den oberen einfachen Teil des Hintergründes , liess
sich den roten Pilaster anstreichen und malte die jetzt halb zerstörte Gruppe
darauf, an welcher das Rot tiefer hinabgestrichen worden ist als bei den ersten.
Hierauf malte er der Reihenfolge nach c, d, e. Die Hand der Aphrodite,
^3) In dem „Buch von der Freskomalerei“ (Heilbronn 1846, p. 113 ff.) handelt ein
ungenannter Münchener Professor über pompejanische Malerei und sagt über den ver-
wundeten Adonis: „Dieses Gemälde ist gut erhalten und auf weissen matten Grund
gemalt. An dieser dritthalbhundert Quadratfuss enthaltenden Wandfläche ist keine
Spur von Ansätzen des frischen Stucco zu bemerken, es kann also auf
unsere heutzutage übliche Art, al fresco zu malen, nicht hervorgebracht worden sein.“
76
Bedenken
und Einwen-
dungen.
die den rechten Arm des Adonis unterstützt, malte er nicht zugleich mit dem
Stück d, sondern er schnitt sie erst sorgfältig und genau aus, als er das
Stück e malte, und liess frischen Bewurf in die leere Stelle eintragen, eine
sehr schwierige Operation, die aber hier auf das trefflichste und fast un-
merkbar ausgeführt ist. Dies geschah, um diese Hand zugleich mit dem
Kopf und der linken Hand der Aphrodite malen und in denselben Ton
bringen zu können, da es in Fresko schwierig ist, einen gemischten Ton
später genau ebenso hervorzubringen.“
Diese Arbeitsfolge erscheint mir vom Standpunkte des praktischen
Malers durchaus ungeeignet. Kein Preskant würde auf diese Weise ver-
gehen, und ein Maler des Altertums, dem die Kenntnis und Anwendung von
Kartons ganz unbekannt war, am wenigsten. Es Hesse sich das Preskomalen,
im Sinne der Donnerschen Annahme, überhaupt hier nur so denken, dass der
Maler sich auf der Unterschicht, vor dem letzten Stuckauftrag, eine all-
gemeine Vorzeichnung (wie zu Oennini’s Zeit) gemacht hätte, damit das
stückweise Aufträgen sich diesem Entwürfe hätte anschliessen können. Er
hätte dann nicht nötig gehabt, die unkluge Durchschneidung der Figur der
sitzenden „Lokalgöttin“ zu machen, er hätte die Ansatzfugen an dem oberen
Teil des Bildes nicht mitten im Licht, sondern an den Konturen der
Pelspartien anbringen oder noch besser gleich der Armlinie des Adonis
entlang fortführen können; er hätte überhaupt nicht die linksseitige Oheiron-
gruppe mit der Landschaft zusammen gemalt, und auch kaum eine so kleine
Partie, wie das obere über der Figur der Aphrodite stehen gebliebene Stück
b, so abgeschnitten, wie die Abbildung von Donner es zeigt. Er hätte viel-
leicht an dem Felsen und dem kleinen Gebüsch entlang gehen können, wenn
er den oberen Teil des Bildes für sich behandeln wollte; er hätte auch die
beiden inneren Pilasterkonturen als Ausgangspunkte genommen und nicht
einmal die inneren, einmal die äusseren u. s. w. Alles dies würde aber bei
der Art des Preskomaleris auf den mehrere Zentimeter dicken Bewurf nach
dem Prinzipe des tagelangen Nassbleibens vielleicht gar nicht nötig gewesen
sein, denn ein Maler, der eine B’igur von den Dimensionen des Adonis oder
der Aphrodite in einem Guss, womöglich an einem Tage herunterzumalen
fähig ist, dem macht das klein bisschen Landschaft mit dem Amoretten dar-
über wahrlich keine Schwierigkeit! Meiner Ansicht nach hat der Maler über-
haupt nicht mit den Pilastern, sondern mit der grossen Hauptgruppe begonnen,
ohne jeden Ansatz innerhalb der Landschaft, er hat die Lokalgöttin, dann
die Amoretten hinzugefügt und zum Schluss erst die Pilaster mit den Cheiron-
gruppen gemalt, vorausgesetzt, dass ein so langes Malen a fresko wie es
Wiegmann, Donner und die Freskoanhänger glauben, überhaupt möglich ist.
Auf die eigenartige glatte Parbenbehandlung in diesem Bilde kommt
Donner (p. 113) noch besonders zu sprechen; er glaubt, dass diese Eigen-
schaft der fetteren und dichteren Beschaffenheit des als Weiss benützten
Paraetoniums zu danken ist, auf welchen Umstand er wiederholt aufmerksam
macht (p. 104). In der Folge wird gezeigt werden, dass es vor allem in
der Glättung der Malerei gelegen ist, wenn noch so stark impastierte
Stellen so eben und flach aussehen, dass kaum noch Pinselstriche zu ent-
decken sind.
Das zweite „klassische“ Beispiel für Freskoansatz innerhalb der gemalten
Fläche sieht Donner in der berühmten Einzelfigur der Medea (Museum, Helbig
N. 1264). Die die Figur „rundum umgebenden Ansatzfugen“ habe ich auch
aufs genaueste untersucht, und ausser an der Partie des Kopfes sind die wie
Fugen sich zeigenden Sprünge auch sehr deutlich zu sehen. Aber einen Be-
“^) Diese Hand sieht jetzt in der Tat so aus, als ob sie nachträglich gemalt worden
wäre; die Stelle ist mit Erhöhungen und Vertiefungen bedeckt, wie sie die im Verfall
befindlichen Malereien oftmals zeigen. Wenn ich ein Urteil darüber abgeben soll,
würde ich dafürhalten, dass diese Hand erst gemalt wurde, als die Figur des Adonis
bereits geglättet war, und bei der späteren (zweiten) Glättung sich die Schicht
naturgernäss nicht so fest mit dem Untergründe verbunden hat.
77
weis für Preskpansätze kann ich darin dennoch nicht erblicken, weil kein
Preskoraaler es für zweckmässig erachten würde, die Konturen um die Pigur
herum wegzuschheiden, wenn nur handbreit davon der Bildrand sich befindet.
Auch Donner (p. 79) hat es zugegeben, dass die „Bemalung der übrig
bleibenden Pläche als Zeitverlust bei der Ausführung gar nicht in Anschlag
gebracht werden kann“, und hat deshalb eine andere Erklärung gesucht: ver-
anlasst durch die Vergleichung des zweiten Medeabildes (Museum, Helb. N. 1262),
das die Pigur in sehr ähnlicher Darstellung, aber mit den spielenden Kindern
und dem Pädagogen zeigt, glaubt Donner, die Einzelfigur könnte nur ein Teil
eines dem vorigen gleichen Bildes, dessen übrige Teile nicht mehr vorhanden
sind, gewesen sein. Aber selbst dann, wenn die Pigur nui- ein Teilstück wäre,
trifft die Voraussetzung nicht zu, denn, ob sie nun rechts oder links vom
Bildrande gestanden, der Maler hätte niemals den geringfügigen restlichen
Teil des Hintergrundes für sich anzusetzen nötig gehabt. Die Mauerbrüstung
rechts oder die Architekturlinien über dem Kopf wären dazu weit praktischer
gewählt. Vor allem hätte aber Donner den Beweis erbringen müssen, dass
diese Medea wirklich nur ein Teil eines grösseren Bildes ist. Diesen Beweis,
der nur durch die Pundberichte über die herkulanischen Ausgrabungen möglich
wäre, hat Donner aber nicht erbringen können, und damit fällt der Hauptgrund
weg, die Risse im Marmorstuck für Preskoansatze zu erklären. Meines Er-
achtens sind die Sprünge erst durch die Transferierung des Bildes entstanden
und deshalb beinahe den Konturen folgend, weil beim Glätten der Malerei
stets ein erheblicher Druck auf die Unterlage ausgeübt wird, wodurch die
wie Stuccolustro behandelte Malerei eine grosse innere Pestigkeit erreicht.
Die umgebenden Partien sind eben weniger stark geglättet worden, und deshalb
haben sich die Sprünge an den Grenzen (hier der Konturen) zuerst bilden können.
Ansatzfugen in grösseren Bildern müssten, wenn solche beim Adonis
und der Medea wirklich vorhanden wären, sich auch in anderen grossen Bildern
in Pompeji und Herkulanum zeigen oder wenigstens Spuren davon sichtbar
sein. Dies ist aber nicht der Pall: weder an den grossen herkulanischen
Bildern im Museum mit den lebensgrossen Piguren, wie Herakles mit Telephos,
Theseus mit dem Minotaurus (Helbig N. 1143 u. 1214), noch die grossen
pompejanischen, wie Diana und Aktaeon (Helbig N. 249 b) im Peristyl der casa
di Sallustio oder an den grossen, ganze Wände füllenden Landschaften in casa
della fontana piccola (Helbig N. 1561, 1563) u. a. sind solche zu entdecken.
3. An fast allen pompejanischen Wänden mit reicher Dekoration des
ornamentalen Stile-s finden sich in farbigen Peldern eingeputzte Plächen für
die Gemälde; auch Medaillons sind vielfach in die farbige Pläche in weissem
Stuck eingefügt. Donner hat die Unters-chiede solcher Putzffächen genau
studiert und je nachdem dieselben höher oder tiefer oder im Niveau der um-
gebenden Pläche gelegen sind, verschiedene Arten des Eintragens konstatiert.
Gegen diese Beobachtungen wird kaum etwas einzuwenden sein; nur schliesst
Donner auch hier, dass diese Gepflogenheit des Einputzens der Bildfläohen
mit der Leidenschaft für Preskomalerei bei den Alten Zusammenhänge. Wenn
man aber bedenkt, dass bei dem pompejanischen Dekorationsstil die farbigen
Plächen, wie dies im weiteren Verlauf meiner Ausführung näher begründet
werden wird, in der Masse gefärbter Stuck war, so ist es einleuchtend,
dass die einen weissen Untergrund erfordernden Mittelbilder auch weissen
Stuck bekommen mussten. Deshalb liess man die Stellen leer und machte
den nötigen Einputz für sich. Je nach der Geschicklichkeit des Arbeiters
lag dann die neueingetragene Pläche im gleichen Niveau, wenn die Arbeit
gut ausgeführt wurde, etwas höher oder etwas tiefer, wenn sie man-
gelhaft ausfiel. Es mag aber auch vorgekommen sein , dass bei Umbauten,
Ausbesserungen der Wanddekorationen u. dgl. schon vorhandene Gemälde
geschont werden sollten; hier mussten dann die umgebenden Stuckfläohen an
das vorhandene Mittelbild angeschlossen werden , und so können unter Um-
ständen schräge Ansatzfugen in der von Donner (p. 60) besohx'iebenen Weise
gebildet worden sein, ja selbst solche, wo der neue Stuck etwas erhöht über
78
Donner’s
mangelnde
V ersuche.
die Ränder des Bildes hinübergreift. Dieses Verfahren erklärt sich aus dem
Umstande, dass nach der ersten teilweisen Verschüttung von Pompeji die
Stadt wieder aufgebaut wurde und jedenfalls Gelegenheit genug vorhanden
war, unter Benützung der intakt gebliebenen Gemälde die Neuherstellung der
Wanddekorationen vorzunehmen. Aber auch umgekehrt konnte es verkommen,
dass die Wanddekoration intakt geblieben, die Bilder jedoch verdorben waren
oder dem Geschmack des Besitzers entsprechend durch andere ersetzt werden
sollten 2®); in solchen B’ällen war das Entfernen der gefärbten Stuckfläche
in der für Stuokmalerei üblichen Tiefe angezeigt und erforderlich.
Nach Donner’s Ansicht können alle von ihm geschilderten verschiedenen
Verfahrungsweisen der alten Maler „keinen anderen Grund gehabt haben, als
den Wunsch, immer auf frischen Grund zu malen“ (p. 64); man wird
aber aus den obigen Möglichkeiten die ganz natürlichen Ursachen dieses Voi’-
gehens viel leichter einsehen.
4. Auf einen in erster Linie wichtigen Umstand, nämlich auf die von
Vitruv ausdrücklich hervorgehobene Forderung des „spiegelnden Glan-
zes" beim antiken Tektorium, hat Donner meines Erachtens viel zu wenig
Wert gelegt. Er erklärt Härte und Glanz als natürliche Folge des an der
Oberfläche desMarraorstucks sich bildenden Kalkkarbonats (p. 123) und gibt keine
nähere Aufklärung darüber, ob er durch Versuche sich von der Wahrheit
dieser schon von Wiegmann aufgestellten Behauptung vergewissert hat.
Ausser p. 40, wo er von Freskomalereien auf Gipskalkfläche spricht,
die ihm viertägiges Malen mit Kalkfarben gestattete, und einigen Versuchen,
mit Hilfe von Kreide und Tonarten ein dem antiken ähnliches Impasto her-
zustellen (p. 114), findet sich nirgends ein Hinweis auf praktische Versuche
zur Herstellung des antiken Stuckgrundes , so dass dieser Mangel bei
einem ausübenden Maler mit Bedauern konstatiert werden muss. Aus einer
Bemerkung ist sogar zu schliessen, dass Donner überhaupt niemals den
Versuch gemacht hat, das antike Tektorium zum Zwecke des Vergleichs
wiederherzustellen. S 63, gelegentlich der Erwähnung eines für ein korre-
spondierendes Bild bestimmten, ,,noch weiss“ gelassenen Raumes im sog.
Priesterziinmer des Venustempels in Pompeji, bemerkt er: „Bei dem Glätten
der umgebenden gelben Wand hat man noch in die öff.pne Fläche hinein
die Ränder derselben mitgeglättet“ (s. auch Figur 15. a. a. 0.). Durch
Augenschein kann man sich aber davon überzeugen, dass diese Ränder von
der Arbeit mit einer Spitzhacke herrühren müssen; das ehemals vorhandene
Bild ist entfernt und der leere Raum einfach mit Zementmörtel neueren
Datums ausgefüllt, wobei scharf ausgezackte Ränder stehen geblieben sind.
Aus der Annahme, dass man solche Ränder mitglätten könne, wurde
es mir klar, dass Donner niemals Versuche angestellt hat, Vitruv’s sechs-
fachen Marmorstuck zu rekonstruieren, geschweige denn Versuche, diesen
Stuck so zu glätten, dass „spiegelnder Glanz“ das Endresultat dieser Ar-
beit ist! Er wäre dann vielleicht zu anderen Resultaten gelangt, und
der ganze mit so grosser Mühe und geistiger Arbeit zusammengebrachte
gelehrte Apparat hätte wenigstens sicherer zum Ziele geführt, als es
der Fall ist. Vor allem wäre er auf diesem Wege dazu gelangt, die Be-
dingungen kennen zu lernen, wie auf geglättetem Stuck weiter zu malen
ist, denn es dürfte jedem doch unwahrscheinlich verkommen, dass man
mit bloss in Wasser angeriebenen Pigmenten ohne jedes Bindemittel auf
*®) Eine derartige Erneuerung in der casa del citarista ist von Donner
p. 58 beschrieben; ihm schien es, als ob der untere Teil des kleinen Adonisbildes
„nebst einem angrenzenden Stück der Wand herausgestossen, dann aber sehr
roh und unsauber mit sehr schlechter Masse wieder aus^füllt und wieder a fresco
bemalt worden sei“. Bei genauerem Betrachten dieses Raumes wird man finden,
dass auf der Fläche dieser Wand vorher 6in Medaillon sich befand, wie auf den
beiden anderen Wänden, und dass an dessen Stelle das viereckige Bild aufgemalt
wurde. Da der Raum offen liegt, ist jetzt die Stelle verwittert und demnach deutlich
erkennbar, dass nicht eine Ausbesserung, sondern eine Erneuerung der Stelle vor-
genommen wurde.
79
einer ganz glatten Fläche, noch dazu an senkrechter Wand, überhaupt
hätte malen können, und dass die Farbe, ohne zu, „perlen“ — wie die Maler
sagen — gehaftet und ein so ebenmässig kraftvolles Kolorit, teils leuchtend hell,
teils tief dunkel und sammetartig voll gesättigt, ermöglicht haben soll. Alle
Malerfarben bedürfen doch eines Bindemittels, das die pulverförmigen Teilchen
zusammenhält und ihnen Körper gibt. Und das wichtigste ist: wir haben
das ausdrückliche Doppelzeugnis des Vitruv (VII, 10, 2 ff.) und des Plinius
(XXXV, 43), dass das atramentum tectorium, das aus Kienruss bereitete
Schwarz wie das Rebenschwarz, für den Stnok von den tectores mit
Leim angemaoht worden ist, wie das atramentum librarium, die Schreibtinte,
mit Gummi. Will Donner dieses Zeugnis etwa bloss für Schwarz gelten lassen
und für die übrigen Farben nicht? Das Aussehen der Farben im Gemälde
müsste ja ein sonderbar verschiedenes sein, wenn die eine ein Bindemittel
hätte und die andere nicht.
In betreff der Farben, die sich mit dem feuchten Kalk nicht vertragen,
ist Donner selbst auch durch ein antikes Zeugnis genötigt, eine Ausnahme
zuzulassen, die ein verhängnisvolles Loch in seine Theorie zu machen geeignet
ist. Plinius zählt sieben Farben auf, die trockenen Kreidegrund lieben und
feuchtem Grund widerstreben^®): Purpur, Indigo, Caeruleum (Himmelblau),
Melisches Weiss, Auripigment (od. Rausohgelb), Appianum (od. künstliches
Kupfergrün) und Bleiweiss. Aber einige dieser Farben kamen auch bei
der Wanddekoration vielfach zur Verwendung; sie finden sich fast sämtlich
in den von den Farben handelnden Kapiteln Vitruvs, ja sie waren, da sie zu
den floridi, den „blühenden“, leuchtenden Farben gehörten, wegen ihres
prunkenden Aussehens und ihrer Kostspieligkeit bei protzenhaften Bauherrn
vorzugsweise beliebt und wurden daher nicht in den Lieferungskontrakt mit
aufgenommen, sondern mussten vom Bauherrn besonders bezahlt oder an-
geschafft werden.®^) Vitruv bemerkt dies mit ausdrücklichem scharfen Tadel
des entarteten Geschmacks, der nur noch auf die Kostbarkeit des Farben-
materials, nicht auf die künstlerische Ausführung Wert lege. Wenn nun aber
diese Farben sich a fresko nicht gebrauchen Hessen, wie verfuhr man daun
da? Man präparierte dann eben diese Farben mit einem Bindemittel und
trug sie in arido, auf die schon getrocknete Wand, auf oder man machte
eine Untermalung a fresko mit einer anderen Farbe und überzog diese,
wenn sie trocken war, mit einer Lasur der gewünschten Farbe: so lasierte
man mit Purpur, in Eibindemittel angerieben, eine Untermalung von rotem
Sandyx, wenn man Purpurrot, und eine Untermalung in Blau, wenn man
Purpurviolett haben wollte. ‘‘^*) Plinius erwähnt zufällig nur dies eine Beispiel
vom Purpur und ein zweites vom Kupfergrün (chrysocolla), bei dem der
Grund vorher mit einem aus Parätoniumweiss und Schwarz gemischten sanften
Grau übermalt zu werden pflegte (XXXIII, 91). Aber ähnliche Prozeduren
müssen auch bei den anderen empfindlichen Farben gebräuchlich gewesen
sein. Das Weitermalen auf dieser mit Eitemperafarben lasierten einfarbigen
Grundfläche konnte, um die Dekorationen darauf anzubringen, natürlich auch
erst geschehen, nachdem sie vollkommen trocken war, und da muss man
doch fragen: Wo bleibt also das Fresko?
5. Noch eine andere Tatsache ist für Donner höchst unbequem. Das
vielbegehrte Minium oder Zinnober, das schon mit dem Kalk sich nicht ver-
trug, war überdies nicht wetterbeständig und hielt sich besonders in offenen
Räumen nicht, wo es dem Einfluss des Sonnenliohtts allzusehr ausgesetzt war.
Es verwandelte sich in einen stumpf violetten oder gar schwärzlichen Ton.
'■“*) Plinius XXXV, 49: Ex omnibus coloribus cretulam amant udoque illini
recusant purpurissum , Indicum, caeruleum, Melinum, auripigmentum , Appianum,
cerussa.
29 Vgl. Vitruv VII, 5, 8.
Plin. XXXV, 45: Pingentes sandyce sublita, mox ovo inducentes pur-
purissum, fulgorem minii faciunt. Si purpuram facere malunt, caeruleum sublinunt,
,mox purpurissum ex ovo inducunt.
Widersprüche
mit den an-
tiken Quellen,
Ueberzug von
Punisohein
Wachs.
80
Die Ganosls
als „Schutz der
Wände*.
Um 63 haltbar zu machen und gegen Witterungseinflüsse zu schützen, griff
man zu einem von Vitruv (VII, 9, 3 ff.) und von Plinius (XXXIII, 122) be-
schriebenen Verfahren, das nach früherer Lesart xaOati; (Einbrennung), jetzt
yavwatj (Politur) genannt wird. Man machte Punisches Wachs mit etwas
Oel vermischt über dem Feuer flüssig und strich es mit einem Borstenpinsel
über die gründlich ausgetrocknete zinnoberrote Wandbekleidung; dann hielt
man glühende Kohlen in einem eisernen Becken nahe an alle Teile der Wand
und brachte den Wachsüberzug zum Schwitzen, um eine gleichmässige Ober-
fläche zu erlangen. Zum Schluss rieb man das Ganze mit reinen leinenen
Tüchern ab. ^®) Dadurch wurde die Wand nach Vitruv’s Ausdruck mit einem
„Panzer von punischem Wachs“ geschützt, der die Haltbarkeit der Farbe ver-
bürgte, und gleichzeitig wurde sie so blank, dass „man sich darin spiegeln
konnte“.
Den Stein des Anstosses, den diese Tatsache für ihn bildet, sucht Donner —
in Uebereinstimmung mit Wiegmann (s. oben p. 68) — dadurch aus dem Wege
zu räumen, dass er behauptet, sie beziehe sich nur auf den Zinnoberanstrich,
anlässlich dessen sie berichtet werde, und in Pompeji habe man nach seinen
Beobachtungen von diesem Schutzmittel keinen Gebrauch gemacht (p. 26).
Aber wenn auf Wänden, die seit der Ausgrabung dem Sonnenlicht preis-
gegeben sind, der Zinnober seine Farbe schnell verändert, ist das ein zwin-
gender Beweis? Auf das, was Pompeji zu erleiden gehabt hat, auf die Wir-
kungen des glühendheissen Aschenregens und das nahezu 1700 Jahre währende
Begräbnis in feuchter Erde war auch der „Panzer von punischem Wachs“
nicht berechnet, und wenn er wirklich ganz verschwunden sein sollte —
obwohl einige Chemiker bei ihren Analysen Spuren von Wachs wahrgenommen
haben wollen — wäre dies ein Wunder?^®)
Auch das ist nicht zu beweisen, dass das Verfahren der Ganosis auf
die Zinnoberfarbe beschränkt gewesen sei. Es war in Griechenland bei der
Marmorplastik wie bei der Polyohromie der Architektur seit Jahrhunderten in
Gebrauch und stand weder mit dem Zinnober noch mit irgend einer anderen
Farbe in einer durch die Natur der Stoffe bedingten Beziehung. Vitruv sagt
(a. a. 0.), dass die nackten Statuen so behandelt wurden; will man hier auf
den Ausdruck „nackt“ den Hauptnachdnick legen und annehmen, dass die
nackten Teile der Statuen ganz ohne farbige Tönung geblieben seien, so be-
weist das erst recht aufs allerdeutliohste, dass es auf die Farbe gar nicht
ankara und hauptsächlich darauf abgesehen war, die Marmoroberfläche vor
den schädigenden Einflüssen dev atmosphärischen Luft zu schützen. Das
Wachs verträgt sich ja auch, selbst wenn es direkt gefärbt wird, mit den ver-
schiedensten Farben, so dass Plinius XXI, 85, wo er, nach der Beschrei-
bung des punischen Wachses, vom Nutzen des Wachses überhaupt spricht,
abschliessend ganz allgemein sagt; das Wachs nehme mannigfache Farben an
und diene unzähligen Bedürfnissen der Menschen, sogar zum Schutz der
Wände und der Waffen. Genug, die Farbe macht hier gar keinen Unterschied,
und nichts kann uns hindern anzunehmen, dass die Erwähnung der Ganosis
beim Zinnober allein lediglich auf Zufall beruht und dass diese auch bei
anderen Farben, wenn auch nicht durchgängig, in gleicher Weise angewendet
worden ist. Gab es doch andere „blühende“ Farben genug — wie Armenisch-
blau, Purpur, Drachenblut und Kupfergrün — deren dekorative Wirkung man
besonders liebte und deren prächtiges Aussehen man schon um der Kostbarkeit
willen geneigt sein musste , durch schützende Mittel möglichst lange un-
versehrt zu erhalten. Es kommt hinzu, dass es etwas besseres als den ver-
schönernden Spiegelglanz der Ganosis gar nicht geben konnte, um den polierten
farbigen Marmor nachzuahmen, und diese Nachahmung war doch gerade der
Ursprung und das Kennzeichen des ältesten Stils der hellenistischen Wand.
29) Vgl. das besondere Kapitel über punisches Wachs und die Ganosis.
““) S. weiter unten iin Kapitel: Chemische Analysen rn. Versuche, mit Wachs
überzogene Stuckproben einem „künstlichen Pompeji“ zu unterziehen.
81
malerei (s. Vitr. VII, 5, 1). Und endlich — denkt man sich den Pall, dass ein
Zimmer eine Anzahl Felder von verschiedenfarbigem Grunde und mehrere
darunter mit glänzend glattem Zinnober in Ganosis aufwies, war man da
durch das Bedürfnis der Gleichmässigkeit nicht geradezu genötigt, die gesamte
Dekoration aller Wand teile in derselben Weise zu behandeln?
Also einfach bei Seite schieben lässt sich die Ganosis bei der antiken
Wandtechnik nicht, wie Donner es will, und hier war der Punkt, von dem
ich bei meinen ersten Versuchen ausgegangen bin. Nicht bloss den Stuck-
grund in sechsfacher Schicht genau nach den Angaben des Vitruv habe ich
bereitet und dessen Eigenschaften kennen gelernt, sondern ich habe auch nach
sorgfältger Befolgung des von Plinius (XXI, 84 ff.) wie von dem griechischen
Mediziner Dioskorides (II, 105) überlieferten Rezeptes das sog. Punische
Wachs präpariert und damit ausser der Ganosis noch manche andere Ex-
perimente angestellt.
Bevor ich auf Einzelheiten näher eingehe, möge es gestattet sein, in
wenigen Sätzen meine Ansicht über diese technische Frage auszusprechen.
Diese meine Ansicht hat sich seit der ersten Veröffentlichung (i. J. 1893) in
einem nicht unwesentlichen Punkte, welcher die dem punischen Wachs zu-
geteilte Rolle bei der Erhärtung des Stuckbewurfes betrifft, geändert.
Im übrigen habe ich aber nach jahrelangen Studien und vielfältigen Versuchen
nicht nur das damals anderen Ansichten gegenüber Behauptete bestätigt ge-
funden, sondern auch neue Beweise dafür in Fülle herbeigeschafft, die in den
folgenden Xapiteln zur Sprache gebracht werden sollen.
Schon vor 10 Jahren hatte ich richtig vermutet:
1. Die farbigen Felder der pompejanischen Wanddekorationen sind
nicht aufgemalt, sondern vielfach in der Masse gefärbt und als
letzte Schicht aufgetragen worden;
2. die Glättung dieser farbigen Felder hatte zu geschehen, solange
der Grund noch feucht war, und nach deren Gjättung wurden die
Ornamente und Bilder mit Tempera-Bindemitteln aufgemalt;
3. die oberflächliche Erhärtung des antiken Stucco ist durch
einen chemischen Prozess zu erklären, bei welchem sich (infolge des
Fettgehaltes des Glättungsmittels) eine sog. Kalkseife bilden kann.
Nach meinen neueren Erfahrungen bleiben diese Punkte aufrecht, nur
muss ich den bereits erwähnten Einfluss des punischen Wachses auf den Er-
härtungsprozess dahin richtigstellen, dass es eben nicht das Wachs ist,-,
sondern die fetten Säuren der Bindemittel, die mit dem Alkali des Kalkes die
genannte Verbindung eingehen.^*) Es wird darüber noch genauer gehandelt
werden, ebenso darüber, dass mittels heisser Eisen eine (Ilättung (gleich-
zeitig mit der Erhärtung) der Stuckoberfläche möglich ist, wodurch die vorher
auf den noch feuchten Grund aufgetragene Malerei in einer Ebene zu liegen
kommt, wie dies auf vielen Bildern und Wandmalereien in Pompeji, Herkulanum
oder Rom zu beobachten ist. In dem übereinstimmenden Verfahren des
italienischen Stucco lustro werden wir die Reste d er antiken Teoh-
**) Dieser Irrtum ineinerseits ist dadurch entstanden, dass ich hei meinen Ver-
suchen zur Herstellung des punischen Wachses nach Vitruv’s Anweisung bei der
Ganosis stets sogleich das Oel, vielleicht in zu grosser Menge, mitverseifte
oder emulgierte und erst nachträglich die Versuche getrennt vornahm; dabei hat es
sich herausgestellt, dass panisches Wachs allein nicht die Erhärtung des Stucco
bewirken kann.
Ich möchte jedoch hier bemerken, dass mein Irrtum durch die mir von einigen
Chemikern gegebene Erklärung des Vorganges, dass durch die Verseifung des
Wachses die chemische Verbindung mit dem Kalk ermöglicht werde, verschuldet war.
Einer von ihnen hatte mir sogar durch Handschlag das Versprechen gegeben, da^s
er, falls meine Ansicht angeiweifelt werden sollte, öffentlich dafür ein treten wolle.
Durch die unerwartete Enttäuschung bei der später heraufbeschworenen Kontroverse
kam ich dann zu der Ueberzeugung, irregeführt worden zu sein. Dass sich Wachs
überhaupt nur sehr schwer und zum geringsten Teil verseift, davon habe ich viel
später erst Kenntnis erlangt.
Meine Ansioht
Uber die antike
Wandtechnik.
Glättung mit
heissen Eisen.
6
82
Untorsohiedp
zwischen der
antiken und
der Fresko-
technik.
Aehnlichkeit
beider Ver-
fahren.
nik, die sich traditionell bis auf den heutigen Tag erhalten haben,
wieder erkennen.
Bei vielen Malereien in Pompeji und Rom bietet aber nur die untere
Anlage einen geglätteten Grund zur Aufnahme der weiteren Malerei, die
dann mit der Unterschicht weniger innig verbunden ist, und wahrscheinlich
mit einem Tempera-Bindemittel gemalt zu sein scheint. Um nun solche
Malereien, die stets matt auftrocknen, mit dem glänzend glatten Grund
in Einklang zu bringen, war das Ganosis genannte Verfahrenv wobei mit
punischem Wachs der letzte Ueberzug bergest' 11t und glänzend gerieben
wurde, nötig und angebracht.
Als weiteres gebräuchliches Verfahren kann eine Technik angenommen
werden, wobei mit Hilfe von Bindemitteln auf den noch feuchten
Stuck gemalt wurde, oder aber Varianten und Kombinationen genannter Ma-
nieren.
Die antik-römische oder pompejanische Technik unterscheidet sich dem-
nach von der reinen Preskotechnik:
1. Durch das Verfahren des Glättens des Bewurfes, das ent-
weder mit heissen Eisen oder mit dazu passenden Instrumenten
unter gleichzeitiger Anwendung von mechanischem Druck
erzielt werden konnte (Stucco-lustro-Verfahren) ;
2. durch Anwendung von besonders geeigneten Bindemitteln
auf trockenem oder noch feuchtem geglätteten Stuccogrund
(Tempera-Verfahren) ;
3. durch die Art des Erhärtens; nach chemischer Bezeichnung
entsteht fettsaurer Kalk (Kalk seife), während bei gewöhn-
lichen Preskoverfahren kohlensaurer Kalk sich bildet;
4. durch den Ueberzug mit sog. punischen Wachs, der zum
Schluss über alle Wandflächen gestrichen, erwärmt und
glänzend poliert wurde.
Die Aehnlichkeit beider Verfahren (des antiken Stucco und des
Fh'esko) besteht in der Bedingung frischer Bewurfmassen, so dass alle die
untrüglichen Anzeichen, die bisher als Beweise für F’resko bei den
Alten angesehen wurden, mit grösserer Berechtigung in die engste
Beziehung zur Stuccotechnik zu bringen sind. Denn zur Glättung
der Oberfläche in der Art des antiken Bewurfes ist eine gewisse Peuchtig-
keit der Oberfläche allererste Bedingung. Man könnte sogar versucht
sein, die antike Stuccotechnik mit dem Ausdruck „geglättetes Presko“
zu bezeichnen, wenn nicht der ganze Glättungsprozess dem Wesen der Presko-
erhärtung widerspräche.
v-v.
83
III Das antike Tectorium nach Vitruv und seine besonderen
Kennzeichen.
Für jede Art von Malerei ist die Unterlage, auf welcher gemalt werden
soll, von grösster Bedeutung. Bei der Wand ist es die Zubereitung des Be-
wurfes, dessen Dicke und Zusammensetzung sowie der Charakter der Ober-
fläche, welche dem Techniker zunächst wichtig sein müssen. Die alten Römer
und Griechen hatten darin wie in so vielen Dingen die grosse Erfahrung von
Jahrhunderten hinter sich, und so bewundern wir heute bei den Ausgrabungen
von Rom, Pompeji u. s. w die meisterhafte Ausführung ihrer Wände und
Wandbekleidungen. Schon die Stärke des Bewurfes, welcher manchmal
6 — 8 cm beträgt, setzt uns in Erstaunen, dann auch die grosse Glätte der
bemalten Flächen, so dass wir uns fragen : wie und aus welchem Material
ist eine derartige Wand hergestellt worden?
Die Quellenschriften des Vitruv und Plinius geben hierüber gewünschten
Aufschluss; insbesondere ist uns in Vitruv’s „Zehn Büchern über Architektur“
ein Werk des Altertums überliefert, das durch seine umfassende Beherrschung
des Stoffes den gewiegten F'achmann und Praktiker erkennen lässt.
Um sich einen richtigen Begriff davon zu machen, wie die Alten ihre
Wände für die Bemalung herstellten, ist es vor allem notwendig, alle Anweisun-
gen Vitruvs durchzusehen und auch richtig zu verstehen. Es ist auch
ganz unerlässlich, sich Stücke von ,, Tectorium“ genau so zu be-
reiten, wie der als Baumeister gewiss gut unterrichtete Vitruv vorschreibt,
und Versuche damit zu machen.
Zwei Hauptstellen das Vitruv sind es, die meist als Beweise für Fresko-
technik bei den Alten herangezogen werden, und zwar VII, 3, 7 ; „Die Farben
„aber, wenn sie auf die feuchte Wandbekleidung achtsam aufgetragen worden
„sind, gehen deshalb nicht mehr von ihr ab, sondern haften immerwährend,“
und VII, 8, 8; „Daher werden auch Wandbekleidungen, die lichtig gemalt sind,
„weder durch das Alter rauh, noch gehen die Farben, wenn man über sie hin-
„wischt, ab, ausser wenn sie nicht achtsam genug und auf das Trockene
„aufgetragen worden sind.“ Scheinbar allerdings schlagende Beweise für das
Fresko bei Vitruv! Wenn wir aber das ganze Kapitel „von der Bekleidung
(tectorium opus)“ im Zusammenhang durchsehen, so handelt es sich hier
überhaupt kaum um die Malerei, sondern um die Vorbereitung der Wände
für die Malerei; es handelt sich um den vortrefflichen gefärbten Stuck, auf
welchen dann die Malerei zu kommen hat; das lehrt der ganze Zusammenhang.
Die Freskoanhänger haben sich auch darüber nie Rechenschaft gegeben,
was unter „coloribus cum politioriibus inductis“, „wenn die Farben gleich-
zeitig mit der Glättung aufgetragen sind“, zu verstehen ist, da
doch Freskomalerei nicht gleichzeitig gemalt und geglättet werden könnte»
Die auf den nassen Stuck aufgemalten Figuren und Ornamente würden ja
durch das „Glätten“ gleich wieder verdorben werden! Und dann die
Stelle; „dass, wie mannigfach auch die Mischung (des Tectoriums) immer sein
mag, das Ganze dennoch wie aus seiner eigenen Substanz zu bestehen scheint“ —
wie wollen die Anhänger des Fresko denn diese Stelle erklären? Es dürfte
0*
Wiohtigki^it
der Angaben
Vitruvs
Beweise
für Prpsbo-
teohnik ?
84
Vitruv’s
Angaben für
Wandstuck.
Schichten von
Sand- und Mar-
mormörteln.
ja dann nur Kalk und Marmorstaub genommen werden, und jede Mannig-
faltigkeit wäre ausgeschlossen. Ausserdem hätte Vitruv es gewiss nicht un-
terlassen zu erwähnen, dass tageweises oder stückweises Arbeiten von nöten
ist, „damit die Farben dauernd haften und einen leuchtenden Schimmer von
sich geben I“ Auch findet sich nirgends in der langatmigen Erläuterung Vitruvs
eine Andeutung, dass der „wie ein Spiegel das Bild des Beschauers re-
flektierende Bewurf“ durch die Ki'ystallhaut von selbst entstehe; er er-
klärt vielmehr aufs deutlichste, dass der Stucco seine Glätte und seinen Glanz
der Arbeit des Polierens oder Glättens zu verdanken habe.
Wenden wir uns nunmehr zu den Angaben , die Vitruv im VII. Buche
macht: Nach einer Einleitung, die sich mit den architektonischen Schriften
des Altertums befasst, folgt als I Kapitel die Beschreibung des Estrichs,
die Arten ihn herzustellen und seine Zweckmässigkeit; im II. ziemlich kur-
zen Kapitel ist vom Brennen und Löschen des Kalkes zur Herstellung
des Weisstuckes (albarium opus) die Rede, und im III. kommt er auf die
Anlage der Deckenwölbungen, die mit Stuck verziert werden sollen, zu sprechen.
In gewölbten Räumen empfiehlt er die glatten oder auch ornamentierten
Stückarbeiten mit einem Gesimse abzuschliessen, so dass die Wandflächen
an dieses Gesims direkt angefügt werden können. Dann heisst es weiter:*)
(VII, B, ö) „Nachdem die Gesimse hergestellt sind, bewerfe man
die Wände möglichst rauh, nachher aber bringe man über dem
trockenen Rauhanwurf den feinsandigen Verputz (Sandmörtel) so
an, dass die Richtung genau eingehalten werde, nach der Länge
dem Richtscheit und der Schnur, nach der Höhe dem Senkblei
und in den Ecken dem Winkelmasse entsprechend. So aber wird
die Oberfläche des Verputzes für Gemälde tadellos werden.
Während der Anwurf trocknet, füge man noch einen zweiten und
dritten hinzu , denn je besseren Grund der feinsandige Anwurf
hat, desto mehr steigert sich die Festigkeit und Dauerhaftigkeit
des Verputzes.“
(6) „Nachdem ausser dem Rauhanwurf nicht weniger als drei Schichten
feinsandigen Mörtels (Sandmörtel) angebracht si d, niache maü
einen Anwurf von grobgestossenem Marmor zurecht , welches
Material so hergestellt wird, dass es beim Abarbeiten nicht an der
Mörtelscharre hängen bleibt , sondern dass man das Bisen rein
aus der Mörteltruhe herauszieht. Ist der grobe Anwurf hergestellt
und im Trocknen begriffen , so werfe man eine zweite Schicht
aus mittelfeinem Marmorstuck an ; ist diese dicht geschlagen und
gut abgeschliffen, so werfe man einen noch feineren an. So werden
die Wände, nachdem sie durch drei feinsandige (Sandmörtel)
und durch drei Marmorstuckschichten dauerhaft hergestellt
sind, weder Risse bekommen noch in anderer Weise schadhaft
werden.“
Uebersetzung nach Reber, des Vitruvius Zehn Bücher über Architektur
(Stuttgart 1865).
Der Original-Wortlaut sei hier zum besseren Vergleich angefügt nach der Ausg.
von Valent. Rose et Herrn. Müller-Strübing (Lipsiae 1867):
(Vitr. VII 3, 5) Coronis explicatis parietes quam asperrime trullissentur, postea
autem supra,, trullissatione subarescente. deformentur directiones harenati, uti lougi-
tudines ad regulam et ad lineam, altitudines ad perpendiculum , anguli ad normam
respondentes exigantur. namque sic emendata tectoriorum in picturis erit species.
subarescente, iterum et tertio inducatur. ita cum fundatior erit ex harenato di'rectura,
eo firmier erit ad vetustatem solid itas tectorii.
(6) Cum ab harena praeter trullissationern non minus tribus coriis lüerit de-
formatum, tune e marmore grandi directiones sunt subigendae, dum ita materies tem-
peretur uti cum subigatur non haereat ad rutrum, sed purum ferrum e mortario
liberetur. grandi inducto et inarescente, alterum corium mediocre dirigatur. id cum
subactum fuerit et bene fricatum, subtilius inducatur. ita cum tribus coriis harenae
et item marmoris solidati parietes fuerint, neque rimas neque aliud vitium in se
recipere poterunt.
85
(7) „Wenn aber die Festigkeit des Verputzes durch Schlagen mit
Hölzern noch mehr gesichert und derselbe bis zum harten [?]
Marmorglanz geglättet ist, werden sie in den gleichzeitig
mit dem Verputzen aufgetragenen Farben einen schimmern-
den Glanz erhalten. 2) Die Farben aber werden, wenn sie
sorgfältig auf nassen Verputz aufgetragen sind, nicht schwinden,
sondern von immerwährender Dauer sein, weil der Kalk, nachdem
dessen Feuchtigkeit in den Kalköfen herausgehiizt und derselbe
porös und kraftlos gemacht ist, durch seine Trockenheit gezwungen
alles, womit er in Berührung kommt, an sich zieht und durch
Vermischung mit den von anderen Stoffen beigebrachten Bestand-
teilen und Elementen zu einem einzigen festen Körper erhärtend
in einen Zustand versetzt wird, dass er, aus welchen Bestandteilen
immer er dann bestehen mag, nachdem er trocken geworden, die
seiner Natur von Haus aus eigene Beschaffenheit zu haben scheint.“
(8) „So wird der Verputz, welcher richtig hergestellt ist, weder
durch Alter rauh, noch lässt er, wenn er abgekehrt wird, die
Farben, wenn diese nicht mit zu wenig Sorgfalt oder auf
trockenem Grunde aufgetragen sind.^) Wenn also der Ver-
putz an den Wänden so ausgeführt ist, -wie dies oben beschrieben
worden, so wird er sowohl Dauerhaftigkeit als Glanz haben
und seine Trefflichkeit bis zu hohem Alter dauernd bewahren.
Wenn dagegen nur eine Schicht von feinsandigem und eine von
Marmorstuck angebracht ist, so wird der dünne Verputz nicht
stark genug sein und zerklüften , und wird beim Polieren wegen
der geringen Dicke den gehörigen Glanz nicht erlangen.“
Schlagen und
Glätten.
Dauerhaftig-
keit.
(7) Sed et baculorum subaotionibus fundata soliditate marmorisque oandore firmo
levigata, coloribus cum politionibus inductis nitidos expriment splendoies;
colores autem, udo tectorio cum diligenter sunt inducti, ideo non remittunt,
sed sunt perpetuo permanentes, quod calx, in fornacibus excocto liquore facta rari-
tatibus evanida, ieiunitate coacta corripit irt se quae res forte contigerunt, mixtioiiibusque
ex aliis potestatibus conlatis seminibus seu principiis una solidescendo, in quibuscumque
membris est formata cum fit arida redigitur, uti sui generis proprias videatur habere
qualitates.
(8) Itaque tectoria quae recte sunt facta neque vetustatibus fiunt horrida
neque cum extergentur remittunt colores, nisi si parum diligenter et in arido
i'uerint inducti. cum ergo ita in parietibus tectoria facta fueri nt uti supra scriptum
est, et firmitatem et spie ndo rem et ad vetustatern permanentem virtutem poterunt
habere, cum vero unum corium harenae et unum minuti marmoris erit inductum,
tenuitas eius minas valendo faciliter rumpitur nec splendorem politionibus propter
inbecillitatem crassitudinis proprium obtinebit.
Diese Stelle gibt jeder üebersetzer anders wieder. Bei Rode (Leipzig 1796)
heisst sie; „So sind sie (die Wände) nicht allein vor Rissen und Gebrechen gesichert,
sondern sie werfen, wenn sie mit Stöcken dicht geschlagen und mit festem Marmor-
staube — marmoris grano [statt candore] firmo levigata — geschlifl'en, zugleich
aber beim Polieren mit Farben überzogen wurden, einen schimmernden Glanz von
sich.“ Donner p. 39 also: „so worden in ihnen weder Risse noch andere Fehler ent-
stehen können, sondern sie geben, vermöge ihrer durch das Schlagen mit Hölzern
verdichteten und durch den stäten Glanz der Marmorteilchen glatten Masse, nachdem
auch beim Polieren die Farben aufgetragen worden sind, einen leuchtenden Schimmer
von sich.“ Wiegmann p. 178 übersetzt marmorisque candore: mit einem Reibstein von
weissem Marmor, offenbar unrichtig.
') Der Sinn dieser gezwungenen Plrklärung soll wohl sein, dass trotz der mannig-
fachen Bereitungsart und der verschiedenartigen Beimischungen das Tectorium schliess-
lich wie „ein selbständiger Stoff von eigenartiger Beschaffenheit“ erscheint.
Rode (p. 105) übersetzt diese Stelle also; „Eine gehörig verfertigte Bekleidung
wird daher weder mit der Zeit rauh, noch lässt sie, wenn sie abgewischt wird, die
Farbe fahren, diese müsste denn nicht sorgfältig genug oder auf die trockene Be-
kleidung aufgetragen worden sein.“
Donner (p. 43) legt Wert darauf „und“ statt „oder“ zu übersetzen, so dass der
Schlusssatz lautet: ausser wenn sie (die Farben) nicht achtsam genug und auf das
(schon) Trockene aufgetragen wurden. Wiegmann übersetzt nicht wortgetreu: „es
sei denn Absicht auf das Trockene zu malen“ (Malerei der Alten p. 42).
86
,8pie»?elnder
Glanz.“
Vitruv be-
schreibt nur
die Herstellung
des Verputzes.
(9) Denn wie ein aus dünnem Blech gearbeiteter Silberspiegel nur
undeutliche und matt glänzende Reflexe gibt, ein aus dickem
Metall getriebener aber, der eine kräftige Politur aushält, den Hin-
einsehenden glänzende und deutliche Bilder zurückwirft, so be-
kommt auch der Verputz, welcher aus einer dünneren Schicht be-
steht, nicht bloss Risse, sondern erblindet auch bald. Derjenige aber,
welcher durch häufige Lagen von feinsandigem und von Marmor-
material gehörig dick ist, wird nach öfter wiederholten Glät-
tungen nicht bloss glänzen, sondern auch das Bild der
Beschauer reflektieren.“
(10) ,Die griechischen Verputzarbeiter verfahren nicht bloss nach dieser
Methode um ihre Arbeiten dauerhaft zu machen , sondern sie
lassen überdies in der Mörteltruhe den Mörtel aus Kalk und Sand
von etwa zehn Mann mit hölzernen Rammklötzen stampfen und
bedienen sich dann des so um die Wette verarbeiteten Materials.
Daher sägen auch einige die Verputzschichten von alten Wänden
ab und verwenden sie als Belegplatten; ein solcher Verputz aber
hat rings um die Platten oder Felder vorkragende Rahmen.“
Ein folgender Abschnitt (11) gibt dann die Anweisung, auch auf Fach-
werk Verputz herzustellen (durch kreuzweise befestigte Berohrung), und ein
weiteres Kapitel (IV) handelt von dem Verputz an feuchten Stellen.
Aus der vollständigen Wiedergabe dieses Teiles der Vitruv’schen
Anweisungen kann ersehen werden, dass der Autor nur die Herstellung
des Verputzes beschreiben wollte und dies erhellt noch mehr aus der
Reihenfolge seiner Angaben im VII. Buche, die sich genau der bautechnischen
Arbeitseinteilung anschliesst. So wird auch heute noch vorgegangen: Nach-
dem die Mauern und die Bedachung fertig ist, folgt zuerst der Estrich oder
Terrazzo, dann die Arbeiten des Bewurfes u. zw. stets von oben beginnend,
die Anbringung der Stückarbeit an Decken und Gewölben. Da hiezu Gips-
und Kalkmörtel verwendet wird, ist das II. Kapitel (Löschen des Kalkes für
den Weisstuck) von Vitruv hier eingeschaltet. Ist diese Arbeit einschliesslich
der Gesimse fertig, so folgt endlich die Herstellung des Wandbewurfes, hier
also des Marmorstucks, auf dem die VV'andmalereien anzubringen sind.
Dass es Vitruv ohne Zweifel darauf ankam, die Methoden der Wand-
bemalung besonders eingehend zu behandeln, ergibt sich aus dem Umstande,
dass er nach dem allgemeinen Kapitel V. „über die Wandmalerei“ , das die
Geschichte und die bereits (p. 79) erwähnte polemische Charakteristik der
Wandmalerei enthält, noch einmal von d er V' er arbeit ung des Marmors
zum Verputz handelt, ein Thema, das im III. Kapitel sonst als erledigt be-
trachtet werden müsste.
Am Schluss des V. Kapitels heisst es nämlich in direkter Verbindung
mit den luxuriösen Extravaganzen seiner Zeit:
„Was ich an Mahnungen zu sagen hatte, dass man von dem Abwege,
auf den man in der Wandmalerei geraten, wieder ablenken möge, habe ich
genugsam auseinandergesetzt: jetzt will ich von der Zubereitung der
(9) Quemadmodum enim speculum argenteum tenui lamella ductum incertas et
sine viribus habet remissiones splendoris, quod aütem e solida tempeiatura fuerit
factum, recipiens in se firniis viribus politionem fulgentes iu aspectu certasque con-
siderantibus imagines reddit, sic tectoria quae ex tenui sunt ducta materia non modo
filmt rimosa, sed etiam celeriter evanescunt. quae autem fundata harenationis et mar-
moris soliditate sunt crassitudine spissa, cum sunt politionibuscrebris subacta,
non modo sunt nitentia, sed etiam imagines expressasaspicientibus
ex eo opere remittunt.
(10) Graecorum vero tectores non solum his rationibus utendo faciunt opera
firma, sed etiam mortario conlocato, calce et harena ibi confusa, decuria hominum
indupta, ligneis vectibus pisunt materiam, et ita ad certamen subacta tune utuntur.
itemque veteribus parietibus nonnulli crustas excidentes pro abacis utuntur, ipsaque
tectoria abacorum et speculorum divisionibus circa se prominentes habent expressiones.
87
Ver put.zmaterialien, so gut ich kann, sprechen, und zwar, da von dem
Kalke schon zu Anfang gesprochen worden, zunächst vorn Marmor“.®)
Daran anschliessend handelt er im VI. Kapitel wiederum von der Verar-
beitung des Marmors zum Verputz, wie folgt:
(1) „Der Marmor kommt nicht in allen Gegenden in gleicher Be-
schafifenheit vor, sondern nur an gewissen Plätzen haben die Mar-
morstücke ein durchscheinendes Korn wie Salz, und diese erweisen
sich gestossen und gemahlen als sehr passend für Verputz und
Stuckatur. Wo aber das Material sich nicht so findet, werden
die Marmorbruchsteine oder sogenannte Splitter, welche bei der
Marmorbearbeitung abfallen, in eiseimen Mörsern gestossen, ge-
mahlen und gesiebt. Dieses (in verschiedenen Graden) gesiebte
Material aber wird in drei Gattungen geschieden, und die gröbere
wird, wie dies oben beschrieben worden ist, zunächst nach dem
feinsandigen Anwurf (Sandmörtel), und zvvar mit Kalk gemischt,
aufgetragen, dann die folgende und endlich die dritte, welche
die feinste ist.
(2) Nachdem diese aufgetragen und durch sorgfältiges Abschleifen
des Verputzes geglättet sind, ist bezüglich der Farben darauf Be-
dacht zu nehmen, dass sie auf der Wand einen durchschimmernden
Glanz erlangen. [Mit dem Unterschiede zwischen diesen und mit
ihrer Herstellung verhält es sich so].“
Hier ist es notwendig, auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der,
wie es scheint, bisher unbeachtet geblieben ist. Es findet sich nämlich am
Schlüsse der oben zitierten Stelle die in Parenthese gegebene neuere
Ein Schiebung: „Quorum haec erit differentia et apparatio“, welche den Zweck
haben soll, den Schlussatz des VI. Kapitels mit dem folgenden „von den Farben“
in Verbindung zu bringen. Aus der Anmerkung der deutschen Ausgabe von
Reber, Stuttgart 1865 p. 216, ist zu entnehmen, dass „ausser dieser Ein-
schiebung, welche von Jocundus herrührt und die spätere Editoren, Schneider
und Marini, in der Hauptsache gebilligt haben, noch ein ganzer Satz aus-
geschieden und der Rest einfach an das Ende des folgenden Kapitels ver-
setzt worden ist. Lorentzen (Observationes criticae ad Vitruvium, Gotha 1858)
hat aber sehr scharfsinnig eine andere Ordnung der in den Handschriften
sehr verwirrten Stelle in Vorschlag gebracht, indem er die von ilen
früheren Editoren ausgeschiedenen Sätze an ihre fi-ühere Stelle versetzt und
dadurch Sinn und Verbindung wiederherstellt“. In der neuen Vitruvausgabe
von Valentin Rose und Herrn. Müller-Strübing, Leipzig 1867 findet man diesem
Vorschlag entsprechend die früher ausgeschiedenen und vörsetzten Worte an
ihrem Platze, doch fehlt bei ihnen nun die ganze zweite Kapitelhälfte
der früheren Editionen I •’) Es ist mithin zweifellos, dass die Schlussstelle
®) Vitr. VII 5, 8: Quae cornmonefacere potui ut ah errore discedatur in opere
tectorio satis exposui, nunc de apparationibus ut succurrere poterit dicam, et primum
quoniani de calce initio est dictum, nunc de marmore ponam.
®) Aus der folgenden Zusammenstellung möge dieser Umstand ersehen werden.
Aelt. Ausg. Vitruv. VII 6: De Marmore, quomodo paretur ad tectoria. Marmor
non eodem genere Omnibus regionibus procreatur, sed quibusdam locis glebao (ut salis)
micas perlucidas habentes nascuntur, quae contusae et molitae praestant tectoriis et
coronariis operibus utilitatem. Quibus autem locis hae copiae non sunt, caementa
marmorea, sive assulae dicuntur, quae marmorarii ex operibus dejiciunt, pilis ferreis
contunduntur cribrisque excexmuntur. Eae autem excretae tribus generibus seponuntur,
et quae pars grandior fuerit, quemadmodum supra scriptum est. arenato primum cum
calce inducitur, deinde sequens, ac tertio. quae subtiüor fuerit. Quibus inductis et
diligenti tectoriorum fricatione levigatis, de coloribus ratio habeatur, uti in his per-
lucentes exprimant splendores (Quorum haec erit differentia et appaiatio.i Ed.
Valent. Rose et Herrn. Müller-Strübing Leipz. 1867 (übereinstimmend mit dem Obigen
bis ex operibus dejiciunt); . . . dejiciunt, contunduntur et rnoluntur, et cum est sub-
cretum in operibus utuntur; aliis locis, ut inter Magnesiae et Ephesi fines, sunt loca,
unde foditur parata, quam nec raolere nee cernere opus est, sed sic est subtilis,
quemadmodum si qua est manu contusa et suberota. — Es folgt dann Kap. 7 von den
Farben: Colores vero alii sunt qui per se certis locis procieantur etc.
Lücke im
Vitruv’sohen
Text.
88
des VI. Kapitels, wie sie in den verschiedenen Ausgaben vorliegt, verstümmelt
ist, dass ein ganzer Paragraph, der eigentlich noch zur „Verarbeitung des
Marmors zum Verputz“ gehört, willkürlich an das Ende des nächsten Kapitels
(bei Sandaracha) gesetzt erscheint oder aber bei Wiederherstellung der Stelle
die andere Hälfte des Kapitels wieder gestrichen worden ist. Soviel scheint
darnach klar, dass im Texte eine Lücke sein muss.
Betrachten wir die ganze Kapitelreihe des VII. Buches näher und er-
wägen wir, welche Disposition sich Vitruv bei Abfassung desselben gemacht
haben mag, so wird sich der Schluss ergeben müssen, dass jene Annahme
Berechtigung hat, denn am Schlüsse des Buches schreibt er: „Durch welches
Verfahren und womit der Verputz je nach den Verhältnissen dauerhaft ge-
macht und wie die Gemälde in einer der Kunst geziemenden Weise
ausgeführt werden müssen, ferner welche Eigenschaften alle Farben in
sich tragen , das habe ich , soweit dies in meiner. Macht stand , in diesem
Buche behandelt.“'^) Was den zweiten Punkt betrifit, hat er es aber nicht
getan! Im V. Kapitel spricht er allerdings von der Wandmalerei, jedoch nur
im allgemeinen und wie man nicht Räume ausschmücken sollte; er übt
scharfe Kritik an der gegenwärtigen verderbten Mode der Malerei ; auch
über den grossen Aufwand der damaligen Hausherren spricht er sich abfällig
aus und schliesst (s. oben): „Was ich an Mahnungen zu sagen hatte, dass
man von dem Abwege, auf den man in der Wandmalerei geraten, wieder
ablenken möge, habe ich genugsam auseinandergesetzt.“ Indem er noch-
mals auf die Zubereitung des Verputzes zurückzukommen vorhat, wiederholt
er im VI. Kapitel das bereits im III. Kapitel ausführlicher behandelte Thema
vom Marraorverputz, „von den drei Gattungen des Marmorstucks, wie dies
oben beschrieben worden“ (quemadmodum supra scriptum est). Es wäre des-
halb in der Gesamtanlage des Buches meines Dafürhaltens gelegen, jetzt die
weiteren Arbeiten auf der Wandfläche wenigstens in kurzen Worten zu er-
wähnen, da Vitruv Eingangs des V. Kapitels sich über die Art und Weise
ausgesprochen hat, wie „die Alten in den Wandgemälden von. wirklichen
Dingen getreue Nachbildungen geben“ und wie sich die Wandausschraückung
historisch entwickelt hatte; aber über das ..Wie die Gemälde in einer der
Kunst entsprechenden Weise ausgeführt werden sollten“, fehlt jede Angabe.
Es erübrigt hier noch anzufügen, welche Anweisungen wohl in den ver-
loren gegangenen Stellen hätten gegeben werden können, um das Werk in
Vitruv’s Sinne zu kompletieren : Nach der „Anweisung der Verarbeitung des
Marmors zum Verputz“, hätte noch besprochen werden können, wie auf diesem
Verputz die Einteilung der Felder, die Fries- und Mittelwandung mit ein-
gefügten oder aufzuraalenden Bildern und Ornamenten zu machen, wie und
in wmlohem Verhältnis der Sockel dazu zu wählen, mit welchen Farben die
nasse (dritte) Unterlage zu vermöngen wäre, eine Angabe, die auch Plinius
nicht vergass, da er aufzählt, welche Farben sich zum Stuck eignen und welche
nur auf trockenem Grunde mit anderen Bindemitteln zu gebrauchen seien
(Plinius XXXV, § 49 und 45). Auch Verschiedenheiten der malerischen Aus-
schmückung waren ausführlicher zu behandeln, je nach den Zwecken des zu
malenden Raumes z. B. im Atrium, in Peristylen. Tempeln und öffentlichen
Gebäuden, wie Vitruv es für die Winterspeisesäle im IV. Kapitel angibt.
Hauptsächlich wäre es aber von grossem Werte, wenn noch genau
darüber berichtet worden wäre, ob die Malerei a fresco, nur mit Wasser und
Kalk, oder in einer anderen Weise auszuführen war. Vitruv, der sonst in allen
Dingen so überaus genau ist, hätte ganz gewiss darüber Aufklärung gegeben,
was es für eine Bewandtnis habe mit dem „schimmernden Glanz“ der Farben,
die gleichzeitig mit dem V'erputz aufzutragen v/aren, ob dieser Glanz von selbst
entstehe und ob „der Schutz der Wände und der Panzer gegen die Unbilden
9 Schluss des L. VII: Quibus rationibus et rebus ad dispositionem firmitatis
quibusque decoras oporteat fieri picturas, item quas baoeant omnes colores
in se potestates, ut mihi- succurrere potuit, iu hoc libro perscripsi etc.
89
der Witterung“ durch das panische Wachs auch auf anderen als Zinnober-
wänden nötig gewesen sei u. a. m. Nur dem unglücklichen Zufall, dass hier
eine besonders wichtige Stelle fehlt oder verloren gegangen, ist es zuzu-
schreiben, dass wir im Unklaren darüber sind und uns deshalb in endlosen
Diskussionen und Vermutungen ergehen müssen.
Uober die Technik der Wandmalerei erfahren wir also aus
Vitruv nichts Sicheres. Nur die Art der Tectorium-Bereitung
ist deutlich beschrieben, und von diesen Anweisungen müssen wir
ausgehen, um eine Rekonstruktion der antiken Wandmalerei vorzunehmen, ln
ihnen sehen wir den Hauptwert auf die Erzielung einer i n n e r 1 i c h g e-
feStigten und äusserlich geglätteten Stuckschicht gelegt, und auf diese
beiden charakteristischen Momente des antiken Stucco hat sich zu allererst
unsere Aufmerksamkeit zu richten.
I. Massgebende Faktoren für die innere Festigkeit der
Mauer mörtel im allgemeinen und des antiken Tectoriums
im besonderen.
Betrachten wir jene Anweisungen Vitruv’s, so ergibt sich nach dem
Wortlaut, dass die natürliche Bindung der Sandmörtel- und der Marraor-
stuckschichten noch gesteigert ist durch das Bearbeiten der
Fläche mit den Schlaghölzern (baculorum subactiönibus). Durch
Versuche konnte festgestellt werden, dass dadurch die Schichten viel dichter
zusammengedrückt werden , weil die feineren Marmorteilchen sich mit den
darunter liegenden gröberen zu einer Masse zusammenfügen. An deh Bruch-
flächen römischen oder pompejanischen Stucks sieht man ganz deutlich, ^^ie
der gröbere an den feineren geschichtet ist, und am deutlichsten an solchen
Beispielen, bei welchen die Bewurfmasse aus gestossenen Kalkspathbrocken
besteht. Die ersten, aus gewöhnlichem Sandmörtel zusammengesetzten Rauh-
bewürfe haben keinen anderen Zweck, als der eigentlichen Stuckschicht zur
Unterlage zu dienen, und die Dicke dieser Unterlage bewirkt durch die
darin enthaltene Feuchtigkeit, wie allgemein und richtig angenommen wird,
ein längeres Feuchthalten der obersten Lagen. Dadurch ist die später zu
erledigende Arbeit des Glättens leichter ausführbar.
Sehr wichtig ist es zu beachten, dass der vorletzte Stuckauftrag
erfolgt sein muss, bevor mit dem Dichtschlagen der Oberfläche begonnen
wird. Dies ist aus den Worten des Vitruv zu ersehen, da er sagt: „Ist der
erste grobe Marmor-Stuckbewurf hergestellt und im Trocknen begriffen, so
werfe man die zweite Schicht aus mittelfeinera Marmorstuck an; ist diese
dicht geschlagen und gut (mit der Kelle) abgerieben, so lege man einen
noch feineren auf.“®) Aber das Schlagen mit den Hölzern kann erst be-
gonnen werden, wenn der Grund beinahe trocken ist, sonst haftet der Mar-
morstuck an dem Schlagholz fest und reisst den Grund wieder auf. Der
richtige Zeitpunkt muss eben abgewartet werden.
Als erste Bedingung sehen wir also das Dichtm achen des Bewurfes
durch mechanischen Druck im Zustande der beginnenden ober-
flächlichen Trockenheit. Nach bisheriger Annahme ist die Festigkeit
des Bewurfes als Folge der Kohlensäureaufnahme des im Mörtel befindlichen
Kalkhydrates oder gelöschten Kalkes angesehen worden, wobei durch die
Verdunstung des Wassers die Kohlensäure der Luft mit dem Kalk sich in
kohlensauren Kalk verwandelt. Mit der Zeit erhärtet die Masse immer mehr,
bis alles vorhandene Kalkhydrat sich durch Kohlensäureaufnahme in einen
„marmorähnlichen“ Körper verwandelt hat. Auf diesem chemischen Prozess,
so wird behauptet, beruht die grosse innere Festigkeit der antiken Be-
würfe.®) Dem ist entgegenzuhalten, was der hervorragende Fachmann, Joh.
®) Vitruv VII 3, 6: ... Grandi inducto et inarescente, alterum corium mediocre
dirigatur. id cum subactum fuerit et bene fricatum, subtilius inducatur.
Der chemische Prozess, welcher beim Löschen des Kalkes und bei der
Verwendung der zu Mörtel benützten Mischung von Sand und Kalk durch sog.
Bearbeiten der
Wandfläphe
mit Schlag-
hölzern.
Diohtmachen
des Bewurfes.
90
Joh. Nep. V.
Puchs Uber
Mörtel-Er-
härtung.
Muspratt's
gleiche An-
sichten.
Mechanische
und chemische
Zuschläge.
Nep. V. Puchs, in seiner Abhandlung „Ueber Kalk und Mörtel“ (gesammelte
Schriften p. 113) sagt: „Der Zusammenhalt des mechanischen Mörtels wird
lediglich bewirkt durch das an den Teilen des Zuschlags erhärtende Kalk-
hydrat, an welche es durch die Adhäsionskraft so angedrückt wird, wie wenn
es auf eine andere Weise zusammengepresst würde. Es bildet sich dabei
zugleich immer mehr oder weniger Kalkhydrokarbonat. Es kann auch später
unter gewissen Umständen alles Wasser entweichen und durch Kohlensäure
ausgetauscht werden. Allein dieses erfolgt immer nur äusserst langsam, und
ändert, wie ich glaube, nichts im physischen Zustande des Mörtels. War
zuvor das Kalkhydrat kompakt, so wird auch ein kompaktes Kar-
bonat entstehen; war es aber locker, so wird auch nur ein lockeres Kar-
bonat erzeugt werden. Einige Chemiker und Baumeister waren der
Meinung, dass der Kalk des Mörtels dur ch Aufna h me von Kohlen-
säure aus der Luft gleichsam in Marmor verwandelt werde und
sich darauf das Erhärten desselben gründe. Allein es ist nicht
einzusehen, warutn gerade ein- marmorartiges Produkt entstehen
müsste und nicht vielmehr ein der Kreide oder Montmilch ähn-
liches gebildet werden könnte.“
Auch in Muspratt’s grossem chemischen Werk (II p. 393j ist dieselbe
Meinung ausgesprochen, dass „die Aufnahme der Kohlensäure allein dem
Mörtel keinen Zusammenhang gibt, wenn derselbe nicht vorher einen ge-
wissen Zusammenhalt durch Abtrocknen erhalten hat. Druck befördert
die Erhärtung. Ein wesentliches Moment für die Festigkeit des
Mörtels ist seine Dichtigkeit.“
Bei MauerwCrk, das durch Mörtel verbunden ist, üben die aufeinander
geschichteten Steinmassen durch ihr Gewicht einen bedeutenden Druck aus,
wodurch die Adhäsionskraft in ihrer Wirkung sehr unterstützt wird. Allein
da, wo kein Druck stattfindet — bei Gesimsen und architektonischen Ver-
zierungen, beim Anwurf der Wände — ist man darauf angewiesen, sich eines
bösseren Mörtels zu bedienen. Nach Puchs (p. 108 und 111) kann man
den Mörtel aber nur auf zweierlei Weise verbessern, nämlich daüurch, dass
man ihm entweder einen feinen mechanischen oder einen chemischen
Zuschlag (Zement) beigibt. „Bei jenem verbinden sich der Kalk und Zu-
schlag durch Adhäsionskraft, bei diesem durch die chemische Anziehungskraft.
Jener wird gewöhnlich Luftmörtel, dieser Wassermörtel oder hydrauli-
scher Mörtel genannt. Der Zuschlag des letzteren, welcher von einer
Karbonatbildung stattfindet, ist aus folgender Zusammenstellung ersichtlich. Diese
ist entnommen dem Buch d. Erfindungen. 9. Auflage, VII. Bd. Leipzig 1899,
p. 325:
„Kalk zerfällt beim Erhitzen in die Bestandteile Kalk und Kohlensäure
Kohlensaurer Kalk = Kalk Kohlensäure,
Ca COs = Ca 0 -1- CO-i.
Der gebrannte Kalk ist chemisch das Oxyd des Metalles Calcium. Kommt Wasser
an dieses Oxyd, also an den gebrannten Kalk, so vereinigt es sich mit ihm zu Cal-
ciumhydroxyd.
Kalk -f- Wasser = Calciumhydroxyd,
CaO-l-HsO = Ca(OH)2.
Durch die Kohlensäure der Luft geht der Kalk wieder in kohlensauren Kalk
über. Dabei muss, wie die Ueberlegung lehrt, das durch die Kohlensäure der Luft
in kohlensauren Kalk zurückverwandelte Calciumhydroxi d des Mörtels sein chemisch
gebundenes Wasser wieder hergeben:
alciumhydroxyd (gelöscht. Kalk) -|- Kohlensäure aus der Luft = kohlens. Kalk -j- Wasser,
CafOH)2 -|- CO2 = Ca COs -|- HO2
und daraus erklärt sich, dass, so lange nicht aller Kalk in den Wänden in kohlen-
sauren Kalk übergeeangen ist, die Wände immer wieder feucht werden. Das Heizen
solcher Räume an sich kann also das Austrocknen nicht bewirken. Nur wenn man
zugleich für eine reichliche Entwicklung von Kohlensäure sorgt, also möglichst schnell
allen gelöschten Kalk in der Wand in kohlensam en Kalk verwandelt, wird man Erfolg
haben. Dieses ist der Grund, weshalb man in den Neubauten offen brennende Koks-
körhe aufstellt. Sie liefern durch das Verbrennen von Kohle viel Kohlensäure, und
die von ihnen gleichzeitig gelieferte Wärme sorgt dafür, dass das durch die Kohlen-
säure in der Wand frei werdende Wasser rasch verdunstet.“
91
solchen Beschaffenheit sein muss, dass der Kalk chemisch darauf wirken
kann , heisst Zement oder chemischer Zuschlag. Beide Mörtelsorten werden
in der Praxis sehr oft mit Vorteil vereinigt., indem man dem mechanischen
Mörtel einen chemischen und dem chemischen einen mechanischen Zuschlag
gibt. Dieses Gemenge kann man Doppelmörtel nennen“.
Als solchen Doppelmörtel müssen wir den antiken Bewurf
auch betrachten, da als mechanischer Zuschlag der Marmorsand oder das
in drei Siebungen verwendete zerkleinerte Material von Kalkspath zur An-
wendung kommt und als chemischer Zuschlag die pu-teolanische Erde ge-
bräuchlich war. Diese von Vitruv (II, 6) beschriebene puteolanische Erde
oder Puzzolana^®) kommt in der Gegend von Bajä und ira Gebiete der Städte,
welche um den Vesuv herumliegen, vor und diente zu allen Arten von Bauten,
insbesondere zu Wasserbauten, weil sie, wie wir sagen, hydraulische Eigen-
schaften hat. Mit Puzzolanerde angemachter Mörtel erhärtet demnach ohne
Zutritt der Luft, vielmehr durch die Einwirkung des Wassers auf die durch
vulkanische Kraft aufgeschlossene Kieselsäure, welche in den natürlichen
Puzzolanen gebildet ist.
Man hat auch vielfach angenommen , dass die Festigkeit der alten
Mauern eine Folge der Silikatbildung ist,“) d. h. dass der mit dem Kalk
„Puzzolane, hydraulische Zuschläge, welche gleich dem Kalk die Eigenschaft
haben im Wasser zu erhärten, sind zumeist natürliche Produkte. Die Puzzolanerde,
Puzzuolanerde (Pulvis puteolanus) nach dem Fundorte Puteoli (heute Puzzuoli) am Ve-
suv genannt, ist vulkanisches Tuffgestein von körniger, wenig poröser Struktur, von
welchem die Römer schon lange vor unserer Zeitrechnung zu ihren Wasserbauten
Anwendung gemacht haben. Sie war lange Zeit hindurch das einzige und ist noch
heute ein ausgezeichnetes Material zur Bereitung von Wassermörtel. Sie wird in der
Nähe von Neapel in grossen Mengen gewonnen. Auch Rassano bei Torre del Greco
und Monte Nuovo produzieren ein sehr gutes Material. Die besseren Sorten besitzen
eine dunkelbraune Farbe. Die in der Nähe von Rom und im Albanergebirge ge-
wonnene rötlich-violette oder schwarz-graue Puzzolanerde verwendet man an Stelle
von Sand zu Luftmörtel, da in der Nähe von Rom guter Sand schwer zu beschaffen
ist. Der Puzzolanerde ähnliche vulkani che Produkte finden sich auch in Frankreich,
in der Auvergne. Die Puzzolanerde verliert beim Erhitzen Wasser und lässt sich
durch starke Salzsäure ziemlich vollständig zersetzen.
Einen der Puzzolane ähnlichen Tuffstein (Trass) entdeckten die Römer in Deutsch-
land am Rhein. Ob sie ihn schon für Wasserbauten benützten, ist nicht bestimmt
festgestellt. Als sicher kann angenommen werden, dass am Ende des XVII. Jhs.
dieses Gestein in grosser Menge zu hydraulischem Mörtel verwendet wurde.
San tor inerde ist ein von den griechischen Inseln Santorin, Therasia und
Aspronisi stammendes vulkanisches Tuffgestein und unterscheidet sich von dem
rheinischen Trass und der römischen Puzzolanerde äusserlich nur duich geringere
Festigkeit und Dichtigkeit. Dagegen ist sie durch ihren bedeutenden Gehalt an feiner
amorpher Kieselerde ausgezeichnet und auch weniger leicht von Säuren zersetzlich.
Sie ist im wesentlichen ein Gemenge von verschiedenen zersetzten Kieselfossilien.
Alle drei vulkanische Tuffgesteine, Puzzolanerde, Trass und Santorinerde, ge-
hören, wenn sie auch als Konglomeratbildungen von sehr wechselnder Zusammen-
setzung sind, offenbar der Trachytformation an. Alle drei enthalten chemisch ge-
bundenes Wasser und aufgeschlossene Kieselsäure. Hierauf beruht im wesentlichen
das Erhärten des mit diesen Zuschlägen angerührten Kalkmörtels , indem sich hiebei
auf nassem Wege, also auch unter Wasser, eine Verbindung von Kalk und Kiesel-
säure vollzieht.“ (Buch d. Erfindungen, 9. Auf!., VII. Bd. Leipz. 1899, p. 48.)
“) Ueher den Unterschied des. Erhärtens des Mörtels durch Karbonatbildung
und Silicatbildung vergl. Muspratt II p. 393 ff. Es heisst daselbst die Silicat-
hildung betreffend;
„Es ist allerdings durch Versm^he, namentlich von Petzold (Journ. f. prakt.
Chemie ([I] 16, 96) erwiesen, dass die Kieselsäure, auch die unaufgeschlossene, imstande
ist, unter Umständen, namentlich bei genügender Feuchtigkeit, bei sehr feiner Zer-
teilung und längerer Dauer in Berührung mit Aetzkalk eine Silicatbildung herbei-
zuführen und dadurch das Erhärten des Mörtels zu befördern ; auch spricht dafür, dass
erst mehrere Jahre alter Mörtel sich in Salzsäure unter Zurücklassung der Sandkörner
löst, während die Säure aus Jahrhunderte alten Mörteln gelatinöse Kieselsäure bildet;
allein in vielen Fällen zeigt sich in alten, sehr harten Mörteln eine Silicat-
bildüng nicht, auch wird Mörtel gleich hart, wenn man den Kieselsand durch
Kalksand ersetzt.
Es mag die Silicatbildung bei uralten Mörteln eine Rolle gespielt haben, welche
aber für die Erhärtung des gewöhnlichen Mörtels während eines Menschenalters un-
Sog. Doppel-
mörtel.
Erhärtung
durch Silikat-
bildung.
92
vermengte Sand sich „verkieselt“. Dies ist aber nur möglich wenn zum
Mörtel Sand oder Quarz , welches chemisch reine Kieselsäure ist , genommen
wird. Beim antiken Stuck, der in seiner Hauptsache aus Marmor, d. h. kohlen-
saurem Kalk, besteht, trifft demnach die obige Art der Silikatbildung nicht zu.
Die in alten Mörteln nachgewiesene aufgeschlossene Kieselsäure i'ührt
vielmehr von einem Tongehalt der verwendeten Kalke her (s. Note), also
von dem Grebrauch der Zemente (Puzzolane, Trass u. dergl., welche nichts
anderes sind als natürlich gebrannte Tonsorten). Es dürfte zur Bekräftigung
dieses Umstandes von Interesse sein, auf die in der Note gegebenen Mörtel-
analyseu antiker Bauwerke, insbes. auf die altrömischen Puzzolane-Mörtel
hinzuweisen ^^), und damit die chemischen Analysen der Puzzolane römischen,
campanischen und nordischen Ursprungs zu vergleichen. ^®.)
wesentlich ist, vielmehr wird dieselbe nur dem Einflüsse der atmosphärischen Kohlen-
säure verdankt. Nach Winkler (Polyt. Jouro. 164, 58) rührt die aufge.schlossene
Kieselsäure in alten: Mörteln von einem Tongehalt der verwendeten
Kalke her.“
**) Wallace fand altrömische Puzzolane-Mörtel wie folgt zusammengesetzt:
a) von Hadrian’s Villa im Tivoli bei Rom, b) von der Innenseite einer Mauer
in Pompeji, c) von dem Dache latinischer Gräber, d) von einer Mosaik in den
Bädern des Oaracalla in Rom. (s. Muspratt II p. 400.)
Kieselsäure und Sand
41,10
33,36
36,26
30,24
Tonerde
14,70
2,86
16,39
10,64
Eisenoxyd
4,92
2,32
1,23
3,67
Kalkerde
15,30
29,88
19,71
25,71
Magnesia
0,30
0,25
0.71
0,90
Kali
1,01
3,40
nicht bestimmt
Natron
2,12
3,39
Kohlensäure
11,80
23,70
13,61
17,97
Organische Stoffe
2.28
1,50
—
2,48
W asser
5,20
1,00
8,20
5,50
alysen von Mörtel
a ntiker
Bauten nach
W allace
(a. a. 0. p. 395):
a) Phönicischer Mörtel von Cypern, ausserordentlich hart und fest mit 0,52 lös-
licher Kieselsäure (Polyt. Journ. 177, 372), b) u. c) altgriechischer Mörtel, erstere Sorte von
der Pnyx in Athep, stets der Luft ausgesetzt gewesen, sehr hart und graulich, letztere
Sorte aus dem Inneren eines allen Tempels in einer Höhle im Pentelikon bei Athen,
der Luft nicht ausgesetzt gewesen, d) von altrömischen Bauten in Burgh nach Spiller.
Steine
28,63
—
—
—
Grober Sand
Feiner Sand
3,37
16,20
1 12,06
j 3,90
j 54,50
Kohlensaurer Kalk
—
—
—
25,75
Kohlensaures Magnesia
—
—
—
0,08
Kalkerde
26,40
45,70
49,65
—
Tonerde
2,16
2,64
0,98
—
Eisenoxyd
0,99
0,92
0,82
—
*Lösliche Kieselsäure
—
—
—
0,40
Kohlensäure
20,23
37,00
38,33
—
Wasser
0,45
0,36
3,07
0,92
Magnesia
0.97
1,00
1,09
—
Schwefelsäure
0,21
—
1,04
—
Organische Stoffe
0,56
—
—
—
Rote Ziegelerde
—
—
18,00
Schwefelsaurer Kalk
—
—
—
0,15
Chlornatrium
—
' —
—
0.05
*Zur Silicatbildung beitragende Kieselsäure.
Zusammensetzung der Puzzolane nach Analysen von Berthier (a und
b) aus den Gruben von St. Paul bei Rom und von Vicat (c) vom Vesuv, d) nach
Demarchi
li von San Paolo.
a
b
0
d
Kieselsäure
44,5
59,15
46,5
47,66
Tonerde
15,0
21,27
10,5
14,33
Kalkerde
8,8
1,90
10,0
7,66
Magnesia
4,7
—
—
3,86
Eisenoxyd
12,0
4,76
29,5
10,33
Kali
L4
J 10,60
l _
1 4.13
Natron
I
)
Wasser
9.2
2,56
2,50
7,03
Sand
—
—
—
5,00
93
Wir können demnach für die Herstellung des antiken Tectoriums aus
den obigen Ausführungen den Schluss ziehen, dass dessen innere Festigkeit
abhängt von der Anwendung des sog. Doppelmörtels (Puzzolanmörtel) und
von der mechanischen Manipulation des Schlagens mit den Hölzern, wodurch
die einzelnen Teilchen näher aneinander zu liegen kommen und in diesem
Zustande erhärten. Wir können aber auch selbst aus der oben zitierten,
schwerfällig ausgedrückten physikalischen Erklärung des Vitruv (VII 3, 7)
entnehmen, dass „Zuschläge“ gebräuchlich und, wie aus den erwähnten Dar-
legungen von Fuchs und Anderen ersichtlich ist, zweckentsprechend waren.
Vitruv verschweigt zwar, was für „andere Stoffe und beigemengte Elemente“
den Bewurf in den Zustand versetzten, dass er, „woraus immer er bestehen
vermag, nach dem Trocknen wie ein selbständiger Stoff von eigen-
artiger Beschaffenheit erscheint“ (in quibuscumque membris est formata,
cum fit arida, redigitur, uti sui generis pioprias videatur habere qualitates);
die Möglichkeiten können sich aber nur nach zwei Seiten bewegen, nämlich
nach den mechanischen oder nach den chemischen Zuschlägen. Zu den me-
chanischen Zuschlägen wären ausser dem Kalkspath, Marmormehl und
anderen gestossenen Erden die Erdfarben (Metalloxyde) zu rechnen, zu den
chemischen Zuschlägen die Puzzolane oder zu Staub gelöschter Kalk,
der nach dem Urteil von Praktikern auch für Doppelmörtel geeignet zu sein
scheint und bei manchen Stuckarbeitern auch heute noch im Gebrauch ist
(s. das Marmorino-Rez. weiter unten sowie m. Versuche).
Nicht ausgeschlossen, ja sogar im höchsten Grade wahrscheinlich sind
Zuschläge von organischen Materien zum letzten oder auch vorletzten
Stuckauftrag, denn es sind in chemischen Analysen organische Substanzen
nachgewiesen worden (s. den betr. Abschnitt), und wir haben überdies die
Nachricht bei Plinius (XXXVI, i?7), dass das Tectorium des Minervatempels
zu Elis mit Milch angerührt worden ist, sowie eine Notiz desselben Schrift-
stellers (XXXV, 194), wonach mit Selinusischer Kreide, „mit Milch augerührt,
Weissstuck wiederaufgefärbt wird“.^^) Mit Milch gemischt,, erhält der Kalk-
stuck grosse Härte, und die Kittmassen späterer Zeit bestehen unter anderem
aus Käsestoff und Kalk („malthae“ s. m. Beitr. III p. 26). Diese Eigenschaft
des Caseins ist längst bekannt gewesen, ebenso auch die gleiche Eigenschaft
des Eiweiss. Mithin ist es sehr möglich, dass unter den „anderen Stoffen
und beigemengten Elementen“ auch solche organischer Art gemeint sein
können (s. den Abschnitt: ,, meine Versuche“ u. chemische Analysen). Ebenso
beweisend ist das bereits (p. 79) kurz erwähnte Doppelzeugnis des Vitruv
und Plinius, wonach die tectores das Schwarz mit Leim vermischt verwen-
deten. Vitruv berichtet darüber ausführlich in einer jeden Zweifel aus-
schliessenden Form und erwähnt die Leimzumischung beim schwarzen Tec-
torium dreimal, u. zw. bei Russschwarz, Kohlschwarz und Rebenschwarz,
wie folgt:
(VII 10, 2 bis 4): „Nachdem man ihn (den Russ) dann ge-
sammelt, wird er zum Teil mit Gummi versetzt und dient so als
Tinte, während das übrige von den Verputzarbeitern unter
Nach Sau vage enthielt Puzzolane aus den Ardennen 56 lösliche Kieselsäure^
7 Ton, 17 feinen Quarzsand, 12 Chlorit und 8 Wasser.
Zur Mörtelbereitutig nimmt man in Italien dem Volumen nach auf 1 T. Kalk
1 bis 2 T. Puzzolane mit (1 T.) oder ohne Sand, oder 3 Kalk, 4 Puzzolane und 4 Sand.
Man mengt auch wohl 1 T. Kalkbrei, mit 2 T. Sand und 3 T. Puzzolane, breitet das
Gemenge auf dem Boden aus, schüttet in ein ausgehöhltes Loch 1 T. ungelöschten
Kalk, I), giesst ihn mit Wasser, bedeckt den Kalk beim Beginn des Löschens mit der
teigigen Masse und arbeitet die Masse unter Zusatz der nötigen Wassermenge ge-
hörig durch, (s. Muspratt 11 p. 399.)
“1 Plin. XXXVI, 177 : Elide aedis est Minervae, in qua frater Phidiae Panaenus
tectorium induxit lacte et croco subactum, ut ferunt; ideo, si teratur hodie in eo
saliva pollice, odorem croci saporemque reddit.
Ebenda XXXV, 194: eadem (Selinusia terra) lacte diluta tectoriorum al-
baria interpolantur.
Zuschläge von
organischen
Materien.
Beimischung
von Leim zum
schwarzen
Tectorium.
94
Beimischung von Leim an den Wänden verwendet wird.
(3) Ist aber solches Material nicht fertig zur Hand, so ist, damit
die Arbeit durch langwieriges Warten nicht aufgehalten werde, dem
Drang der Umslände in folgender Weise Rechnung zu tragen. Man
verbrenne Reisig oder Kienspäne ; sobald sie zu Kohlen verwandelt
sind, lösche man sie aus; dann zermalme man sie in einem Mörser
unter Beifügung von Leim, so wird das Schwarz den Ver-
putzarbeitern nicht unentsprechend sein. (4) Nicht minder
wenn getrocknete Weinhefe, im Glühofen zu Kohle gebrannt und
gerieben, unter Zusatz von Leim im Stuck aufgetragen wird;
sie ergibt einen noch weicheren Ton als gewöhnliches Schwarz, und
je besser der Wein (Trester), aus dem sie gewonnen, desto mehr
wird sie nicht blqss das gewölmliche, sondern auch das indische
Schwarz (Tusche) erreichen."^®)
Ebenso sagt Plinius bei der Beschreibung der schwarzen Farben, aller-
dings ganz kurz (XXXV, 43) : „Jedes Schwarz wird an der Sonne zubereitet,
für Schreiberzwecke mit Gummi, für Verputzarbeit mit Leim vermischt.
Wenn es mit Essig flüssig gemacht ist, lässt es sich schwer abwaschen.“ ^®)
Bei dem schwai-zen Tectorium mag ein organischer Zusatz zur Farbe
schon deshalb am Platze gewesen sein , weil die feinen Russteilchen nicht
körperhaft genug sind, und gerade beim schwarzen Bewurf die Kalkzugabe
eine geringere sein musste, weil sonst nur ein grauer Ton erzielt wird.
Versuche haben ergeben, dass Leimzugabe zur letzten Schicht auch bei an-
deren Farben gute Dienste geleistet haben, und es ist nicht ausgeschlossen,
dass die alten Stuckarbeiter die einmal erkannten Vorteile auch bei anderen
Farben auszunützen suchten, z. B. bei der blauen Farbe, welche, künstlich
hergestellt, von ebenso geringer Körperhaftigkeit ist, wie die schwarze.
II. Die Erzielung der äusseren Erscheinung an dem
Tectorium der Alten.
Nach dem Auftrag der drei Schichten von Sandmörtel und der zwei
Schichten von Marmorstuck, nacheinander in noch nicht völlig getrocknetem
Zustand, soll nach Vitruv’s Weisungen noch eine sechste feinste Schicht
von Marmorstuck aufgetragen und so abgeschliffen oder geglättet werden,
dass von den Farben ein schimmernder Glanz ausgeht, „udo tectorio cum
keftMTder'^Br- dhigdtßr sunt inducti“. Was heissen diese Worte? Die gewöhnliche Ueber-
kiärung. setzung: „wenn die Farben sorgsam auf den feuchten Bewurf aufgetragen
worden sind“ führt zwar dazu, an ein nachträgliches Aufstreichen der Farben
a fresko mit dem Pinsel zu denken; aber die Worte können, rein gram-
matisch betrachtet, auch anders übersetzt werden, nämlich (udo tectorio
als Ablativ, nicht als Dativ gefasst): „wenn sie mit dem feuchten Tectorium
aufgetragen sind“, und diese Auffassung gewinnt an Berechtigung durch die
weitere Bestimmung: „wenn die Farben zugleich mit der Politurarbeit
aufgetragen sind“ (coloribus cum politionibus inductis). Das ist freilich
ein ungeschickter, nicht sofort klarer Ausdruck; aber wo Vitruv von techni-
schen Dingen als Fachmann spricht, da ist es auch sonst oft schwer, seine
unlitterarische Ausdrucksweise richtig zu verstehen. Nun ist colores in-
ducere ira Sinne des Farbenanstrichs mit dem Pinsel nicht ungewöhnlich.
Vitruv VII 10, 2: . . inde collecta partim componitur ex gurami subacta ad
usum atramenti librarii, reliqua tectores glutinum admiscentes in pariotibus
utuntur. 3. Si autem hae copiae non fuerint paratae, ita necessitatibus erit administran-
dum, ne expectatione morae res retineatur. sarmenta aut taedae schidiae comburantur,
cum erunt carbones extinguantur, deinde in mortario cum glutino terantur. ita
erit atramentum tectoribus non invenustum. non minus si faex vini arefacta et
cocta in fornace fuerit et ea contrita cum glutino in opere inducetur, super quam
atramenti suavitatis efficiet colorem, et quo magis ex meliore vino parabitur, non
modo atramenti S( d etiam indici colorem dabit imitari.
‘®) Plinius XXXV, 43: Omne autem atramentum sole perficitur, librarium
cumme, tectorium glutino admixto quod aceto liquefactum est, aegre eluitur.
95
obwohl das treffendere Wort inlinere sein würde; aber ebenso gebraucht
man inducere vom Aufträgen des Stucks, oder vielmehr es ist dies
der einzige und eigentlich technische Ausdruck dafür. Und dass diese
Bedeutung hier angenommen werde, verlangt die Natur der Sache. Ein
Parbenan strich könnte nicht gleichzeitig mit der Politurarbeit, er müsste vor-
her oder nachher geschehen; wenn aber vorher, so hätte das Abreiben oder
Polieren die frische Farbe des Grundes — wie viel mehr die daraufgesetzte
Malerei! — wieder arg beschädigen müssen; wenn nachher, so hätte der durch
die Politur gewonnene Glanz darunter gelitten, und in beiden Fällen wider-
spricht die Prozedur dem ausdrücklichen Wortlaut Vitruvs. Dagegen bei dem
gleichzeitigen Aufträgen der Farbe in und mit dem Stuck begreift sich
auch der merkwürdige Plural politionibus: es sind die hundertfachen
Druckbewegungen und Manipulationen der Spachtelkelle gemeint, die zum
gleichmässigen Aufträgen und Verarbeiten und Glätten nötig waren, wie
vorher von den vielfach wiederholten Schlägen der Hölzer ebenfalls bacu-
lorum s u bactio nibus gesagt ist. Dieses Schlagen ging dem Färben und
dem Glätten (der sechsten Schicht) voraus; die Beschreibung Vitruv’s
erwähnt es bei der fünften Schicht. Auf diesem Dichtschlagen beruhte
nicht zum mindesten die ausserordentliche Festigkeit des ganzen Bewurfs,
und die letzte, in der Masse gefärbte Schicht brauchte verhältnismässig
nur dünn zu sein. Sollte es daher kommen, dass Plinius^^) überhaupt nur
fünf Schichten erwähnt, so dass er die letzte nicht mehr als solche gezählt,
sondern als blosse Farbe angesehen hätte?
Diese mit dem Text verträgliche Annahme des in der Masse gefärbten
Stuckes enthält auch sachlich durchaus nichts Neues. Dasselbe besagt der
Sache nach die bisher als seltsam, als „ein albernes Küsterinärchen“ betrachtete
Notiz des Plinius (XXXVI, 177), der mit ganz bestimmtem, technisch genauem
Ausdruck berichtet, im Athenetempel zu Elis habe der Maler Panänus, des
Phidias Bruder, den Stuckbewurf, den er dekorierte, mit Milch und Saffran
vermengen lassen (tectorium induxit lacte et croco subactum), und daher solle
noch zu seiner Zeit die Wand beim Reiben mit Speichel Geruch und Geschmack
des Saffran von sich geben. Geradezu beweisend aber sind die Ergebnisse der
neueren Untersuchungen antiker Baureste in Athen und besonders in Olympia,
aus denen namentlich Dörpfeld sofort die für die Polyohromie der Bauwerke
wichtigen Konsequenzen gezogen hat. Ich lese z. B. in einem zusammen-
fassenden Aufsatze des Archäologen und Architekten Borrmann^**) über die
früher als Leonidaion bezeichnete Südosthalle, die zu Neros Zeit unter Be-
nützung der ursprünglichen Werkstücke vollständig umgebaut worden war:
„An diesen Werkstücken sind an allen nicht infolge zufälliger Umstände
verwitterten Stelleusowohl der glatte, glänzend weissePutz als auch
die Farben und Ornamente so trefflich erhalten, dass wir hier für
die Bemalung eines dorischen Bauwerks völlig sichere Anhaltspunkte ge-
wonnen haben, die durch die Beobachtungen an anderen olympischen Monu-
menten lediglich bestätigt werden. Was die Untersuchungen an diesen Bau-
werken besonders begünstigte., war der Umstand, dass das Material nicht
Marmor ist, sondern ein g'rober Muschelkalk, an dessen poröser Oberfläche
der Putz vortrefflich haften geblieben. Besonders ins Gewicht fällt hierbei
die oft wiederholte Beobachtung, dass, wo ein Bauteil einen gleich-
mässigen Farbenanstrich erhalten sollte, die Farbe gleich dem Putze
beigemengt wurde. Sie bleibt darum noch erkennbar, so lange nur ein
Fleckchen der Stuckbekleidung haften geblieben. So sind u. a. die Triglyphen,
Tropfenplatten, kurz diejenigen Teile des Gebälks und Geison behandelt, die
nicht mit Ornamenten versehen waren. Wo letztere vorhanden, z. B. auf den
Gleichzeitigps
Aufträgen und
Glätten des
Stucks.
Meine An-
nahme des in
der Masse ge-
färbten Stucks.
Gleiche Beob-
achtung an
griechischen
Bauten.
>') Plinius XXXVI, 176: Tectorium nisi quod ter harenato et bis marmorato
inductum est, numquam satis splendoris habet.
*®) Vgl. Baumeisters Denkmäler des klass. Altert, s. Polychromie der Bau-
werke III p. 1337.
96
Das gleiche
an sicilian.
'rempelresten.
Gefärbte
Stuokschicht
an pompejan.
Wandbeklei-
dungen.
Kymatien, war sie auf den Putzgrund aufgemalt, und hier, selbst wenn die
Farbe verschwunden, doch wenigstens in den meisten Fällen noch die Zeich-
nung, teils an den eingeritzten Umrissen, teils an der leisen Rauhigkeit der
einst mit Farbe bedeckten Partien, deutlich zu bemerken. Alle nicht be-
malten Teile hingegen zeigen eine fein geglättete, wie poliert erscheinende
Stuckoberfläche, die hier vollkommen weiss ist.“
Dieselben Beobachtungen habe ich an Architekturfragmenten aus Se-
linunt im Metopensaal des Museo nazionale zu Palermo gemacht.
Dort befindet sich:
1. ein Simsstück, bemalter Stuck auf Tuffitein. An den Bruchstellen
ist die doppelte Lage von Stuck sehr deutlich zu sehen, und während
die untere Schicht weiss ist, ist die darüber befindliche in der
M asse gefärbter roter Stuck; die Dicke dieser Schicht ist 0,01 mm,
die Unterschicht cm stark;
2. ein Eckstück, weisser Stuck, mit sehr glattem, rotem Auftrag
und blauen (Aegyptisch-Blauj Farbenspuren ;
3. ein Triglyphenstück, an welchem sehr deutlich die Glättung der
roten und blauen Stuokschicht zu sehen ist; endlich
4. ein grosses, noch wohl erhaltenes Eckstück, das überall die
Farben und den in der Masse gefärbten Stucküberzug erkennen lässt.
Diese Methode des gefärbten Stucks scheint dann auch auf Wand-
flächen übertragen zu sein und hat Hier in der reichen Innendekoration des
sog. ornamentalen Stiles das Hauptprinzip gebildet, denn leichter konnte
die gleichmässige Färbung einer grossen Fläche zum Zwecke der glän-
zend glatten Erscheinung kaum bewerkstelligt werden. An einigen der
in meinem Besitz befindlichen Bruchstücke von pompejanischen Wandbe-
kleidungen habe ich wahrgenommen, dass die gefärbte Stuckschicht unter
den aufgeinalten Ornamenten durchgeht und viel dicker ist, als eine
auf die feuchte Oberfläche, mit dem Pinsel aufgestrichene Farbe
in den Stuck hätte eindringen können. Am auffallendsten war dieser
Umstand bei blauem Stuck und bei schwarzem Stuck zu bemerken; die
gefärbte Stucklage ist hier ‘/s — •'’/4 mm stark, während gelber Ocker, Eisen-
oxyd oder roter Ocker keine messbare Dicke aufwiesen. Durch Versuche
konnte jedoch der Grund dieser Verschiedenheit aufgeklärt werden: denn
Blau und Schwarz sind wenig körperhafte, künstlich hergestellte Farben, die
zur Erzielung der nötigen Stuckschioht mit weit grösseren Mengen von Zu-
schlägen (Marmormehl Kalk) versetzt werden, müssten, als die sehr viel
ausgiebigeren Erdfarben. In meiner Sammlung von antiken Stuckresten befindet
sich noch ein Stück zinnoberroten, ungemein harten Bewurfes römischer
Provenienz, bei welchem die gefärbte Stuckschicht noch einmal so stark ist,
als die der pompejanischen Proben (3 — 4 mm).
Wir sehen also die an die Textworte Vitruvs : coloribus cum politionibus
inductis geknüpfte Vermutung des in sich gefärbten Stucks durch die Be-
obachtung an den antiken Resten vollauf bestätigt. Wir verstehen jetzt auch
die oben erwähnte Stelle Vitruvs, wo er von dem völligen Aufsaugen der
beigegebenen Substanzen und Stoffe (hier also der Farbstoffe) durch den Kalk
spricht und sagt, der Kalk erscheine dann wie eine selbständige , einheitliche
Substanz von eigenartiger Beschaffenheit, und wir erkennen ferner, warum er
das Färben des Stuckes in dem Kapitel von der Zubereitung des Tec-
toiiums erwähnt und nicht zur pictura rechnet; es gehörte eben zum Geschäft
der tectores, nicht der pictores.
Somit haben wir von Vitruv gelernt: das Tectorium der Alten in seiner
Zusammensetzung, seine verschiedenen Schichten, seine Zuschläge und seine
Färbung. Wir können uns vorstellen, dass die tectores die verschiedenen
gefärbten Wandflächen in der Weise aneinander gefügt haben, dass eine
'®) s. auch Hittorff, Temple d’Empedocle ä Sölinont; Semper, der Stil I,
p. 429—431.
97 --
grosse Gesamtanlage schon durch den Auftrag verschiedener gefärbter Stuck-
massen geschaffen werden konnte, wenn auf der vorletzten Schicht schon
die nötigen Einteilungs- und Direktionslinien markiert und von den tectores
die farbige Stuckmasse gleichmässig ausgebreitet und soviel als möglich ge-
glättet wurde. In der Tat bot der sog. ornamentale Stil die beste Ge-
legenheit zu diesem vereinfachten Verfahren, grössere Flächen gleichmässig
mit gefärbter Stuckmasse zu überziehen, und man könnte sogar umgekehrt
schliessen , dass der ornamentale Stil diese Methode eigentlich zur Voll-
kommenheit entwickelt habe, während für den Architekturstil mit seiner
freieren Behandlung der Flächen ein weisser durchgehender Stuckgrund
zweckmässiger gewesen sein mag.
Von der Glättung der so hergestellten Stuckflächen werden wir in
den folgenden Abschnitten des genaueren handeln.
Ein deutliches Beispiel ist von Donner (p. 56) angeführt und auf der Abb.
Tafel A abgebildet; sie stellt eine der jetzt vom Regen ganz verwaschenen Wände
der Casa di Oornelio Rufo dar. Die farbigen Stuckschichten sind bis auf die vor-
letzte Lage abgefallen, und man sieht jetzt nur noch die ursprünglichen Einteilungs-
linien, die den tectores als Vorzeichnung dienten. Die ehemals -weissen Flächen
sind durch ihren grösseren Gehalt an Kalk länger widerstandsfähig geblieben, als
die farbigen, und deshalb deutlicher zu erkennen. Donner führt dies Beispiel natür-
lich als Beweis für „stückweise, also am dauerhaftesten angewendete Fresko-
technik“ an (p. 122), trotzdem dass, wie er selbst sagt, „jetzt kaum Spuren der
Farben“ zurückgeblieben sind.
7
— 98
Eigenschaften
des Wachses.
I
1
i
IV. Die „Ganosis“.
Das antike Verfahren zur Glättung des Stucco mit Hilfe
des sog. Punischen Wachses.
Die litterarisoh überlieferten Angaben über die technische Herstellung der
Stuckmalereien sind mit den im vorigen Abschnitt behandelten Kapiteln des
Vitrüv fast erschöpft; ausser dem schon kurz erwähnten Zumischen von Leim
zu schwarzer Farbe (Vitr. VII, 10, 2 und Plin. XXXV, 43) und den mit Bitempera
anzumischenden Uebermalungen bei Purpurfarbe (Plin. XXXV, 45) wissen wir
nichts über das technische Verfahren. Durch den oben geführten Nachweis
einer Lücke in den Handschriften des Vitruv ist uns dieser Mangel verständ-
licher geworden. Nur ein Verfahren müssen wir hier noch anfügen, nämlich das
Verfahren mit Hilfe des sog. Punischen Wachses die Schlusspolitur
des Stucco herzustellen, und da hier das als „punisoh“ bezeichnete Wachs
die Hauptrolle spielt, ist es nötig, uns darüber Klarheit zu verschaffen, was
die Alten unter punischem Wachs verstanden haben. Mit dem Namen
„cera punica“ haben sie eine auf besondere Art hergestellte Sorte des ge-
wöhnlichen Bienenwachses bezeichnet. Plinius und Dioskorides geben
übereinstimmende Anweisung zu dessen Bereitung, Vitruv und Plinius ge-
nauere Nachricht über eine Art seiner Verwendung.
Betrachten wir diese Angaben vom Standpunkte des Praktikers, so
haben wir vor allem zu beachten, dass natürliches Bienenwachs, das sich, be-
reits fertig gebildet in den Pflanzen befindet und bekanntlich von den Arbeits-
bienen gesammelt wird, um zum Bau der Zellen und Vorratskammern für den
Honig zu dienen, durch Ausschmelzen in heissein Wasser gewonnen wird.
Das Wachs enthält in diesem Zustande kleine Mengen gelben Farbstoffes,
der durch Aussetzen des Wachses in fein verteiltem Zustande an der Sonne
gebleicht wird; so erhält man das gebleichte, weisse Wachs. Seine Sub-
stanz ist hart und zähe und wird weder durch Wasser noch durch Säuren
gelöst, aber es schmilzt in der Wärme sehr leicht (bei 63 — 67 ° 0) und ver-
mischt sich mit fetten Gelen. Durch Kochen mit Alkalien wird es zersetzt,
ähnlich wie die Fette, wobei ein Teil des Wachses verseift, der übrige aber
emulgiert wird. Diese Emulgierung des Wachses findet äusserst leicht und
bei Gegenwart von ganz geringen Mengen von Alkalien, wie Soda, Pott-
asche, Ammoniak u. a. statt. Eine solche Wachsseife (oder Wachsseifen-
Emulsion) stellt eine dickliche, weisse, rahmartige Masse dar, aus welcher
das Wachs kaum mehr in zusammenhängendem Zustande zu erhalten ist.
Es hat seine ursprünglichen Eigenschaften verlören und dafür andere gewonnen:
zu diesen gehört vor allem die leichte Verteilung im Wasser (wie bei allen
Emulsionen), gleichviel ob dieses warm oder kalt ist, und die hierdurch ver-
ursachte Mischbarkeit mit allen wasserlöslichen Substanzen (für Malzwecke
also der gebräuchlichen Leime, Gummi, des Eies u. s. w.). Wird die Wachs-
seife auf einen festen Gegenstand, z. B. Stein, Ton oder Mauer, in dünner Lage
aufgestrichen, so dass die Poi’en damit gefüllt sind, und erwärmt man die
Lage auf geeignete Weise , so schmelzen die unverseiften (nur emulgierten)
99
Teile der Wachsseife zusammen und bilden einen festen, atmosphärische Ein-
flüsse abwehrenden Ueberzug. In einigen Gewerben, z. B. in der Glanzpapier-
fabrikation, wird diese Wachsart deshalb verwendet.
Dies vorausgeschickt lassen wir die Anweisung des Plinius zur Be-
reitung des punischen Wachses' hier folgen. Er schreibt XXI, 83 ff., wo
er vom Wachs überhaupt handelt und die Eigenschaften des aus Pontus, Kreta
und Korsika bezogenen Wachses anführt:
„Das beste ist das sog. punische. . . (84) Das punisohe bereitet
man folgendormassen: Gelbes Wachs wird im Freien längere Zeit dc"
Luft ausgesetzt. Darauf kocht man es in Meerwasser, welches inr
aus der Tiefe geschöpft hat, mit einem Zusatz von nitrum (Sod
oder Pottasche), schöpft davon mit Löffeln das oberste ab, d. h.
den weissesten Teil, und giesst es in ein Gefäss mit etwas kaltem
Wasser. Dies kocht man nochmals besonders mit Meerwasser und
kühlt dann das Gefäss ab. Nachdem man dies dreimal wiederholt
hat, trocknet man es im Freien auf eineni Binsengeflechte bei
Sonnen- und Mondschein. Das letztere macht es weiss, die Sonne
trocknet es, und damit sie es nicht schmelze, bedeckt man es mit
feinem dünnen Leinentuch. Am weissesten wird es, wenn es nach
der Besonnung nochmals gekocht wird. Das Punische Wachs ist zu
Arzneien am tauglichsten. (85) Mit Papierasche wird Wachs schwarz,
mit Anchusawurzel rot gefärbt, und die verschiedensten Farben
gibt man ihm durch färbende Stoffe, um Dinge der Wirklichkeit
getreu nachzuahmen, auch dient es dem Menschen zu unzähligen
anderen Zwecken, sogar zum Schutze der Wände und der Waffen.“ ^)
Dioskorides (II, 105) beschreibt das Verfahren in derselben Weise
und betont noch besonders, wenn kein Meerwasser zu haben sei, könne
man die wiederholten Kochungen in starker Salzlauge vornehmen: (in lat.
Gebers.) nec desunt, qui vice marinae ex alto petitae in muria acerrima semel
aut iterum antedicto modo coquunt. Ebenso wie bei Plinius wird hier -mit
Lauge verseift (insperso etiam nitri momento).
Trotz dieser deutlichen Angabe des LaugenzusatzeS ist von vielen das
punische Wachs nur für besonders vorsichtig gebleichtes gehalten worden.
Selbst der so genaue John glaubt, obwohl ihm der zersetzende Einfluss, von
Natron auf Wachs bekannt war, dass dieses durch die nachherige Behandlung
mit Wasser „wahrscheinlich“ vollkommen wieder weggenommen werde. ‘)
Donner (Technisches p. 12) schreibt aber dem Einfluss des Natron eine
„leichte Verseifuhg“ des Wachses zu, wodurch sein „sprödes, hartes brüchiges
Wesen benommen und es etwas geschmeidiger, zäher, nachgiebiger“ ge-
macht werde.
Wenn man das Rezept des Plinius prakti sch versucht, so kommt man
zu folgender Erklärung des Vorgangs: Durch das mehrmalige Kochen in Meer-
wasser, das bekanntlich Kochsalz (Ohlornatrium) gelöst enthält, soll der dar-
auffolgende Bleichprozess erleichtert werden; die Wachsmasse schäumt stark
auf. Schöpft man hierbei stets das oberste ab und giesst es in ein mit kaltem
Wasser gefülltes Becken, so schwimmt das Wachs in flachen Scheibchen
oben auf; diese Form eignet sich für die Bleiche sehr, denn es handelt sich
ja um möglichste Ausbreitung der zu bleichenden Masse. Der Zusatz von
9 Plin. XXI, 83': Optima quae Punica vocatur . . . 84: Punica fit hoc modo: ven-
tilatur sub diu saepius cera fulva, dein fervet in aqua marina ex alto petita, addito
nitro, inde lingulis hauriunt florem, id est candidissima quaeque, transfunduutque
in vas, quad exiguum frigidae habeat, et rursus marina decocunt separatim, dein vas
ipsum . . . refrigerant, et cum hoc ter fecere, iuncea crate sub diu siccant sole lunaque:
haec enim candorem facit, sol siccat, et ne hquefaeiat, protegunt tenui linteo. can-
didissima vero fit post insolationem etiamnum recocta. Punica medicinis utilissima.
85: Nigrescit cera addito chartarum cinere, sicut anchusa admixta ruhet, variosque
in colores pigmentis trahitur ad reddendas similitudines et innumeros mortalium usus
parietumque etiam et armorum tutelam.
■^) John, Malerei der Alten, Berl. 1836,. p. 204.
Plinius
Uber punisches
■Wachs.
Verseifung
oder
Emulgierung.
7*
100
Verwendung
bei den Alten.
nitrum bezweckt die Verseifung oder nur Emulgierung des Wachses, wobei be-
merkt sei, dass unter nitrum der Alten nicht nur Soda d. i. kohlensaures
Natron (mineralische Lauge), sondern ebenso Pottasche d. i. kohlensaures
Kali (vegetabilische Lauge) zu verstehen ist. Auch ist es erklärlich, warum
neben der Verseifung durch die damals angewandte Pottaschenlauge die mehr-
maligen Kochungen mit Meerwasser vorgeschrieben sind: denn durch diese
Prozedur wird das kohlensaure Kali der vegetabilischen Lauge in kohtensaures
Natron uragesetzt, ein Verfahren, welches in der Seifenfabrikation früherer
Zeit überhaupt gebräuchlich war, um aus der sog. weichen Seife eine harte
zu machen. Möglicherweise hatten derartige Kochungen mit Salzlauge nur
den Zweck, den Siedepunkt der Wachsauflösung zu erhöhen und dabei die
Emulgierung zu erleichtern. Ganz auffallend und wichtig zu bemerken ist,
dass das Volumen des Wachses durch diese Prozedur der Emulgierung
auf mindestens das zehnfache vergrössert wird und überdies, um es
praktisch z;i verwenden, durch eine beliebige Menge von Wasser verdünnt
werden kann; die überaus fein zerteilten Wachspartikelchen mischen sich mit
Wasser zu einer rnilchigweissen Flüssigkeit.®)
Noch eine Erwähnung der Lösbarkeit des Wachses durch Lauge,
wie solche zur Verseifung von Fetten diente (Pottaschenlauge), findet sich bei
einem späteren Autor, Q. Serenus Sammonicus, der freilich seinen Stoff
fast ganz aus Plinius geschöpft hat, in einem Rezept zur Heilung -der durch
Schläge entstandenen Wunden, lib. medicinalis v. 795: Tum lixiva oinis ceras
dissolvit et ova admixtoque oleo vibices comprimet atras, wobei zugleich
auf die Verbindung von verseiftem Wachs mit Ei und Oel aufmerksam ge-
macht sei.
Die Bezeichnung dieser Waohsart als „punisch“ wird damit zu erklären
sein, dass die Umgebung von Carthago reich an mineralischer Soda war und
vielleicht von dort aus die Methode der Verseifung des Wachses sich weiter
verbreitet hat.
Was die Verwendung des punischen Wachses bei den Alten betrifft, so
haben wir zu unterscheiden zwischen den sicher überlieferten Nachrichten und
den hypothetischen Annahmen. Plinius berichtet XXI, 84 nur, dass es medi-
cinis utilissima, und § 83, dass es optima, die beste Sorte sei. Der Schluss-
satz (§ 85 nigrescit cera u. s. w.) handelt, da das einfache cera als Subjekt
gesetzt ist, vom Wachs überhaupt ohne Unterscheidung irgend welcher
Sorten; streng genommen sind demnach auch sämtliche Arten unterschiedlos
zu verstehen, so dass keine von vorneherein ausgeschlossen ist. Sollte man
aber noch ungewiss sein, ob auch das panische Wachs mit verstanden werden
müsse, so genügt zur Beseitigung des Zweifels die Tatsache, dass in den
letzten Worten parietumque etiam et armorum tutelam der unverkennbare
Hinweis auf das Verfahren der sog. Ganosis enthalten ist, in dessen Beschrei-
bung bei Vitruv VII, 9, 3 und bei Plinius XXXIII, 122 das panische Wachs
ausdrücklich vorgeschrieben wird und Vitruv sogar mit wiederholtem Aus-
druck den schützenden Wachsüberzug der Wand einen „Panzer von punischem
Wachs“ (cerae Punicae lorica) nennt. Mit demselben Recht werden wir also
diese A.rt auch bei den vorhergehenden Worten mit verstehen dürfen, die
das Wachs als geeignet bezeichnen, sich mit Papierasche, Anchusawurzel und
„anderen Farbstoffen zur Erzeugung mannigfaltiger Farben zu verbinden,
um Dinge der Wirklichkeit getreu nachzubilden“ (variosque in colores pig-
•'') Rez. zur Herstellung des punischen Wachses: 100 gr weisses (gebleichtes)
Wachs, 10 gr in Wasser gelöste Pottasche, 250gr destill. Wasser werden zusammen
gekocht, bis alles Wachs gelöst ist. Beim Erkaltenlassen wird die Masse fortwährend
verrührt, wobei noch kaltes Wasser zur Verdünnung beigemischt werden kann.
Nimmt man statt Pottasche Soda, dann ist es angezeigt, noch 10 gr in Wasser ge-
loste Venetianer Seife (i. e. durch Natronlauge verseiftes Olivenöl) mitzukochen. Die
Masse wird dadurch gesc-hmeidiger. Am einfachsten kann man sich eine Wachs-
emulsion hersteilen, indem man Wachs mit Venetianer Seife kocht (z. B. 100 gr
Wachs, 25 gr Venetianer Seife, 250 gr Wasser).
101
mentis trahitur ad reddendas sitnilitudines), und nichts hindert uns, ausser der
farbigen Waohsplastik auch an den Gebrauch des punischen Wachses in der
Malerei zu denken.
Wenn freilich D onn er (Technisches p. 12) so weit geht, nur punisches
Wachs zuzulassen, und auf dessen ausschliesslichen Gebrauch seine Theorie
der enkaustischen Technik basiert, so kann ich dieser Ansicht nicht bei-
stimmen. Denn die von dem gewöhnlichen Wachs verschiedenen
Eigenschaften des punischen haben auch eine Verschiedenheit in der An-
wendung zur Folge. Wenn Plinius überall, wo er von der Tafel -Enkaustik
spricht, einfach cera oder cerae sagt, bei der Ganosis der Wände aber und
der Marmorstatuen das mit Namen genannte punische Wachs erwähnt, so ist
dieser Unterschied nicht stilistisch bedeutungslos, sondern technisch wohl be-
gründet, weil gewöhnliches Wachs, wenn es auf Tafelbilder heiss auf-
getragen und mit den heissgemächten Metallinstrumenten (Cauterien) weiter
verarbeitet wurde, dabei immer eine pastose Parbenschicht bildete,
dagegen auf Wänden und zur Wachsbeize der Marmorstatuen ein möglichst
dünner Ueberzug vonnöten war. Durch Versuche kann sich jeder leicht
überzeugen, dass heissflüssiges Wachs sich niemals gleichmässig auf einer
Wandfläche ausbreiten lässt. Wäre bei der Enkaustik das punische Wachs
(und obendrein ausschliesslich) gebraucht- worden, so würde ja Plinius auch
mit sich selbst in Widerspruch geraten, da er XXXV, 49 die enkaustische
Malerei (mit heissen Wachsfarben) „für Wände ungeeignet“ (alieno parietibus
genere) nennt und XXXIII, 122 mit einem Zusatz von Oel heissflüssig ge-
machtes punisches Wachs mit einem Pinsel auf die Wand streichen und
dann von neuem durch Kohlenglut bis zum Schwitzen erhitzen lässt. Der
Widerspruch löst sich nur durch die Annahme, dass zur Enkaustik nicht
punisches, sondern natürliches Bienenwachs gebraucht worden ist, und
diese Annahme ist im Einklang mit der Tatsache, dass die beiden Wachs-
arten durchaus von einander verschiedene Eigenschaften zeigen.
Die uns sicher überlieferte Anwendung des punischen Wachses bestand
in dem Verfahren, das mit griechischem Ausdruck als Ganosis^) bezeichnet
wurde. Beschrieben wird es von Vitruv, der beim Wandanstrich mit Zinn-
ober, der sich an der freien Luft erfahrungsgemäss schlecht erhalte, VII, 9, 3
darüber berichtet, wie folgt:
„Wenn aber jemand sorgfältiger ist und wünscht, dass die Zinn-
oberwandbekieidung ihre Farben behalte, so überziehe er sie, nach-
dem die Wand geglättet und getrocknet ist, mittels eines Borsten-
pinsels mit punischen Wachs, das über dem Feuer geschmolzen
und mit etwas Oel vermischt ist; nachher halte er Kohlen in einem
eisernen Becken nahe an die Wand und bringe das Wachs durch
Erwärmung bis zum Schwitzen und zwar so, dass die Ober-
fläche gleichmässig werde. Darauf bearbeite er es mit einer
Wachskerze und mit reinen leinenen Tüchern, so wie man nackte
Statuen behandelt. Dies wird auf griechisch Ganosis genannt. So ent-
steht ein schützender Panzer von punischem Wachs, der nicht
zulässt, dass weder der Glanz des Mondes noch die Strahlen der Sonne
darf'an leckend diesen Wandbekleidungen die Farben entziehen.“^)
^) Der Name Ganosis steht seit Welckers Nachweis in den neueren Ausgaben.
Die Handschriften haben (mit leichtem Schreibfehler) gnosis, woraus in den älteren
Ausgaben xaöatg gemacht worden ist. Dies hat Verwirrung angerichtet und zur Ver-
wechselung mit der Enkaustik geführt; Salraasius wollte geradezu syxauoig dafür setzen.
^) Vitr. VII, 9, 3: si qui subtilior fuerit et voluerit expolitionem miniacearn
suum colorem retinere, cum paries expolitus et aridus fuerit, ceram punicam igni
liquefactam paulo oleo temperatam saeta inducat; deinde postea carbonibus in ferreo
vase compositis eam ceram a proximo cum pariete calfaciundo sudare cogat, itaque
ut peraequetur; deinde tune candela linteisque puris subigat, uti signa marmorea nuda
curantur. haec autem ydvwais graece dicitur. ita obstans cerae punicae lorica
non patitur nec lunae splendorem nec solis radios lambendo eripere ex bis politionibus
colorem.
,Ganosis“.
102
Und offenbar aus dieser oder einer gemeinsamen Quelle schöpfend sagt
Plinius XXXIII, 122 fast wörtlich dasselbe über dieselbe Sache:
„Die Berührung durch Sonne und Mond ist ihm (d. h. dem
Zinnober) schädlich. Ein Gegenmittel ist, geschmolzenes puni-
s che s Wachs, mit Oel gemischt, glühend heiss mit einem Borsten-
pinsel auf die trocken gewordene Wand zu streichen und zum
zweitenmal durch nahegebrachte Galläpfelkohlen ®) bis zum Schwitzen
zu erhitzen, dann mit Wachskerzen und weiter mit reinen leinenen
Tüchern zu bearbeiten, wie auch die Marmorstatuen glänzend ge-
macht werden.“ '')
Wir haben hier demnach zwei Anwendungsarten des panischen Wachses,
u. zw. erstens die Herstellung des gleichmäs sigen Glanzes der (mit Zinn-
ober bemalten) Wandffächen und zweitens die Behandlung der Oberfläche der
Marmorbildwerke. Bei beiden haben wir uns das Verfahren gleichartig zu
denken, und da hiebei nichts anderes bezweckt wurde, als eine Art von Wachs-
politur auf der Oberfläche der Wandfläche oder des Marmors hervorzubringen,
So ist ein möglichst dünner Ueberzug von Wachs anzunehmen. Dass das
sog. panische Wachs noch mit ein wenig Oel (paulo oleo) zusammengekocht
und in heissem Zustande mit d,em Borstenpinsel aufgestrichen wurde, ist diesem
Zwecke durchaus entsprechend; denn wie Versuche gezeigt haben, wird das pa-
nische Wachs durch Oelzusatz viel geschmeidiger (wobei der eventuelle Ueber-
schuss an Lauge das Oel emulgieren oder verseifen kann). Das Aufstreichen
des Wachses in heissem Zustande scheint für den Prozess des Einsaugens
in die Wand fläche und die auf die Wand gemalten Ornamente zweck-
mässig gewesen zu sein. Um dann das gleichmässig e Einsaugen in den
Grund zu erleichtern (itaque ut peraequetur) , sollte die Wachsschicht mittels
der Kohlenbecken bis zum Schwitzen erhitzt werden. Auch dieser Vorgang
wird durch den Versuch verständlich, denn in diesem Zustand des „Schwitzens“
schmelzen die nur emulgierten Teile zusammen, wie bereits erwähnt ist. Um
die Oberfläche glänzend zu machen, rieb man mit Leinentüchern die Flächen ab.
Dieser Vorgang ist vermutlich dargestellt auf der beigefügten Abbild. 14
nach einer pompejanischen Wandmalerei.®) Ein Stuckarbeiter steht auf
einem primitiven Gerüst und ist im Begriff, die Wandfläche abzureiben, wo-
bei er sich (der weisslichen Farbe auf dem Original nach zu schliessen) der
Leinentücher bedient, die in Form einer Rolle zusammengelegt scheinen. Oder
sind darin die in beiden Beschreibungen vorkommenden „Wachskerzen“
(candelae) zu suchen? Die Form des rechts auf dem Gerüst stehenden Ge-
fässes mit den dicken Wandungen und henkelartigen Ausbuchtungen lässt
den Schluss zu, dass die darin befindliche Blüssigkeit (punisches Wachs?),
den obigen Beschreibungen des Vitruv und Plinius entsprechend, länger
warm gehalten werden konnte. Die Prozedur des Glänzendreibens mit
den Leinentüchern konnte übrigens erst erfolgen, nachdem die „bis zum
Schwitzen“ erhitzte Oberfläche wieder ausgekühlt war, wie aus meinen be-
züglichen Versuchen hervorgeht; sonst würden die durch die Wärme er-
weichten Stellen sich leicht aufschürfen. Was es für einen Zweck haben
®) Versuche haben gezeigt, dass Galläpfelkohlen zu diesem Zwecke ein aus-
gezeichnetes Material sind. Sie sind sehr leicht, halten die Glut auffallend lange und
hinterlassen sehr wenig Asche. Die frühere Lesart gMlae ist in MayhofFs Plinius-
Ausgabe wiederhergestellt, nachdem sie eine Zeit lang durch galea, was ein eisernes
Becken bedeuten sollte, verdrängt gewesen war.
Plin. XXXIII, 122: Solls atque lunae contactus inimicus: remedium ut pariete
siccato cera punica cum oleo liquefacta candens saetis inducatur iterumque admotis
gallae carbonibus inuratur ad sudoreni usque, postea candelis subigatur ac deinde
linteis puris, sicut et marmora nitescunt,
®) Die Abbildung ist einer Sammlung von „Wandmalereien aus Pompeji“ ent-
nommen. Es muss hier darauf hingewiesen werden, dass auf dem Original die Hand-
stellung undeutlich zu sein scheint. Dadurch ist in anderen Nachbildungen der
gleichen Figur die Handstellung so gegeben , als ob die „Kerze“ in der Mitte noch
eine Handhabe hätte und der Arbeiter mit einer Art Kratzeisen handtierte (vgl.
Engelmann, Pompeji, Leipz. 1898, p. 50).
— 103
sollte, die bereits überstrichene, durch Wärmpfannen gleichmässig erhitzte
und dadurch in die Wand eingesogene Wachsmasse abermals mit „Wachs-
kerzen“ zu bearbeiten, ist unklar. Ich neige zu der Ansicht, dass
hier nur die Form der gewickelten Leinentüchef mit den Kerzen identi-
fiziert worden ist, oder dass die Ijeinentüoher um die Kerzen ge-
wickelt wurden, so dass die für das Abreiben richtige handliche Form
gebildet werden konnte. Für unsere Untersuchung ist aber von grosser
Wichtigkeit, den Vorgang des Glätten s der Wandfläche mit Hilfe des
in Lauge gelösten Wachses, dem noch eine geringe Menge von Oel
beigekooht wurde, in der Beschreibung der alten Autoren zu konstatieren,
und damit die Operation des Polierens der Wandflächen bei dem Stuccolustro
der Italiener in Vergleich zu ziehen.
Ueber andere Verwendungsarten des punischen Wachses wird in den
Kapiteln über Tafelmalerei und über Polychromie der Marmorstatuen noch
gehandelt werden.
®) In betreff des „postea candelis subigatur“ erklärt Requeno (Saggi sul rista-
bilimento del antica arte, Parma 1787, I, p. 279),. dass die Kerzen angezündet
durch ihre Wärme wirken sollten, denn wozu die Kerze, wenn sie nicht enb-
zündet wird? Aber es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass man das schon zum
Schwitzen gebrachte Wachs abermals durch die Kerzen erhitzte, weil sich dabei der
flammende Russ zu leicht abgesetzt hätte. Andererseits scheint es mir nicht zweck-
entsprechend , die schon mit einer absichtlich dünnen (in verseiftem Zustand auf-
getragenen) Wachsschicht bedeckten Wandflächen nochmals mit Wachskerzen zu
bearbeiten, da diese auf der ausgekühlten Wand doch nichts von ihrer Masse abgeben
könnten. Der Wortlaut des Vitruv (candela linteisque puris subigat) gestattet übrigens
die Annahme einer einzigen Operation, nämlich des Bearbeitens der fnit Leinen
überwickelten Kerze, während nach Plinius eine Teilung dieser Arbeit des Glänzend-
machens angenommen werden könnte (postea candelis subigatur ac de in de linteis
puris).- Vitruv’s Version ist aber gewiss die richtigere.
Abbild. 14. Stuobarbeiter, nach einer pompejanisohen
Wandmalerei.
V. Das „wie ein Spiegel glänzende“ Tectorium des Vitruv und
Stucco lustro der Italiener.
Vitruv’B
Forderung des
spiegelglatten
Teotoriums.
Vergleich mit
Stucco lustro.
Wir kehren nunmehr zu unserem Thema zurück, um uns eine Vorstel-
lung von den technischen Vorgängen bei der antiken Wandmalerei zu machen.
Denn eigentlich sind nur zwei Dinge aus Vitruv’s Vorschriften deutlich zu ei^
kennen; nämlich 1. die Bereitung des Grundes, auf welchen die Malerei erst
zu kommen hatte, und 2. die Ganosis genannte Schlusspolitur mit punischem
Wachs; es fehlt eine Anweisung darüber, durch welche technischen
Mittel der spiegelnde Glanz des Tectoriums zu erzielen ist. Durch das mehr-
fäche Hervorheben dieser Eigenschaft aber wird offenbar auf diese Forderung
des Glanzes das Hauptgewicht gelegt. Vitruv sagt: „wenn nach Auf-
trag der vorletzten Schicht die Masse duröh Schlagen mit Hölzern gedichtet
und die Farben gleichzeitig mit der letzten Stuckschicht geglättet worden
sind, dann geben die Wände einen leuchtenden Glanz von sich“ (Vitr. VH 3,
7; nitidos expriment splendores). Und gleich darauf, nach dem Vergleich mit
dem Spiegel, der umso besser spiegelt, je dicker das dazu genommene Metall
ist, sagt er, dass bei richtiger Zubereitung das Tectorium nicht nur Dauer-
haftigkeit und Glanz (ebd. 8.: firmitatem et splendorem) haben, sondern nach
öfter wiederholten Glättungen auch das deutliche Bild des Be-
schauers reflektieren wird (ebd. 9: sed etiam imagines expressas aspi-
oientibus . . . re mittunt).
Eine spiegelnde Fläche also, nicht nur „schimmernder Glanz“, soll beim
Tectorium durch die Glättung der Oberfläche erzielt werden, und aus dieser
spiegelnden Fläche sollen die Farben hervorleuchten, wie es bei der Re-
kapitulierung der Angaben heisst (VII 6; in his perlucentes exprimant colores).
Und einen solghen Effekt .sollte der blosse krystallinische Ueberzug von kohlen-
saurem Kalk ohne weiteres zuwege bringen? Mir ist kein einziger Versuch
der Art bisher gelungen und die Freskoanhänger haben uns nicht darüber
aufgeklärt, noch weniger durch praktische Beweise uns vor Augen geführt,
wie Stuck überhaupt geglättet werden muss, um spiegelnden
Glanz auszustrahlen?
Man müsste sich doch sagen; Wenn der Stuccogrund glatt und
glänzend sein soll, so muss er eben geglättet und glänzend gemacht
werden, und die PVage nach der antiken Wandmaltechnik ist untrennbar ver-
knüpft mit der Frage: Wie ist Stuccogrund zu behandeln, um glatt und
glänzend zu erscheinen?
Auf diese wichtige Frage geben uns die Anweisungen der Alten keine
Antwort, ebensowenig darüber, wie auf „spiegelnder“ Fläche gemalt
werden soll. Auf dem direkten Wege ist also kaum Aussicht vorhanden,
die alte Technik der Wandmalerei kennen zu lernen ; wir sind vielmehr auf
den indirekten Weg angewiesen, indem wir aus der traditionell erhaltenen
Methode des Stucco lustro der Italiener auf die antike Stucktechnik Rück-
schlüsse ziehen und genauer untersuchen, ob und inwieweit ein Zusammen-
hang zwischen dem Stucco des Vitruv und dem von Italienern geübten Ver-
fahren des Stucco lustro vorhanden ist. Auf diesen Weg weisen uns mehrfache
105
Aehnlichkeiten beider Verfahren in der Zusammensetzung des Grundes und in
der Schlussoperation, die beim Stucco lustro ganz genau der Ganosis der
Griechen entspricht.
Es wäre auch im höchsten Grade verwunderlich , wenn eine so vol-
lendete Technik, wie die antike Stuckbereitung es war, sich nicht durch
Handwerkstradition, wenn auch in veränderter Form, auf die Nachwelt vererbt
haben sollte. Folgen wir den Spuren, so zeigt sich, daäS die heutigen Stuck-
arbeiter, besonders die italienischen, eine ähnliche Technik anwenden, uin
den sog. Stucco lustro zu machen. Sie beschränken sich zwar auf die Imitation
von farbigem Marmor, aber die Materialien sind dieselben. Marmorstaub und
Kalk, die Farben werden mit dem Stuck gleichzeitig aufgetragen und mit er-
wärmten Bisen geglättet. Die zur Politur notwendige Wachsmischung bereiten
sich die Italiener, indem sie sog. weisse Seife mit Wachs zusammenkochen und
mit dem Pinsel dünn aufstreichen. Zum Schluss wird mit wollenen oder
leinenen Lappen abpoliert. Das sind ja dieselben Operationen wie bei
der Ganosis. Stucco lustro also ein direkter Nachkomme der so Operationon.
lange gesuchten Technik der alten Griechen und Römor!^)
Zum Beweise wollen wir alle bezüglichen Nachrichten hier einreihen
und dabei die mit der Stuccotechnik der Alfen zusammenhängenden Notizen
der späteren Zeit, insbesondere die Anweisungen über Stucco lustro, mit
dem antiken Stucco in Vergleich ziehen.
Die älteste Nachricht über spiegelglattes Tectorium bringt Vitruv selbst
(II 8, 10) bei der Aufzählung berühmter Ziegelbauten:
„Zu Halicarnassus hat der Palast des überaus mächtigen Königs
Mausolus, obwohl alles daran mit prokonnesischem Marmor aus-
geschmückt ist, aus Ziegeln gebaute’ Wände, welche bis auf
diese Zeit eine vorzügliche Festigkeit zeigen und durch Verputz-
werk so geglättet sind, dass sie die Durchsichtigkeit des
Glases zu haben scheinen. Und jener König tat dies nicht
aus Mittellosigkeit, denn er war reich an unendlichen Einkünften,
weil er ganz Carlen beherrschte.“
Das Verfahren war demnach schon den Griechen bekannt; dann kam es
nach Italien und hat sich hier noch weiter vervollkommnet, vermutlich auch
vereinfacht. Zu Vitruv’s und Plinius’ Zeit war es das allgemein übliche zur
Ausschmückung von Wohnräumen oder öffentlichen Bauten, bis der überhand
nehmende Luxus der Kaiserzeit auch hier wieder neuere Dekorationsmethoden
erfand, durch welche die älteren verdrängt wurden; wenigstens hat es den
Anschein, als ob die Mosaikdekoration und die reichere Mar morincrus-
tation die weniger kostbare Stuckmalerei früherer Zeit abgelöst hätten. Aber
verloren gegangen ist die Technik nicht, denn es finden sich noch in
späteren Perioden einige Notizen über spiegelglatte Stuckmalereien, deren
Technik, wenn auch nicht mit der antiken identisch, so doch offenbar auf die
Tradition der alten Stucktechnik zurückzuführen ist , und mit Stucco lustro
unmittelbar zusammenhängt.
') Diese Ansicht habe ich schon in meiner ersten Publikation i. J. 1893 (Beitr. 1 p. 28)
Eeäussert. Durch den inzwischen verstorbenen Kunsthistoriker Herrn Prof. Carl v.
ützow (Wien) erfuhr ich, dass der berühmte Architekt und Erbauer des neuen
Parlamentshauses in Wien, Theophil. Ritter von Hansen bei diesem Bau durch einen
dort angesiedelten Italiener Stuccolustro -Malereien ausführen Hess und dass sich
dieser zur Ausführung von Figuren und Ornamenten der obengenannten Methode
bedient haben muss; Hansen, der bedeutende Kenner antiker Kunst, wäre immer der
Ansicht gewesen, dass die alten Malereien keine Fresken seien und die antike Technik
mit dem Stucco lustro der Italiener Aehnlichkeit haben müsse. Mit Freude ersah ich,
dass meine Ansicht sich mit der des berühmten Architekten deckt !
^) Vitruv II, 8, 10: „item Haiiearnasso potentissimi regis Mausoli domus cum
Proconnesio marmore omnia haberet ornata, parietes habet latere structos, qui ad
hoc tempus egregiam praestant firmitatem ita tectoriis operibus expoliti uti vitri
perluciditatem videantur habere, neque is rex ab inopia id fecit. infinitis enim
vectigalibus erat fartus, quod imperabat Cariae toti.
106
, Spiegelnde
Fresken“.
Tradition bis
ins Mittelalter.
LeonB.Alberti.
Die wichtigsten dieser Nachrichten stehen mit der antiken Stucktechnik
sogar im innigsten Zusammenhang, insofern die Kommentatoren Vitruv’s
darauf hinweisen, dass noch zu Anfang des XV. Jhs. eine Tradition für
die Ausführung von solcher Stückarbeit vorhanden war. Dadurch gewinnen
die Aufzeichnungen des sog. Anonymus des Morelli für uns grosse Be-
deutung.
V/ir lesen hier von wie Spiegel glänzenden Fresken ältesten Ur-
sprungs in dem erzbischöflichen Hof zu Mailand, von „alten Fresken“ in
S. Giovanni in Choncha die „noch bis zum heutigen Tage wie Spiegel
glänzen“, und von „Fresken des Pisano im Kastell zu Pavia, die so
glatt und glänzend sind, dass nach Cesare Cesariano’s Angabe man sich
darin spiegeln könne.“ Pisano wurde Ende des XIV. Jhs. geboren und
nach Frimmel' (a. a. 0. p. XXI) fallen die Eintragungen zwischen die Jahre
1515 und 1521 bis 1543. Der Hinweis auf Oe sariano bezieht sich auf
dessen Kommentar zu Vitruv, worin er die Eigentümlichkeit des Glanzes
beim antiken Tectorium in direkte Beziehung bringt mit den „glänzenden
Fresken“ im erzbischöflichen Palast und in S. Giovanni zu Mailand, den Ge-
mälden Pisano’ s in Pavia und des Antonio del Carco in Piacenza. Nord-
italien scheint demnach die Tradition am längsten bewahrt zu haben.
Ueber die Herstellungs weise derartiger glänzender Stückarbeit haben
wir auch ein wichtiges Zeugnis des Leon Battista Alberti. Er spricht
bei der Tectorium -Bereitung der Alten in gleicher Weise von einem Ver-
fahren den Stuck spiegelgJänz end zu, machen, indem man die letzte
Schicht mit reinem Kalk übertünche und vor dem Trockenwerden mit einer
Mischung von Wachs, Mastix und etwas Oel überstreiche, welche Mischung
durch Erwärmen der Oberfläche eingesogen werde. Nach seinen Erfahrungen
werden Sprünge vermieden durch Aufreiben mit Binsen oder durch Ver-
mischung der Stuckmasse mit klein zerschnittenen alten Tauen (Werg); das
®) Anonymus des Morelli (Marcanton Micliiel’s Notizia d’Opere del Disegno),
übersetzt von Dr. Theod. Frimmel (Quellenschrift, f. Kunstgesch. Neue Folge I. Bd.
Wien 1888).
Mpt. 29 V. (Mailand): „In la corte archiepiscopale le pitture a fresco che ris-
plendono fin hoggidi come specchii, furono de man de maestri vechissimi.“
„In S. Zuan in Choncha, le pitture a fresco antique che fin hoggidi risplendono
come specchii furono da maestri antiqui.“
Mpt. 36 r. (Pavia); „Le pitture nel castello a fresco furono de mano del Pisauo,
tanto lisse et tanto risplendenti, come scrive Cesare Cesariano che fin hoggidi si pol
specchiar in esse.“
Nach Frizzoni’s Kommentar p. 113 gingen diese Mailänder Fresken bei den
Umbauten durch die Kardinale Carlo und Federigo Borromeo und nachher gegen Ende
des XVIII. Jhs. unter dem Bischof Maria Visconti zu Grunde (vgl. Mongeri, l’Arte in
Milano, p. 430).,
■*) Cesariano’s hier zitierte Worte in dessen Kommentar zu Vitruvius p. 115
sind: „Cum sia ancora si po disponere, como dice Vitruvio, questa composita calce a
recevere la splendita e nitore siccome etiam fanno le vecchie picture facte in la Ar-
chiepiscopale Curia et in Sancto Joanne in Concha inMediolano; cosi etiam in Pavia
et praecipue in epso castello dove il nobile Pisano dipinse; vel etiam in Placentia
Antonio del Carco.“ Frizzoni (a. a. 0. p. 180) hält den genannten Pisano für identisch
mit dem Veronesen Vittore Pisano (geb. um 1380, gest. um 1451), der „in vielen
Städten Italiens tätig“ war. Die Gemälde im Kastell von Pavia waren noch im
XVI. Jh. erhalten, wie aus der Geschichte der Stadt von Stefano Breventano, ge-
schrieben 1570 (Lib. I, p. 7), zu ersehen ist: „Die Hallen und Zimmer, sowohl oben
als unten, waren alle gewölbt, und fast ganz bemalt mit verschiedenen Historien und
anderen Bildern. Die Decken waren mit feinstem Azzurro gefärbt, auf denen eine
Menge von Tieren angebracht schienen, von Gold gemacht, darunter Löwen, Leo-
parden, Tiger, Hunde, Hirsche, Eber und dergleichen, besonders in jenem Teil, der
nach dem Parke liegt, war noch in meiner Jugendzeit vollständig zu sehen ein
grosser Saal von 60 Ellen Länge und 20 Breite mit den schönsten Figuren geziert, und
es waren Jagden, Fischereien und Turniere mit vielen anderen Belustigungen der
Herzoge und Herzoginnen des Reiches dargestellt.“ Von diesen Werken wird später
nichts mehr erwähnt.
107
Glätten der Oberfläche gelinge am besten, wenn sie dabei mit in Wasser ge-
löster weisser Seife raässig besprengt werde.®)
Leon Battista Alberti schrieb seinen Kommentar um 1452, und dieser
ist eine vollkommen sachgen.ässe Darstellung der architekonisohen Kenntnis
seiner Zeit. Das obige Verfahren ist zweifellos als auf Tradition beruhend
anzusehen, zugleich hat es am meisten Aehnlichkeit mit dem als Stucco
lustro bezeichneten der späteren Italiener. Alberti selbst bringt es in
direkten Bezug mit dem „Stucco der Alten“, so dass es wie ein
Mittelglied zwischen dem im Altertum geübten Verfahren Vitruvs
und dem späteren Stucco lustro erscheinen kann.
Dass es sich hier um Stucco lustro handelt, wird sofort klar, wenn Anweisungen
wir die speziellen Stuccolustro-Anweisungen darauf hin näher prüfen. Eigen- stuoooiustro-
tümlicher weise sind aber gerade diese Anweisungen unvollkommen oder mit- Technik,
unter einander widersprechend. Der Grund dieser Tatsache liegt in dem noch
immer als Werkstättengeheimnis betrachteten Verfahren, das von italienischen
Stuckateuren mit oftmals raffinierter List gehütet wird.®) Ueberdies scheint
es, dass in verschiedenen Zeiten und verschiedenen Gegenden nicht immer
das gleiche Verfahren geübt v/orden ist.
1. Am deutlichsten wird diese Technik von Hittorff, l’Architecture po- Hittorfl’s
lychrome p. 684 in der Art beschrieben, wie in Mailand Stuck gefertigt wird:
»Auf die Mauer wird zuerst eine mehrfache Lage
von gewöhnlichem Mörtel aufgetragen;, darauf breitet man, be-
Alberti, De re aedificatoria L. VI. 9, von der Tectorium - Bereitung der
Alten sprechend, nachdem die ersten Schichten aufgetragen, wie es Vitruv beschreibt:
„Ultima cutis in puro albario diligenter perfricata, splendorem dabit speculi,
eandemque factam penitus siccam , si unxeris caera et mastice modicoque oleo , una
colliquefactis , et sic unctum parielem carbone ignito, ex pelvi concalefaoeris ut un-
guenta combibat, vincet marmora nitore. Nos experti sumus crustas eiusmodi rimis
evadere immunes, si.inter inducendum ilico apparentes fissuras manipulis virgultarum
ibisci spartive crudi castigaveris. Quod si per caniculam aut loco aestuoso inducturus
sis, tundito et minutissime concidito rudentes vetustos et pulti commisceto. Tum
et levigabitur quidem bellissime, si sapone albo tepenti aqua soluto modice inter levi-
gandum superasperseris, multa inunctura expallescit.
®) Bekanntlich sind die italien. Arbeiter ungemein konservativ; durch ihr grosses
Geschick, ich möchte sagen, den künstlerischen Trieb, der ihnen allen angeboren ist,
haben sie gewisse Zweige des Kunstgewerbes schon seit Jahrhunderten an sich ge-
rissen. Der „Figurine“ ist fleissig, in seinem Fach geschult und — misstrauisch. Sein
technisches Können ist das Gut, von dem er lebt; seine Erfahrungen teilt er nur
seinem nächsten Verwandten und Landsmann mit. Fragt man ihn etwa nach prakti-
schen Details oder Handgriffen seines Gewerbes, dann wird man meist Ausflüchte,
mitunter absichtlich falsche Angaben von ihm zu hören bekommen. Dieses Versteck-
spielen wird mit grosser Konsequenz, ganz besonders Fachleuten gegenüber, durch-
geführt. Zur Illustrierung dieser Tatsache möge es gestattet sein, folgende Bei-
spiele zu geben: Bei der Ausführung des prächtigen Stiegenhauses im Schlosse zu
Herrenchiemsee ist es einem dort in anderer Sache beschäftigten Herrn passiert, als
er in der Absicht, die Stückarbeiten zu sehen, länger als nötig in dem Raum zurück-
blieb, dass die italienischen Arbeiter wie von ungefähr Mörtel- oder Steinbrockeu vom
Gerüste herabfallen liessen, um die Anwesenden zum Verlassen der Stätte zu
zwingen. Noch eigentümlicher ist der Vorfall, den mir Prof. Eisenmenger in
Wien mitteilte: In der Mittelhalle des neuen Parlamentsgebäudes zu Wien .wurde
von dem Genannten und dessen Schülern der grosse Fries (nach Rahl) in Stucco-
lustromanier ausgeführt. Die technische Arbeit hatte der Italiener Detoma über-
nommen, und obwohl die Herren wochenlang an der Arbeit waren, haben sie
nicht ein einzigesmal gesehen, wie die Glättung der tags vorher gemalten Stücke
vor sich ging; sie fanden das Gemalte stets fertig geglättet, wenn sie des morgens
zur Arbeit kamen. Auch über die ihnen als Bindemittel eingehändigte h'lüssigkeit
(von grünlich-milchiger Farbe) wurde ihnen niemals etwas mitgeteilt; die Farben
fanden sie zur Malarbeit fertig zugerichtet an der Arbeitsstätte vor.
Endlich möge auch das folgende hier erwähnt sein: Um die Stuccolustro-Technik
von italienischen Arbeitern ausfUbren zu sehen, hatte ich bei Uebernahme einer
Loggia- Ausmalung es so eingerichtet, dass ein Teil der Ausschmückung in Stuccolustro
gemacht werden sollte. Durch mehrere Wochen habe ich tagtäglich den Glättungs-
arbeiten zugesehen und alle Manipulationen sowie das Handwerkszeug kennengelernt,
niemals aber habe ich erfahren, woraus die Stuccolustro-Masse, mit der alle Farben
vermischt waren, bestand, und auf besondere dahingehende Fragen erhielt ich stets
entweder zweifelhafte oder ausweichende Antwort.
108
Gottgetreu.
vor dieser Bewurf trocken ist, eine neue Lage von noch feinerem
Sand und Kalk in der Dicke einer Linie aus; man bedient sich
dazu einer Kelle aus hartem Holz in der Form eines länglichen
Viereckes. Auf diese noch feuchte Schicht folgt, mit derselben
Kelle aufgetragen, eine zweite gleich starke Schicht von mindestens
14 Tage lang gelöschtem Kalk und Marmorsand. Wenn der Kalk
mager ist, nimmt man 2 Teile Kalk und 1 Teil Marmor; ist er
fett, die Teile gleich. Ist dieser Auftrag, welcher die erste Stuck-
schicht bildet, fast trocken, dann bedeckt man denselben mit einer
Lage von Stuck, bestehend aus 1 Teil Marmormohl, welches durch
ein feines Sieb gegangen, und 2 Teilen Kalk. Will man einen
weissen Grund, so breitet man mittelst einer flachen eisernen Kelle
in Form eines verlängerten Dreieckes reinen Kalk auf die letzte
Stuckschicht aus. Handelt es sich aber um einen Farbenton oder
gefärbten Marmor, so muss die Färbung vorher dem Marmorstaub
und Kalk, welche die zweite Lage bildet, gegeben werden. Dann
überstreicht man den Grund mit Farbe, die sehr flüssig in Seifen-
wasser und Kalk gerieben wurde, zwei- oder dreimal. Auf diesem
so gefärbten oder weiss gelassenen Stuck malt man mit dem
Pinsel, oder nach der Natur des Marmors mit dem Schwamm, die
Aederung oder Lokaltöne, Ornamente, Figuren etc., welche die
Dekoration bilden sollen. Ist das Gemalte fertig, so lässt man es
so lange trocknen, bis die Farbe durch Reiben nicht abgeht. Dann
nimmt man eine kleine Eisenkelle, ähnlich geformt wie die vorige,
nur mit abgerundetem Rücken, erwärmt dieselbe, doch nicht so
stark, dass die Farben verbrennen, und reibt mit ziemlich starkem
Druck über die Oberfläche der Wandbekleidung. Dann bedeckt
man diesen bereits glänzenden Stuck einigemal mit einer Mischung
von 3^/2 Unzen Wachs in 6 Unzen Seife, welche am Feuer in
etwas Wasser gekocht werden, und vermischt dies dann mit zwei
Flaschen siedenden Wassers; dann fährt man schnell mit der ab-
gerundeten Kelle, aber kalt, darüber hin. Die Farben bekommen
durch diese Lage von Wachs und Seife eine grosse Festigkeit und
der Stuck einen schönen Glanz, welcher durch Frottieren mit
einem in Form eines Zylinders gerollten Stück Leinenstückes (laine)
noch brillanter gemacht wird. Dieses Frottieren kann man nach
Bedarf erneuern, um den Glanz und die Reinheit zu unterhalten.
2. Bei Gottgetreu findet sich diese Anweisung für Stucco lustroU)
„Die Masse besteht aus einer Mischung von gutem, fetten Weiss-
kalk und Marmor — oder Alabaster — oder feinem Gipsstaub im
Verhältnis von 1:2; sie wird mit irgend einer Farbe, die den
Grundton des zu imitierenden Marmors haben soll, gieichmässig ge-
färbt und auf einen Unterputz von rauhem Luftmörtel einige Linien
stark aufgetragen, geebnet und mit einem Reibebett, das mit
weissem Filz überzogen ist, abgerieben (ebenso wie man den ge-
wöhnlichen Kalkputz anfertigt). Hierauf wird mit einer flachen
Polierkelle die Oberfläche des Stuckes glatt geschliffen, was grosse
Vorsicht erheischt.
Aederungen und Flecken werden mit dem Pinsel auf den noch
nassen Untergrund aufgemalt, die Farben werden mit Kalkwasser
und verdünnter Stuckmasse, wozu wohl noch 0 chsengalle bei-
gemischt wird, zugerichtet. Werden verschiedene Farben zum
Vgl. Gottgetreu, Physische und ehern. Beschaffenheit der Baumaterialien
Berlin 1875, Bd. 1, p. 311. Die Angaben finden sich wörtlich wiedergegeben im Hand-
buch d. ehern. Technologie v. Bolley VI. B. d. ersten Gruppe, 11. Abt., bearbeitet v.
G. Feiohtinger, Die chemische Technologie d. Mörtelmaterialien, Braunsebweig 1885,
p. 412,
109
Malen verwendet, vermeidet inan es, sie doppelt übereinander auf-
zutragen, so dass sie unmittelbar auf der reinen nassen Wand
stehen.
Sind die aufgemalten Farben eingesogen und lassen sie sich mit
dem Finger nicht sofort verwischen, so streicht man sie mit der
Polierkelle behutsam ein und überzieht die ganze Wand mit der
unten angegebenen Politur. Nun erfolgt das Streichen mit der
Polierkelle in gleichmässigen, nebeneinander sich anreihenden Strichen
und dies wird so lange fortgesetzt, bis der genügende Politurglanz
hervortritt. Zu dieser Manipulation ist grosse Uebung erforderlich,
und je sorgfältiger die Arbeit des Streichens geschieht, desto
schöner wird die Politur. Die Politur zum Stuccolustro wird
hergestellt: 2 Quart F'lusswasser werden zum scharfen Sieden ge-
bracht und dazu 6 — 8 Lot klein geschnittenes Wachs und 2 Lot
gepulvertes weinsteinsaures Ammoniak (Sal tartari) eingemischt;
ist beides im siedenden Wasser zergangen, bringt man 6 Lot ge-
schnittene Seife dazu und bildet so eine rahmartige Flüssigkeit.
Ist der Stuccolustro stumpf geworden, rührt man 4 Lot Wachs
in 1 Lot Sal tartari tüchtig zusammen, indem man ein wenig
Wasser dazu giesst und die ganze Masse so lange schlägt, bis sie
schmalzartig wird, überstreicht ihn damit, um ihm durch Reiben
mit wollenen Lappen den Politurglanz, wieder zu geben; auf die-
selbe' Weise lassen sich auch Stuckmarmor und selbst wirklicher
Marmor behandeln.“
Zwischen diesen beiden Angaben ist der erhebliche Unterschied zu ver-
zeichnen, dass das Mailänder Rezept heisse Glättung und Verrühren der
Farben mit Seifenwasser -|- Kalk, Gottgetreu dagegen kalte Glättung
und Anreiben der Farben mit „Stuckmasse“, deren Zusammensetzung nicht
angegeben ist, vielleicht noch mit Zusatz von Ochse ngalle, vorschreibt.
Beiden gemeinsam ist die Schlusspolitur, welche nichts anderes ist als eine
Mischung von verseiftem Oel und Wachs (Olivenöl -|- Panisches Wachs).
3. Anweisung für Stucco lustro von dem Italienei; Detama, welchen
Baumeister Lohse nach Berlin hatte kommen lassen.®)
„Der Grund wird auf der reinen Mauer zunächst mit gewöhn-
lichem Kalkmörtel angefertigt, welcher aber nur rauh aufgetragen,
nicht abgerieben werden darf. Der Stuccolustro - Arbeiter macht
zunächst auf diesem vom Maurer angefertigten Untergründe eine
Unterlage von venetianischem, mit Marraorstaub gemischtem Kalk.
Es kommt besonders darauf an, dass der Untergrund, bevor
man den genannten veneti anischen Kalk aufträgt, gehörig nass
gemacht wird, jedoch nicht mehr, als die lokalen Verhältnisse
es bedingen, und hiergegen wird durch ungeübte Arbeiter am
meisten gefehlt. Auf diese erste Unterlage kommt eine zweite
von demselben Kalk, aber mit feinerem Marraorstaub, und über
diese eine dritte Lage mit noch feinerem Marmorstaub gemischt.
N-achdem auf diese Weise die drei Lagen übereinander gelegt wor-
den, kommt der Maler, welcher die Farben aufträgt, um die ver-
schiedenen Marmorierungen nachzuahmen. Ist dies geschehen, so
wird mit heissen Kellen die ganze Fläche geglättet, wodurch eine
hüchglänzende Politur erreicht wird. Ist die Fläche trocken, so
wird sie mit Terpentinwachs aufpoliert. Der so fertige Stucco
lustro ist ausserordentlich fest, die Farben sind echt, da sie fresken-
artig in den feuchten Kalk eingebrannt sind, und es lassen sich
die ganzen Flächen mit einem Schwamm abwaschen.“
®) S. F. Fink, Der Tüncher, Stubenmaler, Stuckateur und Gipser, Praktisches
Hand- und Hilfsbuch für obengenannte Gewerbe, für Architekten und Bauhandwerker,
sowie für Bau- und Gewerbeschulen. Berlin 1866, p. 171.
Detoma.
110
Völlige üleich-
heit der Vor-
arbeiten und
der Sohluss-
politur.
Marmorino-
Rez.
Einige Unklarheiten in der obigen Anweisung müssen hier gleich be-
richtigt werden, denn 1. ist es nicht ersichtlich, was unter venetianischem
Kalk zu verstehen ist, 2. mit was für Bindemittel die Farben angemischt
werden, um die Marmorierungen nachzuahmen; auch muss 3. unter Marmor-
staub jedenfalls Marmorsand verschiedener Stärke verstanden werden.
Aus allen diesen Angaben ist vor allem die Uebereinstimmung mit
Vitruv’s Tectorium ersichtlich, und wenn auch nicht immer alle t) Schichten
vorgeschrieben werden (Plinius fordert nur 5 Schichten), so ist doch das
System der Aufeinanderfolge ganz das nämliche. Die Vorarbeiten des
Wandverputzes der Alten und die Vorarbeit für Stuccolustro sind
vollkommen gleich, ebenso das darauf folgende Glätten und die
erzielte glänzendglatte Oberfläche! Variationen in der Glättungs-
methode (mit heissen Eisen oder abwechselnd zuerst mit kalten, dann mit heissen)
mögen in verschiedenen Gegenden gebräuchlich gewesen sein, ebenso die Ver-
schiedenheit der SchJusspolitur (punisches Wachs oder Terpentin wachs). Aber
charakteristisch ist der letzte Ueberzug mitWachs beim Stucco
lustro, und übereinstimmend damit das Ganosis-Verfahren beim
antiken Tectorium, mithin sind Vorarbeiten und Schlussafbeiten beider
Verfahren vollkommen gleich. Der Schluss ist demnach naheliegend, dass
auch die zwischenliegenden Arbeiten des Malens, wenn auch nicht gleich, so
doch sehr ähnlich gewesen sein können; und da wir aus den alten
Schriften darüber gar keine Nachricht haben, so bietet uns wenigstens die
Stuccolustro-Technik einen Anhalt für die vorzunehmenden Versuche.
4. Der Vorrat an Stuccolustro-Rezepten ist aber mit den obigen dreien
noch nicht erschöpft. Ich lasse hier ein besonders interessantes 4. folgen,
das ich unter der Bezeichnung
Marmor ino oder venetianische Marmortünche
bei Pink (p. .164) abgedruckt finde ®) :
„Für Pacaden und für das Innere von Gebäuden wenden die
Venezianer einen döm Marmor ähnlichen, sehr dauerhaften Verputz
an, welchen man „intonaco a marmorino“ oder auch bloss „mar-
morino“ nennt. Die Herstellung dieser Marmortünche geschieht
folgendermassen. Zunächst wird das rohe Mauerwerk mit einem
Mörtel beworfen, welcher aus Kalk und Ziegelmehl bereitet
wurde. Man gleicht den Bewurf mit der Kelle aus und macht mit
ihr im Bewurf kreuzweise oder wellenförmige Einritzungen, die zum
besseren Halt des folgenden Anwurfs dienen. Der zweite Bewurf
wird aufgetragen, wenn der erstere vollständig trocken ist, und
besteht aus einem Mörtel, welcher aus Kalk und feinem Sande
bereitet wurde. Dieser Anwurf wird nur so dick aufgelragen, als
erforderlich ist, um die Unebenheiten des ersten Bewurfs aus-
zugleichen; er wird mit Richtscheit und Reibbrett vollkommen ge-
ebnet und glatt gerieben. Wenn dieser zweite Bewurf noch nicht
ganz trocken ist, trägt man die letzte Schicht, welche aus dem
Marmormörtel besteht, auf. Man bereitet diesen Mörtel aus bestem
weissein Kalk und Mann or pul ver. — Bei der Bereitung dieses
und der zwei vorher angewandten Verputzmörtel verfährt man in
der Weise, dass man das Ziegelmehl, den Sand oder den Marmor-
staub trocken aufschichtet, darein oben eine Vertiefung macht,
hierein die Portion ungelöschten Kalks bringt, dieselbe hier ab-
löscht und sodann mit dem umgebenden Zusatzmaterial mischt und
sofort zu Mörtel verarbeitet. — Die letzte Schicht wird nur eine
Linie stark aufgetragen, und wenn sie zu trocLnen beginnt, aber
noch dehnbar ist, mit einer stählernen, an den Ecken ab-
®) S. Fink p. 164. Es sei hier auch erwähnt, dass die Kustoden in Pompeji
den antiken Bewurf auch „marmorino“ nennen, weil er dem Marmor ähnlich ist!
111
gerundeten Polierkelle geglättet, während man die Fläche
mit dünnem Seifen Wasser annetzt.
Wenn ein höherer Glanz verlangt wird, lässt man den Verputz
nach dem Polieren mit der Kelle gut austrocknen und poliert
dann nochmals mit erwärmten Eisen; dieselben haben die Form
einer kleinen Kelle, sind ca. 5 Zoll lang, 2 Zoll breit und Zoll
dick und werden über Kohlenfeuer erwärmt-. Dieses Verfahren
wird vorzugsweise bei inneren Verputzarbeiten angewendet, sowie
dann, wenn der polierte Marraorin mit Oelfarben bemalt werden
soll. Die bemalten Wände erhalten in der Regel einen sehr dünnen
Ueberzug von Kopallack oder von Wachsfirnis, womit entweder
nur die Malereien oder auch die ganzen Flächen überzogen werden.
Will man einen farbigen Marmor imitieren oder Marmorquader
von verschiedenen Farben nachahmen, so geschieht dies durch
Aufmalen auf die letzte Schicht, bevor dieselbe getrocknet und ge-
glättet ist. Der Erfolg dieser Arbeit hängt natürlich von der Ge-
schicklichkeit des Arbeiters in der Nachahmung farbiger Marmore
ab. — Weisser Marmorin wird auch vielfach mit Fresko-Malereien
versehen, welche auf den noch feuchten letzten Marmorputz auf-
getragen werden, und wobei dann das Polieren des Verputzes
unterbleibt.
Wenn an den polierten Marmorin wänden der Glanz mit der
Zeit verschwindet, überzieht man sie entweder mit Kopallack oder
mit flüssigem Wachsfirnis. Bei Oelmalereien wendet man Kopalfirnis,
bei Fresko-Malereien und weissen Wänden aber Wachsfirnis an.“
Auf den ersten Blick hat dieses merkwürdige Marmorino- Verfahren
wenig Aehnlichkeit mit der antiken Art, insbesondere ist die Verquickung
mit der Oelmalerei wenig „antik“. Aber wir haben es hier mit einem Aus-
läufer jüngeren Datums zu tun, und selbst die ürsprungstechnik erscheint
offenbar auch den lokalen Bedürfnissen gemäss Veränderungen unterwoiffen.
Wie alt dieses Rezept ist und in welchem Zusarhmenhang es mit Venedig
steht, entzieht sich unserem Erteil. Fink hat es vermutlich aus einem ähnlichen
Buch älteren Datums entnommen; wir wollen aber versuchen, die inneren
Widersprüche des Rezeptes soviel als möglich aufzuklären.
Die Reihenfolge der Anwürfe ist von Vitruv’s Tectoriura nicht ver-
schieden, nur das zuerst angewendete Material, das Ziegelmehl, und der
zu allen Bewürfen geforderte ungelöschte Kalk. Bedenkt man aber, dass
ganz Venedig auf den Lagunen gebaut ist, alle Mauern auf durchfeuchtetem
Grund stehen und nichts für Marmorstuck gefährlicher ist als die von unten
aufsteigende Nässe, so wird es einleuchten, dass das Material von vorne-
herein so gewählt wei’den musste, dass es diesen Uebelständen entgegenwirkte.
Dazu ist das Ziegelmehl als besonders geeignet schon von Vitruv selbst er-
wähnt. Im 4. Kap. des VTI. Buches handelt er davon, wie der Verputz
an feuchten Stellen hergestellt werden soll, und schreibt dabei vor, an Stelle
von Sand gestossene Tonscherben zur ersten Schicht oder, wenn die Mauer
durch Luftkanäle unterbrochen ist, einen Mörtel aus Ziegelmehl zu nehmen.
Das Marmorino-Rezept widerspricht also nicht, im Gegenteil es steht mit
Vitruv’s Angaben im vollsten Einklang. Damit ist aber auch der Umstand
erwiesen, dass das antike Tectorium je nach den örtlichen Verhältnissen
variabel war und ira Material den vorhandenen Bedürfnissen angepasst werden
konnte. Dies wird noch deutlicher durch die Anwendung des ungelöschten
Kalkes zum Marmormörtel ; die zementartige Eigenschaft der Puzzolane der
campanischen Städte sowie des römischen Mörtels sehen wir hier ersetzt
durch den ungelöschten Kalk , der ebenfalls zementartig wirken kann.
Ueber die Zumischung von ungelöschten Kalk finden sich bei Gottgetreu
p. 213 folgende interessante Notizen:
„Schon in der Mitte des vorigen (XVIII.) Jahrhunderts hat der Loriot’sche
Mörtel viel von sich reden gemacht, und wird derselbe nach Gilly folgondermassen
Verwendung
vonZiegelmehl
u. ungelösch-
tem Kalk.
Nachweis bei
Vitruv,
112
Deoarlini’s
Verfahren.
Auftrag der
Schichten.
Und wenn meine bezüglichen Versuche mich nicht täuschen , bietet der mit
ungelöschtem Kalk angemachte Mörtel grösseren Widerstand gegen das Ein-
dringen von Feuchtigkeit als der gewöhnliche mit gelöschtem Kalk.
Befremdend ist allein das Uebermalen des geglätteten Marmorino mit —
Oelfarben zu nennen; doch ist hierbei zu bedenken, dass jede Technik in
den Jahrhunderten ihres Bestehens auch die technischen Neuerungen der
Zeit für ihre Zwecke ausnützt, und da wir wissen, dass in den römischen
Zeiten Marmorstuck mit Eitempera bemalt worden ist (Plin. XXXV, 45),
so steht nichts im Wege, dass nach der allgemeinen Einführung der Oel-
technik auch geglätteter Stuck mit Oelfarben habe bemalt werden können. Ge-
nau so sehen wir im 3. Stuccolustro - Rezept des Detoma an die Stelle des
verseiften und wassermischbaren Wachses das spätere in Terpentin gelöste
Wachs treten. Und wohl das gleiche Terpentinwaohs ist unter dem „Wachs-
firnis“ des Marmorino-Rezeptes zu verstehen, mit welchem die „Fresko-
Malereien“ zum Schluss überzogen werden sollen, u. zw. mit der offenbaren
Absicht, diese Malereien mit den unbemalten Teilen des glänzenden Mar-
morino in Einklang zu bringen.
5. Mit dem Mailänder Stuck-Verfahren hat das Detoma’sche viel Aehn-
lichkeit , wenn angenommen wird , dass als Bindemittel für die Malfarben
gelöste Seife (in Mischung mit Kalkmilch) diente, ein Umstand, den Detoma
schlauerweise verschwieg. Und als Mischung beider Verfahren kann das
Verfahren des Italieners Decarlini angesehen werden, das bei der Aus-
schmückung einer Loggia in München unter meiner Aufsicht und nach meinen
Zeichnungen angewendet wurde (s. Abschnitt „meine Versuche“).
Es ist das folgende:
Die Bereitung des Untergrundes geschieht in fast gleicher
Ordnung, wie bei dem von Vitruv beschriebenen Tectorium, u. zw.
wird auf der vollkommen ausgetrockneten Backstein-Mauer zuerst
eine ganz rohe Berappung aufgetragen und diese gut trocknen
gelassen. Es ist selbstverständlich, dass alle Bedingungen für
ein gesundes Mauerwerk auch hier gegeben sein müssen, denn
der Mauersalpeter ist der ärgste Feind des Stuccolustro.
herge.stellt: Man mischt 2 Volumina durchgesiebtes Ziegelmehl, 2 Volumina eines
Gemenges von feinem Sand mit so viel abgelöschtem Kalk in hinreichender Menge,
um mit den beiden ersten Ingredienzien und dem Wasser in der Grube einen Mörtel
von gewöhnlicher Konsistenz zu erhalten, welche hinreichend Feuchtigkeit besitzt,
um den hierauf zuzusetzenden ungelöschten Kalk genau zu sättigen. Dieser le-
bendige Kalk, welcher frisch bereitet und vollkommen durchgebrannt sein muss, wird
zuerst für sich fein gepulvert und hierauf in dem Verhältnis wie das Ziegelmehl zu-
gesetzt; ist er nicht ganz frisch, so muss mehr davon genommen werden.
Nach einer anderen Vorschrift besteht der Loriot’sche Mörtel aus 2 Teilen Kalk,
2 T. Ziegelmehl und 3 T. Sand, oder aus 2 T. Kalk, 8 T. Ziegelmehl, 3 T. Sand, und
wird diesen Mischungen 2 T. gepulverter, ungelöschter Kalk beigemengt.
Robert Smirke hat in ähnlicher Weise in England den frisch gebrannten ge-
pulverten Kalk als Beigabe zum Kalk warm empfohlen; er verwendete gepulverten
ungelöschten Kalk, der trocken mit Saud und Gruss innig vermengt wurde; erst nach-
dem dies geschehen, wird Wasser hinzugefügt und das Ganze so rasch als möglich
verarbeitet. Das Gemisch erhitzt sich rnässig während des Löschens des Kalkes und
beginnt so rasch anzuziehen, dass, wenn nur die Masse gehörig geebnet ist, man sie
zur Fundation selbst der bedeutendsten Gebäude sofort benützen kann.
Vor einigen Jahren hat Dr. Artus mit ähnlichen Mörteln manipuliert und, wie
die Berichte besagen, ganz vorzügliche Resultate erzielt; nach diesen wurde 1 T. gut
gelöschter Kalk mit 3 T. Sand sorgfältig gemischt und dem Gemenge unmittelbar
vor dem Gebrauche ®/4 T. ganz fein zerteilter, ungelöschter Kalk zugesetzt und
sodann das Ganze gut durcheinander gearbeitet. Der so zubereitete, zu einer Fun-
dationsmauer verwendete Mörtel war nach 4 Tagen bereits zu einer festen Masse
erstarrt, so dass ein spitzes Eisen nicht mehr hineingedrückt werden konnte; auch
haftete derselbe mit gleicher Festigkeit an den Steinen des Mauerwerks, nach 2 Mo-
naten hatte er Steinhärte erlangt.“
Vgl. auch Muspratt 11, p. 393 und das Kapitel: Meine Versuche.
") Bei zwei Proben von Stuckmalerei, in eine Lösung von Salpeter gelegt, so
dass die Flüssigkeit von unten eindringen konnte, hat sich ergeben, dass die mit un-
gelöschtem Kalk bereitete intakt geblieben ist, während die andere ganz zerstört wurde.
113
Die erste Schicht, bestehend aus nicht zu feinem Sandmörtel
(gewaschener Sand mit altgelöschtera Kalk im übhchen Verhältnis
eines guten Mörtels) wird in einer Stärke von D/2 — 2 cm mittels
eines Reibebrettes angetragen ; dieses Reibebrett ist gegen 1 Meter
lang und etwa 12 cm breit, aus hartem Holz gefertigt; gleich-
zeitig ist darauf zu achten, dass diese erste Schicht mit Hilfe
des Winkels und des Richtscheits abgearbeitet werde. Auf diesem
Grunde wird gleich die Einteilung der Flächen gemacht, wie es
die Zeichnung bedingt , so dass die weiteren mit Farben zu
mischenden Lagen an ihre richtige Stelle kommen.
Die zweite Schicht wird mit gleichmässig gestossenem und
gesiebtem Marraorsand nebst altgelöschtem Kalk und der gewünschten
Grundfarbe (sei es schwarz, gelb, rot, grau u. s. w. oder für weiss
ohne Farbenzusatz) angerührt, in der Dicke von cm mit dem
gleichen Reibebrett über die erste Schicht gelegt, sobald diese
gut angezogen hat. Es folgt dann die dritte Schicht aus
gefärbtem oder mit Kalk angemischtem Marmorstuck , welcher
durch ein feineres Sieb gereitert oder direkt mit einer entsprechenden
Menge von feinem Marmormehl änzumachen ist. Die letzte
(dritte) Schicht wird so dünn als möglich (etwa 1 — 2 Millimeter)
aufgezogen und, wenn sie etwas getrocknet ist, mit der Kante
einer kleinen stählernen Kelle von dreieckiger Form geglättet.
Diese drei Lagen sind an einem Tage herzustellen und zwar in der
Ausdehnung, wie man glaubt in etwa zwei Tagen mit dem ganzen
Teilstück fertig zu werden, wobei noch darauf Rücksicht zu nehmen
ist, dass die Grenzen passend aneinander gefügt werden können.
An heissen Sommertagen versäuihe man nicht , die Flächen öfters
von oben herab zu befeuchten, indem man mit dem nassen Schwamm
reines Wasser gegen die Wandfläche hinschleudert und ablaufen
lässt; auch vermeide man durch Schliessen der Fenster und Türen
zurNaohtzeit ein zu schnelles Austrocknen der vorgerichteten Flächen.
Damit wäre der erste Teil der Arbeit erledigt, es folgt jetzt der
zweite und wichtigste, die Aufmalung der Grundfarbe und aller
gewünschten Details mittels der Stuccolustro- Farbe. Diese be-
steht in der Hauptsache aus einer innigen Mischung von alt-
gelöschtem Kalk und in Wasser gelöster venetianischer Seife und ist
von ziemlich dicker Konsistenz. Man reibt dem gelöschten Kalk so
lange Seife hinzu, bis die Mischung einen deutlich bemerkbaren
Laugengeruch angenommen hat; ausserdem muss sie einige
Zeit vorher zubereitet und stets feucht aufbewahrt werden;
zwischen den Fingern zerrieben muss sie schlüpfrig anzufühlen
sein. Mit diesem Stuccolustro-Kalk sind alle Farben vorher
gut anzurühren und reichlich mit Wasser vermischt durch ein
äusserst feines Drahtsieb zu treiben. Dieses Sieb spielt bei den
Farben eine grosse Rolle, denn alle Farben müssen „fein“ sein,
eine Hauptbedingung für das Gelingen der Malerei.
Als Pigmente sind naturgemäss ausschliesslich die kalkechten,
für Fresko geeigneten Ocker- und Erdfarben Ultramarin u. s. w.
zu wählen; alle anderen verschwinden, sie „gehen in die Luft“
(vanno nell’ aria), wie der Italiener sagt.
Nachdem die letzte, entweder weisse oder mit Farben angemachte
Stucklage etwas getrocknet ist, wird die ganze Fläche mit Stucco-
lustro-Farben, die in der oben gezeigten Art angemacht sind, mittels
breiter, aber sehr weicher Haarpinsel in mehreren Lagen gleich-
mässig übergangen, wenn die Fläche einfarbig sein soll, oder es
werden, alle Details der Ornamente, Marmorierungen, Linien u. s. w.
aufgemalt. Sobald diese Bemalung sich eingesogen hat (matt ge-
worden), kann mit dem Bügeln begonnen werden.
In der Masse
gefärbteStuck
schichten.
Aufmalung
der
Grundfarbe.
8
114
Handwerks-
zeug.
Glätten mit
dem Bügel-
eisen.
Hiezu dient das Stuccolustro-Eisen (s. Abbild. 15), mit dem
Ofen das unentbehrlichste Handwerkszeug für diese Technik.
Es besteht aus einem massiven Eisenstück, dem ein dünneres
Stahlstück aufgeschweisst ist (2 ctm stark, ca. 15 ctm lang),
dessen untere auf’s feinste polierte Fläche gegen 3 — 5 ctm breit
ist; am doppelt gebogenen Knieeisen ist eine hölzerne Handhabe be-
festigt. Ein kleiner Dorn auf der nicht polierten oberen Seite
dient einem Holzstück als Halt, mit welchem die Führung und
ein gewisser Druck auf die Wandfläche ausgeübt werden kann.
Der Ofen (s. Abbild. 16), in welchem diese Eisen, deren mindestens
zwei zum Wechseln nötig sind^ erwärmt werden, hat eine gewisse
Aehnlichkeit mit den Oefen, die italienische Kastanienbrater meist
benutzen, nur werden die Eisen direkt in die glühende Kohle ge-
legt. Zur Heizung dienen Holzkohlen.
Ist die Farbenschicht in den Stuck eingesogen , so fährt der
Arbeiter mit dem heissgemachten (reinen) Bügeleisen erst langsam
und die gleiche Stelle so lange übergehend hin und her,, bis sich
ein leichter Glanz der Fläche zeigt. Die Hitze des Eisens sei
nicht allzugross, aber immerhin so stark, dass bei dem anfänglichen
Bügeln ein leichtes Zischen vernehmbar ist, wie wenn ein Wasser-
tropfen auf eine heiese Fläche fällt. Ist die I.age leicht gebügelt,
dann werden alle weiteren Details des Ornaments, die Aederungen
oder was immer, mit den angeführten Farben abermals übergangen,
denn durch das Bügeln wird die Farbe satter, aber auch durch-
sichtiger. Hier sei eingefügt, dass bei einfarbigen Flächen eine
vollkommene Gleichmässigkeit schwer zu erzielen und es besser ist,
die Masse vorher gefärbt aufzutragen, wie sie nachher gein
soll; in diesem Falle wird die Fläche mehrmals mit in warmem
Wasser gelöster Venezian. Seife überstrichen.
Bei fortgesetztem Bügeln steigert sich der Glanz bis zum Spiegeln,
die Oberfläche bekommt einen glasartigen, festen Charakter und die
Eigenschaft, gegen Wasser unempfindlich zu sein.
Da die Stuccolustro-Masse als einziges zur Verwendung stehendes
Weiss nur wenig deckt, sind die Haupteffekte mittels Lasurfarben
zu erzielen; nur auf dunklerem farbigem Grund, etwa dunkelrot
oder Schwarz, kommt Weiss zur richtigen Wirkung. Durch das
Abbild. 15. Stuccolustro-Eisen mit der HolzfUhrung.
— 115
Hineinbügeln der verschiedenen Parbenlagen in den Grund erscheint
dann die ganze Malerei wie auf einmal aufgetragen und mit-
einander verschmolzen. Die Farben werden im allgemeinen nach
dem völligen Auftrocknen des Bewurfes (in etwa 2 — 3 Wochen)
etwas heller, gewinnen aber später durch die letzte Politur wieder
an Tiefe.
Ist die Malerei fertig geglättet, was je nach der Witterung und
der Dicke des Marmorstucks in zwei aufeinanderfolgenden Tagen
bewerkstelligt werden muss, so wird dann womöglich an einer
günstigen geraden Kontur das Ueberstehende abgescharrt, um
für die daranstossende Fläche wieder die gleiche Reihenfolge von
frischen Bewürfen anlegen zu können.
Abbild. 16. Stuccolustro-Ofen.
Die ganze Dekoration wird auf die geschilderte Weise Stück
für Stück fertigt gestellt; es folgt nach dem vollständigen Trocknen,
in 4 — 5 Wochen, eine leichte Waschung mit Wasser, um den Staub
zu entfernen, und endlich die letzte Politur, von in Terpentinöl
gelöstem gelben oder weissen Wachs, dem noch ganz wenig
Leinöl beizumischen ist; mit reinen Leinenlappen wird dann
abpoliert. (Vor der letzten Politur geben einige noch eine Schicht
von zur Hälfte mit Terpentin verdünntem Leinöl und verreiben
dieses gut mit LeinenlappeUi)
In allen den obigen verschiedenen Rezepten sind zwei Dinge für
uns von massgebender Bedeutung, nämlich 1. die Anwendung der Venetianer
8*
Schluss-
politur.
116
Venetianer
Seife.
Oel-Kalk-Kitt
des Vitruv.
Angeblich
griechischer
Stucco-
Rezept.
Seife als Mittel zur Glättung des Tectoriuras 2. die Anwendung heisser
Glatteisen zur Erzielung von Glätte und Glanz.
Venetianer Seife ist nichts anderes als durch Natronlauge verseiftes
Olivenöl, also eine sog. harte Seife. Wie bei allen Seifen entsteht durch
Mischung mit Kalk eine in Wasser unlösliche Verbindung (fettsaurer Kalk
oder Kalkseife), und zwar wird wie bei vielen chemischen Verbindungen dieser
Prozess durch Mithilfe von Wärme befördert. Mischt man Kalkmilch mit
gelöster Venetianer Seife, dann grieselt die Mischung im ersten Augenblick
und wird flockig, aber nach kurzem guten Verrühren wird sie geschmeidig
und glatt „fliessend“, wie die Maler sagen. Als Bindemittel mit Farben
vermischt lässt sich diese Seifen-Kalk-Mischung (Siucco-lustro-Masse) auf
feuchten Grund wohl auftragen, aber auf beinahe getrockneter Oberfläche
bekommt sie nur dann genügenden Zusammenhang, wenn man mit heissen
Eisen die Farben überstreicht, also gleichsam einbrennt. In dem Kapitel der
Versuche wird noch näher davon gehandelt werden; hier haben wir uns zu-
nächst die Frage zu stellen: Ist die Mischung von Oel (Olivenöl) mit
Kalk im Altertum bekannt gewesen, und zu Bauzwecken ver-
wendet worden?
In der Tat finden wir diese Mischung im Altertum und noch später,
unter dem Namen maltha (s. m. Beitr. III, p. 25), in Verwendung.
Vitruv (VII 1, 6) handelt davon in dem Abschnitt von der Bereitung
des Estrichs und führt als Mittel zu dessen Festigung die Sättigung des
Mörtels mit Oelhefe an: „Damit aber der Mörtel zwischen den Fugen
nicht unter dem Frost leide, sättige man ihn jährlich vor dem Winter mit
Oelhefe; so wird er den Winterreif nicht in sich eindringen lassen.“
Die Festigkeit des Oel-Kalk-Kittes wird gleich darauf erwähnt, da in be-
sonderen Fällen als Zwischenlage noch eine Reihe von Deckziegeln ge-
legt wird: „Nachdem man diese zusammengefügt, streicht man sie mit
Kalk, der in Oel angerieben ist (calce ex oleo subacta), aus und schleift
die aneinandergepressten Fugen zusammen. So wird der Kalk, welcher
in den Rinnen lagert, erhärtend und fest werdend weder Wasser noch etwas
anderes durch die Fugen durchdringen lassen.“^®)
Hier haben wir demnach das antike Zeugnis Vitruvs für die Kenntnis
und den Gebrauch der Oel-Kalk- Verbindung und deren festigende Wirkung
auf den Mörtel. Ein marmoratum genannter Kitt bestand nach dem römi-
schen Historiker Flavius Vopiscus (um 300 nach Ch.) aus Kalk und Marmor-
staub, mit Wasser und Eiweiss oder noch besser mit Leinöl gemengt, und
wurde als Zement für Mosaikarbeit benützt. ^^) Da wir also das Oel in direkter
Vermischung mit Kalk bei den alten Römern verwendet sehen, so wird uns
das folgende beinahe phantastisch erscheinende Verfahren nicht so sehr in
Erstaunen setzen.
In dem Buch der Fr esko malerei (Anonym, Heilbronn 1846) p. 122
finden sich die folgenden Angaben :
'^) Dieselbe Erfahrung hat der als Ereskomaler sehr erfahrene Joh. Ant.
Gegenbauer (f 1876j in Stuttgart gemacht und darin das Verfahren der Alten ver-
mutet; den aus feinstem Marmormörtel bestehenden Grund habe man mit einer Wasser-
farbe angestrichen, dann mit Seifenwasser angespritzt und endlich mit einem heissen
Bügeleisen getrocknet, lieber das Bindemittel der Temperafarben war Gegenbauer
aber sowohl wie alle Anderen, die nicht ausschliesslich Freskotechnik annehmen,
ganz im Unsicheren. (Vgl. Horm. Riegel, die bildenden Künste, IV. Aufl. Frank-
furt a. M. 1895, p. 212.)
'®) Vitr. VII 1, 6: . . uti autem inter coagmenta materies ab gelicidiis ne laboret,
fracibus quotannis ante hiemem saturetur. ita non patietur in se recipere gelicidii
prüinäm.
Vitr. VII 1, 7: Quibus iunctis impleantur calce ex oleo subacta coufri-
centurque inter se coagmenta compressa. ita calx quae erit haerens in caualibus
durescendo contexteque solidescendo non patietur aquam neque aliam rem per coag-
menta transire.
‘^) Vgl. Haas, Ueber Mosaikmalerei. Mitteilungen der k. k. Zentral-Kommission
zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale, Wien 1859, p. 173 ff.
117
„Eine andere bis jetzt noch unbekannte Malart wurde von einem
grossen deutschen Maler (Namen werden in dem Buche grund-
sätzlich verschwiegen!) aus Griechenland mitgebracht. Nach alten
Malereien, die er in Ruinen fand und die ihm mit eigentümlicher
Technik gemalt schienen, suchte er jene Technik aufzufinden, und
es gelang ihm wirklich , ein Manuskript zu entdecken , welches
diese Malart erwähnt. Sobald der wie zum Preskomalen zubereitete
Mauergrund angeworfen und geglättet ist, wird der nasse Putz
sogleich mit Leinöl überstrichen, und dieses Uebe r streich er.
so lange wiederholt, bis der Putz kein Oel mehr schluckt.
Alsdann werden mit gewöhnlicher Was s er färbe, ohne irgend ein
Bindemittel, die Parbuntöne anfgetragen, und sodann der Trocknung
überlassen; hernach reibt man sie einige Tage nachher mit wollenen
Lappen ab, worauf die Parbe f ostsitzt und Spiegelglanz an-
nimmt.
Dieses Verfahren, so sonderbar es auch ist, schien uns merk-
würdig genug, um es zu versuchen, und wir erlangten folgende Re-
sultate und machten ebenfalls folgende Bemerkungen : Kalkweiss
kann in dieser Malerei nicht angewendet werden (?), Bleiweiss
wird in Bälde der Zeit schwarz; mit einem zu diesem Zwecke
jedoch eigens präparierten Weiss erhielten wir die besten Resultate,
weshalb hier unsere Bereitungsart beigesetzt wird (folgt die
Bereitung von Zinnweiss).
Der Mauerputz , auf welchen die Malerei kommen soll , muss
sehr fein geglättet sein, und es darf in der Mauer kein Gedanke
von Gips enthalten sein. Perner muss die Mauer, sobald das
Glätten vollendet ist, mit Oel überstrichen-, und dieses nicht eher
ausgesetzt werden, als bis sie nichts mehr schluckt.
Sind diese Bedingungen erfüllt, so kann man willkürlich malen.
Dann kommt aber das wichtigste, nämlich das Abreiben. Pängt
man zu früh damit an , so geht die Parbe auch ab ; reibt man
zu spät, dann nimmt sie keinen eigentlichen Spiegelglanz mehr an;
auch müssen die Ockerfarben und das Ultramarin früher gerieben
werden als die roten.
Nach solchen eigenen Erfahrungen glauben wir , dass sich
diese Malerei wohl zu ornamentalen Zwecken, zu grossen glänzenden
und nicht vielfarbigen Ausschmückungen von Gebäuden, schwerlich
aber zu Piguren eignen würden. Uebrigens muss hier noch
immer der Ansatz wie beim Preskomalen beibehalten werden.“ '^)
Diesen Angaben sei gleich hinzugefügt, dass mir bisher nur sehr
unvollkommene Erfolge in diesem Verfahren gelungen sind. Wahrscheinlich
ist die Anweisung ungenau oder nicht vollständig, denn auf mit Oel ge-
tränktem und vollständig durchfettetem Grund lässt sich „Wasserfarbe“
überhaupt nicht aufstreichen, eine innigere Verbindung derselben mit dem
Grunde ist somit ausgeschlossen und das darnach geforderte Glänzendreiben
kaum ausführbar. Wie dem auch sein mag, das wichtigste ist hier die durch
Mit diesen Angaben beinahe identisch sind die bezüglichen Aufzeichnungen
von Martin Knoller (datiert 1768), der das Verfahren aus einem altgriechischen
Manuskripte der vatikanischen Bibliothek entnommen hat. Dieses Manuskript ent-
hielt „ganz originelle Tatsachen und Gedanken über Malerei“ und darunter die fast
gleichlautende Beschreibung des obigen Verfahrens.
Auch Martin Knoller hat auf die beschriebene Weise „ausserordentlich schöne
Farben, die einen wunderschönen Glanz besitzen“, erzielt und das Verfahren ganz
bewährt gefunden. (S, die Aufzeichnungen über Freskomalerei von M. Knoller in der
„Mappe“, illustr. Fachzeitschrift für Dekorationsmalei’ei. München 1902, Jahrg. XXII,
Heft V, p. 48.)
ll
— 118 —
Erfahrung und Tradition fortgepflanzte Uebung, die noch frische Wand-
fläche mit Oel zu tränken, so dass die feste Verbindung des fettsauren
Kalkes sich bilden kann. Und geben wir diesen Zweck als von vorneherein
beabsichtigt zu, so müssen wir auch die Mischung von Kalk imd verseiftem
Olivenöl, das Grundmaterial der Stuc colustro-Technik, als überaus
zweckmässig ansehen. Nichts kann uns hindern anzunehmen, dass diese
Mischung bereits im Altertum für Marmorstuck in Anwendung war, da wir
aus Vitruv’s Zeugnis den Gebrauch dieser Mischung zu Bauzwecken kennen
gelernt haben. Aus allem obigen ist zu folgern, dass Stuccolustro mit
der alten Technik im engsten Zusammenhänge steht, und
aller Wahrscheinlichkeit nach als letzter Ausläufer der
antiken Stucktechnik Vitruv’s anzusehen ist.
119
VI. Meine Versuche zur Rekonstruktion der antiken Wandmalerei.
Vorbemerkung.
Von Vitruv’s Angaben über die Ganosis ausgehend war ich ursprünglich der
Meinung, dass das sog. Punische Wachs ein Festigungsmittel abgeben könnte, wodurch
die Farben nicht nur untereinander, sondern auch mit dem Grunde vereinigt würden.
Mit diesen Versuchen war ich i. J. 1893 und 1894 beschäftigt, und die Resultate waren
insofern erfolgreich, als
1. mit punischem Wachs überzogener, dem antiken Tectorium nachgebildeter
Stucco durch Erwärmen und nachheriges Abreiben mit Leinentüchern eine glän-
zende Oberfläche erhielt;
2. fast alle B'arben sich mit dem punischen Wachs verbinden Hessen und,
ebenso wie das punische Wachs allein, durch Erwärmen inneren Halt gewannen.
Ueberraschend war dabei der Umstand, dass die mit punischem Wachs gemischten
und mit Wasser verdünnbaren Farben mit Wasser abgewaschen werden konnten, so-
lange sie nicht durch das „Einbrennen“ gefestigt worden waren. Nach dieser
Prozedur, zu deren Ausführung ich mich einer gewöhnlichen Spiritus -Lötlampe
bediente, waren aber die Farben fest und Hessen sich durch Wasser nicht mehr
abwaschen. Die Wirkung der Erwärmung der mit punischem Wachs überzogenen
Stuck-Oberfläche oder der Malerei bestand äusserlich im „Schwitzen“ des Wachses,
also in Uebereinstimmung mit Vitruv’s und Plinius’ Angaben, wonach die Oberfläche
„ad sudorem usque“ erwärmt werden sollte. Und selbst bei grösserer Hitze (z. B.
bei welcher der Zinnober sich schwärzte und nach dem Erkalten wieder seine Farbe
erhielt) erfolgte immer nur ein „Schwitzen“ der Fläche. In meinen Ueberzeugungen
bestärkte mich noch der Umstand, dass die mit punischem Wachs gemischten Farben
auch pastös aufgetragen werden konnten und trotz der Erhitzung mit der Lotlampe
nicht ins Laufen kamen, wie etwa reine Wachsfarben dies tun würden. Mit Leim
oder Eigelb vermischt Hessen sich die punischen Wachs-Farben vortrefflich a tempera
malen, sowohl auf Holzunterlage (Gips oder Kreidegrund) als auch auf dem in der
Masse gefärbten und geglätteten Stuck; ihr Gehalt an Wachs Hess es zu, nach
dem Trocknen durch Frottieren mit Leinentüchern oder mit weicher Bürste ober-
flächlichen Glanz zu erzielen, so dass das auf den geglätteten Stuck Gemalte mit
diesem in Uebereinstimmung gebracht wurde. In den byzantinischen Wachsrezepten
(Handbuch vom Berge Athos § 37) glaubte ich eine Tradition mit der ebengenannten
Wachstempera sehen zu müssen, so dass ich selbst davon überzeugt war, eine
einwandfreie Rekonstruktion der antiken Wandmalerei erzielt zu haben. Massgebend
waren für diesen Umstand noch die Versuche, auf künstlichem Wege die Wirkung
des heissen Aschenregens bei der Verschüttung zu erproben, die ein völliges Auf-
saugen der Wachsschicht durch heisse Asche zur Folge hatten und zu beweisen
schienen, dass auch in Pompeji Wachsüberzüge angewendet wurden (s. weiter unten).
So überzeugt war ich von der Richtigkeit meiner Rekonstruktion , dass ich
einen an mich gerichteten Auftrag , zwei Loggien in der Villa des Bankier Sch. in
dieser Technik auszuführen, mit grösster Freude übernahm und gleich daran ging,
die Entwürfe dazu zu fertigen. Diese Arbeit sollte für mich die Probe sein, ob
die Technik im grossen ausführbar ist oder nicht. In der oberen Loggia wurde der
Fries (in pompejanischem Stil) mit punischem Wachs in Mischung mit Leim auf
nicht genügend geglätteten Grund gemalt, so dass der Erfolg nicht entsprechend
sein konnte; Architrav, Pilaster und der Sockel bestanden aus Stuccolustro, und
auf den Zwischenfeldern sollten Frucht- und Blumenguirlanden die Flächen beleben.
Hier boten sich bereits Schwierigkeiten im ungleichen Auftrocknen der dunkelfarbi-
gen Flächen, die in der Masse gefärbt aufgetragen und geglättet wurden. Die
Festons wurden teils mit punischer Wachstempera (mit Eigelb), teils mit ge-
wöhnlicher Eitempera gemalt und am Schluss erst ein Terpentinwachs-Firnis auf-
getragen. Von grösstem Wert für mich waren hierbei die Erfahrungen in Be-
zug auf Stuccolustro-Techni£, die oben (p. 112) genauer erörtert worden sind;
ohne sie hätte ich vielleicht alle weiteren Versuche nicht machen können. Für die
120
untere (zweite) Loggia hatte ich die Entwürfe im Architekturstil, in Anlehnung an
den Mittelraum der Villa Livia in Rom, mit einem figürlichen Mittelbilde an der
Hauptwand gemacht. Durch die Vorliebe des Besitzers für Dante veranlasst, wählte
ich als Motiv: Dante erblickt Matelda in den paradiesischen Gefilden. Der Stuck-
auftra^ geschah auch hier, der Flächeneinteilung folgend, in der Masse gefärbt, wurde
aber von dem ausführenden Stuckateur allzusehr überhastet. Auch hier boten sich
die nämlichen Schwierigkeiten, die einfarbigen Flächen trockneten naturgemäss viel
zu hell auf, waren auch nicht glänzend zu bekommen, als sie mit punischem Wachs
bestrichen und erwärmt wurden. Mit Leimfarbe (nach Wiegmann’s Angabe) ge-
malte Stellen erhielten Flecken, so dass ich im letzten Momente gezwungen war,
das Programm der technischen Ausführung zu ändern und mit anderen Hilfsmitteln
die Malerei auszuführen. Nur das grosse Mittelbild auf weissem Grunde hatte ich
mit punischer Wachstempera (Ei und pun. Wachs) auf mit punischem Wachs ge-
tränktem Grunde fertig gemalt, ebenso die grössere Dekoration des Giebelfeldes. Die
architektonischen Durchblicke und andere Verzierungen wurden dann mit Casein ge-
malt und nach der Trocknung des Gemalten mit Wachs -Terpentin- Lösung über-
strichen und durch Frottieren glänzend gemacht.
Der Gesamteindruck der Arbeit war unbefriedigend, und unbefriedigt war
am allermeisten ich selbst, weil ich einsehen musste, dass in meiner Rekonstruktion
Fehler vorhanden waren: von all’ den schönen Hoffnungen blieb nur die einzige
Tatsache übrig, dass mit Ei oder Leim in Verbindung mit punischem Wachs gemalt
werden kann; aber die Festigung durch Erwärmen der Fläche und der Glanz
liess zu wünschen übrig, und dies klärte mich darüber auf, dass die antike
Technik auf anderen Grundlagen aufgebaut gewesen sein muss. Herr Bankier
Sch. hat keine Ahnung, wie sehr ich ihm deshalb zu Dank verpflichtet bin, dass ich
durch die mir gebotene Gelegenheit die Unausführbarkeit meiner ersten Rekonstruktion
einsehen gelernt habe. Von dem Moment ab ruhte ich nicht, bis ich durch neue
Versuche zu viel treffenderen Resultaten gelangte.
Mit diesen Versuchen war ich beschäftigt und soweit vorgeschritten , dass ich
die Glättung des Tectoriums in Stuccolustro-Art auszuführen gelernt hatte, als sich
eine zweite Gelegenheit bot, die Technik praktisch zu verwerten. Kein geringerer
als Arnold Böcklin hat sich dafür interessiert und die Mühe nicht gescheut, trotz-
dem er kaum von schwerem Leiden genesen war, die 4 Stiegen zu meinem Atelier
zu erklimmen (11. Aug. 1896). Ibra habe ich das bis dahin angesammelte Versuchs-
material gezeigt und in seiner Gegenwart die technischen Handgriffe heim Auftrag
des in der Masse gefärbten Tectoriums (letzte Schicht), beim Glätten u. s. w. erklärt,
so dass er dann selbständig daran gehen konnte, einen dazu geeigneten Raum
seiner Villa zu San Domenico bei Florenz ii. dieser Technik auszustatten. Die
figürlichen und ornamentalen Details wurden mit Eitempera auf 'den geglätteten
Stuck aufgemalt. Böcklin selbst sowie dessen Schwiegersohn Bildhauer Bruckmann
leiteten die Arbeiten und führten Teile davon selbst aus. Wie mir mitgeteilt wurde,
ist die Arbeit grossenteils gelungen. Eine angebrachte Inschrift besagt, dass die
Malerei und der Stucco der Alten nach meiner Rekonstruktion angefertigt worden sei.
Noch ein drittes mal sollte die römisch-pompejanische Technik angewendet
werden, diesmal in einem öffentlichen Gebäude. Prof. Gabriel v. Seidl, der Er-
bauer des neuen bayrischen National museums zu München, hatte mir den ehren-
vollen Auftrag erteilt, die Umbrüstungsmauer des sog. Westenhofer Mosaiks
im I. (römischen) Saale des Museums in antiker Art mit Stuckmalerei zu zieren. Da
diese Umbrüstungsmauer ca. 40 m lang und 1,60 hoch ist, und nach dem Fundbericht ein
rotes Tectorium an das Mosaik anschliessend vorhanden war, wurde auch hier ein
rotes Tectorium gewählt und, um die Aufmerksamkeit von dem Mosaik nicht ab-
zulenken, eine möglichst einfache Dekoration in der Art pompejanischer Sockel
mit wenigen horizontalen Linien und Einteilungen gemalt. Bei der Anfertigung des
Tectoriums wurde hier ein anderes Prinzip befolgt, weil an gar vielen Ziegeln des
Mauerwerks sich feuchte, salpetrige Ausschwitzung zeigte und zu befürchten war,
dass diese Ausschwitzung vom Grunde aufsteigend das Tectorium durchdringen könne.
Es wurde deshalb zuerst die gesamte Fläche stückweise mit einer Mischung von
Teer mit Asphalt bestrichen und noch in heissem oder mit Lötlampen erhitztem
Zustand mit scharfem gewaschenen und getrockneten Sand beworfen. Die Teerung
bezweckte die Abhaltung der salpetrigen Ausschwitzung, und der darüber geworfene
Sand hatte die Aufgabe, den weiteren Mörtelschichten als Grund zu dienen. Es folgten
danu zwei Bewürfe von Sandmörtel in der Gesamtstärke von etwa 2—3 cm und
drei Marmorstuck - Aufträge in der Gesamtstärke von U/s— 2 cm; der letzte Auftrag
bestand aus feinstem Marmorsand mit Kalk und Hausrot (rotes Eisenoxyd) vermengt.
Jede Fläche wurde in ganzer Ausdehnung von Ecke zu Ecke angetragen, mit
Venetianer Seife eingestrichen und geglättet, nachdem die Malereien auf den noch
frischen Stuck aufgetragen worden waren. Es stellte sich hierbei heraus, dass durch
die Zwischenschichten von Teer und Asphalt die Trocknung der Mörtelechicht sehr
verlangsamt wurde . so dass auch die Glättungsarbeiten nicht sofort . sondern , da
überdies Regeuwetter eingetreten war, erst am zweiten und drittnächsten Tag aus-
geführt werden konnten. Kleinere Ornamente, die ich noch hinzufügte und etliche
Blumen in den viereckigen „Häuschen“, wie solche in pompejan. Dekorationen viel-
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121
fach zu sehen sind, wurden mit Stuccclustro Masse und Casein gemalt und durch
das heisse Einbügeln noch nach Ablauf einev Woche mit dem Grunde so fest ver-
bunden, dass diese Blumen sich nicht mehr wegwaschen Hessen, als Prof, v, Seidl
deren Entfernung wünschte ! Diese Stellen mussten mit Bimstein abgeschliffen
und neuer roter Grund aufgetragen werden. Die Kosten des Bewurfes incl. der
Zwischenschicht von Teer, der Glättungsarbeit nebst einfacher Malerarbeit beliefen sich
auf etwa JL 6,50 per Qm. Nacli völliger Trocknung der Dekoration wurde ein Ueberzug
von Wachs in Terpentin gegeben und glänzend gerieben.
An einer (dem Besucher des Museums nicht sichtbaren) Stelle, hinter der linken
Säule der Nische, brachte ich folgende Inschrift an: „Tectorio antiquorum more
restituto pinxit Ernestus Berger Monacensis MDOCCXCVIII.“
Auch seitdem habe ich die Versuche noch fortgesetzt und im April 1903 eine
ganze Reihe von Stuccomalereien im Kunstverein zu München ausgestellt. Ein Teil
davon ist in Abbild. 17 wiedergegeben (vgl. auch m. Kollektion von Versuchen,
neue Serie).
1. Versuche zur Herstellung des Tectoriums.
Der Ausgangspunkt für alle diese Versuche war der nach Vitruv her-
gestellte Stuccogrund, bestehend aus drei Lagen von Sandmörtel und drei
aus verschieden gekörntem Marmor bereiteten Marmorstuck-Sohichten.
Als Kennzeichen für die richtige Bereitung der Mörtelmasse diente
stets die Direktive Vitruv’s, dass die Kelle sich glatt aus der Mörteltruhe
herausziehen lasse.
Zum Sandmörtel wurde gewaschener Quarzsand (Mainsand) in mittlerer
Korngrösse von 2 — 5 mm genommen, zum Marmormörtel gestossener Marmor
verschiedener Siebung in Korngrösse von 1 — 3 mm, zur letzten Stuckschicht
Marmormehl.
Der Kalk war altgelöschter , fetter Kalk , Q wie er in trefflicher Qualiät
in den bayerischen Voralpen gebrannt wird. Eine besondere Versuchsreihe
wurde 1. mit alt gelöschtem römischen Kalk^) von besonderer Weisse,
2. mit gebranntem Kalk, der erst auf verschiedene Weise gelöscht wurde,
und 3. mit zu Staub zerfallenem (natürlich gelöschtem) Kalk gemacht.
Als Zuschläge zum Stucco dienten : röm. Pozzuolanerde (natürlicher
Zement), künstlicher Zement (hydraulischer Kalk) und Kalkpulver.
Bei Herstellung des Stuckgrundes^) kamen also in Betracht:
Herstellung
der Stuok-
sohiohten.
Zuschläge
mineralischer
Natur.
b lieber Kalklöschung s. Job. Nep. v. Fuchs. Gesammelte Schriften, München
1856, p. 102 ff.
Es kommt hierbei noch in Betracht, ob .zum Löschen des gebrannten Kalkes
kaltes oder beisses, Fluss- oder Regenwasser genommen wird. Bei einer bestimmten
Versuchsreihe habe ich destilliertes Wasser genommen. Die Löschung mit Kuh- oder
Ziegenmilch, um caseinhaltigen Kalk zu gewinnen, hatte, den Proben zufolge, keinen
in die Augen springenden Erfolg.
Neuerer Zeit wird in München der ganz frisch gelöschte Kalk, so lange die
Hitzeentwicklung noch andauert, zu Mörtel verarbeitet, also nicht abgewartet, bis der
Kalk „gediehen“ ist.
®) Herrn Maler Gottfried Hofer in Rom verdanke ich die Uebersendung von
römischem Kalk, 1. in gebranntem Zustand (ungelöscht), 2. in gelöschtem Zustand,
und von in Rom gegrabenen Pozzuolanen (rötliche und graue Varietät). Es war mir
daran gelegen, die Versuche auch mit dem „Material der Alten“ zu machen, um zu
erproben, inwiefern dasselbe Einfluss auf die Stucco-Arbeit habe. Ich konnte aber
einen Unterschied besonderer Art, ausgenommen, dass der römische Kalk von herr-
licher Qualität (weiss und fett) war, nicht finden, Diese Erfahrung belehrte mich,
dass es vielmehr auf das Arbeits -Sy stem ankam und weniger auf die Unterschiede
des verwendeten Kalks. Zudem müsste bedacht werden, dass die römischen Stuck-
arbeiter auch in allen Niederlassungen ausserhalb Italiens, an dp Donau, am Rhein
und anderen Orten tätig waren, und das dort Vorgefundene Material verwendet haben.
Sie haben schwerlich ihren Kalk über die Alpen mitgenommen, sondern das Material
der Gegend gebraucht.
®) Für diejenigen, welche Gelegenheit und Interesse haben, die Versuche selbst
zu machen, möge erwähnt sein, dass es genügt, die Marmorstuckschichten auf eine
Lage von mindestens 1 ctm starken Sandmörtel aufzutragen. Als Unterlage sind
flache Ziegel (Dachzieg-el, sog. Biberschwanz) geeignet. Die drei Marmorstuckschichtp
müssen aber stets nach einander gemacht werden, ohne dass die untere völlig
122
1. Versuche
2.
3.
4.
5.
6.
mit Marmorsand
+ Kalk;
-|- Kalk Zement;
Kalk zerfallenem Kalk (Kalkstaub) ;
-j- Kalk Pozzuolanerde ;
+ zerfallenem Kalk ohne anderen Zusatz
von Kalk;
Stuck (gewaschen, gesiebt, mit Kalk,
„ „ abgeschlagenem
Kalkstaub oder Zement angemacht).
Bemerkungen: Folgen die Schichten zu schnell aufeinander, d. h.
wenn sie noch zu nass sind, so springt der Bewurf; ebenso wenn die Schichten
zu dünn und nicht gehörig geschlagen worden sind.
Die Festigkeit des Stuckgrundes wird gesteigert durch das Schlagen
mit den Hölzern. Die Form des Schlagholzes (nach Donner) ist aus Abbild. 18
ersichtlich. Es muss aus hartein Holz sein und die Handhabe in schrägem
Winkel zur Schlagfläche angebracht werden.
Abbild. 18. Schlagholz (nach Donner) und mein zu den
Versuchen benütztes.
ad 1. An Stelle von Marmorsand diente auch Quarzsand, Kalkspath.
ad 2. Als Zusatz wurde Portland-Zement verwendet. Der Mörtel zieht da-
durch Wasser, erhärtet aber sehr fest, insbesondere durch an-
gewendeten Druck.
ad 3. Loriot’scher Mörtel, s. oben p. 111 Note.
ad 4. Zwei Arten Puzzuolanerde römischer Herkunft (rötlich und grau-
farbig) wurden versucht, jedoch kein bestimmter Unterschied in
der Wirkung wahrgenommen.
ad 5. Vgl. Marrnorino-Rez. p. 110. Einzelne Versuche hatten nur ober-
flächlich starke Bindung, die unteren Schichten aber waren ohne
Halt. Es mochte hier auch dai auf an kommen, ob die Löschung zu
Pulver frisch geschah oder ob der zu Staub zerfallene Kalk schon
länger an der Luft gelegen hatte ; im letzteren Palle hatte er jeden-
falls schon von seiner Energie verloren. Zu frisch gelöschter Kalk
verursacht kleine Bläschen, hervorgerufen durch die Volumen-
vergrösserung infolge des nachträglichen Löschens einzelner Teilchen,
ad 6. Nach Vitruv (VII 3, 10) verwendeten die griechischen Stuckarbeiter
vielfach das von alten Wänden abgeschlagene Material. Diesem
trocken ist. Die Sandmörtelschicht kann zwar getrocknet sein, muss jedoch gut ein-
genässt werden, bevor man mit den übrigen Lagen beginnt.
Das Verliältnis des Kalkes zu den übrigen Beigaben in genauen Gewichts- oder
Teilmengen anzugeben, bin ich ausser stände. Zudem ist die Qualität des Kalkes von
grosser Wichtigkeit (fetter Kalk erfordert mehr Sand- oder Marmorzusatz als
magerer Kalk). Als Direktive möge gelten, dass bei den hier folgenden Angaben die
Hauptmasse stets zuerstgenannt ist, und im allgemeinen zwei Teile von Marmor-
sand zu I Teil des Kalkes (inklusive der eventuell noch beizugebenden Substanzen
genügen; bei sehr fettem Kalk wird der Marmorsand natürlich vermehrt werden
müssen.
123
Vorbilde zu folgen und das einmal verwendete Versuohsmaterial
nochmals zu gebrauchen war mir sehr willkommen , umsomehr
als die Menge der Versuchsstücke immer mehr anwuchs, so dass
in meiner Werkstatt kaum mehr Platz zum Aufbewahren vorhan-
den war. Ausserdem hatte ich an antiken Tectorien nordischer
Herkunft (z. B. aus Carnuntum) beobachtet, dass die Masse nur
aus feinem San dmörtel ohne Marmorstuck bestand und dennoch
glatte Oberfläche hatte.
2. Versuche, die letzte Stuckschicht durch Zusätze
organischer Natur zu festigen.
Die Notiz des Plinius, wonach Panaenus das Tectoriurn des Tempels zu
Elis mit Milch und Safran bereitete (s. p. 93), die übereinstimmende Nach-
richt, dass zur schwarzen Farbe von den tectores Leim zugemischt wurde
(p. 94), endlich die schwer verständliche Stelle des Vitruv von den aus
anderen Naturreichen beizugebenden „Elementen“ (s. p. 85) haben zu ein-
schlägigen Versuchen. Anlass gegeben, ausser den zementartigen Zuschlägen
auch Beimischungen organischer Natur zu versuchen, umsomehr als auch
einige chemische Analysen das Vorhandensein organischer Substanzen in
kleinen Mengen konstatierten (s. Chemische Analysen).
Die Zumischung von Milch zur letzten Schicht gab dem Stuck sehr
festen Halt, und es Hess sich die Oberfläche des Stucks gut glätten; dasselbe
war auch der Pall, wenn die letzte schon in der Masse gefärbte Marmor-
stuokschicht mit Leim vermischt worden war. Es genügten hierbei ziemlich
dünne Lösungen von Tjeim oder Milch (Casein), die dem Kalk beigemischt
wurden.
Es wurden ausserdem folgende vergleichende Versuche angestellt, u. zw.
direkt auf Ziegel ohne vorhergegangene Unterschichten, um den inneren
Zusammenhang der Stuckmasse zu prüfen^ hauptsächlich deshalb, weil an alten
Ziegelmalereien (Funde von Caere im Berliner Antiquarium) die Stuckschicht
sehr dünn auf Ziegelunterlage aufgetragen ist.
Die letzte Schicht bestand aus Marmor mehl Kalk, gemischt mit
1. Olivenöl,
2. Olivenöl -f- Eiklar,
3. Olivenöl + Eiklar + Casein,
4. Stuccolustro-Masse^) + Casein,
5. (schwarze Farbe) Stuccolustro-Masse Leim.
Resultate : ^)
1. hatte keinen inneren Halt,
2., 3., 4. wurden fest (4. in dicker Schicht etwas gesprungen),
*) Diese Stuccolustro-Masse kann wie folgt hergestellt werden: Man löst
etwa 30 gr Venet. Seife in 50 gr destill. Wasser, so dass eine ziemlich dicke Lösung
entsteht, vermengt die Lösung in kaltem Zustand mit gleicher Menge fetten, alten
Kalks und treibt unter gutem IJmrühren die Masse durch ein engeres Drahtsieb. Zum
Anreiben der Farben wird die Masse mit der nötigen Menge von destilliertem
oder reinem Regenwasser vermengt.
Eine chemische Analyse der von Decarlini (s. p. 112) verwendeten Stucco-
lustro-Masse , die seither völlig eingetrocknet war , ergab folgendes : Aether , Benzol,
Chloroform zogen nur Spuren einer fetten Substanz aus. Durch die Zersetzung mit
Salzsäure wurden aus der Masse 9,3 ®/o Fettsäuren erhalten, welche die Säurezahl
200 aufwiesen (Oelsäure). Aus diesem Verhalten muss der Schluss auf Kalkseife
gezogen werden, und berechnete sich das Verhältnis 19,8 “/o Kalkseife und 80,2 ®/o
Kalksubstanz , abgesehen von minimalen Mengen Eisen , Tonerde und Gips , die bei
der Untersuchung noch gefunden wurden.
^) Dabei mag bemerkt werden, dass auf regelrecht hergestelltem Stuckgrund
auch Mischungen, die hier wenig Halt hatten, besseren Zusammenhang bekommen
können, und umgekehrt, in dünner Schicht brauchbare Mischungen, auf dicker Unter-
lage ungeeignet sein können.
Zuschläge
Organ. Natur.
124
5. nicht so fest wie die vorigen, aber leicht zu glätten; die schwarze
Farbe wurde mit Oel eingerieben und war dann tiefer schwarz.
(Der Leim war mit Essig versetzt.)
Bemerkt sei noch, dass die oben aufgezählten organischen Zumischungen
höchstens ^/e — ^/lo der Stuckmasse betrugen.
Der Zusatz von Essig zum Leim erfolgte nach Plinius XXXV 43 ; tec-
torium (atramentum perficitur) glutino admixto. quod aceto quefactum est,
aegre eluitur. ®)
Glättungs-
Vereuohe.
3. Versuche, den so hergestellten Stucco zu glätten.
Der Stucco kann nicht ohne weiteres geglättet werden: die Versuche
misslangen stets (s. Wiegmann’s Versuche und Hittorffs Bemerkungen p. 68).
Nach dem Vorbild von Stuccolustro folgten Versuche mit V enetianer Seife
(d. h. verseiftem Olivenöl). Die Glättung lässt sich da auch im kalten Zustand
gut ausführen, und mit der heissgemachten Kelle Spiegelglanz erzielen.
Auch sind Unterschiede zu verzeichnen , je nachdem die Venetianer Seife
heiss oder kalt aufgestrichen wurde. Ausser dieser Seife kamen noch als
Glättungsmittel in Betracht; Oel (Olivenöl oder Leinöl) und Punisches Wachs.
Versuche auf frischem Stuccogrund;
1. Oel (Leinöl), heiss aufgestrichen, liess sich hernach gut glätten.
2. Olivenöl, kalt aufgestrichen, ergab gleiches Resultat.
3. Venetianer Seife wurde aufgetragen und darauf geglättet, dann eine
zweite Lage von punischem Wachs heiss aufgestrichen. Resultat;
glatt und glänzend.
4. Die Lage wurde nur mit heissem punischen Wachs gegeben und
dann mit kaltem Eisen geglättet. Resultat: glatt und glänzend.
5. Die Lage des punischen Wachses wurde kalt gegeben und hierauf
mit heissem Eisen geglättet. Resultat nicht so günstig.
6. Venetianer Seife wurde heiss oder kalt auf den frischen Stuck auf-
getragen und nach erfolgtem Einsaugen geglättet. Die Glättung
liess sich in beiden Fällen gleich gut ausführen, und mit kaltem oder
heissem Eisen Spiegelglanz erzielen (Stuccolustro-Glättung).
Bemerkung: Wenn der Grund mit organischer Beimengung (Leim oder
Oasei'n) hergestellt war, blieb die Unterlage länger feucht; die Glättungsarbeit
liess sich dann erst am zweiten oder dritten Tage bewerkstelligen.
4. Versuche, mit verschiedenen Bindemitteln auf frischem, nicht
geglättetem Stuccogrund zu malen und das Gemalte zu glätten.
Malerei mit
Bindemitteln
auf frischem
Grund.
.An antiken Malereien ist zu beobachten, dass auf weissem oder in der
Masse gefärbtem Grund mit dem Pinsel die allgemeine Anlage gemacht werden
konnte, und diese Anlage geglättet wurde, bevor weitere Ornamente a tempera
aufgemalt wurden (Ornamentaler Stil). Zum Anreiben der Farben wurde
genommen :
1. Kalk,
2. Kalk OaseYn,
3. Eigelb,
4. Kalkweiss + Leim,
5. Kalk -f- Seife (Stucco lustro).
Auf diese Stelle ist meines Wissens niemals aufmerksam gemacht worden.
Ob durch diesen Essigzusatz das Alkali des Kalks neutralisiert werden kann, wie
es Viglioli (s. Anhang IV) behauptet, habe ich nicht eruiert. Jedenfalls ist aber Essig
zum Leim für die Zwecke der letzten Stuckschicht eine praktisch erprobte Beigabe.
Bei den Versuchen verwendete ich sog. Kölnerleim (aus Häuten und Knorpeln be-
reitet); dieser wurde in Stücke geschlagen und etwa über Nacht in Wasser auf-
gequollen, das überschüssige Wasser ahgeschüttet und dann mit weissem Weinessig
aufgesotten. In dieser Weise hält sich der Leim längere Zeit, während er sonst nur
zu bald in Fäulnis übergeht.
)
125
Resultate: Die Kalkfarbe trocknet rasch auf; ebenso die Kalk-Casein-
Farbe. Bei Eigelb war die Bindung nicht genügend, und es bildeten sich
Wassertropfen (die Farbe „zieht“ Wasser). Leimfarbe liess sich gut ver-
streichen. Am besten Stuoco-lustro-Farbe. Am nächsten Tag folgte über
alle gleichzeitig ein Ueberstrich mit venetian. Seife und Glättung mit heissem
Eisen. Sämtliche Farben erhielten dadurch Glanz. Das „Wasserziehen“ des
Eigelb konnte vermieden werden , durch Zugabe von Kalk zu Eigelb oder
durch Mischung des gau^jen Ei mit Kalk.
Resultat: Zur ersten Anlage auf frischem Stucco sind die Farben
mit irgend einer Mischung zu binden, die Kalk als Grundlage hat; durch
den Ueberstrich mit Seife und nachfolgender heisser Glättung wird die
innigere Verbindung mit dem Grunde erzielt.
5. V.ersuche, mit Tempera-Bindemitteln auf frisch geglättetem
Grund zu malen.
Nach Plinius (XXXV, 43, s. p. 79), folgte auf eine erste Grundierung
eine Lasur mit Eitempera, welche wohl das allgemeine Bindemittel für Farben
war; aber auch jede andere mit Wasser mischbare Tempera wird von der
bereits glatten Fläche nicht willig angenommen, wenn nicht ein Mittel bei-
gegeben wird, das eine Afl&nität mit der glatten Fläche ermöglicht. Die
Stuccolustro- Anweisung von Gottgetreu (s. p. 108) bietet hinzu eine Hand-
habe durch die Galle, welche die Eigenschaft besitzt, Wasserfarben auf
fetter Unterlage auszubreiten. Galle hat ausserdem noch die bemerkens-
werte Eigentümlichkeit, angeriebene Farbenkörper auseinander zu drängen.
Diese Versuche sind je nach den angewendeten Mitteln eingeteilt in Versuche
mit Ei, mit Leim und mit Casein.
a. Versuche mit Ei (als Anreibemittel der Farben).
1. Ganzes Ei Feigenmilch -|- zu Staub gelöschten Kalk (als Farb-
stoff für Weiss),
2. Eiklar -j- Feigenmilch -|- altgelöschten Kalk,
8. Eiklar -j- Kalk,
4. Eiklar Kalk Kalkstaub,
5. Eiklar -|- Galle,
6. Eiklar -j- Stuocolustromasse (Kalk -j- venetian. Seife) -|- Galle.
Bemerkungen: Die Feigen milch ist der weisse Saft der jungen
Feigentriebe oder der Blattstiele; als Bindemittel kommen die wenigen
Tropfen nicht in Betracht, sondern nur als Lösungsmittel für das Eiklar, das
sonst erst geschlagen oder auf andere Weise „fiiessend“ gemacht werden
müsste (wie zur Miniaturmal.). Für den Gebrauch genügt es, einen frischen
Trieb oder ethche Blattstengel zu zerschneiden, in das Eiklar zu werfen und
mit einem büscheligen ‘Pinsel dieses tüchtig zu zertreiben; die sonst zusammen-
hängende Masse wird dadurch sehr schnell tropfbar und fiiessend gemacht. ^)
Die Mischung Eiklar mit Kalk, diente im Altertum als Glaskitt (Plin.
XXIX, 51: candidum ex iis (ovis) admixtpm calci vivae glutinat vitri frag-
menta). Die festigende Eigenschaft eines solchen Kittes zeigt sich sehr schnell;
die Masse wird leicht stockig und ist in einigen Stunden nicht mehr zu ge-
0 Die Feigenmilch' oder der Saft der wilden Feigen war. im Altertum bekannt
und diente zu verschiedenen Zwecken, als Heilmittel bei Geschwüren, als Beigabe
zur Käsebereitung u. dgl. (s. die betreff. Stellen d. Dioskorides mater. medica I 183,
Plin. XXIII 117 und Columella de re rustica VII 8, l in m. ßeitr. Mittelalt. p. 98 Note).
Vom pflanzenphysiolog. Standpunkt ist die Feigenmilch eine Emulsion
eines Harzes, das im Pflanzensaft verteilt ist. Der weisse ausquillende Saft hat
aber wenig klebrige Eigenschaft, schmeckt bitter und mischt sich wie alle Emulsionen
mit Wasser. Probeweise habe ich versucht, ob andere ähnliche Pflanzensäfte das
Eiklar auch zu lösen imstande sind, ünd in der Tat habe ich die gemeine Wolfsmilch
(Euphorbia) und die Asklepias ebenso wirksam befunden. Eine zu demselben Zwecke
mit Hilfe von Casein, das grosse Emulsionskraft besitzt, bereitete Harzemulsion be-
wirkte sogar ebenfalls die Lösung des Eiklars.
Versuche auf
frisch geglät-
tetem Grund.
Mischungen
mit Bi.
126
brauchen; Gallenzusatz aber bewirkt, wie schon bemerkt, eine Trennung
der Mischung; zu gleichem Zwecke kann auch Venet. Seife dienen.
Auf schon getrocknetem Stucco hat Eiklar Kalk keine genügende
Verbindung und springt ab, aber Galle bewirkt diese.®)
Resultate: ad 1 auf frisch geglättetem Stuck sehr gut; auch die
Mischungen von
a) ganzem Ei P’ eigen milch Staubkalk,
Stuccolustro-Masse,
c) „ „ -j— Galle
sind auf geglättetem Stuck anzuwenden und hernach gut glättbar.
ad 2 — 6. Alle Mischungen sind gut.
NB. Eigelb allein zieht auf frisch geglättetem Stuck ebenfalls Wasser
wie oben p. 125. Zur Malerei von Ornamenten auf Stuckgrund geeignet ist
folgendes Eitempera-Rezept; 1 ganzes Ei (gut verrührt oder mit Peigenmilch
gequirlt), 50 gr Kalkmilch, 50 gr Wasser, 20 gr Galle werden vermischt, dann
durch ein feines Sieb getrieben. •
Mischungen
mit Leim.
b. Versuche mit Leim (als Anreibemittel für Farben).
1. Leim + Kalkmilch,
2. Leim -)- Galle,
3. Leim -j- Stuccolustro-Masse,
4. Leim Stuccolustro Galle,
5. Leim -j- Venet. Seife (allein),
6. Leim Venet. Seife Galle,
7. Ijeim -j- Galle -j- Kalk.
Bemerkungen: Alle Anstriche auf frischem Stuck sollten geschehen,
wenn die Unterlage gut angezogen hat, da sonst die Schicht aufgelöst wird
und fleckig auftrocknet. Um dies zu vermeiden, ist es zweckmässig , eine
erste Glättung mit Venet. Seife und kaltem Glätteisen vorzunehmen.
ad 1. Leim + Kalk macht die Farbe dick, bes. mit Staubkalk
vermischt; die Glättung des Gemalten darf erst am zweiten Tag
geschehen, weil der Leim die Trocknung des Stucks aufhält,
ad 2. Schwarz, mit Leim + Galle aufgestrichen, gibt ein sehr tiefes
Schwarz, weil kein Kalk dabei ist. Die F'arbe an sich wird im
Trocknen sehr fest (wie chines. Tusche I).
ad 3 u. 4. Mit diesen Mischungen lässt sich gut malen; auf frischem
mit Venet. Seife geglättetem Stuck ist mit Nr. 4 mehrere Tage
zu malen möglich. Leim -|- Stuccolustro-Masse lässt sich heiss
und auch kalt gut glätten.
Mischungen
mit CaseYn.
c. Versuche mit Casein (als Anreibemittel für Farben auf frischem oder
geglättetem Stuck).
1. Casein 4* Kalk,
2. Casein -|- Kalk Staubkalk,
3. Casein -j- Stuccolustro-Masse,
4. Casein Firnis (Oelfirnis), ®)
5. Casein -j- Firnis -j- Galle,
6. Casein ~1- P’irnis -j- Kalk Galle,
7. Casein -j- Firnis Stuccolustro Galle.
Bemerkungen: Unter Casein ist der aus der Kuhmilch ausgeschiedene
Bestandteil, der unter dem Namen „technisches Casein“ in den Handel kommt.
**) An Stelle von Eiklar ist eventuell auch Albumin anwendbar. Das im
Handel käufliche Albumin ist meist Blut-Eiweiss. Die gelblich klaren Stückchen sind
im Wasser löslich; nur empfiehlt es sich zur Konservierung der Flüssigkeit entweder
Kampfer oder Salicyl beizugeben. Formalin macht es unlöslich und stockig.
®) Oelfirnis ist gekochtes Leinöl. Unter dem Firnis sub 5—7 ist jedoch ein
in Oel gelöstes Harz zu verstehen, also Bernsteinharz, Copalharz oder dergl.
127
verstanden. Man kocht dieses in heissem Wasser, worin Borax oder auch Natron
gelöst worden (1 T. Borax, 10 T. Casein, 100 T. Wasser), ln die Boraxlösnng
trägt man das Casein in kleinen Dosen ein und lässt die Lösung sich bilden.
Die Masse wird schleimig und hat den Anschein von zerlassener Butter. Mit
Oelen oder in Oel gelösten Harzen (Oelfirnissen) , selbst Terpentinfirnissen,
bildet es sehr leicht Emulsionen, mit Kalkmilch oder Kalkpulver fest werdende
Kitte.
Auf ungeglättetem oder geglättetem Stuck sind die obigen Mischungen
gut zu brauchen, insbesondere Nr. 5 — 7. Die Kalk enthaltenden Mischungen
lassen sich nach Ueberstrich mit Venetianer Seife sehr gut mit heissem Eisen
glätten, selbst wenn die Unterlagen ziemlich trocken sind.
6. Versuche, mit Galle auf frischem Stuck zu malen
(Grundfarbe).
Die Schwierigkeit, auf frischem Stuck Farben vollkommen gleich-
mässig auszubreiten, hat mich auf den Gedanken gebracht. Versuche mit
Galle zu machen. Ein gleichmässiger Anstrich der Oberfläche mit in Kalk ge-
mischten Farben ist um so schwerer ausführbar, je feuchter der Untergrund
ist, und dabei ist stets zu bedenken, dass die Kalkfarben viel heller auf-
trocknen. Um aber wirklich tiefe B’arben aufzutragen, wie Schwarz oder
dunkles Pompejanischrot, muss der Kalkzusatz sehr gering sein oder unter
Umständen ganz vermieden werden. Auf altrömischen oder pompejanischen
Wanddekorationen sieht man aber, dass solche Aufstriche mit grösster Leichtig-
keit und ohne Flecken ausgeführt sind. Der untere Grund konnte wohl durch
in der Masse gefärbten Stuck oder durch mit Kalk versetzte Farben hergestellt
sein, aber stets, so scheint es, hat man die Grundfarbe entweder ganz oder
nur teilweise (als Einfassung, Unterteilung u. dergl.) mit anderen Farben
überstrichen, umsäumt oder andere Flächenverzierungen angebracht. Das zu-
nächst liegende ist, die zur Glättung erforderliche Materie (wie Venetianer
Seife beim Stuccolustro) den Farben zuzumischen; geschieht dies im richtigen
Moment und in richtiger Mischung, so ist auch ein Erfolg da, aber nicht immer
treten diese Voraussetzungen ein, denn erst beim Glätten zeigt sich, dass die
Farbe entweder nicht gleichmässig aufgetragen war oder sich nicht gleich-
mässig in den Grund gesogen hatte, so dass beim Glättungsprozess Teile
verschoben und abgerieben werden können. Die Versuche, Galle als Zusatz
zu nehmen, haben aber alle jene Schwierigkeiten behoben.
Galle ist im Stuccolustro-Rez. (p, 108) erwähnt, und an anderer Stelle
ist nachgewiesen, dass Galle ein altbekanntes Mittel war, um Farben damit
zu versetzen (s. Papyrus Leyden im Kapitel: Uebergänge). Ich bin auch über-
zeugt, dass die grünliche Flüssigkeit, welche Prof. Eisenmenger (s. p. 107
Note) erwähnt, eine Mischung von Galle mit Stuccolustro -Masse, vielleicht
noch mit einem anderen Bindemittel versetzt, gewesen ist.
Folgende Versuchsreihe ist von mir gemacht worden:
1. Galle -|- Farbe (Farbstoff in Wasser gerieben),
2. Galle -j- Kalk -j- Farbe, '
3. Galle Venet. Seife Farbe,
4. Galle Stuccolustro-Masse + Farbe,
5. Galle + Ei [-|- Feigenmilch] Kalk -f- Farbe,
6. Galle -f- Leim -|- Kalk -|- Farbe,
7. Galle -j- Leim Stuccolustro-Masse Farbe.
Bemerkungen: Galle (Ochsengalle) ist nicht als ein Bindemittel an-
zusehen; die Zusätze geschahen nicht in gleichen Teilen, sondern etwa in
Teil zur Masse der übrigen Bindemittel.
Bei allen Versuchen mit Galle wurde gewöhnliche Ochsengalle verwendet,
die von jedem Metzger um Geringes zu haben ist. Galle hat die höchst merkwürdige
Eigenschaft, dass sie sich sowohl mit (fetten) Oelen als auch mit Wasser mischen lässt.
128 -*
Ornamente
und Figuren
auf Stucco-
lustro-Orund.
Sohluss-
operationen.
Bei allen Pf oben wurde versucht, erst mit kaltem Eisen zu glätten,
dann am zweiten Tag heiss, nach Ueberstreichen mit Venet. Seife.
Der Stuckgrund muss stets derart angezogen haben, dass der Parben-
auftrag diesen nicht erweicht; sonst entstehen Flecken.
ad 1. Galle, allein mit Farbe gemischt, hat nur Bindung auf nassem Stuck.
ad 2. Die Mischung ist für helle Farben gut zu verwenden.
ad 3 u. 4. Falls zu viel Venetianer Seife angewendet wird, löst sich die
geglättete Fläche durch Terpentinöl auf. Dies war zwar bei ein-
zelnen antiken Stücken auch der Fall, aber nicht bei allen; deshalb
wurde 5 und 6 versucht; beide Arten bewährten sich sehr gut;
sie lösten sich nicht in Terpentinöl (s. unten).
ad 5 u. 6. Beide gehören zu den interessantesten Versuchen; sie schliessen
sich am nächsten den Angaben desPlinius und Vitruv an, da hier
sowohl Ei als auch Leim zur Mischung genommen sind.
ad 7. Die Mischung gestattet längeres Arbeiten.
7. Versuche, auf den in Stuccolustro-Manier geglätteten
Grund Ornamente oder Figuren zu malen.
Der Zweck dieser Versuchsreihe war, zu erproben, ob sich auf die
schon fertig geglättete Grundanlage (allgemeine Einteilung der Ornamentation)
noch feinere Einzelheiten, figürliche Darstellungen aufmaleu und abermals
glätten liessen. In vielen Fällen sieht man auf pompejanischen und römischen
Malereien die oberste Schicht nicht geglättet und in nur geringer Adhäsion
mit dem Grund verbunden; wo aber die oberste Schicht dennoch die Spuren
des Glätteisens (niedergedrückten Pinselstrich) auf weisen, da ist auch diese
Schicht sehr fest an der Unterlage haftend. Das Verfahren kennzeichnet sich
als gemischte Manier. Die Festigkeit derselben hängt davon ab, ob die ge-
glättete Unterschicht noch nachgiebig genug ist, um sich mit den aufgemalten
Details (durch den Druck beim Glätten) zu verbinden. Allzustarke Teinpera-
mischung (z. B. ungenügend verdünntes Eiklar) ist dem Springen ausgesetzt.
Zur besseren Verbindung der Farbenschicht mit dem Grund ist Ochsen-
galle nötig. Es wurden versucht:
1. Eigelb Galle,
2. Eigelb Biklar -}- Galle,
3. Eiklar Kalk -j- Galle,
4. Casein Kalk -}- Galle,
5. Oasei'n -|- Oelfirnis -f- Kalk Galle,
6. Leim Kalk -|- Galle,
7. Leim -j- Stuccolustro -j- Galle.
Als weisses Pigment habe ich am geeignetsten zu Staub gelöschten
Kalk oder Kalkspath (pulverisiert) befunden.
Sämtliche Mischungen liessen sich nach dem Trocknen unter Zuhilfe-
nahme von Venet. Seife und heissem Eisen glätten. 3 und 5 wurden sehr
fest, weniger fest 6 und 7 ; Eigelb allein nur in dünnem Auftrag.
8. Schluss arbeiten.
(Einölen und Wachsen.)
Bei Stuccolustro dauert der Trocknungsprozess längere Zeit. Es ver-
gehen wohl 2 — 3 Wochen, bis die Trocknung vollständig ist. Dabei trocknen
die Farben infolge des Kalkgehaltes der Stuccolustro -Masse viel heller
auf, aber nicht so hell wie bei Fresko. Nach dem völligen Trocknen folgt
ein letzter Ueberzug von Wachs; aber noch vor diesem Wachsüberzug ist es
") Die Menge des Galle-Zusatzes braucht nicht mehr als ’/s bis 'jw der Parben-
menge zu betragen. Dieser Zusatz richtet sich übrigens nach dem Zweck: auf frischem
Grund genügt ein geringer, während auf bereits geglättetem Grund der Zusatz etwas
grösser sein muss.
129
augezeigt, die Wand mit feuchten Tüchern abzureiben, um den Staub zu ent-
fernen, und mit verdünntem Oel die Oberfläche einzureiben. Durch diese
Prozedur wird die anfangs blasse Färbung wieder erheblich dunkle!, sie
nähert sich wieder der ursprünglich vorhandenen Wirkung.
Dieser Vorgang ist bei Stuccolustro -Technik vollkommen berechtigt
und auch notwendig; bei der komplizierteren Technik pompejanischer De-
korationen , wobei schiohtenweise vorgegangen und mitunter a tempera auf
geglättetem Grunde gemalt wurde, hat das Einölen und Wachsen den Zweck,
die geglätteten Grundflächen mit den übermalten Flächen in Einklang zu
bringen. Das von Plinius und Vitruv erörterte Verfahren der „Ganosis“
entspricht vollkommen den Operationen beim Stuccolustro ; hier wurde jedoch
das Wachs mitsamt dem Oel (cera punica cum paulo oleo hquefacta) auf
getrockneten Grund aufgestrichen, ebenfalls zu dem Zwecke, eine gleich-
mässige Wirkung zu erzielen (ut peraequetur).
Das Einölen kann aber auch geschehen, so lange die Stuck-
flächen noch feucht sind, und gerade bei Schwarz ist dies angezeigt,
weil das die Farben durchdringende Kalkwasser mehr oder weniger deutlich als
grauer oder weisslicher Schein sich geltend macht. Ohvenöl kann hierbei
verwendet werden, weil es die Eigenschaft hat, mit dem noch ungetrocknetem
Kalk sich zu verbinden (s. oben p. 82); und da die Oberfläche bereits sehr
glatt und dicht ist , wird nur ein kleiner Teil des Olivenöles aufgesogen,
während das übrige von däzu verwendeten Leinentüchern weggenommen wird.
Das Einwachsen ist als Schlussoperation sowohl mit punischem Wachs
als auch mit in Terpentin gelöstem Wachs ausführbar.
9. Zusammenstellung der durch die Versuche gefundenen Resultate.
Folgende Arbeitsmethoden können unterschieden werden :
1. Einfarbige grosse Flächen sind am leichtesten durch in der
Masse gefärbte letzte Stuckschicht (Marmormehl -j- Kalk -|- Farbe)
zu erzielen. Die Masse soll ziemlich konsistent und ja nicht wässrig
sein, damit die vorletzte Schicht nicht wieder erweicht werde.
2. Malarbeiten auf der frischen Stuckschicht können vorgenommen
werden
a) mit Galle + Farbe,
b) „ Kalk Leim + Farbe,
c) „ Kalk -j- Galle -j- Farbe,
d) „ Stuccolustro-Masse -}- Galle Farbe,
e) „ ganzem Ei oder Eiklar -|- Kalk -j- Farbe.
Für Lasurtöne: Galle und Farbe (nur am 1. Tag).
3. Die allgemeine Anlage muss mit den hier unter 1 und 2 genannten
Arten vollendet sein. Es folgt dann die erste Glättung mit Hilfe
von Venetian. Seife oder Punischem Wachs.
4. Figuren und Ornamentik werden mit den oben (5, a b c oder 6)
genannten Bindemitteln auf die bereits geglättete allgemeine Anlage
aufgemalt und
a) abermals geglättet (Stuccolustro-Manier mit heissem Eisen), oder
b) stehen gelassen (Pompejan. Manier).
5. Schlussar beit Einölen und Einwachsen (s. oben).
Bemerkung ad 2. Könnte man Vitruv’s Worte „coloribus cum politionibus
inductis“ in dem Sinn verstehen, dass unter politiones = Glättungsmittel ge-
meint sind, dass also den Farben gleich das Glättungsmittel beigegeben wäre,
z. B. Venetianer Seife -j- Farbe oder Stuccolustro-Masse + Farbe, so würde
die antike Technik dem Stuccolustro-Verfahren genau entsprechen, denn diese
Beimischungen erleichtern die Glättungsarbeit.
10. Chemisches Verhalten.
Im Anschluss an die Versuche scheint es angezeigt, schon hier einige
Bemerkungen über das Verhalten gegen chemische Reagentien und Lösungs-
9
Zusammen-
stellung der
Resultate.
Verhalten
gegen ohem.
Reagentien.
130
mittel anzureihen, ßs soll damit bezweckt werden, die Verschiedenartigkeit
der Reaktionen , wie solche auch an antiken Resten von Wandmalerei be-
obachtet wurden, leichter verständlich zu machen, weil wir Varianten inner-
halb einer und derselben Malweise vor uns haben. Wir wissen aber
auch, dass die einzelnen Grundfarben oder Flächen in anderer Weise gemalt
werden konnten, als die darauf gemalten Ornamente, und können dadurch
auch von vorneherein das chemische Verhalten der einzelnen Schichtungen
beurteilen.
1. Salzsäure effervesciert bei allen Proben, selbst wenn die Oberfläche
mit Leim -j- Galle gemalt und mit Oel getränkt war; wenn die
Flächen den Schlussüberzug von punischem Wachs bereits hatten,
ändert sich das Verhalten, je nach dem Verhältnis des Wachsüberzuges.
(Vergl. die Versuche mit „künstlichem Pompeji“.)
2. Alkohol ist unwirksam auf:
a) Malerei mit Ei -|- Galle -j- Kalk,
b) heissgeglättetes Stuccolustro,
c) Stuccolustro -|- Leim + Galle, kaltgeglättet,
d) reines Fresko (mit Venet. Seife nachher geglättet);
leichter gelöst wird:
e) Malerei mit Galle auf geglättetem Stucco (vermutlich wegen der
vorhergegangenen Glättung mit Venet. Seife),
f) mit Stuccolustro-Masse -f- Galle (zuviel Galle oder Venet. Seife?).
3. Chloroform ist unwirksam:
a) auf in der Masse gefärbten Stuck (Grundfarbe),
b) „ Malerei mit Leim Galle (fast unlöslich),
c) . „ „ Ei -j- Kalk + Galle,
d) „ „ „ Leim -j- Kalk -|- Galle.
Es löst jedoch:
e) Malerei mit Galle auf frischem Stuck,
f) „ „ Stuccolustro-Masse -}- Casein (heissgeglättet, vermutlich
wegen der der Masse beigemischten Oele).
4. Terpentin ist unwirksam:
a) auf in der Masse gefärbten Stuck (Grundfarbe),
b) auf Malerei mit Leim Kalk,
c) „ „ „ Ei Kalk -)- Galle (auf frischem Grund),
d) „ „ „ Casein -}- Kalk,
e) „ „ „ Eigelb (ä secco),
f) „ reine Freskomalerei, geglättet mit Venet. Seife,
g) „ reine Stuccolustro-Malerei.
Schwer löslich :
h) Malerei a fresko mit Galle,
i) „ mit ‘Stucco-lustro-Masse -j- Leim Galle.
Es löst jedoch :
j) Malerei mit Punischem Wachs,
k) „ „ Venetian. Seife Galle,
l) » » El -j- Kalk Galle (ä secco) (auf Glättung mit Venet.
Seife),
m) „ „ Leim -|- Kalk Galle (zuviel Galle?).
Bemerkung: Zwischenschichten d. h. Ueberstrich von Venet. Seife,
punischem Wachs oder Oel auf den ersten Grund und darauffolgendes Malen
mit Ei oder Leim bewirken, dass die Malerei leichter von Terpentin ge-
löst wird.
131
VII. Die chemischen Analysen und ihre Bedeutung für die Kenntnis
der antiken Technik.
Bei den bis hierher geführten Untersuchungen und den auf der Grund-
lage der Stuccolustro-Technik angestellten Proben haben wir von zwei ver-
schiedenen Seiten aus versucht, dem uns gesteckten Ziele näher zu kommen:
1. haben wir auf Grund der alten Schriftquellen die Bereitung des
Tectoriums genau kennen gelernt, nach den Ursachen von Festig-
keit und Glanz geforscht und die Beimischung von organischen
Substanzen (Milch und Leim) zum Tectorium, die Uebermalungen
mit Eitempera, sowie den allgemein üblichen Ueberzug mit punischem
Wachs auf Wänden wohlverbürgt gefunden;
2. hat uns die Stuccolustro-Technik mit ihren verschiedenen Aus-
läufern die Möglichkeit gegeben, in Verbindung mit den Angaben
der alten Schriftquellen eine Reihe von Versuchen auszuführen, die
bezweckten', sowohl den inneren Eigenschaften als auch der äusseren
Erscheinung nach die antiken Wandmalereien, soweit als irgend
möglich war, nachzuahmen.
Wir haben also, unserem Vorhaben gemäss, nunmehr noch die an den
Originalstücken angestellten chemischen Analysen in den Bereich unserer
Betrachtung zu ziehen und zu prüfen, inwiefern die von uns gefundenen
Resultate mit diesen in Einklang stehen. Erst dadurch wird die Kette von
Beweisen durch ein unentbehrliches Glied geschlossen; denn die chemischen
Analysen sind sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht für unsere
Frage von ausschlaggebender Bedeutung. Dabei ist allerdings zu bemerken,
dass durch chemische Analysen, wenn sie auch noch so genau den tatsächlichen
Gehalt der Substanzen nachweisen, doch niemals die technische Prozedur oder
die Reihenfolge der Malarbeit (Glättung, Erhitzen mit heissem oder kaltem
Eisen, Pinselgebrauoh oder Auftrag durch Spachtel u. dergl.) festgestellt
werden kann.
Nicht zu übersehen sind die Veränderungen an Substanzen durch
Jahrhunderte langes Begrabensein in feuchter Erde, die Art der Vernichtung
durch glühend heissen Aschenregen u. dergl., welche auf die Folgerungen aus
chemischen Analysen von Einfluss sein müssen. Eine weitere Gefahr besteht
darin, aus einer vorgenommenen Analyse allgemein gültige Schlüsse zu ziehen,
weil diese Analyse doch nur dieses eine Stück betrifft und ein sicherer Be-
weis erst dann gegeben wäre, wenn mehrere auf ganz gleiche Art mit
denselben Mitteln der Wissenschaft erreichte Resultate vorlägen. Welche
Schwierigkeiten bei derartigen Analysen sich dem Chemiker bieten, besonders
wenn es sich um die Bestimmung organischer Substanzen handelt, kann schon
daraus geschlossen werden, dass eigentheh stets nur kleine Stücke
von den Originalen zur Verfügung stehen, so dass der Untersuchende in den
meisten Fällen wegen ungenügender Quantitäten unvermögend ist, genauere
Untersuchungen anzustelleu. In gar vielen Fällen wird aber eine Untersuchung
erst dadurch für unsere Zwecke wertvoll und verständlich, dass mit Sicherheit
die Abwesenheit von Substanzen konstatiert wird und wir aus deren Nicht-
9*
132
Chaptal’s
Analysen.
Davy’s Unter-
suchungen.
Vorhandensein auf eine bestimmte Arb des technischen Verfahrens Schlüsse
ziehen müssen.
Im Folgenden soll an der Hand der chemischen Untersuchungen dar-
getan werden, wie wichtig die richtige Beurt eilung derselben zur Klärung
der technischen Fragen ist und dass es nötig ist, sich eingehender damit zu
befassen. Es genügt aber durchaus nicht, die wenigen Auszüge, welche in
einzelnen Werken enthalten sind und stets von einem ins andere übergehen,
zu vergleichen, sondern es ist unerlässlich, die Analysen bedeutender- Chemiker
in den Originalausgaben durchzusehen. Dabei ergibt sich die unerwartete
Tatsache, dass nicht alles so ist, wie es von manchem angenommen wurde.
So werden z. B. auf die wissenschaftliche Autorität eines gelehrten Chemikers
hin Dinge als erwiesen behauptet, die er nicht wissen konnte, weil sich seine
Analysen gar nicht darauf bezogen hatten. Dies ist bei Chaptal der Fall,
der einige der in Pompeji gefundenen Farben untersuchte und keinerlei
Bindemittel vorfand; die Farben waren eben in Rohform und noch nicht für
Malzwecke vorbereitet. Die Chaptal’schen Untersuchungen werden aber
immer als Hauptbeweis für Fresko ins Feld geführt I‘)
Chaptal veröffentlichte nämlich im Jahre 1809 Analysen von sieben
in einem Laden zu Pompeji gefundenen Farben. Br erkannte in den in Töpf-
chen befindlichen 1. grüne Erde in der Art unseres Veroneser Grün, 2. gelben
Ocker, 3. braunroten Ocker, 4. ein Weiss (eine Art sehr weissen und feinkörnigen
Bimsteins) , 5. und 6. zwei Arten von blauer Glasfritte , bei welcher Kupfer
das färbende Prinzip war, endlich 7. eine schöne Rosafarbe, die er für Krapp
hielt. Aus dem Umstande nun, dass alle diese Farben, die Rosafarbe
ausgenommen, in Freskomalerei Anwendung finden können, zu folgern, die
Alten hätten auf Wänden a fresko gemalt, ist gewiss zu weitgehend, denn
die Untersuchung beschränkte sich ausschliesslich auf die Feststellung der in
Rohform gefundenen, bloss geschlemmten Pigmente.
Aehnlich steht es mit den Untersuchungen von Davy. Dieser seiner-
zeit ungemein gefeierte und verdienstvolle Gelehrte machte an Ort und
Stelle Untersuchungen, die sich aber, wie die genauere Durchsicht seiner
Publikation ergibt , hauptsächlich mit den Pigmenten befassten. Zur Un-
tersuchung kam ein mit verschiedenen Farbenmischungen gefülltes irdenes
Gefäss aus den Thermen des Titus, doch ist es unmöglich, hierbei der ge-
nauen Untersuchung zu folgen, die er in den Details nicht publiziert. Ausser-
dem hat Davy an dem berühmten Gemälde, der sog. Aldobrandinischen Hoch-
zeit (damals Eigentum von Sign. Nelli, jetzt in der vatikanischen Bibliothek),
Untersuchungen an minimalsten Substanzmengen von Farben gemacht,
without having injured ariy of the precious remains of antiquity, wie er
sagt. Man kann sich denken, dass er an einem so hervorragenden Kunst-
werke nur wenig abgekratzt haben wird , und sicherlich hat dieses wenige
nicht genügt, um die Natur eines Bindemittels zu bestimmen. Er ver-
öffentlicht darüber auch keinerlei Details , ebensowenig über die sonstigen
Analysen an Farbenresten aus römischen und pompejanischen Ruinen, sondern
beschreibt nur die Pigmente, wie sie sich nach den Analysen und im Ver-
gleich mit den bezüglichen Angaben des Vitruv, Plinius, Theophrast und Dios-
corides ergeben ; so das Rot, Gelb, Blau, Grün, Purpur, Schwarz, Braun und
Weiss. ^)
') Vgl. Donner, Wandmal., p. 96 u. 97.
Annales de Ohimie, T. LXX, p. 22 (Mars 1809).
^) Some expeipments and observations on the colours used in painting by the
ancients. By Sir Humphry Davy, in Philosophical Transactions of the Royal Society
of London 1815 p. 97.
^) Roux (s. Geiger, chemische Untersuchungen p. 21) sägt ganz richtig: „Wir
haben schon treffliche Analysen altägyptischer und altrömischer Farben von Chaptal,
Davy und anderen berühmten Chemikern, welche über die Natur derselben viel Auf-
schluss geben. Diese Männer suchten als Gelehrte, ohne Beihilfe eines Künstlers, bloss
die Bestandteile zu finden. Sie beachteten dabei den Grund (Tectorium), worauf die
Alten malten, fast gar nicht; auch bemühten sie sich wepig um die Biudungsmittel.
133
Als Beispiel, wie diese Erörterung geführt ist, gebe ich Kapitel VIII
„Von dein Weiss der Alten“ :
„Die weissen Farben in der aldobrandinisohen Hochzeit sind in
Säuren mit Efferveszenz löslich und haben den Charakter von kohlensaurem
Kalk. Das hauptsächlichste Weiss in der Vase mit den gemischten Farben
(aus den Titusthermen) scheint ein sehr feiner Kalk zu sein. Dabei ist
noch ein anderes Weiss von einer gelblichen Nuance, welches eine feine
Tonerde ist. Die Weiss, welche ich aus den Bädern des Titus und von
anderen Ruinen untersuchte, sind alle von derselben Art. Unter den
alten Farben habe ich nirgends Blejweiss angetroffen, obwohl wir von
Theophrastus , Vitruvius und Plinius wissen, dass es allgemein bekannt
war, und Vitruv dessen Fabrikation aus Blei und Essig beschreibt. Ver-
schiedene weisse Tonerden sind von Plinius als in der Malerei verwendet
erwähnt, unter denen das Paraetonium die feinste Farbe liefern sollte.“
In Kap. IX behandelt Davy die Art, wie die Alten ihre Farbep auf-
trugen; danach führt er die bekannten Stellen aus Vitruv an, dass die
Farben (in Fresko) nass auf die Oberfläche des Stuckes aufzutragen wären,
und erklärt die Stucke der Titusthermen und des Hauses der Livia in der
von Vitruv angegebenen Konstitution; die von Plinius erwähnten organischen
Farben könnten natürlich dabei nicht angewendet worden sein u. s. w. Davy
schliesst dieses Kapitel mit der Erklärung, dass er weder die Anwesenheit
eines Wachsfirnisses noch ein tierisches oder vegetabilisches Bindemittel
habe entdecken können.
Diese Untersuchungen über antike Farbstoffe haben damals gewiss
grosses Aufsehen in archäologischen und allen gebildeten Kreisen gemacht,
zunächst wegen ihrer Neuheit und dann durch den Nachweis, dass die Alten,
Purpurissum und die blaue Glasfritte ausgenommen, sich derselben Farbstoffe
bedient haben, wie wir.
Auch von John®) wird stets angeführt, dass er keinerlei Bindemittel in John’s Urteil,
römischen und pompejanischen Malereien gefunden habe; er fand aber doch
„eine Spur“ eines in Aether löslichen organischen Stoffes, welchen er wegen
zu geringer Menge nicht bestimmen konnte und deshalb für zufällig hielt.
John meint, die pompejanische Malerei sei a fresco ausgeführt;
wenigstens könne dazu kein Wachs gedient haben, wie seine mit einem
roten Tectorium angestellten Versuche bewiesen. Er sagt: „Eine Spur
eines in Aether auflöslichen organischen Stoffes fand ich allerdings darin,
allein dieser kann zufällig sein, denn Wachs war es ebensowenig, als ich in
diesem Wandbewurfe, welcher aus Kalk und durchsichtigem, zerstossenen
Kalkspath bestand, ein gallertartiges oder gummöses Bindemittel entdecken
konnte. Dagegen besteht ein fast einen Zoll dickes Stück roten Tectoriums
aus Stabiae, welches ich vor mehreren Jahren von Prof. Rösel erhalten habe,
aus Kalk und sog. vulkanischen Sand (der viel Augit enthält) ohne zerstossenen
Kalkspath.“
John urteilt nur nach dieser einen Untersuchung, bei der zweiten gibt
er nicht einmal an, ob sich da auch „eine Spur“ gefunden hat oder nicht)
Als weiterer Kämpe für Freskoteohnik bei den Alten wird noch ein pp®ofe^gge“rX
„Professeur de Munich“ angeführt, der namenlos in der französischen Munich.
Litteratur (s. bei Hittorff und nach diesem bei Gros und Henry) sein Dasein
dokumentiert. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich in diesem Ano-
nymus Karl Pr. Emil Schafhäutl®) vermute, der sich viel mit dem Thema
alter Malerei beschäftigt hat; derselbe Schafhäutl erscheint mir auch als
der Urheber des „sehr lehrreichen Aufsatzes über pompejanische Malerei von
welches beides uns nicht allein über die grosse Haltbarkeit, sondern auch über das
wenige Entfärben dieser Pigmente, wovon doch mehrere organisch sind, und über die
damals übliche Technik einigen Aufschluss geben kann.“
8. Joh. E’ried. John, Die Malerei der Alten, Berlin 1836, p. 155.
®) Karl Fr. Emil v. Schafhäutl (geb. 1803, gest. 1890) war Professor der Geo-
logie und Paläontologie an der Universität zu München.
134
Buch der
Preskoraalerei.
einem hochverehrten, sehr gelehrten und in derlei Untersuchungen gewandten
Münchener Universitätsprofessor“ ^), der in dem „Buche von der Freskomalerei“
eines anonymen Autors (Heilbronn 1846) abgedruckt ist.
In diesem Artikel wird über die Entdeckung Herkulanums und Pom-
pejis berichtet und der hohe Stand der Kunstübung, insbesondere der De-
korations- und Wandmalerei, hervorgehoben. Es heisst dann; „Die Ornamental-
sowohl als historischen Malereien Herkulanums und Pompejis sind, vier
Marmor-Monochromen ausgenommen, auf die mit Marmorstucco überzogenen
Mauern ausgeführt, jedoch nicht, wie später zu geschehen pflegt, auf
noch nassem Kalk; es sind also noch keine Preskogemälde im eigent^
liehen Sinne des Wortes“. Und weiter, nachdem die allgemeine Bauart und
Dekorationsmanier geschildert sind; „AUe diese Verzierungen im Geiste der
Groteske sind auf den bereits gefärbten und geglätteten Grund auf-
gesetzt, und zwar so pastös, dass sie sieh bei einiger Vorsicht ziem-
lich leicht mittels des Messers vom Grunde absprengen lassen.“
Es wird hierauf von der „Freiheit, Sicherheit und Gewandtheit“ der Malweise
gesprochen und von dem in Lebensgrösse gemalten Bilde des verwundeten
Adonis im dem darnach benannten Hause gehandelt; „Dieses Gemälde ist gut
erhalten und auf weissen, matten Grund gemalt. An dieser dritthalbhun-
dert Quadratfuss enthaltenden Wandfläche ist keine Spur von
Ansätzen des frischen Stucco zu bemerken; es kann also auf
unsere heutzutage übliche Art, al fresko zu malen, nicht her-
vorgebracht worden sein. Im Museum zu Neapel finden sich ferner
Bordüren etc. , deren Ornamente beinahe en miniature ausgeführt sind. Ein
paar Fuss derselben erforderten zu ihrer Ausführung auch von der geübtesten
Hand wenigstens den Zeitraum eines Tages ; am nächsten Tage wäre demnach
ein frischer Mörtelansatz unumgänglich notwendig gewesen, von dem man
jedoch hier nirgends Spuren findet. Auf den in kleinerem Masstabe aus-
geführten Wandgemälden finden sich die Töne so dick und pastös aufgesetzt,
dass sie, namentlich die Lichter, bei günstiger Beleuchtung gleich den Bergen
auf der Mondoberfläche einen Schlagschatten werfen.“
Eigentümlicher Weise widerspricht sich der Autor des Artikels noch
aui derselben Seite (p. 115), wenn er sagt; „Alle diese Gemälde, vorzüglich
die neu ausgegrabenen, strahlen in dem frischen Lichte, das nur der Fresko-
malerei eigen ist.“
Im weiteren Verlauf tritt der Professor auch für die später von Donner
(p. 98) adoptierte Ansicht ein, dass Geiger®) Stücke von Wandgemälden unter-
sucht habe, die bereits mit der Wachsschicht überzogen waren, wie sie damals
zur Konservierung im Museum von Neapel verwendet worden sei. Seine
eigenen Untersuchungen aber, die mit den Davy’schen Resultaten übereinstim-
men, und bei denen er nirgends ein Stückchen gefunden, dass auch nur in
einem der äusseren Merkmale mit dem von Prof. Roux (Anhang zu Geiger)
beschriebenen und von Geiger untersuchten Fragmente übereinstimme, gibt er
nicht bekannt, so dass wir uns nur auf seine Versicherung verlassen müssen.
Aber das anfallendste ist, dass Schafhäutl, obwohl er in den meisten Punk-
ten mit den Fresko-Anhängern übereinstimmt, dennoch bezweifelt, dass auf den
geglätteten Grund „mit blossen Wasserfarben in der kecken, kräftigen
Weise der Alten sich malen lasse“, und schliesslich erklärt; „man muss
sie (die Farben) deshalb mit einem ätherischen Oel, etwa Specköl, oder einem
zähen Firnis anmachen 1 “ ®)
’) s. Dingler’s polyt. Journal. Bd. 122, p. 289, und darnach F. Fink, Der
Tüueher, Stubenmaler, Stuckateur u. Gipser, Berlin 1866, p. 171. Vgl. auch Beilage
d. Allg. Zeitung (Augsburg), 6, Jänner 1845; wieder abgedruckt in Techn. Mitt. f. Ma-
lerei, Jahrg. 1894.
•) Chemische Untersuchung alt -ägyptischer und alt -römischer Farben, deren
Unterlagen und Bindungsmittel. Mit Zusätzen und Bemerkungen über die Maler-
technik der Alten von Prof. Roux. Karlsrulie 1826.
®) s. Fink, p. 173 u. 174.
135 —
So sehen die Beweise aus, welche von den Vertretern des Fresko
immer wieder hervorgeholt werden:
1. Ohaptal, der bemalte Stucke überhaupt nicht untersuchte;
2. Davy, der sich meist nur um die Bestimmung der Pigmente be-
mühte und dessen Untersuchungen ganz allgemein gehalten sind ;
3. John, der in dem untersuchten Stück' ein organisches Bindemittel
fand, das er wegen der zu geringen Menge nicht bestimmen konnte ;
4. der namenlose „Professeur de Munich“, der sich in seinen Schlüssen
mehrfach widerspricht und ungewiss lässt, wie und wo er seine
mit Davy übereinstimmenden Untersuchungen gemacht hat.
Die chemischen Analysen von Chevreul und Geiger ünd von
den vorigen schon äusserlich dadurch unterschieden, dass in ihnen auch
die kleinsten Details der Untersuchung vermerkt sind und dadurch ein klarer
Einblick in die Art der Untersuchung sowie deren genaue Kontrolle möglich ist.
Zum besseren Verständnis ist es nötig, die Methode, nach welcher Methode der
der Chemiker eine derartige Analyse vornimmt, kennen zu lernen; zunächst Analyse,
wird die Parbenschicht mit dem Messer vorsichtig abgekratzt, damit man
sie frei vom Untergrund erhalte. Ein Teil dieses Parbenpulvers wird nun,
um zu sehen, ob überhaupt organische Bestandteile, also Bindemittel, ir-
gend welcher Art vorhanden sind, einer Vorprüfung unterzogen. Zu diesem
Zwecke wird eine kleine Probe auf dem Platinblech, eine andere Probe in
einer einseitig geschlossenen Glasröhre erhitzt. Aus dem Verhalten hierbei,
Verkohlung, Auftreten von riechenden Dämpfen, Art der Reaktion derselben
(saure Dämpfe lassen auf Fette, Wachs, Harze, alkalische Dämpfe auf stick-
stoffhaltige Körper , wie Leim , Eiweiss , Casein U; dgl. schliessen) , kann ein
allgemeiner Schluss gezogen werden. Alsdann wird ein grösserer Teil des
Parbenpulvers zuerst mit Wasser, dann mit Alkohol, darauf mit Aether, ein
besonderer Teil mit Chloroform behandelt. Die erhaltenen Lösungen werden
eingedampft und der erhaltene Rückstand weiter untersucht, um genau die
Natur desselben darzutun (Verseifungszahl, Säurezahl, Jodzahl, Elementar-
analyse u. s. w.). Die zurückbleibenden, von Bindemitteln befreiten Parben-
pulver werden nach den Regeln der chemischen anorganischen Analyse auf
die Natur der Farben hin untersucht.
Für unsere Zwecke ist auch wichtig zu wissen , dass Kalk , Leim , Ei-
klar oder Gummi in Alkohol, Aether oder Chloroform nicht löslich sind, während
Oel, Wachs und Harze durch diese Lösungsmittel ganz oder teilweise gelöst
werden. Eigelb ist in nicht zu altem Zustande infolge seines Gehaltes an Eieröl
und Vitellin zum Teil löslich.
Nach diesen einleitenden Bemerkungen lasse ich hier die Untersuchungen
von Chevreul und Geiger folgen, insoweit sie sich auf das antike Teotorium
und die Malerei beziehen.
Chevreul hat sehr gründliche Analysen von farbigen Fragmenten aus
Pompeji, von mehreren 1848 bei dem Baue im Palais de Justice in
Paris und von einigen in den Trümmern der gallo-römischen Villa bei
Saint-Medard des PiAs gefundenen antiken Malereien vorgenommen ünd
die Resultate in den Mömoires de l’Academie des Sciences de l’Institut de
France 1. XXII (1850) veröffentlicht.^®)
I. Chevreul’s chemische Analysen der gefärbten Bewürfe und Malereien
pompejan. und römischen Ursprungs.
1. a) Bewurf von roter Farbe eines Tectoriums aus Pompeji:
(d. h. die abgekratzte Farbe, welche die Oberfläche des Stuckes
bildete). Derselbe war poliert, hart und glänzend. Die Destillation
ergab ein ammoniakhaltiges Wasser; der Rückstand war ein leicht
violettiiches Braun. Das Resultat bezeugt, dass in diesem Rot eine
sehr merkliche Menge organ. Substanz enthalten war. Der
**) Abgedruckt auch bei Hittorff, l’Architecture polychrome, p. 512 ff.
136
Rückstand der Destillation des Rot, mit Salzsäure behandelt, braust
auf; es blieb nur ein geringer Rückstand von kohlensaurem Kalk,
gemischt mit Kieselerde und Tonerde. Die Salzsäurelösung enthielt
Kalk, Tonerde, sehr wenig Magnesia und Eisen in geringem Grade
oxydiert, weil die organ. Substanz das Eisenoxyd reduziert hatte.
Weder Magnesia noch Kupfer war darin enthalten.
Lösung in Wasser. Das kochende Wasser entfernte von dem
roten Bewurf eine merkliche Menge von Kalk; das konzentrierte
Wasser war gelblich, leicht alkalisch; der destillierte Rückstand er-
gab ein sehr ammoniakhaltiges Produkt mit kohlensaurem Kalk ver-
mischt und Spuren von Chlornatrium. Das Wasser hatte demnach
eine ziemliche Menge organische Masse gelöst enthalten.
Lösung in Alkohol. Der durch das Wasser völlig erweichte
Bewurf sonderte im kochenden Alkohol nur eine unbestimmbare Spur
einer fetten Materie ab.
Rückstand der Lösung in Wasser und Alkokol. Dieser Rück-
stand enthielt eine verhältnismässig sehr bedeutende Menge
von Organ. Substanz, denn bei der Destillation verhielt er sich
wie der im Wasser und Alkohol nicht gewaschene Bewurf.
Man hatte zweifellos eine organische Substanz bei der
Fertigung des Bewurfes resp. der roten Farbe verwendet und das
Eisenoxyd war mit Kalk vermischt. Die durch den Alkohol erhaltene
fette Materie schien von der organ. Substanz herzurühren, mit
welcher sie ursprünglich verbunden war. Demnach könnte man glauben,
dass eine ölige, wachshaltige oder harzige Substanz bei der An-
fertigung des Bewurfes nicht verwendet wurde.
b) Bewurf von schwarzer Farbe:
Derselbe war dünn und auf einen rosa Bewurf von mindestens
0,001 m ira Durchmesser aufgetragen. Er verlor seine schwarze
Färbung in geglühtem chlorsaurem Kali, aber ohne Lichterscheiüung
zu erzeugen. Die Destillation ergab ein aromatisches und ammoniak-
haltiges Produkt. Kochendes Wasser schied eine Spur einer
gelblichen organischen Materie ab, welche alkalisch war, ohne
Schwefelsäure zu enthalten, überdies Kalk und ein Chlorid.
Der Alkohol trennte von der im Wasser gewaschenen Masse
eine harzige oder waohsartige Substanz ohne irgend welchen
Einfluss auf die färbenden Pigmente. Dieselbe war in sehr
merklicher Menge da, denn der konzentrierte Alkohol änderte
sich sehr deutlich durch Wasser und hinterliess nach der Ver-
dampfung einen in Wasser nicht löslichen, jedoch in Alkohol löslichen
Rückstand. Dieser erhitzte Rückstand verflüchtigte in einem weissen
aromatischen Rauch und hinterliess eine Kohle, in welcher nur eine
Spur weisser Asche sich fand. Dies Schwarz, in Wasser und Alkohol
gewaschen, wurde mit Salpetersäure behandelt, verlor kohlensauren Kalk
und liess schwarze Flocken zurück, welche dem Russschwarz glichen.
Ueberdies war der schwarze Bewurf auf rosafarbigen Grund auf-
getragen, und dieser bedeckte einen viel dickeren weissen Bewurf.
Der weisse Bewurf war hergestellt aus Kalk und kohlensaurem Kalk,
sicherlich mit organischer Substanz; denn bei der Destillation
verdampfte ein ammoniakhaltiger Dunst und die leicht gefärbte
brenzliche Flüssigkeit hinterliess einen stark schwarz gefärbten
Rückstand.
c) Bewurf oder gelbe Farbe:
Es war gelber Ocker. Kochendes Wasser schied ab eine organische
Substanz, eine Spur schwefelsauren Kalk und ein anderes Kalk-
salz. Siedender Alkohol schied daraus eine merkliche Menge
137
einer wachs- oder harzartigen Materie. Salzsäure löste den
Rückstand mit Efferveszenz , weil er kohlensauren Kalk enthielt; es
blieben nur noch einige Flocken von Kieselerde, überdies etwas Ton-
erde. Der gelbe Ocker enthielt organische Substanz wie der
rote Bewurf.
d) Erstes Fragment von v er sc hieden e n Far b en auf weissem
Bewurf und Mörtel. (Abgebildet bei Hittorff, Atlas PI. XXII. f. IX.)
Der weisse Bewurf. Derselbe ruhte auf Mörtelunterlage, war
weiss, hart und poliert. In kleinen Teilen destilliert verdampfte eine
sehr aramoniakhaltige Flüssigkeit und schwärzte die ganze Masse ; ohne
Zweifel war derselbe mit einem organischen Bindemittel gefertigt.
Man bemerkte, dass die Oberfläche des Bewurfes, welche poliert war,
dunkler grau war als das Innere; kam das daher, dass man den
Bewurf mit Hilfe einer organischen Substanz poliert hatte, so dass mehrt
davon auf der Oberfläche blieb, als im Innern?
Wässerige Lösung: Bei der Behandlung mit kochendem Wasser
entwich durch die Verdampfung Geruch von salpetersaurem Kalk.
Der gebliebene Rückstand war gelb und enthielt eine Spur von
schwefelsaurem Kalk und ein anderes Kalksalz und überdies eine
organische Substanz. Dieser Rückstand ergab bei der Destillation
Ammoniak und verbreitete nebstdem einen leichten Geruch von ge-
branntem Weinstein. Schliesslich blieb eine kohlenstoffhaltige Materie
zurück.
Lösung in Alkohol. Der kochende Alkohl schied von der mit
Wasser behandelten Masse eine Spur einer fetten Substanz, aber
zweifellos war diese zufällig, oder vielmehr sie war in Verbindung mit
der stickstoffhaltigen Substanz, welche bei einem Teile des Bewurfes
in Verwendung kam.
Rückstand. Die in Wasser und Alkohol gewaschene Masse
zeigte Partien weisser glänzender Blättchen und erinnerte an diejenige
des Bildhauermarmors. Salzsäure löste diese ganze Masse auf, aus-
genommen einige Flocken von Kieselerde. Chlorbaryum fällte diese
Lösung kaum ; sie bestand hauptsächlich aus Kalk, Spuren von Eisen-
oxyd, Tonerde und Magnesium. Dieser Bewurf bestand demnach aus
fettem Kalk mit Marmor gemischt.
Mörtel. Der Mörtel, auf welchem der weisse Bewurf war, bestand
aus fettem Kalk und Sand, teilweise in Form von runden braunen,
schwarzen, grünen, gelben oder orangefarbigen Stücken. Bei der
Destillation verdunstete eine ammoniakhaltige Füssigkeit, die sich nur
wenig färbte, oder mit anderen Worten: sie enthielt organische Sub-
stanz in nicht so grossen Mengen wie der weisse Bewurf. (Die rote
Farbe war Zinnober, die gelbe, die in verschiedenen Nüancen den
weissen Stuck begrenzte, war Ocker, die grüne Farbe verhielt sich
wie Veroneser Erde.)
e) Zweites Fragment mit verschiedenen Farben bemalt. (Ab-
gebildet bei Hittorff, Atlas PI. XXII. Fig. XI.)
Dasselbe bestand: 1) aus einem roten Fond A, 2) einem gelben
Rand B, mit weissen und braunen Strichen; 3) einer Begrenzung in
blaugrau C, von jeder Seite mit einer dünnen und einer dicken Linie
eingesäumt; 4) einem weiteren gelben Rand D mit weissen und braunen
Strichen und 5) einem allgemeinen schwarzen Fond.
Der rote Grund A. Dieser war Eisenoxyd und mit dem gelben
Rand B überdeckt, darüber waren die weissen und braunen Striche
gezogen worden. Es war demnach eine Lage über der anderen ; auf
dem weissen Bewurf die rote Lage und in Teilen auf dieser Schicht
die gelbe, ebenso das Weiss und Braun. Dieser rote Grund verhielt
138
sich wie der zuerst (siehe oben) untersuchte, ausser dass er vielleicht
etwas geringere organische Substanz enthielt.
Blaugrauer Grund 0. Derselbe konnte der Untersuchung nicht
unterzogen werden, weil die Menge der Materie nicht genügte.
Was den gelben Rand D mit seinen weissen und braunen Streifen
betrifft, so war derselbe gleichfalls wie Rand B auf die Unterlage auf
gelegt und ihr ganz gleich. Die gelbe Farbe war Eisenoxydhydrat.
Destillation ergab ein amraoniakalisches, durch das Eisenoxyd rotes
Wasser und schien keine besonders bemerkbare organische Sub-
stanz zu enthalten. In kochendem Wasser schied sich nur eine Spur
einer Masse , welche aus Kalk bestand , der von Schwefelsäure und
Chlor frei war. Der Alkokol löste keine merkliche fette Masse.
Salzsäure, auf den Rückstand appliziert, löste denselben vollkommen,
ausgenommen die Flocken von Kieselsäure, auf. Die Lösung enthielt
ausser Eisenoxyd noch Kalk, Tonerde und, man könnte glauben, eine
Spur von Kupfer.
Die weisse Masse erweichte sich sehr unter dem Einfluss von
Wasser; sie war fast reiner kohlensaurer Kalk, Die Lösung in Salz-
säure wurde durch Schwefelsäure nicht geschwärzt.
2. Ohevreul’s Analyse von zwei Fragmenten von roter Farbe auf
Mörtel, gefunden im Jahre 1848 im Palais de Justice in Paris, rö-
mischen Ursprungs. (Die genaueren Details s. bei Hittorfl, p. 518 — 19.)
Der Mörtel bestand aus Kalk, feinem Sand und kleinen Quarzstücken;
bei der Destillation zeigte sich eine Spur von Ammoniak; zweifellos
war diese zufällig, oder mit anderen Worten : man hatte nicht mit Absicht
die organische Substanz in den Mörtel gebracht.
Der rote Bewurf war dünn, glänzend und sehr fest, er nahm
keih Wasser an, die Destillation ergab ammoniakhaltiges Wasser ; so-
wohl die wässerige als auch die Alkohollösung zeigten Spuren organischer
Substanz in sehr geringer unbestimmbarer Menge.
Der gelöste Rückstand war Eisenoxyd mit kohlensauren Kalk; demnach
war die rote Farbe auf die frische Wand in der Mischung mit gelöschtem
Kalk aufgetragen.
Weder beim Mörtel noch beim Ueberzug war organ. Substanz ver-
wendet worden, die ganze Kalkmasse war kohlensaurer Kalk und kein Gips.
Eine gelbe Farbe war Hydrat von Eisenoxyd und gab ammoniakalischen
Wasserdampf.
Eine grüne Farbe war identisch mit Veroneser-Erde, organische Sub-
stanz war nicht nachzuweisen; kochendes Wasser schied nur eine Spur
einer Materie ab, welche schwefelsauren Kalk enthielt.
3. Ohevreul’s Analyse von zwei Proben von Malerei aus der Villa
von St. Mödard des Pres.
a) Fragment einer Hüfte und eines weiblichen Beines mit Fuss
und Sandale, auf grünlichem Grund.
Die Malerei glich derjenigen von Pompeji in allen Stücken, so dass
zweifellos eine allgemeine Tradition für die Ausführung von Mauer
und Malerei in römischer Zeit bestanden hat. Diese Malerei bedeckte
ein Stück Mörtel von 0,04 m Dicke und bestand ursprünglich aus
fettem Kalk, Sand und Gries. Der fette Kalk war vollständig in
kohlensauren verwandelt. Mit dem Auge unterschied man keine ver-
schiedenen Lagen des Mörtels, und es ist demnach unmöglich, dass die
bemalte Fläche eine feinere Masse war als der übrige Mörtel.
Der grünlicheFond war vermutlich mit dem Pinsel aufgetragen, denn
man sah parallele Striche nebeneinander; ich sage vermutlich, weil es
nicht unmöglich ist, dass der Auftrag mit hartem Sand aufgerieben
worden, welcher die Oberfläche ausgefurcht haben könnte.
139
Die Farbe ist evident Veroneser Erde, gemischt mit kleinen blauen
Partikeln, wie man mit der Loupe und dem freien Auge wahrnehmen
konnte; die Teilchen sind wahrscheinlich ägyptisches Blau. Als die
Figuren gemalt wurden , war der Grund vollkommen trocken , denn
beim vorsichtigen Entfernen der roten Farbe, des Rosa und Weiss der
Karnation fand sich der graugrüne Grund darunter, und man sah auf
diesem, sobald er freigelegt war, die oben erwähnte Veroneser Erde
und das Blau.
Die Farbe der Haut war Eisenoxyd, und das Rosa ein Gemisch
dieses Oxyds mit kohlensaurem Kalk, gemengt mit Tonerde und einer
Spur von Magnesia. Es ist anzunehmen, dass ursprünglich der Kalk
in gelöschtem Zustande mit dem Eisenoxyd gemengt war.
Die Sandale zeigte eine schöne gelbe Farbe, welche über der Fleisch-
farbe, nachdem diese trocken geworden, aufgetragen war. Es waren
mithin drei, eine nach der andern, übereinander gesetzte Farbenschichten :
der Grund, das Fleisch und der Ton der Sandale.
Ich suchte zunächst in der vom Mörtel abgekratzten Malerei die
Anwesenheit einer in Wässer löslichen Substanz, sei es Gummi oder eine
stickstoffhaltige, wie Casein, Ei oder Leim; aber ich fand nichts, wo-
raus ich hätte schliessen können, dass ein derartiger Körper den Farb-
pigmenten beigemischt gewesen wäre.
Kochender Alkohol löste aus den Farbkörpern des Fleisches eine
sehr geringe Quantität fette Materie, welche en.tweder Wachs
oder ein Gemisch von Wachs und Harz sein konnte, aber die
Menge war zu gering, um die spezielle Natur desselben zu konstatieren.
Diese geringfügige Quantität war überdies eine Folge der beiden
folgenden Tatsachen : 1. dass die Malerei nur eine Spur eines brenzlich
riechenden Produktes bei der Destillation ergab; 2. dass der farbige
Bewurf das Wasser aufgesogen hatte. Wäre die Quantität des fetten
Körpers grösser gewesen, so hätten die Ergebnisse andere sein müssen.
Aber ich habe mich mit diesem Resultat nicht begnügt.
Nachdem ich die Malerei mit Wasser und Alkohol behandelt hatte,
unterwarf ich sie der Wirkung der Salzsäure , um die erdigen und
metalligen Seifen zu lösen , welche sich bei Anwendung eines öligen
Körpers hätten bilden können, sei es, dass der fette Körper ursprünglich
hätte neutral bleiben sollen, wie das Olivenöl, Mohnöl, also Fette es
sind, sei es, dass es Oel- oder Fettsäuren waren. Aber der auf den
in der Säure unlöslichen Rückstand und auf das Papier , worin
die Salzsäurelösung filtriert wurde, angewendete Alkohol ergab keinerlei
fette Masse.
b) Untersuchung eines Fragmentes einer nackten Kinderfigur
mit grünen Flügeln auf rotem Grund.
Zweifellos war die Figur auf den bereits trockenen Grund gemalt,
wie beim ersten Fragment, denn beim Wegkratzen kam der Grund zum
Vorschein; weiter waren die Flügel zu zweien malen und in Lokaltönen
gemalt. Die erste Lage war Veroneser Erde mit ägyptischem Blau
und kohlensaurem Kalk; die zweite, welche der ersten das Licht gab,
war ein Gemenge von Veroneser Erde mit kohlensaurem Kalk, und
man konnte die Massen schiohtenweise abheben, wie sie aufeinander
gelegt schienen. Der Grund setzte sich aus Eisenoxyd und kohlen-
saurem Kalk zusammen. Die Fleischteile, mit kaltem Wasser behandelt,
gaben nur Spuren einer organischen Substanz und ein Kalk-
salz, vermutlich ein kohlensaures. Mit kochendem Alkohol schied sich
eine Spur einer fetten Substanz, ähnlich derjenigen, welche sich
beim ersten Fragment abgesondert hatte; der im Wasser und Alkohol
ungelöste Rücksand bestand aus kohlensaurem Kalk und Eisenoxyd ;
überdies fand sich Tonerde, Magnesia, aber kein Magnesiaoxyd.
140
Ohevreul’s
Schluss-
folgerungen.
Analysen
von Geiger.
Ghevreul, dem es auffiel, dass die' untersuchten antiken Reste von St.
Mddard und vom Palais de Justice im Verhältnis zu den pompejanischen nur
wenig organische Substanzen aufwiesen, glaubt diesen Unterschied durch
eine verschiedene Technik erklären zu sollen und zieht, infolge von ihm selbst
angestellter Preskoversuche, folgende Schlussfolgerungen:
1. ,Es besteht die grösste Uebereinstimmung zwischen den Frag-
menten von Wandmalereien römischen Ursprungs aus dem Palais
de Justice und denen aus der Villa von St. Mödard. Diese Ueber-
einstimmung besteht in der Natur der gefärbten und der farblosen
Materialien, welche an beiden Orten verwendet wurden, und in der
Art ihrer Anwendung. Die Basis des Mörtels und des ungefärbten
Bewurfes ist gelöschter Kalk, gemischt mit Sand oder Marmor.
Der Vorgefundene schwefelsaure Kalk ist zufällig und scheint eher
von Wasser als von den festen Materien herzurühren. Die Menge
der organischen Substanz ist zu gering, als dass man zu
glauben berechtigt wäre, sie sei als Pestigungsmittel dem
Mörtel und den gefärbten oder ungefärbten Bewürfen beigegeben
worden. Die Farbstoffe scheinen vielmehr mit Kalkmilch, ohne
Beifügung von organischer Substanz, zubereitet zu sein.
2. Wenn der fette Kalk als Bindemittel für Eisenoxyd, gelben
Ocker und eine grüne Substanz, wie es scheint Veroneser Erde,
beim Mörtel und solchen Farben, wie im Palais de Justice
und St. Mödard — an diesen beiden Plätzen ohne Beimengung
von organischer Substanz — verwendet wurde, so wird es
schwer sein, die Beimischung organischer Substan^z
bei den Bewürfen und Farben von Pompeji nicht zuzugeben,
denn sie fand sich darin in zu grossem Verhältnis, als
dass man sie für zufällig halten könnte.“)
3. Derselbe Schluss bezieht sich auch auf den Stuck
einer Gewandfigur vom Giebel des Tempels des Jupiter Olympius
zu Agrigent, wo die organische Masse in noch grösserem
Verhältnis sich vorfand als in Pompeji.
4. Ausser den Farbstoffen, welche ich im Palais de Justice und
in Pompeji als für beide gemeinsam erkannte , erwähne ich noch
das letzteren Orts im Mörtel und den Farben gefundene Russchwarz“.
Neben diesen bis jetzt weitaus genauesten Chevreul’schen Analysen aus
Pompeji treten alle übrigen in den Hintergrund. Wir dürfen aber nicht ver-
säumen die Analysen von Geiger hier anzufügen, obwohl gegen diese der
bereits (p. 134) erwähnte Einwand erhoben worden ist, die untersuchten Stücke
wären nicht in dem ursprünglichen Zustande gewesen. “)
II. Resultate der Untersuchungen römischer und pompejanischer Farben und
Unterlagen von Geiger (s. Chemische Untersuchungen alt- ägyptischer
und alt-römischer Farben, deren Unterlagen und Bindemittel, Karls-
ruhe 1826 p. 25 f.)
1. Blasses Zinnoberrot aus Pompeji, auf einer 1/2 Zoll dicken
Decke sehr dünn aufgetragen.
a) Das Gewicht dieser Farbe, welche durch behutsames Abkratzen er-
halten wurde, betrug 0,1 Gramm. Sie wurde mit 1 Drachme kalten
Wassers 24 Stunden unter öfterem Schütteln raaceriert; die Flüssig-
'’) „II serait difficile de ne pas admettre l’addition d’une, matiere or-
ganique, parce <m’il s’en trouve une proportion trop forte pour la croire
accidentielle“. Es ist mir unerklärlich, dass Donner (p. 99) auf diesen deutlichen
Hinweis der Verwendung organischer Bindemittel bei den pompejanischen Malereien
so wenig Gewicht legt, den Zweck solcher Beigaben vollkommen leugnet und glaubt,
das Vorhandensein der organischen Stoffe könnte nur die Folge zufälliger Eigen-
schaften der verwendeten Materialien seinl
“*) s. Donner, Wandmal., p. 98.
141
keit, durch Filtrieren getrennt, war wasserhell; sie wurde mit folgenden
Heagentien geprüft;
Gallustinktur bewirkte keine Trübung ; Aetz-Arnmoniak ebensowenig ;
Silbersolution auch nicht; Barytsolution auch nicht; Kleesäure, Blei-
zucker und Quecksilbersublimat veranlassten ebenfalls keine Trübung,
Ourcaraae und Lakmuspapier blieben unverändert.
Der übrige Teil der Flüssigkeit wurde im Wasserbad verdampft.
Es blieb ein höchst unbedeutender, gelblich weisser Rückstand,
welcher, ira Platinlöffel erhitzt, unter brenzlichem Geruch verkohlte;
die Kohle verschwand , ohne merkbaren Rückstand zu hinterlassen.
b) Das mit kaltem Wasser behandelte Pulver wurde nun mit heissem
Wasser mehrere Stunden digeriert und filtriert. Das Filtrat war
wasserhell ; mit obigen Reagentien versetzt, boten sich ebenfalls keine
besonderen Erscheinungen dar. Etwas von dem Filtrat hinterliess
beim Verdampfen einen höchst unbedeutenden Rückstand von gelblich
weisser Farbe, welcher beim Erhitzen im Platinlöffel unter brenzlichem
Geruch verkohlte und bei fortgesetztem Erhitzen verschwand, ohne
Asche zu hinterlassen.
c) Das mit kaltem und heissem Wasser ausgezogene Pulver wurde ge-
trocknet und mit Alkohol von 0,800 spez. Gew. zuerst 36 Stunden
kalt und dann kochend behandelt ; die Flüssigkeit wurde kochendheiss
abfiltriert. Das Filtrat war wasserhell, trübte sich nicht während des
Erkaltens und hinterliess nach dem Verdampfen einen geringen bräun-
lichen Rückstand, welcher sich durch Wasser nicht aufnehmen liess,
wohl aber vom Alkohol gelöst wurde, sich klebrig zeigte, in gelinder
Wärme schmolz und beim Erhitzen im Platinlöffel unter Verbreitung
eines brenzlichen, zum Teil verbrennendem Horn nicht
unähnlichen Geruchs einen Kohlenrückstand gab, welcher sich schwierig
in Asche verwandelte.
Das laut a, b und c’ behandelte Pulver hatte von seiner Farbe
nichts verloren, aber es war jetzt nicht mehr so zusammenhängend,
klebte nicht mehr so am Glase, als nach seiner Behandlung mit heissem
Wasser,
dj Es wurde mit etwas Salzsäure übergossen; unter schwachem Brausen
bildete sich bald eine gelbe Auflösung, während ein Teil der roten
Farbe unaufgelöst blieb, selbst bei einige Minuten fortgesetztem
Kochen. Aetzkali wirkte selbst beim Erhitzen nicht darauf ein;
beim Erhitzen eines Teils im Platinlöffel verdunkelte sich dessen
Farbe, wurde aber beim Erkalten wieder heller, beim ferneren Er-
hitzen wurde er schwarz und verschwand vollständig. Königswasser
machte die rote Farbe verschwinden , Zusatz von Hydrothionsäure
zu der Auflösung in Königswasser brachte eine schwache bräunlich-
gelbe Farbe hervor.
Die salzsaure Auflösung wurde durch blausaures Eisenoxydulkali
blau, Kleesäure brachte in der mit Ammoniak versetzten Auflösung
bedeutende weisse Trübung, Barytsolution keine Veränderung hervor.
Als Resultat aus dieser Untersuchung geht hervor:
Das blasse Zinnoberrot ist mit Eisenoxyd gemengter Zinnober,
dem noch etwas kohlensaurer Kalk anhing. Das Bindemittel ist
organischer Natur, welches wegen der sehr geringen Menge nicht
näher zu bestimmen ist.
In derselben Weise wird dann die Untersuchung der unter der zinn-
oberroten befindlichen blassbräunlichgelben Farbe vorgenommen. Es
zeigten sich die nämlichen Erscheinungen wie bei der ersten : die Lösung
des Pulvers wurde ebenso mit kaltem, dann mit heissem Wasser
digeriert und filtriert. Nach dem Verdampfen blieb ein gelblich weisser
Rückstand, welcher, im Platinlöffel erhitzt, unter Verbreitung eines
widerlich stinkenden Geruchs verkohlte und langsam verglühte.
142 -
Ebenso wurde das mit kaltem und heissem Wasser behandelte Pulver
der Einwirkung von Alkohol unterworfen.
Das Filtrat war wasserhell und hinterliess beim Verdampfen
einen hellbräunliohen , höchst unbedeutenden Rückstand von kleb-
riger Konsistenz, der leicht in der Wärme schmolz und
beim Erhitzen im Platinlöffel mit widrigem Geruch nach ver-
branntem Horn und zum Teil auch süsslichem wachsartigen Ge-
ruch verkohlte und keine Asche beim fortgesetzten Glühen hinterliess.
Auch die Lösung in Salzsäure zeigte organ. Substanz.
Die darunter liegende blassbräunlich gelbe Farbe ist Eisonoxydul-
oxyd mit Kieselerde, ein wenig Bittererde und Alaunerde gemengt.
(Etwa gebrannte Grünerde , welche beim Erhitzen gelb wird und
die gefundenen Bestandteile hat.) Das Bindemittel ist auch organ.
Natur und zwar dem Geruch nach tierisch, mit Wachs
ge mengt.
Die zunächst folgende weisse Unterlage ist kohlensaurer Kalk
mit etwas Eisenoxyd und Spuren von Bittererde, Alaunerde und Kiesel-
erde gemischt und durch ein Bindemittel von tierischer Natur
vereinigt.
Die letzte Unterlage ist Mörtel, in welchem der kohlensaure Kalk
ziemlich vorwaltet, die ihm beigemengte kiesel- u. s. w. haltige Masse
war dem Ansehen nach poröse Lava. Auch hier fand sich eine tierisch
organische Substanz als Bindemittel.
2. Hochrote Zinnob er far b e, auf eine etwa 1 Zoll dicken Decke auf-
getragen, welche aus einer ziemlich festen, fast weissen, mit festeren zum
Teil blassrötliohen, undurchsichtigen Stücken verbundenen Masse bestand,
hat dieselben Bestandteile wie die vorige, mit mehr vorwaltendem Zinnober.
Die gelbliche Unterlage,, als eine sehr dünne Lage zunächst unter
der roten, ist der Unterlage von I. gleich, die Bindemittel sind dieselben nnd
die Decke ist wieder ziemlich reiner kohlensaurer Kalk, mit organischen
Teilen verbunden.
3. Zinnoberfarbe von einem Stuck aus der Villa Hadriani in
Tivoli, etwa 1/2 Zoll dick, bestand aus einer ziemlich festen, weissen
Lage und aus einer weniger festen, grobkörnigen, dickeren, welche
beide sich durch Messer und Hammer leicht trennen Hessen. Dieses Rot
ist wieder eisenoxydhaltiger Zinnober, mit kohlensaurem Kalk gemengt.
Das Bindemittel oder vielmehr der Ueberzug erscheint hier schon
deutlicher zum Teil als Wachs. Schon beim Befühlen der etwas
erwärmten mattglänzenden Fläche hatte man die eigentümliche Em-
pfindung des Klebens, welche das Wachs charakterisiert.
Die blassrote Unterlage ist kalkhaltiges Eisenoxyd mit Zinnober.
Die znnächst folgende weisse Unterlage war grösstenteils kohlen-
saurer Kalk mit organischen Teilen gemengt. Ebenso die mehr
grobe dritte Unterlage. •
4. Unreines Violett, womit ein Stück Wand überzogen war, ist
mit kohlensaurem Kalk gemengtes Eisenoxyd und nach den vergleichenden
Versuchen sehr wahrscheinlich Eisenglanz. Das Bindemittel war wieder
organisch. Die zun ächs t li egende Unte rlage war Kieselerde und
eisenoxydhaltiger kohlensaurer Kalk; die dritte Mörtelunterlage
ist ein mehr kieselerdehaltiger Kalk und die vierte Lage Mörtel, sehr
fest, ziemlich weiss , mit schwärzlichen Punkten durchzogen, war eine
mörtelartige Masse, worin Kalk noch beträchtlich vorherrschte. Die kiesel-
haltige Substanz scheint Lava zu sein. Auch hier wie in den oberen
Lagen ist ein organisch tierisches Bindemittel nicht zu ver-
kennen.
5. Schmutzig Gelb mit unterlegtem uu re in e m Viole tt ist wieder
Eisenoxyd (etwa gebrannte grüne Erde und Eisenglanz) und kohlensaurer
Kalk mit organischem Bindemittel vermengt.
143
6. Rotbraune Farbe, welche unmittelbar auf einem mit vielen
schwarzen Körnchen durchzogenen Mörtel sass , ist wieder kalkhaltiges
Eisenoxyd.
7. Reines ins rötliche schimmerndes Gelb von einem Stück Mörtel
aus Tusculum hatte dieselben Bestandteile und ebenso organisches
Bindemittel.
8. Ein re in gelbes Stückchen Wand aus Pomp ej i mit mattglänzender
Oberfläche ist eisenhaltiger Kalk, durch organisches Bindemittel
festgemacht. Beim Verbrennen des Rückstandes war Geruch von ver-
brannten Meerschwämmen zu bemerken.
9. Ein Stückchen Wand, welches weiss war, auf der einen Seite
glatt geschliffen, untermengt mit grösseren, durchsichtigen, weissen,
krystalhnischen Teilchen und auf der unteren Seite hie und da schwarze,
glänzende Punkte zeigend, ist grösstenteils kohlensaurer Kalk (gepulverter
Kalkspath) mit Maunerde und wenig Bittererde gemischt, durch faserige
organische Teile befestigt.
10. Ein Stück Mörtel, worauf Farbe 6 (Rotbraun) aufgetragen war,
ist dem Gemenge aus Kalk und Kiesel ähnlich, wie man ihn jetzt bereitet;
die kieselhaltige Substanz scheint vulkanischen Ursprungs zu sein, denn
die Körnchen scheinen Augit, Leuzit u. s. w. zu sein.
Geiger schliesst seine Analysen mit folgender Bemerkung (p. 52):
„Ueber die Natur der organischen Bindemittel ist es schwierig ab-
zusprechen; so viel scheint aus den Versuchen hervorzugehen, dass die
Farben zum Teil mit Wachs überzogen waren, welchen aber
noch andere organische Teile beigemengt sind. Die Bindungsmittel
der Unterlagen und meisten Decken sind ebenfalls organisch und
zwar, wie der Geruch zeigt, zum Teil tierischer Natur. Der Fett-
gehalt sowie die Reaktion des Bleizuckers und des Subhmats lassen
aufMilch schliessen, womit die Massen viell eicht angerieben
wurden. Manche sind zum festeren Halten mit faserigen Teilen unter-
mengt; die Natur dieser Fasern ist schwer zu bestimmen. Der auffallende
Geruch nach gebrannten Meerschwämmen scheint aber darzutun , dass
vielleicht Seekräuter dazu verwendet wurden“. ^•’’)
**) Mit diesen Geiger’schen Analysen mögen die darauf fussenden Bemerkungen
von Knirim in dessen Buch: „Die endlich entdeckte wahre Maler-Technik des
klassischen Altertums und des Mittelalters, sowie die ueuerlündene Balsamwachs-
malerei etc. (Leipz. 1845)“ verglichen werden; Knirim glaubte in den einzelnen Teilen
der Geiger’schen Analysen aufs genaueste die Bestandteile der von ihm als Haupt-
bindemittel des Altertums erklärten Mischungen von Eigelb und Peigenmilch
wieder zu erkennen. Seine Deutung beruht auf der von Geiger und Reimann
herrührenden „Chemischen Untersuchung einiger von einem altitalienischen Bilde ab-
genommenen Farben mit vorzüglicher Hinsicht auf das Bindemittel“ (s. Roux, die
Farben, zweites Heft, Heidelbei g 1828), sowie auf der daselbst p. 68 — 71 abgedruckten,
von denselben Chemikern herrührenden „Chemischen Untersuchung des Milchsaftes
des Feigenbaumes“. Darnach besteht der Milchsaft der Feige aus
1. einem klebrig zähen, in Aether und absolutem Alkohol löslichem Harze,
welches eigentlich aus zweien besteht (3— 4“/i> der Menge),
2. einem nicht in Aether löslichem Harze,
3. Gummi (2®/o),
4. Eiweissstoff,
5. Extraktivstoff,
6. Spuren von salzsauren und pflanzensauren Salzen und riechender Substanz,
7. Wasser.
Knirim führt mit grosser dialektischer Schärfe den Beweis, dass die Geiger’sche
Analyse altrömischer Farben und Bindemittel in ihren einzelnen Bestandteilen mit
aller Sicherheit die Verwendung von Feigenmilch in Verbindung mit Eigelb
zu den Farben und von Milch als Zugabe zur Unterlage bei der altrömischen Stuck-
technik ergebe. Nur diesem Bindemittel wäre die vorzügliche Erhaltung der alt-
römischen und pompejanischen Wandmalerei zuzuschreiben, weil das Harz der Feigen-
milch in Verbindung mit dem Oel des Eigelbs und Eiweiss eine grosse Festigkeit
erlange. Dieses Mischmittel verleihe den Farben „ein öl- und harzfarbenartiges imd
wachsfarbenähnliches klares, kräftiges und zugleich heiteres, hellleuchtendes Ansehen“,
Geigefs
Schluss-
folgerungen.
144
tJebereinstim-
laung der Ana-
lysen von
Chevreul und
Geiger.
Analysen von
Faraday.
Nachweis von
Wachs.
Die Gleichheit der Resultate Geigers mit denen Gherreul’s, insbesondere
was die Pompejanischen Stuckmalereien betriflft, lassen jeden Zweifel an
der Richtigkeit der Geigerschen Untersuchung verstummen. Der von
einigen Seiten gemachte Einwand richtete sich gegen den Nachweis
von Wachs., obwohl selbst Donner (p. 98) zugeben muss, dass hier
(s. oben sub 3) der Anteil von Wachs durch die „Kausis“ sehr erklärhch
ist. Wir werden iro Verlaufe dieser Ausführungen die Ursachen kennen
lernen, warum in Pompeji selbst nur Spuren von Wachs nachgewiesen
werden konnten, während diese Materie an anderen Orten der antiken
Welt von Chemikern mit grösserer Bestimmtheit festgestellt wurde. Am
deuthchsten geht dies aus den hier angefügten Analysen von Faraday
imd Länderer hervor, die sich in Hittorffs Werk abgedruckt finden:
III. Faraday’s Analysen von Bewürfen und Farben athenischer Monumente
aus der Sammlung von Mr. Donaldson (s. Hittorff p. 547).
1. Ein sehr dünner Bewurf von den Anten der Propyläen enthielt
als Blau kohlensaures Kupfer und Wachs mit der Farbe gemischt.
2. Eine andere Lage oder Bewurf vom Flügelgebäudo der Propyläen
zeigt absolut dasselbe Resultat: kohlensaures Kupfer und Wachs.
3. Eine Kruste von dem Suffitenüberrest des Theseion bestand aus einer
verglasten blauen Substanz, die durch Kupfer gefärbt war, und Wachs.
4. Die blaue Farbe, welche von den Kassetten desselben Tempels abgelöst
wurde, war eine blaue Fritte, gleichfalls mit Wachs gemischt.
5. Ein Teil eines Bewurfes von den Säulen des Theseion zeigte weder
Wachs noch eine andere mineraUsche Farbe, nur eine leichte Spur von Eisen ;
ein wohlriechender Gummi schien in einigen Partien vorhanden und
eine brennbare vielleicht vegetabilische Substanz war in allen (Partien).
6. Endhch schienen die Teilchen der Ockerfarbe, welche von der Statue
der Parzen abgekratzt wurden, einer künstlichen, eigens dazu bereiteten
Schicht anzugehören (nicht zufällig oder z. B. von dem Kontakt der
Erden mit der Luft herrührend); „in eine schwache Säure geworfen, löste
sich ein Teil der anhaftenden Masse und die Hauptpartie blieb voll-
kommen intakt. Hernach gewaschen und getrocknet, zeigte sich, dass
dieselbe kohlensauren Kalk enthielt tmd eine brennbare Substanz, welche
den Kalk vor der Säure schützte. Nachdem diese brennbare Substanz
erhitzt war, verflüchtigte sie sich und hinterUess eine Kohle, und dann
erst konnte die Säure die kalkhaltige Masse angreifen. Die brennbare
Substanz kann vielleicht Wachs enthalten, aber dieses liess keine
deutlichen Spu^:en am Grund zurück; dieselbe war in kleinerem Verhältnis
zu den anderen Stücken des Mr. Donaldson vorhanden. In den analysierten
Teilen waren keine Mineralfarben, ausser ein wenig Eisenfarbe, welche
ich eher für zufällig halte. Ich kann nicht sagen, ob man eine animahsche
oder vegetabilische Masse verwendet hat.“
es habe grosse Aehnlichkeit mit Harz-, Oel- und Wachsfarben und die wirklichen
Oel- und Harzbestandteile des Eigelbs und der Feigenmilch wären auch die Ursachen
davon, dass Manche die mittelalterlichen Temperabilder der Art (wie das von Geiger
untersuchte der Winter’schen Sammlung in Heidelberg und das dem Tornas de Mutina
zugeschriebene der Wiener Sammlung) für ölfarbig hielten.
Wenn auch Knirim gewiss Recht hat, das Eigelb-Bindemittel für sehr alt zu
erklären, so ist es doch gewagt, in der Beigabe von Feigenmilch die Lösung der
schwierigen Frage zu sehen; denn erstens fliesst der Saft der frischen Feigentriebe nicht
so überaus reichlich aus den Schnittstellen, dass damit eine wirkliche „ Verdünmmg“ des
Eigelbs ermöglicht werden könnte (Knirim hat offenbar gar keine bezüglichen Ver-
suche angesleUtj, und zweitens ist es kaum denkbar, dass organische Bindemittel
nach ITOOjähriger Dauer sich auf dem Kalkgrund so erhalten konnten, dass die che-
mische Untersuchung mit absoluter Sicherheit jede einzelne Materie der angewendeten
Bindemittel zu konstatieren fähig wäre.
145
IV. Landerer’s (Professor der Chemie an^der Universität in Athen) Analysen
von Farben antiker Monumente daselbst (s. „Antiquit^s helldniques“
von A. R. Rangabd I. p. 63).
Die Farben, die man noch an den Gebäuden der Alten bemerken kann,
sind; Rot in zwei Nüanzen, Grün, Blau, Schwarz, Weiss, Gelb und Gold,
welches auch zur Verzierung an Aussenwänden verwendet wurde.
Die rote Farbe, aus einer antiken Farbenschachtel eines athenischen
Grabes (im Museum der Akropolis aufbewahrt), war in Wasser und anderen
Flüssigkeiten unlöslich, wurde durch Salzsäure und Salpetersäure nur teilweise
gelöst. Die chemischen Reaktionen zeigten die Anwesenheit eisenhaltiger
Teile. Hundert Teile dieser roten Farbe enthielten 54 “/o Eisenoxyd, 15®/o
Kalk, Thonerde, Wasser, endlich organische Körper, scheinbar Oel
oder Wachs. Eine andere weniger dunkle Farbe zeigte dasselbe
Resultat. Die Farbe scheint daher eine mineralische zu sein, zusammen-
gesetzt aus einer minderwertigen eisenhaltigen Erde.
Eine andere rote Farbe enthielt natürlichen Zinnober.
Die grüne Farbe von der Bekränzung der Pinakothek (Flügelbau
der Propyläen) blieb in den angewendeten Flüssigkeiten ungelöst. Sie
löste sich in diversen kochenden Säuren, und die Reaktionen zeigten die
Anwesenheit von Kupferoxyd. Es ist bemerkenswert, dass das Kupfer-
oxyd sich in Verbindung mit Essigsäure vorfand , woraus man schliessen
kann, dass die Alten Grünspan und die Art seiner Herstellung kannten.
Erhitzt verbreitete die Farbe Dämpfe, deren Geruch die Anwesenheit
•von Wachs bezeugte, welches zum Binden derselben auf dem Marmor in
einer der modernen Wachsenkaustik ähnlichen Art diente. Nach der
Untersuchung blieb eine schwammige Kohle zurück, was ein weiterer
Beweis dafür ist, dass das Wachs in die Farben Verbindung ein-
gedrungen war.
Das Blau wac weder in Wasser noch in Weingeist löslich; es wurde
durch Säuren gelöst, und die Erscheinung des Aufwallens wie die che-
mische Analyse bezeugten, dass es titanhaltiges Kupferoxyd gewesen ist.
Zwei schwarze Farben wurden analysiert; die eine war mineralisch,
enthielt gebranntes Eisen und war allem Anschein nach in Pulverform
mit Oel oder Wachs gemischt; die andere enthielt organische, viel-
mehr animalische Substanz; es scheint, dass man dies Schwarz aus Kohle
animalischer oder vegetabilischer Substanzen herstellte, wie dasjenige aus
Knochen, dessen sich Apelles bediente.
Von zwei weissen Farben bestand die eine aus kohlensaurem Blei wie
das Bleiweiss (blanc de cöruse), die andere aus Kalk und Töpferton. Es
ist auch anzunehmen, dass die Alten das Mineral, welches Bolus alba oder
Arnona heisst, verwendeten.
Das dunkle Gelb,, das einzige, welches gefunden wurde, enthielt
Eisen, Tonerde und kohlensauren Kalk ; es war demnach gelber Ocker.
Es folgt aus diesen Analysen, dass die Alten die Art, alle einfachen
Farben zu bereiten, kannten und diese zur Erzielung der erforderlichen
Nüanzen für ihre Malereien unter einander mischten ; sodann dass sie die
Farben, hauptsächlich mineralische, auf dem Stein durch Enkaustik oder
mittelst Wachs und Feuer befestigten.“
Angereiht sei noch die in G. Semper’s Stil I. p. 489 abgedruckte
V. Chemische Analyse von Wilh. Semper.
Die Farbe bildete einen glänzenden hellblauen Ueberzug auf dem weissen
Marmor des Plafonds des Theseion und Hess sich mit Leichtigkeit
ablösen.
Auf dem Platinblech erhitzt ^schmolz sie, entzündete sich und verbrannte
mit dem Geruch von brennendem Wachs. Dieser Geruch trat noch viel
deutlicher hervor, wenn sie auf einer Kohle durch das Lötrohr langsam
10
Analysen von
Länderer.
Nachweis von
Wachs.
Analyse von
Semper.
146
Wachs.
Zusammen-
hang der Ana-
lysen mit der
Technik.
Verschiedene
Reaktionen bei
Stücken
gleichen Ur-
sprungs.
1. Aus Pompeji.
zersetzt wurde. Alkohol löste nichts davon auf. Das Bindemittel ver-
hält sich also gänzlich wie reines Wachs.
Der Rückstand des Verbrennens bestand aus einem gröblichen blauen
Pulver der eigentlichen färbenden Substanz. Unter dem Mikroskop er-
schienen die einzelnen Körner wie durchsichtige schön blaue Glassplitter.
Fensterglas wurde von ihnen geritzt. Borax löste sie vor dem Lötrohr
mit anfangs grauer, beim Erkalten blau werdender Farbe auf. Da Säuren
sie nicht angriffen, so wurden sie durch Schmelzen mit kohlensaucem
Kali aufgeschlossen. Eine neutralisierte Auflösung in Salzsäure gab mit
Blutlaugensalz den charakteristischen roten Kupferniederschlag. Auf
hineingestelltem blanken Eisen bildete sich gleichfalls ein Kupfernieder-
schlag. Die Glassplitter, mit Soda auf einer Kohle geglüht, gaben ein
dehnbares Kupferkorn.
Das Färbende ist also eine pulverisierte, durch Kupferoxyd blau ge-
färbte, harte Glasfritte, und das Bindemittel Wachs.“
Alle diese chemischen Analysen sprechen eine gar deutliche Sprache.
Einfach wegleugnen lässt sich der Gebrauch organischer Bindemittel
und des Wachses bei der Wandmalerei der Alten nicht. Donner, zu
dessen „Freskotechnik“ der Alten die Verwendung des Wachses auf Wand-
fläche oder zur architektonischen Malerei nicht passt, erwähnt die obigen
Analysen von Länderer, Faraday und Semper überhaupt nicht. Er hätte
die' von diesen gefundenen Resultate doch nicht ungeschehen machen oder
die Gegenwart von Wachs in den athenischen Monumenten nicht für „zu-
fällig“ erklären können, wie er es mit dem von Ohevreul in deutlicher Menge
gefundenen organischen Bindemittel in den Bewürfen und Farben von Pom-
peji getan hat!
Vergleichen wir nunmehr die chemischen Reaktionen an den oben
(p. 130) angestellten Versuchen mit den chemischen Analysen, dann werden
wir erst verstehen lernen, dass die Verschiedenheit der Ergebnisse
der chemischen Analysen im innigsten Zusammenhänge steht
mit den verschiedenen Anwendungsweisen innerhalb ein- und
derselben Technik. Wir werden es begreifen, dass in den einfachen
Grundfarben, die in dei' Stuckraasse aufgetragen oder mit Kalk und Galle,
Leim- oder Bifarbe aufgemält waren , keinerlei in Alkohol lösliche organische
Substanz gefunden wurde; wir werden es natürlich finden, dass der Kalk
vorherrscht, selbst wenn organische Substanzen, wie etwa Oel (Venetianer
Seife), als Beigabe oder als Glättungsmittel verwendet wurden, und es wird
uns verständlich, dass diese organischen Substanzen nur in so geringer Menge
vorgefunden wurden, weil sie nicht zur Bindung, sondern nur zur Glättung
nötig waren oder als Mittel dienten, das Kalkbindemittel durch organische
Substanz (Eiweiss, Milch, Casein) zu festigen. Und dabei ist gar nicht in An-
schlag gebracht, wie gross der Unterschied der Erhaltung von Malresten sein
muss, je nachdem die Funde aus dem Süden (Pompeji, Sicilien, Athen) oder
aus dem Norden (St. Mödard, Paris) stammen; denn es ist offenbar, dass sich
organische Substanzen in trockenen Gegenden des Südens besser konservieren
können als in der dauernd feuchten Atmosphäre des nordischen Klimas.
Wie verschieden Reste desselben Urprungs sind und Reagentien
gegenüber sich verhalten, dafür kann das folgende als Beweis dienen:
Im Januar des Jahres 1895 übersandte mir der damalige Direktor des
Neapeler Museums De Petra auf meine Bitte eine kleine Kiste mit Bewurf-
stücken aus Pompeji. Beim Auspaoken zeigte sich, dass mehrere Stücke,
sei es durch unzweckmässige Verpackung oder durch unvorsichtiges Hantieren
der Zollbeamten, zerbrochen waren; die meisten Stücke waren einfarbiger Be-
wurf, auf den einige wenige Ornamente gemalt waren.
1. Gelber Bewurf auf ca. 5 cm dicker Unterlage, bemalt mit weissen
Streifen und grünen dick aufgetragenen Blättern, überdies verziert mit
zwei kleinen Kreissegmenten von oxyd violetter Farbe. Das Ganze etwa
20 cm im Quadrat.
147
Die gelbe Parbe des Bewurfes färbte bei lu Reiben mit
trockenen Lappen ab. Die anderen aufgemalten Farben blieben
fest und lösten sich schwer in S c h w e f e 1 äth e r. Salzsäure
brauste auf.
2. Zwei Stücke dunkelroten Bewurfes, auf 3 — 4cm dicker Unterlage;
ein Stück war mit weissem Streifen bemalt, auf dem noch Reste eines
Ornamentes zu sehen waren. Die rote Farbe färbte beim Reiben
wie die gelbe ab.
3. Blauer Bewurf, welcher in mehrere Stücke zerbrochen war;
die U/4 cm starke und sehr dichte Marmorstuckschicht war von der
darunterliegenden dicken Mörtel unterläge abgesprungen; auf dem blauen
Fond war seitlich ein breiterer schwaj-zer Streifen und auf diesem wieder
verschwommene Ornamente in weisser und gelber Farbe zu sehen.
Das Blau färbte beim trockenen Reiben ab, etwas weniger das Schwarz;
die blaue Stuckschicht, »velche insbesondere an den neuen Bruchteilen
deutlich bemerkbar war, hatte eine Dicke von ^/2 — ^/4 mm und ging
unter dem schwarzen Streifen weiter.
4. Drei Stücke von schwarzem oder grauem Bewurf, mit gelbem
aufgemalten Rand, auf welchem weisse Streifen als Abgrenzung gegen
den grauschwarzen Stuck sich befanden. Der grauschwarze Auftrag,
d. h. die oberste Schicht, war wie beim Blau in der Stärke von '/a mm
deutlich zu sehen.
5. Schwarzer Bewurf, auf 5 cm starker Unterlage, war scheinbar
auf weissen Grund aufgetragen und färbte ab; auf der schwarzen Schicht
waren einige Ornamentfragmente mit dicker Farbe aufgemalt.
6. Vier kleine Stücke weissen Bewurfes mit roten und grünen auffallend
leuchtenden Streifen. Die weisse Stuckschicht war ca. ^4 cm stark.
7. Zwei kleinere Stücke Bewurf mit braunem Rand, auf gelbe Stuck-
unterlage gemalt. Die Farbe ging beim Reiben nicht ab, doch löste
sie sich leicht in Schwefeläther.
8. Ein Stück Bewurf, schwarzfarbig auf weissen Stuck gemalt, worauf
einige kleine Blätter in dicker Farbe zu erkennen waren, verhielt sich wie 5.
Bei sämtlichen Stücken brauste Salzsäure auf.
Schwefeläther löste einzelne der aufgemalten Farben wie bei
7. leicht, bei 1. jedoch sehr schwer und nur bei sehr starkem Reiben auf.
Der schwarze breitere Streifen bei 3. wurde von Schwefeläther
wie auch von Alkohol gelöst.
Und ebenso sind wieder Stücke römischen Ursprungs in meinem Be-
sitz unter einander verschieden, je nachdem nur der Grund geglättet und die
Malerei ganz dick aufgetragen ist oder Malerei und Grund in einer Ebene
liegen. Während einzelne Stücke eine fast morsche Oberfläche haben und
mit dem Fingernagel eingedrückt werden könnten, haben andere wieder eine
fast steinartige Härte; auch habe ich römische Stuckreste in Händen gehabt,
die ebenso die Farben losliessen , wie es bei einigen pompejanischen Resten
der Fall war. Mit den letzteren stimmten wieder mehr die Stuckreste überein,
welche ich vom Leiter der Ausgrabungen in Carnuntum, Herrn Architekt Düll,
zur Vergleichung mit dem pompejanischen Stuck erhalten hatte. Darunter
befand sich
1. Ein sattes Rot auf schön geglättetem Grund mit hellgelben Ocker-
ornament, dick aufgetragen; der (xrund war Marmorstuck.
2. Ein Giün auf wenig geglättetem Sandmörtel.
3. Ein helleres Rot auf ganz ähnlichem Grund.
Während der rote Stuck und die Farben sich in trefflichem Zustand
befanden, waren die anderen Farben stark abgebröckelt und verblasst. Mithin
sind überall Verschiedenheiten zu verzeichnen, die entweder von der Art der
angewandten Technik oder von anderen äusseren Ursachen , wie z. B. der
Art der Verschüttung, der Feuchtigkeit des 1800jährigen Grabes u. dgl.,
herrühren.
2. Aus Rom.
3. Reste aus
Carnuntum.
10*
148
Einfluss des
glühenden
Aschentegens
..Künstliches
Pompeji“.
Versuch an
Original-
Stücken.
Bemerkenswert sind endlich die überraschenden Resultate
VI. der Versuche, den Einfluss grosser Hitze, wie sie bei der Verschüttung
von Pompeji durch den glühend heissen Aschenregen allerwärts geherrscht
haben muss, auf die Malerei und das Tectorium zu ergründen.
Diese Versuche wurden in folgender Weise angestellt: Verschiedene
bemalte Stücke wurden in den Aschenkasten unter der Feuerung meines
grossen, gewöhnlich mit Koks geheizten Atelierofens gelegt, und mit
einer Eisenstange wurde so lange glühende Kohle auf die Probestücke
gerieselt , bis diese vollständig und fingerhoch damit bedeckt waren. Dieses
„künstliche Pompeji“ wurde beim ersten Versuch dreimal wiederholt, wo-
bei noch bemerkt werden muss, dass einzelne Proben überdies der Hitze
des kaum spannhoch über dem Aschenkasten in voller Glut befindlichen
Koks eine halbe Stunde und länger ausgesetzt blieben. Nach vollständigem
Auskühlen wurden die Stücke von der anhaftenden Asche befreit und feucht
abgewaschen.
1. Versuch: Ein mit Zinnober bemaltes Stück wurde in vier Teile
zerbrochen und eines davon zum Vergleich zurückbehalten. Es waren
auf dem Probestück mindestens 4 — 5 Lagen von Zinnoberfarbe mit punischern
Wachs angemischt und letzteres allein aufgetragen, jede Lage bis zum
Schwitzen erwärmt und dann mit leinenen Lappen bis zum Glänzendwerde:i
frottiert worden, wie Plinius und Vitruv es bei Zinnoberanstrich vorschreiben.
Resultat des ersten „künstlichen Pompeji“. Es war keinerlei
Farbenveränderung zu bemerken , auch liess sich die mattgewordene Ober-
fläche wieder glänzend polieren. Ebenso wurden Stücke von weissem
unbemalten Tectorium derselben Prozedur unterzogen , ohne dass irgend-
welche Veränderung eintrat. Das 2. und 3. Stück des zinnoberroten wurde
ebenso wie das weisse Tectorium noch ein zweites- und darauf ein
drittesmal derselben „Feuerprobe“ unterzogen, und sie zeigten ausser dem
matteren Aussehen keine Veränderung.
2. Versuch: Wenn man einen Tropfen Salzsäure auf Originalstücke
aus Pompeji wirken lässt, so entsteht im Moment der Berührung Effer-
vescenz, d. h. die Flüssigkeit braust auf; es ist dies ein Zeichen, dass
die Farbenteilclien mit geringen oder gar keinen fettigen Bindemitteln auf
dem Tectorium haften. Auf mit Wachs oder Fetten überzogenem Be-
wurf wirkt die Salzsäure nicht effervescierend ; sind solche organische Sub-
stanzen in geringer Menge vorhanden, so entsteht erst nach einer
kleinen Weile die efi'ervescierende Wirkung. Das vorausgeschickt , kann
ich über den 2. Versuch berichten: Stück I der ersten Probe von zinnober-
rotem Tectorium wurde mit Salzsäure beträufelt; diese brauste nicht auf,
sondern blieb vollkommen stehen, ein Beweis, dass die Farbenschicht durch
das punische Wachs bedeckt war. Hierauf wurde das nämliche Stück
der Prozedur des „künstlichen Pompeji“ ausgesetzt und 30 Minuten, nach-
dem die glühende Asche darüber gerieselt worden, noch unter der Ein-
wirkung der Feuerglut gelassen. Nach einigpn Stunden wurde die er-
kaltete Asche entfernt; das rote Tectorium zeigte sich zwar nicht mehr
so glänzend, aber immer noch intakt, ausgenon)men eine kleine Stelle,
welche mit der heissen Asche, an der die Farbe anhaftete, abgewaschen
worden war. Aber das Auffallendste war, dass Salzsäure, darauf
getiäufelt, sofort effervescierend wirkte. Die Farbenschicht lag ohne
genügende Bindung auf dem Kalkstuckgrund, das Wachs musste dem-
nach von der heissen Asche aufgesogen worden sein.
3. Versuch mit Originalstücken aus Pompeji. Die unter 2. er-
wähnte Probe wurde noch einige Male mit demselben Erfolg ausgeführt und
zwar, um die Richtigkeit der obigen Schlüsse zu kontrollieren . auch mit
Originalstücken aus Pompeji. Ein Stück schwarzen Tectoriums, welches
ich nebst den anderen von Herrn Direktor de Petra in Neapel erhalten
hatte (unter 5 angeführt, vergl. p. 147), wurde mit punischern Wachs, wie
i
149
solches zu den früheren Versuchen verwendet worden, überstrichen , bis
zum Schwitzen erwärmt und hernach mit leinenen Lappen glänzend ge-
rieben. Salzsäure bewirkte auf diesem Ueberzuge von punischem Wachs
keine Eflfervescenz , obschon diese vorher sofort eingetreten war. Nach
dem „künstlichen Pompeji“, in gleicher Art angewendet, war die Wirkung
genau dieselbe, wie bei der vorigen Probe. Das Wachs war wieder ver-
schwunden und musste demnach von der heissen Asche aufgesogen worden
sein, denn die Salzsäure wirkte sofort effervescierend und genau so wie vor
dem Ueberzuge mit punischem Wachs.
Durch das Aufsaugen der Wachssubstanz von der heissen
Asche (wie auch ein Stearinfleck durch heissgemachtes Eisen in darüber
gelegtes Lösch papier eingesogen wird) erklärt es sich von selbst,
dass in dem pompejanischen Tectorium selten Wachs nach-
gew.iesen werden konnte, während an anderen Orten, welche
nicht durch eine so beispiellose Art verwüstet wurden, wie
Athen, Tivoli, Agrigent. Selinunt oder St. Mödard des Pres,
Wachs allein oder in Mischung mit Oelen oder Harzen in
bemalten Resten sowohl auf Wandstuck als auch auf Steinen
von den Chemikern Chevreul, Geiger, Paraday, Länderer und
Semper gefunden wurde. Es liegt demnach einzig und allein an
der Art der Vernichtung, die in Pompeji durch den Ausbruch des
Vesuv stattgefunden, dass dort kein Wachs sich hat nachweisen lassen, weil
es von der heissen Asche aufgesogen worden ist.
So erklärt sich auch der Zustand und das verschiedenartige Verhalten
der pompejanischen Wanddekorationen nach der Aufdeckung ganz von
selbst. Die grossen einfarbigen Grundflächen, welche ursprünglich durch
den Kalk des obersten Stuckauftrages genügende Festigkeit hatten und
durch das gleichzeitige Glätten glänzend gemacht waren , färben auch nach
der erfolgten Trocknung bei einfachem Wischen mehr oder weniger ab, weil
die Kalkbindung durch die 18 Jahrhunderte währende Nässe vollkommen
verloren gegangen ist. Dagegen haben die in Stuccolustro-Manier gemalten
Wände die staunenswerte Festigkeit nicht eingebüsst. Auf diesen auffälligen
Unterschied macht Presuhn in seinem Werke: Die pompejanischen Wand-
dekorationen, Leipzig 1877, p. 26 ff. mit Recht aufmerksam, ohne sich den
Grund erklären zu können.
Es wurde auch schon (p. 81) darauf hingewiesen, dass das Stucco-
lustro-Verfahren eine besondere Art der Festigung des
kalkhaltigen Stucco infolge der dabei verwendeten öligen
Substanzen bedeutet, nämlich die Bildung des schwer löslichen fett-
sauren Kalks (Kalkseife), und dass darin der Hauptunterschied von der
gewöhnlichen Art der Erhärtung bei Fresko zu erblicken ist.
Wenn aber die chemischen Analysen diese Kalkseife nicht nachgewiesen
haben, so liegt der Grund darin, dass stets nur äusserst geringe
Mengen einer fettigen Substanz zur Glättung der ohnehin schon sehr
dicht gemachten Stuckoberfläche nötig sind und , was hier besonders in
Betracht gezogen werden muss, dass Chevreul und Geiger die jetzt zu Gebote
stehenden Hilfsmittel zur Indentifizierung der Fett- und Wachssotten nicht
kannten. Die Durchsicht der in Betracht kommenden chemischen Analysen
ergibt, dass, ausser Chevreul in einem einzigen Fall (s. p. 139), niemand auf
Kalkseifen, die sich Lösungsmitteln gegenüber anders verhalten als Oele und
Wachs, untersucht hat. Kalkseifen lösen sich in Aether und Alkohol nur in
Spuren auf.
Das vielfach beobachtete matte Aussehen der Stuckflächen erklärt sich
dadurch, dass die an der Oberfläche vorhandene Kalkseife durch die viele Jahr-
hunderte hindurch wirkende Feuchtigkeit ihren Zusammenhang verloren und
die Oberfläche trübe geworden ist, gerade so wie auch polierter Marmor durch
gleiche Ursachen seinen Glanz verliert.
Eirklärung der
Abwesenheit
von Wachs in
Pompeji.
Kalkseifen.
150
Ab-
schliessende
Bemerkungen.
Was die Bindemittel der Farben betriflft, so konstatierte Chevreul
organische, stickstoffhaltige Substanz, dann
a) fette Materie,
b) harz- oder wachsartige Substanz,
c) fette Materie, welche Wachs oder ein Gemisch von Harz und Wachs
sein könnte.
Auch Geiger fand in den Oberflächenfarben immer eine stickstoffhaltige
und eine stickstofffreie organische Substanz; erstere könnte von dem Casein
der Milch herrühren, letztere von Fetten, Kalkseifen oder Wachs oder deren
Endprodukten ; auch könnte die gefundene fettige Substanz dem Fett der
Milch entstammen. Bei der Untersuchung des Grundes würde auch alles auf
verwendete Milch, auf Fett säuren (in Kalkseifen enthalten) event. Wachs oder
oxydierte Fettsäuren stimmen.
Mit Sicherheit ist aus diesen Untersuchungen also der Schluss zu ziehen,
dass organische Substanzen mit allgemeinem Pettcharakter gefunden
wurden. In einzelnen I^ällen schloss Geiger aus dem Geruch und der das
Wachs „charakterisierenden klebenden Empfindung“ auf Wachs; ebenso
Länderer, der nach dem Geruch „scheinbar Oel oder Wachs“ vermutete.
Alle Autoren, auch Semper, schliessen auf Wachs nach äusseren Merk-
malen, die nicht nur dem Wachs, sondern auch anderen Stoffen, z. B. hoch-
oxydierten, wachsähnlich gewordenen Fettsäuren zukommen, die sich sowohl
aus dem Wachs als auch aus Fetten und Oelen in langen Zeiträumen bilden
können. **)
Das wichtigste aber ist, dass diese Untersuchungen in vollster
Uebereinstimmung mit den Nachrichten des Vitruv und des Plinius sich
befinden und alles das bestätigen, was auf Grund der litterarischen Quellen
wie der Versuche und der technischen Tradition über die Technik der antiken
Wandmalerei gefolgert werden musste dass auch vielfach Stoffe organischer
Natur (Leim, Ei, Casein, Wachs, Oel) zur Verwendung gekommen sind. Und
wenn wir daraufhin die schwer verständliche Stelle des Vitruv (VII, 3, 7)
von der Zumischung von Stoffen anderer Natur (ex aliis potestatibus con-
latis seminibus seu principiis) prüfen, müssen wir zu dem Schluss gelangen,
dass er hier nur Stoffe organischer Art, die sich mit dem Kalk innig ver-
binden, gemeint haben kann. Die chemischen Analysen von Chevreul und
Geiger bieten hiefür genügende Beweise.
‘^) Die obigen abschliessenden Bemerkungen verdanke ich meinem chemischen
Gewährsmann, Herrn Georg Büchner, der sich der Mühe unterzog, die Analysen
durchzusehen. Die eingehendste Untersuchung attrömischer F’arben hat in neuerer
Zeit G. Büchner gemacht, worüber im Kapitel „Ende der Wachsmalerei“ und An-
hang III das Nähere zu finden ist.
(
151
VIII. Schlussfolgerungen.
Technische Verschiedenheiten innerhalb der antiken
W andmalerei.
Nach den umfassenden Studien des als Autorität für alles, was die
Altertümer Pompeji’s angeht, anerkannten Archäologen Aug. Mau sind vier
der Zeit nach einander folgende Stilarten in der antiken Dekorationsweise
der Wandmalerei zu unterscheiden u. zw.*)
1. Der Inkru stations Stil, der die kostspielige Täfelung oder In-
krustierung der Wände mit echten bunten Marmorplatten durch Bemalung
des Stucks nachz nahmen suchte, unter Anwendung von farbig verzierten Ge-
simsen und Leisten in erhabener Stückarbeit. Derartige Dekoration ist ver-
hältnismässig selten und nur in geringer Ausdehnung in Hauseingängen (Casa
di Salustio, del F'auno, Casa d’Olconio) oder in öffentlichen Gebäuden (Basilika)
angewendet (Abb. 19);
2. Der Architekturstil, der die glatten Stuckwände mit farbigen
Darstellungen architektonischer Art bedeckte, die perspektivisch gezeichnet
und durch Schattierung modelliert den Raum des Zimmers scheinbar er-
weiterten. Aus dem I. Stil hervorgegangen zeigt er oft Inkrustationswände
mit Säulenstellungen (Abb. 20), oder symmetrische Anordnung mit einem Ge-
mälde in der Mitte (Triclinium in der Casa di Livia zu Rom) und geht schliesslich
in vollständige Architekturmalerei über (bevorzugter Stil der römischen Villen,
Casa di Livia, Parnesina, u. a.) (Abb. 21 und 22);
3. Der ornamentale Stil, der durch andere als architektonische
Formen, z. B. Kandelaber oder Pfeiler, in schlichten aber schönen Ver-
hältnissen die Wandflächen in Felder teilt und das Mittelfeld als Zentrum
des Ganzen zur Aufnahme grösserer oder kleinerer Gemälde freilässt. Zu-
meist ist die Wandfläche in Fries, Hauptfeld und Sockel, mit Streifen als
Trennungs-Gliedern zwischen den einzelnen Feldern geteilt, derart, dass ob-
longe Rechtecke in aufrechter Stellung in symmetrischer Anordnung und
abwechselnder Färbung angebracht sind , oder der zwischen den symmetrisch
angeordneten farbigen Hauptflächen erübrigte weisse schmalere Streifen mit
durchbrechender Architektur äusgefüllt ist. Innerhalb dieses HI. Stiles sind
wieder Uebergangsforraen vom II. zum HI. und Annäherungen an den letzten
Stil zu bemerken (Abb. 23 und 24). Die besten der pompejan. Räume sind
in diesem ornamentalen Stil ausgeführt ; darunter das prächtigste Beispiel :
Casa dei Vettii (Abb. 25); endlich
4. Der phantastische Stil, der in lebhaften Farben und im freien
geistreichen Spiel dekorative Formen aller Art mit Architekturen und Land-
schaften, die einen Durchblick ins Freie oder auf Gärten zu gewähren scheinen,
mit Figuren oder umrahmten kleinen Bildern verbindet. Dieser letzte pomp.
Stil zeigt Beispiele solcher Darstellungen, welche der alternde Vitruv vom
Standpunkte des rechtschaffenen Baumeisters als „Ausgeburten einer sinnlosen
’) Aug. Mau, Geschichte der dekorativen Wandmalerei in Pompeji, Berlin 1882
(nebst Atlas).
Stilfolgen
nach Mau.
152
Abbild. 19. Wanddekoration des I. Stiles, Inkrustationsstil (nach Mau).
Gartenwand eines Hauses in Pompeji.
Mode“ mit folgenden Worten verurteilt (VII 5) : „Statt der getreuen Nach-
bildung wirklicher Dinge sieht man lauter phantastische Dinge, die es nicht
gibt, nie gegeben hat und nie geben kann — Rohrhairae statt Säulen, an
Stelle von Giebeln geschweifte Zieraten mit krausen Blättern und spiralförmig
verschlungenen Ranken , Kandelaber als Stützen von Tempelchen , über den
Giebeln aus dort wuchernden Gewächsen zarte Stengelchen sprossend mit
geringelten Ranken, auf welchen in sinnloser Weise Figuren sitzen, und sogar
noch aus den Blumen, welche aus den Stengeln treiben, kommen Halbfiguren
bald mit menschlichen, bald mit Tierköpfen zum Vorschein.“
Abbild 20. Wanddekoration aus dem Haus des M. Gavius Rufus (Pompej).
Wand des Vorräumes und Teil der Wand des Triclinium. Inkrustationsstil, Uebergang
zum Architekturstil.
An dieser klassifizierenden Beschreibung der verschiedenen Stilarten
innerhalb der antiken Wandmalerei wird der Pleiss und die Beobachtungsgabe
späterer Forscher wohl nur wenig zu verbessern finden. Vergleichen wir nun-
mehr diese Resultate der kunstarchäologischen Forschung und die an alten
Wandmalereien beobachteten Eigentümlichkeiten mit den von uns festgestellten
kunstteohnischen Ergebnissen, so drängt sich vor allem die Frage auf; Ist in
153
allen den verschiedenen Stilarten die gleiche Technik geübt worden, oder bat
jede Stilart für sich Besonderheiten der Technik zur Folge gehabt? Oder mit
anderen Worten : Hat sich die Technik der Wandmalerei im Laufe der Zeiten
geändert?
Diese Frage muss ganz entschieden mit Ja beantwortet werden, schon
aus dem einen Grunde, weil sich jede Technik den Zwenken des Stiles an-
schmiegt, und dieses Anschmiegen gerade beim antiken Stucco sehr deutlich
bemerkbar ist; wenn die Grundflächen schon in der Masse gefärbt wurden,
um die Dekorationseihteilung von vorneherein festzustellen, so liegt darin
schon das Prinzip, das Material selbst zum Ausgangspunkt der
Dekorationsart zu machen. Aber dieses Prinzip zeigt uns die Technik
bereits auf der höchsten Stufe der Vollendung, weil das Material bis zum
äussersten Masse verwertet erscheint, und es muss Vorstufen dieser Technik
gegeben haben, bei welchen das oben angegebene Prinzip noch nicht an-
gewendet worden ist.
Folgen wir der historischen Reihenfolge der Stilarten nach Mau, dann
werden wir auch tatsächlich wedei im Inkrustationsstil und noch weniger
ira Architekturstil die Merkmale finden, die auf den in der Masse gefärbten Stuck
hinweisen. Im ersten Stil ist der zu schnelle Wechsel von farbigen Flächen
dem Prinzip der gefärbten Stuckschichten nicht besonders förderlich, und
im zweiten aus dem Inkrustationsstil hervorgegangenen Architekturstil ist
farbiger Stuck bei der Ausführung der frei angeordneten Architekturen direkt
hinderlich. Erst im sog. ornamentalen Stil ist die Verwendung der gefärbten
Stuckschichten als Besonderheit des Dekorationsschemas zu bemerken , so
dass es stets leicht ist, die farbigen Grundflächen in Fries, Felder, Zwischen-
felder (Kandelaber) , Sockel zu trennen , während bei den ersten beiden Stil-
arten eine solche Trennung meistens nicht möglich ist. Das Erkennungszeichen
dieser Stile ist vielmehr ein Hindurchgehen der Architekturen mit
perspektivischen Verkürzungen vom Mittelfeld über den Sockel und bis
zur Decke (Abb. 21 und 22), während beim ornamentalen Stil ein solches
Uebergreifen der Formen von einem Dekorationsglied zum andern selten vor-
kommt. Nur in spätereren Zeiten des phantastischen Stils, da Mischungsformen
früherer Stile allgemein verwertet wurden, finden wir die Prinzipien gemischt.
Einfluss auf
die Technik.
Kennzeichen
und Unter-
scheidungen.
Vom rein technischen Standpunkt müssen wir demnach in der antiken
Wandtechnik zwei Arten unterscheiden:
1. Die gesamte Dekoration ist auf weissen oder einfarbigen
Grund aufgemalt (L und II. Stil),
2. die Dekoration ist auf in der Masse verschieden gefärbten
Grund gemalt (Hl. und IV. Stil).
Diese Unterscheidung bezieht sich zunächst auf die Anlage der Ge-
samt-Dekoration eines Raumes. Was die Malerei selbst betrifft, so müssen
noch weitere sehr wichtige Unterscheidungen gemacht werden, die sich auf
die Art und die Reihenfolge der Mal- und Glättungsarbeit beziehen.
Es muss nämlich unterschieden werden:
1. Ob nur die Grundflächen glänzend glatt sind, die darauf
gesetzte Malerei aber rauh und erhaben ist, (wie es das
zinnoberrote Stück mit gelbem, dick aufgemaltem Ornament, das
schwarze Stück mit dön grünen Blättern, die rote Probe mit dem
Vogelkopf und die rotviolette mit dem Blumengerank meiner Kollektion
von Originalen zeigt), oder
2. ob Grund und Malerei in einer Fläche liegen , die letztere
also gleichzeitig mit dem Grund geglättet sein muss, wie dies in
dem aus der antiken Wandtechnik hervoi’gegangenen Stuccolustro
der Fall ist (vergl. das Mittelstück rn. Kollektion), oder
3. ob sowohl der Grund als auch die darauf gemalte De-
koration, jedes für sich und nach einander, geglättet wurden
(vergl. das schwarze Stück mit der Weintraube m. Kollektion).
154
Abbild. 21. Römisrho Wandmalerei aus Casa di Livia (Palatin). Architekturstil, II. Stil nach Mau.
Versohieden-
artigkeit des
technisclien
Vorgangs.
Ornamentaler
Stil.
Aus diesen verschiedenen Arten der äusseren Erscheinung antiker
Wandmalereien ergibt sich naturgemäss auch eine V e r s chi ed e n a r tigkeit
des technischen Vorganges bei Ausführung der Dekorationen in den
einzelnen Stilarten selbst. Das technische Geschick der antiken Dekorations-
künstler hatte auch hier sehr bald herausgefunden , auf welche Weise am
schnellsten und wirksamsten vorgegangen werden musste, damit der Schluss-
effekt der glänzenden Flächeam besten erreicht werden könnte. Als technische
Mittel hatten sie zur Verfügung: den weissen oder gefärbten Stuck, die
Kalkfarben zur allgemeinen Anlage, die Tempera als Vollendungstechnik,
schliesslich die Glättu ngs m ethoden selbst, die sie passend entweder als
Vorarbeit oder als Zwischenglied oder als Vollendungsarbeit gebrauchten.
Im ornamentalen Stil z. B. ist das Dekorationsprinzip auf der leicht
ausführbaren Aneinanderreihung von oblongen, entweder vertikal
oder horizontal abwechselnden farbigen Flächen gegründet; wo der-
artig in der Masse gefärbter Stuck an den andersfarbigen stösst, musste stets
durch Linien oder Bänder ein Uebergang hergestellt werden, denn so gleich-
mässig lässt sich der Stuckauftrag kaum machen, dass nicht ab und zu die
Ränder der einen Stucklage in die Ränder der angrenzenden übergreifen.
Die daran schliessenden Bandstreifen decken zumeist oder immer die
Ränder und müssen, da sie vielfach sehr schmal sind , mit dem Pinsel auf-
gemalt worden sein, ja man kann sich dies technisch gar nicht anders denken
Wenn wir also von der Färbung der Flächen behaupten, dass diese in der
Masse gefärbt mit der Kelle aufgetragen wurden, so kann man dies kaum
von den Bandstreifen oder kleineren Zwischenflächen annehmen ; sie sind ge-
wiss mit dem Pinsel aufgetragen, durch das darauffolgende Glättungsverfahren
mit dem Untergründe innig verbunden, und — darin liegt das Erkennungs-
zeichen — man sieht trotzdem keinen Pinsolstrich I Durch die Glättungs-
operation wird eben die Pinselspur vernichtet, die Glättkelle legt alle
Striche und Anhäufungen von Farben in eine ebene Fläche, sie verbindet
die Farbenschichten mit der noch weichen Unterschicht zu einem einzigen
Körper. Bei den meisten Dekorationen dieses (ornamentalen) Stiles wird man
genau unterscheiden können zwischen der geglätteten Grundanlage und den
aufgemalten Ornamenten, figürlichen oder anderen Bildern, deren Farbenschicht
deutlich auf der Unterlage erhöht aufgemalt ist.
I
— 155 —
Abbild. 22. Röm. Wandmalerei im Architekturstil. Orig, im Thermen-Musoum, Rom.
Abbild, nach Mitt. des kais. archUolog. Instituts.
Anders ist dies beim sogen. Architekturstil; Bei vielen Beispielen
dieses Stiles und darunter vielleicht bei den allerbesten Malereien und De-
korationen in Rom, Herculanum und Pompeji hat es den Anschein, als ob
Untergrund und Malerei miteinander einen Körper bilden, und die
ganze Malfläohe in einer Ebene liege, oder als ob zwar Schichten zu
bemerken seien, die oberste Schicht aber dennoch eine vollkommen geglät-
tete Fläche bilde, gleichgültig ob die Malerei auf gefärbten oder weissen
Grund aufgetragen ist. Dies ist nur denkbar, wenn die Farben gleichzeitig
mit dem Grunde geglättet worden sind. Diese Möglichkeit bietet aber
einzig und allein das Stuocolusti-o-Verfahren , ja es ist sein vor allen
übrigen Techniken der Wandmalerei hervorstechendstes Merkmal und in diesem
Punkte stimmt es vollkommen mit Vitruv’s Forderungen des „wie ein
Spiegel glänzenden Tectoriums“ überein. Wir haben auch wiederholt erklärt,
dass eine Stuckmalerei auf Kalkgrund und mit Kalkfarben ausgeführt, nur
dann glänzend wird, wenn man sie glänzend macht, diese antiken Malereien
demnach eine Glättung erfahren haben müssen. Aber nicht nur in einer
Schicht sind die Glättungen möglich, man kann auch mehrmals nacheinander
Architektur
Stil.
156
Abbild. 23. Wanddekoration in Casa di Sirico, Pompeji. Ornamentaler Stil (III. nach Mau.)
Pompejanißcbe Manier (die Felder sind in der Masse gefärbt aufgetragen).
Abbild. 24. IJemalte Wand des Maceilum (Fleiachmarkt) in Pompeji. Ornamentaler Stil mit
Zwischenfeldern im Architekturstil.
157
Abbild. 25. Reiches ZiiniDer in Caea dei Vettii zu Pompeji. (Der Sockel zeigt Marmonnalerei.)
Abbild. 28. Wanddekoration im Haus der Llvia, Palatin, Rom. (Stuccolustromanier.)
158
Pi?Urliche
Malerei.
Abbild. 26. Die Braulscbmilcfeung. Herculanisches Wandgemälde. (Museum zu Neapel.)
glätten . so dass Schichten übereinander liegen und mehr oder weniger fest
mit dem Grunde verbunden sind. Allen diesen Malereien gemeinsam bleibt stets
die geglättete Fläche.
Was von den Wanddekorationen gesagt wurde, das gilt ebenso auch
von den auf die Wandflächen aufgemalten Malereien figürlicher Art.
Sie sind in derselben Technik gemalt wie die Wände rings herum , sie sind
ebenso behandelt: entweder in dicker Parbenschicht aufgetragen
(wie die Ornamente und schwebenden Figuren in Pompeji), oder geglättet
und in einer Ebene mit der Umgebung (wie die Säulchen und Ar-
chitekturen herkulanischen Ursprungs). Wie gross dabei der Unterschied
stilistischer Art in derselben Technik sein kann, zeigen die beiden
Abbildungen Abb. 26 und Abb. 27 herkulanischer Wandgemälde im Museum
zu Neapel. A.bb. 26 stellt die „Brautschmückung“ dar, eines jener von derselben
Hand gemalten vier Gemälde, die am Boden eines unfertigen Raumes ge-
funden worden sind. Der Stil ist rein griechisch^): alles gemessene Ruhe
und auf Linienschönheit komponiert. Die Figuren sind nur U/2 Spannen
hoch. Das andere Gemälde (Abb. 27) zeigt in lebensgrossen Figuren Herakles
und Telephos, die Arkadia, eine geflügelte Figur und einen Faun im Hintergrund,
alles auf grosse Form und Massenwirkung komponiert. Stilistisch ist der
Unterschied so gross wie etwa zwischen Mantegna und Tizian, und dennoch
ist die Technik des Farbenmaterials dieselbe; beide Bilder sind Beispiele
Ausser diesen vier kleinen herkulanischen Bildern, Brautschmückung,
Schauspielersieg, das Konzert und Achilles und Patroklos (Helb. N. 1435,
1460, 14tö u. 1389b) sind noch folgende grössere Wandbilder aus Pompeji meiner
Meinung nach griechischen Ursprungs, u. zw. die Gegenstücke: Mars, Venus und
Amor (Helb. N. 325) und der bestrafte Amor (Helb. N. 826).
159
Abbild. 27. Herakles und Telephos. Herculanisches Wandgemälde mit
lebensgrossen Figuren. (Museum zu Neapel.)
von geglätteter Stuckmalerei, die für die - antike Technik charakte-
ristisch ist.*)
®) Auf diese Glättung der Malerei, ohne jedoch die Art des Verfahrens zu
kennzeichnen, hat auch Wiegmann (Mal. der Alten p. 45) kurz hingewiesen , da er
sagt: „im Falle man reine Farben anwenden wollte, so legte man zuvor einen Grund
von reichlicher Kalkfarbe, ebnete diesen zuweilen auf irgend eine Art, und
trug dann, so lange er noch feucht war, die reine Farbe darauf.“ Auch Donner spricht
vom Plattdrücken der Freskofarbe (p. 115) als notwendiger Operation in bestimmten
Fällen: „Oft ist die Impastierung der Lichter so stark ausgefallen, dass der Maler,
namentlich bei kleineren Bildern, genötigt war, mit einem Instrumente die zu
starken Erhöhungen platt zu drücken“, und er erwähnt ausser den beiden bekannten
Bacchantehgruppen aus casa del naviglio im Museum auch die sog. „Toilette des
Hermaphroditen“ in casa d’Adonide ferito, das „Erotennest“, (p. 116) und bezeichnet
die vier herkulaiiischen Bilder, welche er „die schönsten Beispiele für eine Gattung
kleiner, höchst anmutig behandelter Freskogemälde“ nennt, als Muster von zu starker
Impastierung, die plattgedrückt werden musste, nachdem der Grund die Farben an-
gezogen hatte u. s. w.
Dass aber dieses Plattdrücken eine naturgemässe Folge der Stuccolustro-Glättung
sein könnte, daran hat weder Wiegmann noch Donner gedacht, obwohl der letztere
sehr richtig an dem Gemälde „Herakles mit Telephos“ (Abb. 27) beobachtete, dass
an der inneren Armkontur der Arcadia und an dem äusseren der Flügelfigur (vgl.Wandm.
p. 76 und die beiden Abbildungen Fig. 25 und 26 seines Werkes) „ein Plattstreichen
des Grundes vermittels eines Instrumentes, dessen Eindrücke man noch er-
kennt“, vergenommen wurde. Donner glaubt, dass dieses Plattstreichen nur bezwecken
sollte, fehlerhaft eingedrückte Konturen zu verbessern und schliesst daraus auf reinp
160
Beispiele von
Stuccolustro
in Pompeji.
Eingedrückte
Hilfslinien.
Und wie treffliche Beispiele von Stuccolustro-Glattung bieten einige
der hervorragendsten Dekorationen in Pompeji selbst! Gerade das grösste
der Bilder, der mehrfach erwähnte verwundete Adonis, die grossen Landschaften
im Peristyl der casa della fontana piccola (hinter der Fontaine), die ohne
sichtbaren Ansatz vorzüglich geglätteten Frieslandschaften daselbst, dann
nebst vielen anderen die Perle aller pompejanischen Dekorationen, das wunder-
bar schöne Tablinum in der Casa dei Vettii mit den roten und schwarzen ab-
wechselnden Feldern, den entzückenden Kinderffiesen und Pilasterornamenten,
wo die Felder und Sockel unmerklich aneinander gesetzt und so vortrefflich
geglättet sind, dass es eine wahre Augenweide ist.
Die ungemein grosse Geschicklichkeit der antiken Dekorationsmaler, ihre
bravouröse Art, ohne jede Vorzeichnung oftmals sehr komplizierte Ornamente,
architektonische Details, selbst Figuren und ganze Gruppen auf die Wand zu
malen , setzt uns heute vielfach in Erstaunen. Eigentlich ist dies nichts
weiter als die Folge grosser Uebung. Aber in sehr vielen Fällen halfen sie
sich mit vorherigem Ziehen von Hilfslinien, die mit einem stumpfen Stift
in die nachgiebige geglättete Stuckmasse markiert erscheinen. Solche Linien
sieht man sehr oft, sowohl bei Ornamenten als auch bei Figuren. Man hat
derlei Markierungen vermutlich allgemein verwendet; aber heute sehen vvir
sie zumeist nur an Stellen, wo die Malerei abgesprungeri ist oder die nachherige,
abermalige Glättung nicht genügt hat, um die Eindrücke des Instrumentes
ganz zu verwischen. Solche in den noch weichen Stuck eingedrückte
Markierungslinien®) sind an Malereien in Pompeji auch von Wiegmann (s.
oben p. 67) bemerkt worden.
Ganz auffallend ist, dass an den im Architekturstil gemalten Dekorationen
sich derartige Direktionslinien äusserst selten nachweisen lassen, und auch
deshalb ist die Vermutung begründet, dass hier die Stuccolustro-Glättung
mehr Verwendung gefunden hat als im ornamentalen Stil; damit erklärt sich
auch das vielfache Absprengen der aufgemalten Figuren beim ornamentalen
Freskotechnik, „da dies nur auf frischem Stuck geschehen konnte“. Wer Stuccolustro
je geglättet hat, muss aber sofort erkennen, dass an diesen Stellen der weiche Stuck
die Spuren des Glätteisens zeigt, und diese hier deshalb so deutlich erkennbar sind,
weil die ganze Fläche des Bildes konkav gewölbt ist, und die Glättungsarbeit da-
durch viel schwieriger wird, als bei ebener Fläche. Das ganze grosse Gemälde ist
ein Beispiel vortrefflich hergestellter Stuccolustro-Glättung.
^) Von Malereien im Museum von Neapel sind bes. zu erwähnen: Katalog
Nr. 8593 , 8594, Teil einer Wanddekoration mit den Fischen und den Rebhühnern an
den Seiten , die Tempellandschaft in der Mitte mit dem perspektivisch angeordneten
Brunnen. Nr. 9919—21 Pilaster mit Blumen und Tieren, die an Raphaels Loggien er-
innern, Nr. 9922—27 und 9886 und 87 mit dem entzückenden miniaturartig dureh-
geführten Details, Nr. 9762 Füllung, und die beste von allen diesen Meisterleistungen
der Ornamentik Nr. 9757 Pilaster mit der reizeud feinen Zeichnung (Schaft mit Blumen
und Vögelchen); abgebildet bei Mau Tafel XX.
®) Sehr deutlich an dem bekannten Bilde „Opferuugderlphigenie“ (s. Donner,
Taf. B Fig. 1). Die Vorzeichnung ist hier an manchen Stellen fast störend deutlich
zu sehen, weil beim Glätten der Grund doch nicht mehr weich genug war, um sich
mit den eingedrückten Konturen vollständig zu verschmelzen.
®) Besonders deutlich an folgenden ornamentalen Beispielen des Museums zu
Neapel; Nr. 9734, auch die Kreislinien mit dem Zirkel gezogen, 966 die Quadrat-
einteilungen, oft absetzend in kurzen Linien, dann wieder gerade gezogen und leicht
eingedrückt, ebenso 9731 die Direktionslinien deutlich vertieft (s. im Anschnitt „Mal-
geräte“ die Nachweise der hiezu geeigneten Instrumente). Einige Fälle von ein-
gedrückten Konturen in Gemälden sind zweifellos auf die angedeutete Art der Auf-
zeichnung auf feuchten Stuckgrund zurückzuführen ; zumeist sind diese Direktions- oder
Hilfslinien durch die nachherige Glättungsarbeit, wieder verschwunden oder durch die
Dicke der Farbe unsichtbar gemacht. Sehr deutlich sieht man aber solche Linien
noch an den in Sockelhöhe herumlaufenden schwarzen Streifen im Tricliuium der
Casa del poeta (s. Donner p. 92), mit den Centaurenkämpfen, bei welchen überhaupt
nur mehr die eingeritzten Linien zu sehen sind, während der Regen die Farben
ganz und gar abgewaschen hat. An den schwebenden Figuren im Triclinium der
asa dei Vettii links vom Mittelbild (Dädalus und Pasiphae) sind noch an den
unteren Partien, wo die Farben abgelöst sind, die Hilfslinien zu sehen, die der Maler
hier mit grosser Sorgfalt und genau gemacht hat.
161
Stil , weil hier diese Figuren in Tempera-Manier gemalt sind , ohne nachher
durch die letzte heisse Glättung mit dem Grund verbunden worden zu sein.
Und wie im Architekturstil, bei welchem immer ziemlich grosse Fachen in
Einem geglättet und die Ansätze äusserst geschickt verdeckt werden konnten, ’)
so ist es auch bei Gemälden grösseren Umfangs (der oben p. 75 erwähnte
verwundete Adonis , das Mittelbild im Peristyl der casa di Sallustio mit den
lebensgrössen Diana und Adonis u. a.) der Fall, wo man weder von Ansätzen
noch von Hilfslinien etwas bemerken kann.
Hervorragende Beispiele von Stuccolustro-Glättung bieten auch die
römischen Stuckmalereien z. B; in der Gasa di Livia am Palatin; hier sind der stuccoiustro
Raum mit den Fruchtgirlanden , das rechts anschliessende Speisezimmer und
der im Architekturstil gehaltene Mittel raum Muster von vollendeter Stuccolustro-
Technik und selbst heute noch ist die Wandmalerei „geglättet wie ein Spiegel“,
die Pinselstriche der Farben liegen im Niveau des Grundes, selbst wo sie
scheinbar dick aufgetragen sind (s. die Blätter der Girlanden, Abb. 28). Ebenso
deutlich kann man die Stuccolustro-Glättung ganzer Wanddekorationen an,
den herrlichen Resten des in den Farnes in ischen Gärten ausgegrabenen
römischen Hauses (jetzt im Thermen Museum zu Rom) beobachten, und wenn
auch manche Teile dieser nach jahrhundertelangem Grabe wieder aufgedeckten
Malereien in schlechtem Zustande sich befinden, so muss man dennoch an
der' wunderbaren Erhaltung der meisten übrigen Teile erkennen, dass sie ihren
jetzigen Zustand der vorzüglichen technischen Ausführung des Stuccolustro
zu verdanken haben.
Aus all’ dem kann gefolgert werden, dass Stuccolustro eine antike Technik
ist. Zweifel können nur darüber bestehen, ob es die einzige antike Technik
der Wandmalerei gewesen ist und ob nicht noch andere Arten von den alten
Praktikern gekannt und ausgeübt worden sind. ^)
Meiner Ansicht nach hat es mehrere Arten der Stucktechnik gegeben, *^ohrere^Arten
je nach dem Zwecke der Räumlichkeiten, die ausgeschmückt werden sollten, stucktechnit
nach dem Bedürfnis und dem Geschmack des Eigentümers, wenn er reichere
oder einfachere Dekorationen liebte, oder nach dem Stil der herrschenden
Mode. Deshalb sind auch die Wandmalereien verschieden in der äusseren Er-
scheinung, verschieden in der Tlrhaltung infolge der angewendeten Technik
und verschieden auch nach der Oertlichkeit infolge des verwendeten Materials.
Es mag zur Zeit des alten Rom nicht anders gewesen sein als jetzt, und dass
man für untergeordnetere Räume einfachere Ausstattungen wählte als für
das Atrium und Tablinum, ist wohl selbstverständlich. In einfacheren Räumen
wurde auch weniger auf malerische Ausschmückung Wert gelegt; selbst ge-
ringeres Stuckmaterial genügte in solchen Fällen. Deshalb sind in Pompeji
oftmals die Stuckschichten sehr schwach und in ihrer Zusammensetzung
von solchen in besseren Räumen oder in römischen Häusern deutlich ver-
schieden ; wir brauchen uns nur an Vitruv’s Ausspruch zu erinnern , dass
der Glanz des Tectoriums von der Dicke der Stuc k schichten abhängt,
um zu begreifen, wie der Effekt des Ganzen davon abhängig ist, und wie hier,
so sind auch andere Verschiedenheiten antiker Stuckmalereien die Folgen des
technischen Verfahrens.
') Nur mit Mühe und durch Abfühlen mit der Hand lassen sich die Ansätze
finden; so z. B. sind im Atrium der Casa di Livia (Palatin) die Ansätze direkt an den
Säulen gemacht, aber so geschickt darangeglättet, dass es wie eine ebene Fläche aus-
sieht. An den prächtigen Dekorationen im Thermen Museum (Rom) habe ich An-
sätze überhaupt nicht entdecken können ; die Räume sind sehr klein gewesen und
dadurch war das Glätten ganzer Wandflächen möglich, ohne irgend zu Ansätzen
gezwungen zu sein.
®) Einer der tüchtigsten italienischen Stuckateure, befragt, in welcher Art
seiner Ansicht nach in Pompeji gearbeitet wurde, gab .mir zur Antwort: „In Fresko,
Stuccolustro und Encausto.“ Auf meine Entgegnung, dass die Enkaustik nach
Plinius nicht auf Wandfläche anwendbar wäre, erwiderte er: „Doch, gibt ein Enkausto,
aber ohne Wachs; wenn Sie bestellen, mache ich; aber sagen tue ich nicht!“
11
162
Aeltesto Art.
Malereien
aus Solunto.
Verschiedenheiten technischer Art mögen demnach im Altertum vor-
handen gewesen sein, nicht allein infolge der angewandten Methoden des
Grundierens, des Malens und des Glättens, sondern ausserdem auch infolge
der' zeitlichen Entwicklung.
Die Frage nach der ältesten A;’t hat mich lange beschäftigt, ohne
dass ich zu einem Resultat gelangte. V or dem ornamentalen Stil und der
Stuccolustro-Manier , die beide in ihrer Art das Material vollständig aus-
nützten, muss es doch primitivere Manieren gegeben haben, aus denen
sich erst die vollkommneren entwickeln konnten. Welches ist aber diese
primitivere Art? Ist sie in der Art der Malereien etruskischer Grabkammern
von Corneto, Chiusi oder Ruvo, deren Technik noch nicht ermittelt ist, zu
erblicken? Oder ist sie auf griechischem Boden zu suchen? Dass die Technik
zur Zeit des Unterganges von Pompeji eine andere war, als zur Zeit der
Gründung von Rom, und verschieden von dem Verfahren im Athen des
Perikies, in Sizilien und an der nordischen Grenze des römischen Reiches,
darüber wird kaum gestritten werden können.
Zu den ältesten Malereien, die ich bis jetzt gesehen habe, gehören
die im Museum zu Palermo aufbewahrten fünf Felder aus einer Grabkammer
oder einem Tempelgemache aus Solunto. Anfänglich interessierte mich nur
der Stil dieser Malereien , die in einfachen Blumengewinden und herunter-
hängenden Bändern auf schwarzem Grund über einem Sockel von verschieden-
farbigem Quadermauerwerk bestehen. Dieses Motiv' wurde später viel be-
nützt (s. Abb. 20 und Abb. 28), es findet sich gleicherweise in Pompeji und
in Rom, aber die Variante von Solunto scheint mir ganz und gar von anderer
Art: alles ist viel strenger gezeichnet, die Blumen und Blätter ohne den
Schwung und die Grazie der Spätzeit; die Bänder sind nicht durch den Wind
bewegt, sondern hängen schlaff herab und sind mit eigentümlichen Stick-
mustern geziert ; aber was dem Ganzen erst einen besonderen Stil verleiht,
das ist die tiefe, satte und ernst gehaltene Farbenstimmung, die mit
dem leichten und freudigen Kolorit der späteren Stuckmalereien nicht ver-
glichen werden kann. Der schwarze Grund ist hier nicht in der Masse ge-
färbter, sondern bemalter Stuck, und man kann deutlich an dem wenig gut
erhaltenen Stuck einen unter der schwarzen Farbe hindurchgehenden gelb-
lichen Grund durchschimmern sehen, wie solcher entsteht, wenn man
frischen Stuckgrund mit Oel tränkt. Diese Eigentümlichkeit hatte ich
bei gelegentlichen Versuchen, den Stuck mit anderen Mitteln als mit Venetianer
Seife zu glätten, kennen gelernt; ein solcher Grund ist zwar glatt, aber er
hat nicht die Widerstandsfähigkeit und innere Festigkeit der späteren Art.
Aus diesem Grunde ist die Erhaltung der Malereien aus Solunto auch eine
geringere als bei Stuckmalereien aus Pompeji und Rom. Möglicherweise
gebe ich mich hierin einer Täuschung hin, wenn ich die Methode des Glättens
mit Olivenöl für älter halte als diejenige mit punischem Wachs und Oel
(Ganosis). Jedenfalls ist aber dieses zweite Verfahren, nämlich die Ganosis
des Vitruv , älter als die Stuccolustro-Methode aus der Zeit der römischen
Kaiser im II. und III. Jhd. nach Christus, und dass zwischen den Malereien
von Solunto und den spätrömischen Dekorationen 4 Jahrhunderte liegen, be-
rechtigt schon zu der Annahme verschiedenartiger Arbeitsmethoden. Und so
glaube ich die so bizarr erscheinende Anweisung von dem „Tränken des
Grundes mit Oel“ (s. oben p. 117), wenn sie wirklich auf alter Tradition be-
ruhen sollte, für noch älter halten zu sollen als alle die späteren Glättungsarten.
Bei meinen Versuchen habe ich gefunden, dass auf Vitruv’schem Stuck-
grund nur dann eine wirklich satte und tief schwarze Farbe erzielt werden
kann, wenn die nach Vitruv’s eigener Angabe mit Leim angemischte schwarze
Farbe vor dem völligen Trocknen mit Olivenöl bestrichen wurde,
und das gleiche war auch bei anderen mit Leim gemiscnten Farben der
Fall, die als Grundfarbe auf Stuck gemalt wurden. Es haben sich Unter-
schiede konstatieren lassen, je nachdem als Bindemittel Ei oder Casein (Milch)
oder Mischungen von Kalk und Galle dienten, und je nachdem die Glättung
163
mit heissem Mittel und heissera oder kaltem Eisen vorgenommen wurde.
Auf diese Weise habe ich mehrere Arten herausgefunden, die irb Altertum
gewiss angewendet worden sind und die durch passende Kombination noch variiert
werden könnten. Diesen umfassenden Versuchen und kombinierten Verfahren
zufolge könnten antike Manieren**) die folgenden sein:
1. Griechische Manier.
Die einfarbigen Flächen sind nicht in der Stuckmasse gefärbt auf-
getragen; mit Kalkfarbö werden alle Flächen, Linien und Bänder
aufgemalt und mit heissem Oel überstrichen und geglättet. Ojma-
mente werden mit Ei oder Leim -{- Galle (ev. in Mischung mit Kalk)
aufgemalt und geglättet. Schlussüberzug mit punischem Wachs.
2. Pompe janische Manier.
Die letzte Stuckschicht ist, den Feldern entsprechend verschieden,
in der Masse gefärbt, mit Vcnetianer Seife überstrichen und entweder
kalt oder heiss geglättet. Die darauf gesetzte Malerei wird mit Ei
oder Leim oder Käseleim (nebst Kalk -|- Galle) gemalt, aber nicht
geglättet. Ornamente u. s. w. liegen erhöht auf geglätteter Unter-
lage. Schlussoperation wie bei 1.
3. Römische Manier (Stuccolustro). Stuckfläche wird nicht in
Flächen gefärbt, sondern weiss aufgetragen, dann mit Venetianer
Seife und kaltem Eisen leicht geglättet; die gesamte Dekoration mit
Stuccolustro-Masse + Galle oder eventuell mit Eiklar vermischt auf
die frisch geglätteten Flächen aufgemalt, nach oberflächlicher Trock-
nung (am nächsten Tag) mit heissem Eisen geglättet. Grund und
Ornamente u. s. w. liegen in einer Fläche. Schluss Überzug:
Einölen und Wachsen.
4. Tempera-Manier auf frischem Grund.
Die Irischen Stuckflächen werden mit Farben, die mit kalkhaltigen
Bindemitteln (Leim -j- Kalk, Casein -j- Kalk , Eiklar -|- Kalk) unter
Zugabe von Galle angerieben sind, bemalt, nach oberflächlicher Trock-
nung in Stuccolustro-Manier mit kaltem, mitunter auch mit heissem
Eisen geglättet. Diese Manier eignet sich sogar, grosse einfarbige
Flächen zu färben oder ganze Dekorationen auszuführen.
5. Gemischte oder enkaus tische Manier.
Der Grund wird in pompejanischer Manier vorbereitet und in Stucco-
lustro-Manier geglättet oder in Tempera- Manier mit Galle 4" Kalk
vorbereitet und ebenso geglättet (heiss); die Malerei in Tempera-Manier
ausgeführt und schliesslich mit Venetianer Seife heiss geglättet.
Die Farbenschichten liegen teils in einer Ebene, teils etwas erhaben,
zeigen aber stets die Oberflächen der Farben durch das Eisen nieder-
gedrückt. Schlussüberzug mit heissem, punischem Wachs.
6. ln Stuccolustro-Manier geglättetes Fresko.
Als Grund dient feiner, reichlich mit Kalk vermischter Sandmörtel
(als letzte Schicht über gröberen aufgetragen); als Farben die für
Freskomalerei üblichen Kalkfarben. Am nächsten Tag wird die Fläche
mit verdünnter Venetianer Seife ein- oder zweimal überstrichen, und
mit heissem Eisen glänzend geglättet.^®)
®) Ich nenne diese Manieren: griechische, pompejan. , römische u. s. w., nicht
um damit auszudrücken, dass in Griechenland, Pompeji oder Rom ausschliesslich diese
ausgeübt wurden, sondern nur im Hinblick auf gewisse charakteristische Erscheinungen.
Selbstverständlich lässt sich heute gar nicht mit Bestimmtheit sagen, in welcher dieser
Manieren die einzelnen antiken Stuckmalereien ausgeführt worden seien , und es ist
sehr wahrscheinlich, dass die Kollegen im Altertum derartige genauere Unterscheidungen
gar nicht gemacht haben.
•®) Diese Manier scheint mir von allen die einfachste und für unsere heutigen
Zwecke am besten verwendbar; man geht dabei genau so zu Werke wie bei der
Freskomalerei, nämlich stückweise, und glättet nach dem Ueberstrich mit Venetianer
11*
Verschiedene
Arten der
Technik.
164
Antike
Glättkellen.
Diese sechs Varianten der Technik lassen sich in folgende drei Manieren
einreihen ;
1. M a n i e r: Die Gl ä 1 1 u n g d e s n a c h Vit r u V s V o r s ehr i f t h e r-
gestellten Stuckgrnndes geschieht vor der eigent-
lichen Malerei, so lange der Grund es gestattet; die
Ornamente und figürlichen Darstellungen werden
dann mit Tempera aufgemalt (Tempera-Manier).
2. Manier; Der Auftrag der Malerei geschieht auf noch
frischem, schon in derMasse gefärbtem oderweissem
Stuck mitKalkfarbe unter Zusatz bestimmterMittel,
welche die Glättung erleichtern; die Glättung erfolgt
auf einmal (Stuccolustro-Manier).
3. Manier, DerGruiid wird nach der erstenallgemeinen
Anlage der Felder geglättet, die Malerei darauf mit
geeignetem Bindemittel aufgetragen und, so lange es
dieWeichheit des S t u c c o gr u n d e s zulässt, abermals
geglättet (gemischte Manier).
Durch den wiederholten Hinweis auf das Glättverfahren werden wir zu
der Frage geführt, welche Form die antiken Glätteisen gehabt haben
mögen und ob die oben p. 114 beschriebenen Stuccolustro-Eisen im Altertum
bekannt gewesen sind. Das wäre freilich der schlagendste Beweis für meine
Behauptungen, wenn sich unter den antiken Instrumenten Stuccolustro-Eisen
fänden, die den oben beschriebenen gleich oder nicht unähnlich sind. Meine
Bemühmigen waren darauf gerichtet, unter den in den Museen zu Neapel
und Rom aufbewahrten antiken Instrumenten auch solche Eisen zu suchen,
wenn auch , wie gleich bemerkt sei , der Rost alle Eisengeräte bis zur Un-
kenntlichkeit vernichtet haben musste.
Die im Museum zu Neapel im Saale der kleinen Bronzen aufgestellte
Kollektiort antiker Eisengeräte pompejanischen Ursprungs enthält zwei
Exemplare von abgerundeten Kellen (Nr. 71877 und 71878, Abb. 26); die
Grösse der> einen beträgt 30 cm, die der anderen etwa 24 cm in der .ganzen
Länge; die Handhabe ist im Knie gebogen, genau so wie die Stuccolustro-
Eisen. Unter den Eisengeräten im Kon ser vatoren-Palast zu Rom, Sala
dei piccöli bronzi (Wand links vom Eingang) befinden sich ebenfalls zwei ganz
ähnliche Exemplare von abgerundeten Kellen (Abb. 27). Wie die pompe-
janischen sind auch die römischen ganz von Rost zerfressen, und man kann
ausser der Form nur erkennen, dass die Klingendicke gering ist. Zur ein-
fachen Glättung würde diese Dicke wohl hinreichen; aber zur Erhaltung der
Hitze für einige Zeit ist eine viel grössere Dicke des Eisenstückes nötig;
auch fehlen in beiden Fällen die zur Führung des Instrumentes nötigen Dorne.
Aus diesem doppelten Mangel könnte man schliesseii, dass die hier in Frage
kommenden Instrumente mit den Stuccolustro-Eisen nicht identisch sind.
Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass die alten Stucco-Arbeiter andere
Formen von Glätteisen gebrauchten, die mit den heute üblichen keine Aehn-
lichkeit hatten, ja dass sie bei einzelnen Dekorationsmanieren die Stuckmalerei
glätteten, ohne sich der heissgemachten Kellen zu bedienen. In den oben
beschriebenen Versuchen ist auch wiederholt vom „kalten Glätten*^ die Rede,
und es ist evident, dass zu dieser Prozedur jede am Rande abgerundete Kelle
passend ist , ja bei vielen meiner eigenen Versuche bediente ich mich
kleiner viereckiger Stuckateurspatelu mit dem besten Erfolg und konnte z. B.
Seife (nicht vor dem nächsten Morgen) zuerst mit kaltem, dann mit heissem Eisen
(wenn spiegelnder Glanz gewünscht wird).
Das Glätten mit der Stahl- oder Elfenbeiiiwalze nach der Methode des Kollegen
M. Matthiessen in Charlottenlund (Kopenhagen) bringt ähnlichen Effekt hervor,
wie das Glätten in obiger Manier mit kaltem Eisen. Nur ist die Gefahr vorhanden,
wenn der Grund noch zu feucht ist, dass dicker gemalte Farbenpartien durch die
Walze abgehoben und beim Umdreben der Walze an anderer Stelle wieder abgesetzt
werden. Ich ziehe deshalb das Glätten mit flachem Eisen vor, weil hier die Farbe
wohl niedergedrückt (und eventuell verschoben), aber nicht weggenommen wird.
165
in der Tem{|era-Manier auf frischem Grund (s. oben p. 124) mit Leichtigkeit
spiegelnden Glanz erzielen.
Weniger einfach ist die Frage, mit der wir uns in direktem Anschluss
an die Stuccolustro-Technik zu befassen haben, nämlich ob es berechtigt sei,
diese Technik wegen der dabei angewandten heissgemachten Eisen und
des „Einbrennens“ der Malerei zur Enkaustik zu rechnen, oder nicht. Hat
es überhaupt eine Enkaustik auf Mauern gegeben?
Bisher ist man durch das „alieno parietibus genere“ des Plinius
(XXXV, 49) zu der Auffassung gelangt, jede Art von enkaustischer Wand-
malerei bei den Alten für ausgeschlossen zu halten , weil unter enkausti-
scher Malerei lediglich eine Wachs technik verstanden werden müsse, wie
auch andere. Stellen des Plinius das Wachs in innigem Zusammenhang
mit der Enkaustik zeigen. Aber daraus kann nicht gefolgert werden, dass
eine von dieser Technik verschiedene Art ohne Wachs nicht auch zu den
Abb. 30. Glättkelleu ira Konservatoren-Palast zu Rom.
enkaustischen gerechnet werden dürfe. Denn wir werden als Hauptmerkmal
der Enkaustik nicht das Wachs, sondern das heisse Verfahren zu betrachten
haben (s. den Absehnitt über Enkaustik), ohne Rücksicht darauf, ob ge-
färbtes Wachs, angewendet wurde oder nicht.
Dass die Stuccolustro-Technik auf Wänden eine Art der Enkaustik ge-
wesen und noch lange Zeit so genannt worden ist, beweist die Er-
klärung des Wortes eyxauxat im Et5’^mologicurn Magnum (art. syuexaupevr]),
wonach die Verfertiger der Mauermalerei Enkausten genannt wurden. '^)
Diese Nachricht stammt wohl aus späterer Zeit. Wir wissen aber auch aus
früherer Zeit, dass Enkausten jene Arbeiter hiessen, welche die farbige De-
korierung von Baugliedern an Monumentalbauten auszuführen hatten; aus
den Inschriften vom Erechtheum zu Athen erfahren wir sogar den Preis,
") Die Stelle im Etymologicum Magnum p. 310,40 lautet: ’Eyxsxai)p,£vr). i^wYpacprjiievYj,
knsi syxauxal oi ^(oypäqjoi oi SiaYpacpovxsg xoüg xoixoug (in IJeberse’tzung: Der Ausdruck
§YX£>caupLdvT) [eingebrannt] bedeutet gemalt, da äyxauxat die Maler heissen, welche
die Wände bemalen).
Stucoolustro
ein enkausti-
scbes Ver-
fahren.
Litterarisohe
Beweise.
166
den sie für den laufenden Fuss gewisser Arbeiten erhalten haben. En-
kausten waren demnach Arbeiter, die sich mit der Wandtechnik be-
schäftigten, und der Name Enkaustik beschränkte sich nicht ausschliesslich
auf die enkaustische Tafelmalerei.
Endo
der Stucco-
technik.
Marmor-
Inkrustation
und Imitation.
Am Schlüsse unserer Untersuchungen ist es von Interesse, den Ursachen
nachzugehen, warum die antike Art der Wanddekoration aufgegeben worden
ist, so dass die Technik des Stuccolustro heute nur noch zur Herstellung von
Marmor-Imitationen verwendet wird. Die Schuld trägt die im Laufe der
Kaiserzeit einreissende Verrohung des Geschmacks, die ins ungemessene
gesteigerte Prun ksucht, die nicht mehr in der künstlerischen Ausführung,
sondern nur noch in der unerhörten Kostbarkeit und der blendenden Pracht
des Materials ihre Befriedigung suchte. Bemalte glatte Stuckwände konnte
sich jeder begüterte Privatmann gestatten, für den brutalen Luxus eines Nero
mussten neue Mittel der dekorativen Ausstattung ersonnen werden, die dem
gewöhnlichen Sterblichen unerreichbar blieben.
Mit Semper IStii I p. 463) darf man Plinius’®) glauben, dass es haupt-
sächlich das Ueberhandnehmen der luxuriösen Marmor-Inkrustation ge-
wesen ist, welche die Malerei von den Wänden verdrängt hat. Die aus Klein-
asien stammende Sitte, ganze Wände mit polierten, dünnen Platten (crustae)
buntfarbigen Marmors in verschiedenen Mustern zu bekleiden, hatte schon
gegen Ende der Republik in Rom allmählich Eingang und in der nächsten
Zeit, wenn auch von ernsteren Geistern heftig getadelt, weitere Verbreitung
gefunden. Die Kostspieligkeit dieser Dekorationsweise ist Anlass geworden
zu ihrer malerischen Nachbildung in Farben auf Stuckgrund, wie Vitruv
(VII, 5, 1) sie beschreibt und wie z. B. in Pompeji im Triclinium der Casa
dei Vettii (Abb. 25) der Sockel mit gemalter Marmorimitation so aus-
gestattet ist, als ob er aus verschiedenen Marmortafeln inkrustiert wäre. Aber
S. die Baurechnungen des Erechtheums (Böckhs Corp. Inscr. Atticarum I
324 a col. 1 Zeile 42 (erstes Fragment): ^Die Enkausten, welche die Cima des inneren
Architravs eingebrannt haben (Svxau-catg xb xuiiccwov ivxsavu), 5 Obolen den Fuss: Dio-
nysodor von Melita, Heraclides von Oa sovieLwie xxx Drachmen; Summe für die En-
kausteu. xxx Dr.“; und II p. 242, wo das Bemalen der Wände und der Gesimse und
das „Einbrennen“ der Türen genannt wird ypacprjv töjv vs -coix®v xal -cYjs öpocp'^c xal
TY)v Ixauaiv [statt syxauaiv] xwv •S-upwv). Vgl. die Zusammenstellung der auf Enkausten
und Vergolder bezügl. Inschriften b. Hittorff p. 755—757.
'*) Plinius XXXV, 2 u. 3: „Jetzt ist sie (die Malerei) gänzlich verdrängt durch
die Marmorarten, ja auch schon durch das Gold, und man bekleidet nicht mehr bloss
ganze Wände damit , sondern schneidet auch den Marmor aus und setzt Bilder von
allerhand Gegenständen und Tieren mosaikartig ein. Die viereckigen Felder und die
Flächen, die das Gestein der Berge an den Wänden der Zimmer ausbreiten, sind
schon nicht mehr Mode: wir haben auch angefangen, mit dem Gestein zu malen.
Diese Erfindung wurde unter dem Kaiser Claudius gemacht, unter Nero aber wurden
nicht vorhandene Adern und Flecken mit buntem Gestein in das einfarbige Marmor-
getäfel zum Schmucke eingelegt; der numidische Marmor erhielt eiförmige, der syn-
nadische purpurne Flecken, wie der verwöhnte Geschmack sie von Natur wünschte.“
(Wenn Semper u. A. annehmen, unter Claudius sei es aufgekommen, den Marmor zu
bemalen, so beruht diese Auffassung auf der als unbeglaubigt erkannten und ver-
alteten Lesart lapidem (st. lapide) pingere, und die Bemerkungen, die sie daran
geknüpft hajaen. erledigen sich hiernach von selbst.) Uebereinstimmend äussert sich
der ältere Zeitgenosse des Plinius, Seneca epist. 86, 6: „Heutzutage kommt jemand
sich arm und gemein vor, wenn seine Wände nicht von grossartigen und kostbaren
Marmortäfelungen strahlen, wenn nicht alexandrinischer Marmor mit Einlagen von
numidischem verziert Ist, wenn nicht überall die kunstvolle und nach Art der Malerei
farbig gehaltene Umrahmung wirkungsvoll hervortritt, wenn nicht die Deckenwölbung
mit Glas verdeckt wird“ u. s. w. Mit den letzten Worten ist Glasmosaik gemeint,
wie Plinius XXXVI, 189 sagt, dass infolge einer neumodischen Erfindung das Stein-
mosaik der Fussböden als Glasraosaik auf die Decken übertragen worden sei. — Im
übrigen vgl. Blümner, Techno!. III p. 184 ff.
167
der raffinierten Verschwendung genügte dies nicht mehr. Unter Claudius
erfand man das Verfahren, die Platten noch durch allerlei bildliche Darstel-
lungen mittelst andersfarbigen Marmors (etwa in der Art der florentini sehen
Mosaiken) zu verzieren, und unter Nero verfiel man darauf, der natürlichen
Einfarbigkeit der gesuchtesten und schönsten Marmorarten durch künstliches
Einsetzen von Stücken anderer Arten „verschönernde“ Flecken und Adern zu
geben. So schimmerten denn die Wände von dem Glanz des Goldes und
edlen Gesteins aller Arten und Farben, wie die Natur sie nicht kannte, aber
der Luxus sie sich wünschte.
Mit dieser Schilderung bei Plinius, Seneca u. A. stimmen auch die
Beobachtungen überein, die man in den sog. Thermen des Ticus zu
Rom machen kann. An den wenigen noch erhaltenen Resten dieser Bauten
ist deutlich zu erkennen , dass die Räume fast zur halben Höhe der
8 — 10m hohen Wandflächen mit Marmorplatten bedeckt gewesen sind, und
dass erst über diesen Dekorationen die farbigen und bemalten Stuck-
flächen beginnen (nur in dem als Bad bezeichneten Raume reichen die
Stuckwände bis zum Boden). Verschiedenfarbiger Marmor in gemusterter
Anordnung mag diese Wände, ebenso wie den Fussboden, bedeckt haben,
und Meisterwerke der statuarischen Kunst hoben sich von dem vielfarbigen
Marmoihintergrunde wirksam ab. P^and man doch unter anderen die berühmte
Laokoon-Gruppe in dem Tricliniuml
Die weitere Entwickelung blieb in dieser Richtung. Im byzantinischen
Stil hatte die Mosaikdekoration schon dermassen die Alleinherrschaft ge-
wonnen, dass für die alt-römische Wandmalerei kaum mehr ein Platz
zur Verfügung stand. Es folgten später die Zeiten des Bildersturmes, die
Einflüsse der orientalisierenden Ornamentation unter Ausschliessung jeder Art
von figürlicher Darstellung, so dass der Stuccolustro-Malerei nicht viel mehr
übrig blieb, als eben die Imitation des Marmors, in Fällen, wo mau von
Anwendung des echten Materiales absehen musste. In dieser Technik hat
sich die Tradition bis heute erhalten. Hier sehen wir also die berühmte
antike Stucco-Technik zurückgedrängt auf- ein enges Gebiet besonderer Art,
nämlich auf (las Imitieren von Marmor-Inkrustation.
Ein anderer Grund ist die Bedingung der ebenen Flächen in der
malerischen Wanddekoration. Nur auf solchen kann der geglättete Stuck zur
Geltung kommen. Als in spätrömischer Zeit mit dem Inkrustationsstil reicher
plastischer Schmuck in echtem Marmormaterial oder im erhöhten Relief
der Friese, Pilaster, Sockel immer mehr die Wandflächen ausfüllte, und. dann
noch später in byzantinischer Zeit Bogen und Kuppelwölbungen auf massiven
Steinpfeilern aufgebaut wurden , die Wandabschlüsse mit Marmorbekleidung
und reichen Mosaiken abwechselten , da blieben für die Malerei über-
haupt kaum mehr Flächen übrig, wo sie sich hätte entfalten können. In den
Kuppelwölbungen hätte diese Kunst noch einen Platz gehabt, falls nicht wieder
Mosaiken auf Goldglas oder blauem Grund dazu verwendet wurden. Aber
gerade für Kuppel malerei hätte der rörnisch-pompejanische Stuck am
wenigsten Aussicht gehabt, eine spätere Blüte zu erleben, weil die Stuck-
schichten viel zu dick und zu schwer gewesen wären und entweder die
Kuppeln eingedrückt hätten oder durch die eigene Schwere hätten herunter
fallen müssen. F'ür den antiken Stuck mit seinen sechs Schichten war also
in dieser Zeit des aufstrebenden byzantinischen Stiles keine Verwendung mehr;
man musste eine möglichst leichte Bekleidung herzustellen suchen und kam
folgerichtig auch auf den mit Stroh- und Wergkalk bereiteten Bewurf, wie er
im Handbuch, der Malerei vom Berge Athos beschrieben ist und sich dort
noch bis zum heutigen Tage erhalten haben mag.
Einzelne Beispiele späterer Zeit sind im Laufe dieser Abhandlung er-
wähnt worden (s. oben p. 106), aber diese bilden doch nur Ausnahmen und
üebergangsstadien zu anderen Arten der Wandtechnik. In der Renaissanze-Zeit
kommt noch ein weiterer Konkurrent der Stuccolustro-Teohnik hinzu, nämlich
Mosaik.
VerdräiiguDgr
von den Wand-
flächen.
168
Wieder-
belebung.
der Kunst- oder Stuckmarraor so dass der letzte Rest der antiken Technik
(Marmor zu imitieren), auch hier noch Einschränkung erfahren hat. So ist
tatsächlich die antike Technik der Wandmalerei wegen „Raummangels“ ver-
schwunden und fristet jetzt ihr Dasein neben dem Kunst- oder Stuokmarmor
in Einfahrten oder Korridoren grösserer Bauten, wo das echte Material zu
teuer wäre und wegen der billigeren Herstellung des Stuccolustro dieser mit
seinem Glanz und seiner Glätte das Auge darüber hinwegtäuschen soll, dass
nicht alles Marmor ist, was so aussieht.
Und im heutigen Stil und der gegenwärtigen Hast der Bauweise?
Wäre da ein Platz für die Wiederbelebung der antiken Stuckmalerei? Ich
glaube es nicht. Vor allem ist die Technik zu edel, sie erfordert zu viel Arbeit
und Schulung und würde, einmal von irgend einem Unternehmer wieder in
Aufnahme gebracht, nur zu bald durch schlechteres Material und schleuder-
hafte Ausführung in Misskredit gebracht werden. Deshalb wird der all-
gemeinen Aufnahme dieser Technik niemals ein Boden geschaffen werden
können, und die einstmals so grossartig gepflegte Stuckmalerei des Altertums
hat für alle Zeiten ihre Rolle ausgespielt. Sie hatte in ihrer Blütezeit die
denkbar höchste Vollendung erreicht und einen eigenen Stil geschahen,
der aufs innigste mit dem Material zusammenhängt. Nur wenn auf diesen
Stil zurückgegriffen würde, könnte die Technik der alten Stuckmalerei wieder
belebt werden. An andere Stile wird die Technik sich aber niemals an-
schmiegen lassen. In Anbetracht der schönen und bis jetzt unerreichten
antiken Stucktechnik ist dies wohl aufs innigste zu bedauern, aber, wie mir
scheint, nichts daran zu ändern.
Stuckmarmor oder Kunstmarmor besteht aus einem Gemenge von Gips, Farben
und Leim, und wird so hergestellt, dass die Aederungen des darzustellenden Marmors
durch die ganze Masse gehen. Man färbt zu diesem Zwecke die Gipsmasse ver-
schieden, zerteilt die Brocken auf einem Werktisch, schüttet den Adern entsprechend
gefärbten Gips dazwischen und rollt das Ganze in Form eines Brotlaibes zusammen.
Von diesem werden dann Scheiben (ital. scoglia = Schuppen) geschnitten, die auf
die entsprechend rauh beworfene Wandfläche fest angetragen werden. - Nach dem
Trocknen folgen in verschiedenen Graden das Abschleifen, Neuausfüllen der kleinen
Zwischenräume und wiederholtes Schleifen bis zum völligen Glanz. Genauere An-
weisungen sind zu linden in Kunst- Werkschul- und anderen Kunst büchern des
XVIII. Jhs.
III. Teil.
Die anderen Arten der Malerei bei den Griechen
und Römern
(insbes. Tafelmalerei in Tempera und Enkaustik).
171
Die Tafelmalerei.
Der allgemeine Ausdruck Tafelmalerei, der zum Unterschied von der
Wandmalerei alle malerischen Darstellungen auf transportabler Unterlage
umfasst, enthält an sich nichts, was die besondere Art der Technik andeutete.
Wie heute, so konnte man auch im Altertum mit denselben Farben und Binde-
mitteln auf Wänden wie auf Tafeln malen. So war es bei den ägyptischen
Malereien schwer, in dieser Beziehung irgend einen durchgreifenden Unterschied
zu erkennen (s. p. 6); auch für die älteste Zeit der griechischen und römischen
(oder etruskischen) Malerei dürfte es kaum möglich sein, das Vorhandensein
technisch verschiedener Malweisen durch deutlich erkennbare Merkmale nach-
zuweisen.
Anders verhält es sich mit der Zeit fortgeschrittener Entwicklung.
Als bei den Griechen im Rückblick auf ein reiches Kunstleben die Schrift-
stellerei auch die Geschichte der Malkunst in ihren Bereich zog, fing man
an, die Gattungen von einander zu sondern und durch eigene Namen kenntlich
zu machen. Daher stammt bei Plinius auch wohl die Unterscheidung zwischen
den Pinselmalern und den Bnkausten, die er als die beiden Hauptgruppen
einander gegenüberstellt. Diese Gruppierung trifft freilich den Kern der Sache
nicht, denn unter den Pinselmalern sind hier neben den Tafelmalern auch
die Wandmaler mitinbegriffen, und noch weniger zutreffend wäre es, die Unter-
scheidung auch auf die spätere Zeit auszudehnen , als die Enkausten sich
gleichfalls des Pinsels bedienten und dieses Malinstrument aufgehört hatte,
das spezifische Merkmal der einen von den beiden Gruppen zu sein. Der
eigentliche Unterschied liegt vielmehr, wie sich zeigen wird, einzig und
allein in der Anwendung von Hilze, die den Enkausten durch die Natur
des Bindemittels, des Wachses, ursprünglich aufgenötigt war, während die
sog. Pinselmaler mit einem schon in kaltem Zustande geschmeidigen und
leicht zu behandelnden Material arbeiteten. Es ist daher sachgemässer , bei
der alten Tafelmalerei nach modernem Sprachgebrauch zwischen Tempera-
malerei und Enkaustik zu unterscheiden.
Wir beginnen mit der ersteren, die allem Anschein nach die ältere und
in der Blütezeit der griechischen Malerei die verbreitetere war, und behandeln
dabei zugleich auch das, was, wie z. B. die Holztafeln als Malgrund, den
beiden Gattungen gemeinsam ist.
(nrekier >ac'n-
ricinen.
Pinsel
I. Tempera und Temperamalerei.
Eine auch nur einigermassen ausreichende Ueberheferung über das
Technische der Malerei bieret die ake Litteratur leider nicht. Die griechischen
Maler, die selbst über ihre Kunst Bücher geschrieben haben, sprachen, nach
deren Titeln zu schliessen. sich mehr über theoretische Grundsätze und Forder-
ungen. über' Symmetrie, über Lieht und Schatten u. a.. oder über die Vorzüge
und Mängel von Vorsängern und Xebenbuhlern aus als über das eigentlich
Handwerkliche, das in den Werkstätten im persönlichen Verkehr mit dem
Meister durch praktische Unterweisung erlernt werden musste. Die Werk-
statt war die alleinige Schule, und ein Lehrbuch seiner Kunst zu schreiben
ist vermuthch keinem Künstler der klassischen Zeit eingefallen. Die späteren
Kunstsehriftsteller aber . die lediglich Gelehrte waren , hatten es neben dem
Chronologischen und Anekdotischen im Leben der Künstler hauptsächlich auf
das Geistige, das Aesthetische der fertigen Kunstwerke abgesehen. Ueberdies
sind alle diese Schriften verloren gegangen; erhalten sind nur genüge Ex-
zerpte oder spärliche Zitate, und so sind wir darauf angewiesen, die ver-
einzelt sich findenden Notizen zusammenzustellen und die Lücken des Materials
durch Vermutungen zu ergänzen.
Zunächst seien die Werkzeuge und Gerätschaften in Betracht gezogen:
1. Pinsel (Ypacticv oder ypac:;. penicillus, saeta). Dass es deren ver-
schiedene gab. ist selbstverständlich. Es werden zwar ntu: Borstenpinsel
isaetat als besondere Gattung und für die gröbere Arbeit des Ueberstre’chens
und Tünchens erwähnt,^; aber gerade daraus ist zu schliessen, dass für die
feinere Arbeit des Malens andere, und zwar Haarpinsel, im Gebrauch
waren: ohne solche konnten die Maler der älteren Zeit, die in der Feinheit
der Konturen ein Zeichen höchster Kunstfertigkeit sahen, unmögfich aus-
kommen.^i Ein Beweis dafür ist die berühmte Atelieranekdote bei Plinius
iXXXV, Sl): ApeUes wollte den Protogenes besuchen; da er ihn nicht antraf,
zog er mit dem Pinsel und einer gerade bereitstehenden Farbe, um seinen
Besuch zu bezeugen, eine ganz feine Linie quer über eine unbemalte Tafel
(penicillo lineam ex colore duxit summae tenuitatis per tabulam) , dann kam
Photogenes und zog auf dieser ersten Linie eine zweite feinere mit einer anderen
Farbe ialio colore tenuiorem lineam in ipsa üla duxisse), und endhch zog Apelles
5. Blümner. IV 429; Vitx. VII, 9, 3 und PHn. XXXIII. 122 erwähnen die
Borstenpinsel zum Ueberstreichen der Wandfläche bei der Ganosis s. oben p. 101-
k Zu den feinsten Haarpinseln zählt man heute die von Marderhaaren, von
Fischorterschwänzen und Dac-hshaaren, die in Gänsekielen oder Kielen von Schwänen
lestgemacht werden. Borstenpinsel werden aus Schweinsborsten hergestellt, für
einzelne Zwecke werden aber auch die Haare bestimmter Teüe anderer Tiere ver-
wendet. z. B. von den Rindsohren Deshalb scheint es nicht unmöglich, in den Worten
des Xaevius (bei Fest, p- 230 M; Lares ludentis peni pinxit bubuloi ,er malte mit
dem Ochsenschwanz die scherzenden Laren- nicht bloss einen .Scherz des Komikers“,
sondern die Andeutung einer besdmmien Pinselart zu sehen.
173
auf (d. h. innerhalb) dieser zweiten Linie eine dritte, die allerfeinste, die
nun nicht mehr zu übertreffen war. Dieser Vorgang ist nur unter der Voraus-
setzung äusserst feiner elastischer und Haarpinsel zu erklären. Nach Plinius®)
wurden auch aus einer weichen Schwammart brauchbare Pinsel gemacht ;
es mag sein, dass solche zum Herauswaschen verdorbener Stellen, ja selbst
zum Weichermachen von Uebergängen dienlich gewesen sind. Jedenfalls ge-
hörte ein Schwamm zum Malgerät; er wird wiederholt so erwähnt und hat,
wenn auch nicht zum Malen selbst , so doch zum Entfernen von fehlerhaften
Stellen oder zum Waschen der Pinsel gedient.
2. Paletten, wie wir sie zum Aufsetzen der Farben und zum Mischen
der Töne gebrauchen, scheint man im Altertum nicht gekannt zu haben.
Blümner TV p. 459 ff. gibt zwar einige Beispiele in Abbildungen nach
antiken Gemälden, auf denen Maler oder Malerinnen dargesteUt sind mit
einem ovalen Brettchen in der linken Hand, das für eine Palette angesehen
werden könnte. Aber abgesehen davon, dass nicht einmal der griechische
oder lateinische Ausdruck dafür erhalten ist, scheint mir, dass die ovale
„Palette* in jenen Abbildungen mit den Muscheln (conchae) verwechselt
werde, die zum Anmischen einzelner Farbenföne und gleichzeitig
zum Abstreifen oder Zuspitzen des Pinsels gedient haben.^) Solche
Muscheln sind als zum Handwerkszeug des Malers gehörig ausdrücklich ge-
nannt bei Martianus in den Digest. XXXVlll. 7, 17. Ihre Verwendung
wird klar ersichtlich aus der hier gegebenen Abbildung (Abb. 30» des Malers
auf dem berühmten Minialm-gemälde im Dioskorides-Ms. der Wiener Hof-
bibliothek. Der Maler sitzt in Handwerkertracht auf niedrigem Klappstuhl
vor einer Staffelei; auf dieser steht eine Tafel, an der mit Nägeln ein Blatt
befestigt ist mit einer Abbildung der bekannten Alraunwurzel , woran der
Maler gerade arbeitet, sich dabei rechts nach einer Frauengestalt umschauend,
die ihm das Original, die Wurzel, entgegenstreckt, ln der Linken hält er
wag recht die Muschel, und die Haltung der Hand verrät, dass der Inhalt
flüssig sein muss ; auf dem niedrigen Tischchen neben ihm befindet sich,
in gleichen Muscheln angerieben, eine Anzahl von Farben.
Eine ganz ähnliche Darstellung, mit demselben schemelartigen Tischchen
und mehreren Reihen solcher Farben darauf, zeigt das nur in einer Zeichnung
nach einem pompejan. Wandgemälde erhaltene Pygmaeen-Ateli er®’^ (Abb. 3li.
ln der Mitte steht eine Staffelei, auf ihr eine Maltafel mit der Zeichnung
eines Kopfes, davor sitzt der Maler selbst auf niedrigem Schemel; er malt
mit dem Pinsel an dem Kopf, ohne Zweifel das Porträt des Mannes . der
in einiger Entfernung davon in ernster Haltung -auf einem niedrigen Sessel
Vermeintiiche
Paletten.
Plin IX. 148: (genus spongearum i. tenue densumque, es quo penicilU, Achülium
(vocatur).
.\m meisten Aehnh’cbkeit mit einer „Palette" hat die Darstellung des Hand-
werkszeuges der vor einer Herme sitzenden Malerin auf einem pompejan. Bilde im
Museum zu Neapel, das Donner (Wandmal. p. 109. Abb. 29i in .genauester Kopie*
gibt. .\ber selbst Donner gibt zu, .dass die Palette hier klein und oval, vielleicht
etwas teil er artig vertieft* ist, mithin einer Muschel viel ähnlicher ist als einer
Palette. Ich habe dieses Bild, ebenso tvie auch das zweite, im Museum befindliche,
auf dem nach Helbig (Atlas Taf. IV Nr. 1444) eine Malerin dargesteUt ist. .in der
Linken die Palette, in der Rechten, welche gegenwärtig zerstört ist, vermutlich den
Pinsel“, genau angesehen und konnte keine Palette darin entdecken. Auch Donner
(Technisches, p. 50 Anin. Ii findet .eine vertiefte Schale, die man hier als solche
genau erkennt, da sie im Profil gezeichnet ist“, und hebt die charakteristische in die
Höhe gerichtete Stellung des Daumens noch besonders hervor, damit .er nicht in die
fiüssige Farbe der Schale gerät
’) Das ganze Miniaturgemälde in photogr. Abbildung bei J. .1. ßernoulli, Griech.
Ikonographie U. p. 214 ; auch bei Blümner IV p. 461 nach Visconti. Beide halten
die mit Farben gefüllte Muschel für eine .flache Palette“. Donner (Technisches p. 49i
erklärt aber das grosse schemelartige Farbenbrett ganz treffend für die Palette, die
.tavolezza“ der italienischen Dekorationsmaler.
®) Zuerst abgebildet bei Mazois. Maison deScaurus p. US pl 7 undRuines de
Pompei II p. 68. dann bei anderen und bei Blümner IV p. 462, woraus die um-
stehende Abbildung entnommen ist.
174
Abbild. 30. Maler auf eiDem Miaiaturgemülde des Dioskorides Ms. (Wiener Hotbibliothek).
sitzt. (Die linke Hand ist hier nicht sichtbar, es ist also nicht zu erkennen,
ob auch dieser Maler die Muschel beim Malen wagrecht hält.) Neben dem
Tischchen mit den Farben steht ein grösseres Gefäss mit Henkel, wohl Wasser
enthaltend zum Plüssigmachen der BMrben (oder zum Ausschwenken des
Pinsels) ; weiter rechts netten einem breiten niedrigen Becken ein anderer
Pygmaee, die rechte Hand hineinhaltehd , vermutlich ein mit Parbenreiben
beschäftigter Gehilfe. Dahinter erscheint ein anderer Gehilfe oder Diener;
noch mehr im Hintergrund ein jüngerer Arbeiter (oder Schüler), der auf den
Knieen eine Tafel hält und zeichnet und dabei den Kopf nach der Mitte um-
wendet. Links kommen zwei Pygmaeen, einander an der Hand haltend, im
Gespräch heran, wohl Fremde, die dem Acelier einen Besuch abstatten. In
ihrer Nähe ein grosser Vogel, „offenbar ein Kranich, den die Kunst so gern
in Verbindung mit seinen Todfeinden, den Pygmaeen, zu bringen pflegt“.
Eine Palette im heutigem Sinne ist also wohl nicht nachweisbar, sondern
die F'arbentöne wurden jedenfalls vorher gemischt und in den Muscheln
oder auch in tiefen irdenen Tiegeln oder Töpfchen für den Gebrauch bereit
gestellt. Solche Töpfchen, deren eine ganze Anzahl in einem mit Deckel
versehenen Kästchen aufbewahrt wurde, sind auf dem bekannten pompejanischen
Bilde einer Malerin zu sehen (Abb. 3‘2). In eines der Töpfchen taucht diese
soeben ihren Pinsel ein , um an dem zu BMssen einer Herme angelehnten
Bilde zu malen. Da hier unzweifelhaft ein anderes Handwerkszeug abgebildet
i
Al)bil(l. 31. Pygcnäon-Atelier nach einer pompejau. Wandmalerei.
175
ist, als bei den obigen beiden Malern, so könnte man versucht sein, an eine
andere Technik zu denken.'^)
Eine andere Darstellung nach einem verlorenen Basrelief (abgebildet
bei Blümner IV p. 462. Pig. 72) zeigt am Pusse der Staflelei einen Parben-
kasten mit drei rundlichen Oeffnungen oder Näpfchen, dessen Deckel ge-
öffnet ist. Die dem Manne die rechte Hand reichende verhüllte Prau hält
in der erhobenen Linken einen Pinsel , wobei deutlich der Stiel , die Haare
und dieUrawicklung sich unterscheiden lassen (Abb. 33). Aber aus der geringen
Zahl und der Perm der Näpfchen sowie aus der Porm des Kästchens Schlüsse
auf die Technik (Tempera oder Enkaustik?) zu ziehen, halte ich für schwierig.
3. Staffeleien (öxptßai; oder xiAXtßa;, machina) wurden von den alten
Malern in ähnlicher Weise benützt wie jetzt. Sie waren den vorhandenen
Darstellungen zufolge dreifüssig (siehe Abb. 31 u. 33) und durch beiderseitig
angebrachte Löcher, durch welche kurze Hölzer gesteckt werden konnten,
verstellbar eingerichtet.
4. Die Gemäldetafeln (Tu'vaxeg, tabulae) bestanden meist aus Holz,
seltener aus anderem Material. Ausser Lärchenholz, das wegen seiner
Zähigkeit am beliebtesten war , wurden auch andere Hölzer , vornehmlich die
So vermuten Gros et Henry (l’Enoaustique p. 109) in dem Pinsel ein
„Cestrunr* und in den Töpfchen „Wachsfarben in flüchtigen Gelen aufgelöst“, so dass
die Malerin nicht mit Temperafarben, sondern in enkaustisehor Art zu malen im
Begriffe wäre.
Abbüd. 32, Malgerät der Malerin auf einem pompej. Wandgemälde (nach Donner).
Staffeleien.
Holztafeln.
176
Zypresse und Tanne verwendet.“) Die graeco-ägyptischen Mumienporträts
sind vielfach auf Zedern- oder Pinienholz gemalt (s. Flinders Petrie,
Hawara p. 18), in einzelnen Fällen, wenn anders die fraglichen Bilder wirklich
aus antiker Zeit stammen, wurde Schiefer (Cleopatra-Bildnis der Villa
Hadriana, Muse von Oortona), in s^terer Zeit auch Leinwand (s. die
Mumienbildnisse im Berliner Museum) als Malgrund benutzt. Interessant
ist, dass Plinius als Neuheit ein auf Leinwand gemaltes Kolossalbild des Nero
von 120 Fuss Höhe erwähnt, das in den horti Mariani aufgestellt wurde;®)
wahrscheinlich bestand die Neuheit in der ungeheuren Grösse des Gemäldes,
nicht in dem Material, auf dem es gemalt war. Denn Leinwand mag als
Malgrund in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechriung schon in Ge-
brauch gewesen sein, da Boethius unter den Materialien der Maler aüsser
den Tafeln, dem Wachs und den Farbstoffen auch die Leinwand aufzählt. ^®)
Holztafeln aber waren entschieden der bevorzugte Grund, und vermutlich
wurden sie, wenn grössere Tafeln nötig waren, aus mehreren Stücken zu-
sammengefügt. Für enkaustische Malerei bedurften, wie es scheint, die
Tafeln keiner weiteren Zubereitung, denn auf Mumienporträts dieser Art
Grundieningr. findet man direkt auf dem Holz Spuren einer Vorzeichnung. Die Temperamaler
dagegen konnten einen besonders präparierten Grund nicht entbehren, und
dieser scheint in hergebrachter Art aus weisser Kreide (und Leim) bereitet
worden zu sein. Die- Worte des Plinius (XXXV, 49: ex omnibus coloribus
cretulam amant udoque inlini recusant purpurissum u.s.w.) lassen kaum einen
Zweifel darüber, zumal da das Verfahren sich ununterbrochen bis heute er-
halten hat-^^) und schon bei den Aegyptern zur Vollkommenheit ausgebildet
war (s. p. 11). Den Kreidegrund haben wir uns demnach als weiss und
vollkommen geebnet zu denken, so dass die Farben darauf ihre volle Leucht-
kraft behielten. Zuerst wurde jedenfalls die Zeichnung der Umrisse auf-
getragen , ehe Farbe und Pinsel an die Reihe kamen , genau so wie es in
der Frührenaissance üblich war. Dazu dienten schwarze Kohle oder rote Kreide
(Rötel), ^®) vielleicht auch für feinere Dinge der Silberstift. Denn dass man mit
diesem schwarz angehende Linien ziehen kann, war den Alten bekannt, und es
scheint, dass er für Zeichnungen auf Holz oder Pergament benutzt worden ist. ’“)
Buxb aurnt äfelchen sind wegen ihres festen Gefüges sehr geeignet
als Grund für kleinere Gemälde; nach Plinius (XXXV, 77) wurden sie beim
Zeichenunterricht gebraucht.'^)
®) Nach Plato (Legg. V, p. 741 C.) wurde vornehmlich Zypressenholz genommen:
Theophrast (Hist. pl. HI, 9, 7) erwähnt Tannenholz; Pliu. XVI, 187 nennt Lärchen-
holz als das bevorzugte, da es , unverwüstlich sei und niemals Risse bekomme“
(inveutum pictorum tabellis im mortale nullisque fissile rimis).
®) Plin. XXXV, 51: Nero princeps iusserat Colosseum se pingi CXX pedum
linteo, incognitum ad hoc tempus;
'“) Boeth. de arithm. praef. I p. 1079 (Migne): At picturae manibus labulae
commissae fabrorum, cerae rustica observatione decerptae, coloriim fuci mercatorum
perquisitk lititea operosis elaborata textrinis multiplicem materiain praestant.
“) Die ältesten ausführlichen Anweisungen z ur Grundierung von Tafeln
sind zu finden im Handbuch der Malerei vom Berge Athos (§ 4—6) und im Trattato
des Cennino Cennini (cap. 114 — 120): vergl. m. Beitr. III. Mittelalter p. 75 und 113.
'^) Vgl. Horaz Sat. II. 7, 98: proelia rubrica picta aut carbbne. Zeichnungen
von Gladiatorenkämpfen mit Rötel- oder Kohlestift. In der Anekdote bei Plinius
(XXXV, 89) von Apelles, der beim Gastmahl des Ptolemaeus mit einer erloschenen
Kohle das Bildnis des Hofnarren, von dem er arglistiger Weise geladen war, auf die
Wand zeichnete, ist die Kohle zwar nur Notbehelf, zeugt aber von dem Bekanntsein
ihrer Eigenschaft, leicht abzufärben (s. Blümner IV, 426).
*^) Plin. XXXIII. 98; lineas ex argento nigras praeduci plerique mirantur.
*^) Plin. XXXV,77: ,Pamphilus, der Lehrer des Apelles, setzte es durch, dass zuerst
in Sikyon, später in ganz Griechenland das Zeichnen aufBuxbaumtafeln regelmässi-
ger Unterrichtsgegenstand für freigeborene Knaben wurde“ (huius (Pämphili) auctoritate
effectum est Sicyone primum, deinde in tota Graecia, ut pueri ingenui omnia ante
graphicen, hoc est picturam, in buxo docerentur recipereturque ars ea in primum
gradum liberalium). Vgl. nuflov bei Pollux X, 59 und Ttu^oYpaepEtv bei Artemid I, 51.
'ie Ansichten über die technische Verwendung der Buxbaumtafeln sind verschieden.
Manche glauben, dass die Zeichnung auf diesen eingraviert wurde, wie auf Elfenbein,
177
5. Die Fai'bstoffe (cpap[i,a%a, )(p(l)[xaTa, avUrj, pigmenta, colores, floridl t^'arbstoffe.
oolores) teilten die Alten in natürlich vorkommende Erdfarben, die ge-
graben, gereinigt, geschlemmt und zu feinem Pulver gerieben wurden , und
künstlich bereitete entweder mineralischer (wie Bleiweiss, Zinnober, ge-
brannte Erden, blaue Schmelzfarbe) oder organischer Natur (wie Purpur, In-
digo und Pflanzenlacke). In dieser Einteilung liegt auch die Unterscheidung
zwischen sog. deckenden (Deckfarben nennt man heute vielfach mit leimigem
Bindemittel angeriebene) und lasierenden Farben; zu den ersteren gehören
die Erdfarben und künstlich hergestellte metallische Farben, zu den letzteren
die Lacke, d. h. Lösungen von Farbstoffen, die erst künstlich deckend ge-
macht werden. Das Verfahren, Pflanzen- und tierische Farbsäfte (Lackschild-
laus , Purpurschneckensaft) mittelst Tonerde zu verdicken und so aus einer
farbigen Tinktur eine Malerfarbe herzustellen, war schon bekannt. Farbige
Tinkturen (in Wasser gelöste Farbsäfte) eigneten sich wohl für die Tempera-
Malerei , nicht aber für die Enkaustik. Einzelne Farbstoffe , wie Anchusa
oder Ochenzungenrot, Drachenblut waren enkaustisch verwendbar, weil sie sich
durch Hitze und in Wachs lösen, während sich farbige Tinkturen nicht mit
heissem Wachs mischen lassen.
So lag es in der Natur der Sache , dass für die verschiedenen Arten
der alten Technik bestimmte Farbenskalen sich bildeten, und wie heute, so
wusste man auch damals, dass gewisse Farben zum Auftrag auf Kalkgrund
oder zur Mischung mit anderen Bindemitteln ungeeignet waren. Das sind
jedoch bestimmte Ausnahmen, im allgemeinen kann angenommen werden,
dass die Mehrzahl der Farbstoffe für alle Arten der Malerei Verwendung
gefunden habe. Die genauere Aufzählung der Farbstoffe wird der Abschnitt
über die Farben (s. Anhang I) bringen.
6. Die wichtigste Frage bei der alten Temperatechnik betrifft die
Bindemittel, mit denen die Farbstoffe angerieben und auf dem Grund
haftend gemacht wurden. Vom Bindemittel hängt zum grossen Teil 1. die
koloristische Gesamtwirkung, 2. die Haltbarkeit der B’arbenraischungen unter-
einander und 3. die Verbindung mit dem Grunde ab. Man kann deshalb
sagen, die Zusammensetzung des Bindemittels bestimme den Charakter
der Malerei; daher sind bisher auch stets die verschiedenen Techniken
nach dem benützten Bindemittel benannt worden.
Mit modernem Ausdruck nennt man Tempera*^) eine Malweise, beider
Farbstoffe mit einem Bindemittel angerieben werden, das sich durch seine
Mischbarkeit mit Wasser und durch leichte Verdünnbarkeit auszeichnet;
man hat daher übereinstimmend angenommen, dass die altgriechischen
„Pinselmaler“ (celebres in penicillo) in Tempera d. h. mit Wasserfarben ge-
malt haben. Durch die litterarische Ueberlieferung der Alten wird diese An-
nahme nicht direkt begründet; in dem ganzen kunstgeschichtlichen Abschnitt
bei Plinius ist kein solches Bindemittel ausdrücklich genannt. Aber aus
der Anekdote von Protogenes, der im Zorn über das stete Misslingen des
Geifers eines Hundes auf dem (als tabula bezeichneten) Jalysus-Bilde , den
Malschwamm nach der Stelle warf und dadurch zufällig den gewünschten
oder dass diese Täfelchen nur die Unterlage für das aufzugiessende schwarz oder rot
gefärbte Wachs bildeten und demnach Schreibtafeln waren, auf denen mit dem
stilus geschrieben wurde. Der Zeichenunterricht des Pamphilus könnte unter An-
wendung solcher mit Wachs überzogenen Tafeln erteilt worden sein, ebenso wie man
auf diese auch schreiben lernte (vgl. Smith, Dictionary II p. 399). Vielleicht ist das
Zeichnen auf Buxbaumtäfelchen so geübt worden, wie es 1500 Jahre später Cennini
beschreibt; vgl. Cennini, Trattato della pittura, cap. 5: Beschreibung, wie Buchs-
baumtäfelchen hergestellt wurden, um darauf zu zeichnen; auch cap. 6, 8 u. 30.
'^) Tempera heisst eigentlich: Mische (Imperativ von temporäre). Als Be-
zeichnung für Bindemittel kommt der Ausdruck zuerst im Mittelalter vor u. zw. für
Bindemittel überhaupt, auch für Oel (s. Heraclius cap. XXIX, m. Beitr. III. p. 38).
Zu Oennini’s Zeit ist mit Tempera ausschliesslich das Ei gemeint, ebenso bei Vasari,
Lomazzo u. a. Erst in neuester Zeit wird jedes wassermischbare Bindemittel als
Tempera bezeichnet.
12
178
Effekt erreichte, lässt sich der Schluss ziehen, dass die von ihm gebrauchten
Farben Wasserfarben gewesen sein müssen; nur dann konnte der Schwamm
zum Reinigen der Pinsel und zum Entfernen misslungener Partien dienen.
Wir wollen uns hier die Aufgabe stellen, alle die mit Wasser
mischbaren Binde raitel, die in der alten Litteratur gelegentlich erwähnt
werden , daraufhin zu prüfen , ob es den grossen Meistern des Altertums mit
ihnen möglich war ihren Werken die höchste Vollendung zu geben.
Solche mit Wasser mischbaren Bindemittel sind 1. Gummi, 2. Leim
und 3. Ei (Eigelb und Eiklar). Sie kommen in folgenden Stellen bei Plinius
und Vitruv vor, und zwar werden Gummi und Leim erwähnt:
1. Plinius XIII, 67 :
„Gummi wird auch aus der
Sarcocolla — so heisst der Baum und
der Gummi — gewonnen, sehr brauch-
bar für Maler und Aerzte. Er gleicht
dem Weihrauchstaubmehl, und deshalb
ist der weisse besser als der rote.“
Gummi. (cummis) fit e sarcocolla — ita
vooatur arbor et cummis — utilissima
pictoribus ac medicis, similis pollini
turis, et ideo candida quam rufa melior.
2. Plinius XXXV, 43 (am Schluss des Kapitels vom Schwarz) :
omne autem atramentum sole
perficitur, librarium cumme, tectorium
glutino admixto. quod aceto liquefac-
tura est, aegre eluitur.
„Jedes Schwarz wird an der
Sonne zubereitet: das zum Schreiben,
indem es mit Gummi, das zum An-
striche, indem es mit Leim gemischt
wird. Das mit Essig flüssig gemachte
lässt sich nur schwer auswaschen.“
Leim.
3. Vitruv VII, 10, 2 (in der Beschreibung des Verfahrens, atramentum
aus Russ zu bereiten):
inde collecta (fuligo) partim com-
ponitur ex gummi subacta ad usum
atramenti librarii , reliqua tectores
glutinum admiscentes in parietibus
utuntur.
4. Plinius XXVIII, 236:
Glutinum praestantissimum fit ex
auribus taurorum et genitalibus. . .
Rhodiacum fidelissimum eoque pictores
et medici utuntur.
„Nachdem man ihn (den Russ
von den Wänden des Ofens) gesammelt,
wird ein Teil mit Gummi versetzt,
um als Schreibtinte zu dienen , das
übrige gebrauchen die Verputzarbeiter
unter Beifügung von Leim an
den Wänden.“
„Der beste Leim wird aus den
Ohren und Genitalien der Stiere be-
reitet. . . Der rhodische Leim ist der
zuverlässigste, und dessen bedienen
sich die Maler und Aerzte.**^
Bi.
Das Ei (Eigelb und Eiweiss) wird erwähnt:
1. von Plinius XXXV, 45 (am Schlüsse des Kapitels vom Malerpurpur,
Purpurissum) :
Pingentes sandyce sublita, raox
ex ovo inducentes purpurissum , ful-
gorem minii faoiunt; si purpuram
facere malunt, caeruleum sublinunt,
mox purpurissum ex ovo inducunt.
„Die Maler grundieren mit Sandyx-
rot, tragen dann das Purpurissum
mit Ei auf und ei'zielen so den feurigen
Glanz des Zinnobers; wollen sie lieber
die Purpurfarbe hervorbringen, so
grundieren sie mit Blau und tragen
dann das Purpurissum mit Ei auf.“
2. Eiweiss diente zur Vergoldung (ähnlich unserer Glanzvergoldung);
Plinius XXXIII, 64:
'«) Plin. XXXV, 102.
179
Marmori et iis, quae candefieri
non possunt, ovi candido inlinitur
[näml. aurura] , ligno glutini ratione
oomposita; leucophorum vocant.
„Auf Marmor und solchen Stoffen,
welche [behufs der Vergoldung] nicht
geglüht werden können, befestigt man
das Gold mit Eiweiss; auf Holz mit
einer leimartigen Mischung; man nennt
sie Leucophorum.“
3. Eigelb in Mischung mit Feigen milch erwähnt Plinius XXIII, 117
als Heilmittel gegen Geschwüre. Ich führe diese Stelle hier an , weil sich
die Maler der Frührenaissance dieser Mischung zur Temperamalerei bedient
haben, und weil dieser Gebrauch bei den alten Malern nicht unmöglich ist;
denn wir finden bei Plinius mehrfach die für Künstler dienlichen Natur-
stoffe auch in medizinischem Gebrauch und umgekehrt.
Die Stelle lautet;
Fici sucus lacteus aceti naturam
habet . . . excipitur ante rnaturitatem
pomi et in umbra siccatur ad aperienda
ulcera . . . adpositu cum luteo ovi. . .
„Der Milchsaft der Feige hat
die Natur des Essigs . . . Gewonnen
wird er vor der Reife der I^rucht
und im Schatten getrocknet; er dient
dann zum Oeffnen der Geschwüre . .
indem man ihn mit Eigelb auflegt“. . .
In Betracht käme noch der Leim aus Hausenblase (ichthyocolla), dessen
Erfindung nach Plinius dem Dädalus zugeschrieben wurde, sowie Mischungen
der obigen Bindemittel untereinander. Durchmustern wir diese Reihe, so
finden wir das Gummibindemittel hauptsächlich verwendet beim Schwarz zum
Schreiben, mithin auch zum Malen auf Papyrus, Pergament und dergleichen,
den Leim beim Schwarz der Verputzarbeiter (tectores) und das Ei (ob Ei-
gelb allein oder mit Eiweiss gemischt, bleibt unentschieden) bei der Y'Jc.vj' -
malerei: ein spezifisches Bindemittel für Tafelmalerei ist also gar
nicht genannt. Nehmen wir indes an, da Gummi oder Leim „für die
Maler brauchbar“ genannt werden, die Technik der Zeuxis, Parrhasios, Apelles
u. a. wäre eine Leim- oder Gummitempera gewesen, so würde sie in ihrer
koloristischen Erscheinung sich kaum über die altägyptischen
Malereien haben erheben können. Aber bei der einmütigen Bewunderung,
die Mit- und Nachwelt, so lange sich Werke ihrer Hand unversehrt erhalten
hatten, auch der kunstvollen Farbengebung der grossen alten Meister
gezollt haben , ist es unmöglich zu denken, dass sie selbst bei der höchsten
persönlichen Kunstfertigkeit mit einer so primitiven Technik ausgekommen
sein können. Nun mag ja das für die Wandmalerei bezeugte Verfahren der
Lasuren mit Eitempera auch auf Tafeln gebräuchlich gewesen sein, ob-
wohl ein. bestimmtes Zeugnis darüber fehlt; denn was bei der Wandmalerei,
sobald der Grund getrocknet war (pariete siccato), erlolgreich angewendet
wurde, musste doch auch auf dem trockenen Grund der Tafel dieselben Effekte
versprechen, und ist es denkbar, dass die Errungenschaften der Technik auf
dem einen Gebiete nicht sofort auch auf anderen begierig ergriffen , versucht
und ausgenutzt worden seien, wenn das Material es erlaubte und die Be-
dingungen dieselben waren? Ja es ist nicht unmöglich, dass umgekehrt die
Technik der Lasuren von der Tafelmalerei auf die Wandmalerei übertragen
worden ist.
Aber selbst eine solche auf Leim und Ei basierte Tempera hat schwer-
lich ausgereicht für die Farbeneffekte der altgriechischen Maler; alle Versuche
in dieser Art, auch von den geschicktesten Koloristen heutiger Zeit ausgeführt,
würden zu diesem und keinem anderen Ergebnis führen. So bleibt nur die
Vermutung übrig, dass die Technik der Alten noch über ein anderes Binde-
mittel verfügt habe, welches die Vorzüge leichter Handhabung und koloristi-
”) Plin. VII, 198: fabricam materiariam Daedalus (invenit) et in ea • . . glutinum,
ichthyocollam.
Feigenmilob.
Hauscnl)lafio.
12*
— 180.
Wachs-
tempera.
scher Kraft in sich vereinigte. Und wenn wir nun in byzantinischen Rezepten
einer eigenartigen Wachstempera begegnen und die von vorneherein nahe-
liegende Annahme, dass dies nicht eine erst damals erfundene, sondern durch
jahrhundertelange Tradition überkommene Technik sei, bestätigt sehen durch
einige ägyptische Mumienporträts griechischer Arbeit, die sich durch dicklich
pastosen Parbenauftrag und kräftige Modellierung vor anderen Tempera-
bildern auszeichnen, wenn wir ferner aus der Sicherheit und Gewandtheit,
mit der die doch nur handwerksmässig arbeitenden Maler in Aegypten sich
ihrer Aufgabe entledigt haben, den berechtigten Schluss ziehen, dass es auch
zu ihrer Zeit eine schon durch vielfältige Erfahrung längst ausgebildete
Technik gewesen sei, in der sie so trefflich geschult waren — bietet sich
dann nicht wie von selbst die Vermutung dar, dass deren Erfindung und
früheste Anwendung zurückreichen müsse in die Vergangenheit, vielleicht
noch in die Periode, welche die glänzendsten Schöpfungen der griechischen
Malerei entstehen sah? DieGanosisderMarmorstatuen mit Hilfe des P uni sehen
Wachses war in jenen Zeiten schon bekannt; den Leuten, die mit der
Zubereitung und Bearbeitung dieses Materials zu tun hatten, kann der Zustand
der Verseifung und die Eigenschaft der Mischbarkeit mit Wasser nicht
lange verborgen geblieben sein, so wenig wie beides den Neueren entgangen
ist, die nach den alten Anweisungen solches Wachs wieder zubereitet und
Versuche damit angestellt haben. Und mit dem Bekanntwerden dieser Eigen-
schaft war auch die Verwendung als Bindemittel von Farbstoffen so gut wie
gegeben. Es war dann neben der Enkaustik, die das Wachs erhitzte,
eine zweite Art von Wachsmalerei geschaffen, die es in kaltem Zustande
als Tempera (vermutlich noch mit anderen Klebstoffen gemischt) zu ge-
brauchen gestattete.
Litterarisohe
Hinweise.
Zwar gibt es hierfür keine direkte Bestätigung durch die litterarischen
Quellen, denn die Pliniusstelfe XXI, 85, wonach man „dem Wachs durch
Mischung mit Farbstoffen die verschiedensten Farben gibt, um Dinge der
Wirklichkeit getreu nachzubilden“ , ist im Ausdruck so allgemein gehalten,
dass die Notwendigkeit, die Worte auf das Punische Wachs und gerade auf
diese besondere Art seines Gebrauchs zu beziehen, sich nicht mit voller Strenge
erweisen lässt. Aber das Schweigen der Autoren kann hier nicht entscheidend
sein. Es spricht nicht dafür, aber ebenso wenig spricht es dagegen. Wer
keine technologischen Bücher schrieb — und solche haben wir nicht aus dem
Altertum — hatte keine Veranlassung, mit der Genauigkeit des Pachkenners
Einzelheiten einer Technik zu erwähnen, deren praktische Ausübung die
zeitgenössischen Leser mit eigenen Augen beobachten konnten, und nur für
solche Leser schrieb man, um ihren populären geistigen Bedürfnissen zu ge-
nügen, nicht für die wissbegierige Nachwelt, um ihr Kenntnisse zu überliefern,
deren späteren Wert man damals nicht ahnen konnte.
Doch wir brauchen nicht einmal so weit zu gehen, dass wir ein gänzliches
Schweigen der alten Autoren zugeben, da ein indirektes Zeugnis in einer
merkwürdigen Tatsache enthalten ist, die erst durch unsere Hypothese ihre
vollständige Erklärung erhalten würde. Wie kommt es, dürfen wir fragen,
dass an so vielen Stellen, wo von Gemälden die Rede ist. Wachs genannt
wird, und zwar so, dass keinerlei Andeutung des Erhitzens an die Enkaustik
zu denken nötigte? Wie kommt es, dass von Anakreon an bis in die spätesten
Zeiten in dichterischer oder rhetorisch gehobener Sprache der Ausdruck als ge-
radezu gleichbedeutend erscheint mit Farben oder Gemälden? Dass der römische
Dichter Statius von Apelleae oerae spricht, obwohl er wissen konnte, dass
Apelles nicht zu den enkaustischen Malern gezählt wurde? Die Erklärung,
dass lediglich eine poetische Lizenz vorliege, mag in dem einen oder andern
Falle zutreffen , aber die so häufige Wiederholung dieses Sprachgebrauchs
zeugt für die festgewurzelte volkstümliche Vorstellung, dass Wachs und
Malerei eng zusammengehören, und sollte doch wohl den Gedanken nahe legen,
dass der Gebrauch des Wachses nicht auf die Enkaustik beschränkt geblieben.
181
ist, sondern eine weitere Verbreitung gehabt hat als bis jetzt angenommen
wird.
Von der vielseitigen Verwendbarkeit des Panischen Wachses als Binde-
mittel liefern einschlägige Versuche die deutlichsten Beweise. Mit B i-
tempera, mit Gummi, mit Leim kann es in jedem Verhältnis gemischt
werden und gestattet einen viel kraftvolleren, pastoseren Parbenauftrag als
als die sonst übliche Tempera. Mit Ei z. B. (Eigelb oder dem ganzen Ei)
angemacht bewirkt es, dass die Farben sehr fest und hart werden; durch ein-
faches Frottieren mit Leinen nach dem Trocknen wird ein firnisähnlicher
Glanz erzeugt, der jedoch ungleich anders wirkt als eine gefirniste Tempera.
Daher zeichnen sich die Mumienporträts, die in dieser Wachstempera gemalt zu
sein scheinen, nicht nur durch grössere Leichtigkeit der Pinselführung und
bessere Durcharbeitung der Licht- und Schattenpartien, sondern auch durch
ihren Glanz, den sie dem Wachsgehalt des Bindemittels verdanken, und durch
bessere Erhaltung aus; dazu ist das Licht markiger aufgesetzt, die Tiefen
sind weicher verbunden, und ein eigentümlicher Schmelz ist überallhin ver-
breitet. Mit Leim gemischt kann das Panische Wachs zu Grundierungen auf
beliebiger Unterlage dienen; mit weisser Kreide ist es von vorzüglicher Re-
flexionskraft, mit Gummi beim Malen auf Pergament im höchsten Grade
brauchbar.
Alle diese Mittel waren den Alten bekannt: kann es da noch zweifelhaft
sein, ob sie deren Eigenschaften auch voll ausgenutzt und von jener Mischung
reichlichen Gebrauch gemacht haben?
7. Technisc.hes zur Ausführung der Temperamalerei. Von einer
der früheren Entwicklungsstufen der Temperamalerei, die zunächst auf sorg-
fältige und klare Linienführung mit dem Streben nach symmetrischem Auf-
bau der Komposition ausging, um dann später zu grösserer Freiheit
fortzusohreiten in Verbindung mit stärkerer Licht- und Schatten- und deutlicherer
Als Beispiele für die beliebte Gleichsetzung von Wachs mit Farben und
Gemälden seien hier in Kürze einige der hauptsächlichsten Stellen angeführt:
Anakreon (um 530 v. Ch.) fordert in dom Liede 28 den besten Maler von
Rhodos auf, seine Geliebte zu malen, die Haare, „wenn das Wachs es erlaubt, auch
duftend nach Salbe“ (6 8s xv)pös äv 86v7)Tai., ypdcps [xpixas] ual püpou Ttvsoüaag), und er
schliesst mit dem Ausruf; „.Ta, ich sehe sie leibhaftig. Wachs, du wirst wohl gar
noch sprechen“ (ßXsTuo yäp auxv;v. xdx«, xrjps, xal ^aX-Kjasig). Vgl. noch 49, 7. 29, 25.
Einem Gemälde, das Medea ihre Kinder tötend darstellt, gelten die Verse der griech.
Anthologie (Lib. IV. IX Epigr. 9; „Hinweg, auch in Wachs, du Kindesmörderin,
denn die Züge zeugen von deiner masslosen Wut ('Eppe xal l.v xTjpö), xaiSoxxövs' aö3v
yäp äpsTpwv Zi;Xtov slg S. •9-eXsig xal ypacplg ala9-ävsxat) und im Epigr 13‘; „Fliehe diese ver-
ruchte Mutter, die in Wachs noch ihre Kinder tötet“ (cpeöys tlxvcüXy] iiTjxspa xäv
X7)pqj xsxvo^ovoSaav ext). — Statius Silv. I, 1, 100 redet den Domitian mit den Worten
an: „Die Wachsfarben eines Apelles wären begierig, deine Züge festzuhalten“
(Apeileae cuperent te scribere cerael. — in gleicher Weise lässt Lucian Imag. 23
die Gemälde von Apelles, Parrhasios und Polygnotos aus Holz, Wachs und Farben
bestehen (öatp pv) göXou xal xY)poö xal xpa>päxu)v 7is7col7]xai). — Basilius (Homilie gegen
die Sabelliner. Ducange, Glossar, med. et inf. graecit. p. 805): „Die Holztafel, das
Wachs und die Kunst des Malers machen das Bildnis zur vergänglichen Nachbildung
eines vergänglichen Wesens (^öXa xal xTjpog xal ^toypä^ou xexvYj xyjv slxöva xoisi cpd-apxöv
cpD-apxoö (il(j,Yj[j,a). — Vgl. auch Gros et Henry p 58 und die Stellennachweise, welche
Blümner IV p. 443 Anm. 1 gibt.
Unser berühmter Kollege Prof. Hans Thoma, früher in Frankfurt a/M., jetzt
Galeriedirektor zu Karlsruhe, hat im letzten .Jahrzehnt wiederholt mit einer Mischung
von panischem Wachs und Gummi arab. gemalt. In einigen Briefen an mich spricht
er sich sehr begeistert über dieses Bindemittel aus; manche seiner vielbewunderten
Gemälde der letzten Ausstellungen in München (Sezession) sind mit solchen Farben
gemalt. Vielfach verwendet Thoma auch das panische Wachs als Bindemittel zum
Kolorieren seiner Lithographien und erzielt dabei durch nachheriges Frottieren vor-
treffliche Wirkung und zarten Glanz.
Mit Casein zusammen gibt das punische Wachs ein Bindemittel, das für
Dekorationsmalerei vortrefflich geeignet ist, und ich wüsste keinen Grund anzugeben,
warum dieses Wachs nicht auch heute noch vielseitig angewendet werden könnte.
Nur einen Nachteil hat es, nämlich den Gehalt an Alkali, der bei zu grossem Ver-
hältnis für manche empfindliche Farben schädlich ist, bei richtiger Bereitung aber
und entsprechender Neutralisierimg leicht beseitigt werden kann.
Verwendbar-
keit des
Punischen
Wachses.
Technisches
zur Tempera-
malerei.
182
Befolgung von
Sohulregeln.
Untermalung
und
Uebermalung.
Tiefenwirkung, haben wir ein lehri’eiohes Beispiel in den Schlachtenszenen
auf den bemalten etruskischen Sarkophagen des archäologischen Museums
zu Florenz, die entschieden griechischen Einfluss aufweisen (abgebildet bei
Baumeister p. 1556). Sie geben uns, so schadhaft die Malerei auch geworden
ist, eine genügend anschauliche Vorstellung von der Art dieser Kunst. Die
Farben — lauter Deckfarben, so weit sich heute noch urteilen lässt — sind
sehr harmonisch angeordnet. Die ganze figurenreiche Komposition spielt sich
auf einfarbigem blauen Hintergründe ab , so dass der friesartige Charakter
des Ganzen klar hervortritt. Von beiden Seiten stürmen Amazonen mit fliegendem
Gewand auf ihren Quadrigen nach der. Mitte zu, wo. das Handgemenge mit
den ebenbürtigen männlichen Kämpfern schon begonnen hat ; die Gruppen
der Kämpfenden und der Gefallenen halten einander das Gleichgewicht in
Linien und Masse; aber es fehlt die eigentliche Rundung der Komposition
(z. B. Vermeidung von Rückenansichten), und die richtige Modellierung der
Formen an diesem jedenfalls nach gutem Vorbilde hergestellten Beispiel
handwerksmässiger Kunstübung lässt zu wünschen übrig.
Wie die sich steigernde Vollkommenheit der künstlerischen Auffassung
und Durchbildung der Gemälde nur nach und nach erreicht worden ist unter
dem Einfluss der grossen, neue Ziele zeigenden Talente, so haben wir uns
auch den Fortschritt in der technischen Behandlung der Farben als einen
langsamen zu denken, wobei die erfolgreichen Neuerungen anerkannter
Koloristen sowie Lehre und Beispiel der Schulhäupter bewirkt haben, dass
gewisse Gewohnheiten sich bildeten, die dann durch die Tradition zu lormhchen
Regeln wurden. So feste, ja schablonenhaft befolgte Regeln freilich, wie sie
z. B. für die Farbenmischung in der byzantinischen Zeit das Athosbuch ^^)
aufweist, das für die Karnation genau detaillierte Vorschriften gibt und ge-
wisse Mischungen mit eigenen Namen, wie Glykasmos, Proplasma u. a., be-
zeichnet, hat es in den alten Zeiten schöpferisch vorwärtsstrebender Entwicklung
gewiss noch nicht gegeben, doch findet sich die Spur einer technischen
Tradition in der bisher wenig beachteten Notiz bei Plinius,^®) dass das
Indicum (Indigo) zur Herstellung der „incisurae“ diene, womit die Ueber-
gänge vom Licht -zum Schatten beim Fleischmalen gemeint sein mögen;
denn mit dieser Farbe lassen sich die weichen grauen Uebergangstöne sehr
treffend wiedergeben , und in der ganzen Skala der den Alten bekannten
Farben ist wohl keine für diesen Zweck geeigneter als Indigo.
Im übrigen können wir bei der Bekanntschaft der Alten mit den
Unterschieden von Deckfarben und Lasurfarben vermuten, dass die
verschiedenen technischen Prozeduren, die aus der Untermalung (mit
deckenden Farben) und der Uebermalung (mit Lasurfarben) sich von selbst
als notwendig ergeben, von den alten Tafelmalern in dem Masse angewendet
worden sind, wie die wassermischbaren Bindemittel das Uebermalen überhaupt
gestatteten. Denn das Uebermalen mit dem gleichen Bindemittel kann nur
geschehen, wenn die erste Farbenlage genügend erhärtet ist; sonst würde
die Uebermalung die Unterschicht auflösen und den Zweck de r Lasur,
nämlich das Durchscheinenlassen des Grundes, vereiteln. Bei dem in
der Wandmalerei gegebenen Vorbilde ist die Gefahr des Auflösens der Grund-
farbe ausgeschlossen , weil der getrocknete Stuckgrund durch Wasser nicht
oder nur sehr schwer aufgelöst werden kann, so dass die Eifarbe ohne
weiteres ihrem Zweck entspricht. Bei der Tafelmalerei ist schon eine ge-
wisse Vorsicht nötig, um das Auflösen der unteren Lagen durch Ueberraalungen
zu verhüten. In der Zeit der Frührenaissance, da vornehmlich mit Eibinde-
mittel gearbeitet wurde, half man sich mit Strichelungen und vermied das flächige
Anlegen der Töne; wenn aber das ganze Ei genommen wird, und die
Malerei genügend Zeit zum Trocknen gehabt hat, dann kann man dreist mit
**) Handbuch der Malerei vom Berge Athoa § 16—21, und Beitr. III p. 75.
’^) Plin. XXXIII, 163: Indicum .... ratio in pictura ad incisuras, hoc est
umbras dividendas ablumine. Blüraner IV p. 507 erklärt diese Notiz für unverständlich.
183
Eiterapei’a übermalen;®®) ja das Auffrischen ein geschlagener Stellen
lässt sich bei einiger Flinkheit und unter der zu beobachtenden Vorsicht,
dass die Stelle kein zweitesmal berührt werde, mit verdünntem Eiklar aus-
führen. Nach dem Trocknen dieses Ueberzuges können dann üebermalungen
vorgenomraen werden.
Eine in dieser Beziehung merkwürdige, wenn auch oft bezweifelte
Notiz berichtet Plinius von einem Gemälde des' Protogenes: dieser soll
sein Bild des Jalysos viermal übermalt haben, damit, wenn durch Alter
oder irgendwelche Beschädigung eine der oberen Schichten zu Grunde ginge,
die untere Malschicht sie ersetze. Wenn auch das Verfahren wirklich aus-
führbar ist und wir uns denken, dass Protogenes in gutem Glauben und
bester Absicht es angewandt habe, so bleibt es doch fraglich, ob er seinen
Zweck damit erreicht hätte. Angenommen , er hätte die Parbenschichten
durch Firnis isoliert (s. Anmerkung), und dann das Bild abermals auf dieser
Lage neu gemalt, so würden die verschiedenen Lagen von Bindemittel und
Zwischenschichten mit ihren wechselnden Eigenschaften ein Springen der
Parbenschichten unvermeidlich zur Folge gehabt haben. Wenn aber das
mehrfache Schichten von Farben so geschieht, dass die einzelnen Lagen
miteinander eine feste Decke bilden können, dann ist ein Widerstand
gegen äussere Einflüsse, gewiss möglich. Ich erinnere hier nur an den Aus-
spruch eines Grossen in der Kunst, Albrecht Dürers, der in einem Briefe
an Jak. Heller schreibt: „Und ich hab sie (die Tafel) vier-, fünf- und sechs-
mal unter-, über- und ausgemalt mit sonderlichen Pleiss der Dauerhaftigkeit
wegen. ®®)
Im Anschluss an diese Notiz treten wir der Frage näher, welche Mittel
die Alten besassen, um ihre Gemälde überhaupt vor äusseren Einflüssen zu
schützen, und insbesondere ob sie die Wirkung der schützenden Firnisse
kannten. Die Klagen, dass Bilder berühmter Meister durch die Zeit gelitten
haben, verblasst und unkenntlich geworden seien, sind auch im Altertum
nicht selten. Andererseits wurden in Rom hervorragende Bilder manchmal
auf öffentlichen Plätzen allgemein zugänglich gemacht, so dass sie unbedingt
eines Schutzmittels bedurften. Enkaustische Gemälde waren durch Feuchtigkeit
nicht gefährdet, wohl aber die Temperagemälde, und diese suchte man dadurch
zu schützen, dass man sie, wie die Altarbilder in der christlichen Kunst, mit
Flügeltüren versah. Auf pompejanischen und römischen Wandgemälden
sieht man häufig solche Bilder mit aufgeschlagenen Flügeltüren. Daraus etwa
zu schliessen, dass die Alten schützende üeberzüge überhaupt nicht gekannt
hätten,®®) halte ich für zu weitgehend. Da im Altertum die Lösung von
Harzen in Gelen bekannt war (Plin. XIV, 123: resina omnis dissolvitur
oleo), so ist nicht einzusehen, warum die griechischen Maler keine Firnisse
angewendet haben sollten, wie wir deren Anwendung auf Malereien ägyptischer
^®) Vgl. meine Versuche nach den Anweisungen des Cennino Cennini in m.
Beitr. Mittelalter p. 114 und 264.
Plin. XXXV, 102: huic picturae quater colorem induxit ceu tria (so nach
Mayhoff für contra) subsidia iniuriae et vetustatis, ut decedente superiore inferior
succederet. Blümner IV p. 441. 442 hält ein solches Verfahren für kaum denkbar
und sieht darin „eine alberne Atelieranekdote oder ein Missverständnis einer ander-
weitigen Prozedur“. Gros et Henry L’encaustique p. 106 sind der Ansicht, dass
Protogenes als jeweilige Zwischenschicht einen enkaustischen Firnis (Wachschicht)
angebracht habe, worauf er das Bild abermals mit Temperafarben gemalt hätte.
®®) S. Briefwechcl von A. Dürer, herausg. von Dr. Lange und Dr. Fuchse,
Nürnberg 1893 p. 48.
Blümner (IV p. 440) ist der Ansicht, dass die alten Maler „schützende
Firnisse offenbar nicht gekannt haben“, und stützt sich auf Donner, Wandm. p. 29,
der eher geneigt ist anzunehmen, -dass „die Alten etwa einen Eiweissfirnis oder eine
Gummi-, Leim- oder Stärkemehl-Lösung, event. auch eine mit Lauge bereitete milch-
artige Waohslösung“ zum Schutz ihrer Temperagemälde genommen hätten. Dem
ist entgegen zu halten, dass nichts weniger geeignet wäre, alsein derartiger wässe-
riger Üeberzug; er hätte schon beim Einstreichen die Temperafärben (Gummi, Leim,
oder Ei) gelöst und einen Schutz gegen Feuchtigkeit hätte er n i e bilden können.
Wiederholtes
Uebermalen.
Schützende
Firnisse.
- 184 —
Mumiensärge beobachten können. Alle diese Lösungen von Harzen in Oelen
waren mehr oder weniger gelb- oder braunfarbig, nur in ganz dünnen Schichten
anzubringen, und so mochte manchei Maler lieber auf den Firnis verzichten.
Das Bedürfnis eines solchen, auch wegen der Herstellung der vollen Parben-
harmonie, ist jedoch immer empfunden worden, und aus der Notiz über den
wunderbaren und nur dem Ap eiles bekannten „unendlich feinen, schwarzen
Ueberzug“ , der dessen Bilder vor Staub und Unreinigkeit schützte,
(Plin. XXXV, 97), geht deutlich hervor, dass es ein Firnis war, da durch
seine Wirkung „die Klarheit der Farben in unnachahmlicher Weise erhöht
wurde“. Mir will scheinen, dass Apelles bei seinem firnisartigen Ueberzug
die natürliche gelbe Farbe des Oelfirnisses durch sein atramentum so zu brechen
verstand, dass sie fast vollständig aufgehoben wurde. Ja, er mag bei seiner
Farbengebung schon von vorneherein den lasierenden Schlussefiekt seines
Atramentum-Pirnisses im Auge gehabt haben. Das Neue und für die Zeit-
genossen Erstaunliche an der Sache war, meiner Meinung nach, nicht das
Uebergehen eines Gemäldes mit einem gefärbten Firnis, sondern der Umstand,
dass Apelles es verstand , diesen Ueberzug so unendlich fein und kaum be-
merkbar zu machen, die überaus subtile Berechnung der Pirnismischung,
deren Wirkung man sah, ohne das Mittel zu erkennen.
In dieser Mischung von Firnis mit färbenden Substanzen sehen wir
schon die Andeutung einer Technik, die später sich weiter ausgebildet haben
wird, nämlich eine Kombination der Tempera mit Lasuren durch farbigen
Firnis bei den Enkausten der hellenistischen Zeit (s. weiter unten: Aline’s
Porträt).
”) Die Hypothese John’s (p. 150), dass jener Ueberzug des Apelles „eine Auf-
lösung von Asphalt in Terpentinöl oder in Bergnaphtha oder ein anders dunkles oder
helles Harz ohne oder mit Zusatz eines lasierenden Pigmentes“ gewesen sei, berührt
die Möglichkeiten eines solchen Firnisses, kann aber nicht der Wahrheit entsprechen,
da Auflösungen von Harz in Terpentinöl im Altertum unbekannt waren.
— 185
II. Die Enkaustik.
Nichts ist geeigneter uns einen sicheren Beweis von dem Streben der
griechischen Maler nach Verbesserung ihrer technischen Ausdruoksmittel zu
geben, als die von den alten Schriftstellern erwähnte sog. Enkaustik. In
ihr haben wir ein technisches Verfahren vor uns, das allen Ueberlieferungen
zufolge schon durch das Material an sich der Ausführung besondere Schwierig-
keiten bereitete und dessen Verbreitung in der besten Zeit der altgrieohischen
Kunst uns den Gedanken nahelegt, dass die Maler das unabweisliche Be-
dürfnis empfunden hatten, den Temperamethoden ein den Anforderungen
an Realistik besser entsprechendes Material an die Seite zu setzen. Ja,
schon der Umstand allein, dass sie vor Schwierigkeiten der Handhabung
nicht zurüokschreokten und eingreifende technische Neuerungen einzuführen
für nötig erachteten, beweist die oben (p. 179) berührte Unzulänglichkeit
der alten Temperamethoden. Dass sie dabei zum Wachs gegriffen haben
und zur Befestigung der Wachsfarben mittels der Wätme, muss darin seine
Ursache haben, dass geeignetere Mittel, künstlerische Wirkung mit der
Dauerhaftigkeit des Gemäldes zu vereinigen, ihnen noch nicht bekannt ge-
wesen sind.
Der Name xe)(vrj sYxauaTix-/) (der Künstler hiess syxauaT'/js, seine Tätigkeit
kommt von dem Verbum iyv.aiü) (lat. inuro) her, das herkömmlich
mit „einbrennen“ übersetzt wird, obwohl dieses deutsche Wort, wie wir weiter
unten sehen werden , dem Begriff nicht völlig entspricht und geeignet ist,
Missverständnisse hervorzurufen. Die Enkausten zeichneten ihre Bilder mit
evsxae. (lat. inussit: s. Plin. XXXV, 122 und 27), nicht mit eypa^pe (pinxit),
wie die anderen Maler. Darin liegt nicht nur dass ein enkaustisches Bild
unter Anwendung von Hitze zustande kam, sondern auch dass die Erhitzung,
von der die Benennung entlehnt ist, das eigentlich Wesentliche, das unter-
scheidende Merkmal dieser Technik gewesen sein muss. Mehr ist aus dem
blossen Namen allerdings nicht zu schliessen ; für weitere Aufschlüsse müssen
wir uns nach anderen Quellen der Erkenntnis Umsehen. Als solche bieten
sich uns litterarische Zeugnisse bei den Alten sowie D enkm äler und
sonstige Funde dar, so viele deren bis jetzt zu Tage getreten sind.
1. Die litterarischen Zeugnisse.
Eine wirkliche Beschreibung der enkaustischen Technik oder gar eine
schriftliche Anleitung zu ihrer Ausübung hat es auch im Altertum vielleicht
nie gegeben. War es doch der Pall, so hat sie das Schicksal aller kunst-
theoretischen Schriften der Griechen geteilt. Was sich von schriftlicher
Ueberlieferung über die enkaustische Technik erhalten hat, beschränkt sich
im wesentlichen auf eine nicht grosse Zahl vereinzelter und weit zerstreuter
Erwähnungen bei Prosaschriftstellern wie bei Dichtern ; in den meisten wird
die Sache in der Form eines Vergleiches oder einer Anspielung nur gestreift,
in ganz wenigen mit der Absicht der Belehrung gleichsam fachmännisch be-
sprochen, in allen als bekannt , weil noch regelmässig geübt , ohne weiteres
vorausgesetzt. Die wichtigsten verdanken wir dem Werke des Plinius.
Litterartsohe
Zeugnisse.
186
Plinius.
Varro.
Es erscheint zweckmässig, hier gleich an der Spitze die wenigen grund-
legenden Stellen in bestimmter Ordnung zu einer Uebersicht zu vereinigen;
1. Plinius XXXV, 122 (am Anfang
Maler) :
Ceris pingere ac picturam innrere
quis primus excogitaverit, non constat.
seiner Geschichte der enkaustischen
Wer zuerst auf den Gedanken ge-
kommen ist, mit Wachsfarben zu malen
und ein Gemälde einzubrennen*),
ist nicht bekannt.
2. Plinius XXXV, 49 (in der Beschreibung der Farbstoffe):
Ex Omnibus coloribus cretulam
amant udoque inlini recusant pur-
purissum, Indicum, caeruleum, Me-
linum, auripigmentum , Appianum,
cerussa. cerae tinguuntur isdem
his coloribus ad eas picturas,
quae inuruntur, alieno pärieti-
bus gonere, sed classibus famili-
ari, iam vero et onerariis navibus.
Von allen Farben lieben den Kreide-
grund und lassen auf feuchten Grund
sich nicht auftragen Purpur, Indigo,
Himmelblau, Melisohes Weiss, Auripig-
ment (Rauschgelb), Appianum (künst-
liches Kupfergrün) und Bleiweiss. Mit
eben diesen selben Farben werden
die Wachsmassen gefärbt zu den Ge-
mälden , die eingebrannt werden : ein
Verfahren, das für Wände nicht ge-
eignet, aber bei Kriegsschiffen, jetzt
sogar auch bei Lastschiffen , ganz
gewöhnlich ist.
3. Plinius XXI, 85 (in dem Abschnitt über das Wachs und seine Eigen-
schaften) :
Nigrescit cera addito chartarum
cinere, sicut anchusa admixta ru-
het, variosque in colores pigmentis
trahitur ad reddendas similitudines.
(Vgl. ebenda 99; anchusa inficiendo
ligno cerisque radicis aptae).
Das Wachs wird durch Zusatz von
Papierasche schwarz, sowie durch Bei-
mischung von Anchusa (Ochsenzunge)
rot gefärbt und überhaupt durch Ver-
setzung mit Farbstoffen genötigt,
mannigfache Farben anzunehmen, um
Dinge der Wirklichkeit getreu nach-
zubilden. (Die Anchusa hat eine
Wurzel, die geeignet ist, Holz und
Wachs zu färben.)
lieber die Malkästen und
Andeutung :
4. Varro de re rust. III. 17, 4-
Nam ut Pausias et ceteri pictores
eiusdern generis loculatas magnas
habent arculas, ubi discolores
sint cerae, sic hi loculatas habent
piscinas, ubi dispares disclusos habeant
pisces.
ihre Farben enthalten zwei Stellen eine
Denn wie Pausias und die anderen
Maler derselben Gattung in Fächer
eingeteilte grosse Kästen haben, in
denen die verschiedenen Wachsfarben
sich befinden , so haben diese [die
römischen Grossen] in Fächer ein-
geteilte Fischteiche, in denen sie die
verschiedenartigen Fische von einander
gesondert halten.
') „Gewöhnlich wird übersetzt „und das Gemälde einzubrennen“ und daraus die
Folgerung abgeleitet, dass das Gemälde zuerst mit kalten „Waehspasten“ gemalt
und nachher durch Erhitzen oder , Einbrennen“ an der Oberfläche überarbeitet worden
sei. Der lateinische Wortlaut zwingt dazu keineswegs, im Gegenteil lässt sich die
Richtigkeit der neuen Uebersetzung von verschiedenen Gesichtspunkten aus erweisen.
Der Ton ist auf inurere zu legen, und „ein Gemälde einhrennen“ bedeutet „es heiss
auftragen, mittelst Erhitzung zustande bringen“, so dass das picturam inurere nicht
eine zweite Handlung bezeichnet, die auf das pingere folgt, sondern ein erklärender Zu-
satz zu ceris pingere ist, da die Wachsfarben sich nur mit Anwendung von Hitze so be-
handeln Hessen und eben hierin das Neue und Eigentümliche dieser Technik lag“(Mayhoff).
187
5. Sen ec a epist. 121, 5:
Pictor colores, quos ad reddendam
similitudinem multos variosque
ante se posuit, celerrime denotat
et inter oeram opusque facili voltu
ac manu commeat.
Der Maler triflft unter den Farben,
die er, um die natürHohe Erscheinung
getreu wiederzugeben, in grosser Zahl
und mannigfacher Abstufung vor sich
aufgestellt hat, aufs schnellste seine
Wahl und eilt mit Auge und Hand
zwischen dem Wachs und seinem Werk
behende hin und her.
Die für die Erkenntnis der Technik wichtigste Stelle ist die über
die nach den Malinstrumenten unterschiedenen drei Arteü;
6. Plinius XXXV, 149:
Encausto pingendi duo fuere anti-
quitus generä, cera (?) et in ebore
cestro, id est vericulo, donec classes
pingi coepere. hoc tertium genus
accessit resolutis igni ceris penicillo
utendi, quae pictura navibus nec sole
nec sale ventisve corrumpitur.
Von -verschiedenen Malgründen
7. Plinius XXXV, 147:
Jaia Cyzicena ... et penicillo pinxT
et cestro in ebore imagines mulierum
maxime . . .
8. Plinius XI, 126:
(Urorum cornua) apud nos in
lamnas secta tralucent atque etiam
lumen inclusum latius fundunt multas-
que alias ad delicias conferuntur, nunc
tincta, nunc süblita, nunc quae ces-
trota a picturae genere dicuntur.
9. Plinius XXXVI, 189:
Agrippa . . in thermis, quas Romae
lecit, figlinum opus encausto
pinxit in calidis, reliqua albario ador-
navit.
Enkaustisch zu malen hat es in alter
Zeit [nur] zwei Arten gegeben, mit W achs
(?) und auf Elfenbein mit dem Oestrum,
d. h. einem spiessähnlichen Werkzeug,
bis man anfing, die Kriegsschiffe zu
bemalen. Dadurch kam als dritte die
Art hinzu, die Wachsfarben durch
Feuer flüssig zu machen und den Pinsel
zu gebrauchen: eine Malerei, die an
Schiffen weder durch die Sonne noch
durch das Salzwasser oder durch Winde
beschädigt wird.
handeln noch
Jaia aus Kyzikos . . . hat sowohl
mit dem Pinsel wie auch mit dem
Oestrum auf Elfenbein Bildnisse, haupt-
sächlich weibliche, gemalt . . .
Bei uns werden sie (die Hörner der
Auerochsen) in dünne Blättchen zer-
schnitten, die dann durchsichtig sind
und ein eingeschlossenes Licht noch
weiter leuchten lassen^ und zu manchen
anderen Zieraten verwendet, bald ge-
färbt , bald von unten bemalt, bald
mit der Art von Malerei geschmückt,
die vom Oestrum ihren Namen hat.
Agrippa Hess in den Thermen, die er
in Rom erbaute, [die Wände nicht
mit dem erst später erfundenen Glas-
mosaik, sondern] die Tonfliesen in den
heissen Räumen mit enkaustischer
Malerei, die übrigen Räume mit Weiss-
stuck verzieren.
Andere Stellen aus römischen wie aus griechischen Schriftstellern werden
später bei gegebener Gelegenheit herangezogen werden. Sehen wir zunächst,
was sich aus den obigen mit mehr oder weniger Sicherheit ergibt.
Wir wissen schon aus der geschichtlichen Uebersicht, dass die künstlerischen
Bilder enkaustischer Art Tafelbilder, grösstenteils sogar recht kleine Tafel-
Seneoa.
Hauptstelle
des Plinius.
Untergrund
ir Tafelbilder.
188
Elfenbein.
Wachsbinde-
mittel.
bilder, gewesen sind; hier haben wir in Nr. 2 (alieno parietibus genere) das
ausdrückliche Zeugnis, dass die künstlerische Enkaustik auf die Tafelmalerei
beschränkt und für Wände, soweit es sich um feuchten Bewurf handelte,
nicht geeignet befunden worden ist — ein sehr wichtiges Zeugnis, das
aber nicht in der unberechtigten Beschränkung verstanden werden darf,
als ob enkaustische Malerei auf Wänden überhaupt ganz ausgeschlossen oder
unmöglich gewesen wäre. Denn bei dem cretulam amant udoque inlini re-
cusant (in Nr. 2) ist die Hauptsache der Gegensatz von trockenem und
feuchtem Malgrund, und in betreff der Enkaustik wird nur gleichzeitig be-
merkt, dass bei ihr Farbstoffe verwendbar seien, die einen feuchten Malgrund
nicht vertragen, d. h. einen trockenen verlangen. Völlig trockenen Marmor-
stuck hätte mau gewiss ebenso gut enkaustisch bemalen können , wie die
cretula, den trockenen und porösen Kreidegrund, wie marmorne Architektur-
teile und Marmor bei der Polychromie der Statuen oder auch Terracotta, denn
an bunt verzierte Fliesen aus diesem Material werden wir doch wohl bei den
Thermen des Agrippa (in Nr. 9) zu denken haben. Möglich also, um das
beiläufig zu bemerken , dass gelegentlich auch eine Marmor- oder Terracotta-
Tafel mit einem enkaustischen Gemälde bedeckt worden ist. Ob übrigens
die Holztafeln für die Enkaustik einen präparierten Kreidegrund erhalten
haben, mag eine offene Frage bleiben. Nötig war dies jedenfalls nicht, wie
der Anstrich von Schiffen, auch von Türen und Pfosten, beweist, von denen
nicht anzunehmen ist, dass sie vorher mit einer Kreideschicht grundiert
worden seien.
Als eine zweite Art von Malgrund erscheint in Nr. 6 und 7 das Elfen-
bein, beidemal mit dem Zusatz eines besonderen Instrumentes, des Oestrums.
Es werden , der Natur des Materials entsprechend , gewöhnlich sehr kleine
tabellae gewesen sein , nur für Miniaturporträts und andere zierliche Klein-
malerei. Dieselbe Technik scheint man, wenn der Ausdruck cestrota in Nr. 8
richtig überliefert ist,^) auch auf Blättchen aus Auerochsenhorn über-
tragen zu haben, deren Oberfläche allerdings ganz ähnliche Eigenschaften
dargeboten haben muss. Indes diese Notiz steht ganz vereinzelt da und
reicht für sich allein nicht aus, uns Gewissheit über die Sache zu verschaffen.
Das spezifische Bindemittel für die Farbstoffe war Wachs — spezifisch
deshalb, weil es die Anwendung von Hitze nötig machte , die in der Malerei
sonst nicht nötig war und daher diesem Verfahren den Namen gegeben hat.
Man hat gemeint, dass Plinius unter Wachs das Punische Wachs verstehe,
aber der Tatsache gegenüber, dass Plinius an allen die Enkaustik betreffenden
Stellen den einfachen Ausdruck cera ohne irgend welches Beiwort gebraucht,
während er XXXIII, 122 bei der Ganosis der Wandmalerei und XXI, 85
und XXX, 70 bei medizinischen Angaben ausdrücklich cera Punica sagt und
anderwärts cera Pontica und Cypria mit Namen nennt, um anzudeuten, dass
es sich nicht um cera schlechthin handele, ist es angezeigt, bis zum Beweise
des Gegenteils anzunehraen, dass er einfaches Bienenwachs gemeint habe.
Auch ist bei anderen Schriftstellern, wenn sie von enkaustischen Farben
sprechen, immer nur von cera, nie von cera Punica die Rede. Natürlich
konnte nur wohlgereinigtes und gebleichtes Wachs sich dazu eignen, jeder
Farbe ihren besonderen Charakter ungetrübt zu bewahren.
,Die Handschriften haben übereinstimmend cestrota, rmd so lesen auch mit
Recht die ältesten Ausgaben und seit Harduin (1685) wieder alle neueren. Was eine
zeitlang in früheren Ausgaben stand, cerostrota (xspuarpco-a), ist nichts als eine un-
massgebliche Vermutung des Hermolaus Barbaras, der dieses Wort nach Analogie
von lithostrota (Steinmosaik) gebildet hat und ein Mosaik von Hornblättchen darunter
verstanden wissen wollte. Dalechamp hat es dann als tessellae cornuum vario colore
pictae et ligno infertae, vulgo „marqueterie“ , erklärt. Der erste, der sich dagegen
aussprach und cestrota als Beispiel enkaustischer Technik wiederherstellen wollte,
war Salmasius in seinen Exerc. Plin. p. 164 aB. Vom Standpunkt der Textkritik ist es
sicher unmethodisch, zu Gunsten einer blossen Vermutung eine einstimmig beglaubigte
Lesart zu verdrängen in einer Sache, die in dem einen Falle ebenso unsicher bleibt
wie in dem anderen“ (Mayhoff).
189
Was die Farben betrifft, so lernen wir durch Nr. 2 und 3 eine Aus- Parbea
wähl von neun mit Namen angeführten Farben kennen, unter denen schon
alle unentbehrlichen Hauptfarben vertreten sind; ausserdem sind wohl einige
aus ihnen gemischte Töne in verschiedenen Abstufungen schon vor dem Be-
ginn des Malens als besondere Farben präpariert worden. Und bei dem Zu-
sammenhänge, in dem Plinius die ersten sieben Farben in Nr. 2 erwähnt, ist
es durchaus nicht ausgeschlossen, dass unter den anderen Farben , die dem
feuchten Malgrund der Wandfläche nicht widerstrebten, manche auch die
Vermischung mit Wachs sehr wohl vertrugen. Ja, Seneca (Nr. 5) sagt es
mit deutlichen Worten, dass es „viele und m an nig faltige Farben“ waren,
unter denen der Maler zu wählen Jiatte. Auf den leicht erstarrenden Zustand
der warmflüssigen Wachsfarben zielt die treffsichere „Schnelligkeit bei ihrer
Auswahl“, die Seneca veranlasst hat, jenen Satz als schlagendes Beispiel
für den Gedanken anzuführen, dass jedes lebende Wesen seine Glieder, jeder
Künstler und Handwerker die ihm eigentümlichen Werkzeuge bewundernswert
flink und gewandt zu gebrauchen wisse. Die Farben hatte der Maler ge-
brauchsfertig und wohlgeordnet vor sich; zu dem Zweck waren sie in die
verschiedenen Fächer eines grossen Malkastens verteilt, wie dies aus Varros
Vergleich (Nr. 4) mit den Fischteichen hervorgeht, in denen jede der ver-
schiedenen Arten von Fischen ihre eigene Abteilung hatte.
Bis hierher gewährt uns die schriftliche Ueberlieferung bei exakter und
vorsichtiger Auslegung einen im ganzen sicheren Boden. Für die übrigen
und gerade die wichtigsten Punkte , die in Frage kommen , sind wir einzig
angewiesen auf die Pliniusstelle in Nr. 6, die als die klassische Hauptstelle
von jeher viel besprochen und fast immer verschieden gedeutet worden ist,
ohne einen befriedigenden Aufschluss zu geben, üeber sie möge der Heraus-
geber des Plinius, Prof. Dr. 0. May hoff in Dresden, das Wort haben, dem
ich folgende, hier zum erstenmal veröffentlichte Mitteilung verdanke :
„Im V. Bande meiner Ausgabe (Leipzig, Teubner 1897) habe ich gleich
allen Früheren den überlieferten Text unverändert gelassen , nicht weil ich Pliniusstelle.
ihn für unverdorben hielt, sondern weil ich einen sichern Weg zu seiner
Berichtigung nicht wusste. Nur schien mir für ein unbefangenes Stilgefühl
der Satz seiner ganzen Fassung nach auf eine Unterscheidung von drei
Werkzeugen angelegt zu sein, durch welche die drei Arten der enkaustischen
Technik sich charakterisieren.^) Damit würde auch etwas wirklich Neues,
®) „Denselben Eindruck hat auch C. Robert gehabt, der in den „Knöchel-
spielerinnen des Alexandros“ , Halle 1897 S. 10 ff. zuletzt diese grundlegende Stelle
ausführlich behandelt hat. Er bemerkt gegen Donners Auffassung von cera mit
vollem Recht (S. 11), dass man dann „durchaus cestro mit ebore eng verbinden und
für die erste nicht ausdrücklich genannte Malweise, die auf Holz, ein anderes In-
strument als das cestrum postulieren“ und annehmen müsste, „dass hinter cera einige
Worte ausgefallen wären“ (Anm. 27), — freilich um gleich darauf zu Gunsten einer
anderen Auslegung diesen jetzt als richtig bestätigten Gedanken wieder fallen zu
lassen. Donner hat dann in den Mitteil, des archäol. Instit. Röm. Abteil. XIV (1899)
S. 131 ff. gegen diese und die anderen Ausführungen Roberts eingehend polemisiert,
in philologischer Beziehung mit wenig Glück; denn wie durch seine parenthetische
Auffassung von et in ebore die Worte cera— cestro in eine natürlich und lesbar stilisierte
Konstruktion gebracht werden sollen, in der zwei genera pingendi genau und deutlich
unterschieden werden, das ist für den Kenner des Plinianischen btiles wie für jeden
Anderen gleich schwer zu begreifen. Und dass lateinisch cera pingere gesagt werden
könne, wie im Deutschen „in Oel malen“, ist leichter behauptet als bewiesen. Ge-
malt wurde mit gefärbte.n Wachsmassen d. h. Wachsfarben; daher erscheint in Ver-
biudung mit pingere oder wo von Wachsmalerei die Rede ist, immer der Plural
cerae, wie schon von anderen beobachtet worden ist; so § 12- (oben Nr. 1), hier
§ 149 resolutis igui ceris, bei Varro (Nr. 4) discolores cerae, bei Statius silv. I, 1,
100 Apelleae cuperent te scribere cerae und an den Stellen, die Blümner Techno!.
IV, S. 443 A. 1 gesammelt ha't. Wenn Donner sich gegen Robert für den Singular
cera im Sinne von Wachsfarben auf Vitruv IV, 2, 2 beruft, so begegnet ihm das
Missgeschick, nicht zu bemerken, dass es sich dort um eine einzi g e Farbe, die cera
caerulea, handelt, der Plural also überhaupt nicht möglich war. Umgekehrt steht
natürlich auch von nicht gefärbtem, sondern erst zu färbendem oder in anderer Weise
behandeltem Wachs bei Plinius jedesmal der Plural, wenn einzelne W achsstücke
190
im Vorhergehenden noch nicht Erwähntes ausgesagt werden, worauf es Plinius
offenbar abgesehen hatte, als er hier am Schluss des ganzen Abschnittes
über die Malerei diese Bemerkung über die enkaustische Technik nach-
träglich als Anhang hinzufügte. Wie die Worte jetzt lauten, beschränkt
sich das Neue für den Leser eigentlich auf die Notiz, dass der Gebrauch des
Pinsels durch die Schiffsmalerei aufgekommen ist und dass man technisch
drei Arten von Enkaustik unterschieden hat. Und wenn er von diesen
drei Arten eine klare und vollständige Definition geben wollte , wie doch
anzunehmen ist, so musste er die unterscheidenden Merkmale unzweideutig
bezeichnen. Diese konnten bei gleichem Parbenmaterial im Malgrund
oder in den Werkzeugen oder in beiden zugleich bestehen, aber worin
sie auch bestehen mochten, er musste sie bei jeder der drei Arten gleich-
mässig und einander entsprechend angeben. Statt dessen sehen wir drei —
oder genau genommen vier — ganz ungleichartige Begriffe scheinbar koordiniert
einander gegenübergestellt : cera — in ebore und cestro — penicillo. Dieser
Gegensatz ist natürlich unmöglich, aber jeder Versuch, ihm durch künstliche
Interpretation auszu weichen , stösst auf andere Hindernisse. Denn mag man
cera als Material des BLndemittels (worauf der Singular hinweisen würde)
oder als Wachsfarben verstehen (wofür übrigens der Plural ceris stehen
müsste), in beiden Fällen wäre cera ein allen drei Arten gemeinsamer
Begriff, also kein Unterscheidungsmerkmal für die erste Art allein, für
die dann gar nichts, weder Malgrund noch Werkzeug, angegeben sein würde:
denn cestro auch auf die erste Art zu beziehen und so zum gemeinsamen
Werkzeug der ersten und zweiten Art zu machen, verbietet erstens die
Wortstellung und zweitens die unvermeidliche Konsequenz, dass wir dann
nicht drei, sondern nur zwei Arten, nämlich Cestrumtechnik und Pinsel-
technik, haben würden und innerhalb der ersten Art zwei Unterarten nach
dem Malgrund der (zu ergänzenden) Holztafel und des Elfenbeins. Dasselbe
ist der Pall, wenn man sprachwidrig cera für in cera nimmt und darunter
eine mit einem Wachsgrund überzogene Tafel versteht. Es würde hier zu
weit führen und, 'wie sich zeigen wird, auch überflüssig sein, alle Erklärungs-
versuche geschichtlich aüfzuzählen und mit kritischen Einwendungen zu
begleiten. Wie man sich auch drehen und wenden mag, man kommt aus
den Schwierigkeiten nicht heraus und behält immer ein sachlich unklares
und lückenhaftes, stilistisch ungeschicktes Satzgebilde, wie es auch dem
spröden Exzerptenstil des Plinius, der mehr verrufen ist, als er verdient,
nicht zuzutrauen ist. Da also mit allen Künsten der Auslegung sich nichts
ausrichten lässt, so liegt die einzige Möglichkeit einer Lösung auf dem
Wege der Emendation des Textes, und diese hat sich mir — ich darf
wohl sagen: zu meiner eigenen Ueberraschung — wie von selbst dargeboten,
als ich vor mehreren Jahren die Indices im I. Buche für -eine neue Aus-
gabe durchzuarbeiten unternahm.“
„Es wird nötig sein, die Bemerkung vorauszuschicken, dass die
von Plinius selbst verfassten sog. Indices, die das I. Buch ausmachen,
den Inhalt der folgenden 36 Bücher angeben, indem sie dem Text der
Bücher folgen und jeden Abschnitt — darauf beruht die von Harduin
eingeführte Einteilung in Sektionen — mit Schlagworten oder mit kurzen
gemeint sind: so § 49 cerae tinguuntur, XXI, 99 (Nr. 3) inficiendo ligno cerisque;
XXXVII, 95 ceras signantibus bis (carbimculis) liquescere sind Wachsiegel, XIII, 69
monumenta . . privata linteis oonfici coepta aut ceris Wachstafeln zum Schreiben
zu verstehen, und die natürlichen Wachsgebilde der Bienen, Wespen und Hummeln
sehen wir XI, 11. 18. 71. 75 im Plural als cerae bezeichnet. Als blosser Stoff gedacht
steht cera im Singular, daher immer in medizinischen Vorschriften, als firnisartiger
Wandüberzug XXXIII, 122, als , Träger“ einer aufzunehmenden Farbe XXI, 85 (Nr. 3)
nigrescit cera. In der Senecastelle (Nr. 5) inter ceram opusque bezeichnet der
Singular kollektiv das Material, das Handwerkszeug im Gegensatz zu der damit zu
verrichtenden Arbeit; ebenso kollektiv Apuleius apol. 1 quod vel cera inustum vel
pigmento inlitum. Von rhetorischer oder poetischer Diktion darf man überhaupt
keine technische Genauigkeit des Ausdrucks erwarten.“
191
Sätzen bezeichnen, wie man sie früher als Kapitelüberschriften liebte. Da
also das I. Buch als ein zuverlässiges Exzerpt von der Hand des Autors
selbst nur enthalten kann, was in den folgenden Büchern vorkoramt, und um-
gekehrt in diesen übereinstimmend sich wieder finden muss, was in jenem
steht, so dienen beide zur gegenseitiger Kontrolle, und die Indices erweisen
sich als ein ungemein wichtiges textkritisches Hilfsmittel, dessen Wert erst
in neuerer Zeit völlig erkannt worden ist, seitdem Sillig in seiner. Ausgabe
von 1851 zum ersten Mal in allem Wesentlichen die ursprüngliche Passung
aus den Handschriften hergestellt hat. Vor ihm hatte zwar Harduin den
Versuch gemacht, auch in den Indices sich, enger an die alte handschriftliche
Ueberlieferung anzuschliessen, aber er hatte doch noch viel willkürliches aus
dem durch Verkürzung, Umänderung oder Binechiebung stellenweise fast
unkenntlich gewordenen Wortlaut beibehalten, wie er von dem allerersten
Herausgeber veröffentlicht und 200 Jahre lang in allen Ausgaben prüfungs-
los nachgedruckt worden war. Aber gerade an der Stelle des Index zum
XXXV. Buche, die uns hier angeht, hat Sillig, wenn auch in gutem Glauben,
eine Verfälschung der überlieferten Worte verschuldet, die leider auch in die
beiden folgenden Ausgaben v. Jans und Detlefsens übergegangen ist, und da
die Ijetzteren nicht einmal die Lesarten der Handschriften ihren Lesern mit-
geteilt haben, so ist es kein Wunder, dass der nunmehr vorzulegende Tat-
bestand bis jetzt der öffentlichen Aufmerksamkeit sich gänzlich hat entziehen
können“.
„Nach Aussage sämtlicher verglichenen Handschriften, vor allen der
ältesten und ausschlaggebenden in Bamberg, die ich selbst nach verglichen
habe, lautet die ursprüngliche Passung der Inhaltsangabe im Index zu XXXV
sect. 41 so: qui encausto cauterio vel cestro vel penicillo pinxerint. Statt
sie aufzunehmen , hat Sillig , weil er mit cauterio nichts anzufangen wusste
und die notwendige Uebereinstimmung mit der Textstelle XXXV, 149 (s. oben
Nr. 6) herstellen wollte, wo escera et in ebore cestro heisst, aus Konjektur
cauterio in aut ceris verändert. Ist diese Veränderung schon den Schrift-
zügen nach recht unwahrscheinlich und stilistisch sinnlos, so ist sie vollends
der kritischen Methode nach als unbedingt falsch abzuweisen. Denn da
cauterio auch nicht den Schatten eines Verdachtes gegen sich hat, vielmehr
einen tadellosen Sinn gibt, cera dagegen, das im Text unüberwindhche
Schwierigkeiten macht, im höchsten Grad verdächtig ist, so hat man logischer
Weise gerade umgekehrt zu schliessen: nicht dass der Index nach der
Textstelle, sondern dass die Textstelle nach dem Index zu korrigieren d. h.
dass cauterio, das auch im Text gestanden haben muss, in sein Recht
wiedereinzusetzen ist. Und zwar halte ich es für die einfachste Lösung,
cauterio geradezu statt des fehlerhaften cera zu schreiben, dessen Entstehung
aus einer Verstümmelung des ursprünglichen cauterio zu erklären sein wird,
so dass die ganze Stelle in berichtigter Textgestalt so aussieht:*“)
*) „Diese Fassung des Satzes ist zwar vollkommen verbürgt, aber nicht durch-
gängig fehlerfrei und unverstümmelt überliefert; ich gebe daher hier die handschriftl.
Varianten: statt encausto hat der Bamb. B mit mehrfach vorkommender Verschreibung
encauto, der Riccard. R encausta, der Voss. V und Paris. E causta; statt cauterio
hat B cauteri (o vor u ausgefallen). Vollständig bietet den Satz nur B; im Stamm-
codex der jüngeren Handschriften waren durch Versehen des Schreibers, dessen
Auge vom ersten vel auf das zweite übersprang, die Worte cestro vel ausgefallen.
Da der Bamb. erst 1831 aufgefunden worden ist, so kannten die ältesten Heraus-
geber den Satz nur in der unvollständigen Ueberlieferung der jüngeren Handschriften;
sie wussten daher erst recht nichts mit cauterio anzufangen und strichen es, so dass
übrig blieb; qui encausto vel penicillo pinxerint, als ob die Worte sich auf die Scheidung
der Maler in Enkaustiker und Temperamaler bezögen ! Da übrigens unmittelbar darauf
folgt; quae Quis primus invenerit in pictura, so ist statt encausto höchstwahrschein-
lich mit RVE encausta zu schreiben, worauf sich dann quae (statt haec) mit unge-
zwungenem Anschluss bezieht“.
„Selbstverständlich kann man die Emendation des Textes auch auf andere
Weise versuchen, z. B. so, dass man hinter cera eine grössere oder kleinere Lücke an-
nimmt, in der cauterio mitausgefallen sei, obwohl dann die oben bezeichneten Schwierig-
1Ö2
Encausto pingendi duo fuere antiquitus genera, c aut er io et in
ebore cestro, id est vericulo, donec classes pingi coepere. hoc
tertium genus accessit resolutis igni ceris penicillo utendi u. s. w.
„Jetzt haben wir das bisher unbekannte dritte Werkzeug, das wir ver-
missten, weil es unentbehrlich war für eine klare und zureichende Definition
der Sache und eine unanstössige, sofort verständliche Konstruktion der Worte.
Alle früheren Bedenken sind beseitigt und zugleich bestätigt. Und dieses
Werkzeug ist weder beliebig erfunden noch willkürlich herbeigeholt,®) sondern
die Notwendigkeit seiner Einsetzung ist durch die urkundlich beglaubigte
Tatsache des qui encausto cauterio vel cestro vel penicillo pinxerint im Index
unumstösslich festgestellt. Ziehen wir hieraus die teils notwendigen , teils
wahrscheinlichen Folgerungen , was ergibt sich dann für die Erkenntnis der
enkaustischen Technik?“
1. „Die drei verschiedenen genera derselben werden von Plinius durch
drei verschiedene Werkzeuge charakterisiert. Der Malgrund
macht keinen charakeristischen Unterschied : er ist gewöhnlich Holz,
wie bei der ersten und dritten Art, und wird darum nicht ausdrücklich
genannt; nur bei der zweiten ist er Elfenbein, und nur auf Elfenbein
wird das Oestrum gebraucht. Denn in ebore cestro gehört untrennbar
zusammen, und daher erklärt sich auch, warum der Ausdruck cestrum,
der überhaupt nur bei Plinius und auch bei diesem im Text nur
zweimal (s. oben Nr. 6 und 7) vorkoramt, beidemal den Zusatz in
ebore bei sich hat.
2. Was die Wachsfarben (cerae) betrifft, so wird bei der dritten Art
hervorgehoben, dass sie über lebendigem Feuer (igni) „aufgelöst“ d. h.
in einen dünnflüssigen Zustand versetzt worden sind, der so lange an-
hielt, als die Malarbeit dauerte. Erst dadurch war der Gebrauch des
Pinsels möglich. Das resolutis ist hier, in Uebereinstimmung mit
dem in vielen Verbindungen bei Plinius auftretenden Gebrauch, gleich-
bedeutend mit dem liquefacta (cera cum oleo) bei der Ganosis (XXXIII,
122), und die nachdrückliche Voranstellung des resolutis (nicht des
igni oder cerisj als des wesentlichen' Unterscheidungsmerkmals deutet
auf den Gegensatz, der im Vorhergehenden unausgesprochen geblieben
ist. Diesen Gegensatz nun sofort in dem konträren Gegenteil, also in
dem kalten und festen Zustand des Wachses zu finden, ist zwar nahe-
liegend und scheinbar streng logisch, aber weder erweislich notwendig
noch der Natur des Wachses entsprechend, das überhaupt nur im
geschmolzenen Zustande die geforderte Bearbeitung zulässt ; er wird
vielmehr darin zu suchen sein, dass das Wachs in dem einen Palle
(wohl durch einen Zusatz von Oel) bei der Erhitzung seine Natur ver-
ändert und in einen relativ dauernden flüssigen Zustand übergeht, in
dem anderen dagegen seine natürliche Eigenschaft behält, nach dem
Schmelzen rasch -wieder zu erkalten und fest zu werden, und demnach
der Behandlung mit dem Pinsel widerstrebt.
3. Die Werkzeuge sind im Text wie im Index einander koordiniert
und als instrumenta pingendi bezeichnet: also malte man mit ihnen
d. h. man trug die Parbenmassen auf und bearbeitete sie so, dass ein
Gemälde entstand. Folglich müssen , was bei der dritten Art der
penicillus leistete, bei den beiden anderen das cauterium und das
keiten bestehen bleiben, die das Wort cera verursacht. Aber an der Sache selbst
auf die es hier allein ankommt, wird dadurch nichts geändert. Im Text muss
cauterio als Gegensatz zu cestro ehemals gestanden haben.“
®) „Bekannt war es bisher schon durch die beiden auch von ßlümner Technol.
IV S. 451 A. 4 angeführten Stellen; Digest. XXXIII, 7, 17, wo in dem Legat eines
Malers als dessen Handwerkszeug genannt werden cerae, colores, item peniculi, cau-
teria et conchae, und Tertullian. adv. Hermog. 1 bis falsarius et cauterio et .stilo.
Doch wurde seine Verwendung in der enkaustischen Technik verschieden gedeutet
oder gar bestritten; jetzt ist ihm durch die Pliniusstelle der ihm zukommende Platz
gesichert.“
193
cestrum, jedes in seiner Weise, geleistet haben: alle drei hatten dem
Effekt nach dieselben Punktionen.
a) Cauterium heisst wörtlich das Brenneisen. Nur in dieser Be-
deutung lässt es sich als ein auch anderweitig vielgebrauchtes
Instrument nachweisen, undPhnius setzt das ursprünglich griechische
Wort ohne jede erklärende Beifügung, betrachtet es als bekannt
oder ohne weiteres verständlich, so dass eine Abweichung von
der gewöhnlichen Bedeutung nicht anzunehmen ist. Da es also
vom Brennen seinen Namen hat, so muss, wenn Malen und
„Einbrennen“ zwei getrennte Operationen waren, das cauterium
beide nach einander besorgt haben; wenn beides dagegen in eine
Operation zusammenfiel, so kann nur mit dem von Anfang an
heissgemachten cauterium gemalt worden sein.
b) Der Name cestrum hat zwar nichts mit Brennen zu tun, denn
er hängt* mit xevTscü (stechen) und xeaxo; (gestickt) zusammen,
aber da es sich bei aller Enkaustik immer um Malen und „Ein-
brennen“ handelt, so müssen auch dem cestrum diese beiden
Punktionen zugeschrieben werden, nur irgendwie modifiziert durch
die besondere Natur des ihm allein vorbehaltenen Elfenbeingrundes.
c) Dass man mit dem Pinsel malte ist selbstverständlich, aber ebenso
versteht sich, dass er zum „Einbrennen“ nicht geeignet war. Nun
besteht aber der Unterschied der neuen dritten Art von den beiden
älteren darin, dass die Erfindung einer Methode, das Wachs durch
Peuer dünnflüssig zu machen , es möglich gemacht hatte , auf das
cauterium zu verzichten und es durch den Pinsel zu ersetzen.
Polglich muss der Gebrauch des Pinsels den Effekt des sog. „Ein-
brennens“ schon durch den heissffüssigen Zustand des Wachses
erreicht haben. Und von hier aus darf man jetzt rückwärts
schliessen, dass
4. auch bei den beiden älteren Arten das Malen d. h. das Aufträgen und
Bearbeiten der Wachsfarben kein nachträgliches „Einbrennen“ erforderte,
sondern von vorne herein mit heissgemachten Werkzeugen stattfand,
so dass in der Tat Malen und „Einbrennen“ — was vorhin zu-
nächst hypothetisch gesetzt wurde — in eines zusammenfiel
und das eigenthche Wesen aller Enkaustik zum Unterschied von den
anderen Malweisen , die mit Parben ira kalten Zustande arbeiteten,
darin bestand, dass die Parben vermöge verschiedener Verfahren
durch Erhitzung auf dem Malgrunde befestigt und unter einander
verbunden wurden: bei den beiden älteren Arten so, dass die Werk-
zeuge erhitzt, bei der neuen, der Pinseltechnik, so, dass die Wacht
färben unmittelbar über dem Peuer für die Dauer der Arbeit heiss-
flüssig erhalten wurden. Das vielumstrittene ceris pingere ac picturam
innrere bedeutet dann nicht, wie man beharrlich gemeint hat: „mit
Wachsfarben malen und nachher das Gemälde einbrennen , sondern:
„mit Wachsfarben malen und mittelst Hitze ein Gemälde herstellen
(oder: Hitze beim Malen anwendenl“ und erklärt sich grammatisch
als eine die Sache sprachlich auseinanderlegende Umschreibung®), in-
®) „In derselben Weise haben auch C. Robert und mit ihm Fr. Leo in den
„KnöcheLspielerinnen“ S. 10 A. 24 die Worte aufgefasst. Der Letztere fügt hinzu:
„Ein Anderer hätte ceris pingere et quidem picturam inurere gesagt. Dass hier, wo
vom söpsTijs [dem Erfinder] die Rede ist, das Verfahren in seinen Stadien beschrieben
sein sollte, kommt mir sogar stilwidrig vor.“ Uebrigens würde die von Donner
auch jetzt noch festgehaltene Auslegung in gut lateinischer Diktion statt des Sub-
stantivs picturam vielmehr das passive Participium von pingere erwarten lassen, so
dass es hiesse ceris pingere pictaque inurere, und man darf wohl fragen, oh Plinius
nicht diese gewöhnliche und unzweideutige Form vorgezogen haben würde. — Den
Ausdruck „mittelst Hitze ein Gemälde herstellen“ gebraucht Plutarch Amator. 16
p. 759 C fast wörtlich, wenn er in einem Vergleich die vergänglichen Gemälde, die
durch das icp' öypoig ^(DypacpEiv entstehen, den dauerhafteren slxövs^ §v
Ypatpöpevai Siä Jtupös entgegensetzt.“
13
U)4
dem zu der in Wirkliclikeit einheitlichen Handlung noch die besondere
Art und Weise ihrer Ausführung erklärend hinzugefügt wird.“
„Mit dieser Auffassung stimmt auch der Sprachgebrauch der Verba
l'^xaietv und inurere durchaus überein. Das deutsche „einbrennen“ erweckt
eine täuschende Vorstellung, indem es die richtige Beziehung der Präposition
verkennen oder nicht deutlich genug erkennen lässt. Im allgemeinen be-
deuten iy%ai£iv und inurere (wie incendere) „in oder an eine Sache Feuer
bringen“ und sie dadurch erhitzen oder entzünden, anbrennen. Aber in der
besonderen Anwendung auf ein Brandmal oder Brandzeichen erhalten die
Präposition und zugleich der Begriff des Brennens durch den hinzutretenden
oder zu denkenden Dativ eine andere Beziehung, und es entsteht die Be-
deutung „durch Brennen etwas wohin bringen oder dort anbringen, entstehen
lassen.“ ’’) Hiermit ist die nächste Analogie zu unserem Falle gegeben. Denn
die Sache liegt doch nicht so, dass das Zeichen auf der Haut schon vor-
handen wäre und dann noch nachträglich gebrannt oder eingebrannt würde,
sondern es wird durch Aufdrücken eines brennend heissen Instruments dort
überhaupt erst hervorgebracht und entsteht mit einem mal durch diese einzige
Operation. Wie man hier im Deutschen treffender sagt „jemand ein Zeichen
aufbrennen“, so müsste man auch für picturam inurere (näml. tabulae) sagen
„eine Malerei aufbrennen“ d. h. heiss (und zwar mit heissen Instrumenten
oder mit heissen Farben) auf den Malgrund auftragen ; dann würde die Vor-
stellung gar nicht aufkommen können, als ob ein (lemälde mit kalten Farben
und kalten Instrumenten erst vollständig fertig gemalt und hinterher (als
eigentlich nebensächliche „Schlussbehandlung“) erhitzt oder „eingebrannt“
worden wäre“.
„Zum Schluss noch einiges zu den litterarischen Nachweisen über die
beiden Malwerkzeuge, das cauterium und das cestrum“.
’’) „Die Belege bietet jedes grössere Lexikon in hinreichender Zahl, wenn auch
nicht immer gehörig geordnet. Für die allgemeine Bedeutung will ich nur die
Stellen aus Plinius selbst hersetzen: XII, 82 tus . inurentium (anzünden) XXIII,
148 putamine nucis iuglandis dens cavus inuritur (wird erhitzt), XVII, 229 sol acrior
insecutus inussit ipsum vitium (urucas) und XVIII, 275 rorem inustum sole acri
frugibus robiginis causam esse (erhitzt), endlich XXXIII, 122 pariete siccato cera
Punica . . candens saetis inducatur iterumque . . inuratur ad sudorem usque (erhitzen),
was Vitruv. VII, 9, 3 genau entsprechend durch eam ceram . . calfaciündo
sudare cogat ausdrückt. Bei dieser Bedeutung wäre nur die Konstruktion tabulnm
inurere pictura möglich , und so sagt denn auch Auson. epigr. 26 ceris inurens
ianuarum limina und in gleichem Sinne mit dem Simplex urere Ovid. fast. III, 831
tabulamque coloribus uris. Für die besondere Verbindung mit dem Begriff des
Brandmals weise ich im Griechischen auf Lucian. piscat. 46 hin , wo befohlen wird,
was man einem falschen Philosophen antim soll : dnl loö pexiivou ax^Ypaxa £7ußaXixu) i)
lyxauadcxü) xaxä xö psoöcfpuov. ö bk xuitoj xoö xauxfjpog eaxw dXwTtrjg i) Tctd'Tjxog. Daher kfy,a.lBiv
xivä geradezu für „jemand mit einem Brandmal zeichnen“, wie ebenda 52 i) oxs^avoüxs
■y) lyxccEXE, wg Iqjvjv und Phot. Lex. axtgai, xö kyv.(x.üa(x.<. Exuov oder bei Arrian ßoög kf'’^zy.a.u-
psvai (SoTiaXöv, und syxaupa — Brandmal, wie bei Lucian catapl. 24, wo ein Philosoph,
als axiypaxiag, lyyri xal OY)psla xoXXä xt5v syxaupäxtüv an sich hat. Daraus ergibt sich leicht
die Metapher des unverwischbar und tief eingeprägteu , wie vermutlich in der Stelle
des Plato Tim. 26 C, die gewöhnlich, da die Prozedur in beiden Fällen dieselbe ist,
auf enkaustische Malerei bezogen wird : wate ofov äyxaupaxa dvexxXöxou ypacp^g sppovä
poi ydyove (von Lehren, die bleibend dem Geiste eingeprägt sind) — eine Metapher,
die auch später (nach Steph. Thes.) wiederkehrt bei Basil. Magn. I p. 314 C: Soodxvtxxog
xal oEovsl iyxexaupevog und Nicet. Js. Ang. 3, 8 p. 287 B: xijv dvdxxXuxov xal ofov slg
ßdd'Og lyxexaupevvjv x'^ lauxoO xöv xaolyvYjxov axopy))v. Im Lateinischen finden
sich die entsprechenden Wendungen häufig, von dem eigentlichen Ausdruck (notae
corpori inustae bei Justin) an bis zu den figürlich gebrauchten, wie notam turpitudinis
vitae alicuius inurere oder signa probitatis inusta (Cic.) und- in freierer Weise mala
rei publicae inurere (Cic.) und maculam genti inurere (Liv.). Auch die Metapher
des Einprägens fehlt nicht, wie leges alicui inurere und odium inustum animis hominum
oder motus in ipso oratore inpressi atque inusti (Cic.). Hierher gehört auch unser
tabulae inurere picturam. Dass daneben auch eine Umbildung der Konstruktion (nota
aliquem inurere) vorkommt, wo inurere geradezu „zeichnen“ bedeutet, kann nach be-
kannten Analogien, wie inspergere, nicht verwundern.“
195
„Die für das oauterium von Einigen noch immer behauptete Bedeutung
„Kohlenbecken“ hat schon ßlümner a. a. 0. IV S. 451 A. 4, Welcher
folgend , mit Recht abgelehnt. Sie ist nirgends nachweisbar ; dass das zur
Ganosis der bemalten Wände gebrauchte vas ferreum bei Vitruv VII, 9, 3
so geheissen habe, ist eine willkürliche Vermutung. Vielmehr erscheint das
xauxrjptov (auch xautTjp, cauter) als Instrument zum Brandmarken, und
seine Anwendung hiess xaoxvjpca^etv : Lucian. pisoat. 46 6 xuxog xoO xauxfjpo?
und 46 extr. aizoiyei'^ km xö xauxigpcov, 52 extr. xoXXwv Se xat)xrjpcü)v Serjaop.S'^a,
apol. 2 xö xauxYjptov Scaxupov , Strabo. V p. 215 xauxTjptaaat xa? Ttttcoui; Xuxov
und xö xauxTjpiov cpuXa^au (Bildlich bei Diodor. XX , 54, 4 xafg
evSov (Saxep xauxifipca xtva xpoaYjYSv). Sodann war es ein chirurgisches
Instrument zum Brennen von Wunden, Geschwülsten, erschlafften Muskeln u. ä.,
bei Menschen und bei Tieren gebraucht und von griechischen und lateinischen
Medizinern öfters erwähnt, von Plinius nur XXII, 102 und XXV, 80, wo die
brennende Wirkung pflanzlicher Arzneien mit der eines Oauteriums verglichen
wird, und ähnlich von Scribonius 114 und 240 (vgl. Marcellus 27, 4). In
der Tierheilkunde spielte es eine so wichtige Rolle , dass es nach Pallad. I,
43, 3 neben den Werkzeugen zum Scheren, Kastrieren, Aderlässen und anderen
Verrichtungen zu dem unentbehrlichen Inventar eines wohlausgestatteten Land-
gutes gehörte. Ausführlich handelt davon Vegetius mulomed. I, 14, 3 und
besonders I, 28 ; er erklärt die kupfernen (cuprina) für besser, weil wirksamer,
als die eisernen, und schreibt in einigen Fällen vor, „gerade Cauterien“ zu
gebrauchen (inuri rectis cauteriis convenit); es muss also auch krumme ge-
geben haben. Auch hier war das Verbum xauxYjptal^etv üblich, lateinisch in
cauterizare oder oauteriare verändert. Ein drittes Oauterium endlich, das
unserem Malwerkzeug der Handhabung nach am nächsten kommt, finde ich
bei Palladius I, 41, 2 erwähnt in einer Stelle, die fast gleichlautend sich
wiederfindet in einem späten Exzerpt (angeblich aus Vitruv) De diversis
fabricis architeotonicae c. 30 im Anhang zu Val. Rose’s Vitruvausgabe ;
dort wird zur Ausbesserung von Fugen und Ritzen ira Baderaum des Hauses
empfohlen, mit einem Gemisch von hartem Pech, weissem Wachs, Ammoniak
und Schwefel, alles zu der maltha genannten Masse zusammengeschmolzen,
die Fugen auszustreiohen und dann das Ganze mit dem Oauterium zu über-
gehen (iuncturis adline et caütere cuncta percurre bei Pallad., iuncturas omnes
linito et cauteriato bei Pseudo-Vitr.) Diese Manipulation hatte offenbar den-
selben Zweck des Befestigens , Ausgleichens und Glättens, den bei Metallen
der Klempner mit dem heissen Lötkolben erreicht und den bei Wachsfarben
der Maler mit seinem Oauterium zu erreichen suchen musste. — Bei den
Griechen scheint xauxYjpcov als Name für das enkaustische Mal Werkzeug nicht
üblich gewesen zu sein, sondern als solches wird ein heissgemachter metallener
Stab, ^aßScov. erwähnt: Plutarch. ser. num. vind. 22 p. 568 A xat xt ^aßötov,
waTcep ol ^(i)Ypacf;ot, StaTCupov Tzpoodyti'^ gebraucht den Ausdruck allerdings nur
bildlich, Timaeus lex. Platon p. 264 aber auch technisch : xapa xoi?
"kB-^eToa xö jxev ypatvecv xö ypw^etv Sia xoö ^aßStou, xö Sö aT:oypatV£iv xö xa
ypwafl-evxa Ivoxotetv, und er bezeichnet zugleich die Punktionen des Werkzeugs.
Da )(pü)l^£iv nur eine andere Form für ^(pwvvuvat ist, so kann es auch nichts
anderes bedeuten als „farbig machen“ d. h. in diesem Palle die Farben auf-
tragen, und da, nach der Satzform zu schliessen, das dTioxpalvev, das „Ein-
heitlichmachen“, das Ausgleichen und Verschmelzen des Parbenauftrags,
ebenfalls als Scd xoö ßaßSiou geschehen zu denken ist , so muss das ßaßSiov
dieselben Dienste getan haben wie das oauterium, und es kann kein Zweifel
sein, dass Weloker und nach ihm Blüraner a. a. 0. IV Si 451 mit Recht
die beiden für identisch erklärt haben“.
„Heber cestrum als Name des Malwerkzeuges ist schon bemerkt worden,
dass es so nur bei Plinius und sonst nirgends vorkommt; Plinius selbst hat denn
auch den Namen als einen wenig bekannten oder nicht aus sich selbst ver-
ständlichen behandelt , da er ihn durch den Zusatz id est vericulo erklären
zu müssen glaubte. Dieser erklärende Ausdruck steht nun zwar auch nicht
13*
196
unbedingt fest, denn handschriftlich ist viriculo überliefert; aber die Lesart
Tericulo®) hat am meisten Wahrscheinlichkeit für sich, da sie paläographisch
so gut wie gar keine Aenderung erfordert und die Gestalt des Instruments
anschaulich macht gemäss derjenigen Etymologie, die als die nächste sich
ungesucht darbietet und darum die glaubwürdigste ist. Hiernach gehört
cestrum (xeaipov) zu der Gruppe von Wörtern , die mit dem Stamme von
xEVTSiv, „stechen, sticken“, verwandt ist: xeaxö; ist „gestickt“, [louaiap'.o;
xevtr/TTj; hiess in der späteren Kaiserzeit der Mosaikkünstler, der Bilder auf
die Wand „stickte“ (s. Blümner, Maximaltarif des Diocletian S. 106 ff.);
y.Evxr/TT]ptov ist bei Lucian. catapl. 20 der Pfriemen des Schusters und nach
Suidas s. v. axiyeu; auch das Instrument zum Tätowieren oder Brandmarken.
Ferner: xiaxpa ist bei Pollux X, 160 ein eisener Spitzhammer, bei Hesych
ausserdem eine Waffe (d[iuvxfjptov otcXov), xeoxpog bei Hesych ein dx6vxta[jia,
ein speer- oder pfeilartiges Wurfgeschoss , ebenso bei Suidas , der es eine
fremde Erfindung zur Zeit des Krieges gegen Perseus nennt und auch den
Namen xeaxpoatfSvSovTj anführt, beides in Uebereinstiramung mit Livius, der
XLII, 65, 9. 10 die Spitze als bipalme spiculum crassitudine digiti beschreibt:
die Beamten, deren Aufsicht diese W affen anvertraut waren, hiessen in attischen
Inschriften aus der Kaiserzeit xejxpocpuXaxe; (s. Boeckh. C J G. I, p. 372. 374,
388). Ausserdem bedeutet xeaxpog nach Hesych auch die zuerst hervor-
kommende Spitze des keimenden Samenkorns und das Rauhe auf der Zunge
(■f/ Iv xf/ yXwxx'fi xpa'/uxT/;). Derselbe bezeichnet xeoxptaxöv ?uXov als ein Holz-
stück mit schwerer (wahrscheinlich in Feuer gehärteter) Spitze und gibt für
xeaxpwais die Erklärung ßax:xT; jjt'.poujxEVTj, die Salmasius, da sie unverständlich
ist, in X7)v ypa:pixT^v p,'.[xouii,£V7j korrigieren wollte. Ueberall erscheint also
der gemeinsame Grundbegriff des Spitzigen; es fehlt auch nicht an Andeutungen
des Erhitzens. Bei den geringen Dimensionen der Gemälde auf Elfenbein
(und Horn) wird auch das Cestrum nur klein gewesen sein. (Gebrigens
bleibt es nach den obigen Nachweisen zweifelhaft, ob als Nominativform zu
dem Ablativ cestro das Neutrum cestrum oder das maskuline cestios zu
denken ist, wie Georges in seinem Lexikon angenommen hat.)“
So' weit mein philologischer Gewährsmann. Seine Berichtigung der
Hauptstelle im Plinius hat die Basis für die Frage der enkaustischen Technik
verändert, und wir können nicht umhin, uns auf diese zu stellen, so weit
sie als völlig sicher und haltbar gelten muss. Dadurch erleidet die Hypothese,
die ich vor zehn Jahren aufgestellt habe, einige Modifikationen ; in anderen
und zwar wesenthchen Punkten dagegen erfährt sie eine willkommene Be-
stätigung. Was aus den schrifthchen Zeugnissen sich nicht mit zwingender
Notwendigkeit ergibt, sondern noch dem Zweifel Raum lässt, wird zu prüfen
sein durch einen Vergleich mit dem, was uns die Denkmäler und Funde lehren.
Zu diesen wenden wir uns im Folgenden. Sie bestehen in den Mumien-
porträts hellenistischer Zeit aus El-Fayüm in Oberägypten und dem Instrumenten-
fund von St. Mödard-des-Prös.
„Vericulo ist zuerst von Sillig in den Text gesetzt worden, während man
vor ihm viriculo schrieb ; aber die Emendation ist nicht von ihm , sondern von
Salmasius. der in den Exerc. Plin. ad. Solin. S. 163 b ausführlich über die Stelle ge-
handelt hat, nachdem schon Dalechamp in demselben Sinne veruculo vorgeschlagen
hatte. Es beruht auf einem Versehen Koberts, wenn er a. a. 0. S. 10 A. 23 viriculo
als Lesart des Bambergensis, verriculo als ..Lesung der geringeren Handschriften“
bezeichnet. Denn das erstere steht in allen Handschriften, das letztere in keiner
einzigen, vielmehr ist verriculo (von verrere) eine blosse Vermutung Donners zu
dem Zwecke, seine Hypothese über die Form und die Handhabung des Cestrums
und die Ableitung des Namens von dem gezahnten Blatte der Pflanze cestros (vgl.
Plin. XXV, 84) zu unterstützen. Das erklärende Wort würde dann noch seltener
sein als das zu erklärende: es kommt nur au einer einzigen, noch dazu kritisch un-
sicheren Stelle vor (Serv. ad Verg. Aen. I 59). Ich kann auch nicht finden, dass
es den römischen Lesern des Plinius, die nicht wussten, wie ein cestrum aussah, eine
klare Vorstellung davon verschafft haben würde; wir verstehen es ja auch erst dann,
wenn wir Donners Beschreibung des von ihm erfundenen Cestrums kennen gelernt haben.“
197
2. Die hellenistischen Mumienporträts aus dem Fayüm und andere Tafelbilder.
Dem glüokliohen Zufall und der unermüdlichen Spatenarbeit unserei’ Alter-
tumsforscher haben wir es zu verdanken, dass sich wirkliche enkaustische
Gemälde aus dem Altertum in nicht geringer Menge und von grösster
Schönheit der Ausführung gefunden haben. Manche Gelehrte standen diesen
Funden anfangs mit Misstrauen gegenüber und waren geneigt sie für
Fälschungen zu halten, um so mehr als den ersten umfangreichen Fund von
ägyptischen Mumienbildnissen, die „Gallerie antiker Porträts“ des Wiener
Teppichhändlers The odo r Graf, der erste Besitzer nicht selbst ausgegraben,
sondern von Beduinen käuflich erworben hatte, die wegen ihrer Verschlagen-
heit berüchtigt sind. Erst nach und nach und als auf dieser und anderen
Fundstätten von Männern der Wissenschaft, wie Flinders Petrie, Dr. Brugsch,
Prof. V. Kaufmann u. a., gegraben wurde und immer neue Mumien mit den
noch auf dem Kopfteil befestigten Porträts zu Tage kamen, wurde es allen
klar, dass man hier originale Schöpfungen vor sich hatte, die für die Kenntnis
der antiken Malerei völlig neue Aufschlüsse zu geben geeignet waren. In
diesem Sinne ist denn auch alsbald in einer Reihe von Schriften lebhaft dar-
über verhandelt worden®).
Die Zeit der Entstehung der Graf’ sehen Porträts, die aus den
Gräbern von Rubayät stammen, hat Ebers (Ant. Portr. S. 48) in der Weise
bestimmt, dass die ältesten der Ptolemäerzeit und spätestens dem
zweiten Jahrhundert v. Oh. die jüngsten dem vierten Jahrhundert n. Oh. an-
gehören. Zwischen diesem Endtermin, der durch die Edikte des Theodosius
(392 n. Oh.) gegeben ist, und dem frühesten liegt demnach ein Zeitraum von
5 — 6 Jahrhunderten^®). Wir übergehen die Frage, ob die Porträts, noch zu
Lebzeiten der Dargestellteu gemalt und zum Schmuck des Famüienzimmers
bestimmt, erst später an der Mumie befestigt worden oder ob sie als Kopien
nach vorhandenen Gemälden zu betrachten seien, die eigens zum Zweck der
Einfügung in die Mumienhüllen angefertigt waren ; wir wollen auch nicht
untersuchen, warum sie der malerischen Fertigkeit nach so ungemein ver-
schieden ausgefallen sind, dass vermutet worden ist, die geringeren unter
ihnen müssten einer Verfallperiode der Kunst angehören; vielmehr schliessen
wir uns gern der Ansicht des gelehrten Aegyptologen an, dass „die höhere
oder geringere Vollendung der Porträts nicht ausschlaggebend ist für ihr
Alter, denn es werden zu jeder Zeit von ärmeren Famihen auch geringere
Künstler mit der Herstellung der Mumienporträts betraut worden sein“, und
gesellschaftlich höher Stehende gewiss auch in diesem Punkte sich den
grösseren Luxus gestattet haben, von guten Meistern porträtiert der Nachwelt
®) G. Ebers, Eine Gallerie antiker Porträts. I. Bericht über eine jüngst ent-
deckte Denkmälergruppe. Lei pz. 1888; Donner-v. Richter, Die enkaustische Malerei
der Alten in der Allg. Ztg. Beilage 1888, Nr. 180, sowie Anhang zum Katalog von
Theodor Grafs Gallerie antiker Porträts aus hellenistischer Zeit, Leipz. 1892; Rieh.
Graul, die antiken Porträtgemälde aus den Grabstätten des FOTÜm, Leipz. 1888;
G. Ehers, Antike Porträts, die hellenistischen Porträts aus dem Fayüm, Leipz 1893.
Die meisten bis jetzt gefundenen Mumienporträts, d. h. Bilder, die am
Kopfteil der Mumie befestigt zu werden pflegten, stammen aus dem heutigen
Fayüm, einer gesegneten von einem Arme des Nils und seinen zahlreichen Aus-
läufern bewässerten grossen Oase in Oberägypten, unweit der Trümmerstätte des
alten Krokodilopolis , das unter den Ptolemäern den Namen Arsinoe empfing. Hier
blühte eine ansehnliehe griechische Kolonie, und noch unter den römischen Kaisern
war Arsinoe die bedeutendste Provinzialstadt der gesamten Landschaft. Als Fund-
ort wird jedoch Rubayät bezeichnet, das von Arsinoe etwa 22 Kilometer entfernt
liegt, so dass,, wie Ebers annimmt, man damals der alten Sitte folgte, die Leichen
am Wüstenrande zu begraben, um die Begräbnisplätze vor dem „Ueberschwemmungs-
nass“ , das die Mumien, die doch vor allen Dingen konserviert werden sollten, auf-
geweicht und zerstört hätte, zu bewahren. Auch die Bürger und Bürgerinnen eines
anderen kleinen und unberühmten Ortes, der Kerke hiess und mit Arsinoe nur in
lockerer Verbindung stand, scheinen in Ruhayät bestattet worden zu sein wie aus
den zu den Bildnissen gehörigen Inschrifttäfelchen zu ersehen ist.
Graf’s Gallerie
antiker
Porti ät8.
198
Verschiedene
Arten der
Technik.
Überliefert zu werden, bis die Edikte des Theodosius es überhaupt für straf-
würdig erklärten, mit solchen Porträts versehene Leichen zu bestatten.
Was den Kunstwert der ausgezeichnetsten dieser Gemälde betrifft, so
gehen wir sicherlich nicht zu weit, wenn wir ihnen alle Vorzüge zusprechen,
die wir an .den besten Werken unserer modernen Bildnismaler bewundern.
Wie fein sind die Gesichter modelliert, wie scharf und- charakteristisch ist
die Zeichnung, wie harmonisch das Kolorit, obwohl die (wie es scheint, durch
besondere Schminken hervorgerufene) Uebertreibung . der Augenbrauen und
Augenlider auf den ersten Blick befremdlich erscheint! „Aber das, was
diesen Blicken den höchsten Wert verleiht, ist die überzeugende Kraft, mit
der sie uns den individuellen Charakter der dargestellten Persönlichkeit vor
Augen führen. Auf das Kostüm ist geringe Sorgfalt verwandt, auf die ge-
naue Charakterisierung die allerhöchste!“ (Ebers)
Vom technischen Standpunkt betrachtet, ist die Malerei sehr ver-
schieden, und von vorneherein müssen wir mehrere Arten der Ausführung
annehmen, die in zwei Gruppen zerfallen, je nachdem die Unterlage Holz
oder (wie bei einigen hervorragenden Bildern der Berliner Sammlung) Lein-
wand war.
Die Porträts der Graf’schen Sammlung sind fast alle auf Holzunterlage
gemalt; darunter zeigen diejenigen, deren Technik als „enkaustisch“ be^
zeichnet worden ist, keinen anderen Grund als das nackte Sykomorenholz,
die in Pinseltechnik gemalten dagegen den altägyptischen Kreide- oder Gips-
grund, der in zwei Fällen, wie wir es auf ägyptischen Mumienkästen wieder-
holt bemerkten (s. oben S. 15), auf eine I. ein wandschicht aufgetragen ist
(s. Nr. 54, 58 des Graf’schen Kataloges).
Bei den „enkaustischen“ Gemälden müssen zwei Arten unter-
schieden werden:
1. Solche, bei denen ausschliesslich mit einem vom Pinsel ver-
schiedenen Instrument das Ineinanderschmelzen der Wachsfarben be-
wirkt und sowohl das Gesicht als auch der Hintergrund und das Gewand
mit Hilfe dieses Instrumentes ausgeführt worden ist. Diese Technik ist in
der Graf’schen Sammlung nur durch ganz wenige, aber ausgezeichnete
Porträts vertreten und zwar Nr. 2 (Kopf eines Greises), 12 (Bildnis einer
Frau), 23 (Bartloser Kopf, vermutlich eines Eunuchen, s. Abbildung 34),
vielleicht auch 67 (aussergewöhnlich pastoser Auftrag von Wachsfarbe) und
88 („besonders derbe Art der Technik“).
2. Solche, bei denen das genannte Instrument nur zur Ausführung
der Gesichtspartien gedient hat, während Hintergrund und Gewandung,
mitunter auch Haare und Schmuckstücke, augenscheinlich mit dem Pinsel
und zumeist ganz flüchtig mit Wachsfarben gemalt sind. Hier kann
man deutlich erkennen, dass das aller Wahrscheinlichkeit nach aus Metall
gefertigte Instrument beim Verarbeiten der Farben Eindrücke hinterlassen
hat, die meist rundliche, oder auch Zickzack-Form hacen. Oefters erhält das
gemalte Fleisch dadurch etwas pockennarbiges, aber in Fällen, wo das „Cau-
terium“ mit vollendetem Geschick geführt ist, entsteht zarter Schmelz und
grosse Weichheit der Uebergänge. Die Dicke der Wachsfarben ähnelt in ge-
wisser Beziehung der pastosen Malerei unserer Realisten. Diese Technik
weisen nicht nur die meisten, sondern auch die durch treffliche Ausführung
interessantesten Porträts der Sammlung auf. Um nur ganz wenige zu nennen:
Nr. 4 (schöner, hoheitsvoller Männerkopf), 6 (Brustbild eines schönen, kräftigen
Mannes mit dunkel-rotbrauner Hautfarbe), 8 (reizvoller Mädchenkopf mit Ohr-
und Halsschmuck und auffallender Haartracht), 16 (Frauenkopf mit klassisch
regelmässigen Zügen), 22 (Porträt eines Mannes mit Goldkranz im Haar und
schärpenartigem Querband), 28 (Männerbildnis von ausserordentlicher Lebens-
wahrheit), 45 (Frauenbildnis, künstlerisch und technisch vollendet), 62 (Bildnis
einer vornehmen Dame), 63 (Mädchenkopf) 66 u. a. (s. Abbild. 35 und 36).
Mehrere Gemälde, die ganz mit dem Pinsel gemalt zu sein scheinen,
zeigen aber in der Art des Farbenmaterials so auffallende Unterschiede,
199
dass sie mit unseren gewöhnlich als Tempera bezeichneten Manieren keinerlei
Aehnlichkeit haben. Die Parbentöne sind wie aus dem Vollen und flüssig
mit einer gewissen Virtuosität hingesetzt , dabei scheint die Qualität des
Parbenbindemittels ein pastoseres Malen und Ineinandermodellieren gestattet
zu haben, als es die uns bekannten Bindemittel für Tempera ermöglichen
würden. Das trefflichste Beispiel dieser Art ist vielleicht Nr. 26 (Brustbild
eines Mannes) , das in der Malweise „an manches alte B^reskogemälde“ er-
innert, dann Nr. 21 (Männerbildnis), das wegen „der freien virtuosen Be-
Abbild. 34. Enkaustisches Porträt.
Nr. 23 der Grafschen Sammlung.
Abbild. 36 und 36. Muniienporträts (Enkaustik) Nr. 28 und Nr. 66 der Grafschen Sammlung.
handlung nicht weniger Bewunderung verdient als wegen der energischen,
sicheren Zeichnung und der vollendeten Charakterisierung der dargestellten
Person“. Schliesslich dürften auch einige der im Katalog als „Tempera“ be-
zeiohneten Porträts hierher zu rechnen sein^‘) (s. Abbild. 37 und 38).
") Als Temperagemälde sind nach dem Katalog der Grafschen Sammlung
die folgenden verzeichnet; Nr. 9, 11, 15, 19, 24, 25, 26, 36, 37 (angeblich Wachs-
tempera-Enkaustik), 38, 42, 44, 46, 47, 53, 54, 55, 58 (auf mit Kreide grundierter Lein-
wand), 61, 64, 65, 72—74, 77, 92 (Rückseite).
200
Sainmiung Eine zweite bedeutende Sammlung von Mumienporträts hat der
von Plmders , . , ttt t-h • i i ^ i i
Petrie. englische Aegyptologe W . M. Flinders retrie von den Gräberfeldern von
Hawara in Payüra nach London gebracht, wo dieselben in der Egyptian Hall
(Piccadilly) im Frühjahr 1889 längere Zeit ausgestellt waren. Zwölf der
besten davon waren schon vorher in den Besitz des Bulak-Museums in Cairo
übergegangen; auch die übrigen sind nicht zusammengeblieben, sondern teils
im Kensington-Museum und in der National-Gallery in London, teils in Berlin
u. a. 0.
Nach den Abbildungen in Flinders Petrie’s Werk „Hawara, Biahmu and
Arsinoe“ (London 1889) zu schliessen, befinden sich einige ganz ausgezeichnete
Bilder darunter, so (Frontispice) Nr. 9, weibliches Bildnis in sehr delikater
Ausführung und vorzüglicher Modellierung (s. Text p. 44), in gleicher Technik
wie die besten Bilder der Graf’schen Sammlung — nämlich erste Anlage mit
dem Pinsel und Vollendung der Fleischpartien mit dem „Cauterium“, —
dann Nr. 10 (Tafel X.) Porträt eines bartlosen Mannes mit ungemein energischen
Zügen, in der ersten der oben genannten Malweisen ausgeführt (s. Text p. 43),
dem sich nur wenige in gleicher Technik gleichstellen lassen.
Abbild. 37 und 38. Mumienporträts vermutlich in Wachsteraperatechnik gemalt. Nr. 37 und
Nr. 26 der (xrafscheii Sammlung.
Die Entstehungszeit dieser Bilder bestimmt Petrie anders als Ebers ;
während dieser die ältesten dem zweiten Jahrhundert v. Ch. zuschreibt, setzt
Petrie den Beginn dieser Mumien-Porträtmalerei in die Zeit des Hadrian (s.
p. 17) und sieht in der Reise dieses Kaisers nach Aegypten die äussere Ver-
anlassung, dass die plastischen Stuck- oder Cartonnage Porträts durch Er-
zeugnisse griechischer Maler verdrängt wurden.
Hersteiiungs- Heber die Herstellungsweise dieser graeco-ägyptischen Mumienporträts
stellt Flinders Petrie (a. a. 0. S. 18) auf Grund genauester Untersuchung
von mehr als 60 Originalen folgende Ansicht auf:^®) „Die Farben wurden in
'*) Cecil Smith macht zu diesen Bildern folgende Bemerkungen, u. zw. zu Nr. 9:
Work very careful and good, only spoiled by the hard line of the edge ot the ohiton;
otherwise in the drapery the lighthas been put inwithgood transparent effect. Zu Nr. 10;
Drawing excellent, a real character study. Red tone. On the hair and face the colour
is massed very thick, but firm and good clean work. Outlines hardly traceable, in
dark Indian red; clean edge.
'“) Nach Petrie’s eigenen Angaben (p. 19) waren viele dieser Bilder in sehr
brüchigem Zustande, so dass er sich veranlasst fand, die nur oberflächlich haftenden
Farben durch flüssig gemachtes Wachs au der Unterlage zu befestigen, indem er
glühende Kohle in einem Drahtgeflecht der Malerei nahe brachte, und die neue
201
Pulverform durchgehends mit Wachs angerieben (das durch Erhitzung zum
Siedepunkt gebleicht worden sein mochte (?)) und, wenn nötig, zum Zweck
der Auflösung in die Sonne gestellt oder bei kühlerem Wetter dem Heiss-
wasserbade unterworfen. Die Holztafel war meist von Cedernholz, manchmal
von Pinienholz und ^/le Zoll (engl.), gelegentlich auch Zoll dick; sie hatte
eine Grösse von 9><17 Zoll. Darauf war eine Grundierung in Tempora,
dann eine verschieden getonte Hauptanlage für Hintergrund, Gewand und
Pleischfarbe ; darauf wurde die obere Farbenschicht aufgetragen, mitunter in
teigigem (pasty state), öfter noch in rahmähnlichem und leichtflüssigem
Zustande. Diese Einzelheiten zeigt ein unvollendeter Versuch auf einer
Tafel, die später umgedreht auf der Rückseite wieder benutzt wurde (jetzt
iin Kensington Museum). Die grossen Flächen des Fleisches sind oft mit
einer dicken rahmigen Farbe und zickzackartigen Strichlagen
je ‘/6 Zoll von einander entfernt, aneinandergereiht und zu einer beinahe
glatten Oberfläche vereinigt. Die Gewandung ist meist flüchtig mit leicht-
flüssiger Farbe und mit langen aus vollem Pinsel gegebenen Strichen
gemalt. In einem Falle ist zu beobachten, wie der volle Tropfen von Purpur-
waohs nach dem ersten Berühren der Fläche mit dem Pinsel sich beim Her-
unterstreichen verdünnte, bis am Ende des langen Striches der Pinsel flach
aufgedrückt erscheint, und jedes Pinselhaar einen Streifen von Wachs-
farbe auf dem Holz zurückliess. In Aegypten wird weisses Wachs
durch die gewöhnliche Sonne im April und Mai nicht nur erweicht, sondern
sogar an der Oberfläche geschmolzen. Es ist demnach evident, dass Wachs
ohne jedes künstliche Mittel während der halben Jahresdauer durch blosse
Sonneuwärme in flüssigem Zustande erhalten und verarbeitet werden konnte.
Unnötig ist es also anzunehmen, dass ein Lösungsmittel für Wachs wie
Terpentin oder Oele gebraucht wurden.“^*)
Diese Erklärung des technischen Vorgehens steht nicht im Einklang mit
der von Donner ^^) aufgestellten und von den meisten Gelehrten angenommenen
Ansicht über die enkaustische Malerei der Alten. Nach dem Bekanntwerden
der Grafschen Gallerie hatte Donner mit einer gewissen Genugtuung kon-
statiert, dass die enkaustischen Mumienporträts seine früher geäusserte An-
sicht vollauf bestätigten. Danach sollten diese Gemälde mit Farben gemalt
worden sein, deren Bindemittel aus gebleichtem, mit „nitrum“ oder Soda ge-
kochtem Bienenwachs (sog. punisches Wachs) bestanden, dem zum Zweck
grösserer Geschmeidigkeit und leichterer Verarbeitung in kaltem Zustande
etwas Olivenöl und Ohiosbalsam zugeschmolzen wurde. Als Instrument zum
Aufträgen und Verarbeiten der ^Waohspasten aus punischem Wachs“ sollte
ein aus Holz gefertigtes gezahntes lanzettähnliches Instrument (das von
Plinius genannte cestrum oder vericulum) gedient haben. Mittelst dieses In-
strumentes würden die Wachspasten in kaltem Zustande auf die Tafel auf-
getragen und, wo es nötig wai' , mit dem „gewölbten Rücken“ des Oestrum
Donner’s
Erklärunif
der Technik.
Wachsschicht mit der alten Malschicht sich verschmelzen und an der Holzunterlage
befestigen liess. In anderen Fällen war die Oberfläche der Wachsgernälde zer-
setzt und weiss geworden; mit Spiritus und hartem Pinsel reinigte er dann die
weissgewordene Wachsfläche und überzog sie mit einer dünnen Schicht von in Aether
gelöstem Wachs, wodurch die frühere Frische wieder zum Vorschein kam. Auf diese
rozeduren beziehen sich die den Beschreibungen beigegebenen Notizen, wie „Remelted
with thin layer of wax added“, oder ,,Rewaxed'‘ (p. 43 ff.).
‘^) Dieser Ansicht muss entgegengehalten werden , dass die ägyptischen Maler
schwerlich ihre Werkstatt unter freiem Himmel und in der glühenden Sonne auf-
geschlagen haben werden, nur um ihre Wachsfarben weich zu halten. Wachs schmilzt
bei 62“ C. also bei einer Temperatur, die nur in direkter Sonne erreicht wird. Mehr
Wahrscheinlichkeit hat die Benutzung des „Heisswasserbades“ bei kühlerem Wetter;
aber selbst diese Annahme entspricht nicht der Handwerkszweckmässigkeit, weil es
einfacher ist, die Wachsfarben selbst über der Kohlenglut zu erwärmen, ohne sich
erst eines Heisswasserbades, das doch auch warm gehalten werden müsste, zu bedienen.
S. 0. Donner, Die erhaltenen antiken Wand mal. in techn. Beziehung, Leipz.
1869, S. 10 ff. ; Derselbe, lieber Technische$ in der Malerei der Alten, insbes. in
deren Enkaustik, München 1885,
202
Mumien-
bildnisse
des Berliner
Museums.
plattgedrückt, falls etwa zu starke Furchungen desselben störend wirken
könnten. Die Vollendung geschähe aber erst nach Schluss der Arbeit
durch das „Einbrennen“, indem man entweder einen erhitzten Eisenstab oder
ein mit Kohlen gefülltes Metallgefäss (cauterium nach Donner) dem Bilde
nahebrächte. Dadurch würden die starken Ränder der Furchen weggeschmolzen,
diese sich etwas mehr ausfüllen und sich ein gleichmässiger firnisartiger Glanz
über die ganze Malerei verbreiten.
Aber wie könnte der Beweis geführt werden, dass die enkaustischen
Mumienporträts wirklich zuerst mit kalten Wachs pasten gemalt und
n achher „eingebrannt“ und dass der Pinsel dabei gar nicht angewandt worden
sei, ja (nach Donners Erklärung der massgebenden Pliniusstelle) bei der alten
Enkaustik überhaupt nicht angewandt werden durfte ? Gerade im Gegenteil
zeigen die besten der Graf’schen Porträts unverkennbare Spuren von Pinsel-
technik und deutliche Anzeichen von flüssiger Wachsfarbe; auch Flinders
Petrie spricht von Pinseltechnik, von „leichtflüssiger Farbe und von langen,
aus vollem Pinsel gegebenen Strichlagen“. Bei einem so auffallenden Wider-
spruch des tatsächlichen Befundes muss das technische Verfahren ein anderes
gewesen sein, als Donner angenommen hat. Und obendrein widerspricht er
sich selbst, da er in seinem Aufsatze „die enkaustische Malerei der Alten“
in dem (von F. H. Richter und Fr. von Ostini verfassten) Kataloge der
Graf sehen Gallerie wiederholt von einer enkaustischen Pinseltechnik spricht
und offenbar die technischen Angaben des Kataloges, so z. B. dass „die Ge-
sichtsteile mit dem Oestrum“, Gewand und Haare „enkaustisch mit dem
Pinsel“ gemalt seien (Nr. 2, 4, 16, 22, 27, 28, 30, 34, u. s. w.) direkt nach
seiner Erklärung gemacht sind. Nur als „Ausnahme“ wird erwähnt, dass
(bei Nr. 12) Kopf und Gewand „enkaustisch mit dem Oestrum“ gemalt
worden seien.
Obwohl Donner also zugibt, dass die Maler von Rubayät „mit flüssig-
geschmolzener Wachsfarbe in wenigen hastigen Zügen mit dem Pinsel
malten“ und „ein rasches skizzenhaftes Aufsetzen von Lichtern und Tiefen
auf den ersten Lokalton hierbei möglich ist“ (s. Katalog p. 39), erklärt er
doch an anderer Stelle, in den offenbaren Pinselspuren die „langgezogenen
Furchen seines gezahnten Oestrums deutlich (I) wieder zu erkennen“ (s.
Techn. Mitt. f. Mal. 1888 p. 176; Graul p. 26 und allg. Ztg.) und fordert so
selbst den Zweifel an der Richtigkeit seiner Erklärung heraus.^®)
Fast noch lehrreicher, besonders für die Vielseitigkeit der technischen
Verfahren, ist die Sammlung von ägyptischen Mumien und Mumienbildnissen
im Berliner Museum, wo die neu erworbenen Stücke in einem besonderen
Saale ausgestellt sind. Gleich im ersten Kasten fällt uns die Mumie auf,
die am Kopfende ein Porträt mit dem chokoladefarbigen Typus eines Negers
zeigt: breite Nase, aufgeworfene Lippen und schwarzes krauses Haar (s. Abb. 39).
**) Eine Anzahl von Porträts — und dazu gehören die besten unter ihnen — ist
(nach Donner) durch ein Verfahren hergestelll, das in einer V ermischung der reinen
Wachsenkaustik und der Eitempera besteht und das er daher mit dem Namen
„Wachstempera-Enkaustik“ bezeichnet. „Hier ist dem Wachs kein Balsam zu-
gesetzt, sondern es ist in erwärmtem Zustande mit Eigelb und etwas Eiweiss, auch
einem (1) Tropfen Olivenöl zusammengerieben und gelmetet und so mit Zusatz des
Farbenpulvers zu einer der Wachsbalsampaste ähnlichen Masse verrieben. Diese Masse
lässt si' h gerade wie die erstgenannte mit dem Oestrum verarbeiten und einbrennen
(s. Nr. 5, 8). Sie bietet den Vorteil, dass man mit dem Pinsel und gewöhnlicher Ei-
temperafarbe noch einzelne vollendende Striche und Schraffierungen hinzufügen kann“
(Katalog der Grafschen Gallerie p. 40). Nach einer späteren Meinung Donners
(Katalog der Ausstellung für Maltechnik, München 1893 p. 31) schmilzt die Malerei
nicht so rasch wie bei der ersten Art (Oestrumenkaustik) , sondern „bräunte sich
stark, wie die dunklen Flecken am Hals und am Ohrläppchen zeigen. Erst wenn
man das Eisen darauf drückt . . . schmilzt auch sie. Sie verträgt demnach nur ein
leichtes Einbrennen“. Vom technischen Standpunkt muss hier eiugewendet werden,
dass eine Tempera von sog. punischem Wachs und Eibindemittel flüssig genug sein
kann, um mit dem Pinsel aufgetragen zu werden, ein Aufträgen mit dem „Oestrum“
mithin als umständlicher Vorgang bezeichnet werden muss.
203
Die Augen sind der damaligen Auffassung der Pprträtmaler gemäss vergrössert,
was hier bei dem ohnehin überlebensgrossen Kopf doppelt auffällt. Die
Technik ist breit, die warmflüssige Wachsfarbe flott hingestrichen; vom
Oauterium ist zum Fertigmodellieren wenig Gebrauch gemacht; man erkennt
es nur an den Furchen in den Konturen. Auf den ersten Blick scheinen
diese vertieften Linien mit dem Pinselstiele eingedrückt zu sein, aber für den
mit der enkaustischen Malart Vertrauten wird es klar, worin der Unter-
schied besteht, und dass es sich hier um Eindrücke des Metallinstrumentes
handelt.
Das Merkmal der späteren vereinfachten Enkaustik , die stets warm zu
haltende Farbe und den Pinselgebrauch, scheinen mehrere der neuen Er-
werbungen aufzuweisen, so Nr. 10126, 10130, vielleicht auch 10271, 10681.
Merkmal
späterer
Enkaustik,
■Abbild. 39. Mumie mit eingefügtem Porträt (Enkaustik) graeco-ägypi . Periode (ca. 150 n. Ch i
Orig, im Berliner Museum.
Ihnen ist, durch reichlicheren Gebrauch von Oel veranlasst, ein schlechteres
Ansehen und Unscheinbarkeit der nachgedunkelten Farben eigen.
Von den 13 an der drehbaren Mittelsäule aufgehängten Porträts aus
Rubayät im Fayüm ist kein einziges in der enkaustischen Technik der
Graf sehen Gallerie ausgeführt; aber unter den vermutlich in Wachstempera
gemalten Bildnissen finden sich zwei von ungeheurem Reiz, das eine in tadel-
loser Erhaltung. Das erstere, auf leider stark zersplittertem Holze gemalt (mit
Nummer 10272 bezeichnet), zeigt uns einen Mädchenkopf von grosser Schön-
heit; ein tiefdunkles Auge (das andere ist weggesplittert) blickt uns an, so
bezaubernd, unergründlich, dass es niemand vergisst, der es einmal gesehen;
ein Goldkränzchen im welligen Haar und das Purpurgewand deuten, wie
auch der Goldhintergrund, auf vornehme Abstammung.
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Z'ZTZ'zriiciezrez !Mzz:.r-* zzh zoz s^z-zs-izücz A-ZS-r-Iszr^irez 5zrr’zzefz In
lezzzz^tiTza' z^zze-zzz^ isr Z'^rS« ?zoz5i ^ _ z ^zr-:t=szezz Iz:ere«5^, szizz
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zz:-sriz*Zz » :ricz ’ü. .-jr. Äz ärzAEä 3ez=ZtZe! zIesez VEzziEr _zg*4zz izf 3£jdcrz
205
— der Fund wird um das Jahr 150 n. Chr. datiert — war bisher nicht
bekannt.
Wegen der gleichfalls plastisch erhöhten reichen Vergoldungen von
Interesse ist noch die Leinwandumhüllung einer Mumie (Abbildung 41j.
im spätrömischen Stil vom 3. Jahrhundert n. Ch. (Nr. 11659 der Sammlung,
von Professor Brugsch 1892 gefunden, Geschenk des Herrn R. Mosse, dem
das Museum eine ganze Reihe hervorragender Stücke der Neuerwerbungen
zu verdanken hat.) Die bemalte Leinwandhülle zeigt das lebensgrosse Bild-
nis einer reich mit Schmuck behangenen jungen Frau in ganzer Figur und
ruhender Lage, den Kopf mit offenen Augen auf einem blauen Kissen liegend,
mit einer Totendecke bis zu den Hüfren zugedeckt, auf der allerlei heilige
Tiergestalten in Reliefverzierung dargestellt sind; Arme und Finger tragen
reichen Schmuck. Technisch bemerkenswert ist ausser der plastischen Re-
Abbild. 4L UrnnipmiTTibTillTing. Malerei auf Leinwand (Kopie nach d. Orig, irti Berliner MnseiLaij.
liefausschmückung, die mit Hilfe des Pinsels hergesteUt zu sein scheint, noch
der Umstand, dass man keinerlei Grundierung auf der Leinwand wahmimmt.
die F arben vielmehr in dünner einmaliger Schicht die Leinwand bedecken ;
im ganzen ist jedoch die Ausführung hier roh und unkünstlerisch.
Nach jeder Richtung hervorragend ist der ebenfalls auf Leinwand ge- Murren- _
malte Frauenkopf im letzen Kasten der vorhin betretenen Abteilung. Ich
muss bei diesem neuen Fund meine Unkenntnis eingestehen, mit welcher
Art von Farbe dieser prächtige, ausgezeichnet modeUierte und Jordaens'sche
Farbenfrische zeigende Porrätkopf gemalt sei. Der Umstand, dass er, wie
die oben erwähnte Leinwandumhüllung, auf einfacher ungrundierter Leinwand
gemalt zu sein scheint . belehrt uns . dass unsere bisherigen Anschauungen
über den Beginn der Malerei auf Leinwand sehr modifiziert werden müssen.
Wir glaubten bisher, dass Malereien auf Leinwand nicht vor dem XV. .Jahr-
206
hundert aufgekoramen seien , dass man vorher wohl auf Stoffen gemalt habe,
jedoch nur, wenn es sich um Fahnen, Helmzierden oder Dekorationen für
Turniere u. dgl. handelte: jetzt sehen wir einen vorzüglichen, technisch
vollendeten Porträtkopf aus den ersten Jahrhunderten n. Ch. auf Lein-
wand gemalt in tadelloser Erhaltung vor uns, an dem nur die unterste Partie
des Halses schmutzig und fleckig geworden.
Ausserdem gehört zu dieser Art von Malerei die in demselben Kasten
befindliche Mumie mit dem Porträt eines jüngeren Mannes. Ah ihr ist
noch das Folgende sehr bemerkenswert. Die Um wicklungsbänder sind hier
ebenso angeordnet, wie auf Abb. 39 ; wir sehen ein System von Bändern oder
Leinenstreifen, die so gelegt sind, dass die Figur einer Kassettierung entsteht.
Die Mitte der Vierecke nimmt ein vergoldeter oder auch dunkelfarbiger Knopf
ein. Es zeigt nur einer der mittleren Bandstreifen eine Färbung in schöner
rosa Nüance; diese Farbe ist — Purpur, und zwar der von den Alten
so sehr geschätzte tyrische Purpur, dieselbe Nüance, wie sie die Purpur-
schnecke Murex brandaris gibt. Auch einzelne von den vergoldeten Masken
der späteren Zeit, welche den Verstorbenen in halber Figur mit über die
Brust gefalteten Händen darstellen, zeigen uns den Purpur als Farbe in vor-
trefflicher Erhaltung; die Totenblumen, welche die Dargestellten in der einen
Hand halten, sind mit dieser schönen rosa Farbe überzogen. Ob die blau-
violette Farbe, welche mehrfach auf Mumienporträts bei der Gewandung
verwendet wurde, Purpur von der Schnecke Murex trunculus ist, kann ich
nicht entscheiden ; es könnte ebenso die Farbe sein , welche aus Ochsen-
zungenwurzel (Anchusa tinctoria) bereitet wurde und in der von Plinius be-
zeichneten Mischung mit Wachs dieselbe Nüance bildet; nur bezweifle ich,
ob sich die letztere so lange gehalten haben könnte.
„Frau Aline“. Am merkwürdigsten und wegen der sich daraus ergebenden Schlüsse
von allergrösstem Interesse ist das auch auf Leinwand gemalte Porträt
(Nr. 11411) einer Frau Aline, der Tochter eines Mannes namens Herodes,
die nach der Inschrift der Grabtafel 35 Jahre alt starb und deren Mumie mit
denen ihrer beiden Kinder in einem gemeinsamen Grabe von Prof. v. Kaufmann
zu Hawara im Fayüm i. J. 1892 gefunden worden ist. '*) Die beiden Kinder-
mumien samt den Porträts befinden sich ebenfalls im Berliner Museum.
„Frau Aline’s“ Kopf ist in guter Ijebensgrösse dargestellt; ihre etwas
groben, aufgedunsenen Züge finde ich nicht besonders sympathisch; für
35 Jahre sieht ihr Gesicht ziemlich welk aus und lässt frühere Schönheit nur
vermuten. Die Hauptsache aber ist die technische Ausführung. Kenner
sollen sich dahin ausgesprochen haben, dass die Malerei in Oelfarben aus-
geführt sein müsse; bei genauerer Betrachtung ergibt sich jedoch, dass die
Untermalung in ihrem grauen Gesamtcharakter dem zuvor erwähnten
auf Leinwand gemalten Frauenkopf gleicht. Die wärmeren „Oelfarben-
töne“ sind darauf lasiert und wmnig ineinandergemalt; die strichartig an-
einandergereihten durchsichtigen Farbentöne lassen sogar darauf
schliessen, dass dazu die warmflüssige VVachsharzfarbe der En-
kausten späterer Zeit benützt worden sei.
") Vielleicht sind hier noch zwei bemalte Leinentücher, in welche die Mumien
eingehüllt worden waren, hiozuzurechnen. Die Darstellung (der Verstorbene steht
zwischen den Totengöttern Osiris und Anubis) mit fast lebensgrossen Figuren ist in
flüchtiger, charakteristischer Zeichnung ausgeführt, die Farben erscheinen aber durch
die auch räumlich grossen Stockflecken sehr beeinträchtigt (Nr. 11651 und 11652,
2 Jhs. n. Chr.).
*8) Vgl. Verhandlungen der Berliner Gesellsch. f. Anthropol., Ethnolog. und Ur-
geschichte in Zeitschrift f. Ethnologie 1892, p. 716.
“*) Vgl. die sehr gelungene farbige Nachbildung dieses Porträts in Antike
Denkmäler, herausg. v. kais. deutsch. Archäclog. Institut Bd. II, Heft 2 1893/94.
Ueber die Technik äussert sich Donner v. Richter in derselben Publikation dahin,
das Bindemittel habe „mutmasslich aus Eigelb und Feigeumilch, das ziemlich kon-
sistent und ganz vorzüglich bereitet war“, bestanden. Als Ursache des besonderen,
dem Charakter der Oelfarbe sehr ähnlichen Aussehens nimmt Donner die
durch die Leinenumhüllung durcbgesickerten öligen Substanzen an, mit denen
<1
207
Bei der hier in Abbildung 42 gegebenen Zeichnung habe ich sorgfältig
die Strichlagen angegeben, in denen die warrafiiissige enkaustische Farbe
aufgetragen war. (Bei der Nachbildung in ra. Versuchskollektion hatte ich
Abbild. 42. Porträt der Frau Aline. (Zeichnung nach dem Original des Berliner Museums).
eine Gummitempera als Untermalung gewählt; ähnlichen Erfolg habe ich
bei einem zweiten Versuch mit der punischen Wachstempera erzielt; s. Ab-
bildung 42 a).
die Körper bei den Einbalsamierungen behandelt wurden, und welche die Malerei
beträchtlich tiefer erscheinen lassen, als die nicht vom Oele berührten Teile. Eine
solche Durchtränkung mit öliger Substanz sei auch dem Porträt der Aline
widerfahren. Zum Glück in ganz gleichmässiger Weise, und daher rühre seine tiefe
Farbengebung 1 Gegen diese Erklärung der Technik hatte Prof. v. Kaufmann ein-
gewendet, dass das Porträt beim Auffinden der Mumie in voller Frische, leicht
glänzend erschien und erst später nachgedunkelt sei. „Die Porträts, auch andere
damals gefundene, schlugen, wie sich H. v. Kaufmann ausdrückt, am Tageslicht etwas
bei“. Als Einbalsamierungsmasse wurde nur Pech gefunden. Insbesondere leugnet
derselbe die Existenz der von Donner supponierten „öligen Substanzen“ , mit denen
die Leiche behandelt sei. Prof. Salkowsky, welcher die Binden sowie die aus der
Mundhöhle ausgelösten Massen chemisch untersuchte, konnte nur eine geringe Menge
eines aromatischen Fettes (3,5 ”/o des Extraktes) nachweisen , und zwar „eine so ge-
ringfügige. dass seine Anwesenheit sich durch „Fettflecke“ wohl kaum verraten haben
kann". „Auch das sog. Leichenwachs (.tidipocire), das ganz farblos ist und in keiner
Weise eine ölige Beschaffenheit besitzt, könne keine Flecken von der Art der in
Rede stehenden hervorbringen“ (vgl. Zeitschr. f. Ethnologie 1896, Heft 3 p. 200).
Trotz aller Vorsicht des Finders zeigte das Porträt der Aline nach einiger
Zeit nicht mehr dieselbe Leuchtkraft wie im Moment des Findens, und vor allen
Dingen war der ursprüngliche leichte Glanz zu vermissen, der die Farbe hatte frisch
erscheinen lassen. Um diesen Glanz wieder hervorzurufen, gab der treffliche Restaurator
des kgl. Museums Hauser nach verschiedenen gemein'ächaftlich mit Prof. v. Kaufmann
angestellten Proben dem Bilde einen dünnen Ueberzug aus Wachs und Terpentin,
der den vollen Effekt des ursprünglichen Glanzes wieder erzielte (s. a. a. 0.).
In diesem Zustand war das Gemälde im Museum zu sehen, bis durch den
obigen Streit die Veranlassung gegeben ward, den Wachsüberzug wieder zu entfernen.
So ist jetzt dieses merkwürdige Bild wieder ganz matt und trübe. Von den „wie
Oelfarbe“ leuchtenden Lasuren und den charakteristischen Pinselstrichen der warm-
flüssigen Wachsfarben ist nichts mehr zu sehen.
208
Porträts in
London und
Paris.
Schon die eine unbezweifelbare Tatsache, dass dieses Bildnis mit einer
grauen trockenen Farbe untermalt und einer firnisartigen fetten übergangen
ist, eröffnet den Kombinationen eine ungeahnte Perspektive. So vollkommen
war also schon das technische Können der alten Griechen aus-
gebildet, dass sie Lasuren in voller Farbe aufzutragen verstanden
und demnach die höchsten malerischen Effekte erzielen konnten.
Abb. 42a. Porträt der Frau Aline. (Versuch einer Nachbildung in der Technik des Originals )
Vor den glücklichen Funden von Graf und Flinders Petrie u. A. waren
nur wenige Bilder ähnlicher Art bekannt.
Das British Museum besass anfangs der achtziger Jahre drei Porträts
u. zwar (nach Angabe von Henry*®):
1. Das Porträt einer jungen Frau, aus Memphis stammend;
2. die Hälfte eines weiblichen Bildnisses;
3. das Porträt eines jungen Mannes, an dessen Mumie befestigt.
In der Bibliothöque nationale zu Paris befand sich auf einem
Muraiensarge ein Teil eines weiblichen Porträts, der durch Vergleichung mit
der Hälfte des Porträts ira British Museum als zu diesem gehörig erkannt
wurde (abgebildet bei Gros et Henry p. 22).
Sechs weitere Porträts hatte das Louvre-Museum aus der Kollektion
von Olot-Bey erworben. Sie stellten Mitglieder der Familie des Pollius Soter,
Archonten von Theben zur Zeit des Hadrian, dar; davon sind drei in en-
kaustischer Art (abgebildet bei Gros et Henry Fig. 7 — 9), drei in Tempera
gemalt. *^)
Alle diese Bilder stammen aus ägyptischen Gräbern, und ihre Echtheit
ist unbezweifelt. Bei den zwei in Italien gefundenen, angeblich en-
kaustischen Gemälden ist dies nicht der Fall. Beide sind nicht auf
Holz, sondern auf Schiefertafel gemalt. Verwunderlich kann das kaum
erscheinen, da alle Holzgegenstände, wie in Pompeji, durch die Feuchtigkeit
in fast 2000 jährigem Grabe vermodert sein müssen. Schiefer und Wachs
konnten sich unter günstigen Umständen erhallen.
”) Gros u. Henry, L’Encaustique et les autres proc6d4s de peinture chez les
anciens, Paris 1884 p. 21.
^‘) Donner Technisches p. 46 ff. erklärt alle diese Gemälde für Temperamalereien.
209
Das eine stellt eine Cleopatra dar. Es» soll in 16 Stücke zerbrochen
ira Schutte der Villa des Hadrian bei Tivoli gefunden worden sein. 1822
war es im Besitz eines Dr. Micheli in Florenz, nachdem es vorher von einem
Restaurator zusammengesetzt worden war. Man hielt es für echt, sogar für
das Originalgemälde, das den Triumphzug des Augustus nach den Siegen
bei Actium und in Aegypten schmückte. Cleopatra ist in lebensgrossem
Brustbild mit dem königlichen Diadem dargestellt; mit der linken Hand hält
sie die Schlange an die entblösste Brust, von der die rechte Hand, wie es
scheint, eben das Gewand entfernt hat. Hals und Arme ziert reicher
Schmuck (Abb. 48).
Die Echtheit wurde bald bezweifelt, und das Bild für ein Werk des
XVI. Jhs. erklärt. Marchpse Cosimo Ridolfi fand bei der chemischen
Untersuchung der Farben Wachs und Mastixharz, was allerdings auf
ein enkaustisches Verfahren hindeuten würde. Ira Jahre 1882 befand es
sich in Piano di Sorrento in Privatbesitz.
Abbild. 43. Das in Tivoli gefundene Cleopatra- Bildnis (nach einem Kupferstich).
Das zweite Gemälde, die sog. „Muse von Cortona“, ein Frauenbildnis
mit offener rechter Brust und einem Musikinstrument unter- dem linken Arm,
wurde 1732 von einem Bauern zugleich mit antiken Statuetten in der Nähe
von Cortona in Mittelitalien gefunden. Die Schiefertafel, 38,5 cm hoch und
33 cm breit, ist vollständig intakt; die Figur hat etwa zwei Drittel der
natürlichen Grösse. Von der Familie des Finders als Madonnenbild in Ehren
gehalten, bis der Irrtum sich aufklärte, wurde es bald darauf 1735 von dem
Domänen-Besitzcr Tommaso Toramasi erworben und gelangte schliesslich durch
Schenkung an die Accademia Etrusca zu Cortona, wo es im Museum nebst
anderen etruskischen Altertümern bewahrt wird. M arcello Venuti widmete
ihm eingehende Studien (in den Berichten der Accademia 1748 und 1791),
^*) Vgl. Antologia di Firenze Rd. VII 1822 p. 298. Lettere al Prof. Petriui;
p. 491 Appendice alla lettera di marchese Ridolfi. S. auch Augsb. Allg. Ztg. Beilage
1882, Nr. 227. „Ein Porträt der Kleopatra“ von Dr. K. Schöner.
Cleopatra.
Muse von
Cortona.
14
210
und der Maler Cavalieri, der einen Aufsatz darüber veröffentlichte, deutet
es als Muse Polyhymnia.
Auch dieses Bild (s. Abb. 44) haben Zweifler als nicht antiken Ursprungs
in die Zeit der Renaissance verwiesen. Irö Vergleich mit den enkaustischen
Mumienporträts fehlen hier allerdings die charakteristischen Anzeichen für
den Gebrauch eines metallenen Glühstäbchens, die vertieften Eindrücke desselben
und der dicke Parbenauftrag. Das Impasto des Fleisches ist sichtlich mit
dem Pinsel , ziemhch gleichmässig und in dünner Schicht aufgetragen ; die
Farben sind klar, selbst in den Schatten, und die Erhaltung ist bis auf wenige
abgesprungene Stellen der Schattenpartie des Kopfes und der Brust (auf der
Photogr. durch Retouchen beseitigt) vortrefflich. Von Uebermalungen späterer
Zeit ist nichts zu bemerken, auch konnte ich nichts darüber erfahren, ob
bei der Reinigung des Gemäldes eine (jetzt entfernte) Firnisschicht vor-
handen war.
Abb. 44. Die 80g. Muse von Cortona. Auf Schiefer gemalt. Kach dem Orig, photogr. von
Alinari (Florenz).
Ob das Gemälde wirklich antiken Ursprungs ist, darüber masse ich mir
kein Urteil an; die Auffassung der Figur, Haltung und Ausdruck des Kopfes,
die Verteilung in dem oben giebelförmig ausgehenden Raum der Schiefer-
tafel sprechen nicht dagegen. Allem Anschein nach aber haben wir hier
kein enkaustisches Gemälde vor uns, eher vielleicht ein antikes Tempera-Ge-
mälde, das einzige, das uns einen Begriff von der hohen Vollendung, deren
diese Technik fähig war, zu geben imstande sein würde.
**) Sopra una antica greca pittura esistente nel museo dell’ Accademia etrusca
di Cortona riconosciuta per la nrusa Polimnia, osservazioni del prof. Ferdinando
Cavalieri, 1852.
211
3. Der Instrumentenfund von St. Medard-des-Pres und meine Versuche in
enkaustischer Technik.
ln Verbindung mit den Mumienporträts aus dem Fayurn, die zum Teil
als Werke enkaustischer Technik erkannt worden sind, gewinnt der In-
strumentenfund von St. Mädard*^) für die Erforschung dieser Technik grössere
Bedeutung. Gleich nach seinem Bekanntwerden hatte man in dieser Be-
ziehung die grössten Erwartungen gehegt, weil die chemischen Analysen in
dort gefundenen Farbenresten das Vorhandensein von Wachs und Mischungen
von Wachs festgestelit hatten; dann aber wurde versucht, den Zusammen-
hang der Fundgegenstände mit der Enkaustik zu leugnen oder nicht zu be-
achten ; sie galten einfach als Malutensilien. *“)
Schon vor zehn Jahren war ich bemüht, diesen Zusammenhang wieder
zur Anerkennung zu bringen, und hatte durch einschlägige Versuche zu be-
weisen versucht, dass die in St. Mödard gefundenen Instrumente für en-
kaustische Malweise und nur für diese geeignet seien. Von diesen Ver-
suchen wird im folgenden die Rede sein, weil sie die Grundlage für die
Beurteilung gar mancher Einzelheiten der Technik geboten haben und weü
der Fund von St. Mödard-des-Pres der weiteren Erklärung der Enkaustik als
feste Basis zu dienen vermag.
Die folgenden Einzelheiten sind dem Buche von Benjamin Fillon,
Description de la Villa et du tombeau d’une femme artiste GaUo-Romaine,
decouverts ä*St. Medard-des-Pres (Pontenay 1849) entnommen.
Im Jahre 1845 fanden Arbeiter beim Ausheben von Kalksteinen in
einem Feld südwestlich von St. Medard eine grosse Menge rönnscher Ziegel,
in der Tiefe eines Meters Reste von Mauern, überdies gebrochene Säulen-
schäfte und die Basis sowie Kapitäle von Säulen. Bei fortgesetztem Graben
zeigten sich die Grundmauern einer Villa, das Atrium, Cavaedium mit dem
Compluvium in der Mitte u. s. w. ; dann einige Wirtschaftsräume mit ge-
mauertem Backofen und der Küche. Es fanden sich endlich auch Stücke
von Wandmalerei, welche der von Pompeji ähnhch war und teils mythologische,
teils naturalistische Motive behandelt zu haben schien (s. im Abschnitt: Chem.
Analysen S. 138).
Von grösstem Interesse für uns sind aber die Funde bei den Aus-
grabungen, die von Dr. Dragon am 27. Okt. 1847 begonnen und dann unter
seiner Leitung fortgesetzt wurden: Etwa 80 Meter von der '\'’üla entfernt
fand man einige Glasväschen, und bald darauf wurde eine viereckige Grube
aufgedeckt, welche 4 Meter im Quadrat und in dem nach oben erweiterten
Teile 6 Meter breit war. Der Grund lag 2 Meter unter der Erdoberfläche
Die Instrumente sind abgebildet bei Otto Jabn, Darstellung des Handwerks-
und Handelsverkehrs bei den Völkern des Altertums (Abhdg. d. sächs. Akademie d.
Wissenschaften Bd. V, Tafel 10 u. 11); Schreiber, kunsthist. Atlas; Blümner, Technol.
IV. p. 457. Hittorff, Tarchitecture polychrome p. 532 ff.; Gros et Henry, L’encaustique
p. 30 u. 31.
Auch Donner, dem technisch so erfahrenen Künstler, kann der Vorwurf
nicht erspart werden, dass er dem Instrumentenfund von St. Medard nicht die Be-
deutung zuerkennt, die diesem gebührt, da die chemischen Analysen von Chevreul
Wachs, Harz und Gemische dieser Ingredienzien nachgewiesen haben. Donner
(s. Wandmal. p. 107) spricht den Alten die Benutzung derartiger Mischungen iu der
Malerei ab und will sie nur als Mittel zur Konservierung des Holzes, zum Ausstreicheu
von Weinfössem, event. mit Farbe zusammengeschmolzen zum Holzanstrich an-
erkennen. Blümner IV 459, der sonst in allen Fragen der Enkaustik Donner recht
gibt, bemerkt dazu: „Allein es will mir doch sehr unwahrscheinlich verkommen, dass
die Malerin der dieses Malgerät einst gehörte, sich mit einer so untergeordneten,
handwerksmässigen Arbeit abgegeben haben soUte‘‘. Und ebd Anm. 1 : „Dass die
ebenfalls von Chevreul analysierten Reste von Freskomalereien der ViUa, zu der das
Grab gehörte, weder Harz noch Wachs aufwiesen, ist hier durchaus nicht von dem
Belang, wie Donner S. 110 und Techn. S. 65 glaubt; denn das ist ja freilich nicht
anzunehmen, dass die Malerin sich ihre Villa eigenhändig al fresco aasgemalt hat.
Sie dilettierte sicherlich in kleinen Büdern, enkaustisch oder a tempera , und dabei
mögen wohl jene Ingredienzien Verwendung gefunden haben“.
Der FHind
von St-M^dard-
des-Pres.
Die Villa.
Das Maler-
Grab.
14*
212
FuDdbericht.
(s. d. Durchschnitt). Man fand keinerlei Mauer, nur einige ohne System hingelegte
Steine bedeckten das Grab. Der Sarg wie alle übrigen Gegenstände waren
von feinem Sand und durch Zersetzung organischer Stoffe schwarz gewordener
Erde umgeben; viele Gegenstände hatte die Schwere des Erdreichs zerbrochen.
Gefunden wurden folgende Gegenstände (s. Abb. 45 ; die Nummern ent-
sprechen den Nummern der folgenden Aufstellung):
213
1. In der nordwestlichen Ecke des Grabes stand ein Sarg mit einem
Prauenskelett.
2. Dieser war umgeben von einer grossen Zahl von Glasväschen von
hellgrüner Farbe und aus künstlichem Kristall ; ferner
3. von farbigen Glasgefässen und Schälchen aus gebranntem
Ton; in den meisten fanden sich Parbenreste.
4. In einer anderen Ecke standen sechs grosse irdene Amphoren.
5. In der gegenüberliegenden Ecke waren Reste eines hölzernen
Kastens mit ßronzegriff, einige Gefässe aus sehr feinem Glas, ein gelbes
Töpfchen (Abb. 46a), das zierlich gearbeitete Heft eines Klappmessers
aus Cedernholz, dessen Klinge fast ganz oxydiert war (ebd. b) und zwei
kleine Zylinder aus Bernstein.
6. Daneben ein Mörser aus Alabaster mit Abguss und ein ala-
basterner Reibstein in der Form eines eingebogenen Daumens (Abb. 47 a u. b).
7. In der vierten Ecke wurde ein eisen beschlagener Kasten^^) ge-
funden, von dem freilich nur noch Reste erhalten waren. Dieser enthielt :
a) Ein Bronzekästchen mit Schiebedeckel (Abb. 46 o) , welches
aus vier, durch darüber gelegte silberne Gitter verschliessbaren Ab-
teilungen bestand, in denen Farbstoffe von unregelmässiger Form
lagen (Abb. 47 d und e) ;
b) eine mit Inschrift verzierte BasalttafeT'*®) von 0,14 m Länge und
0,09 m Breite (Abb. 47);
^®) Wegen des weiblichen Geschlechtes dieses Skelettes steigen mir4doch einige
Zweifel auf. Fillon sagt uns nicht, woraus er dies geschlossen und ob er Messungen
an dem Beckenknochen hat vornehmen lassen. Es scheint mir eigentümlich, dass
man der Verstorbenen ein ganzes Handwerkszeug mit vielen Flaschen und grosse
Koffer mit Habseligkeiten mit ins Grab gegeben, ihr aber keinerlei Schmuck, weder
Ringe noch Armbänder, keine Fibula, nicht einmal eine Nadel im Haar gelassen haben
sollte; ausser dem in Gallien allen Toten beigegebenen Halsschmuck von Eberzähnen
wurde an dem Skelett nichts gefunden. Dann noch ein Bedenken; Unter den Flaschen
und Töpfchen fand sich eines, welches mit einem Phallus geziert warl Ich beraube
allerdings den Fund eines seiner eigentümlichsten Reize und kann auch der Reporter-
phantasie des Herrn Fillon keinen Geschmack abgewinnen, wenn er pathetisch be-
dauert, die junge Gallierin (denn sie musste doch jung gewesen sein) habe ihre im
Süden, also Rom, gereiften Talente ihren barbarischen Landsleuten widmen wollen,
aber sei, von ihnen unverstanden, vor Kummer und Gram im rauhen Norden gestorben.
Viel wahrscheinlicher will mir die Annahme scheinen, der Maler hätte als Gast im
Hause des Prätors der Provinz odor eines sonstigen hochgestellten Galliers geweilt,
sei dort gestorben und nach der in Gallien herrschenden Siete begraben worden.
*’') In Betreff der Grössenverhältnisse des Kastens, die Fillon in seiner
Beschreibung gibt, zeigt sich eine für unsere Frage nicht unwichtig scheinende
Differenz. Dort ist die Grösse des „coffret“ mitsamt seinem Inhalt, u. zw. 1. Botte ä
Couleurs de bronce, 2. Godet ou petit mortier de bronce, 3. Etui contenant deux
petits cuilliers aussi de bronce, 4. Deux manches de pinceaux en os, 5. Une palette
en basalte, mit 0,25 Länge, 0,15 Breite und 0,10 Höhe angegeben. Vergleicht man
aber die Zeichnung des Grundrisses, auf der doch gewiss alle Masse richtig ein-
gezeichnet sind, so ergibt sich, dass das Köfferchen fast die doppelte Grösse hatte;
dagegen stimmen die Längen und Breitenmasse (0,25 und 0,15) der eingezeich-
neten ,,botte ä Couleurs“ mit.Fillons Grössenangabe des ., coffret“. Im Verhältnis
zum „petit mortier de bronze“, den Fillon auf der, VI. Tafel seiner „Description“ in
natürlicher Grösse abgebildet hat (s. p. 73) und der dort einen Durchmesser von
0,5 hat, würde die ,,botte ä couleurs“ nur etwa 0,7 breit und 0,12 lang sein. Die
Löffelchen messen auf diesen Zeichnungen 0,15 — 0,16 m, während auf dem Grundriss
die Länge des Etuis doppelt so gross und der Länge der „boite ä couleurs“ gleich ist.
Zur Beseitigung dieser Differenz war ich bemüht, den gegenwärtigen Ver-
wahrungsort der Objekte zu finden, leider vergebens, denn weder in Paris (Mus4e de
Cluny, Bibliothöque nationale) noch im Museum der nationalen Altertümer in St.
Germain-en-Laye sind sie bekannt. Sie sind, scheint es, überhaupt verschollen. In
Fillons Nachlass, der 1882 versteigert wurde, fehlten diese Objekte bereits. Sind sie
vielleicht in einem kleinen Provinzialmuseum der Vendöe aufbewahrt?
Die Basaltplatte des Fundes trägt eine Inschrift; da im Fundbericht nur von
einer solchen Platte die Rede ist, scheint diese auf der Abbildung 47 nur deshalb
auch in der Aufsicht gezeichnet zu sein, um die Inschrift zu zeigen. Auf der Jahn-
schen Zeichnung ist diese Wiederholung auch weggelassen; bei Blümner IV p. 457
(Zeichnung nach Jahn) ist der auf Fig. 46 g befindliche Schiebedeckel des Kästchens
fälschlich als Reibplatte bezeichnet.
214
o) eine runde Büchse oder Mörser aus Bronze (Abb. 46 d);
d) ein Etui mit zwei zierlich gearbeiteten Löffelchen aus Bronze
(Abb. 46 e und Abb. 47 g);
e) zwei kleine Schaufeln aus Bergkrystall, von denen die eine zer-
brochen war; sie enthielt Goldpulver mit einer gummösen Substanz^
vermengt (Abb. 46 f);
f) endlich zwei Pinselstiele aus Bein (0,12m lang).
8. Neben dem eisenbeschlagenen Kasten standen einige grosse Gefässe
aus hellem Glas; dann
9. eine grosse Flasche aus hellem Glas, mit einer blauen Masse gefüllt;
Abbild. 46. Malutensilien des Fundes von St. Mddard-des-Prds. (Nach Benj. Fillon und nach
O. Jahn in Abhandl. der Sächs. (ies. d. Wissenschaften Bd. V.)
10. ein kleines Fläschchen aus hellem Glas, ein Gefäss aus schwarzem
Ton und ein anderes aus weissem Glas, das erstere mit Terra di Siena,
das zweite mit Aegyptischem Blau, das dritte mit Harz gefüllt;
11, 12 und 13. Reste grösserer Holzkisten mit eisenbeschlagenen Ecken,
deren Inhalt nicht mehr erkennbar war.
Die Anwesenheit der im Bronzekästchen und den zahlreichen Fläschchen
(im ganzen gegen 80) befindlichen Farben geben dem Funde unzweifelhaft
den Charakter eines Malergrabes. Fillon berichtete darüber unverzüglich an
den damals bedeutendsten Archäologen Frankreichs Letronne, der in seiner
Antwort schrieb :
215
„Sie haben einen in seiner Art einzigen Schatz in Händen, und
ich schätze mich glücklich, die gelehrte Welt davon in Kehntnis setzen zu
können. Rechnen Sie auf den Eifer des alten Altertumsforschers. Sie wissen
ja selbst, welchen Wert ich allem beimesse, was geeignet ist, Licht auf die
Frage zu werfen, die von uns mit besonderer Sorgfalt studiert worden ist
und die lange und peinliche Debatten [mit Raoul Rochette] hervorgerufen
hat. Die geschriebenen Dokumente geben mir Recht ; ich hoffe , dass die
Chemie mir gleicherweise zu Hilfe kommen wird.“
Einige Tage später beauftragte Letronne seinen Freund Ohevreul, der
damals mit seinen „Considörations gönörales sur l’histoire de la chiraie chez
Abbild. 47. Malutensilien des Pfundes von St. Mddard-des-Prös.
les anciens peuples“ beschäftigt war, mit der chemischen Analyse einiger
Farbstoffe und anderer Gegenstände des Fundes. Der Bericht darüber er-
schien unter dem Titel : Recherches sur plusieurs objets d’archöologie trouves
dans le Departement de la Vendöe, Bd. XXII der Mömoires de l’Acadöraie
des Sciences, Paris 1850 (s. Anhang Hl).
Diese Chevreul’sohen Untersuchungen, welche reines Bienenwachs
in einer der grossen Amphoren, Harz und Wachs gemengt in einem
anderen Gefäss, Stücke von Pinienharz in einem Glasgefäss und die An-
wesenheit von Oel- oder Fettsäuren in Farbenmischungen konstatierte,
Ohevreul’s
ohemisGhe
Analysen.
216
Erklärung der
Utensilien.
Versuche mit
gleichen In-
strumenten.
sind für die Erklärung der Malutensilien von allergrösster Wichtigkeit. Die
Vermutung liegt nahe, dass es sich bei dem ganzen Funde um eine Wachs-
technik handle und demnach alle dabei gefundenen Instrumente die für
die antike Bnkuustik geeigneten sein können.
Unter den einzelnen Objekten des Fundes fällt unser Blick vor allen
auf die in einem besonderen Bronze-Etui aufbewahrten zwei Löffel ohen
(oder Spateln?) aus Bronze von zierlicher langgestreckter Form mit ver-
dickten Enden. Wenn es Löffelchen zum Aufnehmen oder Zumischen von
Farben sein sollten, wozu der überaus lange Stiel und das paarweise Auftreten
in einem besonderen Etui?^^) Man betrachte doch ganz genau das Bronze-
kästchen („boite k Couleurs“), die vier durch silberne durchbrochene Gitter
verschliessbaren Abteilungen, dazu den Deckel, der wie ein Schieber ein-
gerichtet- das ganze Kästchen hermetisch verschliessen kann! Und das
sollte nur zum Aufbewahren von Farben dienen, die Löcher, zum Hinein-
schauen (!) dasein und zu nichts sonst? Die bemerkenswerte oben ab-
geschlossene Ausgussöffnung des Alabastermörsers — muss sie nicht
einen besonderen Zweck haben ?^°) Die Farbenreste, deren Form erkennen
liess, dass die Masse in flache Näpfchen (oder Muscheln) geschüttet worden
Abbild. 48. Gefässe und Parbenflä8ohchen des Grabes ron St. Medard.
war und darin erhärtete, die ungemein engen Hälse der Farben fläschchen
(Abb. 48), das Klappmesser und die mit Inschrift versehene Basalt-
tafel — deuten diese Dinge nicht auf besondere Eigentümlichkeiten tech-
nischer Art, die von den sonst bekannten ähnlichen Dingen erheblich ab-
weichen? Wie konnte man das alles sehen, ohne sich zu sagen: Das sind
Dinge, die einen bestimmten Zweck haben müssen!
Nachdem fortgesetzte praktische Versuche mit Instrumenten, die den
Originalen genau nachgebildet waren, mich von der Möglichkeit ihrer An-
wendung überzeugt haben, meine ich, dass die beiden Löffelchen sich vor-
trefflich dazu eignen, die heissflüssige Wachsfarbe aus flachen Näpfchen
herauszuschöpfen und bequem auf eine Holzfläche (Malbrett) auszubreiten und
verschiedene so nebeneinander ausgebreitete Farbentöne durch das erwärmte
andere, verdickte Ende des Instrumentes zu vereinigen, wodurch, wie
meine Versuche zeigten, sich eine Modellierung der Form erreichen liess, die
äusserlicli einigen der Graf’schen Porträts aus dem Fayüm merkwürdig ähn-
**) Aehnliche Löffelchen , in besonderem Etui eingeschlossen , sind auch in
Pompeji gefunden worden: s. den Abschnitt Malgeräte, Anhang II.
®®) Der Mörser hat seitlich drei vorspringende Teile , um dadurch über dem
Rande eines Dreifusses Halt zu bekommen. Ein ähnliches Gefäss mit vorspringendem
Rand ist auf der Abbildung des Stuckarbeiters S. 103 zu sehen.
Abb. 49. Versuche in Tempera und in Enkaustik.
Obere Reihe: Eitempera. Zweite und dritte Reihe: Enkaustik in der Art der hellenistischen Mumienporträts.
1
i
217
lieh war; dass das zweite Instrument erhitzt werden konnte, während das
erste noch im Gebrauch war, woraus auch sein doppeltes Vorhandensein
sich erklärt; dass das Bronzekästchen mit den durchbrochenen Silber-
deckeln nichts anderes sein kann als ein Wärmapparat zum Heisshalten
der in den Näpfchen befindlichen Wachsfarben ^‘) und zum Erwärmen
der als Brenngriffel oder Glühstäbchen dienenden Bronzelöffelchen ; dass der
oben verschlossene Ausguss des Alabastermörsers nur den Zweck ge-
habt haben kann, die beim Schmelzen von Wachs unvermeidlichen Bläschen
zurückzuhalten , damit sie beim Anmachen der Farbentöne nicht hinderlich
werden; dass auch das Klappmesser in Beziehung zur enkaustischen Technik
steht, denn beim Aufträgen und Nebeneinanderschichten schnell erhärtender
Wachsfarben bilden sich Unebenheiten oder Anhäufungen von Parbenmassen,
die mit dem Messer leicht abgeglättet werden können u. a. m.
Je mehr ich mich nait dieser Technik befasste und mit den Löffelchen
mit verdickten Enden, dem Wärmapparat und den heissen Wachsfarben zu
hantieren und gewisse Kunstgriffe anzuwenden lernte , desto mehr kam ich
zu dei Ueberzeugung, dass sich für diese Art der Technik kaum prak-
tischere Instrumente ersinnen Hessen als die in dem Funde von
St. Mödard vereinigten es sind.
Bei allen diesen Versuchen®^) bin ich von der Voraussetzung ausgegangen,
dass jene Instrumente zusammen ein geschlossenes Ganze bilden und
dass sie für sich allein genügen müssten, ein enkaustisches Gemälde her-
zustellen. Vor allem handelte es sich darum zu zeigen, dass ohne An-
wendung eines Pinsels enkaustisch gemalt werden kann und somit
Bei der Auffindung lagen in dem Kästchen Farben verschiedener Form;
1. Solche, welche in flachen Schälchen verwendet wurden, wie auf Abbild. 47 Fig. d
und e, die deutlich die Form von Schälchen oder Muscheln erkennen lassen. Die
Schälchen oder Muscheln waren mit der Zeit natürlich in Staub zerfallen. 2. Solche
in Plattenform; der Fundbericht spricht von „unregelmässigen Farbenstücken, bei
deren Herstellung man sich begnügte, die Masse auf eine ebene Fläche zu schütten
und sie so erhärten zu lassen (pains de couleurs sans forme reguliere; en la fabriquant
on s’est contentd de verser la matibre reduite en päte liquide sur une surface plane
et de la laisser secher). Vielleicht diente dazu die Basaltplatte des Fundes?
**) Bei diesen Versuchen ist es mir auch immer klarer geworden, wie zweck-
entsprechend das Kästchen des Fundes eingerichtet ist, um als Wärmeapparat
zu dienen. Die 4 Abteilungen befremden im ersten Augenblick, sie erscheinen so-
gar überflüssig; wenn man sich aber in die Lage eines mit Wachsfarben und Brenn-
griffeln hantierenden Malers versetzt, wird man den Zweck der vier Abteilungen
bald herauszufinden verstehen. Beim ersten Teil der Arbeit nämlich dem Aufträgen
der heissflüssigen Wachsfarben, ist eine möglichst gleichmässige Wärme erforderlich;
alle vier Abteilungen sind mit glühenden Kohlen angefüllt , um möglichst viele der
in Näpfchen bereiteten Wachsfarben gleichzeitig zn erwärmen Auch zum Herstellen
der Farbenmischungen ist dies zweckmässig. Im weiteren Verlauf der Arbeit sind
immer weniger Farbentöne nötig, endlich genügt nur eine Abteilung während die
übrigen durch Einschieben des Deckels zum Verlöschen gebracht oder in ge-
linderem Brande erhalten werden können. Zur Erwärmung der beiden Brenngriffel
(Cauterien) genügt das Inbrand^etzen nur einer Abteilung, und — sehen wir genau
auf die Zeichnung — deshalb ist auch ein Deckel von den vier nicht durchbrochen;
er wird einfach aufgehoben, um die Griffel abwechselnd hineinstecken zu können.
Ist der Maler mit der Arbeit fertig oder will er sie unterbrechen, dann verlöscht er
mit dem Schiebedeckel die Glut. Da die Wandungen des Kästchen sehr dünn (aus
gehämmertem Metall auch widerstandsfähiger) sind, kühlt der Apparat bald aus;
man konnte die Kohlenreste und Asche leicht entfernen und den so leer gewordenen
Raum zur Aufnahme der vorher auf dem Apparat befindlichen Näpfchen u. dgl. ver-
wenden (wie ich es auch bei meinem Apparat getan habe, weil sonst ein zweites Be-
hältnis nötig gewesen wäre). Dies mag auch der Grund sein , dass beim Auffinden
des Kästchens Farben darin lagen.
Auf einen weiteren Umstand, der mir erst im Laufe der Versuche aufgefallen
ist, muss hier noch aufmerksam gemacht werden: die glühenden Kohlen erzeugen
auch nach unten starke Hitze, und obwohl mein Wärmapparat von vorneherein
auf allerdings sehr niedrige Füsse gestellt war, kam einmal die Tischplatte in Ge-
fahr versengt zu werden; ich stellte deshalb das Kästchen in der Folge auf eine
steinerne Reibplatte als Unterlage. Dieser Umstand führt mich darauf, dass die mit
Inschrift versehene Basallplatte des Fundes , ausser zu dem Anmerk. 31 erwähnten
Zweck, vielleicht auch als Unterlage des Wärmapparates gedient haben kann.
218
diese Malweise mit den Nachrichten der Alten in Einklang steht. Anlass zu
weiteren Versuchen gaben die deutlichen Pinselspuren an dem Beiwerk,
den Haaren und der Gewandung vieler und gerade der allerbesten enkaustischen
Porträts aus dem Payum und die bestimmte Angabe bei Plinius, dass bei
der dritten enkaustischen Art heissgelöste Wachsfarben mit dem Pinsel
aufgetragen wurden. Es stellte sich bei diesen Versuchen, den Pinsel zum
Auftrag der heissflüssigen Wachsfarben zu gebrauchen, vor allem die Not-
wendigkeit heraus, dem Wachsbindemittel grössere Mengen von Harz oder
Oel zuzusetzen, als bei der ersten Art. War vorher die Menge des Wachses
grösser als der Zusatz, so musste jetzt mehr Harz und Oel genommen werden.
Bei manchen Farben war es verschieden, aber schon beim Anmischen der-
selben war zu erkennen, ob das Wachs-Harz-Oel-Bindemittel zweckent-
sprechend war: bei zuviel Harz zog sich die Farbe zu Fäden; bei zuwenig
Oel liess sie sich nicht gut aufstreichen; bei zuviel W&chs erstarrte sie zu
schnell im Pinsel. Durch richtig gewählte Mengen der Zusätze war sehr
bald das Material gebrauchsfähig hergestellt , und ich versuchte dann mit
Hilfe des Pinsels einen Kopf zu malen.
Was früher die Löflfelchen bewirkten, nämlich eine erste allgemeine
Anlage, das konnte jetzt mit den Pinseln bewirkt werden, wenn man so
flink, als nur möglich war, die Farben aus den Näpfchen holte, an ihren
richtigen Platz brachte und den nächsten Ton, schon vorgemischt, mit dem
gleichen Pinsel daran setzte. Auch hier häufte sich die schnell erstarrende
W achsfarbe an einzelnen Stellen mehr an , aber es war nicht in dem Masse
der Fall wie früher, und die Hauptsache war; durch Regulierung der Zu-
sätze von Harz und Oel liess sich ein viel längeres Flüssigerhalten der
Farben ermöglichen. Für kleinere Lichter konnten ^kleinere Pinsel dienen,
und es war ein bei weitem schnelleres Untermalen möglich, also eine
ungleich grössere Erleichterung des ganzen Verfahrens als zuvor.
Diese Untermalung liess auch eine Ausarbeitung zu, genau wie bei der
ersten Art, und diese gelang in ganz derselben Weise mit Hilfe der beiden
heissgemachlen verdickten Enden der Bronzelöffel (oder der „Cauterien“), die
immer abwechselnd erhitzt und zum Ineinanderschmelzen , Abgleichen und
Modelüeren der Form gebraucht wurden. Nach wenigen Versuchen liess
sich mit diesem Verfahren eine gewisse Vollkommenheit erreichen, und die
Resultate glichen den Vorbildern aus hellenistischer Zeit mitunter in über-
raschender Weise; bei fortgesetzter Uebung darin könnte ein begabter Künstler
es gewiss zu gleicher Vollendung bringen, wie sie die ägyptischen Porträts
zeigen. Dass die Ausübung dieser Technik keine allzugrosse Kunst erfordert
für jemand, der überhaupt malen gelernt hat, braucht kaum besonders betont
zu werden; die hier beigegebenen Abbildungen nach einigen meiner V'ersuche
sollen dies anschaulich machen (s. Abb. 49 zweite und dritte Reihe).
Dabei ist mir folgendes klar geworden : dass man auf vielen dieser
Porträts Hintergrund, Gewand, Haare und Beiwerk meist nur flüchtig mit
dem Pinsel in dekorativer Art hingestrichen sieht, hat darin seinen Grund,
dass diese Stellen noch von der ersten Anlage stehen geblieben sind ; die
Gesichtsteile sind aber ursprünglich genau ebenso mit dem Pinsel und
heissflüssigem Wachs angelegt worden, um nachher mit Hilfe der bronzenen
Instrumente, die als Cauterien fungierten, die gewünschten Grade der Voll-
endung zu erhalten. Die Zuhilfenahme des Pinsels bei dieser kombinierten
Art der Technik scheint demnach eine grosse Erleichterung und eine Ver-
besserung der enkaustischen Malweise zu sein.
219
4. Ergebnisse für das Wesen und die Entwickelung der enkaustischen Technik,
Aus den bisherigen, mit möglichst rollständiger Darlegung des Materials
geführten Untersuchungen stellen wir nunmehr die Ergebnisse fest. Lndem
wir eine Beschreibung der drei verschie<denen Arten versuchen.
,a. Die Cauterium-Technik.
Ueber diese ist nach allem Vorange^sansenen weniff mehr zu sauren.
W as wir vor allem kennen zu lernen wünschen, die authentische Form des
cauterium, sie bleibt leider noch ungewiss. Echte Exemplare aus der Zeit
des Plinius mögen wohl noch vorhanden sein unter den Massen antiker In-
strumente. die in den Museen aufgehäuft sind, aber wer dürfte sich getrauen,
sie herauszufinden und ihre Identität mit dem enkaustischen Malwerkzeug zu
beweisen? Vielleicht, sogar wahrscheinlich ist die Form im Laufe der Zeit
nicht dieselbe geblieben, wie auch der Xame gewechselt zu haben scheint,
da bei den älteren griechischen SchrifrsteHem nur vom pxillz-, die Rede ist,
während der von Plinius gebrauche Xame griechischen Urspnmgs bis in die
letzten Zeiten des Altertums sich erhalten hat. Aber so ungewiss seine Form,
so gewiss ist sein Stoff: es war ein Metallinsrrumen t, da es. um seinen
Zweck zu erfüllen, heissgemacht werden musste.
Als eben so sicher ist es anzunehmen. dass auch das Wachs zum Be-
ginn des Malens heissgemacht und für <lie Dauer der Arbeit in diesem Zu-
stande erhalten worden ist. Die litterarischen Zeugnisse widersprechen dem
nicht, wie wir gesehen haben, und die Xatur des Wachses verlangt es. Jeder
Versuch ist ein neuer Beweis, dass das Wachs in kaltem und konsistentem
Zustande, selbst wenn es durch irgendwelche Zusätze weich und bildsam
gleich Modellier wachs gemacht ist. mit heissgemachten Instrumenten
allein sich nicht so verarbeiten lässt, wie es die Ausbreitung einer dünnen
Farbenschicht, deren dauerhafte Befestigung auf dem Malgrunde und das
Lneinanderschmelzen der hingesetzten Töne unbedingt erfordern. Durch Wärme
lässt sich das Wachs zwar leicht schmelzen, aber auch dann erstarrt es
wieder sofort mit beginnender Abkühlung, und dieser harten oder zähen
Sprödigkeit ist nur dadurch zu begegnen . dass man es heiss mit heissen
Werkzeugen behandelt und dafür sorgt, dass diese zweifache Erhitzung
fortwährend vorhanden sei.
Diese beiden Punkte, auf die es wesentlich ankommt. hat auch Arnold
Böcklin,*^) in. teüweiser Anlehnung an Requeno. zur Voraussetzung seiner
“1 Xach Donner Wandmalereien 5. 23 Anm. 72 hätte es noch einen dritten
Namen gegeben, nämlich Er schliesst dies aus Pollnx YII. 12h T.ricit
•3nopps=4- ^eil beide verschieden sein müssten und weil PoLux IV. ISI die
auch unter den chirurgischen Instrumenten aniühre und Hemsterauis das Wort ein-
mal mit sector, das andere mal mit spathula übersetze. Es sei eine Zeichen-
stift i mit lanzettförmigem Spatel an dem einem Ende. Blnmner IV S. 45C* Anm, 1
bezeichnet .diese Vermutung deswegen als sehr fraglich, weil ein sehr
gewöhnlicher Ausdruck für Zeichnen und Maien sei tme-pp^-ip also« verrnutlioh jei-s
dazu geeignete Gerät bezeichne". Will man. obwohl Pollux »nicht xi.» -jctt-ppr";
sagt, durchaus einen Unterschied ausündig machen, so könnte dieser nur in -jr.z liegen,
und da auch der Ausdruck für Pinsel ist »s. Blnmner IV S- 425 Anm. 5'. so
könnte önsppirvp etwa eine besondere Art von Pinsel sein, womit man die Ver-
zeichnung unter dem Gemälde, die erste Amage in Umrissen, oder auch die erste
U ntermalung machte- Damit würde auch der Gebrauch von •Inrppirs.-. und icrrrpicr';
insofern übereinstimmen. als sich beide au: .das Zeichnen des Umrisses als der Grund-
lage zu weiterer genauerer Ausführung* beziehen und bei Luoian ösrti-ppiirs.-. auch
vom Untermalen der Augen gebraucht ist. wofür Biümner IV S. 4li Anm 4 die Be-
lege bietet — Was das piiris'» betrifft, so wird man aus dem Wortwitz des .'Spötters,
der pxiSrSiiircp (^vom •ebend' statt iircriiv::; (in Ueppigkeit lebend’ auf der
prahlerischen Inschrift setzte, die Pairhasios auf sich seiest gedichtet hatte, nicht
schliessen dürfen, dass Parrhasios ein enkaustischer Maier gewesen sei. als welcher
er sonst nicht genannt wird: vielmehr wird piici:-. hier im allgemeineren . typischen
Sinne für Malerwerkreug überhaupt gebraucht sein :S- .kthenaeus XII. Ö2 undXV^Sö'.
Böcklin s Versuche sind beschrieben von Rud. Schick in seinen aage
buchaufzeichnungen aus den Jahren 1560—1:;^ über Arnold Böcklln. herausgeg. von
220
Technischer
Vorgang.
Versuche genommen, als er Ende der sechziger Jahre, vor mehr als drei
Jahrzehnten, auf praktischem Wege die alte Enkaustik w^iederzufinden unter-
nahm. Er hatte damals noch keine Kenntnis von den Mumienbildnissen,
er hat sich auch schwerlich den Kopf zerbrochen über die richtige Erklärung
der vielbesprochenen grundlegenden Stelle bei Plinius ; aber seine geniale
Intuition für alles Technische in der Malerei hat auch hier den Kernpunkt
der Frage richtig erfasst, ira Gegensatz zu den meisten, ja allen Theorien,
die vorher und gleichzeitig aufgestellt worden und längere oder kürzere Zeit
in Gültigkeit gewesen sind.
Meine eigenen Versuche, die ich, unabhängig von Böcklin und hauptsäch-
lich angeregt durch das Studium des Fundes von St. Mddard, vor zwölf Jahren
begann, haben mich von Anfang an zu derselben Erkenntnis der Hauptpunkte
geführt. Wenn ich auf Grund derselben das Verfahren bei der Ausführung
eines enkaustischen Gemäldes in allen seinen Einzelheiten beschreibe, so wird
dies die geeignetste Art sein, vmn der alten Cauterium-Technik eine Vor-
stellung zu geben.
An Instrumenten und Materialien sind dazu nötig und von mir als
praktisch befunden; Ein Kästchen aus Metall mit durchbrochenem Deckel
(in der Grösse von 12 cm : 20 cm und 10 cm tief) zur Aufnahme von Kohlen
und zum Warmhalten der Wachsfarben und andererseits zum Erhitzen der
Cauterien. Zwei Cauterien aus Bronze, jedes mit einem verdickten und
einem löfTelförmigen Endo. Mehrere niedere Näpfchen aus Steingut oder dgl.
zur Aufnahme und zum Anmischen der Farben, Fläschchen mit ver-
schiedenen Farbenpulvern, weisses W^achs in Stücken, gepulvertes Harz
und ein kleines Fläschchen mit Oel. In einem grösseren Tiegel hält man
eine Mischung von Wachs und Harz oder Oel bereit, die so hergestellt ist,
dass erst das Wachs geschmolzen , dann das Harzpulver (Mastix oder Kolo-
phonium) flüssig gemacht und schliesslich etwas Oel, z. B. Nussöl, .zuge-
gossen wurde. Diese Mischung soll im kalten Zustand ziemlich fest sein, so
dass mit dem Daumennagel kaum Eindrücke' gemacht werden können. Für den
Wärmapparat benutzte ich zur Erhitzung anfangs kleine Spiritusbrenner, aber
Hugo V. Tschudi, Berlin 1901. Wir finden dort folgende interessante Einzelheiten
fp. 146) vom 19. Aug.. 68: , Böcklin sprach über antike Enkaustik, die von der
neueren sog. Enkaustik, bei welcher mit Wachs und Terpentin (kalt) gemalt wird,
himmelweit verschieden gewesen wäre. Man hätte noch genaue Nachrichten darüber,
und im Neapolitanischen Museum würden noch einige von den eisernen Spateln auf-
bewahrt, mit denen man (in glühendem Zustande) die Wachsfarbe aus den Töpfchen
holte und auf das Bild schmolz. Sie hätten verschiedene Formen, je nach ihrer Be-
stimmung, und ein eisener Kolben diente dazu, recht lange die Hitze festzuhalten,
damit das dünne Maleisen nicht so schnell verkühlte. Der HandgrifiF war von Holz
oder bewickelt.“
Dann vom 5. Okt. 68 (p. 177): „Er schmolz Harz mit den einzelnen Farben
über Feuer in Töpfen zusammen und tat dann eine gewisse Quantität Wachs dazu.
Dadurch bleiben die Farben schon bei geringem Wärmegrad des Wachses schmelzbar,
wähi-end Harz allein viel Hitze erfordern würde. . . Nach diesen Vorbereitungen wurden
die Farben auf einen Kohlenofen gestellt, damit sie flüssig bleiben, und man fährt
dann mit den Maleisen (die sich Böcklin hat machen lasse" ad die einen Glühkolben
und Handgrifl' haben) in die Farbentöpfe, holt die Farbe . heraus und trägt sie mit
dem heissen Eisen auf die Tafel auf. Mit den Eisen selbst kann man die Farben
verbreiten, verstreichen, Upbergänge hersteilen etc., da es durch seine Wärme auch
die Nachbarfarben wieder schmilzt. Einen eisernen Spatel benutzte Böcklin als Ver-
treiber (in heissem Zustande) oder vielmehr als Verschmelzet. Man könne einen
Kopf von etwa 5' noch sehr gut damit zur Erscheinung bringen, und die Farbe
hat etwas schönes, leuchtendes.“ . . .
Ueber weitere Versuche Böcklins s. a. a. 0. p. 182 (Sappho auf grundierter
Leinwand gemalt v. 1859) u. p. 185; p. 201 (über gute Erhaltung der Wachsfarben);
p. 242 (Studienkopf eines Italieners).
Welche l< olbenartige Instrumente im t^eapeler Museum Böcklin als Vorbild
gedient haben, ist ungewiss. Schick erwähnt solche von Eisen und „eiserne Spateln“.
Alle Eiseninstrumente aus Pompeji sind aber so vom Rost zerfressen, dass ihre Form
kaum noch zu erkennen ist. Böcklin kann wohl nur jene kleinen kolbenförmigen
Instrumente aus Bronze gemeint haben , die auch meiner Ansicht nach zu einem
solchen Zwecke dienlich sind. S. weiter unter „Malgeräte“ Anhang II.
221
diese erzeugten zu intensive und zu schnelle Hitze, so dass ich zur einfachen
Holzkohle überging und dadurch eine gloichinässigere Hitze erzielte. Ist jene
Mischung auf dem Wärmapparat flüssig geworden, so giesst man eine geringe
Menge davon in die einzelne Näpfe und schüttet pul verisi erte Fa rbstoffe
nach Bedarf dazu. Einige Farben, wie Schwarz und Braun, erfordern etwas
mehr Harz, andere, wie Ocker und Weiss, mehr Wachs, andere wieder etwas
mehr Oelzusatz. Man erkennt dies bald, wenn die so bereiteten Farben nach
dem Erkalten nicht genügend fest geworden sind.
Nehmen wir nun als Beispiel die Aufgabe, einen Kopf zu malen , so
bereiten wir uns aus rotem Ocker, gelbem Ocker und Weiss (Bleiweiss)®^)
eine Fleischfarbe, durch Zumischung von reinem Weiss einen helleren Mittel-
ton, mit Schwarz und ein wenig Blau zu diesem Mittelton einen Uebergangs-
ton , mit Ocker oder Braunrot einen Schattenton , endlich wählen wir noch
reinen Zinnober zur roten Farbe, reinen Lichtocker zur gelben Farbe, reines
Schwarz zum tiefsten Ton und mischen vielleicht noch ein helleres Grau aus
Schwarz und Weiss zurecht. Mit diesen acht Farben werden wir für den
Anfang auskommen.
Auf ein ungrundiertes Malbrett zeichnen wir dann mit Kreide oder Rötel
(nach Befinden mit einer schwarzen Wasserfarbe) die Konturen des Kopfes,
beginnen mit dem Schattenton, indem wir mit dem löffelförmigen Ende des
Oauterium die Farbe aus den Näpfchen herausholen und an die ihr zugedachte
Stelle bringen. Dazu gehört ein wenig Flinkheit, denn die heisse Wachs-
farbe erstarrt sehr rasch; da aber das Löffelchen schon durch das Um-
rühren der Farbe genügend heiss geworden ist, so kann man mit
der gewölbten Rückseite desselben die Farbe an dem richtigen
Platz ausbreiten.
Hernach reinigen wir das Löffelchen oder benutzen es gleich zum Auf-
nehmen des nächsten Mitteltons, den wir an die vorige Farbe so ansetzen,
dass wir durch Bearbeitung mit der Rückseite zugleich eine Verbindung der
Farbentöne herzustellen versuchen. Ebenso verfahren wir mit den helleren
Tönen des Fleisches und setzen zum Schluss mit der Löffelspitze noch die
höchsten Lichter auf die hellsten Partien von Stirn, Nase, Wangen, Kinn und
Hals. Eine allgemeine Anlage des Kopfes haben wir so erreicht; das Ge-
mälde wird aber noch sehr roh aussehen. V'or der weiteren Ausführung ver-
stärken wir noch die Tiefen, wo es nötig ist, setzen die Haarpartien mit
kräftiger Farbe hin und suchen auch einen entsprechenden Hintergrund auf
dem Brett auszubreiten, noch ehe die Haarpartien gemacht sind, damit diese
*®) Vgl. oben S. 217 die Bemerkungen über das „Farbenkästchen“ des Fundes
von St. M4dard und m. Ansicht, dass dieses einen sehr praktisch konstruierten Appa-
rat für die enkaustische Malerei darstellt.
Diese und die folgenden Manipulationen hat man wohl in den Ausdrücken
wiederzuerkennen, die Pollux Onomast. VII, 128 für die Verrichtungen der Maler
der Reihe nach anführt und die doch gewisse Unterschiede der Bedeutung aufweisen
müssen. Danach wäre 1. xTjpöv xY;g«ad’ai, pt^aad'at, x^aoö-ai = das Wachs erweichen und
dann (mit den anderen Ingredienzien) vermischen und zusammenschmelzen (Be-
reitung des Wachsbindemittels); — 2. x.pwp«"'« xspdo(zo-9-at, auiipt^aa^'ai, die
Farbentöne durch Mischung (der Farbstoffe mit dem Bindemittel) zubereiten , dann
(verschiedene Farben zu neuen Tönen) untereinandermengen und verschmelzen; —
3. xp®oai, ini'/ip&GM, ÄTtoxpöaat = farbig machen d. h. die Farben auftragen (erste An-
lage und Untermalung), darauf übe:malen (Verstärkung der Schattierung u. a.) und
endlich fertig malen durch Stimmen und Vereinigen der Töne (diese drei Ausdrücke
wohl gleichbedeutend mit den folgenden xP«'^“h ir:ixpäv«i, ÄTioxpävao, da nach Timaeus
lex. Platon, p. 264 dtTtoxpatveiv = -cä Ivoreoietv, das Gemalte einheitlich machen,
ist); — schliesslich 4. äv^eoi cpaiSpOvai = mit leuchtenden Farben einzelne lebhafte Töne
hinzufügen und Lichter aufsetzen.
®^) Bleiweiss hat die Tendenz, bei längerer oder oftmaliger Erwärmung in
Mischung mit Wachs und Oel nachzugilben. Da wir nicht bestimmt wissen, was
die Alten unter „Melinum“ verstanden haben, das Plinius unter den zur Enkaustik
verwendbaren Farben anführt (s. oben S. 186), so ist es schwer einen Ersatz für
dieses Weiss zu nennen. Uebrigens kommt auch Bleiweiss (cerussa) in jener Liste
vor. Als gut geeignet habe ich Zinkweiss befunden.
•»■>
in den HinTergmndton gieichsam hineinriigen Dann beginnen wir die feinere
Uer-erarbeiinr.g der Malerei, deren Farben inzwischen ganz hart geworden
eicd. Um sie wieder zm erweichen . stecken wi- das verdickte Ende des
rweiten Canterlnms eine Zeit lang in die glühende Kohle und fahren damit,
sti-älü es heiss geworden, rasch oder wiederholt über die Farbe nfläche
hin: bei einiger Uebung gehngr es bald, kleinere oder grössere Partien in
einen Zustani der Weichheit zu bringen, der es gestattet, die noch vor-
handenen Unebenheuen ausrugleiehen . die Töne zu verbinden und eine
hamcnischere Modellierung zu erzielen. Um in dieser Arbeit nicht gehindert
zu sein. hat*en wir das zweite Cauterium gebraucht und lassen zu gleicher
Zeh das erste im Kohlent^ecken wieder heiss werden. Es sind also immer
zwei Cauterien zugleich notig. Wir gehen dabei ron einer Partie zur audem.
v:n den Lichtem zum S-ebarren. und haben es in der Hand, durch schnelleres
Absetzen des heissen Instruments dort, wo zuviel Farbe aufgehäuft ist, Ab-
uachungen •>der kleme Teniefungen herzustellen, denen natürlich wieder Er-
hthuugen entsprechen. Eine so bearbeitete Stelle «ürd zunächst etwa das
Aussehen eines Pockennari igen haben. Hier war es nur unsere Absicht,
auf diese Weise die Farbe zu zerteilen, um nach dem Auskühlen die allzuweit
heraustreten den Erhöhungen, wenn nötig, einfach mit dem Messer ab-
zuscharen und beim ai-erraaligen heissen Ueh»erarbeiten mit der Umgebung
in rhnklang zu bringen. A.. -anderen Stellen übergehen wir die Farbe mit
scnnell und flach geführten Srricheii, wobei die oben erwähnten Zick-
zacklinien entstehen, o-der wir arbeiten verschieden, je nachdem das Cauterium
n:ch heiss oder schon im Erkalten ist. kurz wir schaffen uns dem
V-;erial entsprechend nach Bedürfnis eine besondere Technik.
Bei dem reschrietenen Verfahren wie bei allen meinen Versuchen habe
ich Cauterien in der durch den Fund von St. Medard überheferten LöSelform
angewsLu-dt und sie haben sich zum Aufnehmen der Farben, zum Aufträgen
unu weiteren Verarbeiten immer als zweckmässia^ und handlich bewährt, ganz
t-esonders darum, weL dasselt*€ Instrument mi' seinen verschieden gebildeten
Euden zwei Zwecken zugieic-h zu 'dienen geeignet ist. und diese Zweiseitigkeit
scheint mir .harakteristds'Ch zu sein. Ob diese Form in der Tat auch die
alte J:rm ist. das ist eine andere Frage, 'die einstweilen niemand zu be-
antworten vermag. Die Form kann, wie gesagt, im Laufe der langen Zeit
sieh geändert haben; die Zeit, der die Instrumente von St. Medard angehören,
ist sicher um mehr als 5<X' Jahre von der Zeit des Pausias emfemt. Es ist
auch rieht undenkbar, dass je nach den Dimensionen der Malfläche und aus
scnstigen technischen Sücksiehten verschie-dene F'Ormen gleicnzeirlg in Ge-
brauch gewesen seien, wie man ja auch verschiedene Pinsel hatte. Böcklin
hat k:,lS>enförinige und spatelärrige Cauterien gebraucht, da er sich einiger
ähnicher Instrumente im Museum zu Neapel erinnerte . die ihm zu diesem
Zweck praktisch zu sein schienen — jedenfaiis weniger sichere Anhaltspunkte
als die. welche der Fand von St. Medard bietet. Auch er hat zwei In-
strumente n-ötig gefunden ucl, da er bal*d die Erfahrung machte, dass mit
einem ‘Fühktlb'en aLein nicht auszukommen ist. noch zur eisernen Spatel ge-
azüuen. Die Resultate seiner ^'ersuche sind dieselben wie die der meinigen;
ebenso stimmt die Ar'e-hsmeThode in alleuj Wesentlichen bei uns beiden
üli«erein. und dadurch wird -i'e praktische Ausführbarkeit des Verfahrens,
■das durcn die richtige -\uslegung der linerarisehen Zeugnisse sich ergeben
ha*, über je-den Zweifel erhoben. Es wird demnach mit einem so hohen
Grade von Wahrschemlichkeir. wie er überhaupt in solchen Fällen erreichbar
ist, behaupte: -^-erden dürfen, dass hierdurch die alte Caurerium-T echnik. wenn
nicut in voller Identität, so doch ihren wesentlichen Voraussetzungen nach
wi.;:,derheraestellt seL
Auch das hat sich dabei a‘s Degründet erwiesen, dass es eine tarda
pict-urae ratio war, zumal wenn man be-lenkt, dass die umständlichen Vor-
o-ereitunzen für die eigentliche Mülarbeii, 'das Z^orechtmachen des Bindemittels,
das Vi=c-hen. Anrühren und Zusammenschmelzen der Farbstone, kurz die
223
tadellose Herstellung der cerae, der Wachsfarben, so dass sie gebrauchsfähig
bereit standen, von den Künstlern selbst, wenn auch unter Beihilfe von
Schülern oder Dienern, besorgt worden ist, denn dass die Farbenhändler voll-
ständig zubereitete cerae geliefert hätten, wie die heutigen Farbenfabrikanten
die verschiedenen Sorten von Farben, ist schwerlich anzunehraen.
Xur eines bleibt ungewiss und ist heute nicht mehr festzusreUen. nämlich Ha^-andOet-
XI- 1 • j -7 - 7'2.sÄrzp_
ob dem Bindemittel f >\ achs) schon in der ältesten Zeit die oben genannten
Zusätze gegeben worden sind, die durch Erhöhung der Geschmeidigkeit die
Arbeit erleichtern und die Festigkeit des Farbenkörpers vergrössem. Wahr-
scheinlich ist es aber, dass schon frühzeitig Harzzusätze üblich waren, denn
die Vereinigung von Harz und Wachs war im Altertum bekannt, wie die
beim Schiffsanstrich gebrauchte Mischung von Pech und Wachs beweist,
Zopissa genannt, wenn sie, vom Meersalz angegriffen, zu medizinischen Zwecken
abgeschabt wurde. Ebenso wahrscheinlich ist aber auch der Zusatz von
Oel, da die Lösbarkeit aller Harze in Oelen von Plinius tXTV, 123» aus-
drücklich hervorgehoben wird und die Anwendung von Oelen bei den En-
kausten in späterer Zeit nachgewiesen ist.
b. Cestrum-Technik.
Viel schwieriger, wenn nicht unmöghch, ist es, von der Cesirum-Technik
eine wohlbegründete Vorstellung zu gewinnen. Niemand kann mit Recht be-
haupten, ein Cestrum oder ein damit gemaltes Bild gesehen zu haben. Sicher
wissen wir nichts als den Namen des Instruments und dass der Malgrund
in Täfelchen von Elfenbein oder (in seltneren Fällen» von Hom bestanden
hat; alles Weitere fällt in das schrankenlose Gebiet der Hypothese. Es ist
Pflicht der wissenschaftlichen Ehrlichkeit, diesen Tatbestand von vorneherein
fesuustellen.
Der Name xiarpsv oder -/.i-rrpo; weist, wie wir gesehen haben, auf den
Begriff des Spitzen hin. und wenn der Name, wie natürlich, das Charakter-
istische bezeichnet, so liegt es nahe zu schhessen, dass die Spitze des In-
struments den Gebrauch bestimmt haben müsse. So haben denn auch fast
alle Erklärer von je her an Zeichnungen gedacht, die mit einem grabstichel-
ähnlichen, scharf zugespitzten Stift auf Elfenbein eingraviert und deren Linien
dann mit farbigem Wachs ausgefüllt worden wären, nur dass beim Gravieren
die Einen den glühend gemachten Stift, die Anderen den kalten Stift angewandt
wissen wollten, kber gegen beide Auffassungen erheben sich Bedenken. Im
ersteren Falle müsste das ununterbrochene Glühenderhalten eines spitzen In-
struments kaum zu überwindende Schwierigkeiten geboten haben, ganz at>-
gesehen von dem widrigen Geruch, der, dem verbrennender Federn ähnlich,
die Arbeit begleitet hätte. In beiden besteht sehr wenig Verwandtschaft mit
dem , was sonst das Wesen der Enkaustik ausmacht: diese Zeichnungen mit
farbigen Konturen und Schraffierungen hänen koloristisch sich sar nicht ver-
gleichen lassen mit Gemälden im Srile des Pausias und erklären die hohen
Preise nicht, die der Malerin Jaia für ihre vielbegehrten Porträts in Rom ge-
zahlt worden sind.
Zuverlässigeren Aufschluss würden wir erhalten, wenn ein einziges, auch
noch so kleines . unversehrt erhaltenes Stück von echter Cestmm-Enkaustik
gefunden würde. Ist ein solches .Phänomen“, wie Goethe es nennen würde,
vielleicht noch vorhanden und uns nur bis jetzt verborgen geblieben? Be-
findet es sich etwa unter den Elfenbeingegenständen des Museums zu Bulak?
Denn nur in ägyptischen Grabstätten könnte sich eine so subtile Maleren
wie die Enkaustik auf Elfenbein es gewesen sein muss, in voller Frische er-
halten haben.
Nach dem Katalog von Maspero i 1SS3 , p. 386 f.» befinden sich im
Museum zu Bulak Reste mehrerer Elfenbeinkästchen oder vielmehr
**» Plin. XVI, 56: Zopissam vocari derasam navibus pieem cam cera Vgi.
Diosc. I, 98, wo auch der Name erwähnt wird.
Spitze Font
•ieä CesTTtt:-
MsIereicTi 7
224
Vermutungen
Uber die
Technik.
mit Blfenbeinplatten belegter Holzkästchen , darunter ein viereckiges , wahr-
scheinlich den -Deckel bildendes Stück (Nr. 5667; 0,22 hoch, 0,32 breit) mit
gravierten Zeichnungen, in denen die neun Musen mit ihren Attributen
unter Bogenstellungen zu Erkennen sind. Die Umrisse und die den Schatten
bildenden Striche sind mit einem rötlichen Firnis ausgefüllt, dessen
dunkler Ton sich vom Elfenbein abhebt. Auf einem anderen Stück (Nr. 5701,
0,10 hoch, 0,08 breit) ist in gleicher Technik ein Winzer dargestellt, auf
anderen sich streitende Vögel, grosse Körbe tragende Amoretten. Hier sind
die Konturen mit rotem, schwarzem, grünem und weissem (verblasstes Blau?)
Firnis ausgefüllt. ^^)
Aehnliche Darstellungen auf Elfenbein sind auch sonst bekannt. Cartier
(Revue archöolog. 2e annöe I pl. XXXII) hat die Reste eines mit Figuren und
Vögeln geschmückten Elfenbeinkästchens in Abbildung veröffentlicht; daher
stammt die Figur bei Gros und Henry, L’Encaustique et les autres procödes
de peinture chez les anciens (Paris 1884) S. 45. Henry macht S. 43 noch
mehrere ähnliche alte Denkmäler namhaft, die in der vatikanischen Bibliothek,
im British Museum und im Privatbesitz sich befinden.
In der Sammlung des Konservatoren-Palastes auf dem Kapitol zu
Rom (Sala dei piccoli bronzi, Wandschrank links vom Eingang) bemerkte ich
ebenfalls derartig gravierte Elfenbeindeckel, Reste eines grösseren Kästchens,
dessen Längswand 0,70 lang und 0,17 hoch ist. In den vier Feldern sind
geflügelte Genien dargestellt; die Erhaltung ist schlecht, und Farbenspuren
kaum bemerkbar. Zu demselben Kästchen gehören noch vier grössere Flächen
(0,23 ; 0,27, Grösse des Mittelfeldes 0,12 : 0,09), auf denen sich bildliche
Darstellungen befinden u. zw.: 1. ein geflügelter Genius, ein Buch tragend;
2. ein solcher mit einem Becken ; 3. eine Gruppe von zwei Genien, der eine mit
einem Blumenkorb, der zweite mit einem Vogel; 4. ein Genius mit Früchten. Im
Randornament sind Färb enres te zu bemerken, u. zw. von blassem Purpur-
rot und Grün (Grünspan). Durch die Lupe betrachtet machten die Linien
mir den Eindruck von Schnittspuren.
Sollten wir in diesen Beispielen die gesuchten Denkmäler erkennen
dürfen? Dann würde sich diese Technik tatsächlich als eine Art von Gra-
*®) Vgl. Katalog des Museums von Bulak von Maspero p. 386 — 387. „Salle
freco-romaine. Les debris dun coffret en ivoire, plaqud sur bois et döcore de
essins gravds ä la pointe, viennent de Saqqarah. Les Nr. 5664 (H. 0 m 085; long.
Om 44) et 5666 (H. Om 085; long. Om 35) sont des fragments de la bordure qui encadrait
les panneaux Nr. 5666 (H. 0ml6; larg. du haut 0m35) et 5668 (H. 0m30; larg. du
haut 0m35; larg. du bas 0m27); le parmeau oarrd Nr. 5667 (H. 0m22; larg. 0m32).
dtait Sans doute sur la partie plate du couvercle. Les traits qui cernent les figures
et eeux qui forment les ombres sont remplis d’un vernis rougeätre, dont la teinte
sombre ressort sur le tond de l’ivoire. Les figures placees sous les arceaux re-
pfdsentent, autant que je puis juger, huit des muses, chacune avec ses attributs
I.,e dessin est d’assez bou style et l’exdcution tr5s soignde, malheureusement les
plaques d’ivoire sont tordues et brisdes en partie.“
p. 390: „Les panneaux de bois plaques d’ivoire, qui vont du Nr. 5693 au Nr. 5708,
proviennent de plusieurs coffrets aujourd’hui ddtruits. Les uns (Nr. 5693—5698 et
5703—5708) sont analogues aux plaques Nr. 5682—5687 [Basreliefs?]: ils reprdsentent
des danseuses qui frappent du tambourin, des femmes nues. assises dans divers
positions, un jeune homme nu apportant un objet aujourd’hui perdu. Les autres (Nr.
5699—5702) sont graves par le m^me procdde qui est employd sm: les panneaux
Nr. 5666-5608, mais avec moins de finesse et de precision dans le dessin. C’est sur
le Nr. 5701 (H. Om 10; larg. 0m08) un vendangeur dansant, sur les deux autres
des oiseaux se battant et des amours charges de gros paniers; les vernis
sont rouges, noirs, verts et blancs.“
Eine auf Elfenbein gravierte Darstellung eines Winzers, wohl des oben er-
wähnten, ist abgebildet bei Prisse d’Avennes p. 839
Hier wären noch die reizvollen, in edlem Stil gehaltenen Figurenbilder auf
Elfenbein anzureihen, die sich im Museum zu Petersburg befinden. Einer Mitteilung
des Herrn Prof. Dr. Furtwängler zufolge, sind auch hier in den vertieften Linien
Farbenreste zu erkennen. Diese Kertscher Funde stammen aus dem V. .Ih. v. Chr.
(abgebildet in Salomon Rein ach, Antiquitds du Bosphore Cimm^irien, Paris 1892,
Pl. 79 et 80).
vieren mit dem Grabstichel darstellen, wie es unsere Graveure oder
Kupferstecher auf Metall auszuüben pflegen. Aber wir hätten wieder zu
fragen, was denn eigentlich die Enkausük, also das Malen mit Wachsfarben
und die Erhitzung , damit zu schaffen hatte. Xur wenn wir un^. die Ver-
tiefungen mit einem scharf geschliffenen Eisen auf kaltem Wege hergestellt
(nachdem vielleicht das Elfenbein durch geeignete Prozeduren erweicht worden
war) , in die so entstandenen V ertiefungen farbiges W achs eingetragen und
mit dem erhitzten anderen Ende desCestrums eingeschmolzen denken,
ist den Forderungen, die an den Begriff einer enkaustischen Technik gestellt
werden müssen, einigermassen Genüge getan.
Viel verlockendes hat es, die Cestrum-Enkaustik auf die Verwendung
gefärbter Wachsschichten beim Schreiben mit dem stilus zurückzuführen.
Dazu dienten bekanntlich mit Wachs überzogene hölzerne oder elfenbeinerne
Täfelchen, auf denen man mit einem Griffel, der an dem einen Ende zugespitzt,
an dem anderen zum Ebnen des Wachses breitgeformt war, die Buchstaben
in das Wachs eingrub. Bei Briefen und Konzepten, die ins Reine zu schreiben
waren, konnte man einzelne Stellen durch Ebnen des Wachses wieder ver-
bessern, indem man mit dem breiten Ende des Griffels das fehlerhafte glatt
drückte ; daher der Ausdruck stilum vertere für verbessern. Die Stelle des
stilus hätte bei der Malerei auf Elfenbein das spitze Oestrum zu vertreten,
und wir könnten uns das Eingravieren der Kontnren vielleicht auf folgende
Art vorst-ellen:
Man überzog die Elfenbeinplatte mit einer gefärbten Wachsschicht, machte
darauf mit dem Oestrum die einzugl’a^'ierenden Umrisse oder Zeichnungen,
welche erst dann, wenn sie vollkommen korrekt auf die Wachsschicht
aufgetragen waren, mit der scharfen Spitze des Instrumentes vertieft wurden,
mit anderen Worten : man machte auf der Wachsschicht eine vorbereitende
Zeichnung , die man vor dem eigentlichen Eingravieren leicht korrigieren
konnte. Nach Hinwegnahme des Wachsüberzuges zeigten sich die Linien
der Zeichnung, und man füllte ihre Tiefen durch Aufträgen von verschieden
gefärbtem Wachs in heissem Zustande aus. Wurde dann das Ueberflüssige
einfach entfernt, so blieben die Striche farbig auf hellem ELfenbeiugrund sichtbar.
Das blanke Elfenbein muss als Lichtton unter allen Umständen stehen ge-
lassen und seine sonstige Färbung nie anders als mit einem dünnen Lasurton
ausgeführt worden sein. Denn es wäre durchaus widersinnig und gegen
jedes Gefühl für richtige Ausnutzung des kostbaren Materials, wenn man
Elfenbein mit dicken Wachsschichten vollständig überzogen und verdeckt
hätte. Wozu dann überhaupt Elfenbein ? Weniger kostbare Unterlagen würden
ebenso genügt haben.
Den Zweck , die Linien und Striche im Elfenbein zu fixieren , hat man
möglicher Weise auch durch ein anderes Verfahren erreicht, indem man etwa
das Plättchen in eine Flüssigkeit tauchte, die Wachs nicht angriff, dagegen
die von diesem entblössten Stellen des Elfenbeins, also die Zeichnung selbst,
erweichte. Dann konnte diese noch leichter mit der Spitze des Oestrums
nachgezogen und nach Entfernung des Wachses in der obigen Weise gefärbt
werden. Oder man färbte die Wachsschicht selbst, so dass das Wachs beim
Wegwischen sich in die Vertiefungen legen konnte. Sollten die Linien z. B.
rot sein, so mochte man eine rote Wachsschicht heiss auf die Elfenbeinplatte
auftragen, bei schwarzen Linien eine schwarze u. s. f.
Diese Ausführungen haben, wie lüer abermalsbetont sei, nur hypothetischen
Charakter und sind bei dem Fehlen sicherer Unterlagen nicht beweisbar.-
aber sie haben den Vorzug, aus der Natur des Materials gefolgert zu sein.
Uebrigens wird diese Elfenbein-Enkaustik in der Malerei der Alten
schwerlich eine grosse Rolle gespielt haben. Mit der Oauterium-Technik hat
sie an künstlerischer Bedeutung sich jedenfalls nicht messen können. Schon
das Miniaturformat wies ihr einen untergeordneten Rang an , und die grosse
Geduld, welche die Technik an sich, die peinliche Sorgfalt, welche die
zierliche Ausführung erforderte, haben, wie es scheint, keine Anziehungs-
15
226 —
Zusammen-
baog mit der
Sobiffsmalerei.
kraft gehabt für talentvolle Künstler, die sich einen Namen machen, wollten.
Wie auch der Name des Instruments an das Sticken erinnert, war es wohl
recht eigentliche Damenarbeit, und in der Tat sehen wir unter allen antiken
Künstlernamen nur einen einzigen in Verbindung mit der Cestrum-Technik,
den der Malerin Jaia aus Kyzikos.
Man könnte Plinius vorwerfen, dass er in seiner Definition der enkausti-
schen Technik ihre drei Arten, wie auf gleicher Stufe stehend, einfach neben
einander gestellt und es unterlassen hat, den Unterschied der künstlerischen
Wichtigkeit auch nur anzudeuten. Aber wir haben darin einen neuen Beweis,
dass es ihm dort nur darauf ankam, die drei Instrumente zu nennen, durch
die sie sich charakterisieren. Und so äusserlich seine Unterscheidung ist,
der unbefangene Leser hat den Eindruck, dass er alle drei Arten zur Kunst-
malerei gerechnet haben muss , auch die dritte Art , die enkaustische Pinsel-
technik, zu der wir jetzt übergehen.
c) Pinsel-Technik.
Als dritte Art der Technik kam in der enkaustisohen Malerei der Ge-
brauch des Pinsels hinzu, als „man anfing, die Schiffe zu bemalen“; bis da-
hin hatte es nur die beiden alten Arten gegeben. Dies ist der Sinn der
Worte des Plinius. Indem er nicht tingui , sondern pingi sagt und den Be-
ginn der Schiffs malerei später ansetzt als die Erfindung der älteren Enkaustik,
bekundet er so deutlich wie möglich , dass er nicht den uralten handwerks-
mässigen Schiffsanstrich gemeint hat, der nur darauf berechnet war, die Schiffs-
wände vor den zerstörenden Einwirkungen des Meerwassers zu schützen.
Dieser bestand in einer Grundierung mit Pech und Teer und darauffolgendem
Ueberstreichen mit einer gäJfff'a genannten flüssigen Wachsmischung, die mit
dem Pinsel aufgetragen wurde (s. Blümner IV S. 454). Es wurden auch
Farben beigemischt; bei Homer erscheinen ausser den bekannten schwarzen
auch „rotwangige“ (mit Mennigrot angestrichene) Schiffe. Die Hinzufügung
von Ornamenten und Figuren als Abzeichen wie als Schmuck war ein nahe-
liegender Fortschritt, und auch dieser ist älter, als es nach Plinius’ Worten
scheinen könnte. Eine am Bord sich langhinstreckende Schlange wird schon
vom Dichter Hipponax (um 550 v. Ghr.), also fast 100 Jahre vor Polygnotos,
600 Jahre vor Plinius erwähnt; Augen als Schmuck vorn am Bug, ein Delphin
über dem Kiel sind auf Vasenbildern und Reliefs erhalten. Sogar ihren
Namen haben die Maler manchmal beigeschrieben ^®) und Protogenes, der
ebenbürtige Rivale des Apelles, der bis zu seinem 50. Lebensjahre mit dem
Bemalen von Schiffen sich sein Brot verdiente, ist sicher nicht als blosser
Anstreicher, sondern als Dekorationsmaler im vollen Sinne des Wortes tätig
gewesen. Er ist dabei zum Bewusstsein seines hervorragenden Talentes ge-
kommen und zur hohen Kunst übergegangen, in der er dann als Tempera-
maler es den Grössten gleichtat, ähnlich wie in neuerer Zeit berühmte Künstler
zuerst Stubenmaler gewesen sind. Ein anderer, der ebenfalls von der Schiffs-
malerei herkam, der Macedonier Herakleides, ist seiner altgewohnten Technik
treu geblieben und hat sich in Athen (nach 168 v. Chr.) unter den namhaften
Vertretern der Enkaustik einen Platz erworben.
Ursprünglich beschränkte sich die Bemalung auf Kriegsschiffe ; später,
als das Luxusbedürfnis grösser geworden war , ging sie auch auf Lastschifi'e
und Lustfahrzeuge über , und die überaus kostbaren Malereien , von denen
die Beschreibungen gewisser Prachtschiffe '^‘) sprechen, begünstigen die An-
Vgl. Blümner IV p. 454, wo die bezüglichen Quellen angeführt sind
(Athenaeus V, 204 ff.; Seneca, epist. 76, 13; Val. Fl. I, 130 u. a.).
^‘) Kallixenos bei Athenaeus V, 37—39 beschreibt zwei solche Frachtschiffe des
Königs Ptolemaeos Philopator (um 220 v. Ohr.) und Moscbion ebd. 40—44 ein noch
grösseres und kostbareres des Königs Hieron, der um dieselbe Zeit in Syrakus regierte.
Alle drei waren schwimmende Paläste, mit allem erdenklichen Komfort auf das
luxuriöseste ausgestattet. Von dem ersten heisst es, dass es am Vorder- und am
227
nähme, dass dieser Zweig der Dekorationsmalerei der sog. Kunstmalerei sehr
nahe stand, wie denn überhaupt Kunst und Handwerk im Altertum nicht durch
eine weite Kluft geschieden waren und technisch die eine von der anderen
Vorteil gezogen naben wird. Es würde auch eine unglaubliche Ver-
blendung gewesen sein und bei dem engen Zusammenhang der Kunsttätigkeiten
aller sonstigen Erfahrung widersprechen , hätten die Enkausten sich nicht
die technischen Vorzüge der fortgeschrittenen Schiffstnalerei zu Nutze machen
wollen, die der Hauptsache nach mit denselben Materialien zu arbeiten hatte.
Dass es gerade die Schiffsmalor gewesen sind, die zuerst den Gebrauch
des Pinsels in die Wachsfarbenmalerei einführten, ist sehr natürlich. Den
Antrieb dazu mussten sie von der Schwierigkeit empfangen, die umständlichen,
viel Aufmerksamkeit, Mühe und Zeit erfordernden Manipulationen mit den
Cauterien an den in der Werft aufrecht stehenden Schiffswänden vorzunehmen;
vielleicht war es überhaupt nicht möglich, auf diese Weise die Wachsfarben
so, wie es nötig war, aufzutragen, und andere als Wachsfarben konnten es
^ nicht sein , wenn sie gegen Seewasser und Stürme widerstandsfähig bleiben
sollten. Und andererseits kam ihnen die lange Erfahrung beim Hantieren
mit Wachs, Harz und verwandten Stoffen bei den Versuchen zu statten, die
Wachsfarben für einige Zeit so flüssig zu erhalten, dass sie mit dem Pinsel
sich verstreichen Hessen. Sobald dies gelungen war, erfuhr die Technik eine
willkommene Vereinfachung; es Hessen sich nicht bloss leichter und bequemer
künstlerische Wirkungen erreichen, sondern auch grössere Flächen schneller
mit Farbe bedecken, was bei den Schiffsdekorationen besonders wichtig war,
die ohne feinere Ausführung der Details in die Ferne wirken sollten. Diese
augenfällige Ueberlegenheit musste die Enkausten zur Nachahmung der
Neuerung reizen, die das Feld ihrer Betätigung erweiterte, und dass sie damit
nicht lange gezögert haben, beweist die früher (S. 56) erwähnte Tatsache,
dass schon Pausias und Nikias auch „grandes tabulas“ in enkaustischer Art
gemalt haben. Hiernach muss die Annahme des Pinselgebrauchs, also das
Aufkommen der dritten Art der enkaustischen Technik, noch der klassischen,
nicht erst der hellenistischen Zeit angehören.
Ob das koloristische Aussehen solcher nur mit dem Pinsel aus heiss-
flüssigen Wachsfarben hergestellter Bilder ganz dasselbe gewesen ist wie bei
den Werken der alten Cauteriumenkaustik , können wir nicht mehr wissen.
Den gewöhnlichen Temperagemälden waren sie an Kraft der Farbe und
plastischer Herausarbeituug der Formen jedenfalls weit überlegen; es genügt
dafür an die Beschreibung zu erinnern , die Plinius von dem berühmten
„Stieropfer“ des Pausias gegeben hat. Man darf demnach sagen: seit der
Einführung jener dritten Art ist die künstlerische Enkaustik bei fortschreitender
Verbesserung des Verfahrens immer mehr befähigt worden, eine Dienerin
der Kunst hohen Stiles zu sein.*^)
Es bleibt noch die Frage zu beantworten, welche Ingredienzien die
Alten angewandt haben, um die Wachsfarben hinreichend lange in dem heiss-
flüssigen Zustande zu erhalten,
Plinius selbst lässt uns hier mit dem nackten resolutis igni ceris völlig
im Stich. Die bekannte Stelle über die Ganosis, die als analog herangezogen
werden kann (XXXIII, 122 cera punica cum oleo Hquefacta candens saetis in-
ducatur) , erwähnt wenigstens das Gel. In der zopissa genannten Mischung
erscheint pix (Pech oder Teer) zusammen mit Gel, und Beigaben von Harz
Hinterteil Figuren (Swa) von nicht weniger als 10 Ellen Höhe hatte und dass „jede
Stelle desselben durch Wachsmalerei farbig verziert war“ (v-al näj löTCog auxvjs
■-tYjpoypacpiqc xaTsusnolvciXxo), von dem dritten, dass „das ganze Schiff mit angemessenen
Gemälden reich geschmückt war“ (tj 5s va'3; n&aa, oixsiaig ypacpats STtsuovrjxol.
^*) Von nun an hatte also die Benennung der Temperamaler als „Pinselmaler“
zum Unterschied von Enkausten keine sachliche Berechtigung mehr. Sollte es damit
Zusammenhängen, dass Plinius bei den primis proximi, den non ignobiles und den
mulieres (XXXV, 138—148) es aufgegeben hat, jene Unterscheidung noch weiter
durchzuführen ?
15*
Einfluss aut
die Enkausten
Mischungen
von Wachs
mit Oül.
228
Harzbeigaben.
zum Wachs sind auch in der chemischen Analyse von Ohevreul nachgewiesen.
Endlich das Bekanntsein der Lösung von Harzen in Oel bestätigt Plinius
XIV, 123; resina omnis dissolvitur oleo. Wir werden daher nicht fehlgehen,
wenn wir eine heissfiüssige Mischung von Wachs, OeL und Harz nicht nur
als den Alten bekannt voraussetzen, sondern als das wahrscheinliche Binde-
mittel bei den Pinselenkausten betrachten. Alle neueren technischen Versuche,
wie die von Oaylus, von Requeno u. a., zuletzt von Böcklin, fussten auf der-
selben Annahme.*®)
Durchmustern wir die umfangreiche Liste der von Plinius XV , 24 — 32
und XXIII, 79 — 96 aufgezählten Oele, so finden wir XXIU, 88 das trocknende
Nuss öl (caryinum), von dem er zwar nicht angibt, ob es auch zu anderen
als medizinischen Zwecken gebraucht wurde, aber wir wissen aus späterer
Zeit durch den Arzt Aetius, dass gerade dieses Oel, „wegen seiner
trocknenden Eigenschaft von den Enkausten und Vergoldern ge-
braucht wurde (s. das Kapitel: Ende der Wachsmalerei). Ausser diesem
Oel und dem gewöhnlichen Olivenöl nennt Plinius: Mandelöl (amygdalinum) ,
Cedernäpfelöl (cedrinum), Sesamöl (sesaminura), Ricinusöl (cicinum) und manche
andere aus Früchten und Samen gepresste, wie oenanthinum, gleucinum,
chortinum , Cnidinum , Selgiticum , elaeomeli , sowie den amurca genannten
Bodensatz. Dioskorides I, 95 gibt eine gleichgrosse Menge von Oelen, meist
dieselben, an. Beide zählen das Ricinusöl unter den ägyptischen Oelen
auf, ulid gerade dieses, das trocknende Eigenschaft hat, erwähnt Aetius als
Vorläufer des Leinsamenöles, das an Stelle des ersteren eingeführt werde (s.
weiter unten). So häufen sich die litterarischen Nachweise von dem Gebrauche
der trocknenden Oele immer mehr in den ersten Jahrhunderten n. Ohr.,
und es wird erlaubt sein, für die Pinsel-Enkaustik der früheren Zeit aus diesen
späteren Daten einen Rückschluss zu machen.
Ebenso nötig, wie das Oel zum längeren Plüssigerhalten der Wachs-
masse, war die Beigabe von Harz zur Erzielung grösserer innerer Festig-
keit des Farbenkörpers. Der Einwand, dass solche Mischungen zu technischen
Zwecken den Alten noch nicht bekannt gewesen , ist’ unhaltbar. Schon die
Aegypter kannten Firnisüberzüge auf Mumiensärgen. Zur Fabrikation
von Salben und Schminken und zu anderen Zwecken wurden Harze, wie
Sandarao, Mastix, Pinien- und Tannenharz, Weihrauch und Myrrhe, ferner
die Gummiharze (Galban, Storax, Aloe u. a.) und die Balsame oder Weich-
harze (Elemi, Chiosbalsam, Lärchenterpentin) aus Arabien, Indien und den
kleinasiatischen Inseln in grosser Menge der griechisch-römischen Welt zu-
geführt, und ihre Lösung in Oelen bezeugt die erwähnte Stelle des Plinius
ausdrücklich. Was die Maltechnik betrifft, so bezweifelt Donner Wandmal.
S. 107 zwar überhaupt, dass dazu in Oel gelöste Harze verwendet worden
seien, und er lässt derartige Mischungen höchstens geeignet sein zu Holzan-
^®) Da das Erhitzen der Mischung bei der Enkaustik das charakteristische Er-
fordernis ist, so ist eine Erörterung der Frage, ob den Alten die ätherischen Oele
bekannt gewesen, an dieser Stelle überflüssig. Bei ihrer Anwendung wäre es nicht
mehr nötig gewesen, das Wachs in warmem Zustande zu verarbeiten. Die Vertreter
dieser Ansicht stützen sich vor allem’ auf eine von Plinius beschriebene recht schwer-
fällige Art yon Teerschwelerei, wobei über den mit Pech gefüllten Bottichen Lamm-
felle aufgehängt waren , an denen die Dämpfe sich kondensierten und die nachher
ausgepresst wurden (XV, 31: e pice fit quod piss in um (oleum) appellant, cum
coquitur, velleribus supra halitum eius expansis atque ita expressis. Probatum maxime
e Bruttia (pice); est enim pinguissima et resinosissima. Color oleo fulvus. Vgl. auch
Diosc. I, 95). Das so gewonnene Harzöl ist sehr fettig und harzig, von dunkelbrauner
Farbe. Zum Verdünnen des Wachses und als Anreibemittel für Farbstoffe würde es
kaum zu gebrauchen sein ; im Gegenteil, es bedürfte selbst noch eines Verdünnungs-
mittels, um gebrauchsfähig zu werden. Auch an Terpe ntinöl ist nicht zu denken;
die älteste Anweisung zu dessen Destillation aus dem Terpentinharz findet sich erst
bei Marcus Graecus, Liber ignium ad comburendos hostes (8. Jhdt.); s. m. Boitr.
Mittelalter S. 147 Anm. 6. Aus dem entgegengesetzten Grunde ist jeder Gedanke
an Naphtha abzuweisen, das nach Plinius wegen seiner Feuergefährlichkeit über-
haupt von jeder praktischen Verwendung ausgeschlossen war (XXXV, 179: eius
ardens natura et ignium cognata procul ab omni usu abest. Vgl. auch II, 235).
229
strichen, als eiii& Art Schutz gegen Fäulnis, zum Auspichen von Fässern u. dgl.,
aber er muss doch selbst anerkennen, dass „die Alten so viele Mischungen
von Wachs und Oel, von Harzen und Oel, von Pech und Oel machten, deren
Plinius erwähnt“. Solche Mischungen aber, die allesamt der Wärme be-
dürfen, um zustande zu kommen, sind gerade für die Pinsel-Enkaustik im
höchsten Grade brauchbar!
Dass in Pompeji bei dem Farbenfunde in der Strada di Stabiae
wohl Harze, aber, wie überhaupt dort nur sehr selten, kein Wachs gefunden
worden, ist von keinem Belang, denn man hat dort auch keine enkaustisohen
Gemälde (Tafelbilder) gefunden, weil solche von der glühendheissen Asche
mitsamt der Unterlage sofort vernichtet worden oder in dem mehr als
1800 jährigen feuchten Grabe schon längst dem Moder zum Opfer gefallen
sind. Die gefundenen Farben und Harze aber waren widerstandsfähiger,
weil sie überdies in ungebrauchtem Zustande waren. In dem genannten
Laden fanden sich, ausser allerlei weissen Kreiden und Erdfarben verschiedener
Nüanzen, auch der im Altertum so geschätzte rosa Purpur in grösserer Menge,
die künstlichen Blau (Armenium) und Grün, herrliche Gelb (arsenicum?) und
violetter Purpur, daneben auch Asphalt, Pech und andere dem Mastix ähn-
lich scheinende Harze. '*^) Im Zusammenhang betrachtet ergibt sich, dass die
gefundenen Objekte einer Materialienhandlung angehört haben müssen, aber
nicht einer Anstreicherwerkstätte, die zum konservierenden Holzanstrich oder
zum Auspichen von Weinfässern Mischungen mit Asphalt und Harzen ge-
brauchte. Zu so vulgärer Verw'endung würden die kostbaren Purpurfarben,
Blau, Kupfergrün und Gelb ganz gewiss nicht nötig gewesen sein. —
Trotz dieser Neuerung, als welche die Pinselenkaustik sich darstellt, ist
die alte Cauteriumtechnik , wie die Ueberreste griechischer Kunst aus den
Mumiengräbern als beredte Zeugen der späteren Zeit beweisen , noch lange
in Uebung geblieben, mindestens über die Zeit des Plinius hinaus. Sie muss
also doch noch gewisse Vorzüge behnlten haben, auf die man nicht ver-
zichten mochte; es kann auch sein, dass der archaisierende Geschmack
mancher Kunstliebhaber dazu beigetragon hat, sie nicht völlig verdrängen
zu lassen. Wohl aber ist man in hellenistischer Zeit auf den Gedanken ge-
kommen, sie mit der Pinseltechnik zu kombinieren, indem man die
Hintergründe und solche Partien, für die eine flotte Behandlung sich eignete,
manchmal auch die gesamte Untermalung, die allgemeine farbige Anlage mit
dem Pinsel ausführte und darauf die feinere Ausarbeitung mit dem Cauterium
folgen Hess, um durch pastoseren Farbenauftrag noch grössere Wirkung her-
vorzubringen. Gerade die besten, durch realistische Kraft am meisten aus-
gezeichneten unter den Mumienbildnissen lassen eine Kombination der beiden
verschiedenen Verfahren erkennen. Und diese Neuerung muss schon ziemlich
früh versucht worden sein , wenn der Ansatz von Ebers richtig ist , der die
Ueber den Fund von Harz und Pech in dem Laden Nr. 47, 48 und 49 in der
Strada di Stabiae s. F'iorelli, Pomp, antiquit. Historia sub 12., 13., 16. Agosto;
1851. p. 506 ff. : „12. Agosto (unter verschiedenen Bronze- und Tongefässen, Gewichten
und Farben): Asfalto. 13. Agosto (in dem anschliessenden Laden): „Pece nel
fondo di una anfora rotta. Un gran pezzo di asfalto. Sostanza in cui entra in gran
partelapece. Lin masso grande di terra gialla, che sembra mescolata con gomma
mastice, e che era contenuta nel fonto di un vaso rotto in piü pezzi. Un pezzo
digommamasticein massa.“ ,,16. Agosto (an derselben Stelle unter verschiedenen
Farben) : Sostanza in cui entra in gran parte 1 a p ee e. De pezzi digommamastice
in massa.“
„13. Febbraio 1852 (im Schutt des rechts an die „bottega“ anschliessenden
Raumes der Strada delle Sonatrici) : Terracotta: Una tazza con vernice rossa, rotta
nel giro, di diametro 53c, alta 26c. Altio pure con vernice rossa, di diametro
4 dec., alta 25c. Un piatto parimente con vernice rossa, rotto appena nel labbro
di diametro 62c. Altro pure convernice rossa e rotto nel labbjo, di diametro 56c. “•
„21. Giugno (bei den Ausbesserungsarbeiten wurden noch gefunden): Un piatto
con vernice rossa, rotto in un parte del contorno, di diametro 63c. Una tazzolina
con vernice nerastra, di diametro 25c.“
Vgl. auch Eintrag vom 31. Gennaio 1852: „Unvasettiuo con v e rnice r o ss a
di diametro nella bocca 27c. Altro in tutlo simile al descritto.“
Kombinierte
Technik der
Bnkausten.
230
ältesten Stücke der Grafschen Porträtgalerie der Ptolemäerzeit, also den
ersten Jahrhunderten der hellenistischen Periode, zuweist. Zugleich scheint
es auch in der reinen Pinselenkaustik nicht an Veränderungen gefehlt zu
haben , wie dass man bei Bildnissen , die in kurzer Zeit fertig sein mussten,
durch reichlicheren Zusatz von trocknenden Gelen die Farbe noch flüssiger
machte, um leichteres und schnelleres Arbeiten zu ermöglichen; wenigstens
erklärt sich so am natürlichsten das starke Nachdunkeln der Farbe, das wir
an einigen Stücken zu bemerken hatten.
BntwIcWung ergibt sich bei einem Rückblick die Tatsache , dass in der jahr-
der Wachs- hundertelangen Ausübung der enkaustischen Technik, wie es dem natürlichen
malere'- Laufe der Dinge entspricht, kein Stillstand, sondern eine stete Weiterent-
wickelung stattgefunden hat. Eine Methode macht den Anfang, andere neue
kommen hinzu. Ihrer Erfindung nach fo^lgen sie aufeinander, aber sie lösen
sich nicht in der Weise ab, d-ass die eine veraltet und aufhört, wenn die
andere in Aufnahme kommt, sondern alle bestehen noch längere Zeit neben
einander fort und führen endlich zu einer Mannigfaltigkeit und Freiheit
in der Behandlung der technischen Mittel, welche die Leichtigkeit der
Arbeit wie die künstlerische Ausdrucksfähigkeit zu steigern geeignet ist. Es
kommt zu einer Art Eklektizismus, dem die Ueberlieferung nicht mehr als
unverbrüchliche Regel gilt; er versucht sich in Variationen durch die Ver-
mischung sonst getrennter und selbständiger Verfahren, um die besonderen
Vorzüge jedes einzelnen sich gleichzeitig dienstbar zu machen, oder bevorzugt
je nach dem Bedürfnis seiner Aufgabe bald dieses, bald jenes Verfahren.
Chronologisch genau lassen sich die Stationen dieses Entwickelungsganges
I nicht bestimmen ; auch die Alten haben dies nicht gekonnt und uns nur un-
bestimmte Andeutungen hinterlassen ; aber die noch erkennbaren Unterschiede
zwischen Früher und Später müssen wir uns immer gegenwärtig halten,
wenn wir ein richtigeres Bild von der antiken Enkaustik bekommen wollen,
als es bisher der Fall war, da man den Fehler beging, lediglich eine einzige
Zeit, die klassische Zeit der griechischen Malerei, ins Auge zu fassen und
die geschichtliche Entwickelung zu wenig zu beachten.
5. Ende der Enkaustik und der Wachsmalerei des Altertums.
CTmständlich-
keitr der en-
kaustiechen
Teohnik.
(Der Fund von Her ne-St. Hubert.)
So lange sich auch die yerschiedenen Arten der Wachsmalerei, die der
Enkaustik und die Wachsterapera, in Ansehen und Gebrauch erhalten haben —
und dieser Zeitraum umfasst zum mindesten sieben Jahrhunderte, — es ist
doch endlich eine Zeit gekommen, da beide vollständig verloren gegangen
sind. Wie ist das möglich geworden? Wo sind ihre letzten Ausläufer zu
suchen?
Da man das Aufgeben einer ausgebildeten und hochgeschätzten Technik
sich natürlicher Weise nur dadurch erklären kann, dass eine neue Technik
zur Herrschaft gelangte, welche die alte völlig zu ersetzen imstande ist, so
drängt sich die Vermutung auf, dass sich aus der Enkaustik in direktem
technischen Zusammenhang die bevorzugteste Technik der späteren
Zeiten, die Oelmalerei, entwickelt haben mag. Die enkaustischen Maler
mussten die Notwendigkeit, die Wachsfarben stets warm zu halten,
als lästig empfinden; kein Wunder, wenn sie versucht haben, ihre Farben
durch vergrö sserten Zusatz von Gel länger flüssig zu erhalten. Sie ver-
ringerten allmählich die Menge des Wachses, bis sie schliesslich zur voll-
ständigen Weglassung desselben gelangten, und vermehrten statt dessen die
anderen Beigaben; aber dieses Verfahren allein genügte noch nicht, schon
frühzeitig den Uebergang zur Harzölmalerei herbeizuführen, wie sie später
bei den Byzantinern gebräuchlich war. Dazu gehörte vor allem die allge-
mein verbreiteteKenntnis der trocknenden Gele und ihrer Eigenschaften.
231
So spärlich mm auch die Quellen über die Technik der Malerei in der
Zeit nach Plinius fliessen, so gibt es doch ein ganz bestimmtes Zeugnis, das
jene Voraussetzungen im vollen Umfange bestätigt. Der Arzt Aetius schreibt
nämlich Mitte des 6. Jhts. über das auch von Plinius XXIII, 88 erwähnte
trocknende Nussöl:
„Das Nussöl wird ähnlich wie das Mandelöl bereitet, indem man die
Nüsse zerstampft und auspresst oder nach dem Zerstampfen in heisses Wasser
wirft. Es dient auch zu denselben praktischen Zwecken und hat ausserde m
die besonder e Eigenschaft, den Vergoldern und Enkausten nützlich
zu sein. Denn es trocknet und macht die Vergoldungen und en-
kaustischen Malereien auf lange Zeit fest und erhält sie.“
An derselben Stelle wird auch schon das bekannteste trocknende Oel
späterer Zeit, nämlich das Leinöl beschrieben.^®)
Die trocknende Eigenschaft ist es demnach, welche das Nussöl für
Vergolder und Enkausten wertvoll machte, denn nach und nach musste diesen
durch die praktische Erfahrung die Erkenntnis kommen, dass sowohl das Wachs
als auch dessen heisse Anwendung durch das trocknende Oel entbehrlich ge-
macht werde. Damit fände also das spurlose Verschwinden der En-
kaustik seine natürliche Erklärung. Sie ist in die spätere byzan-
tinische Oel- Harzmalerei nach und nach über- und zuletzt darin
untergegangen. Die einfachere Technik hat die kompliziertere verdrängt,
was immer der Pall sein wird, sobald gleiche Resultate zu erzielen sind.
Dass schon gleichzeitig mit der noch geübten Enkaustik die neue
Technik aufkam, darauf führen uns, wie schon gesagt, die auffallenden
Unterschiede gewisser Mumienporträts späterer Zeit, die weder mit den
enkaustischen noch mit den in Tempera oder Wachstempera gemalten irgend
eine Aehnlichkeit haben, weil sie, obwohl ganz und gar mit dem Pinsel, aber
nicht mit Wasserfarben gemalt, so stark nachgedunkelt und unansehnlich ge-
worden sind, dass man nur dem allzu reichlichen Gebrauch nachdunkelnder
Oele die Schuld beimessen kann. Ausserdem bestätigen es die Schlüsse,
welche ein erst vor kurzem gemachter Parbenfund in einem römischen
Grabe aus dem Ende des 3. oder dem Anfang des 4. Jhts. gestattet.
Im Mai 1898 wurden bei Herne-St. Hubert in Belgien (Provinz Limburg),
in der Nähe des am nördlichsten gelegenen römischen Castells Aduatuca
(jetzt Tongres) in einem Turnulus nebst zahlreichen Objekten des Totenkultes
(Urnen, Weinkrügen, Schüsseln, Lampen, Waffen und den Abzeichen eines
höheren Beamten : Phaleren) zahlreiche Parbenreste und für Malzwecke
geeignetes Hand werkszeug gefunden.^®) Die Parben bestanden in einer
grossen Zahl (über 100, Stück) kleiner Würfel (1,3cm breit und lang,
1 cm hoch) (s. Abb. 49), die in ganz verwitterten, mit Zwischenteilungen
versehenen Holzkästchen aufbewahrt waren; darunter mehrere Arten von
Rot, Gelb, verschiedene Schwarz, Blau, Grün und Grau. Diese sowie einige
grössere Parbenstücke in Plattenform liessen sich im Moment der
Ausgrabung wie Butter schneiden. Auch weisse Parbe fand sich, die an-
Aetiu8 Uber
INussöl.
Bekannt-
worden trock-
nender Oele.
Der Parben-
fund von
Herne-St.
Hubert.
1. Aetii Amideni libror. medicinal. sc. gr. Venezia 1534 L. I voce E.
In der latein. Uebersetzung vonCornarius (Lugduni 1549) lautet die Stelle:
„Nucis oleum similiter ut amygdalinum praeparatur, nucibus aut tusis et ex-
pressis, aut post contusionem in aquam ferventem couiectis. Commodum est in
eosdem quoque usus. Insuper hoc privatim habet, quod inaurantibus aut in-
urentibus conducit. Siccat enim et ad multum tempus inaurationes et
inustiones continet et adservat.“
Ferner: „Oleum seminis lini. Sed et ex lini semine oleum praeparatur
quo modo praedictum est, et usus eius iam est pro cicino; nam cicinura non amplius
affertur, sed hoc pro ipso afferunt. “
Ueber den Gebrauch des Ricinusöles zum Ueberstreichen von Malereien an
Stelle von Firnis vgl. Mappae clavicula cap. CIX ; m. Beitr. III p. 25.
‘®) Vgl. Tongres et ses Environs pendant l’occupation romaine et franque, par
Fr. Huybrigts, Secretaire general du XV Congres de la Federation Archeologique
et Historique de Beligique, Tongres 1901 p. 45 ff.
232
scheinend durch Zersetzung von Bleistücken entstanden war (Bleiweiss).
Des weiteren wurden in einem Bronze-Kästchen eingeschlossen etwa 20
Bronzetiegel von 5,5 cm Höhe und 3 cm Durchmesser zu Tage gefördert,
die mit Farben verschiedener Art, wie Dunkelrot, Zinnober, Ocker, Schwarz,
Abbild. 49. Farbenwürfol und Stücke des Fundes von Herne-St. Hubert in Belgien.
und Mischungen von dunkler Farbe gefüllt waren (Abb. 50), In nächster
Nähe des Kästchens mit den erwähnten Farben fand sich ein eisernes
Etui mit Pinseln (Abb. 51). Die Holzstiele dieser Pinsel waren sozusagen
Abbild. 60. Bronzetiegel mit Farben des Fundes von Heme-St. Hubert.
233
petrifiziert; man konnte aber bei genauerem Betrachten noch die Stellen unter-
scheiden, wo die Pinselhaare befestigt gewesen sind.
Von anderen zum Handwerkszeug des Malers gehörigen Objekten sind
zu erwähnen; einige Instrumente in der Art des Stilus, ein langgestieltes
LüffelChen aus Bronze, eine Platte von grauem Marmor (ähnlich der
des Fundes von St. Mödard) und zwei eigentümlich geformte Zirkel aus
stark oxydiertem Metall.
Abbild. 51. Pinsel des Fundes von Herne-8t. Hubert.
Durch diesen Farbenfund ist die Frage nach dem Bindemittel, mit dem
die spätrömischen Maler gemalt haben, wieder lebhaft angeregt worden , und
der glückliche Finder, Hr. Frangois Huybrigts, hat auch bald darauf
einige chemische Analysen an der Universität zu Lüttich machen lassen.
Unter den untersuchten Farben waren Ockerarten (gelb, rot), Zinnober, Umbra,
Schwarz und Mischungen dieser Farben, dann Bleiweiss, Indigo u. a. , also
die allgemein bekannten Pigmente der Alten. Aber das merkwürdigste ist
das Resultat der chemischen Analyse der Bindemittel, welche ohne
Untersuchung
des Binde-
mittels.
234
Bin römischer
üelmaler?
Chemische
Analyse von
G. Büchner.
Hoch-
üxydierte
Fettsäuren des
wachs-
ähnlichen
Bindemittels.
Zweifel durch den Nachweis von hochoxydierten Fettsäuren auf ein ur-
sprünglich vorhandenes Oel als Parbenbindeinittel schliessen lassen.
Die Analyse in Lüttich konstatierte auch noch das Vorhandensein von Harz.
Wachs als solches , das Chevreul in dem Funde von St. Medard mit
grosser Sicherheit und in wenig verändertem Zustande nachgewiesen hat,
konnte in den Farben von Herne-St. Hubert nicht festgestellt werden , auch
kein Alkali, das auf ein verseiftes Wachs schliessen Hesse. Wir müssten dem-
nach annehmen, dass eine Art von Oel- oder Oel-Harzmalerei von dem
römischen Maler von Herne-St. Hubert angewendet worden sei.
Die gegen einen so frühzeitigen Gebrauch des Oeles als Bindemittel
erhobenen Einwände , dass die Anwesenheit der Oelsäuren von anderen
Bindemitteln , z. B. vom Ei (das Eieröl enthält) , herrühren könnten , wurden
von chemischer Seite bestritten, weil die Zersetzungsprodukte des Eies andre
Reaktionen gezeigt haben würden.
‘Nehmen wir vorerst die Richtigkeit der obigen chemischen Analyse als
feststehend an und vergleichen wir die Objekte des Fundes von St. Mödard
mit denen des Fundes von Herne-St. Hubert , so zeigt sich vor allem ein
einschneidender Unterschied. Die Utensilien von St. Mödard und die von
Herne-St. Hubert haben, die Marmorplatte ausgenommen, gar keine Aehnlich-
keit; den zwei Pinselstielen dort steht eine ganze Reihe von Pinseln hier
gegenüber. Dass aber gerade alle die auf eine spezifische Enkaustik
deutenden Utensilien von St. Mödard (die zwei Cauterien, der Wärmapparat,
der Mörser mit Ausguss, Farbenbrocken in der Form der Gefässe oder
coi^chae, Wachs in grösserer Menge u. a.) hier fehlen, das genügt, um
auf eine andere Technik, mindestens nicht auf Cauteriumtechnik früherer
Zeit, schliessen zu lassen. Der Maler (oder die Malerin) von St. Medard ist
älter als der Maler von St. Hubert, denn des letzteren Technik zeigt ein
Stadium späterer Entwickelung, nämlich ein Uebergangsstadium von der
Enkaustik zur byzantinischen Oel oder Oel-Harzmalerei.
Diesen Standpunkt hatten die Referenten über die Frage der antiken
Maltechnik eingenommen auf dem Gongres historique et archeologique zu
Tongres (August 1901), wo der Fund von Herne-St. Hubert Gegenstand des
allergrössten Interesses war. ‘‘®)
Trotzdem dass die chemischen Analysen unsere schon durch das Zeugnis
des Aetius hervorgerufene Ansicht von dem Aufgehen der Enkaustik in eine
spätere Technik vollauf zu bestätigen schienen, hat Hr. Pr. Huybrigts auf
meine Veranlassung der Vornahme einer zweiten und viel eingehenderen
chemischen Analyse zugestimmt, bei der fast der vierte Teil der Parbenwürfel
und andere Parbenreste der Erforschung der Natur des Bindemittels ge-
opfert wurden. Diese Untersuchung ist von dem speziell auf dem Gebiete der
Wachsuntersuchung wohlbewanderten Münchner Chemiker Herrn Georg
Büchner in dessen Laboratorium ausgeführt worden (s. Anhang III).
Wenn auch die Münchner Untersuchung die Resultate der nur mit ganz ge-
ringen Quantitäten ausgeführten Analysen des Herrn Schoofs in Lüttich der
Hauptsache nach bestätigt hat-, so gestattet sie doch eine Modifikation der
oben ausgesprochenen Ansicht.
Während die Lütticher Analyse nur die Möglichkeit eines ursprünglich vor-
handenen Oeles als Bindemittel zuliess, lässt die Münchner es un entschied en,
ob die nachgewiesenen hochoxydierten Fettsäuren von einem Oel, von Fett
oder von Wachs herrühren; auch Ge misch e von Oel und Wachs würden
dieselben Stadien der Oxydation im Laufe der Jahrhunderte durchgemacht
haben. Die Zersetzung von Oelen, Fetten und Wachs und die Abspaltung
Die Analysen sind angestellt von F. Schoofs an der Universität zu Lüt tich
und von G. Büchner, Chemiker in München, vgl. Anhang 111.
^*) 8. m. Bericht inCompterendu du Gongres Archeologique et Historique
de Beligique ä Tongres 1901, puhlie par Franqois Huybrigts, Tongres 1902
p. 134 f.
235
ihrer Oxydationsprodukte schreitet in gleicher Weise vor , wie bei den ähn-
lichen chemischen Verbindungen von Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff,
aus denen die obigen Materien bestehen. Endlich bleiben nur diejenigen Ver-
bindungen zurück, welche diesen organischen Materien gemeinsam sind,
und aus diesem Grunde ist es nach so langer Zeit so überaus schwer auf
die Ursprungsform der gefundenen wachsähnlichen Materie des Binde-
mittels zurückzuschliessen. Denken wir uns vergleichsweise ein antikes
Mauerwerk, das nach Jahrhunderten ausgegraben wird, so haben wir auch
nur noch die Reste eines Gebäudes vor uns , von dem zuerst die äusseren
Schichten, die Bemalung, dann der Untergrund und schliesslich der Möftel-
putz bis auf die Steine abgefallen sind. Es ist dann nur der blosse Mauer-
stein übrig, aus dem kaum auf das Aussehen des vollendeten Gebäudes ge-
schlossen werden könnte, es sei denn, dass andere Umstände zu weiteren
Schlüssen einen Anhalt bieten.
Solche andere Umstände sind auch in diesem Falle der Anlass zur
Modifikation meiner anfänglichen Ansicht. Herrn Büchner war es bei seiner
Untersuchung in erster Linie um die Feststellung des Bindemittels zu tun, und
er fand, dass in den aus den Bronzetiegeln entnommenen Farben (s. unter
Nr. 1) nuräusserst geringe Mengen von organischer Substanz vorhanden
waren, während in den Farben würfelchen das Bindemittel fast lO®/o der Masse
betrug. Die Farben in den Bronzetiegeln waren demnach nicht mit dem
vermeintlichen Bindemittel versetzt, die Tiegel sind also nicht als die Gre-
fässe zu betrachten, aus denen heraus der Maler mit den Pinseln malte (wie
es wohl jeder als wahrscheinlich angenommen hätte) ; dagegen enthielten die
Farbenwürfelchen so viel Bindemittel, dass nach so langer Zeit des
Oxydationsprozesses noch fast der zehnte Teil der Farbenmasse als
Bindemittel getrennt werden konnte. Die Erklärung dieses Umstandes
hat uns in wiederholtem Meinungsaustausch beschäftigt, und Hr. Büchner ent-
schied sich endlich dahin, dass die Farben in den Bronzeti egeln nicht
zum Malen gedient haben könnten, sondern dass sie darin nur (durch Brennen)
gereinigt oder, wie bei den Ockern, durch Glühen in Oxyde verwandelt werden
sollten. Dafür spräche erstens die Abwesenheit eines Bindemittels und die
völlig zusammengebackene Oberfläche der Masse in den Tiegeln, die nur
mit grösster Anstrengung vom Tiegelrando getrennt werden konnte. Wäre
aber, wie ich mit Herrn Huybrigts früher annahm, das Bindemittel einfach
durch die Schwere der Farben an die Oberfläche gelangt, so müsste ja gerade
hier der Gehalt von Bindemittel am grössten gewesen sein. Das war aber
nicht der Fall.
Die zum Malen schön mit Bindemittel angemachten Farben des römischen
Malers von Herne-St. Hubert waren in Würfelform und ursprünglich durch
dünne H olzwandungen von einander getr ennt. •‘®) Durch eigene Be-
obachtung kann ich bestätigen, dass einzelne dieser Würfelchen eine mulden-
förmige \"ertiefung zeigten , wie bei Farben nach längerem Gebrauch. Der
Maler von Herne hatte also diese selben Würfelchen schon im Gebrauch ge-
habt. Die Buchner’sche Untersuchung, welche die Möglichkeit zulässt, dass
das Bindemittel der Farben aus Wachs oder Oel, oder aus Mischungen von
Wachs und Oel bestand, bestärkt aber unsere Ansicht, dass wir das Mal-
*®) Um jeden Zweifel über das Material, aus welchem die Zwischenwandungen
der Farbenkästcben bestanden, auszuschliessen, wurde eine genaue chemische Analvse
vorgenommen. Es stellte sich heraus, dass die Hauptmasse des in Salzsäure nicht
löslichen Rückstandes aus stickstoffhaltiger organischer Substanz bestand. Unter
dem Mikroskop -zeigten sich teils Zellen, die von einem schwammartigen Körper
herrühren oder humusartige Umbildungen -von Holz sein konnten. Die reichhohe
Menge von Eisen mag von Farben herrühren, die im Behältnis eingeschlossen waren.
Die Analyse ergab in 100 Teilen:
56,50‘’/o Stickstoffhaltige organische Substanz,
21,8 ®/o Eisenoxyd incl. Spuren Kupfer.
21,7 ®/o Ton mit Spuren Blei und Zinn.
Technik des
Malers von
Herne-
st. Hubert.
236
Vorberrschen
der Wachs-
malorei bis in
die spätere
Zeit.
Litterarische
Nachweise.
gerät eines Wachsmalers, aber der späteren Zeit, vor uns haben, der viel-
leicht auch Harzbeimischungen (nach Schoofs’ Analyse) verwendete, dessen
Technik aber jedenfalls auf der Basis der trocknenden Fähigkeiten
der Oele begründet war. Diese Technik mag als Uebergangsstadium
angesehen werden zwischen der antiken Enkaustik und der späteren Oel-
technik der Byzantiner. Da Anzeichen dafür, dass der Maler von Herne-St.
Hubert seine Oel- Wachsfarben in heissern Zustand mit dem Pinsel, also in
der 3. Art der Enkaustik nach Plinius, verwendet haben könnte , nicht vor-
handen sind, muss angenommen werden, dass er sein Material kalt ver-
arbeitete. Durch vergleichende Proben habe ich ermittelt, dass eine Mischung
von 1 Teil Wachs zu 2—3 Teilen trocknendes Oel (Nussöl) mit Farbenpulver
angerieben sich sehr gut mit dem Pinsel verstreichen und vermalen lässt,
obwohl die durch Wärme vereinigte Masse anfänglich stockte und das Ver-
arbeiten mit dem Pinsel untunlich erscheinen Hess. Durch Zugabe von
wenigen Tropfen Oel Hess sich die Farbenmasse dann leicht verdünnen, so
dass Schwierigkeiten der Arbeit nicht vorliegen. Der Maler von Herne-St.
Hubert malte also mit Wachsfarben, welche durch genügende Beigabe von
trocknendem Oel in einen Zustand der Geschmeidigkeit versetzt waren, welche
das Aufstreichen mit dem Pinsel ermöglichte in einer Technik, die zweck-
entsprechend genannt werden muss. Erst durch diese Erklärung des Fundes
von Herne-St. Hubert beseitigen wir die berechtigten Bedenken gegen das
frühzeitige Auftauchen einer Art von Oelmalerei im 4. Jht. unserer Zeit,
ohne im geringsten von den Ergebnissen der chemischen Analysen abzuweichen.
Durch litterarische Zeugnisse aus der späteren Zeit wird überdies in un-
zweifelhafter Weise das Vorherrs chen der Wachstechnik bis ins 7. und
8. Jht. nachgewiesen, also noch lange nach der Zeit Konstantins d. Grossen,
welcher der Fund von Herne-St. Hubert den mitausgegrabenen Münzen zu-
folge angehört. Es ergibt sich sogar, dass die Wachsmalerei geradezu
die alleinherrschende Malweise bis in die letzten Zeiten des Altertums
gewesen ist, denn jedesmal wird Wachs genannt, wenn von Malerei
die Rede ist.
Diese Belege sind für unsere Frage so wichtig, dass wir uns nicht ver-
sagen dürfen, sie hier anzuführen, obwohl sie bei der byzantinischen Technik
noch einmal verkommen (in m. Beitr. Mittelalt. S. 19). Entnommen sind sie
einer Zusammenstellung, von Ducauge (Glossar, med. et inf. graeoitatisi unter
dem Worte xyjpoyuxos, das in der spätgriechischen Zeit das stehende Beiwort
der Malerei überhaupt geworden ist.
Der Kirchenvater Eusebios (gest. 340 n. Ohr.) gibt in der Vita Con-
stantini I, 3 an, in welchen Formen man das Andenken an Verstorbene zu
bewahren pflege; es geschehe in axiaypacp'ats (Schattenrissen), y.ripoyyxox) ypaepfj;
(Wachs mal er eien), Skulpturen und Inschriften. Ebd. III, 3 schildert er das
Gemälde, das Konstantin über dem Tore seines Palastes habe anbringen
lassen; darauf der Kaiser selbst mit dem Kreuz, einen Drachen unter den
Füssen, alles in Wachsmalerei (S'.a ty)? xrjpoyuxou ypacp'^c) ausgeführt.
Ohrysostomos (um 390) erklärt, man verehre, wenn die kaiserlichen
Bildnisse in die Stadt getragen würden und Beamte und Volk ihnen huldigend
entgegengingen, nicht aavtSa ttjv xYjpoyuxov (die mit Wachsfarben bemalte
Tafel), sondern das Zeichen des dargestellten Kaisers.
Der Geschichtsschreiber Prokopius (um 550 n. Ohr.) erzählt de aedif.
I, 10, dass Justinian beim Neubau des kaiserlichen Palastes die Decke nicht
X(p evxaxevxc xe xai o'.ayuS'evxi (mit geschmolzen ein und auf ge strichen eni
Wachs), sondern 'jiYjcpiai Xenxaf? xe xat ypcapaai ü)pata|j,eva’? (mit kleinen farbigen
Steinchen d. h. Mosaik) geschmückt habe.
Der Patriarch Nikephoros (gest. 828) berichtet Hist. 86, 2, Niketas
(um 759) habe die im Sekreten Sed ij'rjcpLSoiv ypuawv v.od XTjpo'/uxou üXy;; (mit
Goldmosaik und in Wachs färben) ausgeführten Bilder des Erlösers und
der Heiligen zerstören lassen.
237
Auf dem Konzil zu Xicäa 787 wurde die Stelle einer Predigt des
Anastasius Sinaita zitiert, worin es heisst, ein Büd sei nichts anderes als
^uXov y.ai yp(ji\ix~oc xal xcxpajiiva (Holz und mit TVachs ge-
mischte Farben). Ebenso lässt ein Anonymus den hl. Lukas das Bild
der Maria xrjpö xa; '/ptogaa: (mit Wachs und Farben) malen.
Bei den Verhandlungen des Konzils ron Xicäa werden die Wachsgeraälde
öfters kurzweg als OAOYpa:p:a:, also als Gemälde auf Holz oder Tafelbilder be-
zeichnet; so von Theodosius Episcopus (Amori in Synodo VII, Act. 4):
ai äyia: xa: acßaafua: eixovs; xa: ^(a'fpxzix'. xal ö/.OYpa^'a: xa: 5:a [louacitov
(die heüigen und verehrten Bildnisse, die Gemälde, Tafelbilder und Mosaiken).
Charakteristisch ist es, wie von zwei verschiedenen Schriftstellern die
von Niketas zerstörten Malereien im Sekreten bezeichnet werden : Xikephoros
nennt sie x7jp6)^':o; oXifj (Wachs gern äl d e auf Holz), T h e o p h a n e s (gest.
817) einfach bXciypxzix. Diese Bezeichnung erhält sich auch noch in mittel-
byzantinischer Zeit. So berichtet P or phyr ogen n e t o s (de adra. imp. c. 29),
in der Kirche der hl. Anastasia sei alles ec uXeypaepia; Xpyxix^ (mit alten
Tafelgemälden) verziert.
Dem Leser wird in dieser Zusammenstellung nicht entgangen sein, dass
nur noch Pr okopius (VI. Jht.) von geschmolzenem und (heiss?) aufgetragenem
Wachs spricht, während später die einfache Bezeichnung „ Wachsfarben und
und „Wachsgemälde“ und daneben die noch einfachere jTafelbild“ (ÖAcypaiia)
vorherrschend ist. Aus -der Anwendung dieser verschiedenen Bezeichnungen
auf dieselben Malereien kann geschlossen werden, dass auch wo das Wachs
nicht im Namen enthalten ist, doch immer Wachsfarbenmalereien gemeint
sind. Es haben sich auch noch Wachsgeraälde aus dem 8. Jht. erhalten,
und ihrem Aussehen nach unterscheiden sie sich wenig von den Mumienbüdnissen
von El-Fayüm. In der Publikation von Str ygo wsky ^®) sind einige nach
den Gemälden im Besitze der geisthehen Akademie zu Kiew abgebildet ; eine
Nachbildung in • enkaustischer Technik ist in Nr. 20 m. Versuche gegeben
(s. m. Beitr. HI p. 20).
Die Wacbsmalerei scheint sogar noch länger neben der aus der
Enkaustik hervorgegangenen Oel- Harzmalerei in Gebrauch ge-
blieben zu sein, denn eine Notiz des liUCca-Ms. aus dem 8. Jht. beweist,
dass sowohl zur Malerei auf Mauern als auch auf Holz das Wachs
Verwendung gefunden hat. ®^) Es wird dort nur „daran erinnert“, welche
Operationen nötig sind, um auf Wänden und Holz mit Wachsfarben (cerae
commixtis coloribus) zu malen, ohne dass die Art der Wachstechnik näher
charakterisiert wird. Aus einigen Rezepten des Lucca-Ms. ist aber klar er-
sichtheh, dass der Uebergang von der Enkaustik zur Harz-Oeltechnik der
Byzantiner schon vollständig vollzogen gewesen sein muss, denn diese Re-
zepte (De lucida ad lucidas; De confectione lucidae, m. Beitr. UI p. 15)
zeigen die Oel-Harzfarben in ganz richtiger Art der Anwendung; es kann
demnach kaum zweifelhaft sein^ dass unter der Wachsmalerei des Lucca-Ms.
die Wachsterapera gemeint sein muss, deren Spuren wir sogar im Malbuche
vom Berge Athos und noch später verfolgen können.
In diesem Malbuche, der Hermeneia des Dionysios, sind die Maiweisen
des im 11. Jht. tätigen und das Haupt der ganzen Schule bildenden Malers
Panselinos aufgezeichnet; hier finden wir ein Rezept (§ 37. Wie man Glanz-
farbe machen muss), wonach Wachs, mit Lauge und Leim zusammenge-
kocht, als Farbenbindemittel dienen soll. ®^) Diese Mischung hat infolge des
‘“l Strygowsky, das Etschmiadzin-Evangeliar, Wien 1891, II. Anhang.
*0 S. Muratori, Antiquitates Italicae med. aevi T. II Dissertatio XXIV p. 377 D :
,Ita memoriamus omnium operationes, quae in parietibus simplice ligno, caerae
commixtis coloribus, in pellibus ictiocollon commixtum.'' Vgl. m. Beitr. III
p. 18 und die Variante dieser Stelle in Mapp. clavic. daselbst.
**) Vgl. Handbuch d. Malerei vom Berge Athos, deutsch von Godeh. Schäfer,
Trier 1855 p. 74.
„§ 37. Wie man Glanzfarbe machen muss. — Nimm Leim, Lauge und Wachs,
alles in gleichem Verhältnis, setze dann alle drei aufs Feuer, um es schmelzen zu
Spätest©
eakaustischs
Gemälde.
WachsmaJerei
im 8. Jht.
Wachstempera
derByzantlnor.
238
Waohsgehalts die Eigentümlichkeit,, dass sie durch Glätten glänzend wird.
Ein anderer Paragraph desselben Buches lehrt, wie man mit dieser Glanz-
farbe „moskowitisch“ arbeitet.
Mit „griechischen“ Künstlern (greci des Vasari) kam diese Art nach
Italien, und noch bis vor Giotto scheint Wachs das bevorzugte Bindemittel
für Farben gewesen zu sein ; denn nach den chemischen Untersuchungen, die
Dr. Jos. Bianchi an frühitalienischen Gemälden der Zeit von 1230 — 1360 an-
gestellt hat, ist zu schliessen, dass das dabei nachgewiesene Wachs von
nichts anderem herrühren kann , als von dem in der Hermeneia näher be-
zeichneten Wachsbinderaittel , das als Ausläufer des punischen Wachses
* zu betrachten ist.
Portdauor bis Das verseifte Wachs in Verbindung mit anderen Ingredienzien hat sich
aber noch viel langer erhalten und weiter verbreitet. Wohl mit „griechischen“
Künstlern, welche zur Zeit Karls des Grossen und später die zivilisierte Welt
mit den Leistungen byzantinischer Malerei bekannt gemacht haben, ist diese
Wachsmalerei nach dem Norden und bis nach Frankreich gelangt. Der
Miniaturist Jehan le Begue hat das Rezept auf seinen Reisen von einem
Fachgenossen erhalten und gewissenhaft in seiner um 1431 geschriebenen
Sammlung von Anweisungen aufgezeichnet, welche Merrifield in Treatises on
the art of painting, London 1849 abgedruckt hat. Schon die Bezeichnung
„yaue conosite“ ergibt, dass es sich um ein altbekanntes und bewährtes An-
reibemittel handeln mag. Der Kalk und die Asche , welche eingangs er-
wähnt sind, geben Aetzlauge, durch welche das Wachs verseift wird; dazu
kommt der Fischleim (entsprechend dem Leime des Glanzfarbenrezeptes der
Hermeneia) und endlich eine dem Fischleim gleiche Quantität von Mastix-
harz, das ebenfalls mitverseift wird. Versuche mit einer derartigen Mischung
ergaben das beste Resultat, sowohl auf Mauer als auch auf Pergament- und
Kreidegrund.
Mit diesem Rezepte verlieren wir, soweit sich dies bis jetzt übersehen
lässt, die letzten Spuren der Wachsmalerei des Altertums.
lassen. Setze die Farbe hinzu, zerrühre alles gehörig und überfahre, was du
willst, mit dem Pinsel. Lasse es trocknen und dann poliere es. Wenn du willst,
lege auch Gold auf, und es wird glänzend und schön sein ; willst dü es nun weg-
nehmen (d. h. bist du fertig), so firnisse nicht.
Vgl. Pisa illustrata: Morona, Maniere di dipingere nei tre secoli dopo il
mille. j. II p. 158—167. S. m. Beitr. III p. 96 Note, welche einen Auszug dieser
wichtigen chemischen Analyse- enthält.
“) (Merrifield, TreatiseS on the art of painting, London 1849 p. 307.) Ms. des
Jehan le Begue Nr. 325. Se vous voulez faire yaue conosite a destremper toutes
Couleurs. — Prenez une livre de chaux et douze de Flandres (Merrif. liest Cendres)
puis prenez eaue boulant et metez tout ensarnble et les faictes assez boulir, puis le
laissiez bien reposer , puis le coulez bien parmy un drapel et de celle yaue prenez
livres quatre et la faictes bien ardoir, puis prenez cire blanche environ II onces et la
mettez boulir avec lyaue, puis prenez cole de poisson environ j once et V’ >
mettez en eaue et li laissiez tant quelle seit bien emollie et si comme fondue puis
la maniez tant que eile soit comme pasfe puis la mettez en lyaue avec la cire et la
faites ensarnble boulir, et mettez mastic dedens environ once et demie et faictes
boulir ensarnble, puiz prenez de ceste eaue et mettez sur un coustel ou sur fer pour
savoir sil est bien cuit et sil est comme glue il est bien. Puis adonc coulez celle
yaue chaude ou tiede parmi ung drap linge,. et laissiez reposer et la covrez bien et
de celle eaue povez destremper toutes manieres de couleurs. (Willst Du ein zum
Anmachen aller Farben bewährtes Wasser hersteilen , so nimm 1 Pfund Kalk und
12 Pfund Asche, dazu kochendes Wasser, schütte alles zusammen und lasse es tüchtig
sieden, dann sich gehörig setzen und seihe es durch ein Tuch. Von diesem Wasser
nimm 4 Pfund; setze es an ein gutes Feuer, nimm dann weisses Wachs, ungefähr
2 Unzen (12 Unzen = 1 Pfund), und setze es mit dem Wasser zum Sieden. Ferner
nimm ungefähr l'/a Unzen Fischleim, lege ihn ins Wasser, bis er gut erweicht und wie
aufgelöst ist, knete ihn, bis er wie ein Teig wird, tue ihn in das Wasser mit dem
Wachs und lasse sie zusammen kochen. Setze auch ungefähr l‘/s Unzen Mastix
dazu und koche es gleichfalls damit zusammen. Danach nimmst Du ein wenig von
diesem Wasser auf ein Messer oder Eisen, um zu sehen, ob es gut gekocht ist. Ist
es wie Leim, so ist es gut. Alsdann seihe selbiges Wasser heiss oder lauwarm durch
ein Tuch und lasse es stehen. Decke es gut zu, und mit diesem Wasser kannst Du
alle Arten von Farben anmachen.)
239 —
III. Polychromie der Statuen.
(Malerei auf Marmor, .Ton u. a.)
Auf die Vollendung der Bildtiauerarbeit folgten bei Marinorbildwerken das
Färben und das üeberziehen mit Wachs. Das erstere (die Polychromie)
erforderte künstlerischen Geschmack und malerische Fertigkeit und wurde
deshalb von dem Bildhauer selbst oder von einem befreundeten Maler aus-
geführt, der auf die künstlerische Intention des Urhebers einzugehen wusste.
So pflegte Praxiteles sich der Hilfe des Nikias zu bedienen. Das Üeberziehen
mit Wachs (die Ganosis) war eine, mehr handwerksinässige Tätigkeit, die
vermutlich in der Regel einem Gehilfen überlassen wurde.
Die Ganosis war das S. 101 nach Vitruv und Plinius beschriebene
Verfahren, das bezweckte, die Marmoroberfläche durch einen dünnen Wachs-
überzug gegen die schädlichen Einflüsse der Witterung zu schützen und ihr
gleichzeitig einen schimmernden Glanz zu verleihen. Es bestand, wie er-
wähnt, darin, auf die Oberfläche mit dem Pinsel einen Ueberzug von heissem,
mit etwas Oel verkochten punischen Wachs zu streichen, der dann abermals
erhitzt und mit Wachskerzen und leinenen Tüchern abgerieben und glänzend
gemacht wurde. Vitruv hebt mit dem Worte ourantur das Abreiben, Plinius
mit nitescunt das Glänzendmachen hervor.
Nach Vitruv’s Ausdruck „wie die nackten Statuen behandelt werden
(uti signa nuda curantur)“, scheint es, dass die Marmorskulpturen nicht
immer jene doppelte Behandlung des Färbens und des Einwachsens erfahren
haben, sondern dass die unbekleideten Teile des Bildv/erks unbemalt gelassen
und nur der Ganosis unterzogen wurden. Dann wären der durch die
Wachsbeize erzeugte wärmere Ton des Marmors und der Glanz der Ober-
fläche als genügend angesehen und hauptsächlich nur der schützende Ueber-
zug beabsichtigt worden. In der Regel aber war Färben und Einwachsen
verbunden, oder das eine folgte auf das andere. So hatten z. B. die römischen
Censoren die Amtspflicht, den Zinnoberanstrich der Jupiterstatue auf dem
Kapitol von Zeit zu Zeit erneuern zu lassen. Plutarch (quaest. Rom. 98
p. 287 D) erwähnt nur die Ganosis , weil der Zinnober schnell verbleiche,
Plinius XXXIII, 112 nur den Anstrich, der von den Censoren verdungen
werden musste; aber da der Zinnober zu seiner Haltbarkeit die nachträgliche
Ganosis erforderte, so kann kein Zweifel sein, dass beides vereinigt gewesen')
und wie auf Wänden, so auch auf Marmorstatuen angebracht worden ist.
') Vereinigt, aber auf verschiedene Arbeiter verteilt, erscheinen die beiden
Tätigkeiten in der Bildhauerwerkstatt auch bei Plutarch de gier. Athen. 6 p. 348F, wo
er als dYaXia.cctwv ^yxauoxal xai xpuawxal xai ßaqisis die Waohsbeizer, Vergolder und Be-
maler von Bildwerken unter.scheidet. Dass der Ausdruck lYxauoxrij (der auf Inschriften
so vorkommt: iY^auoxijs bei Loewy, Inschr. griech. Bildh. Nr. 551) für
den gebraucht werden konnte, der die Ganosis vornahm — der Name y«vcox7)s kommt
gar nicht vor — , erklärt sich sehr natürlich aus der Verwendung des heiss aufzu-
tragenden und zum zweitenmal zu erhitzenden punischen Wachses. Sonst scheint
der Ausdruck vorzugsweise für die in der Architektur beschäftigten Arbeiter
üblich gewesen zu sein , wie sie in den Inschriften vom Erechtheum in Athen mit
Angabe des Preises ihrer Arbeit aufgeführt werden. Mit der Enkaustik als künst-
lerischer Malerei hatten diese Leute nichts zu tun.
Ganosis.
240
Polychromie.
Die Polychromie der griechischen Marinorstatuen und der Architektur-
teile an Tempelbauten ist als hinreichend bezeugte Tatsache heute niemand
mehr zweifelhaft, nachdem seit dem Vorgänge Hittorffs und Sempers über
diese Frage gründlich verhandelt worden ist; ungewiss bleibt höchstens, wie
weit die Griechen darin gegangen sind. Es würde weder dem künstlerischen
Geschmack noch der Zweckmässigkeit entsprechen, den Marmor der Statuen
oder der Bauglieder (Friese, Ornamente, Säulen kapitale u. s. w.) mit dicker
Farbe ganz zu bedecken; der Zweck der Polychromie scheint bei den Griechen
vielmehr der gewesen zu sein, die Wirkung der einzelnen Teile der Architektur
durch die Farbe zu erhöhen, durch stärkeres Betonen der Linien und
Umrisse oder durch Ausfüllen der Fläche mit Farbe eine grössere Fernwirkung
hervorzubringen. Bei Statuen war man ursprünglich gezwungen, einzelne
Teile, wie Augen, Haare, Schmuckgegenstände, Waffen farbig zu machen,
weil die Bildhauerkunst noch nicht vorgeschritten genug war, um ohne dieses
Hilfsmittel auskomrnen zu können (vgl. die Figuren des Giebels vom Tempel
zu Aegina in der Glyptothek in München). Wenn Plato in der vielbesprochenen
Stelle de repl. IV p. 420 0 in einem Vergleiche sich darauf beruft, dass es
beim Bemalen von Statuen nicht darauf ankomme, ohne Rücksicht auf die
Natur die kostbarsten und schönsten F'arben beliebig anzubringen , sondern
für jeden Teil die ihm zukommende natürliche Lokalfarbe zu wählen, so
könnte mau versucht sein zu glauben, dass die Statuen in allen ihren Teilen
vollständig mit Farben überzogen worden seien. Aber in Wahrheit dürften
die Worte nur besagen, dass jeder der bemalten Teile seine natürliche
Farbe bekommen müsse, denn nach Ausweis der an den erhaltenen Marmor-
werken beobachteten Farbenreste sind nur einzelne Körperteile, wie Lippen,
Augen , Haare und das Wichtigste des Gewandschmuckes durch farbige Be-
handlung hervorgehoben worden. Damit stimmt auch der bei den Römern
hierfür gebräuchliche Ausdruck circumlitio (Plin. XXXV, 133), der das kräftige
Herausarbeiten der beabsichtigten Wirkung bezeichnet. ^) Man beabsichtigte
ein stärkeres Betonen der Einzelheiten durch Hinzufügung der Farben.
Bei dieser Arbeit galt es vornehmlich mit sicherem Blick für das künstlerisch
Wirkungsvolle die richtigen Stellen , die passende Art und das schöne Mass
für die farbige Verzierung in jedem besonderen Falle zu erkennen, und so
begreift es sich , dass Praxiteles von dem wahrhaft künstlerischen Takt , mit
dem Nikias diese Aufgabe zu lösen verstand, so entzückt sein konnte.
Diese überhaupt nicht häufige Eigenschaft wird aber bei rein hand-
werklicher Tätigkeit nur selten vorhanden gewesen und namentlich das Mass
vielfach überschritten worden sein, so dass das ganze Bildwerk in allen seinen
Teilen gefärbt wurde. Selbst auf einem hervorragenden Werke der klassischen
Zeit, dem berühmten Alexandersarkophag zu Konstantinopel, sind sämtliche
Teile der Figuren bemalt, und auch heuce ist diese Bemalung noch deutlich
zu sehen (vgl. die farbige Abbildung nach Hamdy Bey in Wörmann’s Gesch.
d. Kunst I p. 364).
“’) So sagt Quintilian VIII 5, 26, ein Gemälde entbehre aller plastischen Wirkung,
wenn keine Stelle darin durch kräftige Betonung hervorgehoben sei (nec pictura,
in qua nihil circumlitum est, eminet); daher vermieden die Maler, die Corpora
ganz in den Schatten zu bringen. Seneca epist. 86, 6 gebraucht das Wort ciroum-
linere auch von der Marmorinkrustation, der buntfarbigen Verzierung einer Marmor-
art durch eine andere, damit eie sich gegenseitig heben und eine stärkere Wirkung
hervorbringen; in der consol. ad Helviam 5, 6 spricht er von innerlich nichtigen
Dingen (inania), die durch Aufträgen einer in die Augen fallenden und auf Täuschung
berechneten Schminke (specioso ac decepturo fuco circumlita) den Schein des Be-
deutenden annehmen, und mit demselben Bilde bezeichnet Quintilian XII, 9, 8 die Ge-
wohnheit mancher Redner, einen dürftigen Stoff aufzuputzen und zu verbrämen
(circumlinunt) mit Dingen, die von aussen herbeigezogen sind. Ebd. I, 11, 6 wird
das Verbum in tadelndem Sinne auf Redner angewandt, die beim Vortrage über
ihre natürlicheu Stimmmittel hinausgehen, die Stimme zwingen, voller und stärker
zu erscheinen, als sie ist; die Griechen hätten dafür den Ausdruck xaxartsnXaopdvov.
Und interessant ist, dass xaTäKXaojia auch das Schömpflästerchen bedeutet (Mayhoff).
241
Nun entsteht die Frage, mit welcher Art von Farben der Marmor
bemalt worden sei. Nach der gewöhnlichen Ansicht (s. Blümner III p. 203
und Smith , Dictionary p, 369) wären es Temperafarben gewesen. So er-
klärt man sich auch, dass so wenig Parbenspuren erhalten sind. Meiner An-
sicht nach lässt dieses fast völlige Verschwinden der Farben nicht unbedingt
auf die Verwendung von Temperafarben schliessen. Auch andere Bindemittel,
wie Wachs, würden sich auf Marmor nicht länger gehalten haben, weil die
Marmorfläche keinen genügenden Halt bietet, selbst wenn sie für die Be-
malung eigens mit dem Meissei rauh bearbeitet worden ist , wie es bei dem
Athenekopf (Ant. Denkm. Taf. 3) vermutlich der Pall gewesen ist.
Wenn es aber nicht Temperafarbeu waren, so bleibt, da weder an die
nur auf Tafelbildern ausführbare Cauteriumtechnik zu denken ist, noch auch
die heissflüssige Wachsfarbe der Pinselenkaustik wegen der technischen
Schwierigkeit, die Farben gleichmässig aufzutragen — sie würden sicher
eine zu dicke Kruste gebildet haben — , möglich wäre, nur die Malerei mit
Farben übrig, deren Bindemittel das punische Wachs war; denn aus
zwingenden Gründen technischer Natur scheint es untunlich, die zuerst mit
Temperafarben bemalten Stellen hernach mit punischem Wachs (behufs der
Ganosis) zu überstreichen, weil dieser Ueberzug infolge seiner seifenartigen
Natur die Tempera (Ei oder Leim) auflösen würde. Mit punischem Wachs
angeriebene Farben würden aber den Vorteil gewährt haben, dass das darauf-
folgende Verfahren der Ganosis ohne weiteres aüsgeführt werden konnte.
Bei der Marmor-Färbung war es noch von Wichtigkeit, ob die be-
malten Stücke in freien oder in bedeckten Räumen aufgesteUt werden sollten.
Im ersten Palle war darauf Rücksicht zu nehmen , dass die Farben mit dem
Wachsüberzug genügenden Halt auf der Marmoroberfläche erlangten; dazu
eignete sich das genannte Verfahren, nur mit punischem Wachs vermischte
Farben zu verwenden (nicht Wachstempera, die organische Bindemittel ent-
hielt), gewiss besser als jede andere, weil dm-ch das nachherige Erwärmen
„bis zum Schwitzen“ die nur emulgierten Wachsteilchen sich zu einem ge-
nügend festen Ueberzug vereinigten. Durch Versuche auf Marmor habe ich
mich davon überzeugt, dass die anfangs mit Wasser vermischbare punische
Wachsfarbe nach vollständig durchgeführter Ganosis sich nicht mehr mit
Wasser abwaschen Hess. Auf diese Art habe ich einen Kopf und ein kom-
phziertes Ornament (Versuchskollektion Nr. 37 und Nr. 37 a) mit grosser
Leichtigkeit auf Marmorunterlage gemalt.
Diese Art der Befestigung des Parbenauftrages auf Marmorgrund mag
die Ursache sein, dass an den berühmten Gewandstatuen der Athena-
prie sterinnen in Athen heute die ehemals mit Farbe gemalten Ornamente
im Niveau etwas höher liegen als die nicht bemalte Umgebung; denn diese
ist verwittert, während die mit Wachs gemalten Ornamente der Verwitterung
länger Widerstand geleistet haben.
Noch eine weitere Möglichkeit kommt in Betracht : Die für den Marmor
geeigneten Farben dürften nur äusserst dünn aufgetragen worden sein, dass
sie den Untergrund nicht deckten, sondern bloss als Lasur zu wirken hatten.
Auf diese Weise hätten wir dann eine Art Beize (Farbe ohne Körper), die
in die Poren des Steines eindringen sollte. Es macht mir den Eindruck,
als ob nach diesem Prinzip der oben erwähnte Alexander-Sarkophag behandelt
worden wäre, denn hier sind alle Teile der Figuren in weichen Tönen ge-
Hierzu geeig-
uete Farben.
Verwendung
von
punischem
Wachs.
*) Einige bemalte Grabstelen aus Marmor müssen vermutlich auch in diese
Kategorie eingereiht werden: Die in der Nähe von Marathon gefundene Stele des
Lysias mit archaisch dargestellter Figur (6. Jht. v. Ohr.), die Stele eines Macedoniers
Tokkes mit der Darstellung einer sitzenden Figur, eine Amphore in der Hand haltend
(4. Jht.) abgebildet b. Girard, la peintme antique S. 143 imd 213). Die erste Stele
war ursprünglich mehrfarbig, aber ohne Modellierung bemalt. Dagegen ist der kleine
Knabenkopf des Berliner Museums (aus späterer Zeit) in richtiger Modellierung
mit Lioht und Schatten behandelt; soviel man jetzt noch sieht, ist die Malerei nur
in zwei Farben, Braun und Weiss, gehalten.
16
f
Malerei auf
Marmor.
Vergoldung.
Tanagra-
flguren.
— 242 —
halten, so dass überall der stoffliche Charakter des Marmors unverhüllt zu
Tage tritt. Wären die Farben als deckende Schicht aufgelegt, so würde
die Wirkung auch heute noch eine durchaus andere sein.
In Innenräumen hatten die Marmormaler grössere Freiheit in der
Wahl ihrer Bindemittel; sie konnten sich der gebräuchlichen Temperaarten
bedienen , aber die Verbindung der Farben mit dem Marmor ist hier jeden-
falls noch weniger innig und fest gewesen, als bei der Bemalung mit punischem
Wachs und nachfolgender Ganosis. Man hat viel darüber gestritten, ob die
Alten auf Marmorgrund „enkaustisch“, also mit heissem Wachs gemalt haben,
und hat die bekannten Marmor tafeln mit den roten ümrisszeichnungen, *)
die zu den ältesten Funden von Herkulanum gehören, als Beispiele heran-
gezogen (auf einer derselben , den „Knöchelspielerinnen“ , ist der Athener
Alexandres als Verfertiger bezeichnet). Die Streitfrage, ob diese Bilder in
ihrem ursprünglichen Zustande oder ob sie, wie Semper (1 470) meint, nur
Verzeichnungen seien, die als Reste einer abgefallenen farbigen Malerei stehen
geblieben sind, ist jetzt dadurch als entschieden zu betrachten, dass im
J. 1872 in Pompeji eine weitere Marmortafel gefunden wurde, welche inner-
halb einer ähnlichen Umrisszeichnung die Reste einer ehemaügen völligen
Ausfüllung mit bunten Farben aufs deutlichste erkennen lässt. Dieses Gemälde
stellt die Bestrafung der Tantalustochter Niobe in einem stattlichen Vorhofe
dar (abgebildet bei Weltmann I p. 97 nach dem Giornale degli scavi 1872
II tav. IX). Aus dem Umstande aber , dass die Farben bei den ersten vier
Bildern vollständig abgefallen sind, ist zu ersehen, dass sie nicht mit Wachs-
farben gemalt und durch Ganosis befestigt, sondern mit einfachen Tempera-
farben gemalt worden sind.
In der Bemalimg von Marmorbildwerken oder architektonischen Gliedern
spielte auch die Vergoldung eine grosse RoUe. Gewisse Teile, wie Schmuck,
Waffen, waren mit Gold belegt; auch die Ornamentik am inneren Gebälk,
am Architrav und den Gesimsen wurde durch Gold erhöht. Mehrfach ist von
Vergoldungen die Rede, deren Erneuerung auf Statuen, die dem religiösen
Kultus geweiht waren, von einem frommen Opferwilhgen übernommen wurde.
Der Eros des Praxiteles hatte vergoldete Flügel, und auch auf Bildwerken
von Holz und Elfenbein war Vergoldung vielfach angebracht, um eine mög-
lichst reiche Wirkung hervorzubringen. Vermutlich haben wir uns auch die
berühmte Zeusstatue in Olympia aus Gold und Elfenbein so ausgeführt vor-
zustellen, dass die Fleischteile aus Elfenbein zusammengesetzt, der Thron da-
gegen und die übrigen Teile (aus Bronze oder Holz?) vergoldet waren.
Ausser Marmorbildwerken wurden auch plastische Werke , namentlich
kleineren Umfanges, aus gebranntem To n bemalt, imd zwar so, dass vorher
eine weisse Unterschicht angebracht wurde, damit die Farben darauf
leuchtender zur Erscheinung kommen konnten. Die Tanagr afiguren z. B.
haben über dem gebrannten Ton stets diese feine weisse Schicht, auf die
erst die Farben gesetzt wurden. Versuche, welche mit verschiedenen weissen
Kreiden und Temperafarben gemacht wurden, zeigten Feuchtigkeit gegenüber
geringen Widerstand. Dieser weisse Ueberzug der Tanagrafiguren kann wohl
so zustande gekommen sein , dass diese einigemale in ziemlich flüssig ge-
haltene Kalkmilch eingetaucht wurden; es waren dann alle Teile schnell und
gleichmässig mit dem Ueberzug versehen ; ein Nacharbeiten der Faltenzüge
des Gewandes u. dgl. ist dabei nicht ausgeschlossen. Möghcherweise hat
man bei dem Bemalen von Werken der Kleinplastik die gleichen Operationen
vorgenommen, wie bei Marmorwerken, so dass das panische Wachs auch
hier eine Art von Schutzmittel für die auf den Kalkgrund aufgetragenen
Farben gebildet haben wird. Soviel mir bekannt, sind aber in dieser Richtung
S. C- Robert, die Knöchelspielerinnen des Alexandros, Halle’sches Winkel-
mann-Prograram 1897; Frz. Winter über Enkaustik auf Marmor in d. Wochensehr,
f. klass. Philol. Jahrg. 1897.
243
i
ü
i.
1,
' noch keine genaueren chemischen Untersuchungen gemacht werden, so dass
es unmöglich ist, sichere Schlüsse zu ziehen.
Eine eigentümliche Methode, die mit der bei Tonfiguren angewendeten
eine gewisse Verwandtschaft zei^, ist bei Architekturteilen aus ge-
branntem Ton zu beobachten. Das Verfahren mag sehr alt sein, denn es
lässt sich schon an Resten der Architekturteile von den Ausgrabungen in
Caere nachweisen. Ich muss gestehen, dass ich, als mir der ehemalige Gustos
des Berliner Antiquariums, Herr Prof. Dr. Furtwängler, einzelne dieser Stücke
zeigte, nicht wusste, wie eine dörartige Festigkeit der Farbe auf Ziegeln,
ohne dass sie im Brennofen eingebrannt sein konnte, sich erzielen Hesse.
Auch noch so starkes Reiben bewirkt absolut kein Abfärben; aber durch
die ziemHche Dicke der Farbenschicht wurde mir klar, dass es in der Masse
gefärbter und auf dem angefeuchteten Ziegel in dünner Schicht aufgetragener
Stuck sein könnte.
Abbild. 52. Bemalte Ziegel von Caere (Berliner Antiquarium).
Versuche, wie ich sie in dieser Beziehung gemacht habe, geben
meiner Vermutung Recht. Genau derselbe Effekt Hess sich erreichen;
verschieden gefärbter Stuck Hess sich in ähnlicher Weise aneinanderreihen,
wie bei der pompejanischen Technik , und auf so mit der klemen Kelle
oder Spachtel nebeneinander gestrichenen verschiedenfarbigen Stucklagen
konnten die Ornamente oder figürlichen Darstellungen ebenso gemalt
werden wie dort; auch Hess sich das Glätten des Grundes und der
Ueberzug mit Wachs in gleicher Weise bewerkstelHgen. (S. Abb. 52 und
m. Versuchskollektion Nr. 38). Bei der dünnen Stucklage durfte auch nicht
mehr lange mit der Bemalung gewartet werden; dies scheint daraus hervor-
zugehen, dass in dem noch weichen Stuck Direktionslinien und Kreise für
Ornamentik eingekratzt sind.
Bemalte
TonziegeL
16*
244
Was bei den verschiedenen farbigen Fundstücken von Caere so evident
ist, nämlich die Stucklage mit oder unter den Farben, lässt sich bei anderen
Arohitekturteilen, wie Akroterien, Friesen und Wasserspeiern (Berliner Anti-
quarium , kl. Kabinet , an den grossen Saal anschliessend) , nicht so ohne
weiteres beweisen. Bei vielen könnte man annehmen, dass die schwarze Farbe
so aufgetragen und eingebrannt ist, wie bei den Vasen; andere Stücke
wieder lassen das Aufträgen von Farben direkt ohne Unterlage zu; auch ist
der Charakter der Farbe anders als auf den gebrannten Tonvasen und mehr
den Sarkophagen von Chiusi ähnlich. Dieselben Beobachtungen habe ich
auch an den Resten der Terrakotta-Bekrönung sizilianischer Tempelbauten
(z. B. von Selinunt ira Metopensaal des Museums zu Palermo) gemacht, die
mich davon überzeugt haben, dass es sich hier um wirklich eingebrannte
Malerei (Glasur) handelt. ^)
Sollten die beiden grossen Tonsarkophage von Klazomenai (Berl.
Museum) mit der reichen und zierlichen Ornamentik , den Tieren und dem
Kämpferfries , im Ofen gebrannt worden sein ? Dagegen sprechen der all-
gemein durchgehende , weisse dünne Stuckgrund und die aufgemalten , nicht
eingeritzten Konturen innerhalb der schwarzen Flächen ; dabei sind deutlich
grosse Direktionslinien in dem (noch feuchten) Grund zu bemerken; auch die
Schilder sind mit dem Zirkel markiert. Girard (la peinture antique, Paris
1892, p. 136, wo auch gute Abbildungen gegeben sind) macht auf diese be-
sondere Eigentümlichkeit des durchgehenden weissen Grundes aufmerksam
und sieht darin eine Art von Glasur (engobe). Es ist aber bekannt, dass
die antiken Töpfer die weisse Unterglasur nicht gekannt haben und dass die
ältesten Vasen stets nur schwarze, rote und gelbliche Grundfarbe und Schwarz,
Gelb, Weiss (auch Rot) als Auftragsfarbe zeigen.
Vasen mit bunter Malerei hat man im Altertum nicht gekannt, und
falls man derartige Malerei auf Lekythen findet (s. 4 Stück im Berl. Museum),
so ist die Farbe so subtil, dass sie sich leiolit wegwischen lässt. Dies ist
Beweis genug, dass es nicht im Ofen gebrannte Malerei sein kann, sondern
wohl gewöhnliche Tempera auf weissein Tongrund ist.
®) Vgl. Dörpfeld, Gräbner und Bormann, Ueber die Verwendung von Terrakotten
am Geison und Dache griech. Bauwerke, Berlin 1885.
245
IV. Uebergänge zur byzantinischen Zeit.
(Vergoldung, Miniatur, Mosaik.)
Technische Neuerungen treten stets infolge eines Handwerksbedürf-
nisses auf: sie liegen entweder in der Natur des Materials und bezwecken
die Vereinfachung der Arbeit bei gleicher Solidität, oder sie entspringen
dem Verlangen nach Steigerung der äusseren Erscheinung. So haben wir
bei der Malerei der Aegypter das Streben gesehen, die Dichtigkeit des
Untergrundes durch feine Kreiden- und Gipsschichten zu erhöhen, um gleich-
zeitig die Parbenwh kling zu verstärken, und endlich kamen die Vergoldungen
hinzu, um die glänzende Erscheinung des wirklichen Goldes nachzuahmen.
Zu diesem Behufe musste die Glättung des Grundes mit beson-
derer Sorgfalt ausgeführt werden, damit das dünn geschlagene Blattmetall
sich gut ausbreiten und leicht glänzend machen liess. In Aegypten wurde
mit Vorliebe die sog. Glanzvergoldung angewendet, ein Verfahren, das im
grossen und ganzen von dem späteren des Mittelalters wenig verschieden
ist. Es bestand in der sorgfältigen Vorrichtung des geglätteten Untergrundes
von geleimtem Gips oder festen Kreidearten, in dem Bestreichen der zu ver-
goldenden Stellen mit einer Klebesubstanz aus geschlagenem und abgetropftem
Eiklar (auch von Plinius wird Ei genannt), Leim oder einem anderen dazu
geeigneten Stoff (z. B. Knoblauchbeize oder Schneckenspeichel im Malbuch
vom Berge Athos , ^) erstere auch bei Gennini und den Japanern , s. S. 40),
und in dem Auflegen der Goldblätter, die mit einem geschliffenen Stein
(Achat) oder glatten Zahn geglättet werden.^)
Es ist nicht unwichtig, schon bei der antiken Technik auf die Ver-
goldung hinzuweisen, weil diese dann später bei den Byzantinern, Prüh-
italienern u. a. in Verbindung mit Malerei eine Hauptrolle spielt und die ge-
samte Technik dieser Epochen ohne genaue Kenntnis der Vergoldungsmethoden
gar nicht verständlich wird. Die ersten Spuren einer solchen Verbindung
finden sich schon in den Malereien der spätägyptischen Zeit. Seite 204 ist
bereits einiger solcher Pälle Erwähnung geschehen, so bei dem Schmuck der
jungen Prau (Abb. 40), der Mumienumhüllung aus dem II. Jahrhundert unserer
Zeit (Abb. 41) , welche auf plastisch erhöhter Unterlage mit Glanzgold ver-
ziert ist; auch der Halsschmuck von Aline’s Porträt ist auf erhöhter Unter-
lage vergoldet. Dass solche Erhöhungen mit dem Pinsel ohne grosse Schwierig-
keit gemacht werden können, habe ich bei Nr. 3 meiner Versuchskollektion
gezeigt.^) Wenn grössere Peinheit erzielt werden sollte, um z. B. Schrift-
zeichen in den Grund zu vertiefen oder Details auszuarbeiten, bediente man
0 Vgl. Handbuch der Malerei v. Berge Athos, übers, v. Godeh. Schäfer, Trier
1855, § 28 und § 40.
’*) Ueber die Unterschiede zwischen Glanz Vergoldung und Matt-(Oel) Vergoldung
wird im nächsten Bd. (Mittelalt.) eingehender gehandelt.
’) Neuerdings wurde diese Art in England von den „Praeraphaeliten“ unter dem
Namen „Gesso painting“ in die kunstgewerbliche Tätigkeit eingeführt u. zw. als
direkte Folge der von ihnen adoptierten Technik des Quattrocento.
Vergoldung.
Aeltere
Beispiele.
246
Oel-
vergoldung.
Miniatur-
malerei.
sich geeigneter Instrumente (jetzt unter dem Namen Repariereisen bekannt).
Beispiele dafür sind die heil. Affen (Nr. 10662 des Berl. ägypt. Museums)
und die reich mit erhöhten Figuren und griechischer Inschrift verzierte und
vergoldete Mumienmaske (im Kabinet der Neuerwerbungen ebendort).
In diesen wenigen Beispielen sind schon die Techniken der das Gold
liebenden byzantinischen Malerei in ihren Anfängen angedeutet. Selbstver-
ständlich handelt es sich hier nicht um Gegenstände, welche im Feuer ver-
goldet wurden, wie Metalle, ein Verfahren, welches die Alten in verschiedener
Weise auszuführen wussten.*)
Plinius (XXXIII, 64) erwähnt, dass solche Gegenstände, welche nicht
geglüht werden können, wie Marmor oder Holz, mittelst Ei auf einer Leuco-
phoron genannten Unterlage vergoldet wurden. Das Leucophoron (PI. XXXV,
36) wird bereitet, indem Pontische Sinopis mit 10'^ hellem Sil (Ocker)
und 2% Weiss von Melos 12 Tage hindurch aufs allerfeinste miteinander ver-
rieben werden. Diese Komposition ist die Unterlage für Vergoldung; es ist
evident, dass die mit Ampoli bezeichneten Mischungen des Athosbuches
(§ 10 und 12) mit dieser des Plinius auffallende Aehnlichkeit haben.
An geschützten Stellen, im Innern der Gebäude genügte diese Ver-
goldung mit Eiklar vollkommen, zumal wenn der Untergrund Holz, ver-
gipste Leinwand oder dgl. war. Anders verhält es sich bei der Vergoldung
auf Wandfläche oder von enkaustisch behandelten architektonischen Gliedern.
Nach Aetius (s. S. 231) ist zu folgern, dass die Oelvergoldung, vermutlich
infolge ihrer Widerstandsfähigkeit, schon zu jener Zeit in Gebrauch war. Er
spricht von dem trocknenden Nussöl, das „die Besonderheit hat, dass es
den Vergoldern und Einbrennenden fest wird; es trocknet nämlich und
macht die Vergoldungen und Einbrennungen auf lange Zeit hinaus fest
und erhält sie.“ Die Oelvergoldung (mit Beizen, Mordants), welche stets
von der Ei- oder Glanzvergoldung zu unterscheiden ist, war mithin der spät-
römischen Epoche bekannt. Es liegt auch in der Natur des Materials^
dass die enkaustischen Maler auf ihrem fetten Grunde oder die Wand-
maler auf der glatten Stuckfläohe Eiklar nicht gebrauchen konnten , denn
das Eiklar haftet zwar, wie Versuche gezeigt haben, auf dem glatten Grunde,
springt aber bei zu starker Anwendung in kürzester Zeit ab — Uebel-
stände, die bei Anwendung eines mit Nussöl bereiteten Mittels als Beize
nicht eintreten. Die Vergoldung auf Mauerwerk oder Stein, wie sie in
späterer Zeit stets mit den Oelbeizen gemacht wurde (vgl. die Beizen und
Mordants, ixoupSevct des Athosbuches § 70), kann demnach bis in die ersten
Jahrhunderte unserer Zeit zurückverfolgt werden.
Zu den Maltechniken , welche das Altertum gekannt hat und die’
sich in den ersten Jahrhunderten ausserordentlich entwickelt haben , gehört
auch die Miniaturmalerei. Diese ist so alt wie die Schrift. Die 3000-
jährigen Papyri sind schon mit Abbildungen geschmückt; aus altgriechischer
und altrömischer Zeit sind zwar keine Handschriften erhalten , doch ist aus
Nachrichten jener Zeit bekannt, dass es üblich war Bücher und Pergament-
rollen mit Bildern zu zieren. So wird uns überliefert, dass Varro sein Werk
über berühmte Persönlichkeiten mit 700 Bildnissen schmückte, so dass diese
„nicht nur der Nachwelt überlibfert, sondern auch, wie allgegenwärtig, in allen
Ländern gleichzeitig bekannt werden konnten“. ®) In Verbindung mit dieser
*) Blümner, Tee n. und Terminol. IV, 380 ff.
®) Erhalten sind uns nur Miniaturen aus der Verfallzeit griechisch-römischer
Kunst. Am reinsten haben klassische Formen und Motive sich in den 58 Miniaturen
einer (verlorenen) Handschrift der Ilias erhalten, welche dem 4. oder 5. Jht. n. Ohr.
angehören (Mailand, Ambrosiana). Die Kompositionen sind schwach, auch die Einzel-
formen xmd Bewegungsmotive roh und unoeholfen , aber die Gewänder sind noch
völlig antik behandelt und der breite, volle Farbenauftrag zeigt einen Rest von maleri-
scher Empfindung. Der Vergil des Vaticanus enthält 30 Bilder, teils die ländlichen Ge-
dichte, teils die Aeneis illustrierend. Die Landschaft spielt auf einigen die Hauptrolle.
Die Gestalten sind kurz und gedrungen, die Köpfe ausdruckslos mit grossen stierenden
Augen. Der Farbenauftrag sehr pastös und die Lichter mit Gold erhöht. Hierher
247
Kunstübung des Bücherschreibens und der Miniaturmalerei steht die Gold- und
Silbersohrift, die besonders in byzantinischer Zeit zu grosser Blüte gelangt
ist. Von der Malerei auf Pergament wissen wir aus ältester Zeit nur, dass sie
vorhanden war (s. S. 53), und aus Plinius nur, dass Gummi das Bindemittel für
die „Buchschreiber“ gewesen ist. Deshalb ist der hier zu erwähnende Leydener
Papyrus für unsere Frage sehr wichtig. Denn er enthält eine Reihe von
Anweisungen zur Vergoldung und Goldschrift; als quellenschriftliches Denkmal
aus dem III. oder IV. Jahrhundert n. Ohr. haben diese Angaben besonderes
Interesse zu beanspruchen, weil ausser den spärlichen Nachrichten des Plinius
nirgends Genaueres zu finden ist und gerade für die Üebergangszeit derartiges
Material hohen Wert hat.
Dieser Papyrus X®), aus einem Grabe von Theben stammend, besteht
aus 10 grossen Blättern, welche in der Mitte gefaltet sind; er enthält
16 Seiten Text in deutlich lesbarer griechisch- demotischer Schrift vom
Ende des III. Jhts. n. Ohr, Der Inhalt dieser „ältesten chemischen Hand-
schrift“ besteht aus 75 Rezepten für metallurgische Zwecke, zu Legierungen,
zum Löten und oberflächlichen Färben von Metallen, zum Prüfen ihrer Rein-
heit u. s. w. Sie sind ohne Ordnung aneinandergereiht und vielfach variiert
wiederholt. 15 Rezepte behandeln die Kunst mit Gold- oder Silberschrift
zu schreiben, 11 die Kunst, Stoffe purpurfarbig und grün zu färben. Das
Ganze erinnert an das Merkbuch eines Goldschmiedes, der sowohl mit edlen
Metallen oder deren Legierungen als auch mit Fälschungen arbeitet. Der
Papyrus schliesst mit 10 Artikeln aus Dioscorides’ Materia medica über Mi-
neralien, welche in den Rezepten benützt werden.
Für uns von Interesse sind die 15 Rezepte, welche Gold- oder Silber-
schrift betreffen, eine Kunst, die den Verfasser des Papyrus sehr beschäftigt
zu haben scheint. Einige der hauptsächlichsten seien hier gegeben ;
(p. 10, 1. 30.) „Goldschrift (XpuaoYpacpec'a). Reibe Goldblätter und Gummi,
lasse trocknen und benütze dies wie Schreibertinte.“
(p. 6, 1. 1.) »Um mit Goldbuchstaben zu schreiben, nimm Merkur, tue
ihn in ein besonderes Gefäss und füge Goldblätter hinzu ; sobald das Gold
im Quecksilber gelöst erscheint, rühre schnell um und füge ein wenig Gummi,
eine Korngrösse etwa, hinzu und lasse es sich setzen ; schreibe (damit) Gold-
schrift“ (wiederholt p. 9, 1. 39).
(p. 8, 1. 5) „Bereitung von flüssigem Gold. Tue Goldblätter in einen
Mörser, reibe sie mit Quecksilber, und es ist fertig.“
In anderen Rez. (p. 9, 1. 29 und p. 7, 1. 55) wird zuerst eine Legierung
von Gold und Blei vorgeschrieben , welche dann durch eine Reihe weiterer
Operationen gelöst wird. Bei allen diesen Rez. erscheint das Gold als fär-
bender Stoff. Man schuf aber Ersatz für Gold, um mit Goldfarbe auch ohne
Gold zu schreiben, wohl zunächst in der Absicht, das teure Metall zu sparen
und wenigstens in der äusseren Erscheinung eine goldähnliche Wirkung zu
erreichen. So wird z. B. eine innige Mischung von ScRwefel, Alaun und
Rost (p. 9, 1. 41 und 1. 44) in Wein aufgelöst oder
(p. 6, 1. 8) gelbe Bleiglätte ein Teil, Alaun 2 Teile,
(p. 6, 1. 30) Safran und Galle der Flussschildkröte genommen und damit
„auf Papier und auf Pergament“ geschrieben. Einige Rezepte beruhen auf der
Verwendung von Auripigment :
(p. 7, 1. 44) „Reibe Auripigment mit Gummi, dann mit Brunnenwasser
und schreibe.“
gehören noch das berühmte Manuskript des Terenz in der Vatikan. Bibliothek, mit
verschiedenen Szenen der Komödien und den Titelgemälden, welche die Masken unter
einem von zwei Säulen getragenen Portal in Reihen aufgestellt zeigt, und das Dios-
korides-Ms. der Wiener Hofbibliothek mit vortrefflichen Darstellungen, die noch
ganz den Stempel der Antike zeigen.
®) Leemans, Papyri Graeci musei antiquarii publici Lugdun. Batav., Tom. II;
Leyden 1885, p. 199 bis p. 259; vgl. Berthelot’s Essay im Journal des Savants 1886,
p. 208 ff. ; Kopp, Beiträge zur Geschichte der Chemie, Braunschweig, 1869, p. 96.
Der Leydener
Papyrus X.
Gold- und
Silberschrift.
248
Zusatz von
Galle.
Schluss-
betraohtungen.
(p. 8, 1. 28) „Goldfarbiges Arsenik 20 Drachmen, pulverisiertes Glas
4 Statoren : weissen Gummi 10 Stat. , Safran . . . nach dem Schreiben
lasse trocknen und glätte.
Statere und Drachme sind die Gowichtsmasse; dieselben waren je naob dem Ort
wieder verschieden; so galt 1 Statere=: 28 Drachmen zu Athen, 20 Drachmen zu Cyzikus.
Das Auripigment (Schwefelarsenik) erscheint hier als oberflächliche
Färbung und nicht als innige Mischung mit dem Metall, _ eine Verwendung,
welche erst s'päter aufkam (Berthelot). Es findet sich auch ein Rezept (p. 9,
1. 5), um Buchstaben wie mit Aseraos (Legierung von Silber mit Gold) mittelst
Kupfervitriol, Schwefel und Essig, also ohne Gold und ohne Silber, nur in
der Farbe des Asemos zu schreiben, und ein Rez. (p. 10, 1. 32) für Silber-
schrift mit Bleiglätte, Taubenmist (sic 1) und Essig.
Bei der grossen Rolle, welche der Vergoldung in der Miniatur- und
Tafelmalerei der späteren Zeit (Byzantiner und Frühitaliener) zugeteilt ist, sind
die obigen Rezepte immerhin von Wichtigkeit. Die zwei folgenden Rezepte
spielen inhaltlich direkt auf die damals allgemein übliche Art der Farben-
bereitung an ; so das folgende (p. 9, 1. 7), welches mit mehr oder weniger
Details wiederholt wird;
„Goldschrift. Oarthamus (Saflor) , weissen Gummi und Eiklar mische
in einer Muschel; füge etwas Schildkrötengalle, soviel du meinst, bei, wie
man es mit den Farben macht, und brauche es; die bittere Ochsen-
galle dient auch für die Farben.“
Das zweite Rez. (p. 10, 1. 5) vereinigt Auripigment, Schöllkraut (Cheli-
doniura, welches einen gelben Farbstoff enthält), Schildkrötengalle und Safran;
als Bindemittel dient reines Harz, Gummi und flüssig gemachtes Eiklar.
„Es taugt nicht allein auf Papier 'und Pergament, sondern auch ebenso auf
farbigem Marmor und was immer schön und goldähnlich gefärbt werden soll.“
Gummi und Eiklar, welches letzere auf verschiedene Weise, durch
Schlagen zu Schaum und Abtropfenlassen, durch wiederholtes Pressen durch
nasse Leinenfilter u. dgl. flüssig gemacht wurde, sind die allgemeinen Binde-
mittel für Miniatur bis ins späte Mittelalter ; dies ist aus den meisten späteren
Mss. des Heraclius, le Begüe, Cennini bis zu Boltz v. Rufach (Ende XVI. Jht.)
zu ersehen. Bemerkenswert ist aber die Erwähnung der Ochsengalle in
so früher Zeit. Der praktische Sinn der alten Maler hatte auch hier wiederum
das geeignete Mittel empirisch herausgefunden, denn die Ochsengalle besitzt
die besondere Eigenschaft, mit wässerigen Bindemitteln versehene Farben auf
jeder noch so glatten Fläche sofort haftend zu machen. Man ersieht daraus,
dass alle diese Rezepte reellen praktischen Wert besitzen, wenn sie uns
heute auch sehr fremdartig anmuten.
Haben wir in den vorhergehenden Kapiteln die von den Aegyptern,
Griechen uhd Römern ausgeübten Maltechniken möglichst genau verfolgt und die
sich ergebenden Uebergänge bezeichnet, so können wir jetzt zum Schluss ver-
suchen, festzustellen, worin denn eigentlich die Erbschaft des
Altertums bestanden, was also das Mittelalter an technischen Ueber-
heferungen übernommen ha’ben kann. Uebereinstimmend hat die neuere
Kunstgeschichte angenommen, dass es nur zwei Techniken seien, nämlich
Fresko und Tempera; die Enkaustik sei verloren gegangen. Die letztere
hat sich aber, wie quellenschriftlich nachgewiesen werden konnte (vgl.
S. 236), bis ins VIII. Jht. erhalten, und aus ihr musste, wie des näheren
ausgeführt worden ist, in natürlicher haudwerksmässiger Folge die spätere
Harzölmalerei entstehen, welche in die Oelmalerei der Byzantiner (Naturale,
§ 53, Athosbuch) übergehen konnte.
Was den Begriff der Tempera betrifft, so sind darunter ursprünglich alle
Bindemittel, dann speziell die wassermischbaren, Ei oder Leim, verstanden
worden. Im Verlauf der Untersuchung konnten nun die unter den allgemeinen
Ausdruck Tempera fallenden Bindemittel der antiken Maler sehr viel ge-
nauer präzisiert werden; ich verweise auf die grossen Varianten z. B.
der punischen Wachstempera, die quellenschriftlich sogar bis ins XV. Jht.
249
verfolgt werden konnten (S. 238). lieber andere Bindemittel, wie Bi, Gummi,
Leim u. s. w. ist im Abschnitt über Temperamalerei bereits gehandelt. Bezüg-
lich der Preskotechnik, wie sie die Renaissanoezeit ausübte und welche als
Erbe der Antike gegolten hat, erschien jedoch eine gewisse Einschränkung
als notwendig.
Das Malen mit Wasserfarben auf nasser Bewurffläche und das dabei
unvermeidliche stückweise Malen konnte auf dem antiken, glänzendglatten
Stuck nicht stattfinden, obschon Farbe mit Kalk angemischt als Tünche
von den Alten jedenfalls gekannt war. Die Technik der pompejanischen
und römischen Wanddekorationen musste vielmehr in dem Verfahren der ge-
glätteten Stucoomalerei erkannt werden (Stuccolustro). Es ist demnach sehr
wahrscheinlich, dass die reine Buon-fresco-Technik der italienischen Prüh-
renaissance nicht ein Erbstück des Altertums gewesen sei. Wohl aber lassen
sich Anfänge dieser Technik sowohl bei der etruskischen Dekoration auf Ziegel
als auch bei der Bereitung der Grundflächen des pompejanischen Tectoriums
erkennen, soweit die Eigenschaft des frisch aufgetragenen Kalkes, dem mit
Farbstoff gemengten Stuckverputz Festigkeit zu geben, in Betracht kommt.
Aber Freskomalerei im heutigen Sinne ist von dieser Art, die mit Bewurf-
masse gemischten Farben als farbigen Stuck aufzutragen, doch wesentlich
verschieden; auch erfordert die geglättete Stuokoberfläche, damit sie
ihre Glätte nicht einbüsse, unbedingt ein weiches, schleimiges Bindemittel,
wie es das bei Stuccolustro verwendete wirklich ist.
Aber, so wird mit Recht gefragt werden, wenn die Freskotechnik
nicht aus dem Altertume stammt, wo und wie ist sie dann entstanden und
wie hat sie sich organisch entwickelt? Um diesen oder ähnlichen Ein-
wänden zu begegnen, sei eine genetische Erklärung des Fresko in Folgendem
versucht.
Gleichzeitig mit dem Streben nach Vereinfachung der technischen
Operationen bei der Wandmalerei, zu denen die sorgfältige Stuckbereitung
und das immerhin lästige Glätten der Malerei gehörte, fand schon eine
Neuerung Eingang, welche aus dem Verlangen entsprungen war, den De-
korationen hervorragender Gebäude, auch wenn sie nicht den Unbilden
der Witterung ausgesetzt waren, grössere Festigkeit zu geben. Schon in der
ersten Kaiserzeit begnügte man sich nicht mehr mit einfachem Marmorstuck,
sondern fing an auch Wandflächen mit dem früher nur bei Estrichen gebräuch-
lichen Steinmosaik (Lithostrotum) ^u verzieren (vgl. S- 166), und bald wurde
diese Dekorationsart auch auf Priesen an den Wänden , auf Säulen , Fon-
tänen u. dgl. angebracht. Alle diese Werke bestehen aus kleinen, prismatisch
oder würfelig geschlagenen oder geschnittenen Steinen, welche durch einen
Mörtel von Kalk, vulkanisehem Sand und zerstossenen Tonscherben fest-
gemacht sind. Mit der Verbreitung des Glases, dem jede Farbennüance
beigebracht werden kann, wird der F'arbenreichtum der Mosaikwürfel erheblich
vei-mehrt, und so erwähnt schon Plinius (XXXVI, 189) als neue Erfin-
dung, wie die Steinpavimente , vom Pussbodert verdrängt, zu Gewölb-
decken in Glasmosaik (camerae e vitro) geführt haben. Manchmal wurde
das Mosaik auch nur als Umrahmung eines Wandgemäldes verwendet; so
erinnere ich mich eines sehr instruktiven Beispiels in den Oalixtus-Ka-
takomben zu Rom, wo das Brustbild des Christus (in der Cella über dem
Altar) eine einfache Mosaikumfassung aufweist, die direkt in den weichen
9 s. John, die Malerei d. Alten p. 223, über die Mosaiken der Villa des Quintus
Horatius Flaccus, des Tempels zu Gabii, der Villa des Tiberius auf Capri : die kleinen
Würfel der ersten beiden Mosaiken bestanden aus dichtem Kalkstein und dunklem
Grünstein; in der Tiberianischen Villa auf Capri fand John, dass das bunte Glas-
mosaik aus Würfeln von weissem Glas, aus blauem Kupferglas und aus Porporino
bestand. — Dass heute von einem Mosaik in der Villa des Tiberius nichts mehr zu
sehen ist, wird Niemand verwundern, der weiss, wie jährlich Tausende von Fremden
diese Ruinen betreten und sich zur Erinnerung mitnehmen , was sie finden ; ja man
kann sogar von dem als Wächter dort aufgestellten Insulaner gegen kleines Trinkgeld
Mosaikstückchen angeboten erhalten.
Ursprung
der Fresko-
teohnik?
Verbindung
von Malerei
mit Mosaik.
250
Mosaik
\md Fresko.
Travertinstuck eingelassen worden ist, und dasselbe ist bei den daneben ge-
malten Figuren des St. Urban und der Sta. Helena der Fall. Natürlich
war die Herstellung eines solchen Rahmens nur so lange möglich, als der
Anwurf noch nass und weich genug war, um die eingedrückten Mosaik-
würfelchen aufzunehmen und festzuhalten, und durch diese Grundbedingung
der Mosaik-Technik können wir vielleicht Aufschluss erhalten über die
Entstehung der späteren Freskotechnik.
Stellen wir uns vor, wie eine Mosaikdekoration überhaupt ausgeführt
werden kann, indem wir zuerst den einfachsten Fall eines Fussbodenmosaiks
(Pavimento) aus kleinen schwarzen und weissen Würfelchen, z. B. einen
Mäander, nehmen! Da wird auf die gestampfte, ganz eben gemachte Unter-
lage, nach der allgemeinen Einteilung, ein dünner Brei von Estrichmasse
verschiedener Zusammensetzung®) aufgetragen, auf welchem die Zeichnung
des Ornamentes so rasch als tunlich xmd in kleinen Partien markiert werden
muss (heute bedient man sich in solchem Palle der Pausen und des Kohlen-
staubes) ; in den nassen Brei werden Stück für Stück die farbigen Würfel ein-
gedrückt und die etwaigen Lücken mit derselben Kittmasse ausgefüllt.
Sind alle Stellen so bedeckt und die Arbeit gut ausgetrocknet , so folgt das
Abschleifen des Ganzen, in gleicher Art, wie Steine geschliffen werden.
Ganz ähnlich ist das Verfahren auf Wandflächen. Nehmen wir den
Pall an, eine ganze Kuppel wäre mit figuraler Komposition auf Goldgrund
zu schmücken, so ist zunächst die ganze Zeichnung mit irgend einer
Farbe auf den Rohverputz aufzuzeichnen, um dann als Direktive für
den als Bettung der Glas- oder Steinwürfelchen bestimmten Kalkkitt zu dienen.
Nach den gründlichen Untersuchungen von K. Haas^®) war in Sizilien, auch
in Torcello, förmliche Untermalung auf dem Mörtel zu beobachten,
welche die Arbeit des Mosaizisten erleichterte und das störende Hervortreten
des weissen Mörtelkittes zwischen den farbigen Würfeln verhütete. Gewöhnlich
ist die Umrisszeichnung rot, die Stellen, auf welche Gold zu stehen kommen
sollte, mit gelbhch-rötlicher Farbe bemalt (s. Bücher, Techn. Künste I. p. 99).
Im Dom von Aquileja ist an abgefallenen Teilen des Mosaiks die rote Ein-
teilung und Unterzeichnung noch deutlich zu erkennen, ganz ebenso wie
bei der viel späteren Freskomalerei des Benozzo Gozzoli im Campo Santo
zu Pisa (Krönung Mariae). Hier ist der ganze Intonaco, die Malschicht,
abgefaUen, nur der Himmel und die obersten Engelreihen haben noch die
Farben ; die Einteilungs striche und die gesamte rote Aufzeichnung auf den
ersten Rohbewurf sind jetzt sichtbar. Auf diese rote Aufzeichnung
wurde stückweise die eigentliche Malschicht und abermals die Zeichnung
aufgetragen, genau in derselben Anordnung wie beim Mosaik. Nach
dem römischen Historiker Plavius Vopiscus war es zur Zeit des Kaisers
Valentinianus I. (364 — 375) Gebrauch, in den Mörtel Erdpech und andere
®) Bei diesen Bildern der Calixtus-Katakombe ist mir überdies noch aufgefallen,
dass die lebensgrosse Halbfigur des Christus in der Nische auf einem gelblichen
lehmartigen Untergrund, der über der weissen darunterliegenden Stuckschicht
aufgetragen ist, gemalt erscheint; auch die kleine Figur des h. Urban zeigt diesen
Grund, während das darüber befindliche der h. Helena den weissen Grund aller
übrigen Katakombenmalereien zeigt. Es mag dies demnach irgend eine Bedeutung
haben ; vielleicht stammt dieser gelbe Lehm vom heiligen Lande oder einer anderen
geheiligten Stätte, um hier als Symbol den ersten Christengemeinden bei ihren Gottes-
diensten vor Augen zu stehen? Alle übrigen Malereien in den Familiengräbern und
Kapellen sind auf weissen, nicht zu sehr geglätteten Travertinstuck gemalt und
zwar wahrscheinlich in der üblichen Temperamanier; für Fresko findet sich weder
ein Anhaltspunkt, noch ist bei den ganz einfach gehaltenen Dekorationen ein Zweck
dafür ersichtlich. Ein in meinem Besitz befindliches bemaltes Fragment aus einer
römisehen Katakombe war bei der Untersuchung gegen Abwaschen mit Wasser un-
empfindlich; die Farbe löste sich aber leicht in Schwefeläther, ein Beweis für die
Anwesenheit eines fettigen oder wachsartigen Bindemittels.
®) Ueber die antike Art Estriche zu machen gibt Vitruv (VII, 1) Aufschluss.
‘“j Haas, Ueber Mosaikmalerei. Mitteilungen der k. k. Zentral-Kommission zur
Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale, Wien 1859. p. 173 ff.
251
harzige Stoffe zu mischen; geeigneter, weil langsamer erhärtend, ist der
Marmor atum genannte Kitt, aus Kalk und Marmor staub mit Wasser und
Eiweiss, oder noch besser Leinöl, gemengt.
Es ergibt sich zunächst aus der Sache selbst, dass mit dem Einsetzen
der Glas- oder Steinwürfel nur so lange fortgefahren wird, als der Untergrund
weich ist , und nur soviel des Marmoratura-Kittes aufzutragen ist , als der
Arbeiter in. einem Zuge, d. h. an einem Tage, machen kann. Wie wir ge-
sehen haben, wurde die auf den Rohanwurf aufgetragene Zeichnung zur Er-
leichterung der Mosaizisten nochmals und in vollen Farbentönen aufgemalt.
Diese Bemalung hatte natürlich zu geschehen, sobald es die Konsistenz dos
Kittes nur gestattete, war also eine echte Freskomalerei, und nach
Beendigung der Tagesarbeit wurde der überflüssige Rand an den Konturen
genau abgeschnitten, um am folgenden Tag neue Kittmasse an die Stelle
streichen zu können. “) Versuche, welche ich im Kleinen mit der oben an-
gegebenen Kittmasse, dem Marmoratum, machte, haben ergeben, dass die Mög-
lichkeit, die Glaswürfel darin einzudrücken , mehrere Stunden vorhält; nach
dieser Zeit war dies nicht mehr gut zu bewerkstelligen ; die als überschüssig
abgenommene Kittmasse liess sich jedoch, feucht gehalten, für weitere Arbeit
aufbewahren.
In diesem aus der Technik sich ergebenden stückweisen An-
werfen und d e m Abschneiden des Ueberschüssigen nach beendeter
Tagesarbeit sind so vollständig die Arbeiten des Buon-fresco charakterisiert,
wie in keiner anderen Technik. Man vergleiche damit die Angaben für
Freskotechnik des Cennini (XIV. Jht.) in seinem bekannten Trattato
della pittura (Kap. 67). Auch hier wird die ganze Aufzeichnung auf
den ersten Grund gemacht, dann stückweise für die Tagesarbeit die eigent-
liche Malschicht aufgetragen, auf dieser zweiten Schicht nochmals die Ein-
teilung der Linien und die Zeichnung wiederholt und mit Farben aus-
gemalt. Das Ueberflüssige oder unbemalt Gebliebene wird dann ebenso am
Rande abgeschnitten , wie bei der Mosaiktechnik. Die Aehnlichkeit dieser
beiden Techniken ist so auffallend, dass es schwer sein dürfte, zu beweisen,
dass die Mosaiktechnik eine Folge des Fresko Verfahrens sei, sondern um-
gekehrt wahrscheinlicher ist, dass die Freskotechnik der späteren Italiener
eine Folge der früheren Mosaiktechnik gewesen sein kann. Es ist auch
bekannt, und dies scheint mir nicht unwesentlich, dass Wandgemälde
aus der ersten christlichen und byzantinischen Zeit nirgendwo erhalten sind
und die Mosaikdekoration bis ins XII. Jht. ausschliesslich zur Ausschmückung
von Basiliken und Palästen gedient hat. Erst später mag die reine Buon-
fresco-Technik in Italien Verbreitung gefunden haben. Es spricht dafür noch
der Umstand, dass die Angaben über Wandmalerei der Mönche vom Berge
Athos, welche nach Jahrhunderte langer Tradition geübt wurde, von einem
stückweisen Freskoraalen nichts wissen. Man vergleiche § 59 und
60 der Hermeneia und wird finden, dass auf die Opsis , d. i. die Wergkalk-
lage, am besten in frischem Zustand, indem die Oberfläche mit einem flachen
Eisen geglättet wird, gemalt werden soll; wenn aber die fjaot schon an-
gezogen hat, ohne dass der Maler mit seiner Arbeit zu Ende gekommen, dann
wird einfach mit Kalkfarbe weiter und fertig gemalt (§ 60). § 68 be-
sagt, dass die Mauer ganz trocken sein müsse, bevor der blaue Azur-
hintergrund anzubringen sei; diese Farbe wird mit abgekochter Kleie angerührt.
Auch Heraklius, De artibus Romanorura (etwa XIII. Jht.), weiss noch
gar nichts von Freskomalerei auf Wänden, und selbst der noch genauere
”) Die heutige Mosaiktechnik, wie sie von Venedig aus wieder verbreitet wird,
besteht in dem Aufkleben der einzelnen Mosaikwürfelchen auf eine Papierpause u. zw.
mit der glatten Seite nach unten. Das Mosaikgemälde wird dann in kleinere
passende Stücke zerschnitten und in die frisch aufgestrichene Mastixkittmasse ein-
gedrückt, so dass die zwischen den Würfeln gelassenen Zwischenräume damit aus-
gefüllt werden und jene vollständig eingebettet sind. Das Papier v/ird nachher
entfernt.
Gleichheit
der Arbeits-
führung.
252
Buon-fresco
der späteren
Zeit.
Theophilus, Sohedula diversarum artium , kennt nur die Anwendung von
mit Kalk gemischten Farben auf der trockenen und nur angenässten
Mauer (C. XV.); Azur und Grün sind aber mit Eidotter auf Kalkgrund zu
legen. Im Lucca-Ms. (VIII. Jht.) findet sich über Fresko gar keine Andeutung.
Wäre wirklich die reine Freskotechnik uns vom Altertum als Erbschaft hinter-
lassen worden , so müssten doch deutlichere Anzeichen davon in den alten
Quellen, dem Lucca-Ms., der Hermeneia des Athosklosters , in den Büchern
des Heraklius und Theophilus enthalten sein.
Wenn also die Bindekraft des frischen Kalkbewurfs den Alten wohl-
kannt war, aber aus den Sohriftquellen von Vitruv bis Theophilus nirgends
zu ersehen ist, dass stückweises oder tageweises Arbeiten für Wand-
malerei im Altertum oder in der Uebergangszeit üblich war, und anderer-
seits das Wesen der Mosaiktechnik auf diesen selben beiden Grund-
bedingungen, wie das spätere Buon-fresco beruht, so folgt daraus, dass der
Beginn des Buon-ifresco, das in der ital. Renaissance seine höchste Blüte
erreichte, beträchtlich später anzusetzen sein wird, als man bisher geglaubt
hat. Es wird dort seinen Ursprung haben, wo die äusseren Verhältnisse
nicht erlaubten, die reiche und kostspielige Mosaikdekoration anzubringen.
In die Uebergangszeit von der alten Welt zum frühen Mittelalter fällt
auch noch die Verwendung von Glasflüssen zum Email oder Zellensohmelz.
Dieses Verfahren steht in engem Zusammenhang mit dem Bekanntwerden
verschiedenfarbiger Glasflüsse und der überreichen Ausstattung von Gold-
arbeiten zu den Gefässen und Gegenständen des kirchlichen Kultus (Pala d’ oro
in St. Marco, Venedig und viele andere). Da sich diese Technik in ihrem
Wesen zunächst der Goldschmiedekunst anschliesst, so gehört eine ausführ-
lichere Besprechung derselben nicht in den Rahmen der eigentlichen Mal-
technik.
Zum Schluss möchte ich das „Erbe des Altertums*^ in maltechnischer
Beziehung dahin zusammenfassen, dass ausser den Techniken, deren Voll-
kommenheit gezeigt wurde, wie der Bereitung und Bemalung der Stuck-
wände, der Enkaustik, der hochentwickelten punischen Wachstempera und
der allgemeinen Eitempera, sich bereits die Keime aller späteren tech-
nischen Fertigkeiten schon im Altertu me nach weisen lassen: Mosaik,
Fresko, Harzölmalerei, die Vei'goldungsarten und Miniaturmalerei.
IV. Teil.
Anhänge.
Anhang I.
Die Farben der Alten.
Im Vergleich zu den vier Farben, deren sich nach Cicero die Maler
Polygnot, Zeuxis und ihre Zeitgenossen bedient haben sollen, ist die Farben-
skala, welche den späteren Künstlern zur Verfügung stand, ziemlich gross
und umfangreich. Die Farben waren zumeist natürliche, zum Teil aber auch
künstlich erzeugte; über ihre Fundorte, Benennungen oder Herstellungsart
sind wir durch die Schriftquellen des Theophrastus, Dioscorides, Plutarch,
Galen, Plinius und Vitruv viel genauer unterrichtet als über die eigentliche
Technik der alten Malerei. Bei Blümner (Techn. u. Terminol. der Gewerbe
und Künste der Griechen und Römer IV p. 465 flf.) findet sich das gesamte
Material vereinigt. Vor der hier folgenden gedrängten Aufzählung der langen
Reihe seien die zwei Aufgaben bezeichnet, die bei der Farbenskala der Alten
in Betracht kommen: erstens die philologische, durch sorgsames Registrieren
aller Benennungen die oftmals verwirrenden Angaben richtig zu stellen, die
durch die eben genannte umfassende Arbeit Blümner’s als gelöst erscheint;
zweitens die chemisch-technische, den alten Farbenbezeichnungen und Fabri-
kationsmethoden die entsprechenden heutigen gegenüberzustellen. In dieser Be-
ziehung muss konstatiert werden, dass sich in mehreren wesentlichen Punkten
Lücken und Unklarheiten finden und diese es heute noch unmöglich machen, ge-
nau zu sagen, welche Farben der Alten den jetzt bekannten entsprechen dürften.
Dieser Mangel tritt ganz besonders bei der weissen Farbe hervor, von
der die Alten viele nach den Fundorten bezeichnete Arten unterschieden. Das
melische Weiss, Melinum, war das am meisten geschätzte; schon die
ältesten Maler bedienten sich seiner. Plinius (XXXV, 37) nennt davon wieder
Arten, die als zu fett nicht beliebt waren; auf nassen Wandflächen war
es nicht verwendbar (s. S. 186). Unter den 1851 in einigen Läden der
Strada di Stabiae zu Pompeji aufgefundenen Farben befanden sich auch
verschiedene weisse , und es ist den Gelehrten noch immer nicht gelungen,
genau zu bestimmen , ob unter diesen Farben das Melinum ist oder nicht.
Ohaptal * *) untersuchte schon 1809 einige in einem Laden gefundene Farben,
darunter ein sehr feinkörniges Weiss , welches er für eine Art leichten Bim-
steines hielt. Spätere Untersuchungen von Davy*), Chevreul, Geiger
0 Annales de Chimie Tom. LXX. p. 22. (Mars 1809) s. oben p. 132.
*) Philos. Transactions of the royal Society, 1815 p. 97 übersetzt von Gilbert in
dessen Annal. d. Physik Bd. LII. 1816 p. 1 ff. Humphry Davy fand in Farbentöpfen
aus den Thermen des Titus, aus der Pyramide des Cestius, an pompej. Malereien und
der aldobrandinischen Hochzeit;
1. für Weiss einige Arten von Kreiden und Erden,
2. für Gelb, gelbe Ockerarten, die gebrannt
3. rot (mehr oder weniger) wurden.
4. Minium und Zinnober (seltner),
5. gelbes Bleioxyd (frz. Massicot).
6. Blau war eine Glasfritte von Soda und Kupferoxyd, welches durch Mischung
Melisobea
Weias.
256
Andere weisse
Farben.
Unter-
suchungen
von Palmeri.
haben als weisse Pigmente Kreiden oder feingeschleinmte Tone nachge-
wiesen. Bleiweiss wurde nirgends gefunden; nurChevreul fand in einigen
der aus dem Malergrabe von St. Medard stammenden Mischfarben Blei- und
Zinkoxyde.®) Aus allen diesen Analysen ist aber nicht zu ersehen, was denn
eigentlich das Weiss von Melos war. John’s Ansicht (Malerei d. Alten p. 127),
dass das Melische Weiss mit unserem Zinkweiss zu identifizieren sei,
wird von Blümner (a. a. 0. p. 469) bezweifelt. Andererseits glaubte der
französische Forscher Vir 1 et in einem auf der Insel Melos vorkommenden
tuffartigen Alaunstein von blendend weisser Farbe die Melische Erde der
Alten wieder zu erkennen, wie Neumann-P artsch (Physik. Geogr. v.
Griechenland p. 302) anführt. Unter den im Museo nazionale zu Neapel auf-
bewahrten, aus dem Funde der Strada die Stabiae stammenden weissen
Farben vermutet Donner (WandmaL p. 104) das Paraetonische und das
Eretrische Weiss, und letzteres habe mit dem weissen Bolus (bolus alba, Ar-
nona) grosse Aehnlichkeit.
Den auffälligsten Unterschied zeigen die im Museo befindlichen weissen
Farben bezüglich ihres spezifischen Gewichts , worauf noch niemand Rück-
sicht genommen hat; so fand ich, dass die mit Nr. 112227 bezeichnete
weisse Farbe sehr leicht ist und unserer Flugkreide oder Bologneserkreide
gleicht; sie färbt auch ebenso ab; Nr. 112226, die in Form eines Klum-
pens von Kindskopfgrösse daliegt , ist dagegen auffallend schwer und
blieb beim Abfärbeversuch am befeuchteten Finger haften. Nach Plinius
(XXXV, 191) könnte diese Farbe die Samische Erde sein, von welcher er zwei
Sorten, Collyrium und Aster nennt. Ein anderes Weiss, mit 112228 bezeichnet
(alte Nummer 338), färbt schwer ab und ist mit einem Stempel ver-
sehen , von welchem ich nur . . TIORV . entziffern konnte ; die ersten zwei
Buchstaben und der letzte sind unerkennbar. (Donner p. 105 liest Attioruiü).
Leider befindet sich unter den von Palmeri der chemischen Analyse unter-
zogenen 12 Farben aus Pompeji keine weisse. Es bleibt demnach die Frage
nach dem Weiss von Melos immer noch zu beantworten. Auch andere Farben,
wie das prächtige intensive Zitronengelb, diejenigen, welche unserem Neapel-
gelb und Cadmium gleichen, die nicht minder auffallenden rosa und violetten
Nüancen, welche höchstwahrscheinlich Purpur sind, harren noch der wissen-
schaftlichen Analyse.
Palmeri, dessen Untersuchungen in der deutschen Fachlitteratur weniger
bekannt geworden sind, ging hauptsächlich darauf aus, die ihm zur Unter-
suchung übergebenen Materien mit den Angaben des Plinius zu vergleichen,
ohne auf die heutige Nomenklatur besondere Rücksicht zu nehmen. Die
„Ricerche chimiche sopra 12 colori solidi trovati a Pompei“ sind
abgedruckt im Giornale degli scavi di Pompei, 1875 p. 159. Ich gebe im
Folgenden einen kurzen Auszug daraus;
1. Mineralische Farben.
a) Gelbe Farben.
Invent.-Nr. 157 enthält Eisen_, Kalk, Magnesia, Tonerde, Kieselerde und
Kohlensäure; organische Substanz wurde keine gefunden, ebensowenig in den
folgenden. Das Farbpulver war äusserst fein. Es ist vermutlich eine eisen-
haltige gelbe Erde (lichter Ocker), vielleicht mit etwas weissem Ton gemischt,
um die Farbe lichter zu machen.
Nr. 170; Enthält Eisen, Kalk, Schwefelsäure und Wasser; das Material
ist äusserst feinkörnig. Man kann es als Liraonit (Brauneisenerz , durch
Verwitterung von Eisenspat entstandenes Eisenoxyd) bezeichnen, der mit
Gips vermengt ist.
mit Kalk oder anderem Weiss mehr oder weniger hell wurde. Ausserdem fand er
Blau von Oxyden des Kobalt.
7. Eine schöne rote Farbe hält er weder für Krapp noch für Cochenille ; er
vermutet darunter Purpurissum mit Kreide versetzt.
*) 8. Anhang III.
257
Nr. 180 enthält Bisen, Tonerde, Kieselerde und Kohlensäure. Das
Pulver ist nicht so fein, aber von schöner Farbe. Es ist ein gelber Ocker
mit wenig kohlensaurem Kalk gemischt.
b) Grüne Farben.
Nr. 187 besteht aus harten Bruchstücken, die schwer zu pulverisieren
sind , und enthält Eisenoxyd und -oxydul , Tonerde , Kalk , Kieselerde und
Kohlensäure. Die Farbe ist hellgrün; angerieben wird sie etwas dunkler.
Man könnte sie für grüne Erde (Terra di Cipro) halten, von der Plinius
(XXXV, 48) sagt: viride quod Appianum vooatur ... fit et ex creta viridi.
Nr. 165. Die zweite grüne Farbe enthält Kupfer, Kalk, Kohlensäure
und Wasser. Der Aggregatzustand ist körnig, und sie könnte so nicht als
Malerfarbe verwendet werden; gepulvert gibt die Masse eine grünliche, wenig
schöne Farbe. Es scheint eine Kupferfarbe zu sein, aber durch die Zeit und
die Einflüsse des langen Kontaktes mit der Lapillischicht und Wasser ver-
ändert. Es lässt sich nicht beurteilen, ob es ein natürliches oder künstliches
Produkt sei. Palmeri sieht darin die Aerugo des Plinius (XXXIV, llü), so-
genannten Grünspan, event. Kupferlasur.
c) Rotbraune Substanzen.
Nr. 158 scheint eine Mischfarbe aus zwei verschiedenen Farben zu sein,
einer gelben und einer roten. Ihre qualitative Analyse ist gleichartig. Das
Rotbraun , welches in Feinheit des Pulvers , der Lebhaftigkeit der Farbe die
andere überragt, enthält nach der quantitativen Analyse :
Eisenoxyd 61,31
Tonerde 8,70
Kieselerde 24,51
Wasser 5,48
Spuren von Phosphorsäure und Kalk.
Es ist ein sehr eisenhaltiger Ocker, der wegen seines Wassergehaltes
für natürlich gehalten werden könnte; andererseits sprechen die Lebhaftigkeit
der Farbe und andere Anzeichen dafür, dass es gebranntes tonhaltiges Eisen-
oxyd (Rötel) gewesen ist. Palmeri denkt an die Rubrica des Plinius (XXXV, 35).
Nr. 159. Die qualitative Zusammensetzung ist der vorigen gleich; es
sind darin noch geringere Mengen von Kalk und Phosphat enthalten, die
Farbe ist noch lebhafter als die vorige. Dies Rot könnte für minium falsurn,
oder secundarium gehalten, werden , denn „auro candente nigrescit“ und die
roten Ocker werden in der Hitze fast schwarz. Um es heller zu bekommen,
fügten die alten Maler Kalk oder Gips hinzu („Invenio et calce adulterari“,
sagt PI. XXXIII, 121), wie es sich auch hier vorfand.
Nr. 160 ist ein reiner Ocker ohne merkliche Spuren von Verunreinigung;
das Pulver ist äusserst fein, die rote Nuance ein wenig ins gelbliche gehend.
Möglicherweise ist diese Farbe eine der drei Species von Sinopis, von welchen
Plinius (XXXV, 31) sagt: „species Sinopidis tres, rubra et minus rubens at-
que inter has media“.
Nr. 166 ist ein Ocker mit Spuren von Kalk, hat eine schöne rotbraune
Farbe, wie Nr. 158, ist aber weniger fein als dieser.
Nr. 167. Ein Ocker, der schwefelsauren Kalk (Gips) enthält. Palmeri
hält die Masse für eine künstliche Mischung von Ocker und Gips , da auch
merkliche Mengen von Eisensulfat darin vorhanden waren, welche durch die
nötigen Waschungen entfernt worden wären, falls die Farbe sich natürlich
vorgefunden und nicht die Folge des langen Zusammenseins des Ockers mit
dem Gipse gewesen sein würde.
Nr. 179 ist eine Mischung von Fragmenten verschiedener Natur: es
sind in der Hauptsache Lapilli, kleine Stücke gebrannter Erde und Bleioxyde,
doch liess sich nichts Bestimmtes ermitteln. Abgesehen von der letzteren
sind die zehn Farben : Ochra, Rubrica, Minium secundarium, Sinopis, Aerugo,
Viride Appianum.
17
258
Purpur.
2. Organische Farben.
Nr. 185. Rosafarbige Substanz.
Die Farbe enthält einen mineralischen Teil, der ein weisser, wenig
eisenhaltiger Ton und durch etwas Kalk und Schwefelsäure verunreinigt ist,
und eine organische Substanz, von der die rote Färbung herrührt und die
stickstoffhaltig ist; sie ist auf Ton niedergeschlagen und bildet einen reinen
Lack. Versuche mit Cochenille (coccus lacca) und Krapp haben von dieser
Substanz teils übereinstimmende, teils verschiedene Reaktionen gezeigt , so
dass Palmeri es für möglich hält, sie könnte Purpur aus der Purpurschnecke
sein oder eine Mischfarbe von allen dreien. Vergleichende Versuche mit dem
Farbstoff der Purpurschnecke wurden von Palmeri in Aussicht gestellt, es
ist mir aber nicht bekannt, ob er sein Vorhaben ausgeführt hat. —
Der als Purpur bezeichnete F’arbstoff' der Alten (vgl. Blümner, I 230 ff.,
wo auch die neuere Litteratur darüber zu finden) gehört zu den interessantesten,
nicht allein deshalb , weil er von den Alten so sehr geschätzt worden ist.
Der chemische Prozess , wie aus dem farblosen oder gelblichen Saft der
Schnecke durch die Manipulation des Färbers oder durch das Sonnenlicht der
eigentliche Farbstoff entsteht, ist noch nicht genügend aufgeklärt. Die Alten
unterschieden den Purpur der Purpurschnecke, welche Purpura oder Pelagia,
und einer zweiten, die Bucinum oder Murex genannt wurde. Plinius unter-
scheidet beide Arten genau, doch wurden sie bei der Anwendung gemischt;
man mischte beim Färben der Zeuge, machte Zusätze oder färbte mehrei’e
male, so dass zuletzt 13 verschiedene Purpurfarben unterschieden wurden.
Lac az e-D uthiers'^) erzählt, dass er 1858 in Port-Mahon seinen Fischer
Alonzo beobachtete, der zum Zeitvertreib Figuren auf sein Hemd zeichnete, in-
dem er Holzstäbchen in den Saft einer Schnecke tauchte , die von den Ein-
geborenen Corn de fei, von den Zoologen Blutmund, Purpura haemostoma, ge-
nannt wird. Lacaze-Duthiers bemerkte ihm , dass man das blasse Gelb
schwerlich werde erkennen können, worauf Alonzo erwiderte: Es wird sich
schon färben, wenn die Sonne darauf scheint. Nach wenigen Minuten waren
die Zeichnungen violett, aber zugleich entwickelte sich ein unerträglich ekel-
hafter Geruch.
Von Purpurschnecken (Abb. 53), die als Träger des Farbstoffes in Be-
tracht kommen, sind mehrere Arten bekannt, deren Farbennüancen vom tiefsten
Schwarzpurpur bis Violett und Rosa varieren. Von Murex trunculus Linn.
hat man in Pompeji grosse Schalenhaufen neben den Häusern mehrerer
Färber gefunden. Nicht minder hat man Ursache, Murex brandaris Linn.,
von venetianischen Fischern Türkenblut genannt, als zur Purpurfärberei ver-
wendet zu betrachten. Beide sind am Mittelmeer verbreitet, und es besteht der
Monte testaccio bei Tarent fast ganz aus den Gehäusen der letzteren Art ;
es wäre wohl möglich, dass daselbst eine der von den Alten oft erwähnten
Purpurfärbereien der Kaiser bestanden habe. Der Purpursaft der angeführten
Tiere ist in einem drüsenartigen Häutchen, an der unteren und inneren F'läche
des Mantels , zwischen Darm und Atemhöhle gelegen , enthalten ; die darin
abgesonderte Flüssigkeit ist weiss oder schwach gelblich; dem Licht aus-
gesetzt wird sie erst zitronengelb, dann grünlich und endlich violett oder rosa.
Die letzte Farbe wird dann allmählich intensiver. Anfangs in Wasser löslich,
wird der Purpurstoff völlig unlöslich, sobald er Seine Farbe angenommen hat.
Einige von diesen beiden am Mittelmeer häufigsten Murexarten entnommene
^) Annales des Sciences naturelles, IV. Serie, Zoologie T. XII. Paris 1859
Eingehende Arbeiten sind auch von Letellier im Archive Zool. Exper. T. VIII, 1890
veröffentlicht. Neuerlich zusammengestellt ist das gesamte Material bei A. Dede-
kind, Ein Beitrag zur Purpurkunde, Berlin 1898.
®) Meine an der zoolog. Station in Neapel gemachten Versuche, bei welchen
mich die Herren Dr. Lindner und Dr. Schönlank in liebenswürdigster Weise un-
terstützten, bestätigen diese Tatsachen im ganzen Umfang. Sie haben mir auch die
Gewissheit verschafft, dass die aus den im Mittelmeer verbreitetsten Arten, Murex
trunculus und M. brandaris, gewonnenen Purpurfarben mit den in Pompeji gefundenen
zwei Farben (Violettpurpur und Rosapurpur) identisch sind.
259
Parbenproben habe ich auf Wunsch des Direktors der kgl. Skulpturensammlung
„Albertinum“ in Dresden, Prof. Dr. G. Treu, dieser Sammlung übergeben.
Auf die erwähnten Versuche sei deshalb nochmals hingewiesen, weil sie
direkte Veranlassung waren, eine im kaiserl. Hofmuseum zu Wien (ägyptische
Abteilung) befindliche Mumienumhüllung aus Theben als Purpur zu
erkennen; dieses Objekt, ein mit netzähnlichem Dekor und Hieroglyphen-
inschriften bemaltes Stück Leinenzeug (Saal IV des Hochparterres, Nr 100
der Pensteryitrine IV), zeigt genau dieselbe Rosanüance wie die im Museum
von Neapel aufbewahrten Parbenreste, die sich mit dem der Purpurschnecke
Murex brandaris entnommenen Parbstoffe identisch gezeigt haben. Es unter-
liegt keinem Zweifel, dass die im Wiener Hofmuseuin bewahrte Reliquie mit
Purpur gefärbter Stoff ist; dem Kustos des Museums, Herrn Dr. A. Dedekind,
welcher auch die Hieroglyphen-Inschrift entzifferte*'"), gebührt das Verdienst
auf diese Entdeckung aufmerksam gemacht zu haben. Bei eingehenderem
Nachförschen fanden sich Reste desselben Parbstoffes und der violetten
Nuance auch an verschiedenen kleineren Gewandstatuen desselben Museums.
Es ist noch bemerkenswert, dass die Purpurfarbe, um auf dem Gewebe
zu haften, keines weiteren Beizmittels, wie die anderen Parbstoffe, bedurfte.
Vermutlich wurde zum Gebrauch für Malerei der gelöste Parbstoff mittelst
Alaun niedergeschlagen, wie bei anderen organischen Parben ; um heilere
Sorten zu erzielen, wurden weisse Tonerden, Bolus darunter gemischt. Bei-
mischung von Honig gegen das Eintrocknen des Parbstoffes wird von Vitruv
VII 13, 3 erwähnt. Durch das Aufkommen des orientalischen Krapp und der
Cochenille wurde Purpur immer mehr verdrängt oder mit diesen Parbstoffen
gefälscht. Schon in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung wurde
der Purpur durch andere Mittel ersetzt. Zur Pärbung von Pergament wurde
die alaungare Haut mit dem immer mehr in Aufnahme gekommenen Kermes
(coccus lacca), Krapp oder den Plechtenfarben (OrseiUe)-, mit Tournesol u. a.
gefärbt , so dass es schwer zu entscheiden ist , ob z. B. die mit Goldbuch-
staben geschriebene Ulfilasbibel auf tiefdunklem, die auf rosafarbigem Pergament
gemalten Miniaturen der Genesis, VI. Jht, (Wr. Hofbibliothek), ächte Purpur-
farbe zur Grundlage haben. Den Parbstoff der zuletzt genannten Miniaturen
halte ich vielmehr für Tournesol oder Polium des Theophilus (C. 40).
Die Erkenntnis der verschiedenen Nüancen der eigentlichen Purpurschnecken
führte dazu, auch in anderen Sammlungen ähnliche Porschungen anzustellen
wie im Wiener Hofmuseum. Der Ruhm , den einzigen Purpur zu besitzen,
dürfte der Wiener Sammlung nicht lange bleiben können. So fand ich an
®) Vgl. Wiener Zeitschrift f. d. Kunde d. Morgenl. VIII. Bd. p. 74.
0 Vgl. Lucca-Ms.: De Pelle alithina tinguere; de prima pandii tinctio; de Porfiro
melino; Tertius Pandius.
Murex brandaris.
Murex trunoulus.
Abbild. 53. Purpurschnecken.
17
260
Parbenliste
der Alten.
verschiedenen Tanagrafiguren sowohl Rosa- als auch Violettpurpur (Albertinum,
Dresden) ; im Berliner ägyptischen Museum sind es die Bandstreifen an der
Mumie des jungen Mannes ®) , sowie die rosafarbigen Blumen der im übrigen
ganz vergoldeten Halbbüsten aus Terraootta daselbst ; auf manchen Bildern
der hellenistischen Porträts aus Payüm. (Graf’sche Porträtgalerie) und Hawära
sehen wir ebenso Purpur auf Gewändern und Achelstreifen , wie auch auf
Ornamenten in einzelnen Wanddekorationen in Rom und Pompeji.
Es wird manchen Leser gewiss erheitern, zu erfahren, dass heutzutage
von den am Mittelmeer so häufig vorkommenden Purpurschnecken ein sehr
profaner Gebrauch gemacht wird. Bei einem Spaziergang in Murano bei
Venedig sah ich vor einer kleinen Weinwirtsohaft einen -alten Fischer einen
ganzen Korb voll solcher Schnecken feilhalten; dabei fiel mir anf, dass der
Mann mit Leichtigkeit die Schnecke aus dem Gehäuse zog, während dies bei
den Versuchen in Neapel absolut unmöglich war und die Schnecken zer-
trümmert werden mussten. Auf meine Frage erfuhr ich, dass die Schnecken
in heissem Wasser gekocht seien und „zum Wein delikat schmecken“ ; ich
sollte doch versuchen 1 Das Gericht nannte er Goruzzoli, doch fand ich keine
Veranlassung, den gastronomischen Genuss zu erproben. Für ein paar
Centesimi kaufte ich eine Hand voll davon und wollte versuchen j ob der
Farbstoff sich noch in diesem Zustand extrahieren liesse ; die Versuche hatten
aber negativen Erfolg.
Die Farben nach Plinius und Vitruv.
Der Hauptsache nach waren die Farben der Alten Naturprodukte
wie die Erdfarben, die entweder im Urzustände nur fein gerieben und ge-
reinigt, oder kalziniert wurden, also Ocker, rote Erden Kreiden, Tone,
natürlicher Zinnober; dann kannten sie noch Kunstprodukte, wie die blaue Glas-
fritte , Bleiweiss, Russschwarz und etliche Parblacke; auch die Pflanzenfatb-
stoffe Indigo und Waid waren ihnen bekannt. Aus der folgenden Zusammen-
stellung wird ihre reichhaltige Farbenskala ersichtlich , wobei so gut als
möglich die heutigen entsprechenden Bezeichnungen nebenangestellt sind.
Wegen näherer Details sei auf die schon erwähnten Werke von Blümner
und John verwiesen.
Weisse Farben.
1. Melinum, MyjXta sc. yv] (PI. XXXV, 37), eine der vier Hauptfarben ;
das von Melos war das beste, das von Samos wurde wegen seiner Fettigkeit
nicht gebraucht.
2. Greta (oder Terra) Eretria (Pf. XXXV, 38; 192), a) weisse, -b) graue,
eretrische Kreide ist wahrscheinlich eine Art’ weisser Talk (Brianzoner Erde)
oder auch Porzellanton.
3. Paraetonium (PI. XXXV, 36; Vitr. VII, 7, 3), Paraetonisches Weiss,
Kalkkarbonat i. e. eine weisse Kreidenart, wurde als Grundierung für Wände
und Malerei verwendet.
4. Greta anularia, Ringsteinweiss (PI. XXXV, 48), vermutlich Speckstein.
5. Oerussa, (PI. XXXIV, 175: XXXV, 37; 38; 49; Vitr. VII
12, 1) Bleiweiss, aus Blei und Essig bereitet.
6. Greta Selinjisia (PI. XXXV, 46; Vitr. VII 14, 2) wurde ebenso
wie die Sa mische Erde von den Frauen zur Verschönerung des Teints be-
nützt ; eine Art Kreide oder Kreidemergel diente auch mit Milch angerührt
zum Weissen der Wände.
Paraetonium wurde mit Kimolischer Erde i, e. Walkererde gefälscht.
*) Vgl. p. 206.
261
Gelbe Farben.
1. Oohra, Sil, &xpx (PI. XXXV, 30; 35; 39; XXXVIl, 179; 183;
Vitr. VII 7, 1). Natürlicher Ocker, Berg- oder Brdgelb. Es wurden unter-
schieden a) der Attische und beste, b) Skyrische, sil pressum (PL XXXIII,
158), c) der Gallische, sil lucidum, d) der Lydische (PI. XXXIII, 160),
e) marmorosum (PI. XXXIII, 159).
Durch Glühen und Ablöschen des Sil (in Essig) entstand eine tiefrote
Farbe in der Art unseres Englischrot. (Vitr. VII 11, 2.)
2. Cerussa usta, gebranntes Bleiweiss (PI. XXXV, 38; Vitr. VII 12,
2), durch Zufall bei einem Brande im Piraeus entdeckt, ist Bleigelb oder
Massioot; bei weiterer Calcination bildet sich Bleigläcte, die bei fortgesetzter
Hitze in Mennig übergeht.
3. Auripigmentum (PI. XXXV, 30; 49; XXXIII, 79), unser Rausch-
gelb, gelbes Schwefelarsenik (Operment).
4. Gelb aus der Abkochung der Lackviolen (viola arida) ist gelber
Pflanzenlack (Vitr; VII 14, 1). Mit Gilbkraut, Schüttgeib (lutum), wurde
Blau zu Grün gemischt.
Rote Farben.
1. Rubrica, patog, (PI. XXXV, 31; 33; 36'; XXXIII, 115; Vitr. VIT
7, 2) Berg- oder Erdrot, Rötel, gehört zu den ältesten Farben, vielleicht
die älteste, a) Die beste Sorte kam aus Kappadozien unter dem Namen
Sinopis Pontioa, Sinopische Erde (Mineralsystom). b) Sinopis Lemnia,
Siegelerde, wurde auf der Insel Lemnos einmal im Jahre unter religiöser
Feierlichkeit gegraben und mit dem halbmondförmigen Siegel gestempelt in
den Handel gebracht, c) S. Africana (cicerculum) aus Nordafrika und von
anderen Fundorten wurde teils mit den roten Variationen des Steinmarks, teils
mit div. Bolusarten verwechselt. Alle Rubrica- und Sinopisarten bestehen in
einer Verbindung mehr oder weniger reiner Tone mit rotem Eisenoxyd; hierher
gehören die Varietäten des roten Bolus bis zum roten Ton und gemeinen
roten Lehmmergel.
2. Künstliche Rubrica, (PI. XXXV, 38), durch Calcination von Eisen-
kiesen erzeugt , wodurch unter Umständen unser Englischrot und Caput
mortuum entsteht.
3. Minium, (PL XXXIII, 114; Vitr. VII 9, 1), Sohwefelquecksilber,
unser Zinnober.
4. Sandara ca, natürliche (PL XXXV, 39; Vitr. VII 7, 5), hält man
für roten Schwefelarsenik, Realgar; gefälscht wurde diese mit künstl. S.,
welche durch Calcination von rotem Bleioxyd, unserem Minium (Mennige),
entsteht.
5. Cinnabaris (PL XXXIII, 116), indisches Drachenblut, ist das rote
Pigment teils des Harzes, teils der Frucht des Calamus Draco.
6. Purpurissum (ostrum), Farbstoff der Purpursohnecken (PL XXXV,
44 ff.). Zur Färberei wurde P. mit noch anderen organ, Farbstoffen ge-
mischt verwendet; zum P. Puteolanum dienten Coccus, Färberröte, Musohel-
purpur und Creta argentaria. Auch Planzenfarbstoffe aus Hyacinthus und
Hysginum wurden zur Hervorbringung ähnlicher Farben benützt. (Vgl. über
Purpur oben p. 256.)
7. Mischfarben ; a) Sandy x, aus gleichen Teilen Rubrica und Sandaraca,
geröstet (PL XXXV, 40). b) Syricum, aus Sinopisoher Erde und Sandyx
(ebd.). c) Leukophoron (PI. XXXV, 36) diente als Unterlage für Ver-
goldung auf Hplz, entspricht nach der Zusammensetzung dem heutigen
Boliment.
Blaue Farben.
1. Armenium, armenisch Blau (PL XXXV, 30; 47), durch Zerreibung
von lapis Armenius gewonnen, ist Kupferlasur.
262
2. Caeruleum (PI. XXXIII, 161), Himmelblau; a) C. Scythicum, Lasur-
stein (Gilbert und John vermuten Ultramarin), b) 0. Cypricum, Kupferlasur
i. e. ßergblau (kohlensaures Kupferoxyd) ; c) C. lomentum, eine hellere Sorte.
3. Puteolanum (PI. XXXIIl, 161; 162), künstliches blaues Kupfer-
glas, die ägypt. blaue Glasfritte Cyanus Aegypt., welche von Vestorius nach-
gemacht wurde (Vitr. VII 11, 1). Die Bereitung wird dort angegeben: Man
reibe Sand und flos nitri (ausgewittertes Natron) zu Staub , vermenge damit
Kupferfeilstaub, knete daraus Kugeln, drücke sie fest in irdene Schmelztiegel
und lasse sie im Ofen verglasen.
4. Indicum (PI. XXXIIl, 163: XXXV, 30; 46; 49; Vitr. VII 9, 6) ist
achter Indigo, aus Indien bezogen. Auch wurde aus Waid (Vitrum, Isatis)
eine dem Indigo ähnliche Farbe hergestellt (Vitr. VII 14, 2; Plin. XXXV, 46
u. XX 59).
Grüne Farben.
1. Chrysocolla (PI. XXXIIl, 89), natürlicher Malachit oder Kupfergrün ;
unser Berggrün, früher durch Zerreiben von Malachit, jetzt künstlich dargestellt.
2. Appianum, (PI. XXXV, 48), eine künstliche Nachahmung der vorigen,
aus grüner Erde bereitet.
3. Greta viridis, Grüne Erde (Vitr. VII 7, 4), auch Theodotion nach
dem Entdecker genannt, scheint unsere Veroneser Grünerde zu sein.
4. Aerugo (PI. XXXIV, 110; Vitr. VII 12, 1), Kupferrost, unser Grün-
span, aus Kupfer und Essig bereitet.
Schwarze Farben.
Atramentum (PI. XXXV, 41; 42; Vitr. VII 10, 4). Die Arten des
Schwarz sind sehr zahlreich; einige wurden gegraben, die meisten aber künst-
lich durch Verbrennen von harzigen Hölzern u. dgl. erzeugt.
1. Schwarze Erd- und Braunkohle.
2. Kienruss, beim Verbrennen von Pech und harzigen Hölzern,
3. Kernschwarz, durch Verkohlung von Traubenkernen gewonnen.
4. Weinhefen und Tresterschwarz, Tryginon, hat eine blaue Nüance.
(Rebenschwarz.)
5. Kohlenschwarz, durch Zerreiben der Kohle zarter Hölzer bereitet.
6. Elephantinum, gebranntes Elfenbein, Elfenbeinschwarz, von Apelles
erfunden.
7. Mumie der Leichen, von Plinius als „unbequem und neumodisch“
(importunum ac novicium) erwähnt.
Schreibtinte, atramentum librarium, wurde aus Gummi und Kienruss
hergestellt.
Schusterschwärze, atramentum sutorium, ist Eisen- oder Kupfer-
vitriol. Sepia des Tintenfisches, atramentum sepiae, erwähnt Plinius ohne
Angabe einer technischen Verwendung.
263
Anhang II.
Malgeräte im Museum zu Neapel.
Der Fund von St. Medard in seiner Vollständigkeit ist bis jetzt einzig
in seiner Art geblieben; hauptsächlich verdanken wir diesen der in Gallien ge-
bräuchlichen Bestattungsart, während bei den Römern durch die Verbrennung
der Leichen und das Sammeln der Aschenreste in Urnen dem B’orscher soviel
wie nichts von den Lebensgewohnheiten des Verstorbenen Kunde gibt.
Bei dem Besuch des Museums war meine Aufmerksamkeit natürlich Kohlenbecken,
darauf gerichtet, ähnliche Instrumente wie die in St. Mödard gefundenen zu
konstatieren ; ausserdem fahndete ich in allen Sammlungen nach einem Utensil,
welches zur Aufnahme von Kohlen und zum Erwärmen der Wände bei
der Ganosis hätte dienen können. In letzterer Hinsicht war mein Suchen
vergeblich, nur ein einziges Objekt im archäologischen Museum zu
Florenz könnte als hierzu geeignet bezeichnet werden: ein Becken aus
Bronze (aus Chiusi stammend ; der Teil der Sammlung war noch nicht
nummeriert) mit drei Füssen darunter, nach oben zu wie ein Bienenkorb mit
Bronzestäbchen abgeschlossen, welche zwei Drittel des Ganzen bildeten; ganz
zu oberst eine runde Oeffnung zum Auffüllen von Kohlenstücken. Dieser
Apparat hatte Aehnlichkeit mit demjenigen, welcher heute auch zum Aus-
trocknen feuchter Wände bei Neubauten dient, und hatte eine Höhe von
ca. ^/2 m. Vitruv (VII 9, 3) erwähnt jedoch ein ei ser nes Gefäs s (ferreum
vas), und da auch in Pompeji alle Eisenteile vollständig vom Rost ver-
nichtet sind, so ist wenig Aussicht, jemals ein solches kennen zu lernen.
Anders ist es mit Bronzegegenständen bestellt, denen das fast 1800 jährige
Grab ausser der grünen Patina nicht viel anhaben konnte. Es war gar nicht
anders zu erwarten, als dass sich im Museum Instrumente finden würden, die
mit den in St. Mödard gefundenen Aehnlichkeit haben; finden sich ja solche
in allen grösseren Sammlungen, wie in Wien, München, Rom u. a. ; aber die
reihenweise Aufstellung von noch so vielen gleichartigen Objekten kann uns
nicht viel sagen, wenn wir nicht ganz genau wissen, mit welchen anderen
Objekten vereinigt diese Dinge gefunden wurden. Erst dadurch konnte ja
der Fund von St. Mödard die Bedeutung erlangen, uns das Ver-
ständnis der enkaustischen Technik zu erleichtern!
Das Museum von Neapel birgt in dem Saal der kleinen Bronzen^)
in einigen Kästen (LXVI und daran schliessend) einen Schatz, welcher noch
nicht ganz gehoben scheint. Viele dieser Gegenstände aus Bronze wurden
in einem Laden in Pompeji gefunden; durch einzelne Gegenstände der
') Inzwischen ist dieser Teil des Museums neu aufgestellt worden , doch war bei
m. letzten Aufenthalt die Neuaufstellung noch nicht beendet. Die obigen Notizen
stammen v. J. 1893.
264
B'arben-
Schaohteln.
Enkaustische
Malgeräte.
Chirurgie wie Sonden, Zangen und gynäkologische Instrumente kam man
wohl auf den Gedanken, den Laden für den eines Chirurgen oder für eine
Apotheke zu halten.
Auf den ersten Blick erkannte ich, dass unter den zahlreichen Objekten
sich solche befinden, die wie die Bronzekapsel des Fundes von St. Mddard
Löffelchen ganz ähnlicher Form enthielten und ebenso paarweise vorkamen;
einige dieser Kapseln waren noch an einer kleinen Basaltplatte festge-
schmolzen, wie auch solche der Fund in der Vendee zu Tage förderte. Der
Kustos, Herr Camillo Lembo, welcher vom damaligen Direktor Herrn de
Petra beauftragt war, mir die Kästen zu öffnen, war Zeuge der folgenden
Ergebnisse: Der Inhalt der viereckigen bronzenen Kästchen Nr. 78202 und
78203 bestand aus Farbstücken, von oblong runder Form; wir überzeugten
uns davon leicht durch Anfeuchten und Anreiben auf der Handfläche; bis
dahin hielt man diese Stücke für — Pillen!
Herr Lembo war ganz erstaunt darüber, dass noch niemand auf diese
einfache Idee gekommen war; wir untersuchten deshalb weiter: Die runden
Schachteln aus Bronze 78206 und 78208 enthielten gleichfalls Farben,
roten Ocker, Umbra, Schwarz in Stangenform und unregelmässigen Stücken,
wie erstere jetzt noch von Architekten zum Anreibeu in Porzellannäpfchen
Abbild. 54. Bnkaustisohes Malgerät und Spachteln. 'Is der riat. Grösse.
verwendet werden; Farben enthielten auch 78215, 78236 und 11350; eine
flache Bronzeschale 78210 enthielt ein braunes Harz, wovon eine ganz
kleine Probe erhitzt sofort unter aromatischem Geruch schmolz. Das Bronze-
kästchen 78198 enthielt grössere Stücke einer sehr schönen Umbrafarbe,
ebenso das Kästchen 78189 mit den 6 Abteilungen und den Schiebedeckeln
unten und oben; die Farben waren auch hier in der kurzen Stangenform,
oblong, und es fanden sich Blau,* Grün, Umbra, Schwarz vor, auch einige Stücke
der blauen Glasfritte in Kugelform.
Eine noch an die Basaltplatte festgeschmolzene Kapsel enthielt ausser
zwei Bronzelöffelchen noch eine Pinzette; ganz den gleichen Inhalt
hatten 78136, 78144, 78151 (Abb. 54, 1, 2, 3); Nr. 78153 hatte ausser
diesen Gegenständen auch eine Spachtel in der Form von 4 der Abb. 54
und den Bronzeteil der Stuckatorspa chtel (s. 5), deren Bisenteil fehlte,
auch in der Kapsel keinen Platz gehabt hätte ; eine ganze Reihe dieser
Stuckatorspachteln , mehrfach noch mit dem stark verrosteten Eisehteil , sind
in dem rechts anstossenden Kasten zu finden.
’) Overbeck (Pompeji in seinen Gebäuden etc.) scheut sich merkwürdigerweise
wegen dieser Objekte näher auf den Fund einzugehen.
265
Es war mir jetzt ganz klar; der Fundort konnte keine Apotheke oder
dgl. gewesen sein, es war der Laden eines Instrumentenhändlers, der
auch gleichzeitig Farben u. s. w. verkaufte.
Im ersten Moment wusste ich keine Erklärung für die Anwesenheit delr
Pinzetten in den Bronzekapseln mit den zwei Löffelchen. Der Fund von St.
Mddard wies keine Pinzette auf, hier war dieselbe mehrfach und auch in
zierlicher Form da; ich erinnerte mich aber an die zweimalige Verschüttung
von Pompeji im Zeitraum weniger Dezennien und kam auf den Gedanken,
dass diese Pinzetten bei der als III. Art von Plinius bezeichneten En-
kaustik nötig waren, um die heissen Farbennäpfchen vom Wärmapparat
abzunehmen oder wieder hinzusetzen. Die Instrumente für Enkaustik werden
überdies durch die einschneidende Veränderung, welche die Pinselenkaustik
mit sich brachte, auch ihre äussere Form gewechselt haben, und dies
ist in der reichhaltigen Sammlung von Neapel sogar zu konstatieren . die
Löffelchen verlieren ihren Hauptzweck, die flüssige Wachsfarbe damit auf-
zunehmen, und werden entweder Zierde, Handhabe oder fallen ganz weg, wie
bei Nr. 78145 und 78141, so dass auf beiden Seiten verdickte. Enden zum
Warmmachen da sind; auch Spachtelformen mit verdicktem Ende sind häufig
anzutreffen. Die Spachtel mag auch zum Zusammenmischen von Farben
Abbild. 55. Bronze-.Tnstrumento.
oder anderen Zwecken gedient haben; ähnliche finden sich in grosser Zahl,
einzelne davon sind doppelseitig, so 77733 und 77734.
Ganz merkwürdig geformt sind mehrere Instrumente mit oben ab-
gerundeter Spitze (Abb. 55) und mitunter sehr reichem und zierlichem
Griff, für welche noch keine Erklärung gefunden wurde; bis jetzt hielt
man dieselben für Instrumente der Zahnheilkunde. Ein Objekt Nr. 116444
gibt uns jedoch Gelegenheit, eine richtigere, d. h. wahrscheinlichere, Lösung
dafür zu finden. Dieses Objekt'ist eine Bronzekapsel von gleicher Form
wie die oben erwähnten, und enthält 7 Stücke, welche ich einzeln in der
Abbildung (Abb. 56, 2 — 8) gebe.
Nr. 1 ist die Kapsel mit den Gegenständen darin (abgebildet auch bei
Nicolini, le case e monumenti di Pompeji, Napoli; Sommer e figlio). Grösse
der einzelnen Stücke 16 — 20 cm;
Nr. 2 zeigt einen länglichen Bronzestil mit nadelartigem Fortsatz
nach oben; der untere wie es scheint abgebrochen;
Nr. 3 ein Bronzestück mit tiefen Löchern oben und unten, in welche
die Spitze d. h. der nadelartige Fortsatz von 2 hineinpasst; es mag demnach
zur Verlängerung dienen, wie sie Architekten ähnlich bei ihren Zirkeln haben;
Andere
Bronze-
Instrumentu.
266
Nr. 4 ein Bronzestück mit oben abgerundeter Spitze (gleichartig mit
derjenigen in Abb. 55, 1 und 2), deren unterer Teil ausgehöhlt ist, so dass
er ebenso wie das vorige Stück auf 2 aufgesetzt werden kann ;
Nr. 5 und 6 sind gleich, längliche Bronzenadeln mit dickerem und
.bgefiaohtem Ende;
Nr. 7 ist eine Spachtel, wie sie mehrfach vorkommt;
Nr. 8 sind eigentlich 3 Objekte, welche durch die Hitze verschmolzen
sind und sich nicht trennen liessen ; der länglich unförmliche Teil ist Ambra
oder Bernstein (durch den Geruch beim Reiben erkennbar), die beiden an-
deren Stücke aus Bronze sind teilweise von diesem verdeckt; man er-
kennt jedoch deutlich eine auf einen längeren dünnen Bronzestil aufgesetzte
1 2 3 • 4 5 Ü 7 «
Abbild. 56. Inatrumente in einer Bronzekapsel (Pompeji), der nat. Grosse.
konisch geformte Spitze ; aus der Masse des Bernsteins ragt nach unten noch
ein Bronzeteil etwa 1 cm heraus, dessen Fortsetzung nicht mehr zu sehen ist.
ln dem Abschnitt „Schlussfolgerungen“ S. 160 Anm. habe ich schon die
Vermutung ausgesprochen, dass oben abgerundete Bronzeinstrumente zum
Ziehen von Markierungslinien in dem weichen Stuck gedient haben mögen ;
das hier vor uns liegende Objekt bestätigt meine Ansicht : wir haben den Zirkel
und das Handwerkszeug eines der Tectores vor uns; es fehlt zur Vollständigkeit
nur der Kopf des Zirkels, welcher entweder unter dem verschmolzenen Teil
zu vermuten ist oder vom Tector irgendwo separat nebst anderem Hand-
werkszeug aufbewahrt wurde. Nr. 5 und 6 dienten zur Markierung kürzerer
Linien oder zum Bezeichnen einzelner Punkte ; die unteren Enden mögen
Abb. 57. Tabloohe italienischer Stuckarbeiter.
267
dazu verwendet worden sein, Hilfspunkte wieder zu ebnen. Dass es sich
bei diesem ganzen zusammengehörigen Handwerkszeug um einen Zirkel und
dessen Gebrauch auf weichem Grunde handelt, dafür spricht ausser den
Verlängerungen auch die konische Spitze bei Nr. 8, welche ihrer Form
wegen nicht so tief in den weichen Grund eindringen kann.
Die Erklärung dieses interessanten Objektes macht die Wahrscheinlichkeit,
dass die übrigen Instrumente mit der nach oben gebogenen Spitze denselben
Zweck gehabt haben, sehr gross; möglicherweise sind sie auch anderweitig
gebraucht worden, aber zu dem eben angegebenen Zwecke eignen sie sich
ganz ausgezeichnet.
Hier möge noch ein Gerät angereiht werden, das für Stucktechnik dient
und heute im südlichen Italien und Sizilien gebräuchlich ist, nämlich die sog.
Tabloche oder Tavolezza. Wahrscheinlich ist das sehr zweckmässige Utensil
schon im Altertum zum selben Zweck verwendet worden. Der Stuckarbeiter
musste , wenn er auf dem Gerüst die letzten Aufträge machen wollte , sich
mit einem vorher angemachten Vorrat von Stuckmasse versehen; dazu diente
das kleine Brett mit einer unten angebrachten Handhabe, wie es Abb. 57
zeigt. Da vermutlich zwei oder mehr Arbeiter gleichzeitig mit dem Aufträgen
der Stuckschicht beschäftigt waren, damit die untere Schicht nicht zu schnell
trocken würde, bot ihnen das eben erwähnte Holzgerät ein bequemes Hilfsmittel
zur schnelleren Arbeit.
Tabloche.
Anhang III.
rzige Masse.
Waclis.
1. Chevreul’s chemische Analysen römischer Farben und anderer
Substanzen des Fundes von St. Medard-des-Prds.
(Auszug aus Recherches chimiques sur plusieurs Objets d’Ar-
chdologie, trouves dans le Departement de la Vendee. Abgedruckt in
Memoires de l’Academie des Sciences de l’Institut de France. T, XXII.
Paris. 1850 p. 183 — 199.)
Prüfung von Substanzen orgamschen Ursprunges.
§ 1. Untersuchung einer harzigen Masse.
Die Masse, in grossen Stücken, zeigte zwei sehr verschiedene Partien:
eine äussere Partie, bröckelig, undurchsichtig, holzgelb, und eine innere Partie,
leicht gebräunt, durchscheinend, wohlriechend, hatten alle Eigenschaften des
Harzes. Zwischen diesen beiden Partien war kein Mittelding, und es ist ohne
Zweifel die äussere Masse auf eine Alteration der inneren zurüokzuführen.
Koohender Alkohol war nicht imstande, die innere Partie vollständig zu lösen.
Die genaue chemische Untersuchung der im Alkohol gelösten Masse ergab deren
Gleichheit mit dem Harz der Strandpinie, Pinus maritimus; auch die im Al-
kohol nicht gelöste Partie zeigte gleiche Eigenschaften wie Pinus maritimus
oder Pinus silvestris.
§ 2. Untersuchung einer Masse, welche in kleiner zylindrisch konischer
Form war, ergab als Resultat Bernstein oder gelbß Ambra.
§ 3. Masse in einer grossen Masche enthalten.
Diese Masse war einer augenscheinlichen Veränderung unterworfen, denn
sie verbreitete einen moderigen Geruch; dem, äusseren Anschein nach war sie
nicht gleichmässig; die weissen verwitterten Partien und schwarze Teilchen, die
sich auf dem blassgelben Grund zeigten, deuteten auf Wachs. Die Masse
schmolz und gerann wie dieses bei 64®; Lackmuspapier rötete sie leicht.
Siedender Alkohol löste sie, mit Ausnahme eines leichten Rückstandes, welcher
ein wenig Asche zurückliess, die aus Kalk und Spuren von Eisenoxyd und
Kali bestand. Die Lösung in Alkohol ergab beim Erkalten wirkliches Wachs,
schmelzbar bei 64®, und enthielt eine Spur einer schwarzen Masse.
Die alkoholische Lösung enthielt nach dem Erkalten und nachdem das
Wachs durch Filtration davon getrennt worden, zwei fette Säuren von ver-
schiedener Schmelzbarkeit : die weniger schmelzbare krystallisierte bei der
natürlichen Verdunstung eines Teiles des Alkohols: das Filtrat, mit Wasser
vermengt, gab eine leicht gefärbte Masse, bei 41 — 42® schmelzbar, und ent-
hielt ohne Zweifel eine schwer schmelzbare Säure. Die Säuren, welche
in relativ geringer Quantität im Wachs enthalten waren, färbten, in Alkohol
gelöst, Lackmuspapier rot, und Wasser, der roten Flüssigkeit hinzugefügt,
veränderte dieselbe wieder in Blau. Die Säuren schienen mir von einer
Mischung von Oel- und Fettsäuren verschieden. Die von ihnen entfernte
26Ö
Flüssigkeit reagierte leicht sauer, und der Rückstand nach dem Verdampfen
ergab nur eine Spur einer Asche von Kalk und Eisenoxyd. Die Masse
war demnach Bienenwachs, von welchem sich nur sehr kleine Partien ver-
ändert hatten.
§ 4. Prüfung einer Masse in einer kleinen Phiole mit flachem
Boden.
Diese Masse wurde in heisses Wasser gebracht und geschüttelt, um die
im Wasser löslichen Körper zu entfernen; sie schmolz, nahm eine braune
Farbe an und roch nach Harz oder Pech. Das Wasser war nach dem
Erkalten mit einem weissen Häutchen bedeckt ; die grössere Partie der Masse
war nicht gelöst, auch das abfiltrierte und verdampfte Wasser Hess nur einen
leichten gelblichen Rückstand, der auf Lackmus sauer reagierte und ein kalkiges
Salz enthielt; aber es war weder Schwefel- noch Stickstoff- oder chlorhaltig.
Die unlösliche Masse schied in kochendem Alkohol Wachs aus, welches sich
im Erkalten zeigte. Dieses Wachs schmolz bei 64® und war nicht säure-
haltig. Der nach der Ausscheidung des Wachses filtrierte Alkohol enthielt
wirkliches Pinienharz d. h. die nämliche (§ 1) gefundene Substanz. Endlich
zeigte das im Alkohol Unlösliche dieselben Eigenschaften, wie die ira obigen
Kapitel beschriebenen.
Ohne Zweifel war die Masse ein Gemenge von Harz und Wachs,
zum Gebrauch für Malerei bestimmt.
§ 5. Prüfung einer schwarzen Masse in einer Phiole mit sehr
flachem Boden.
Diese Masse, welche eine ausserordentlich komplizierte Mischung vor-
stellte, ergab ein merkwürdiges Resultat durch die freie Anwesenheit von
öligen und fetten Säuren.
(Ohevreul wundert sich darüber, weil Fillon den Fund aus dem III. Jahr-
hundert n. Ohr. datiert, und fährt dann fort :) Die Masse hatte eine schwärz-
liche Färbung und den Anschein einer vollständig zu einer festen Masse
innig verbundenen Flüssigkeit. Bei 20® Wärme wurde sie weich, färbte das
feuchte Lackmuspapier stark rot und strömte einen aromatischen Geruch aus,
der nichts Ranziges hatte. In warmem Wasser löste sich nichts von der
Masse, die vollständig gleich blieb.
Bei der Behandlung mit kaltem Alkohol löste sich eine fette Säure, voll-
kommen flüssig bei 20®, welche alle Eigenschaften einer Mischung von Oel-
mit Fettsäure aufwies. Der Schmelzpunkt der beiden Säuren blieb konstant
nach der Lösung in Kali und darauffolgender Isolierung. Das bezeugt, dass
sie nicht mit verseiften fetten Körpern gemischt waren.
Kochender Alkohol sonderte nach dem Erkalten eine neutrale Masse ab,
bei 64® schmelzbar, mit allen Eigenschaften des Bienenwachses ausgestattet,
und der nach dem Erkalten filtrierte Alkohol enthielt eine Masse, schmelzbar
bei 28®, welche Oel- und Fettsäuren enthielt.
Schliesslich ergab die in kochendem Alkohol nicht lösliche Masse Russ-
schwarz, welches nach der Verbrennung in der Asche nur eine Spur von
Kalk, vermutlich eine Kalkseife, enthielt.
Die Anwesenheit der Fett- und Oelsäuren, des Wachses und des Russ-
sohwarzes ist demnach nicht zweifelhaft. Woher kommen nun diese Säuren?
Sind sie auf die natürliche Alteration eines neutralen Oeles, welches man dem
Wachs und dem Schwarz beigemengt, zurückzuführen, so zwar, dass durch
den atmosphärischen Einfluss oder irgend einen anderen das neutrale Oel
in Säure übergeführt worden ist ? Oder rühren sie von einer Zersetzung von
verseiftem Olivenöl, Mohnöl oder einem anderen durch eine Säure wie Essig-
oder Zitronensäure her ? Das kann ich nicht bestimmt entscheiden ; die
zweite Art erscheint mir übrigens wahrscheinlicher als die erste, u. zw. aus
folgender Ursache: Man fand durchaus keinen in Wasser löslichen Körper,
auch keinen riechenden, welche den fetten verseifbaren Körpern gleichen, die
saiier und ranzig werden, und fürwahr, wenn man die Masse untersucht hätte.
Mischung
von Harz und
Wachs.
Wachs mit Oel-
u. Fettsäuren.
270
ohne ihr Alter zu kennen, würde man ohne Bedenken darauf schliessen, dass
dieselbe direkt aus einer öligen Säure, die ein wenig fette Säure enthielt, ge-
bildet war.
Prüfung von Farben und anorganischen Substanzen des Fundes von
St. Medard.
§ 1. Untersuchung von 4= Materien^ Nr., 1. 2. 3. 4,
aus drei Metalloxyden gebildet, welche, wie es den Anschein hat, ursprünglich
in einem dickflüssigen Zustand in die Behältnisse gebracht worden waren
und dort erhärteten. Die Massen waren nicht gleichmässig und keine färbte,
auf Papier gebracht, mit reiner Farbe ab. Die Farben verteilten sich auf
Grün, Orange und Grau; die grünen Töne waren durch Rot gebrochen, die
orangefarbigen durch Grau.
Materie 1 war gebildet aus kohlensaurem Kupfer, kohlensaurera Blei
und Eisenoxyd ; ausserdem Spuren einer organischen Substanz und Kalk
nebst ein wenig eisenhaltigem Sand. Die Mischung zeigt eine grau-grünlich-
gelbe Färbung.
Materie 2 war der vorigen analog und zeigte ausser den Kupfer-,
Blei- und Eisenoxyden Spuren einer organischen Substanz , überdies Zinn-
und Arsenikoxyde. Ausserdem Sand von Kieselerde, Tonerde und Eisen-
oxyd.
Materie 3 war genau wie die vorige, nur war das Eisenoxyd im Ver-
hältnis grösser, die Färbung mehr braunrot.
Materie 4 genau wie die vorhergehende.
§ 2. Untersuchung einer Masse, aus Metalloxyden und Eisen-
phosphat gebildet, Nr. 5.
Dieselbe war blass-blau-grün mit braunen oberflächlichen Flecken. Die
ehern. Zusammensetzung glich der obigen vollkommen , nur war die Menge
des Eisenoxydes grösser, hauptsächlich durch die braunen Flecken bedingt;
sie enthielt ebenso organische Substanz und eine grössere Menge Eisen-
phosphat, wahrscheinlich phesphorsaure Tonerde, überdies war in der Mischung
kohlensaurer Kalk und ein wenig Sand von eisenhaltiger Tonerde.
§ 3. Untersuchung einer aus 4 Metalloxyden gebildeten Masse Nr. 6.
Die Masse war einem zerbrochenen Fläschchen entnommen, doch haftete
die Materie an den Glasstücken fest ; ohne Zweifel war sie in dickflüssigem
Zustand in dasselbe gebracht worden und trocknete in einzelnen Teilen voll-
kommen fest. Beim Auseinanderbrechen zeigten sich grüne Streifen und
kleine weisse Punkte auf braunem Grund. Siedendes Wasser sondert eine
ganz kleine Menge einer organischen Substanz ab, welche ein kalkhaltiges
Salz enthielt, ein anderes als Sulphat.
Bei der weiteren ehern. Behandlung blieb ein kleiner Rückstand einer
Organ. Substanz, eines Sandes von Ton- und Kieselerde, Eisenoxyd mit einer
Spur von Manganoxyd und Phosphorsäure. Aber das Bemerkenswerte an
der Analyse war, dass die stickstoffhaltige Lösung Blei-, Kupfer-, Eisenoxyde
und eine ziemliche Menge Zinkoxyd enthielt ; letzteres war absolut rein er-
hältlich. Die Blei- und Kupferoxyde waren zweifellos kohlensaure.
§ 4. Untersuchung der Masse Nr. 7.
Diese Masse, welche zu den interessantesten der in St. Mödard ge-
fundenen gehört, war, wie die weitere Untersuchung gezeigt hat, zur Grun-
dierung eines Gemäldefragmentes (?) benützt und wurde in einem schwarzen
irdenen Töpfchen gefunden ; es waren Stücke von graugrüner Farbe mit
roten Flecken. Ein Teil war kompakt, der andere gab dem Drucke des
Fingers nach und liess sich in verschiedenartige Teile trennen.
Chevreul unterzog die einzelnen getrennten Substanzen einer eingehenden
Untersuchung, welche ergab :
1. Substanzen, die in Wasser löslich waren.
271
Diese bestanden aus sch'wefelsaui’em Kalk (Gips), Chlornatrium und
einer orgari. Substanz, deren Asche Kalk und Eisenoxyd enthielt.
2. Eine grüne Masse von ungleichartiger Reinheit und Intensität, in
welcher Chevreul die grüne Veroneser-Erde erkannte.
3. Eine blaue Masse mit gelben Körnchen oder Blättchen nebst weissem
quarzigem Sand war ein Gemenge von gelbem Schwefelarsenik (Auri-
pigment) mit der blauen Masse, welche mit der blauen ägyptischen
Glasfritte identisch schien.
§ 5. Untersuchung eines Glases j
welches unter den verschiedenen Gläsern des Grabes von MCdard des PrCs
durch seine Durchsichtigkeit und Farblosigkeit besonders auffiel: die Probe
enthielt Bleioxyd, gehörte demnach zu den Bleigläsern, welche wir Krystall
nennen, und unterschied sich von dem zylinderförmigen, fagonnierten, in einen
Kanal auslaufenden Utensil durch grössere Dichtigkeit ; das letztere war
wirklicher Bergkrystall.
§ 6. Untersuchung des Bronzemörsers und des Bronzekästchens.
Die Untersuchung des Mörsers, sowie der „boite ä couleur“ ergab eine
Komposition von Kupfer und Zinn, war also Bronze ; dabei fiel die ungemeine
Biegsamkeit, insbesondere der dünnen Wände des Farbenkastens auf.
2. Chemische Analysen von Farben römischer Provenienz des Fundes
von Herne-St, Hubert in Belgien.
a. Analysen von Dr. Schoofs.
(s. Compte Rendu du OongrCs ArchCologique et historique de Belgique
ä Tongres 1901 publiö par Frangois Huybrigts; Tongres 1902 p. 125 — 130.)
Die Analyse des Dr. Fr. Schoofs (Assistent an der Universität zu
Lüttich) betraf einige Untersuchungen von Farbenwüi’felchen und von Farben
aus zwei der 20 cylindrischen Tiegel und eine der in konischem Behälter
befindlichen Materie. Folgende Resultate sind zu verzeichnen :
a) Analyse eines Farben-Würfels von rotbrauner Farbe (1 Qcm
und 8 mm hoch). Die äussere Erscheinung war matt, von brüchi-
ger Konsistenz ; beim Abschaben mit der Messerklinge erhielt man
eine glänzende Oberfläche. Die Analyse ergab als färbende Substanz
Eisensalze (sels ferriques). Bei der Untersuchung auf organische
Substanzen schied die alkoholische Lösung eine trübe gelbliche
Flüssigkeit in geringer Menge ab, die jedoch genügte, um den
Schmelzpunkt auf 70,5° C. zu bestimmen.
b) Ein Stück Farbe von lebhafter roter Nüance wurde als Verbindung
von Schwefel und Quecksilber erkannt (Zinnober).
c) Die mit c bezeichnete Farbenprobe war weiss, dicht und abfärbend.
Die Untersuchung ergab Bleikarbonat mit einer sehr geringen Menge
organischer, in heissem Alkohol löslicher Substanz. Nach deren
Verdampfung blieb auf der Glasschale ein leichter weisslicher Rück-
stand, der in Wasserbad-Temperatur schmelzbar war. (Künstliches
Bleiweiss war im Altertum bekannt; s. Würtz unter „cerussa“.)
d) Die mit d bezeichnete Probe von weisslich-grauer Farbe , weniger
kompakt als die vorige, bestand ebenfalls aus Bleikarbonat, war
aber reicher an organischer Beimengung. Aether schied , selbst in
kalter Lösung, eine bei 57,5° 0. schmelzbare weisse Masse ab. Dabei
'ist zu bemerken, dass diese Masse in geringer Menge vorhanden
war. In 1,9 gr. der Farbe konnten jedoch durch successive Be-
handlung mit Aether 0,0119 gr der organischen Substanz d. i. 0,6°/o
extrahiert werden.
e) Das Farbstück bestand aus zwei Teilen ; der innere von grauschwarzer
Farbe schien in Zersetzung befindliches Blei zu sein ; der äussere
in der Dicke von etwa 1 — 2 mm war eine weissliche Schicht von
27Ö
Bleikarbonat, in welcher eine organische Substanz erkennbar war.
Es wurde 0,7 gr dieser äusseren Schicht abgekratzt und mit Schwefel-
äther behandelt. Nach der Verdunstung verblieb ein weisser Rück-
stand von weicher Konsistenz , u. zw. in Menge von 0,05 gr , also
7,l°/o der Masse, deren Schmelzpunkt mit 58,5° 0. ermittelt wurde.
Vermutlich handelte es sich hier um eine zu Zwecken der Blei-
weisspräparation verwendete Bleiplatte.
fl Farbe aus einem konisch geformten , abgeplatteten Näpfchen. Mit
Aether behandelt, gab die bräunliche Substanz an den ersteren eine
Masse ab, die nach der Verdampfung des Lösungsmittels die Er-
scheinung des braun-gelben gefirnissten (Teberzugs hatte. Schmelz-
punkt 59,5° 0.; die Hitze entwickelte empyreumatischen Geruch.
Der Aether löste unter diesen Verhältnissen l,82°/o des Körpers.
Nachher wurde der Lösungsprozess mit kochendem Alkohol fort-
gesetzt, der sich stark braun färbte. Nach der Verdampfung blieb
auf der Glasschale ein firnissartiger, transparenter dunkelbrauner
Ueberzug zurück, der sich beim Abschaben der Oberfläche in Form
kleiner, glänzender Schuppen ablöste. Der Schmelzpunkt lag gegen
95° 0. Es war möglich, 7,46°/o dieser Masse, welche den Charakter
der Harze zu haben schien, zu extrahieren. Der Rückstand
mineralischer Substanzen enthielt Kupfersalze , viel Eisen und einen
in Salzsäure unlöslichen Rest, der ein Bleisalz enthielt.
g) Die folgende Probe ist deshalb interessant zu erwähnen , weil diese
als färbende Substanz einen organischen Körper enthielt. Es war
ein ßröckohen blauer Farbe, welche von mineralischen Elementen
Kupfersalze, Calcium, Spuren von Eisen und Kohlenstoff enthielt.
Ausserdem einen in Salzsäure unlöslichen, aber in Chloroform löslichen
Rückstand, der erhitzt violette Dämpfe entwickelte; es ist Indigo,
welcher nach Schmidt (Ausführl. Lehrb. der pharm. Chemie 1896
II p. 1030) im Altertum bekannt und von den Griechen und Römern
in der Färberei, und Malerei gebraucht wurde
Sehlus sfolgerungen;
Es entsteht die Frage; welcher Natur sind die organischen schmelzbaren
Substanzen, die in einzelnen Untersuchungen, besonders in d und e, gefunden
wurden? Handelt es sich um ein Wachs oder um eine fette Materie?
Dr. Schoofs versichert, dass die letztere Hypothese zuzulassen ist, u. zw.
aus folgenden Gründen :
1 . Grosse Lösbarkeit des fraglichen Produktes in kaltem Aether ; die
Lösung würde viel schwerer vor sich gehen, wenn es sich um
Wachs handelte.
2. Bei der Erhitzung des Produktes zersetzt es sich unter Entwicklung .
von Geruch nach Acreolein, der für fette Materien charakteristisch ist.
3. Nach der Verseifung mit alkoholischer Lauge und Verdampfung bis
zur Trockenheit wurde ein in Wasser löslicher, leicht getrübter
Rückstand erhalten ; dies gestattet die Anwesenheit von Wachs in
berherkbarer Menge auszuschliessen. Wenn Wachs darin enthalten
wäre, würde als Rückstand eine in Wasser unlösliche Materie von
höherem Molekulargewicht verbleiben.
4. Man könnte einwenden, dass die Schmelzpunkte zu hoch gelegen
sind im Verhältnis zu denjenigen der fetten Materien. Berück-
sichtigen wir aber die Anwesenheit von ein wenig Blei in der
durch Aether extrahierten Masse, so kann dies nicht ohne Einfluss
auf den Schmelzpunkt sein.
Infolge der geringen zur Untersuchung gelangten Mengen organischer
Substanzen müssen unserem Schluss Grenzen gezogen werden. Die Schwierig-
keiten werden in dieser Hinsicht noch vermehrt durch die Veränderungen,
denen organische Substanzen in hervorragender Weise ausgesetzt sind; schon
— 273
der Umstand , dass sie sich in diesem Zustand bis auf unsere Zeit erhalten
konnten, ist wichtig hervorzuheben.
Die Frage dreht sich zunächst um die Erklärung der Anwesenheit fetter
und harziger Substanzen in den oben erwähnten Untersuchungen. Könnte
man vielleicht annehmen, dass die Harze aus der Umwandlung gewisser Oele
zu erklären seien, welche bekanntlich sich verdicken und in einen harzigen
Körper verwandeln ?
b) Bericht von Chemiker Gleorg Büchner (München) über die chemische G^Buchner*
Untersuchung von Farben römischer Provenienz zur Feststellung
der darin etwa enthaltenen Bindemittel.
1. Untersuchung verschiedener (aus Bronzetiegeln entnom-
mener) Farbpulver von hellbraun-roter, dunkel-braunroter und
dunkel-grauschwarzer Farbe.
Es liegen hier durchweg makroskopisch und mikroskopisch amorphe
Farbpulver vor, untermengt mit kleineren oder grösseren oxydierten, brüchigen
Bronzeteilchen. Diese Farbpulver entwickeln beim Erhitzen in der einseitig
geschlossenen Glasröhre geringe Mengen sauer reagierender, empyreumatischer
Dämpfe, enthalten also geringe Mengen von organischen Stoffen. Durch
Behandlung mit Lösungsmitteln wie Wasser., Alkohol, Aether, Chloroform,
alkoholische Kalilauge werden weder fett-, harz-, noch wachsartige Bestand-
teile erhalten.
2. Die in viei kleinen, fast durch und durch oxydierten brüchigen
Bronzetiegelchen enthaltenen verschieden gefärbten, teils lockeren, teils
zusamrnengeb^ckenen Farbpulver verhalten sich genau wie unter 1.
3. Der Inhalt eines zusammengefalteten Bleibleches (s. oben
sub f) gibt an Chloroform eine sehr geringe Menge eines spröden, schwarzen
Körpers ab , der weiter nicht zu identifizieren ist. Der wässerige Auszug
hinterlässt hach dem Verdunsten eine Spur klebriger Substanz.
4. Kleine Würfel von nahezu gleicher Grösse (ca. 1 Cubicentimeter)
von lehmgelber, brauner, grauer Farbe, manche mit violettem Anfluge, leicht
zerreiblich. Unter dem Mikroskop zeigen sich neben der amorphen Haupt-
masse des Würfelpulvers geringe Mengen gelber Kryställchen , welche die
Form sechsseitiger Täfelchen aufweisen | | Beim Erhitzen auf dem Platin-
blech treten brennbare Dämpfe auf, von wachsartigem Geruch, frei von
jedem Gerüche nach Acreolei'n; auch beim Erhitzen der Substanz mit Kalium-
bisulfat tritt kein Acreolei'ngeruch auf. Beim Erhitzen in der Glasröhre treten
stark saure Dämpfe auf, ganz ähnlich denen, welche Wachs bei der trockenen
Destillation ergibt. Da bei der Behandlung des Würfelpulvers mit Chloroform
verhältnismässig reichliche Mengen eines wachsartigen Körpers er-
halten wurden, extrahierte ich eine grössere Anzahl der Würfel, nämlich
20 Stück Würfel im Gewichte von 24,2 gr, mit Chloroform und erhielt so
2,3 gr (9,5®/o) einer dunkelbraunen, knetbaren, dem äusseren Ansehen und
den äusseren Eigenschaften nach vollkommen wachsähnliohen Masse.
Nach dem Ausziehen mit Chloroform liess das Würfelpulver unter dem
Mikroskop jB.eine Krystalle mehr erkennen. Das mit Chloroform ausgezogene
Würfelpulver gibt weder an Alkohol, Aether, Wasser, alkoholische Kalilauge
noch andere Lösungsmittel etwas bemerkenswertes ab.
Wachsähnliche Masse aus den Farbenwürfeln. Untersuchung
. . der wacnsähn-
Diese Substanz verbrennt auf dem Platinblech ohne Rückstand, in der liehen Masse.
Röhre sublimiert unter Ausstossung gelber Dämpfe von wachsähnlichem Ge-
ruch ein braunes Oel. Beim Erhitzen mit Kaliumsulfat entwickeln sich keine
Acreolei'ndämpfe, die Substanz enthält also keine Glyceride. In kaltem Alkohol
ist die Substanz wenig löslich; in heissem Alkohol löst sie sich auf und er-
starrt beim Erkalten zu einem weissen Krystallbrei, der unter dem Mikroskop
18
274
Schluss-
folgerung.
ein Gemenge darslellt von gewundenen Nadeln (ähnlich den Pettsäure-
krystallen) und kleinen Kügelchen , die sich oft der Form von Plättchen
nähern. Ebenso verhält sich die Substanz gegen Aether ; der Schmelzpunkt
der Substanz liegt bei 73 — 74° C.
Bei der Verseifung mit alkoholischer Kalilauge nach der Methode von
Hühl erhält man folgende Zahlen :
Säurezahl Aetherzahl Verseifungszahl Verhältniszahl
16,66 122,91 172,89 7,3
Die verseifte Substanz ist nach dem Verdunsten des Alkohols nahezu
vollständig in Wasser löslich. Aus dieser Lösung werden die Fettsäuren
abgeschieden, und es zeigen dieselben einen Schmelzpunkt von 73 — 74° C., einen
Erstarrungspunkt von 68 — 69° 0.
Sowohl die ursprüngliche wachsähnliche Substanz , als auch die nach
der Verseifung daraus erhaltenen Fettsäuren werden der Elementar-Analyse
unterworfen. Dabei ergibt sich folgendes Resultat:
Wachsartige Substanz Fettsäuren
Kohlenstoff 62,72 °/o 63,75 °/o
Wasserstoff 11,50 „ 12,82 „
Sauerstoff 23,43 „ 23,43 „
5. Verschiedene Bruchstücke von Parbplatten in verschiedenen
Farben, rot, braun, gelb, weiss und grau. Diese verhalten sich ira allgemeinen
wie die P’arbenwürfel. Die sich beim Erhitzen in der Röhre entwickelnden
Dämpfe reagieren aber alkalisch; durch Wasser wird eine Spur einer
klebrigen Substanz ausgezogen , die nicht näher identifiziert werden kann.
Beim Ausziehen mit Chloroform erhielt ich 4°/o einer weissen, harten, mehr
fett- als wachsähnlichen Substanz, die sich im allgemeinen ganz wie die wachs-
ähnliche Substanz aus den Parbenwürfeln verhält und ohne Rückstand ver-
brennlich ist. Glycerin kann nicht nachgewiesen werden. Bei der Verseifung
nach der Methode Hühl erhielt ich folgende Zahlen :
Säurezahl Aetherzahl Verseifungszahl Verhältniszähl
47,0 128,7 175,7 2,7
Zur Vornahme einer Elementar-Analyse reichte die geringe Menge er-
haltener Substanz nicht aus.
Harze konnten in diesen wachsartigen Substanzen nicht nächge wiesen
werden.
Schlussfolgerungen: Aus den Untersuchungen, welche mit den ge-
ringen Mengen erhaltener wachsartiger Substanzen ausgeführt werden konnten,
insbesondere auch aus der Elementaranalyse geht mit Sicherheit herVor, dass
diese Substanz weder ein unverändertes Wachs noch ein unver-
ändertes Fett, auch keine unveränderte Mischung von Fetten,
Gelen oder Wachs darstellt. Der Elementaranalyse nach stellt diese wachs-
artige Substanz eine oxydierte Fettsäure, eine Oxyfettsäure vor, ähnlich der
Trioxystearinsäure z. B., deren Zusammensetzung sich derjenigen der wachs-
artigen Substanz am meisten nähert, wie aus nachstehender Zusammenstellung
zu ersehen ist.
Wachsartige Substanz
aus den Würfeln
Kohlenstoff
Wasserstoff
Sauerstoff
62,72
11,50
23,43
Trioxy-
stearinsäure
65,07
10,84
24,09
Fette Bienenwachs
Durchschnitt
76,01 81,61
11,35 13,86
12,64 4,53
Die Tatsache, dass die wachsartige Substanz, obwohl kein Glycerid und
kein Wachs, dennoch eine verhältnismässige hohe Verseifungszahl hat, Dezw.
Aetherzahl, lässt sich so erklären, dass wir es hier mit Anhydriden der Oxy-
fettsäuren zu tun haben, indem zwischen zwei Molekülen derselben Anhydrid-
bildung stattfand , nach Art des Stearolactons (Benedikt 1897 S. 27 ; Geitel
275
Journal f. prakt. Chemie 1888 [2j 37, 53). Wir hätten demnach keine freien
F’ettsäuren, sondern Anhydride von Oxyfettsäuren.
Diese aus den Würfeln und Platten erhaltene wachsartige Substanz ist
also anzusprechen als ein Produkt der Oxydation von Fettsäuren, welche
sowohl einem Oele, P’ette oder auch der Palmitinsäure des Bienen-
wachses entstammen können. Wäre ursprünglich ein Fett oder fettes
Oel vorhanden gewesen, so wäre der erste Vorgang der Veränderung ira
Laufe der Zeit eine Spaltung desselben in Fettsäuren und Glycerin gewesen,
letzteres wäre nach und nach vollständig zu Kohlensäure und Wasser oxydiert
worden, dann hätte eine Oxydation der freien Fettsäuren, zuletzt eine Anhydrid-
bildung der gebildeten Oxyfettsäuren stattgefunden. Derartige Produkte sind
bisher nur durch Einwirkung von Oxydationsmitteln auf die Fette im
Laboratorium erhalten worden. Die Veränderungen der Fette und Wachs-
arten im Laufe längerer Zeiträume sind experimentell bisher nicht erforscht
worden.
276
Anhang IV^
Verbreitung der alt-römischen Stuckmalerei in Deutschland.
Wo auch immer die römische Herrschaft festen Fuss gefasst und mit
den römischen Gehörten die römische Kultur ihren Einzug gehalten hat,
lässt sich an noch erhaltenen Bauresten die grosse Verbreitung der antiken
Stuckmalerei erweisen. In den befestigten Lagern , den Quartieren der Le-
gionäre und den Hauptplätzen der eroberten Provinzen wurden die Gebäude
nach römischer Art erbaut; die Sieger brachten ihre Baumeister, Zimmerleute
und Arbeiter mit, und ebenso wie sie Heiligtümer, Thermen und Theater
errichteten, schmückten sie ihre Wohnstätten in der Weise der Heimat.
In Gallien bis an die Grenzen der Nordsee, am Rhein und an der Donau,
wo überall Ansiedlungeu der Römer bestanden, finden sich derartige Reste,
die von der allgemein üblichen Ausschmückung der Bauten mit Stuckmalerei
Zeugnis ablegen. Für uns ist es deshalb von Interesse, an den hauptsäch-
lichsten römischen Stätten in Deutschland diesen Resten nachzugehen , um
auch an ihnen zu zeigen, wie die römischen Stuckarbeiter unter veränderten
äusseren Umständen ihre Technik auszuüben wussten.
Es ist begreiflich, dass die nordische Stucktechnik nicht in gleichem
Masse die Vollendung der römischen zeigen kann, weil das echte Material
nicht überall zur Stelle war. Statt des Marmormörtels sehen wir deshalb
vielfach nur feinen Sand gebraucht; auch die Dicke des Bewurfes ist eine viel
geringere, als sie z. B. die römischen Stucke zeigen. Einzelne Proben aus
Carnuntum, die sich in meinem Besitze befinden, haben zwar eine Schicht von
Marmorstuck, aber diese Schicht ist kaum ^/2 cm stark, während die römischen
oft mehr als 2 cm stark sind. Auch in der Glättung zeigen sie grosse
Unterschiede, und infolge dessen ist auch die Erhaltung sehr verschieden.
Da die Erhaltung vom Material und der angewendeten Methode abhängt, so
ist es klar, dass die nordischen Stuckmalereien römischer Provenienz schon
aus diesem Grunde nicht mit den südlichen auf eine Linie gestellt werden
können.
Immerhin ist es sehr bemerkenswert, dass sich am Rhein eine weit
grössere Menge antik-römischer Stuckmalereien erhalten hat, weil der praktische
Sinn der eingewanderten Stuckarbeiter gar bald die Fundstätten des sog. Trass
entdeckt und für Bauzwecke ausgenützt haben mag. Der Trass bot ihnen
in seiner Eigenschaft als natürlicher Zement einen willkommenen . Ersatz für
die heimatliche Puzzuolanerde. Wo sie das geeignete Material nicht vorfanden
oder der Transport sich nicht verlohnte, nahmen sie zu anderen ihnen be-
kannten Mitteln Zuflucht, wie z. B. zu den zerkleinerten Ziegelsteinen, welche
dem Kalk als zweckmässiger Zuschlag beigegeben wurden. *)
') Ueber die Verwendung von Ziegelstückchen oder Ziegel mehl zum
Mörtel der römischen Bauten zu Trier schreibt Architekt Schmidt an Wilmowsky
(Jahresber. d. Gesellsch. f. nützl. Forsch. Trier 1865 - 68 p. 60) folgendes: „Die zer-
277
Im Folgenden gebe ich eine Aneinanderreihung von Notizen über
römische Stuokmalereien, die in Deutsohlabd gefunden worden sind. Sie
macht nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll nur die technische
Uebereinstimmung der nordisch-römischen mit den antiken Stuckmalereien
veranschaulichen :
1. Sehr geringe Anhaltspunkte für Malerei bietet das im Jahre 1859
aufgedeckte Haus des Tribunen M. Pilonius Victorinus zu Trier
worüber v. Wilmowsky (Jahresbericht d. Ges. f. nützl. Forsch, zu Trier
1861 — 1862) ausführlich berichtet. Ausser den Grundmauern und dem Mosaik-
belag des Atriums, dessen Wände in reicher Art mit Marmor bekleidet ge-
wesen zu sein scheinen, sind nur wenige Teile den Verwüstungen im Laufe
der Jahrhunderte entgangen.
Bemalte Räume kommen kaum in Betracht ; ein Nebengemaoh des
Atriums „hatte, wie die herabgefalleneii Verputzstücke beweisen, schwarz-
und rotpolierte, mit goldgelben Linien und Streifen verzierte
Wände.“ Von den meisten der übrigen Räume war die Bekleidung, „wahr-
scheinlich ein Stucküberzug“, ganz verschwunden, ebenso die das Peristyl
schmückende Malerei. Nur die Wände eines kleinen Gemaches am Ende
des Peristyls „waren geschliffen und weiss gefärbt, der Sockel und
die Eckwinkel mit roten Band streifen bemalt“. Das Haus des Pilonius
gehört der jüngsten römischen Bauperiode der Stadt an, welche, wie viele
andere, erst friedliche Veränderungen, dann kriegerische Zerstörungen erlitten
hat und stet? wieder neu aufgebaut worden ist. In Trier unterschied Wil-
mowsky sechs deutlich getrennte Schichten, von denen die unterste die
noch unberührte Erde bildet. Erst die dritte, über einer früheren römischen
Schicht befindliche trägt das genannte Haus des Pilonius , nach den ge-
wonnenen Anhaltspunkten in die Zeiten Valentinian’s und Gratian’s fallend.
2. Die Funde in der Rheingegend bieten das sich immer wieder-
holende Bild des in römischen Ansiedlungen angewendeten Verfahrens; soweit
die Reste es erkennen lassen , sind die Dekorationsmalereien sorgfältig auf
guten Stuokmörtel aufgetragen. So berichtet B. aus’m Werth über eine
„kleine römische Villa bei Stahl im Kreise Bitburg“ (Jahrbücher des Vereins
V. Alt.ertumsfreunden im Rheinlande Heft LXII, Bonn 1878 p. 4) und darin
über einige Räume an der Südfront, die als „die eigentlichen Wohnräume
des Landhauses zu betrachten sind, auf welche Bestimmung der Fund ein-
zelner Stücke sorgfältig bemalten Wandverputzes hindeutete. In einem
der vier Räume, im südöstlichen in gelber Farbe mit roten Linien de-
korierten Eckpavillon, war auch noch der gegossene Estriohboden wohlerhalten.
Im grössten der vier Wohnräume, im Triolinium, zeigten sich Spuren von
roter Bemalung mit grünen Linien.“
3. Bei der Ausgrabung einer römischen Villa zu Nennig wurden
ebensolche Wandreste aufgedeckt, worüber v. Wilmowsky (die römische
kleinerten gebrannten Ziegel, oder besser das Ziegelmehl, geben dem Kalk eine
hydraulische Eigenschaft, weshalb diese Mischung bei in der Feuchtigkeit stehendem
oder sehr dickem Mauerwerk stets mit Nutzen angewendet wird, indem die zum Er-
härten des Mörtels nötige Kohlensäure in solchem Mauerwerk nur sehr langsam aus
der Luft eingesogen wird. Die Römer haben aber diese Sachen hier zu Trier nicht
so genau genommen, und haben in der Regel nur da diese Ziegelstückchen an-
gewendet, wo sie entweder rein mit Ziegeln oder auch mit Ziegeln und anderem
Material, gewöhnlich Kalksteinen, seltener Sandsteinen, in abwechselnden Schichten
bauten. S^o findet man bei dem aus Kalksteinen errichteten Mauerwerk des Amphi-
theaters, sowie auch dem aus Kalksteinen bestehenden Mauerwerk der sehr massiven
Fundamente der sog. römischen Bäder diese Ziegelstückchen nirgends angewendet.
Dagegen kommen sie in dem Gemäuer über der Erde des letzten Baues, welches
von Ziegellagen durchschichtet ist, und nn der Basilika, deren Mauerwerk ganz aus
Ziegeln besteht, durchgängig vor. Bei schwächerem Mauerwerk, wie es bei Privat-
wohnungen gewöhnlich vorkommt, sind aber diese Ziegelstückchen im Mörtel des
Mauerwerkes nur sehr selten zu finden, wogegen sie in dem Mauerverputz gewöhnlich,
in den Estrichen mit wenigen Ausnahmen immer, und in Baderäumen und Wasser-
leitungen immer und zwar ohne Sand angewendet werden.“
Haus des
Victorinus
zu Trier.
Fuude in der
Rheingogend.
Rom. Villa
zu Nennig.
278
Villa zu Nennig, Bonn 1864 p. 2) berichtet: „Die Gemächer hatten ver-
putzte Wände, die geschliffen und poliert in zinnoberrotem oder
schwarzem oder hochgelbeni und weissem Grunde gemalt waren. Die
Friese waren mit schwimmenden Delphinen geziert, und auf den Flächen der
grossen Wandfelder waren kleine landschaftliche Scenen mit Urnen, Schilf-
büscheln etc. Die Einrahmung der Flächen bestand aus gemalten architektonischen
Gliederungen, aus denen phantastische Blätter und Blumen sich entwickeln.“
Mafererzu Ausführlichere Nachrichten über einen „Ueberr-est römischer De-
Trier. korationsmalerei in Trier“ gibt v. Wilmowsky im Jahresbericht der Ge-
sellsch. f. nützliche Forschungen zu Trier, 1865 — 1868 p. 56 ff. Im Mai 1868
stiess man bei Neuausgräbungen für einen Keller auf antike Mauern und
bald sah man einen Teil eines grossen Gemaches — eines Saales — , an das
sich ein kleineres anschloss. Die Wandmalerei des ersteren war gegen sieben
römische Fuss lang erhalten.
Fundbericht: „Der Sockel der Malerei war rötlich-braun, neun Zoll hoch
und lief ununterbrochen über der Sohle hin. Darauf kam der schwarz-
polierte Pries; er war zwanzig Zoll hoch und in Abständen von fünf Fuss
durch rote, aufsteigende, sechzehn Zoll breite Priese geteilt. Ueber den Pries
war eine architektonische Gliederung, ein Sims gemalt, der aus vorstehender
Platte und darunterliegendem Wulst bestand. Die Platte war wie Giallo
antico, der Wulst wie grünlich-weisser Marmor behandelt. Auch er lief, wie
der Sockel, ohne Unterbrechung an den Wänden durch. Ueber ihm begannen
dann die grossen Wandflächen, rot poliert, und durch schwarze, schmälere
nur elf Zoll breite Priese wieder in Felder geteilt.“
„Der hohe, schwarze, horizontale Pries über dem Sockel zeigte auf
grünem, mit aloeartigen. Pflanzen bestandenen Boden einen grossen Wasser-
vogel mit weissem Gefieder, langem roten Schnabel und sehr langen roten
Beinen. Zwei feine Federn, die seinen Kopf schmückten, hingen nach dem
Rücken hinab. Seine Flügel und sein Schwanz waren kurz, sein ganzes
Federwerk flaumartig. Die Gestalt , Farbe und Art des Gefieders schienen
den grossen Silberreiher (Ardea egretta) zu bezeichnen, der im südlichen
Europa wohnt, zuweilen auch in Deutschland erscheint.
„Die aloeartigen Pflanzen, vor und hinter dem Silberreiher, waren saftige
kräftige Büsche, und der schöne grüne Boden verlief sich sanft, ohne Härte
in den schwarzen Grund.
„Auf den roten, vertikal aufsteigenden Zwischenfries war eine goldgelbe
Vase geriialt; ein hohes wohlgestaltetes Gefäss mit kanneliertem Bauche, mit
schlankem Halse und zierlichem Stöpsel , es hatte zwei hohe Henkel , von
denen violette, seidene Schleifen herabhingen. Die Malerei des Fusses war
zertrümmert. Die goldene Vase hatte eine Höhe von 18 Zoll.
„Der Wechsel der Farben vom Schwarzen ins Grüne und gebrochene
Weiss, sowie vom Roten, Gelben und Violetten machte einen sehr gefälligen,
heiteren und ruhigen Eindruck. Matte weisse Linien , welche die Priese
einfassten , hoben die schimmernden Gründe. Die Malerei entsprach jener
der hiesigen ältesten und der besten pompejanisohen Priese.“ Wilmowsky
setzt sie daher in die Periode der Flavier. — Hiemit stimmt das Material
der Unterlage sowie die Technik des Mauerwerks und endlich das noch
gänzliche Fehlen von Mosaik und Marmor überein ; vermutlich war der Puss-
boden, wie auch bei anderswo gefundenen römischen Bauten, mit Holzdielen
belegt (Krypta des Domes zu Trier).
Wü“^<Hvsky Interessant ist, was v. Wilmowsky von derTe<;hnik berichtet, schon
die Technik, deshalb , weil er mit hervorragender Beobachtungsgabe ausgestattet das
charakteristische der Malerei erkannt und dabei durch eigene Versuche der
Sache näher zu kommen gesucht hat.
Technik : „Das Mauerwerk bestand aus rotem Sandstein, welcher jenseits
des Flusses, am linken Ufer der Mosel, und unweit der Stadt gebrochen
wird. Die Mauer war zwei römische Fuss stark, ihre Steine waren wohl-
abgerichtet und regelmässig geschichtet, wie im Amphitheater In den Fugen
279
hatte man zum besseren Eingreifen des Verputzes mit einem spitzen Instrumente
Linien eingerissen.“
„Der Mörtel der Mauer und ihr Verputz bestanden aus Kalk und
Bachsand, ohne Beimischung von Ziegelbröckchen und Ziegelmehl, sowie auch
die Mauer keine bindenden Ziegelschichten zeigte.“ (Es existierten bei ihrer
Aufführung, wie Wilmowsky daraus vermutet, noch keine römischen Ziegel-
hütten zu Trier.)“
„Der Verputz war zwei Zoll dick, nach Vorschrift der Alten „ge-
schlagen“, und liess drei Schichten erkennen, von denen die oberste feiner
als die unteren war. Auf dieser lag, nur eine Linie dick, eine Schicht von
weissem Marmorstaub oder Kreide, und auf diese war die zinnoberrote und
schwarze Färbung aufgetragen; die Farbe war dünner als ein Kartenblatt und
bis zum vollen Glanze poliert“.
Wilmowsky muss dieser Umstand aufgefallen sein, denn er fügt
hinzu: „Das Bindemittel, dessen sich die Alten bei dem Färben der Wände
dieser Art bediente, ist noch nicht mit Sicherheit wiedcrentdeckt. Einige
meinen, das Bindemittel sei harziger und öliger Art, und vermuten, dass es
aus der Milch der Feige und dem Dotter des Eies zusammengesetzt sei.“
Bei den Versuchen, die Wilmowsky selbst mit mattgewordenen
Fragmenten anstellte, fand er, dass diese ihren Glanz erst dann wieder-
erhielten, wenn er sie bis zu ihrer Erwärmung rieb. Diese Erscheinung
erklärte er sich dadurch, dass die Wärme die noch nicht ganz erstorbenen
Wachsteile wieder belebe und auf die Oberfläche ziehe, und er bezeichnete
die Malerei daher als enkaustischer Art. Er erinnert dann an die von Vitruv
und Plinius beschriebene Methode, die mit Zinnober bestrichenen Wände oder
Steinfiguren mit punisohem Wachse zu überziehen und durch Erwärmung das
Wachs einsaugen zu lassen (Ganosis), und bemerkt hierzu: „Auch hatte ich bei
Untersuchung der Wandbekleidungen mit Marmor und grünen und roten Por-
phyrblättchen sowie bei Prüfung der farbigen Ivlosaikwürfelchen wahrgenommen,
dass die Römer diese Täfelchen und Würfelchen wohl mit heissem , ge-
schmolzenem Wachs getränkt und poliert hatten. Meine eigenen Versuche
bestätigen diese Beobachtung. In die antiken Steine war das Wachs manchmal
zwei Linien tief eingedrungen. Schliff ich die lebhaft schwarzen musivischen
Würfel nun ab, so wurden sie bläulichgrau, wie Schiefermarmor. Erwärmte
und tränkte ich sie dann mit heissem , durch flüchtiges Oel verdünntem
Wachs und rieb sie nach der Erkaltung mit Linnen, so erhielten sie wieder
die Lebhaftigkeit und Politur der römischen Würfel. Gleiches versuchte und
erreichte ich bei Porphyrtafeln. “
Was Wilmowsky weiter von der Technik sagt, zeugt wieder von
treffender Beobachtung, obwohl ihm das Wesen der Unterschiede nicht völlig
klar geworden ist: „Die obengedaohten Wände, sagt er, sind keine Fresken,
denn ihre Farbe ist nicht in den Kalkstuck eingedrungen; sie ist auf keinen
nassen, sondern einen trocknen Grund aufgetragen; dieser besteht nicht aus
Aetzkalk, sondern aus einem kreideartigen, kohlensauren Kalkweiss, welches
sich mit allen Farben verträgt und sie gegen den darunter liegenden Aetz-
kalk des Mörtels schützt.“
Bei dem Versuche, die Unterschiede genau zu präzisieren, gelangt Wil-
mowsky zu dem Ergebnis, dass mehr als eine Verfahrungs weise der Malerei
anzunehmen sei; er sagt: „Von antiken eigentlichen Fresken habe ich bis
jetzt in Trier nur ein einziges Bruchstück gefunden. In diesem war die de-
korative Malerei, gekräuselte Bänder vorstehend, in den Stuckbewurf tief ein-
gedrungen (1. Art). Bei einem anderen einfarbigen Bruchstück sah ich die Farbe
in die Kreideunterlage zwar eingesogen, allein die Farbe war nicht poliert, man
sah alle Pinselstriche; sie war sehr dick aufgetragen und nur unvollkommen,
sehr wässrig, von der Unterlage eingesogen (2. Art). Dagegen fand ich
Fragmente, deren Färbung ohne weisse Unterlage unmittelbar auf den ab-
geschliffenen Verputz gebracht und doch nicht im mindesten eingedrungen
280
Rön3. gemalte
WandbeiBoun
war. Hier musste der Grund trocken und das Bindemittel temperaartig sein
(3. Art).“
„Was nun das Technische der eigentlichen Malerei, die von der
Hand des Künstlers auf dem schwarzen und roten Grunde ausgeführte Dar-
stellungen des Silberreihers, des Pflanzenwerkes und der Vase betrifft, so
hatte der Maler sie zuerst mit dünner fast durchsichtiger Farbe angelegt, wo-
durch jede Härte der Umrisse vermieden wurde; dann schattierte er sie mit
stärkeren Farben, wobei er die Piuseistriche nur da vertrieb, wo der Gegen-
stand glatt erscheinen sollte, sie dagegen absichtlich stehen liess, wo sie,
wie bei den flaumartigen Federn des Wasservogels, wohl angebracht waren;
endlich setzte fer die höchsten Lichter mit ganz pastoser Farbe auf, wodurch
der Gegenstand eine Art von Rundung und Modellierung erhielt. Die Farben
hatten hierbei keinen lebhaften Glanz, wie die Gründe, sondern nur einen
milden Schimmer , und traten daher dem Auge , von jedem Standpunkt aus
gesehen, angenehm und deutlich entgegen, ln der Naturtreue und geschickten
Ausführung erkannte man den eigentlichen Künstler. — Dagegen war die
Färbung des Sockels, die Einfassung der Friese mit Linien, die Herstellung
des Simses einem untergeordneten Gehilfen überlassen, was schon die Be-
handlung der architektonischen Gliederung verriet.“
Leider konnte Wilmowsky, da die Arbeiter mit dem Ablösen von der Mauer
nicht vertraut waren, der Gegenstand demnach nicht zu retten war, nur eine
Skizze in Farben nach dem Original anfertigen.
5. Ueber die Ausgrabungen bei Bonn vor dem Kölner Tor im Herbst
1876 berichtet F. Hettner (Eine römische gemalte Wand, Jahrbücher
d. Vereins v. Altertumsfreunden im Rheinlande, Bonn 1878 Heft LXIl p. 64)
wie folgt: „Bei den Grundarbeiten für die neue Klinik in Bonn sind iin Herbst
1876 eine grosse Anzahl Bruchstücke von römischen Wandbewürfen aufgefunden
worden. Dieselben befinden sich im Universitätsmuseum rheinischer Altertümer
zu Bonn. Die Bruchstücke sind 2 . 30 m unter der heutigen Erdoberfläche
längs der Süd- und Westmauer des östlicheren der zwei römischen Gebäude
aufgefunden worden , deren Grundrisse im 59. Heft Taf. II abgebildet sind,
und haben darum wahrscheinlich den von diesen Mauern eingeschlossenen
Raum geschmückt.“
Nach den a. a. 0. gegebenen Abbildungen zu schliessen, ist der Charakter
der Malereien dem der pompejan. und römischen völlig gleich. Nur die auf
Tafel V und VI als Nummer 7 und 8 abgebildeten Stücke sind im westlichen
Gebäude gefunden, sie sind von General von Veith a. a. 0. besprochen. ^) Sie
gehören, nach Hettner, einer viel späteren Zeit an als die Bruchstücke der
östlichen Gebäude; die Farben scheinen ihm nicht a fresko auf-
getragen zu sein.
Die Zusammenstellung der Bruchstücke ergibt folgende Gesamtanlage:
„Schwarze mit farbigen Ornamenten gezierte Pilaster teilen die Wandfläche,
welche rot gestrichen ist , in einzelne Felder. Ueber den roten Feldern be-
finden sich Friese auf schwarzem Grund mit weissen Ranken und
Amazonenkämpfen, über den Pilastern gelbe Felder mit roten Verzierungen.
Die gelben Felder und Friese begrenzt ein grüner Streifen ; an diesen stösst das
Gesims , welches die Decke trug. — Unter den roten Feldern und den
schwarzen Pilastern zog sich ein breiter Sockel hin, welcher schwarz gefärbt
ist unter den roten Feldern, rot unter den schwarzen Pilastern. Die Decke
-) „Bemalter Putz zeigt sich an mehreren Stellen noch fest anliegend. Vor
der inneren Südwand des Nordflügels lagen herabgefallene Wandmalereien von 3 cm
Dicke, die eine Nachbildung von Marmorflächen zu sein schienen. Grüne Flächen,
0,16 breit und mehr als doppelt so lang, .waren von 4 cm breiten roten Streifen um-
geben, und durch diese Streifen von gelblichen Flächen getrennt. Sowohl diese
grünen als gelben Flächen waren von unregelmässigen roten Adern durchzogen.
An der Nordseite des Gebäudes lagen grössere Verputzstücke mit wechselnd roten,
weissen und schwarzen Streifen von 3 cm Breite.“
281
war weiss gestrichen mit roten, grünen, schwarzen Einfassungslinien und roten
Ranken mit grünen Blättern geziert.
Sehr reich sind die Pilaster, wie sie sich zahlreich auf pompejanischen
Wänden finden. Vögel und geflügeltenPaiiihern ähnUche Tiere mit phantastischen
Köpfen sitzen auf Ranken, welche aus dem Stamme des Kandelabers unt.er
den Schirmdächern ähnlichen Unterteilungen hervorwachseu. Auf dem obersten
Schirmdäch steht eine Schale, aus der ein Vogel zu trinken scheint, auf den
folgenden perspektivisch gezeichnete Scheiben. Von den Amazonenkämpfen
sind vier zusammenhängende Bruchstücke erhalten. Tafel III und IV zeigen
zwei Einzelkämpfe zwischen je einem Griechen und einer reitenden Amazone.
Links erwartet ein Grieche in fester Haltung eine mit geschwungener Doppel-
axt auf ihn zustürmende nackte Amazone. Rechts wird eine Amazone von
einem Griechen verfolgt. Die Amazone wendet sich fliehend nach dem Ver-
folger, um sich zu verteidigen. Die Höhe des Figurenfrieses beträgt ca.
20 cm. Die Technik ist flott und sicher, die Bewegungen sehr lebendig.
Dieses Beispiel zeigt, dass es auch in Deutschland Maler gegeben hat.
welche imstande waren, nicht nur ornamental gehaltene Figuren, sondern
auch ganze Gemälde auszuführen. Demnach hegt der Gedanke nahe, dass
bei der Bonner Wand, deren Friese und Pilaster reich ausgestattet sind, die
Felder mit Bilder geschmückt gewesen seien. Von diesen ist jedoch kein
Bruchstück gefunden worden. Hettner folgert daraus, dass keine eigentlichen
Gemälde die Mittelfelder einnähmen, dass „gerade damals in Bonn kein Maler
zur Hand war, welcher der Ausführung solcher Gemälde gewachsen war‘^.
Dagegen, meint er, „muss ira Hinblick auf die Ornamente die Gewandtheit
des Dekorateurs, mit wenig Mitteln einen vollen Eindruck zu erreichen, und die
Sauberkeit der Ausführung anerkannt werden“.
Der Bewurf besteht in der obersten 0,002 m hohen Schicht, auf welche
die Farbe aufgetragen ist, aus feinstem Kalkmörtel und Kalkspatkörnchen,
darauf folgt eine 0,007 m dicke Schicht weissen Sandmörtels und zwei
Schichten gröberen Mörtels, jede 0,02 m stark. Der Bewurf entspricht dem-
nach, wie alle „rheinischen Freskoarbeiten an Güte nicht den Forderungen
des Vitruv und PHnius, zeichnet sich aber immerhin unter den bekannten
einheimischen Freskobruchstücken aus.
6. Bei einer Ausgrabung zu Trier i. J. 1878 für den Bau eines Kellers (Jo- hau™ii^Tr^'r.
hannisstr. 290 c) stiess man auf ein römisches Wohnliaus. Nach Hettners Be-
richt (Jahrbücher d. genannt. Vereins, Bonn 1878 Heft LXIV. p. 111) waren
zwei Bauperioden zu unterscheiden; die Ueberreste der älteren waren besser
erhalten, da sie 1,50m unter dem Estrich der jüngeren lagen. Sonach
konnten von der ersten Anlage vier viereckige Räume freigelegt werden und
von einem fünften eine Apsis. Die Wände desselben waren in pompe-
janischer Weise gemalt und mit Tierfiguren geziert. Im ganzen fanden
sich zwei Hirsche, ein Luchs und ein viertes Tier, wie es schien, ein Bär,
indes gelang es nur einen Hirsch und den Luchs von der Wand abzulösen
und zu erhalten. Der Hirsch ist im Laufe dai’gestellt, er ist 0,80 m lang, mit
grünlich grauer Farbe auf roten Grund gemalt. Der Luchs ist etwas kleiner
und mit derselben Farbe wie der Hirsch auf einen gelblich braunen Grund
aufgetragen. (Im Prozinzialmuseuin zu Trier aufbewahrt.)
7. In unmittelbarer Nähe von dem Fundort dieser (Trierer) Wände wurde
im August 1877 bei der vom dortigen Provinzialmuseum vorgenommenen
Freilegung eines grossen römischen Gebäudes in St. Barbara eine Anzahl
von Wandbewurfstücken aufgefunden, deren Zusammensetzung ergab, dass
die Hauptfläche der Wand wiederum rot gemalt und durch schwarze Pilaster
in Felder getrennt war. Auf den Pilastern befindet sich ein Aufbau, welcher
dem auf den Pilastern der Bonner Wand sehr ähnlich ist. \.uch hier die Schirm-
dächer und von den Schirmdächern herabhängende Bänder. Aber der Stamm
ist nach Art einer Pflanze stilisiert und mit grüner Farbe und graubraunen
Schattenhnien gemalt.
282
Autikes
Fresko-
medaillon,
Waudresto
in Köln.
Malereien zu
Strassburg.
8. Bezüglich einer von Bone (Bd. LXI der Jahrbücher) publizierten Dar-
stellung einer weiblichen Figur, welche Eigentum des Provinzialmuseums von
Trier ist, stellte Hettner (ebd. Bd. LXII, p. 70 Anm.) fest, dass die Um-
rahmung erst in neuerer Zeit durch den Maler Steffgens hergestellt worden ist,
der auch kleine Partien der Gewandung und des Hintergrundes ergänzt hat.
Das Bildchen zeigt den en face gestellten Kopf und einen Teil der Brust. Der
Kopf ist mit einem Kranze geschmückt. Das Haar ist hinter den Ohren in je
zwei BJechten zusammengenommen, welche mit einem weissen Bande durch-
wunden sind und an beiden Seiten des Halses herabhärigen. Der Körper ist
mit einem rötlichen Chiton bekleidet, dessen Palten dunkelrot gemalt sind. In
der erhobenen (fehlenden) Linken hält das Mädchen einen Korb. Das Bildchen
ist mit sicherer gewandter Hand gemalt und steht den besseren Malereien
Pompejis nicht nach. Wilmowsky vermutete, dass das Stück in Trier bei dem
Bau des Redemptoristen-Klosters gefunden sei, wenigstens seien um die Zeit, als
das Bildchen auftauchte, ebenda viele Preskobruchstücke (von einem derselben,
einem Olivenzweig mit grünen Blättern und weissen Früchten auf schwarzem
Grunde, besass er selbst eine Abbildung) gefunden worden, deren Technik
mit diesem genau übereinstimme.
Ueber die Unterlage berichtet Bone (p. 47); „Zunächst über dem (neuen)
Rahmenrande erscheint noch ungefähr ®/4 cm dick eine Lage von feinem
Sandmörtel, von welchem die Kalkteilchen ziemlich mürbe geworden zu sein
scheinen ; die Sandteile sind rundlich und meist grauschwarzer Färbung ; von
Ziegelbruchstücken oder Gefässcherbenteilchen bemerkte ich keine Spür.
Ueber dieser Sandmörtelschicht liegt eine Schicht Mörtel von viel hellerer
Farbe; sie ist durchsetzt mit kleinen durchscheinend weissen Steinchen (es
sind wohl ohne Zweifel Marmorstückchen) ; diese sind infolge des Pestschlagens
fast raauerartig geordnet und haben im Querschnitt eine Länge von etwa U/ü,
eine Höhe von etwa 1 Millimeter ; die ganze Schicht hat eine Dicke von ca.
3 Millimeter. Auf diese Schicht folgt endlich diejenige , welche der Malerei
unmittelbar zur Grundlage dient : sie ist etwa U/2 Millimeter dick; ihre Färbung
ist teils weiss, teils graulichweiss, von kleinen gröberen Teilchen ist sie nicht
frei, man erkennt solche an vielen Stellen der Bildfläche, wo die schwarze
Grundfarbe besonders dünn aufgetragen ist, besonders deutlich“.
Die Technik des Bewurfes entspricht also im ganzen den Vorschriften
der Alten und der Technik, welche an den pompejanischen Wandge-
mälden sich gezeigt hat; ebenso stimmt sie ini allgemeinen mit dem, was
V. Wilmowsky bei den Wandmalereien der ältesten römischen Baureste zu
Trier beobachtet hat. Da Bone’s Abhandlung sich hauptsächlich über die
Bedeutung der dargestellten Figur und deren Ursprung verbreitet und seine
Ansichten über die Technik sehr unklar erscheinen, so können wir darüber
hinweggehen.
9. Im Kölner Museum Wallraff-Richartz befinden sich Reste von
römischen Wandmalereien, die nicht veröffentlicht und auch nicht photographisch
aufgenommen worden sind. Es sind vier Sockelfelder in rechteckiger Form,
eines schwarz , die andern gelb , mit einfachen breiten Bändern eingefasst.
Die Dekoration beschränkt sich auf 2 — 3 grüne Grasbüschel.
10. Ueber altrömische Wandmalereien in Strassburg i. E. , die alle
früheren Funde der Art bei weitem an Schönheit und guter Erhaltung über-
träfen, berichteten die Tagesblätter im Frühjahre 1901: „Auf dem Kleberplatz
sind drei Meter unter dem Pflaster die Bruchstücke einer ganzen Wand auf-
gefunden worden deren Zusammensetzung die Bemalung der Wand deutlich
erkennen lässt. Die mehrere Meter lange Wandfläche war in drei rechteckige
Bilder geteilt, die von breiten hellgelben Streifen eingefasst wurden. Zwei
der Felder sind nur mit sogenanntem pompejanischen Rot gestrichen , das
dritte ist mit einer Gartenszene geschmückt. Drei Frauen arbeiten in einer
Gartenanlage, Bäume und Weinreben bilden den Hintergrund. Die mittelste
der Frauen hält eigentümliche Fäden , wohl Grashalme oder Bastfäden zum
283
Aufbinden der Reben, zwischen den Lippen. Der Grund des Bildes ist dunkel,
die Umrahmungen dagegen in lebhaften hellen Farben gehalten. Besonders
schön ist eine aus stilisierten Blumen auf schwarzem Grunde gebildete Um-
rahmung, aus Enzian und grossen Margueriten, welch letztere guirlandenartig
eine Schuppensäule umziehen. Ein anderes Motiv verwertet die stilisierten
Rüben, die «päter in der Renaissance wieder so viel gebraucht wurden. Auf
einem anderen Bilde endlich ist Herakles dargeatellt, das Löwenfell mit dem
nach unten hängenden Rachen über die Schulter geworfen , wie er mit einer
jungen Frau plaudert.“ Aus dieser Schilderung ist ersichtlich, dass diese
Malereien weit über handwerksmässige Dekoration hinausgehen und wirklich
den Namen eines Kunstwerkes verdienen.
11. Weniger reich und auch weniger gut erhalten sind die römischen
Stuckmalereien in Salzburg, die jetzt teilweise im dortigen Museum auf-
bewahrt sind: Nach dem kleinen Modell der i. J. 1841 bei der Grund-
aushebung für das Mozart-Denkmal aufgedeckten römischen Ruinen waren
bei einigen mit Mosaikboden geschmückten Räumen die Sockelbemalungen
noch erhalten, u. zw. 1. ein auf rotem Grund fortlaufender Mäander, in dessen
Felder abwechselnd Vögel und Ornamente hineingemalt waren. Den roten
Sockel schloss ein gelber Streifen nach unten ab. 2. Ein kleiner Raum hatte
schwarzen Sockel, mit Blumengeranke verziert, wovon noch einige Original-
stücke aufbewahrt sind.
Das Museum enthält in sechs Rahmen eingegipste römische Stuckmalereien,
teils von der obigen Ausgrabung, teils von denen des Jahres 1890 in der
nächsten Umgebung (Mozartplatz 5) stammend, dann etwa zwanzig Teile von
einer konvexen Stuckbekleidung (einer Säule?), die Lattichblätter und Ränken
auf weissen Grund gemalt zeigen, endlich kleine Stücke mit gelber Bemalung
und reichen Ornamenten auf sehr festem Stuckgrund.
Die Art der Erhaltung ist sehr verschieden: während die zuletzt erwähnten
ausserordentlich fest sind , zeigt ein erhaltenes Stück des unter 2 genannten
schwarzen Sockels schwammiges , weiches Gefüge ohne inneren Halt ; der
Bewurf besteht aus gemeinem Sandmörtel, ähnlich dem oben genannten aus
Carnuntum.
12. In dem kleinem Museum der Stadt Traunstein (Bayern) sind
Mosaiken und etliche Wandreste aus Ruinen einer römischen Villa zu Erl-
stadt bei Traunstein aufbewahrt. Die Farben des Wandstucks sind rötlich,
violett und schwarz.
13. Nach einer Notiz vonHefner in der Arohaeolog. Zeitung (Anzeiger
1857 S. 14) über die Auffindung des jetzt im Nationalmuseum zu München
befindlichen römischen Mosaiks von Westenhofen bei Ingolstadt hatte das
Gemach , worin sich der Mosaikboden befand , die Basilikenform Und war
rings mit Ausnahme der Südseite, wo der Eingang gewesen zu sein scheint,
mit einer' 4 Fuss hohen rotgemalten Mauer umgeben.
14. Reste von römischer Malerei im bayerischen Nationalmuseum zu
München stammen aus einer römischen Villa in Haltenberg am Lech
(aufgestellt im I. römischen Saal). Es sind verschiedene Malereien, wie
Streifen und Bandornamente, ohne Zusammenhang in einem Rahmen ein-
gegipst.
In Eining bei Kelheim hat sich aus der umfangreichsten römischen
Villa in Bayern von bemalten Resten nichts erhalten. ®)
15. Im alten Carnuntum, jetzt Altenburg a. Donau, sind wiederholt
altrörnische Wandmalereien ausgegraben worden.
Nach J. W. Kubitschek u. S. Frankfurter, Führer durch Carnuntum
(Wien 1891 II. Aufl.) befindet sich „bemalter Stuckbewurf“ im Museum des
**) Vergl. Eining und die dortigen Römerausgrabungen (v. Wolfg. Schreiner,
Stadtpfarrer, Jjandshut 1886). Die römische Ansiedlung Abusina (jetzt Abensberg)
hat gut erhaltene Thermen mit ihren Heizvorrichtungen, Einzelbäder etc. Von Ma-
lerei ist nichts erhalten.
Stuok-
malereien in
Salzburg.
Brlstadt.
Westenhofen.
Haltenberg
am Lech.
Carnuntum,
Altenburg
a. Donau.
284
Vereins zu Deutsch-Altenburg; dann „Proben von Ziegeln mit bemaltem Stuck-
bewurf“ , auf zwei Säle verteilt , im Museum des Barons Ludwigstorflf eben-
dort, sowie „in freier Kunstübung mit Genrebildern, mythologischen Szenen
u. a. bemalter Stuckbewurf“ über den Hohlziegeln (die aus der Zentralheizung
warme Luft in die Räume führte). Es heisst ferner (p. 69) : „Hier (im Lager-
heiligtum) waren auch die W andmalereien noch gut erhalten , auf gelbem
Grunde rote Streifen und in Feldern Figuren, so z. B. ein Speisenträger mit
weisser Tunica, der eine hellblaue Schüssel mit hellrot gemalter Speise mit
beiden Händen fasst und rechtshin eilt.“
(p. 72): Im Schlosse des Grafen Traun-Ebensperg: „bemalter Stuck,
dann Ziegel mit Stuckbewurf“ (p. 73).
Nachtrag vom Juli 1892 p. 3: Im Zimmer eines Gebäudekomplexes an
der Nordseite der Hauptstrasse „Bewurf mit Malerei“; an einer Stelle sind
die Wände eines Zimmers in anmutiger Weise mit Blumen und Blättern in
roter oder grüner Farbe ausgeziert gefunden , auch gelbe und weisse Orna-
mente; in einem Gemache Reste von Goldfarbe*) auf dem Stuckbewurf.
■*) Ausser dieser Angabe kenne ich nur noch ein einziges Beispiel von Gold-
ornain eilten auf Stuckgrund alter Herkunft u. zw. im Dresdner Altertinum : Gold-
Maeander auf zinnoberrotem Stuck.
285
I
Anhang V.
Frühere Rekonstruktionen,
a) Enkaustik.
Auf keinem Gebiete der Maltechnik ist soviel gernutmasst und versucht,
geschrieben und gestritten worden wie auf dem der Enkaustik; denn
ausser dem Namen und den wenigen litterarischen Zeugnissen war über
diese Technik bis vor wenigen Jahren nicht das geringste bekannt. Nichts-
destoweniger oder vielleicht gerade wegen der Unzulänglichkeit der wenigen
Nachrichten ist diese Frage Gegenstand zahlreicher antiquarischer Unter-
suchungen und künstlerischer Experimente geworden, seit man anfing sich
für die antike Kunst und Kunstteohnik zu interessieren.
Alle Erklärungsversuche gehen von den Stellen des Plinius (XXXV, 122
und 149) aus, und der Streit dreht sich fast ausschliesslich um die Deutung
dieser grundlegenden, aber dem bisherigen Wortlaut nach nicht klaren
Stellen. Schon im XVI. Jht. beginnt dieser Streit der Meinungen und er
dauert seitdem fast ununterbrochen fort zwischen den Altertumsforschern
einerseits und den mehr ein praktisches Interesse verfolgenden Kunstlieb-
habern und Künstlern andererseits. Am entschiedensten sprach sich 1629
der als Polyhistor von staunenswerter Belesenheit auf allen Gebieten be-
kannte Franzose Claude de Saumaise^) (Claudius Salmasius) in seinen
„Exercitationes Plinianae“ aus. Auf Grund streng grammatischer Aus-
legung des Wortlautes und in der Voraussetzung, dass die drei Arten der
Enkaustik durch drei einander ausschliessende Merkmale unterschieden sein
müssten , kam er zu folgendem Schluss : Die erste Art werde charakterisiert
durch die Bestimmung „mit Wachs“ (cera); die zweite Art durch das In-
strument „cestrum“; die dritte durch den Gebrauch des Pinsels bei heiss-
flüssigem Wachs (ceris igni resolutis penicillo) ; folglich gelte für die erste nicht
das Cestrum , für die zweite nicht das Wachs, und der heissflüssige Zustand
des Wachses mache bei der dritten Art das nachträgliche Einbrennen entbehr-
lich und verlange als notwendigen Gegensatz, dass bei der ersten Art das
Wachs sich in kaltem Zustande und seiner natürlichen Konsistenz befinde.
Darnach konstruierte er sich die Technik so :
1. Auf eine Holztafel wurde das gefärbte Wachs so, wie es ist, aufgetragen
und der Idee des Gemäldes gemäss ausgebreitet und verarbeitet; das fertige
Gemälde wurde hinterher mit Feuer eingebrannt, um die Unebenheiten aus-
zugleichen und die Farben, soweit nötig, zu verschmelzen. (Wie und mit
9 Claud. Salmasius, Exercit. Plinianae in Solini Polyhistora, Utrecht 1689
p. 163k D ff. (Erste Ausg. 1629). Von etwa gleichzeitigen Autoren sind noch zu er-
wähnen: Carlo Dati , Deila pittura antica, Firenze 1667; Francs Junius, de pictura
Veterum, Rotterdam 1694.
Salmasius.
286
Montjosieu.
Johannes
Scheffer.
welchen Werkzeugen dies vollzogen werden sollte, hat Salmasius nicht an-
gegeben ; vermutlich hat er an ein spachtelähnliches Instrument gedacht.)
2. Auf Elfenbein wurde mit dem glühend gemachten Oestrum, d. h.
einem spitzigen eisernen Stift oder Griffel, eine Zeichnung eingebrannt —
also ähnlich der modernen Brandmalerei auf Holz.
3. Bei der Schiffsmalerei wurde die heissflüssige Wachsfarbe mit dem
Pinsel aufgetragen. Auf dieselbe Weise wurden auch Türen und andere
Holzteile in der Architektur mit farbigem Wachsanstrich versehen.
Diese Erklärung richtete sich in versteckter Polemik gegen einen anderen
Franzosen, Louis de Montjosieu,^) der etwa 40 Jahre früher i. J. 1585
seine Theorie auf die Ansicht gegründet hatte, dass zwar nicht das „Wachs“,
aber die Bestimmung „mit dem Oestrum“ gleichmässig auf die beiden ersten
Arten bezogen werden müsste. Diese Ansicht wurde dann von dem Jesuiten
Hardouin wieder aufgenommen in der grossen Pliniusausgabe , die er 1685
unter Tmdwig XIV. in üsum Delphini herausgab, und in der er aus ge-
lehrter Eifersucht jede Gelegenheit wahrnahm, Salmasius zu bekämpfen.
Er behauptete, die Sache sei sehr einfach und, so sehr man auch Irrtümer
darüber verbreitet hätte, ein für allemal festgestellt:
1. Auf einer Holztafel habe man eine Zeichnung mit dem Oestrum,
wie der Kupferstecher mit dem Grabstichel, in Linienmanier eingraviert, die
Furchen und Vertiefungen mit farbigem Wachs ausgefüllt und das Gemälde
dann über ein Feuer gehalten, um durch Einbrennen das Wachs auf der
Tafel zu befestigen.
2. Auf, Elfenbein aber habe man die Zeichnung mit dem glühenden
Oestrum eingraviert und bei der Kolorierung das Weisse des Elfenbeins
stehen lassen und für die Lichter benützt, die Mitteltöne dagegen und die
Schatten mit gewöhnlicher Farbe — ohne Wachs ausgefüllt.
3. Die dritte Art bedürfe keiner weiteren Erläuterung.
Mit einer geringen Variante hatte der Augsburger Johannes Scheffer^)
schon 1669 erklärt, dass man auf Holz oder einer anderen Unterlage die
Linien mit heissem Griffel eingegraben und in die so entstehenden Vertiefungen
farbiges Wachs eingeschmolzen habe; in gleicher Weise sei auf Elfenbein
verfahren worden, so dass das cestrum das für beide Arten gemeinsame In-
strument gewesen sei.
Dies sind die ältesten Auffassungen , die einander gegenüber stehen.
Die Folgezeit hat sich in der Hauptsache (dass das Oestrum beiden ersten
Arten gemeinsam sei und zum Gravieren der Zeichnung gedient habe), auf
Hardouin’s Seite gestellt, und die anderen Bestimmungen kehren fast bei allen
späteren Erklärungen mit unwesentlichen Modifikationen wieder. * *)
Neben diesem theoretischen Interesse der Gelehrten im engeren
Sinne lief lange Zeit das praktische Ihteresse der Kunstfreunde und
Künstler her, die durch die Wiederentdeckung einer einst gepriesenen
Technik der Malerei ihrer Zeit einen wichtigen Dienst zu erweisen hofften,
und diese sind es, die zu dem Anschwellen der Fachlitteratur über die En-
kaustik am meisten beigetragen haben. Sie gingen dabei weniger von soi'g-
fältiger Analyse der überlieferten Nachrichten als von mehr oder minder
willkürlichen Experimenten aus und gelangten zu verschiedenen Methoden,
bei denen, um den Namen zu rechtfertigen, wenigstens das Einbrennen eine
gewisse Rolle spielte.
*)' Ludovici Demontosii Gallus Romae Hospes (Rom, 1585) p. 13 — 14.
Joannis Schefferi Argentoratensis Grafice id est de Arte pingendi, Nürem-
berg 1669 p. 55.
*) Zu diesen Ausleg angsversuchen und deren Unterschieden in grammatischer
und sachlicher Hinsichtvgl. Böttiger kl. Schriften II, p. 88 Anm., Welcher kl. Schriften
III, p. 414 ff. und besonders die Nachweise bei Blümner IV, p. 444 Anm. 2, der selbst
der Auffassung von Donner sich anzuschliessen geneigt ist. Im übrigen sei auf die
früheren Ausführungen (p. 191) und das dort vorkommende Material verwiesen.
287
Den nachhaltigsten Anstoss dazu gab der aus Lessings Laokon noch
heute uns wohlbekannte Kunstmäcen Graf Caylus^), der im Juli 1755 der
Acadeinie des Inscriptions zu Paris ein Memoire über die enkaustische
Malerei vorlegte, nachdem er kurz vorher (November 1754) durch die öffent-
liche Ausstellung einer vom Maler Vivien angeblich in der Enkaustik der
Alten gemalten Minerva eine höchst wirksame Reklame für seine Forschungen
gemacht hatte. Ganz Paris wollte das Gemälde sehen ; so sehr war man
von der Nachricht der ’v^ieder entdeckten Malart überrascht. In dem mir
vorliegenden Dictionnaire de Peinture von Pernety (Paris 1757) spiegelt
sich der ungeheure Eindruck, welchen die sensationelle Neuheit in allen
Kunstkreisen damals hervorrief, in interessanter Weise wieder.
Es bildeten sich Parteien, und die ersten Mitglieder der Acadömie royale
de Peinture standen vor einem Rätsel, wie man mit M^achs malen könnte,
ohne es vorher zu lösen. Man wollte an dem Geruch des Minervabildes,
welches nur zum Teil in enkaustischer Manier gemalt war (a. a. 0. p. 54),
eine Beigabe von Terpentinessenz erkennen, die zur Auflösung des Wachses
verwendet worden sei, und glaubte darin das Neue zu vermuten, da diese
Auflösungsart damals noch unbekannt war. Als aber das erwähnte Memoire
veröffentlicht wurde , erkannte man den Irrtum , denn die 4 Arten der En-
kaustik nach Caylus waren ohne Terpentinanwendung hervorgebraoht.
Diese vier Arten sind ;
1. Man trägt mit Farbstoffen gemischtes Wachs, das in Näpfchen über
einem Rechaud mit siedendem Wasser flüssig erhalten wird, mit dem Pinsel
auf ebenso erwärmte Holztafeln auf. Mischungen werden ebenfalls auf einer
heissen Palette gemacht.
2. Das mit Farben gemischte Wachs wird in Wasser gekocht und mit
einer elfenbeinernen Spachtel so lange geschlagen , bis das Wasser erkaltet
ist; dadurch wird das Wachs in kleine Partikelchen geteilt, und es entsteht
eine Art Poudre, welcher im Wasser schwimmt und stets feucht gehalten
wird. Man gibt von diesen Farben soviel man braucht in Näpfchen und
malt mit gewöhnlichem Pinsel wie a tempera. Das fertige Bild wird dann
mittelst eines Vergolderofens oder dgl. eingebrannt.
3. Auf stark mit Wachs getränkte Holztafeln malt m^n mit Wasser-
und Gumraifarben , erwärmt nach dem Trocknen die Malerei am Feuer , bis
das darunter befindliche Wachs erweicht ist und die Farbenschicht durch-
dringt. Damit die Wasserfarben auf dem Wachse besser haften, bestreut
man die Fläche mit einer feinen Schicht von Blanc d’Espagne.
4. Dasselbe Verfahren wie das vorige, nur wird zuerst mit Gummi- und
Wasserfarben gemalt, auf die fertige Malerei werden dünne Wachslamellen (in
Spielkartenstärke) aufgelegt und wie oben eingebrannt.
Graf Caylus hatte überdies im Vereine mit dem Arzte Majault noch
eine 5. Art, die Peinture ä la cire, gefunden; sie beruhte auf der Auflösung
des Wachses in Terpentingeist unter Firniszugabe , und von dieser Mischung
sind fünf Sorten, je nach der Menge des beizugebenden fetten Oeles, be-
schrieben (a. a. 0. p. 67); da aber die Wärme hier nicht nötig ist, wurde
diese Art nicht als Enkaustik bezeichnet.
Ira März 1755, kurz vor dem Bekanntwerden des Oaylus’schen Mömoires,
war die Pariser Kunstwelt mit einer neuen Entdeckung der Enkaustik über-
rascht worden. Die Maler Bachelier, Halle und Lorrain (nicht zu ver-
wecheln mit Claude L., der 1682 starb), hatten Versuche gemacht, das Wachs
mittelst Alkali (sei de tartre) zu lösen ; sie mischten Farben mit dieser Lösung,
malten auf Taffet oder Leinen und erhitzten das Gemälde ziemlich stark von
“) Caylus, A. C. Philippe de Tubieres, geb. 1692, f 1765, bereiste Italien,
Griechenland und Kleinasien; von 1717 lebte er in Paris den Künsten und der Alter-
tumswissenschaft. Seine Werke und Abhandlungen sind zahlreich, doch hat er das
Wesen der Antike nicht verstanden , wie dies Lessing im „Laokoon“ und sonst ge-
zeigt hat.
Caylus.
Bacbelier.
288
rückwärts. Die drei Künstler beeilten sich bekannt zu machen, dass sie die
wirkliche Enkaustik der Griechen gefunden, da mit Wachs gemalt und das Ge-
malte eingebrannt werde. Ende März desselben Jahres erschien eine Broschüre,
Histoire et Secret de la Peinture en cire, welche Diderot zum Verfasser
haben soll, und in welcher diese neue Entdeckung gegen die des Grafen
Oaylus in den Himmel gehoben wurde. Die Gemüter schienen sich immer
mehr zu erhitzen, wie es noch jedesmal geschehen, wenn es sich um die
Wiedererweckung der antiken Enkaustik handelte; Prdron veröffentlichte eine
kritische Abhandlung in seiner „Annöe littöraire“ und in einem Pamphlet
„L’Art de peindre au fromage ou en Ramekin“ machte sich ein Witzbold
(Rouquet) über die Bachelier’sche Entdeckung lustig. •>)
Schliesslich sah die Akademie , von welcher der Sturm ausgegangen
war, sich veranlasst, selbst zur Lösung der Frage zu schreiten, und beauf-
tragte ihr Mitglied, den Gelehrten Monnoy e, den Artikel über Enkaustik
für den Dictionnaire Encyclopödique zu bearb'eiten. Es ist sehr interessant, zu
sehen , wie dieser sich in der Sache zurechtfand. Zunächst stellte er fest,
welche Forderungen nach Vitruv und Plinius an das Technische der Enkaustik
zu stellen wären, und zwar wie folgt ;
1. Die Alten malten mit gefärbtem Wachs, welches sie vielleicht mit ein
wenig Oel vermischten, um es weicher zu machen, und bewahrten die Farben
in mit Abteilungen versehenen Kästchen.
2. Sie schmolzen diese Wachsfarben und verwendeten sie mit dem Pinsel.
3. Sie festigten ihre Gemälde dm’ch Einbrennen mittelst eines mit Kohlen
gefüllten Beckens (Rechaud) , welches sie über der Oberfläche hin- und her-
bewegten.
4. Sie machten das. Ganze durch Frottieren mit reinen Leinentüchern
glänzend, und
5. sie malten auf Holz ihre transportablen Bilder , wie es an mehreren
Stellen heisst, und auch auf Mauerstuck oder Gips.
Nach diesen von ihm selbst festgestellten Bedingungen erklärte Monnoye
die erste Art des Oaylus für nicht identisch mit der Enkaustik der Griechen,
weil dabei heisses Wasser an Stelle des Feuers verwendet werde; die zweite
Manier hält er nach der Ansicht von Praktikern überhaupt nicht für aus-
führbar. Die dritte und vierte Art aber seien kaum die gesuchte En-
kaustik, weil sich diese beiden nicht auf Wandflächen gebrauchen Hessen,
wie es Plinius und Vitruv forderten. Ebenso wird auch die Enkaustik
Bachelier’s kritisiert. Die erste von dessen vier vorgeschlagenen Arten (er
durfte doch nicht hinter Gaylus Zurückbleiben I), beruhend auf der Auflösung des
Wachses in Terpentinessenz, welche Bachelier schon einige Jahre früher
als Oaylus verwendet zu haben behauptete (a. 'a. 0. p. 59), verwirft der Be-
arbeiter des Dictionnaire als in gar keiner Beziehung zur alten Enkaustik
stehend, weil das Wachs nicht heiss aufgelöst werde und die Malerei nicht
eingebrannt zu werden brauche.
Die zweite Art Bachelier’s, welche nur auf Leinwand anwendbar war
und darin bestand, dass mit Wasserfarben auf nicht appretierter Leinwand
gemalt, diese dann von rückwärts mit reinem Bienenwachs oder der eau de
cire genannten Wachslösurig getränkt und an einem Vergolderofen eingebrannt
wurde, findet ebensowenig Gnade vor dem Kritiker, da diese Prozeduren sich
auf der Mauer nicht ausführen Hessen, überdies das Verfahren mit der dritten
Art des Oaylus grosse Aehnlichkeit habe. Die dritte Art Bachelier’s be-
ruhte auf der Verwendung des durch ein Alkali (sei de tartre) gelösten
Wachses, welches er „eau de cire“ nennt; man mischt damit die Farben
und malt auf Leinwand, welche man öfters von rückwärts mit diesem
®) Mr. Rouquet hat es w'ohl kaum ahnen können, dass eine Zeit kommen würde,
in welcher man wirklich mit Käsequark nebst Bier malt, und dass diese Malerei
sogar sehr dauerhaft ist. Die grossen von Prof. Geselschap gemalien Wandgemälde
des Zeughauses (Ruhmeshalle) in Berlin sind mit Caseinfarbeu gemalt.
289
Wachs oder Wasser befeuchtet; hernach wird das Einbrennen voi’genoramen,
wodurch das Gemälde erst befestigt und die Oberfläche gleichmässig ge-
macht wird. Bei der vierten Art werden die gleichen Farben wie oben
benutzt und durch Auspressen der Feuchtigkeit mittelst Fliesspapier in eine
Art Wachspastelle verwandelt, mit denen gemalt wird; zum Schluss folgt,
wie vorher, das Einbrennen.
Diese zwei letzten Methoden scheinen den kritischen Anforderungen von
Mr. Monnoy e zu entsprechen, denn er macht hier keinerlei Einwände. Umso-
mehr macht der Verfasser des Dictionnaire de Peintvire, welcher für Caylus
und seine Auffassung eintritt. Er findet mit Recht, dass diese Methoden
Bachelier’s ebensowenig die Bedingungen der wirklichen Enkaustik erfüllen,
und es Hesse sich heute seinen Ein wänden leicht eine Reihe weiterer hin-
zufügen.
Das Hauptinteresse richtete sich, wie wir sehen, auf die Wieder-
herstellung des sog. Punischen Wachses, die folgende Litteratur be-
schäftigt sich ausschliesslich damit, sowohl in Frankreich als auch in Italien
und Deutschland. Abb^ Richard (Description historique et critique de l’Italie,
1758) nahm die Priorität für den Prinzen von San Severa in Anspruch,
und im Jahre 1769 gab Benjamin Oalau, erst kurfürstlicher Hofmaler in
Leipzig, nachher Hofmaler in Berlin, eine Schrift heraus: Ausführlicher
Bericht, wie das Punische oder das Eleodorisohe Wachs aufzulösen
(Leipzig 1769). Er zeigte darin an, dass er das „punische oder eleodorisohe
Wachs, dessen Plinius gedenkt, und welches die Alten zum Aufträgen der
Farben in der Wachsmalerei gebrauchten“, wieder gefunden habe. Seine Kunst
bestand darin, das Wachs in einer Art Wasser aufzulösen, mit allen Arten
von Oel oder Gummi nebst beliebigen Farben zu vermischen, um damit „die
zartesten Gemälde“ zu verfertigen. Er erhielt vom Könige das ausschliessliche
Privilegium, dieses Wachs, welches auch Buchdrucker, Buchbinder, Sattler,
Schuster und Tischler gebrauchen, um ihren Arbeiten damit Glanz zu geben,
in den preussisohen Landen verkaufen zu dürfen, Oalau starb 1785, ohne
sein „Geheimnis“ veröffentlicht zu haben. '^)
Gleichzeitig mit ihm scheint Joh. Gottlieb Walter das punische
Wachs wieder entdeckt zu haben; sein Sohn hat das ihm anvertraute Ge-
heimnis nicht veröffentlicht. Das „Material“ besteht aus reinem Wachs, wel-
ches so zubereitet wird, dass man damit gleich wie mit Oel malen kann, dabei
aber die Eigenschaft besitzt, dass es :
1. mit den heterogensten Flüssigkeiten mischbar ist, mit Alkalien,
Säuren, Oelen, und zwar sowohl mit den einzelnen als mit allen zusammen;
2. mit Salzsäure, alkalischer Lauge, Terpentin-Spiritus und Wasser ge-
kocht werden kann, ohne zu zerfliessen;
3. sich weder im warmen noch im kalten Wasser von selbst löst;
4. durch Feuer nicht mehr schmelzbar ist. ®)
^) s. Allg. Künstler-Lex. Zürich 1777, Suppl. p. 37. Vgl. auch: Beschreibung
einer mit Calauschem Wachs ausgemalten Farbenpyramide, wo die Mischung jeder
Farbe auf Weiss und drei Grundfarben angeordnet, dargelegt und derselben Be-
rechnung und vielfacher Gebrauch gewiesen wird, von J. H. Lam precht (Berl. 1772).
*) Vgh Friedr. Aug. Walter, Alte Malerkunst, Berlin 1821, p. 304. Wiegmann,
der sich mit Walters Angaben, die ihm sehr merkwürdig vorkamen, beschäftigt, be-
merkt dazu (Mal. d. Alten, p. 161) : Dieser wunderbare Körper muss entweder der Stein
der Weisen sein oder gar nichts. Donner (Technisches in d. Mal. der Alten, p. 57)
berichtet, dass diese Eigenschaften durch Kochen des Bienenwachses unter starkem
Sodazusatz entstehen und fügt hinzu: „Versucht man diese Masse wieder über dem
Feuer zu schmelzen, so findet Schmelzung nur mit Teilchen derselben statt, und -es
bildet sich in der Tat ein harter Körper innerhalb desselben, der sich nicht löst. Kocht
man sie in heissem Terpentinöl, so bleibt sie hart; in kaltem Terpentinöl erweicht
sie sich nach und nach. Sie löst sich auch weder im kalten noch im warmen Wasser
von selbst auf; reibt man sie aber mit letzterem oder auch selbst mit
kaltem Wasser auf dem Reibstein, so bekommt man eine weiche, dick-
flüssige, sehr weisse Masse, die man verdünnen und mit Wasser zum
Anreiben mit Farben pulvern zum Malen sehr gut verwenden kann.
19
Oalau’s
P.uiiisches oder
Eleodorisches
Wachs.
J. G. Walter.
290
Lorgna.
Torri.
Peterssen.
T aubenheim.
P ratrel.
Rcqueno.
Zweifellos bediente sich Walter zur Lösung des Wachses eines Alkali
(kohlensaures Kali oder kohlensaures Natron) und erzielte dadurch die ge-
suchte Wachsseife.
Auch Marchese Lorgna von Verona machte Versuche dieser Art. „Er
löste Wachs mit Alkali zu einem Seifenschaum, vermischte es mit arabischem
Gummi, dann mit Farben und malte damit. Aber das in Seife aufgelöste
Wachs wurde beim Einbrennen hart, liess sich nicht gut ineinander
schmelzen und konnte auch nicht mit dem Griffel aufgetragen werden, wie
doch die Alten getan haben. .Ueberdies blieb die Befürchtung , das Alkali
möchte mit der Zeit die Farben selbst auffressen. Das Nitrum des Plinius
hielt Lorgna nicht für das uns bekannte, sondern für Natrum. Da das Natrum
bei Karthago häufig gefunden wird, so ist es sehr begreiflich, warum man
dem damit versetzten und in eine Seife verwandelten Wachse den Namen des
punisohen Wachses gab.“ (Lichtenberg. Magazin III, 3. S. 192; 1786.)
Graf V. Torri zeigte 1785 gleicherweise, dass das Nitrum der Alten
nichts anderes als das Natrum der Neueren sei (ebd. IV, 1. S. 173; 1786),
und eine ähnliche Ansicht muss Peterssen in Halle bei der Wachsmasse
geleitet haben, die er 1792 bereitete (Allg. Reichsanzeiger 1796 Nr. 28,
S. 281). 9)
Zu diesen Versuchen ist noch derjenige des Barons v. Taubenheim zu
zählen, durch eine weiche, pomadeartige Komposition von Wachs und Gel ein
neuartiges Bindemittel an Stelle der gewöhnlichen Oelfarben zu schaffen.
Er liess seine Erfindung durch den gleichfalls am Hofe des Churfürsten in
Mannheim lebenden Hofmaler Josef Fratrel erproben und glaubte damit
ulle früheren Methoden in den Schatten zu stellen. ^°)
Wesentlich neue Gesichtspunkte brachte endlich eine bedeutsame Schrift
des spanischen Exjesuiten Abbö Vincenzo Requeno, betitelt: Saggi sul
ristabilimento dell’ antica arte dei greci e romani (Parma 1794), in welcher
über die alte Malerei bereits nach richtigen und klaren Grundsätzen geurteilt
wird. Inzwischen war nämlich ein ganz neuer Faktor der Beurteilung hin-
zugekommen ; während Caylus und Bachelier nur die Quellenschriften als
Grundlage ihrer Versuche hatten, eröffnete die Aufdeckung von Herkulanum und
Pompeji (1748) ganz neue Gesichtspunkte, und die Frage drehte sich um den
einen Punkt, ob die dort gefundenen Gemälde enkaustische wären oder
nicht. Der Weg, den Requeno einschlug, war der einzig richtige, indem er,
von der Verwendbarkeit des Materials ausgehend, auf die Idee kam, mit
metallenen Griffeln verschiedener Form das heissgemachte Wachs auf-
zutragen und mit heissen Instrumenten zu verbreiten. Schliesslich kam
er dazu, 5 Unzen Mastix und 2 Unzen weisses Wachs nebst Farbenpulver
zusammen zu schmelzen und mittelst der „stiletti“ die Farben auf ein Brett
aufzutragep, mit der Spitze der heissen Instrumente Farbe an Farbe zu legen
und dann auszugleichen, zu verbinden, andere Farben hinzuzufügen u. s. w.
Die II. Art des Plinius erklärt Requeno als ein Einbrennen der Konturen
auf Elfenbein mit einem Glühstift. Die III. Art ist für ihn die folgende:
Er schmolz zuerst Wachs, Kolophonium und Weihrauch zu harter Pasta zu-
sammen, rieb die hierauf pulverisierte Masse mit Farbenpulver und Wasser
an, setzte etwas Eiweiss hinzu und malte mit dem Pinsel; zuletzt brannte
er die Malerei ein. Ich bin vollkömmen davon überzeugt, dass er schon
damals die Frage der Enkaustik gelöst hätte, wenn er alle uns inzwischen
bekannt gewordenen chemischen Untersuchungen und die spät-ägyptischen
Muraienporträts hätte in Betracht ziehen können.
Mit Oel lässt sich in der Tat dieser dickflüssige Wachsbrei auch zusammenreiben und.
als Oelwachsfarbe verwenden.“ Donner zieht aber aus diesen, ihm demnach bekannten
Eigenschaften des pun. Wachs nicht die nötigen Schlüsse.
®) Vgl. Fr. X av. Fernbach, die enkaust. Malerei, München 1845 p. 24.
'“) s. Jos. Fratrel, La cire alli4e avec l’huile ou la peinture ä huile-cir6,
trouvee ä Mannheim par M. Charles Baron de Taiibenheim, Mannheim 1770,
291
Die Liste der Wiederhersteller der Enkaustik ist damit noch lange nicht
erschöpft. Auch Joh. Priedr. Reifstein (oder Reiff enstein) wollte
1788 in Rom das punische Wachs und die Enkaustik wieder erfunden haben,
und wir sehen sogar Goethe mit' dieser Malerei in Verbindung. Mehrere
Stellen der „Italienischen Reise“ zeigen, eine wie grosse Bedeutung dieser
neuentdeckten pseudo-enkaustischen Malweise von den Künstlern und
Dilettanten in der damaligen Premdenkolonie Roms beigelegt worden ist.
Ihr eifrigster Beförderer war natürlich Reiffenstein selbst, der als Direktor
des Erziehungsinstitutes für russische Künstler in Rom und Gothaischer Hofrat
mit zuvorkommender Liebenswürdigkeit bei den Fremden den Cicerone und künst-
lerischen maltre de plaisir zu machen pflegte. Goethe war mit ihm gleich nach
seiner Ankunft, Anfang November 1786, bekannt geworden und beschäftigte
sich einige Zeit ebenfalls mit Malversuchen dieser Art. Die grosse Kopie
der Raffaelischen Loggien aber, die nach Reiffensteins Anleitung in mehrjähriger
Arbeit vom Maler Unterberger enkaustisch auf Leinwand ausgeführt worden
war, hat er nicht mehr gesehen; sie war kurz vorher an ihre Bestellerin, die
Kaiserin Katharina, nach Petersburg abgeschickt worden. Die Technik," in-
der man sich so eifrig übte und von der man die grössten Erwartungen für die
Zukunft der Malerei hegte, war nach Goethes Beschreibung die eine Art des
Bachelier, durch die alkalische Lösung des Wachses mittelst Weinstein eine
Art Wachsseife zu erzeugen, die als Bindemittel der Farben diente, und das
Gemalte nachher zu erwärmen. Reiffensteins Methode bestand in der Her-
stellung eines „Gummi- und Waehswassers“ ; er hat dieses und einige zuge-
hörige Manipulationen in einem Aufsatz „Anweisung über die gegenwärtig in
Rom übliche Wachs-Mahlerey 1789“ umständlich beschrieben und auch ein
Rezept des „eigentlichen Wiederfinders der enkaustischen Malerey Requeno“
hinzugefügt. Der Aufsatz ist in der herzoglichen Bibliothek zu Gotha hand-
schriftlich erhalten und zum ersten Mal veröffentlicht in der „Deutschen Kunst“,
1897 Nr. 32, in meinem Artikel: Römische Wachsmalerei zu Goethes Zeit.
Alle Rekonstruktionsversuche auf Grund des vermeintlichen punischen
Wachses hörten mit einem Male auf, als die Ansicht, dass die Alten
ätherische Gele zur Lösung des Wachses gebraucht hätten, immer
mehr an Boden gewann. Fabroni’^). glaubte bei der Üntersuchung eines
ägypt. Mumiensarges im Museum zu Florenz konstatieren zu können, dass
ausser dem Farbstoff nur Wachs zur Bemalung genommen worden sei,
und dass dieses Wachs durch Naphtha, das in Aegypten natürlich vor-
kommt, aufgelöst worden sei. Und dadurch wurde die Ansicht verbreitet,
die Griechen hätten das Wachs durch ätherisches Oel in den Zustand der
Pinselflüssigkeit gebracht.
Paillot de Montabert^®) griff die Idee der kalten Auflösung des
Wachses in Terpentin zuerst auf und schlug ein Verfahren vor, auf ge-
eignet präparierten Wandflächen mit Farben, die in einer bestimmten
Mischung mit Wachs und Terpentinöl angerieben waren, zu malen. Er
fand besonders in den Kreisen der Künstler grossen Beifall und in dem Archi-
tekten Hittorff^^) einen ausserordentlichen Anwalt. Dieser hatte in seinem
grossen Werke die Frage der Polychromie der antiken Bauten wieder auf-
geworfen und sprach die Ueberzeugung aus, dass die antike enkaustische
Technik in der Auflösung des Wachses in ätherischen oder flüssigen Gelen
in Verbindung mit durchsichtigen Harzen bestanden habe. Auf HittorfTs
Veranlassung wurden in der von ihm erbauten Kirche St. Vincent de Paul
") ^gl- eingehenden Nachruf in 0. A. Böttiger’s Kleinen Schriften,
Dresden u. Leipz. 1838, II p.* 85.
Fabroni, Antichitä, vantaggi e metodo della pittura encausto in Antologia
(1796—1797) und in Annales de chimie T. XXVI, p. 104.
*®) Paillot de Montabert, Traite complet de la peinture. Paris 1829 T. VIII
p. 526 f.
**) J. J. Hittorff, Restitution du temple d’Emp6docle ä Selinonte ou l’Archi-
tecture polychrome chez les Grecs, Paris 1851.
Rciireiistoin.
Pabroni.
Mont.ahoft.
19*
292
Pernbach’s
Enkaustik.
in Paris i. J. 1842 alle Malereien, darunler der grosse, das Hauptschiff voll-
ständig uraschliessende Pides, von Plandrin und anderen Künstlern in dieser
Technik ausgeführt.
Eine Nachahmung des Montabert’schen Verfahrens erfand, durch die
Erfolge der Pariser Künstler angeregt und um dem damaligen Bedürfnis nach
einem Ersatz des Preskoverfahrens zu entsprechen, der Münchner Konservator
P X. Pernbach Nach seinem Verfahren werden dem in Terpentin er-
weichten Wachs vornehmlich Bernsteinharz und Kautschuklösung beigemischt.
Es wurde in dem neuen Königsbau der Münchner Residenz angewendet, und
im Hohenstaufen- und Habsburger-Saal haben sich die Gemälde von Schnorr
von Oarolsfeld, wie man sich überzeugen kann, in den 50 Jahren ihres
Bestehens sehr gut gehalten; dasselbe muss auch von dem nach dem Monta-
F. X. Fern b ach, die enkaustische Malerei, München 1845. Das grosse
Interesse, welches der Sache entgegengebracht wurde, veranlasst mich hier einige
Details nach Fernbach’s zitiertem Buche anzufügen.
. Die erste Voraussetzung für B’ernbachs Verfahren ist eine trockne Wand-
fläche und die Isolierung des Mauerwerks durch Herstellung eines Luftschachtes von
0,05 — 0,08m. Zur Wand, welche das Gemälde bedecken soll, werden nur trockene
Ziegel verwendet und zum I. Anwurf BJussand und 1 Jahr alter gelöschter Kalk
verwendet. Nach dem Trocknen folgt ein II. Bewurf von gleicher Beschaffenheit
wie der erste. Ein III. Bewurf folgt, so lange der II. noch nass ist (wenn jedoch der
II. trocken ist, wird ein engmaschiges Drahtnetz mittels Nägel befestigt, um die
Oberfläche wieder rauh zu machen). Darauf folgt der eigentliche (IV.) Bewurf aus alt
gelöschtem Kalk, fein pulverisiertem Quarz, 1 Teil gewöhnlichen Sand und 1 Teil
fein gestossener Schlacke. Man mischt diese Teile sorgfältig zusammen und giesst
das notwendige Regenwasser nachher zu. Unter fortwährender Benetzung der Wand
mit Wasser wird der Anwurf mittelst grosser und kleiner Holzkellen gemacht, und
soll nur 6—7 mm stark sein. Eine solche Mauer müsse ein Jahr mindestens trocknen,
die Fenster sollen bei gutem Wetter geöffnet, beiNeb.el und Regen aber geschlossen sein.
Das Bindemittel für die Farben, mit welchen die Wandflächen getränkt und
dann „cauterisiert“ wird, besteht aus:
3 Pf. reinem Wachs
15 , unrectifiziertem Terpentinspiritus
P/4„ Venetian. Terpentin
Die Masse wird vorsichtig erwärmt imd auf die vorher erwärmte Wand auf-
getragen. Für die „Imbibition“ erfordert eine Wandfläche von 16,50 m □ 18— 20 Pf.
dieser Masse. Ist die Wand gut getränkt, so fügt man zur vorigen Mischung noch
eine schwache Bernsteinlösungim Verhältnis von 1 Pf. zu 3 Pf. hinzu. Mit dieser Mischung
wird die Wand gleichmässig überzogen- Das Rechaud (Cauterium) darf nicht näher
als 2—3 Fuss angewendet werden, und soll die Wachsschicht mindestens 2—3 Linien
betragen.
Darauf folgt die I. Farblage; bestehend aus:
4 Pf. Bleiweiss (cerussa)
1 „ weisse Kreide
in Mischung mit
U/s Pf. schwacher Ambralösung, die gemildert ist
mit ‘/4 „ Mohnöl
und */s B Wachsbindemittel (siehe unten).
Mit grossem breiten Pinsel wird diese Farblage gleichmässig aufgetragen und
völlig trocknen gelassen. 14 Tage bevor man die Malerei beginnen will, kommt eine
letzte Lage von Wachs, Terpentin und ein wenig Ambra.
Die Farben werden mit einem eigenen Wachsbindemittel angerieben, das
besteht aus 1 Pf. Ambralösung und 12 Unzen gelöstem Kautschuk. Für Weiss
dient als Bindemittel:
1 Pf. Bleiweiss
7*/2 Unzen Ambra
2 „ Wachs
2 „ Kautschuk
Die Cauterisation soll erst nach einem Jahre, eventuell 6 Monate nach der
völligen Trocknung der Wand, geschehen und, wo sich Folgen von Wandfeuchtigkeit
bemerkbar gemacht, nach 2 — 3 Jahren. Die zu diesem Zwecke dienliche Wachs-
mischung besteht aus 3 Pf. in Terpentin gelöstem sehr altem Wachs und 4 Unz.
Venet. Terpentin, welche, zusammen leicht erwärmt, bis zur Klärung stehen gelassen
wird. Mit dieser Mischung werden drei Lagen, eine 48 Stunden nach der anderen,
gegeben. Nach weiteren drei Tagen wird die Wandfläche mit den Rechauds sehr
vorsichtig und alle Teile gleichmäss^ erwärmt. Schliesslich frottiert man das Ganze
mit einer Bürste und endlich mit Flanellappen , was dem Bilde einen angenehmen
Glanz verleiht. Nach 7—8 Wochen wird diese Prozedur wiederholt.
293
bert’sohen Verfahren 1842 gemalten Pries von Plandrin in der Kirche
Sl. Vincent de Paul gesagt ■werden. Da man aber in Paris ’vs^ie in München
vom Einbrennen des Gemalten als überflüssig abkam, so konnte von
einer wirklichen Erneuerung der alten Enkaustik nicht die Rede sein.^'>)
j Das Auffallendste an diesen auf die praktische Wiedereinführung
j der „unverwüstlichen“ antiken Technik gerichteten Versuchen war, dass man
t die von den Chemikern Chaptal (1809) und Humphry Davy (1815) ver-
1. öffentlichten Untersuchungen, wonach die Anwesenheit von Wachs in Mischung
' mit Harzen in den antiken. Wandresten von Pompeji und Rom nicht erwiesen
j werden konnte, völlig ausser acht liess und sich in Widerspruch setzte mit
I den Worten des Plinius, dass die Enkaustik auf Wänden ungebräuchlich
I (alieno parietibus genere) sei. Die Vertreter der Wandenkaustik (mit Hilfe
[, von in ätherischen Gelen gelöstem Wachs) gingen aber von der Meinung aus,
j, die Griffelenkaustik, auf Tafeln von den Alten mit Wachspasten oder
Wachspastellen und mit heissgemachten Instrumenten ausgeführt, sei zwar
i selbstverständlich von der Mauermalerei ausgeschlossen gewesen, nicht
; aber die dritte Art, die Pinselenkaustik, da ja in beiden Stellen bei Vitruv
: (VII 9, 3) und Plinius (XXXIII, 122) übereinstimmend vom Waohsüberzug
mit Hilfe des Pinsels die Rede sei, und da unter dem beizumisohenden
Gel auch ätherisches gemeint sein könnte, (das sich überdies vortrefflich dazu
eignet), so wurde an dieser Lösung der Präge nicht gezweifelt.
’ Und doch hatte schon 1836 der Architekt R. Wiegmann^'^) den Beweis ''Kmrim”'
■ zu erbringen versucht, dass auf Wänden im Altertum überhaupt nicht mit Wachs-
' färben gemalt wurde und dass die obige Anwendung (als „Kausis“) sich aus-
schliesslich auf Zinnoberwände beziehe; die antike Enkaustik wäre nie etwas
anderes als eine Griffelteclmik auf Tafeln gewesen. Dieser Ansicht hat sich
auch Priedr. Knirim^®) in seiner 1845 erschienenen Schrift angeschlossen und
folgende Erklärung der drei genera encausto pingendi gegeben : Bei der ersten
Art „mit Wachs“ wurde mit Hilfe eines Griffelspatchons (auf einer Seite spitz
wie ein Schreibgriffel, auf der anderen Seite spatelartig verbreitert) die Zeich-
' nung auf einem mit Wachs überzogenen Täfelchen von Buohsbaumholz (nur
kleine enkaustische Gemälde konnte man ausführen) in den erhärteten glatten,
hellfarbigen Grund eingerissen. Die Parbengebung geschah durch vorläufig nicht
verschmelzendes Aufsetzen der verschiedenen bis zu einem gewissen Grade er-
weichten Wachstinten mittelst eines hölzernen Griffelspatels; „nach und nach
sollten alle Tinten an den gehörigen Grten nebeneinander in schicklicher Dicke
und natürlicher Abstufung“ aufgetragen werden , bis allmählich das ganze Täfel-
chen bedeckt ist. „Ein heisser eiserner Griffel taugte zu dieser Vorarbeit darum
nicht, weil von einem solchen Spatchen das weiche Wachs abgeflossen sein
würde, ehe man es an Grt und Stelle gesetzt hätte“ (a. a. G. p. 211). Das
*“) Ein grosser Erfolg der vielfachen Bemühungen der Zeit bestand in der Ent-
deckung des Was serglases und der Einführung eines neuen vom Chemiker J. N.
Fuchs und dem Maler Schlottauer erfundenen Verfahrens. In der Geschichte
der Rekonstruktionen der alten Enkaustik kann dieses Verfahren nicht unerwähnt
bleiben, weil es infolge direkter Anregung des kunstsinnigen Königs Ludwig I. ge-
funden wurde. Der König, dem das damalige München den grossen Aufschwung auf
dem Gebiete der bildenden Kunst verdankt, veranlasste Schlottauer, Schüler von
Cornelius, in Pompeji selbst Studien zu machen, um das antike Verfahren der en-
kaustischen Wandmalerei wiederzufinden. Dies ist ihm zwar nicht gelungen, aber
seine Bestrebungen waren direkte Veranlassung zu obengenannter Erfindung. Das
neue Verfahren nannten sie Ster e o ch r om ie. Die ersten Versuche wurden 1846
durch Wilh. von Kaulbach gemacht, welcher das Verfahren dann im grossen an den
Wandgemälden des Treppenhauses im Berliner Museum anwendete; s. J. Nep. v. Fuchs,
gesammelte Schriften, München 1856, p. 260 f.
”) R. Wiegma nn, die Malerei der Alten in ihrer Anwendung und Technik,
Hannover 1836.
'®) Friedr. Knirim,-die endlich entdeckte wahre Malertechnik des klassischen
Altertums und des Mittelalters, sowie die neuerfundene Balsamwachsmalerei etc.
Nebst einer vollständigen Lösung des Problems der alten Enkaustik und der angeblich
alten Freskotechnik, Leipz. 1845.
294
O. Donner-
V. Richter.
Vermalen, Verschmelzen und Einbrennen der bereits aufgetragenen Tinten
hatte dann mittelst eines erhitzten eisernen Griffel-Spatels zu geschehen.
Die zweite Art „auf Elfenbein mittelst des Grabstichels (cestrum
oder viriculum)“ würde so ausgefühlt, dass Elfenbeinplättchen mit schwarz
oder rot gefärbtem Wachs gleichmässig überzogen würden, indem man es ge-
schmolzen aufgoss und völlig ebnete. Auf diesem durch Erkalten fest ge-
wordenen farbigen Wachsüberzuge habe man durch Einreissen mit einem
spitzen Griffel die Konturen und innere Linienführung entworfen , die man
dann mit dem Grabstichel in das Elfenbein oder Horn eingrub. In die Ver-
tiefungen konnte man farbiges Wachs einlassen, so dass die eingravierten
und mit dem gefärbten Wachs ganz ausgefüllten Linien das weisse Elfenbein
als Hintergrund hatten.
Bei der dritten und letzten Art hätte man unzweideutig bloss gefärbtes
Wachs am Feuer zerschmolzen und dann ohne weiteres mittelst geeigneter
Pinsel von verschiedener Grösse auf die dazu vorbereiteten (mit der Zopissa
versehenen) Schiffe gebracht, rasch anstreichend und grob malend. Das zer-
schmolzene gefärbte Wachs befand sich natürlich in einem während der
Arbeit stets heiss zu erhaltenden Wachsschmelzgefässe auf einer leicht tragbaren
Glutpfanne, dem „Oauteriuin“ , so dass das Wachs flüssig genug blieb, um
„ohne sanfte Verschmelzung, die bei dieser Schiffsmalerei auch gerade nicht
nötig war“^‘, die Farben aufzumalen. Zur Tafelmalerei wurde diese Art überhaupt
nicht gebraucht, sondern nur zu blossen Anstrichen von Architekturteilen
aus Holz (z. B. Triglyphen).
Unter Berücksichtigung dieser Vorgänger und nach sorgfältigen Studien,
freilich die Ergebnisse des Fundes von St. Medard ganz bei Seite schiebend,
hat dann zuletzt 0. Donner-v. Richter in Frankfurt die Frage von neuem
in Angriff genommen und eine Methode erfunden, die, im Laufe von dreissig
Jahren im einzelnen etwas modifiziert, mehrmals von ihm beschrieben worden
ist: zuerst 1867 in Verbindung mit seinen Ausführungen über die campanische
Wandmalerei, dann 1885 in einer Abhandlung aus Anlass des kurz zuvor
(Paris 1884) erschienenen Buches von Gros und Henry und zuletzt 1899 in
einem polemischen Aufsatz in den Mitteilungen des Archäol. Instituts in Rom
(Bd. XIV, S. 131 ff.). Hiernach stellt er sich die Sache im Wesentlichen
jetzt so vor:
Von den drei Arten des Plinius ist die letzte, die Schiffsmalerei, als
rein handwerksmässige Anstreicherarbeit ganz auszuscheiden. Die beiden
ersten Arten, die allein zu künstlerischem Gebrauch geeignet waren, arbeiteten
beide mit demselben Material und demselben Instrument und unterschieden
sich nur durch den Malgrund, im ersten Falle Holztafel und allenfalls Mar-
mor, im zweiten Elfenbein. Das Instrument ist das Cestrum, das Material
verschieden gefärbtes Wachs, und zwar das Punische Wachs, das mit einem
geringen Zusatz balsamischen Harzes und einem Minimum von Olivenöl zu
einer gleichmässig weichen, geschmeidigen, leicht zu verarbeitenden pasten-
artigen Masse sich präparieren lässt. Von diesen Wachspasten wird, nachdem
der Umriss des Gemäldes aufgezeichnet worden, auf die nackte, weder mit
Wachs noch mit Kreide und Leim vorher grundierte, sondern in ihrer natür-
lichen Porosität belassene Tafel, so viel als nötig ist, mit dem Oestrum in
kaltem Zustande aufgetragen und bei geschickter Führung bald in dieser,
bald in jener Richtung je nach Bedarf einfach ausgebreitet oder ineinander-
gearbeitet mit wohlberechneter Zusammenstellung der Farbentöne. Zu diesen
Manipulationen eignet sich nach Donners Meinung das Cestrum vortrefflich,
wenn man Namen und Gestalt von dem Blatte der Pflanze xeaxpo^ (lat.
Vettonica) ableite und es sich konstruiere als ein lanzettförmiges Instrument
mit sägeartig gezahnten Rändern; er hat sich mehrere der Art in verschiedener
Grösse aus Holz , Knochen oder Horn — Metall sei unnötig ■ — zu seinem
Gebrauch hersteilen lassen. Als „Schlussbehandlung“ lässt ei endlich ein
„Einbrennen“ des Gemalten folgen, das mit einem zweiten Instrumente,
einem vorsichtig darüber gehaltenen und nicht zu stark erhitzten Metallstabe,
295
zu geschehen habe. Diese „Schlussbehandlung“ sei eine Notwendigkeit, weil
durch das Hin- und Herbewegen des Oestrums „ein störender, in verschiedenen
Richtungen laufender Glanz entstehe, der erst durch das Einbrennen, das wie
ein Firnis wirke, beseitigt“ werde, und „eine noch wichtigere Wirkung“ sei
die, dass es „die Eindrücke der gebrauchten Oestren an ihren Rändern schmelze,
dadurch die Furchungen ausfülle und der ganzen Bildoberfläche ein weiches,
angenehmes und einheitliches Aussehen gebe.“
Diese Theorie hat bis jetzt am meisten Anhänger gefunden; auch
Blü inner hat sich ihr, wenn auch nicht ohne einige Bedenken und Vorbehalte,
angeschlossen. Was sachlich gegen sie, und ebenso gegen die von Gros und
Henry, einzuwenden ist, ist in den früheren Abschnitten unserer Darstellung
ausführlich zur Sprache gekommen. Hier kam es darauf an, in der histoiischen
Aufzählung der Erklärungsversuche beiden ihre Stelle anzuweisen, wenn auch
durch die Textberichtigung der massgebenden Pliniusstelle die quellenschriftliche
Grundlage sich zu ihren Ungunsten verändert hat.
b) Einige Versuche der Rekonstruktion der antiken Technik der Wandmalerei.
1. Von Wiegmann’s Versuchen, das antike Tectorium zu rekonstruieren,
ist schon oben (p. 67 und p. 72) die Rede gewesen. Er ist vielleicht der
erste gewesen, der versucht hat, die Schichtungen des Sand- und Marmor-
inörtels in der von Vitruv vorgeschriebenen Weise aufzutragen, mit den
Schlaghölzern zu härten und mit Hilfe von geschliffenen Steinen unter öfterem
Benetzen mit Wasser zu glätten (p. 178). Zu seinen Versuchen nahm er
gut gebrannten und möglichst altgelöschten Kalk, der so klebrig sein müsse
dass man nur mit Mühe einen hineingesteckten Stecken herausziehen könne.
Bei den einzelnen Marmorstuckschichten achtete er darauf, dass auch bei
dem gröberen Mörtel genüg feinere Beimischungen vorhanden wären, um
ihm festeren Halt zu geben (p. 180). Jeder Ueberzug von diesem Stuck —
der gröbste etwa ^ji Zoll, und der zweite oder dritte ^js bis ’/ig Zoll stark —
wurde, sobald es seine Konsistenz erlaubte, nach allen Richtungen mit schwanken
Stöcken Streich bei Streich geschlagen, wodurch das Volumen merklich ver-
ringert und die Festigkeit und Härte in demselben Verhältnis erhöht wurde.
War die letzte und dünnrste Lage auf diese Weise behandelt, so ebnete er
deren Oberfläche vermittelst eines glattgeschliffenen flachen Steines , der mit
einer daran' befestigten Handhabe in kreisender Bewegung und unter öfterem
Anfeuchten mit Regenwasser darauf umhergeführt wurde. Sind so alle kleinen
Löcher und Unebenheiten ausgeglichen und stellt sich die Fläche als ein
matter Spiegel dar, so scheint sie ihm, falls der Grund weiss bleiben soll, fertig
und bereit, die beabsichtigten Ornamente aufzunehmen. Soll aber der Stuck
ganz oder teilweise mit Farbe überzogen werden, so habe man, ohne Zeit
zu verlieren, diese mit einem Pinsel aufzutragen und dann mit dem Reib-
steine in den Grund einzureiben und zugleich zu glätten ^^), wie es oben bei
dem weissen Grunde geschah. Auch hiebei sei ein öfteres Benetzen mit
Wasser notwendig. Durch fortgesetztes Reiben und bei steter Aufmerksamkeit,
dass kein Sand oder dgl. die Mühe verderbe, erlange man eine beliebige Glätte,
welche als Grund der nun folgenden Malerei alle wünschenswerten Eigenschaften
besitze. ^°) Ich gebe diese und die weiteren Details , ohne hier gegen diese
‘®) Nach Wiegmann p. 178 Note ist diese Operation von Vitruv mit den Worten:
marmoris candore firmo levigare bezeichnet; denn candor bedeute nicht allein die
Weisse, sondern auch den Glanz. „Da nun die Römer vielerlei politurfähige Steine
Marmor nannten, so wollen jene etwas poetischen Worte nichts anderes sagen, als
dass man mit einem polierten und seine Politur nicht leicht verlierenden Steine —
mag es immerhin auch weisser Marmor gewesen sein — den Stuck glätten solle.“
Hittorff, Restitution du temple d’Empedocle S. 675 bemerkt zu der von
Wiegmann angegebenen Art, das Tectorium zu glätten: Bei dem Versuche der Glättung,
einer Operation, welche nach W. öine grosse Geschicklichkeit eriordert, hat die Ver-
wendung des von ihm angegebenen glatten Steines nicht den Zweck erfüllt. Von
Wieginanii.
296
Rekonstruktion Binwände zu machen, damit der Zusammenhang nicht gestört
werde, und lasse in gekürzter Form Wiegmanns Angaben über die Aus-
führung der Freskofarbenanstriche (p. 194 ff.) folgen:®^)
Sobald ein durch die Einteilung gegebenes Feld, welches teils durch die Grösse
und Anordnung der Wand, teils durch den Grad des Reichtums der beabsichtigten
Dekoration bedingt wird, auf die angezeigte Art gegründet, gefärbt und geglättet
worden, schreitet man zur Malerei. Die Zeichnung lässt sich zweckmässig mittels
eines stumpfen Stiftes in den noch frischen Stuck eindrücken oder durch einen
Karton kalkieren. Darauf werden zunächst die Linien mit ziemlich flüssiger
Farbe an einem Lineale und . mit leichter Hand gezogen und alle Ornamente
gemalt, deren Farben keinen Kalkzusatz haben und deshalb einen noch ganz
fi-ischen Grund erfordern, um sich damit fest zu verbinden. Nicht alle Farben
werden gleich gut angezogen. Caput mortuum und Blau verlangen den frischesten
Stuck, weshalb man mit deren Auftragung eilen muss. Wegen der Glätte des
Stuckes lassen sich Patronen nicht anwenden, sondern es muss alles mit dem
Pinsel gemalt werden. Die brauchbarsten Pinsel, namentlich zu zarten Sachen, sind
solche aus Marderhaaren, oder bei Farben mit Kalkzusatz dünne langhaarige Borsten-
pinsel. Diese werden reichlich mit dünnflüssiger Farbe gefüllt, öfter ausgewaschen
und von dem Kalkschleime, der die Borsten auseinander spreizt, gereinigt.
Nach Beendigung der Ornamente etc. in kalkfreien Farben lege man die eigent-
lichen Bilder und Figuren mit einer Mitteltinte an, zu der viel Kalk gemischt ist;
dies wiederhole man so oft, bis der Grund vollkommen und gleichmässig gedeckt' ist.
Dann male man die Schatten und Halbschatten, erstere jedoch ohne- Kalk, und setze
die Lichter hreit und markig auf.
Da die Farben nass viel dunkler erscheinen, als sie nach dem Trocknen
wirklich .sind , so probiert man die gemischten Töne mit einem Stück Umbra, da
sich dieselben durch den augenblicklichen Verlust alles Wassers sogleich in dem
Zustande der Trockenheit zeigen. Die bequemsten Paletten sind hiefür aus Weiss-
blech mit einem schmalen aufgebogenen Rande.
Wenig Töne und leichte Behandlung eignen sich für-diese Malerei am besten:
man setze die Farben unverbunden nebeneinander und überlasse der Entfernung vom
Auge deren Vertreibung. Markiger Auftrag der reich mit Kalk versetzten
Farben, Lasierung mit gebrannterTerra diSiena in den tiefsten Schatten
und Druckern ist das ganze Gesetz dieser Malerei.
Zur Mischung aller Mittelbinten ist die Veroneser grüne Erde die treff-
lichste und unentbehrlichste Farbe. Sie dient hier wie in der Oelmalerei
das Ultramarin. Man muss jedoch vermeiden, sie allein dick aufzutragen, weil sie
dann leicht abspringt.
Soll die Malerei besonders zart und glatt werden , so ist es zweckmässig , die
Anlage vor der letzten Uebermalung mit einem stumpfen Instrumente
eben zu schaben oder mit einer kleinen metallenen Rolle an einer Handhabe
niederzulegen.
Zuweilen wird über der Arbeit mit Farben ohne Kalkzusatz soviel Zeit ver-
fliessen, dass der Stuck die Farben nicht mehr gehörig anzieht; man erkennt dies
daran, dass ihr Wasser nicht in wenigen Sekunden verschluckt wird, sondern längere
Zeit an der Oberfläche sichtbar bleibt. Man hüte sich deshalb bei reichen Dekorationen
und namentlich unmittelbar auf dem geglätteten Grund den Anfang mit kalkfreien
Farben zu machen, sondern lege zuvor mit vollem Pinsel einen tüchtigen
Grund mit der dahin gehörigen Mitteltinte, die aus möglichst viel Kalk
und der angemessenen Menge grüner Erde und den übrigen beabsichtigten Farhen
gemischt ist. Wenn diese Unterlage einigermassen trocken geworden ist, etwa nach
15 Minuten, so dient sie für die fernere Malerei als Freskogrund und zieht alle Farben
vollkommen an. Auf di ese Weis e kann man noch den zweitenund dritten
Tag auf dem Stuck malen, und die Farben verbinden sich immer noch fest genug
mit dem Grunde, wenn auch nicht so innig und unablöslich, als wenn der Stuck noch
ganz frisch gewesen wäre.
Sollte der Stuck aber schon zu alt und zu trocken sein, etwa nach drei bis vier
Tagen, so kann man sich eines Mittels bedienen, auf welches Wiegmann die genaue Be-
trachtung des heim Binden des Stuckes und der Farben vor sich gehenden Prozesses
geführt hat, und dessen Anwendung sich vielleicht auch auf die gewöhnliche Fresko-
malerei ausdehnen Hesse.
Auf der Oberfläche des Stuckes und der aufgetragenen Farbe bildet sich ein in
Wasser schwer löslicher, glänzender und durchsichtiger (?) Ueberzug von kohlensaurem
welcher Seite man auch immer anpackte , wurden von der stets befeuchteten Ober-
fläche des Stuckes durch das Reiben immer Partien abgelöst , während ein ovales
glattes Brett mit einer Handhabe bessere Dienste leistete.
’^*) Diese Angaben sind fast wörtlich aufgenommen und als Freskotechnik be-
zeichnet in F. Reinnel s Praktische Vorschriften, ITI. Aufl. neu bearbeitet v. Ernst
Nöthling (Leipz. 1898, Beruh. Fried. Voigt) p. 207 ff.
297
Kalk, dor auf dom Kalkwasser Kalkrahm genannt wird. Wenn nun die Farben
auf den Stuck gebracht werden, nachdem diese feine Kruste sich schon gebildet hat,
so können sie nicht mehr von der im Innern der Stuckmasse vorhandenen Kalkanf-
lösung erreicht und durchdrungen werden und folglich werden sie sich später leicht
ablösen. Sobald man nun jenen feinen Ueberzug von kohlensaurem Kalk beseitigen
kann, wird der weiteren Malerei kein Hindernis mehr im Wege stehen. Die Zer-
störung jenes feinen üeberzugesgeschieht nun einfach dadurch, dass
man die zu bemalende Stelle mittels einesPinsels mit stark verdünnter
Schwefelsäure benetzt. Dadurch verwandelt sich unter Aufbrausen der feine
Ueberzug von kohlensaurem Kalk in einen leichten alle Feuchtigkeit willig
durchlass enden Ueberzug von sc hwe fei saurem Kalk, also Gips, der übrigens
uicht weiter in Betracht kommt. Ist alle Säure neutralisiert , was sehr bald durch
den im Stuck enthaltenen Zuschlag geschieht und sich durch den Geschmack erkennen
lässt, so zieht der Grund wieder so gut an, als wäre er eben aufgetragen.
Die Vorteile, die dieses Hilfsmittel bietet, sind von grosser Bedeutung, da auf
diese Weise der Anwurf wochenlang feucht genug zur Freskomalerei
bleibt (?), dessen Feuchtigkeit uns aber nicht mehr nützt, sobald sie durch die nur
zu bald entstehende Kalkhaut von unserer Arbeit auf der Oberfläche abgesondert ist.
Bei der gewöhnlichen Freskomalerei, wo der Anwurf viel dünner ist, leistet dieses
Mittel natürlich nur geringe Dienste.
Wenn die besprochene dünne Haut von kohlensaurem Kalk noch sehr fein und
im Entstehen begriffen ist, und die zu bemalende Fläche sehr gross ist, so kann man
dieselbe auch dadurch entfernen, dass man sie unter Benetzung mit Wasser
mittelst der Kelle oder eines Glättsteines abreibt. Dies ist nicht nach-
teilig für das Werk, sondern je öfter sogar die Haut sich bildet und
durch Reiben wi ed e r z er s t ör t wird, desto schö ner un d gl än z e n d e r
wird die Oberfläche. (?)
Nachdem die eigentlichen Malereien vollendet sind, was nicht später als 5 Tage
nach der Glättung des Stuckes der Fall sein sollte, so schreite man zu den einfarbigen
Linien und Verzierungen in reinem Kalkweiss oder solchen Farben, denen viel Kalk
beigemischt wird. Der Pinsel ist stets so voll flüssiger Farbe zu nehmen, dass an
dessen Spitze ein Tropfen hängt; mit diesem Tropfen, kaum mit dem Pinsel selbst,
berühre man die Fläche. Dann wird die Farbe das Ansehen einer glatten
Emaille (?) haben und weit dauerhafter sein, als wenn sie trocken und mager auf-
getragen ist. Anfangs scheint die Schleimigkeit und Transparenz des Kalkes und
der damit gemischten Farben das Decken des Grundes sehr zu erschweren. Sehr
bald jedoch, wenn man den rechten Grad der Flüssigkeit ausprobiert und die passenden
Pinsel aufgefunden hat, geht die Arbeit leicht von statten, Teile des Kalkrahms,
der sich bald auf der Oberfläche der Kalkfarben, auf der Palette oder im Farbentopf
bildet, dürfen durchaus nicht in den Pinsel kommen, da sonst die Linien unrein
werden und die Arbeit aufgehalten wird. Man füllt deshalb den F'arbentopf mit
Wasser bis zum Ueberlaufen, wodurch der Rahm sich abhebt und fortgeschwemmt wird.
Ist die .Arbeit beendet, so lasse man sie langsam trocknen, und schütze sie
vor den Sonnenstrahlen und vor Staub; denn nach einigen Tagen fängt die
Wand an so heftig zu schwitzen, dass gross e Wasse rpe r len d ar auf
stehen, welche nicht selten herabfliessen. Wenn dann Staub sich an die
feuchte Wand setzen kann, so werden die Stellen der Perlen und herabgeflossenen
Tropfen mit unauslöschlichen Spuren bezeichnet sein.
Mit dieser Art der Malerei kann man sehr gut die Temperamalerei ver-
binden, indem man die einfarbigen Ornamente al fresko malt und erst, nachdem
der Stuck vollständig trocken ist , die Bilder in Temperamanier aufmalt. Wir haben
gesehen, sagt Wiegmann, dass die Alten es öfter so gemacht haben, und müssen ge-
stehen, dass es manchmal nicht allein passend, sondern sogar notwendig
sein kann. Zu sehr reichen und umfangreichen Malereien würde nämlich der Zeit-
raum, während dessen der Stuck die Farben gehörig anzieht, nicht hinlänglich sein.
Zu häufige Ansätze innerhalb der Gemälde aber sind zu vermeiden , da das Ansehen
darunter leidet.
Wiegmann fügt hinzu: „In solchen Fällen wäre dann die Temperamalerei eine
ganz z.weckmässige Aushilfe und dürfte uns um so weniger um die Dauerhaftigkeit
besorgt machen, als die besseren und vom Boden entfernteren Malereien ohnehin
mehr geschont werden, als andere. Aber nicht allein für Temperamalerei ist dieser
Stuck der schönste und dauerhafteste Grund, sondern aüch für Oel- und Wachs-
malerei, wenn man diese passend fände“.
2. Mit der Wiegraann’schen Rekonstruktion haben die Angaben zur
Herstellung des glänzenden p ompejanis eben Wandverputze s, der bei
der Erbauung des bekannten Pompejanum in Aschaffenburg zur An-
wendung kam, grosse Aehnlichkeit. Die nachstehenden Mitteilungen sind von
s. oben p. 68 Wiegmanns Versuche mit Leimfarben auf nassen Stuck zu
malen, und ebd. Anm. das Gutachten über seine in pompejan. Technik ausgeführten
Fresken.
298
dem an dem Bau beteiligten Prof. Louis für Baurat Harros, den Mitarbeiter
der „Schule der Baukunst“, nach dessen Beobachtungen und Erfahrungen
niedergeschrieben.
„Die Materialien, welche zur Herstellung des Stucco verwendet werden, sind
Kalk, Sand, Marmorpulver und Wasser. Für farbige Verputze werden dem
letzten Auftrag die nötigen Farben (Metalloxyde und Erdfarben) zugesetzt.
Kalk. Es wird weisser Kalk verwendet, von dessen Güte man sich vorher
durch Versuche überzeugt hat. Derselbe muss vollkommen gut ausgebrannt sein
und, zu Mörtel angemacht, bald erhärten. Auf das Ablöschen des Kalks ist alle Auf-
merksamkeit zn verwenden. Zu diesem Zwecke wird er mit reinem Wasser in der
LöscliVorrichtung so dünn und flüssig abgerübrt, dass sich sämtliche Kalkteilchen
möglichst vollkommen ablöschen und das Ganze ein milchähnliches Ansehen gewinnt.
Diese Kalkmilch lässt man durch ein feines Sieb in die zur Aufbewahrung vorbereitete
Kalkgrube laufen. Die Kalkgrube soll sich an einem vor der Sonne geschützten und
feuchten Orte befinden. Der Kalk muss sorgfältig gedeckt und stets feucht gehalten
werden, damit sich der Löschungsprozess in allen Teilen vollendet, was erst nach
Verlauf längerer Zeit erfolgt. Je länger der Kalk im feuchten und von der Luft ab-
geschlossenen Zustande erhalten wird, desto besser eignet er sich für den fraglichen
Verputz.
Der Sand, welcher dem Kalk bei der Mörtelbereitung zugesetzt wird, muss
möglichst grobkörnig und vollkommen tonfrei sein, damit der Mörtel, wenn er einmal
ausgetrocknet und hart geworden ist, keine Feuchtigkeit mehr anzieht. Die Sand-
körnchen haben durchschnittlich einen Durchmesser von 1—2 Millimeter, ln Er-
manglung eines grobkörnigen, vollkommen tonfreien Sandes wendet man zerstossene
Steine bester Qualität (tonfreie) an, deren Pulver vermittelst verschiedener Siehe in
Körner von gleichförmiger Grösse sortiert wird. Besonders geeignet hierzu ist reiner,
fester Sandstein, Basalt, Fayence und Marmor. Die zerstossenen Steine bilden ein
gleichmässiges , grobkörniges Pulver, dessen Körner ca. 1 —2 Millimeter lang und
dick sind.
Der Marmor. Wie wir weiter unten sehen werden, wird zu den letzten
Verputzaufträgen anstatt des Sandes zerstossener weisser Marmor von verschiedenem
Korn dem Kalk als Mörtelzusatz beigemischt. Das Zerkleinern des Marmors muss un-
bedingt durch Pochen , Schlagen oder Zerstossen bewirkt w^erden und darf nicht auf
Steinmühlen durch Vermalen geschehen , weil sonst die einzelnen Körnchen eine
runde, kugelige Gestalt annehmen und sich nicht so gut in kompakter Mörtelmasse
verbinden , als wenn sie scharfkantig und von unregelmässigen Formen sind. Das
Marmormehl, welches bei Flächen, die einen vollkommenen Glasglanz erhalten sollen,
dem letzten Auftrag zugesetzt wird, kann gemahlen werden und muss jedenfalls vor
der Verwendung nochmals auf einem Stein, ähnlich wie man die Farben reibt, ab-
gerieben werden, um sicher zu sein, dass es keine Körnchen mehr enthält, welche
später beim Glätten des Verputzes Kritze in die Fläche veranlassen würden. — Die
Körner des zerstossenen Marmors sollen durchschnittlich Millimeter stark sein:
das Marmormehl muss sich ganz zart anfühlen und darf beim Antühlen keine
Körner erkennen lassen.
Das Wasser, welches zum Anmachen des Verputzmörtels verwendet wird,
soll reines, klares Regenwasser sein. Die geringste Beimengung von Salzen, Ton etc.
ist für die Dauer des Verputzes nachteilig.
Mischung des Mörtels. Das 'Verhältnis des Kalks zu dem Sand und dem
Marmorpulver kann im allgemeinen nicht mit Bestimmtheit angegeben werden, indem
dies von der Qualität des Kalkes j welche sehr verschiaden sein kann, abhäiigt. Ist
der Kalk sehr fett, so verträgt er 3— 4‘/i Teile Zusatz; ist er mager nur 2 — 2'j-2 Teile.
Dem Kalk wird beim Anmachen dos Mörtels so viel Wasser zugesetzt, als erforderlich
ist, denselben zu einer .\nstreichfarbo zu verdünnen, um solche mit dem Pinsel auf-
zntragen ; er muss hiernach die Beschaffenheit einer nicht zu wässerigen Kalkmilch
haben. Zu dieser Kalkmilch wird dann .nach und nach so viel Sand oder Marmor-
korn beigemischt und gewaltsam damit gemengt und geknetet, dass sämtliche Ober-
flächen der b^igemengten Körnchen mit Kalkmilch umgeben sind und somit alle
Körnchen sich nicht unmittelbar berühren. War die Kalkmilch zu dick, so kommt
zuviel Kalk zwischen die sich berührenden Flächen der Sand- oder Marmorkörner,
und der Verputz wird dann weniger fest und braucht auch längere Zeit zu seiner
Erhärtung. War dagegen die Kalkmilch zu dünn und wässerig, so kommt zu wenig
Kalk oder Bindungsmittel zwischen die Körnchen, und dieselben vereinigen sich dann
nicht zu einer dauerhaften Masse.
Anfertigung des glänzenden Wand Verputzes. Die Mauer, auf welcher
der Verputz angebracht werden soll, muss 1. aus vollkommen gutem Material aus-
geführt sein; 2. soll sich diese Mauer an einem trockenen Orte befinden und keine
-®) Abgedruckt b. Fink p. 166 ff. Obwohl darin vielfache Wiederholungen des
bereits früher gesagten enthalten, glaube ich dennoch diese Abhandlung vollständig
wiedergeben zu müssen, 1. um den Zusammenhang zu wahren, u. 2. weil die lang-
jährigen Erfahrungen von Fachleuten stets von grossem Werte sind.
299
Feuchtigkeit aus dem Fundamente aufziehen; 3. soll die Mauer schon längere Zeit
stehen und sich vollkommen gesetzt haben, denn bei der geringsten Senkung der Mauer
würden, sich sofort Haarrisse auf der Glanzfläche des Verputzes zeigen; 4 muss der
Mauerkern vollkommen ausgetrocknet sein; 5. muss die Mauerfläche vor dem Auftrag
des Mörtels gerauht, d. h, mit der Zweispitze überspitzt werden, damit sie rauh wird
und somit der Anwurf leichter und fester auf ihr haftet.
Wenn die' Mauer für den Mörtelhewurf so vorbereitet ist, wird dieselbe, wie es
bei jedem Verputz üblich ist, zunächst mit reinem Wasser angenetzt, und zwar so
lange als die Mauer das Wasser änzieht und aufnimmt. Hiernach wird der grob-
körnige Mörtel mit aller Kraft mittels der Mauerkelle angeworfen , so dass sich der
MörtM in die offenen Mauerfugen und sonstigen Vertiefungen kompakt einwirft. Man
beachte hierbei, dass der Mörtel möglichst gleichmässig , ungefähr 3—4 Linien dick,
über die ganze Mauerfläche aufgetragen wird. Ist die Mauerfläche in dieser Weise
Überwerfen, so wird dieselbe mittels eines kleinen, stumpf abgestutzten Reiserbesens
ziemlich kräftig gestupft oder aufgestampft, wodurch sich der Mörtel möglichst dicht
in die Vertiefungen und Mauerfugen eintreibt, und die einzelnen Sandkörnchen des
Mörtels sich dichter und fester nebeneinander legen. Das Stupfen mit dem Besen
hat ferner den Zweck, die beworfene Fläche gleichmässig rauh zu machen, damit der
folgende Bewurf leichter und fester darauf haftet.
Hat der eben beschriebene erste Mörtelauftrag mehrere Tage an der Luft ge-
trocknet und ist fest geworden, so wird der zweite Auftrag, mit Mörtel aus grobem
Marmorkorn, ganz auf dieselbe Weise gegeben. Nach dem Abstupfen mit dem Besen
wird aber die hierdurch rauh gewordene Oberfläche des Bewurfes mittelst der Reib-
scheibe geebnet, und die Masse dadurch auch mehr und mehr kompakter in einander
verarbeitet. Bei dieser Art muss Sorge getragen werden, dass die ganze Wand-
fläche genau nach allen Richtungen nach dem Richtscheit geebnet wird, weil die
nachfolgenden Aufträge mit einem feineren Korn und so dünn geschehen, dass grössere
Unebenheiten nicht mehr wohl ausgeglichen werden können.
Ist dieser Auftrag trocken und hart, so wird die Fläche mit reinem Wasser
angenetzt, und es folgt nun der dritte Auftrag. Derselbe besteht aus einem Mörtel
von feinerem Marmorkorn und wird mittels einer grossen Reibscheibe, liniendick
aufgestrichen, geebnet und aufgerieben. Die Stelle, welche man aufreibt, wird hierbei
öfters, mittels eines Pinsels, mit reinem Wasser angefeuchtet. Die Bewegung der
Reibescheibe erfolgt in einer fortschreitenden kreisförmigen Linie, wodurch der
Mörtel nicht von seiner Stelle verschoben und eine vollkommnere Ebene erlangt wird.
Hat dieser dritte, oder -vielleicht auch der vierte, Auftrag einigermassen an-
gezogen, was wegen seiner dünnen Beschaffenheit in kurzer Frist erfolgt, so wird
der letzte aus Marmormehl gemischte Auftrag mittels der Reibescheibe ein bis zwei
Kartenblatt dick aufgestricheu und vollkommen eben gerieben. Zu diesem Auftrag
und dem ferneren Ein und Aufreiben bedient man sich kleiner Reibescheiben von
Holz (Reibebrettchen mit stark abgefassten Kanten , 4 Zoll lang und bei 4 Linien
Dicke 2^/2 Zoll breit).
Hat auch dieser feine Auftrag angezogen, so wird zum Glätten desselben ge-
schritten, wobei vor allem erforderlich ist, dass man den Auftrag nicht hat zu trocken
werden lassen, weil sonst der gewünschte Glanz nicht erreicht wird. Das Glätten
erfolgt mittelst eigens hierzu geschliffener Gläser von ca. 6 Quadratzoll Fläche , mit
einem hölzernen Handgriff versehen, der auf die Glasplatte aufgekittet ist. Die Glas-
platte ist 4 Zoll lang und U/a Zoll breit, in der Mitte 2 Linien dick und nach allen
4 Seiten (Kanten) abgerundet, so dass sie im Querschnitt eine schwach gekrümmte
Linie zeigt. Hat der Auftrag noch Feuchtigkeit genug, so dass er, während man
mit dem Glättglas die Fläche mit massigem Druck in gerader Richtung überfährt,
sich nicht zusammenschiebt, so fährt man mit dem Glätten in der Art fort, dass man
einen Strich oder Streif mit dem Glättglas dicht neben dem anderen anreiht. Hier-
durch wird die Fläche allmählich zwar glatt, eben und glänzend, aber auch streifig und
bildet noch keine reine Glanzfläche. Bei der Fortsetzung des Glättens bedient man
sich sodann des Netzpinsels. Derselbe ist ein ganz flacher langhaariger Borstenpinsel
von U/2Z0II Breite und 2 Zoll Länge in Blecbfassung. Man nimmt denselben in die
linke Hand und feuchtet ihn spärlich mit reinem Wasser an, während man das Glätt-
glas mit der rechten Hand führt. Wird dieses rechtzeitige Anfeuchten versäumt, so
gleitet das Glättglas nicht über den Auftrag hinweg und es entstehen matte, rauhe
Streifen, welche nur schwer wieder zu beseitigen sind.
Während des Glättens wechselt man mit dem Glättglas nach Umständen |n der
Längs- und Querrichtung oder im Diagonal die Richtung des Strichs, damit sich die
Striche mehr oder weniger kreuzen und desto leichter eine reine , egale Glanzfläehe
bilden. Bemerkt man , dass sich wärend des Glättens eine feine schmierige Masse
zeigt, so muss dieselbe alsbald mit einem zarten, weichen Waschleder abgeputzt werden,
was den egalen Glanz der Fläche sowie die egale Färbung farbiger Wände besonders
befördert.
Soll eine Verputzfläche farbig gemacht werden , so setzt man die Farben dem
letzten Mörtelauftrag zu. Die Farben sind dieselben, wie sie zur Freskomalerei
angewendet werden, nämlich Metalloxyde und Erdfarben. Sämtliche Farben müssen
vollkommen fein mit Wasser abgerieben und stets vor Staub und sonstigen Un-
300
Schwierig-
keiten
des Parben-
auftrags.
Schafh'äutl.
reinlichkeiten geschützt aufbewahrt werden. Ist eine abgeriebene Farbe vor der
Verwendung wieder aufgetrocknet, so muss dieselbe mehrere Stunden vor dem Ge-
brauch in Wasser eingeweicht und frisch aufgerieben werden.“
Mit welchen Bindemitteln auf diesen Stuckmörtel weiter gemalt werden
soll , ist aus der Anweisung nicht zu ersehen. Einör Mitteilung des beim
Pompejanum tätig gewesenen kgl. bayer. Hofmalers Schnitze zufolge wurde
dort die Pernbach’sohe Enkaustik mit Wachs, Balsam, Terpentin unter Bei-
gabe von gelöstem Kautschuk angewendet. Das Verfahren hat sich dort nicht
bewährt, denn es ist nur unter fortgesetzten Reparaturen möglich, den Bau
in leidlichem Zustand zu erhalten.
• Was das Aufträgen der Farben auf die oben bezeichnete Art be-
trifft, so bemerkt Schafhäutl^^) ; „Das Aufträgen von Farben auf den ge-
ebneten, obwohl noch nassen Grund hat grosse Schwierigkeiten. Trägt man
die Farbe mit Wasser angerieben auf, so macht sie entweder den bereits ge-
glätteten Grund so flüssig, dass eine Politur unmöglich ist, oder der Kalk
des Grundes vermischt sich mit der Farbe und macht sie lichter und un-
scheinbar. Deshalb ist es am besten die feingeriebenen Farben mittels Baum-
wolle trocken (?) aufzutragen und dann die gefärbte Oberfläche zu glätten.
Auch hier darf man, wenn die Stelle fleckig wird, nicht mit Wasser nachhelfen,
oder nur höchst vorsichtig, denn sonst reibt sich die Farbe während des
Glättens nur allzuleicht von der benetzten Fläche weg und es erscheint der
weisse Untergrund , auf welchem die trockene Farbe auch schwer haftet.
Selbst wenn man die Oberfläche färbt, ehe man sie poliert, wie dies
beim Stucco der Römer fast immer der Fall war, trägt man die Farbe am
besten in Pulverform mittels Baumwolle oder dgl. auf; denn rührt
man die Farbe mit Wasser an, so reicht das Wasser dei- Farbe hin, die Ober-
fläche wieder flüssiger zu machen und sie am Erstarren zu verhindern. Zum
Glätten, das erst beginnen darf, wenn der Stucco im Anziehen begriffen ist,
bedient man sich nach Plinius (?) glatter Steine mit etwas gewölbter Ober-
fläche, da beim Glätten nur ein kleiner Teil der geglätteten Steinoberfläche
wirken darf, denn eine ebenso glatte Oberfläche saugt sich sehr rasch am
Steine fest, so dass man sie nicht mehr verschieben kann, ohne den Stucco
zu zerreissen. Die polierte Fläche beginnt nach dem Anziehen in einigen
Tagen zu schwitzen, wenn man den Stucco nicht zuvor festgearbeitet oder
geschlagen hat, indem sich ein leichter Tau von Kalkwasser ausscheidet und
auf die Oberfläche legt, der vorsichtig weggewischt werden muss, ehe er auf-
trocknet und die polierten Flächen mit einer Kalkkruste überzieht.“
Nach diesen verschiedenen Angaben wird man schliessen, wie grosse
Mühe sich die Obengenannten gegeben haben, um die antike Technik wieder-
zufinden, aber der Erfolg zeigt auch, dass die Mühe vergebens war; durch
Versuche kann dies leicht festgestellt Averden. Schon das Aufträgen der
Farben auf den Grund lässt sich auf obige Art nicht ausführen, am wenigsten
in trockenem Zustand mit Baumwolle; dies wäre ein so umständliches und so
wenig „handwerksrnässiges“ Verfahren, dass es von den praktischen Alten ge-
wiss nicht gekannt war. Sehr bedenklich ist das von Wiegmann und Schaf-
häutel bemerkte Schwitzen der Fläche nach einigen Tagen 1 Dadurch würde
die eventuell auf noch nassen Grund aufgomalte Dekoration vollkommen ver-
dorben werden, auch wenn es möglich wäre, die Wassertropfen schnellstens
zu entfernen; denn dieses Wasser enthält gelösten Kalk und dieser würde
sich mit den P^arben verbinden und sie fleckig machen.
Schafhäutl hat es selbst eingesehen, dass auf Stuccogrund, der so
geglättet würde, sich nicht a fresko weiter malen lasse, un^ bemerkt' (s. Fink
p. 173) darüber: „Da der geglättete Grund sich nur schwer befeuchten
lässt, so würde sich mit blossen Wasserfarben in der kecken, kräftigen Weise
der Alten gar nicht malen lassen. Man muss sie deshalb mit einem ätheri-
schen Oele, etwa Spiköl, oder einem zähen P'^irnisse (1) anmachen; ge-
^‘) Vgl. Dingler’s polyt. Journal Bd. 122 S. 289 (s. Fink p. 172).
SOI
wohnlich gebrauchten die Alten beim Russ eine Art Gummi und Leim.
Indessen auch mit Kalk angemacht halten die Farben nie so fest auf. dem
gefärbten Grunde , als die Farbe des Grundes selbst auf dem noch nassen
Mörtel.“ Schafhäutl fand, dass in Pompeji sich einige Farben mit Wasser
aufweichen Hessen; Winckelmann hätte mehrere Gemälde von den polierten
Wänden abgewaschen. So sehen wir sogar Schafhäutl, den Verfechter der
Freskotechnik bei den Alten, klein beigeben und auf die Seite der Tempera-
maler und selbst der Enkausten neuerer Methode treten l
3. Wenig bekannt sind die Versuche des Italieners Giocondo Viglioli. yigiioii^’s
In einer kleinen Schrift, betitelt: Lettera del Professore Giocondo Viglioli al
chiariss. Sig. cav. Prof. Michele Leoni, Segretario della R. Aooad. di belle
Arti in Parma (Parma 1848), spricht der Autor von Versuchen, die er ge-
macht hat, um die antike Art des Intonaco und Fresko wiederzufinden.
Von den Angaben Vitruv’s ausgehend kommt er zu dem Schluss, dass das
Tectorium ausser dem Kalk, Sand und Marmorstuck noch aus anderen Sub-
stanzen bestand, und begründet dies mit der sonst nicht verständlichen
Stelle von dem Kalk, der „alle Dinge an sich zieht und durch Vermischung
mit den von anderen Stoffen beigebrachten Bestandteilen oder Elementen
zu einem festen Körper erhärtet.“ Da Vitruv diese „anderen Stoffe und
Elemente“ nicht näher bezeichne, so sei anzunehmen, dass er die Beigaben
entweder als bekannt voraussetzte oder absichtlich verschwieg.
In welcher Weise Viglioli die antike Freskoteohnik wieder hersteilen
wollte, ist aus seinen Ausführungen nicht erkennbar; nur p. 5 (Note) sagt
er: „Jo ho ottenuto un ottimo resultato sciogliendo la cera insieme col
mastice nelF alcali ; le quali sostanze, allungate colP acqua e unite ai colori,
produoono una pittura che presenta tutti i caratteri delP aflfresco per essere
molto transparento e di toni vigorosi“ ^•‘’), es geht aber daraus nicht hervor,
ob er diese Mischung a fresco oder aufs trockene auftrug. Sein erster grösserer
Versuch bestand in einer Malerei an der Fassade der Chiesa del Quartiere
(Parma) in einer Ausdehnung von 9 Ellen Breite zu 6 Ellen Höhe. Die Fi-
guren waren fast in doppelter Lebensgrösse. Doch scheint ihm das Aufträgen
des Intonaco Schwierigkeiten bereitet zu haben. Bei seiner Methode sollten
auch alle von Vitruv beschriebenen Farben für Wandmalerei tauglich sein,
vorausgesetzt dass sie rein und unverfälscht gebraucht würden.
In einer späteren Schrift kommt Viglioli genauer auf seine Methode
zurück. Wieder geht er von derselben Idee aus, dass Vitruv eine gewisse
Zusammensetzung des Intonaco gemeint habe, wenn er sagt: „colla mescolanza
de’ semi raccolti da principi eleroentari tra loro disparati etc.“, und versucht
zu beweisen, dass Vitruv unter „marmorato“ nicht Marmor (kohlensauren Kalk),
sondern Quarz oder Kiesel verstanden habe; nur in Fällen, wo solcher nicht
zu erreichen gewesen sei, habe man Marmor gebraucht (Vitr. Lib. VII cap. 6),
und tatsächlich habe er bei seinen Untersuchungen viele antike Bewürfe aus
Kalk und Kieselerde bestehend gefunden.
Von einem Stücke eines Bewurfes aus Herkulanum sagt er, dass die
letzte Schicht des Marmoratum mit einer rotfarbigen Flüssigkeit (tinta
rossastra) hergestellt worden sein müsse, die auch gleichzeitig geeignet wäre,
die ätzende Wirkung des Kalkes auf die organischen und animalischen Farben
zu verhindern. Auch darauf scheint er Gewicht zu legen, dass erst durch
die Zumischung neuer Elemente die Festigkeit des Stucco entstehe, da
Vitruv noch hinzufüge : „formandosi un corpo solo (cioö , lo siucco) , nel
seccarsi egli si riduce in maniera di ritenere tutte le qualitä della sua specie ;
In deutscher Uebersetzung; „Ich erhielt das beste Resultat durch Lösung von
Wachs und Mastix in Alkali; diese Substanzen ergeben, mit Wasser verdünnt und dem
Farbenpulver beigegeben, eine Malerei, welche ganz den Charakter von Fresko hat
und sehr durchsichtig und von kräftiger Tonfülle ist.
*®) Del Modo di Dipingere a Fresco sull’ intonaco Greco-Romano. Parole
dirette al Cav. Caimi Dottar Giulio del Prof. Giocondo Viglioli, Pittore e scultore
giä maestro d’Anatomia nella Reggia Accademia di Belli Arti in Parma (Parma 1885).
302
perohö la calce perdüto il suo umore nella fornace etc.“, woraus er schliesst:
das Kalkkarbonat sei in ein Sulfat verwandelt (?). Danach begann Viglioli allerlei
zu versuchen, u. zw. zuerst den Kalk in gesättigtem Salzwasser zu lösen oder
zu löschen (scioglere la calcina con acqua satura di sali), ohne aber günstige
Resultate zu erzielen. Auf einem Intonaco von Kalk und reinem Quarz Hess
sich zwar gut al fresco malen, aber nur mit tonhaltigen Erdfarben (colori
minerali argillosi). Ausserdem benutzte er die Anweisung des Plinius (XXIX,
51) zu einem Kitt für zerbrochene Vasen und Geschirre, bestehend aus Eiklar
und Kalkstaub (albume d’uovo stemperato con fior di calcina), oder aus dem
gleichen Kalkstaub mit Wein gemischt (fiore di calce con vino), und ver-
suchte es nunmehr mit Wein und anderen alkoholischen Flüssigkeiten, bis
er zum Weinessig (aceto di vino) gelangte, durch den es ihm möglich schien,
die zur festeren Bindung des Stucco wünschenswerte Menge von Kohlensäure
zu vergrössern (?) und den ätzenden Kalk zu neutralisieren. Mit dieser Flüssig-
keit glaubte er jetzt endlich die von Vitruv angedeuteten „principi elemen-
tari“ gefunden zu haben.
Für die unteren beiden Lagen nahm er den weissesten Kalk (Travertin
oder Veroneser Kalk, wie er in den Flüssen gefunden wird) nebst Kiesel
(Quarz), für die letzte Stucklage aber nur die reinsten Brocken von gebranntem
Kalk (le piü pure zolle di calcina), tränkte sie mit Wasser und sobald sie zu
Pulver zerfallen waren, mengte er sie vor dem völligen Erkalten mit reinem
und farblosem Essig (aceto limpido ed incolore). Der Kalk wurde dadurch wie
eine Paste, und mit hölzerner Spatel im Mörser zu einer Art sehr feiner Kitt-
masse (glutine tenacissimo) verarbeitet. In diesem Zustande Hess er sich
längere Zeit in geschlossenen Gefässen aufbewahren.
Nach Vitruv’s Angaben bereitete Viglioli dann den Bewurf aus Quarz
(gestossen, in verschiedenen Siebungen angewandt) und Kalk, u. zw. 2 Teile
Quarz und 3 Teile Kalk, machte mit Richtscheit und Winkel die Lagen und
ebnete mit dem Holzschläger (battuto con mazzuolo di legno) die vorletzte
Schicht, die, mit Einteilungen für die weitere Arbeit versehen, dann die
letzte Schicht erhalten sollte. Die oberste Schicht des Marmorato (n e. Silicato)
trug er mit der Kelle auf, glättete aber nicht mit dieser, weil der Stucco
durch das Eisen verdorben würde , sondern mit einem besonderen zylin-
drisch geschliffenem Glättinstrument aus weissem Marmor oder Glas, das
wie ein Walkholz beiderseitig mit eisernen Zapfen drehbar befestigt war.
Auf dem so hergestellten Stucco versuchte Viglioli zunächst aquarell-
artig zu malen, fand es aber nötig, um bei figürlichen Malereien die Farben
besser zu impastieren , eine leimige Substanz (glutine) zu verwenden, die mit
dem Stucco homogene Eigenschaft besitze. Er stellte sich die Frage, ob die
von Plinius und Vitruv für die Farbenmischung bei der Tafelmalerei an-
gegebenen Bindemittel Leim und Gummi (Sarcocolla) auch für Wandfresko
anwendbar seien, und kam zu dem Ergebnis, dass unter den animal. Leimen
seinen Versuchen nach das Eiklar am meisten Verwandtschaft mit dem Kalke
besitze (l’albume d’uoyo ha maggiore affinitä colle qualitä della calcina).
Bei der Arbeitsführung ging Viglioli so zu Werke, dass er die mit den
einzelnen Lagen bereitete Wand (je nach dem zu bemalenden Teilstück gleicher
Grundfarbe) mit Hilfe des zylindrischen Glätters glättete (si preme, si lustra
uniformamente) und dann die Grundfarbe, mit dem oben erwähnten Eiklar-
bindemittel aufs feinste angerieben , überstrich. Darauf trug er die Pause
mittels Staubbeutels auf und sicherte die Kontur durch Nachgehen mit einer
eisernen Pfrieme oder durch Nachmalen mit dem Pinsel in der durch den
Gegenstand bedingten Farbe.
(Auf Stucco, der im Freien zu stehen hat, sollte mit flüssiger Farbe und
mehr lasierend gemalt werden, aber alle „trockenen“ Farben sollten auch mit
„glutine“ gemischt sein.)
Für mehr durchgeführte Malerei würden die Farben stets mit dem
gleichen Mittel d. i. gut geschlagenem Eiklar, Kalk w aase r unter Zugabe
von etwas Glycerin dick angerieben. So könnten sie in Zinntuben ver-
303
schlossen lange erhalten und, wenn man sich ihrer bediene, auf der Glas-
tafel vermischt werden, wie man es bei Tempera oder Aquarell gewohnt
sei. Zwei Behältnisse dienen noch dazu, u. zw. eines mit Wasser zum Reinigen
der Pinsel (oder nasser Schwamm), das zweite mit nicht zu dickem (non tanto
denso) Bindemittel (Eiklar mit Kalkwasser) zum Anmischen der Töne. Bei
rotem Lack soll zu diesem noch Zitronensaft (succp di limone) beigegeben
und als Weiss das in der Art des Paraetonium ^^) genannte gebraucht
werden.
Für Seccomalerei auf gleichem Wandstuck bediente sich Viglioli
verschiedetier Methoden, sowohl in Tempera als auch mit Oel und Wachs, das
letztere auf zwei Arten gelöst, nämlich in trocknendem Oele oder mit Alkali.
Bei der ersten Art nahm er auf 1 Pfund gekochtes Oel (Nuss- oder
Leinöl) 3 Unzen weisses Wachs, 2 Unzen Mastixharz (alles am Feuer
gelöst), und mischte die Farben damit an. Die Wand sollte vor dem
Grundieren mit Glutpfaunen erwärmt werden; damit die Masse besser ein-
dringen könne, wurde etwas Terpentinöl beigegeben. Die zweite Art
bestand in der Lösung von Wachs in Pottasche, u. zw. auf folgende Art:
Auf je ^/2 Pfund im Sandbad geschmolzenes Wachs werden 3 Unzen
gestossenes Mastixharz gegeben und gleichzeitig in heissem Wachs auf-
gelöst; sobald die Lösung geschehen, schüttet man gut gesättigte Pott-
aschenlauge, kochend heiss hinzu und lässt die erfolgte Lösung erkalten.
Dann scheidet man die Lauge von dem Wachs und Mastix und verdünnt
die leimartige Masse mit Wasser, um die Sluckschicht damit zu grun-
dieren, wie bei der ersten Art. Auf diesen Grund kann man mit Oelfarben
wie auf Leinwand malen, nur ist es angezeigt, die Farben flüssig zu halten,
weil das Binsaugen sich von selbst vollzieht.
Zur Temperamalerei auf Mauern seien manche Mittel geeignet, am
besten jedoch diejenigen, welche nach dem Trocknen dem Abwaschen Wider-
stand leisten, und diese seien: der Käseleiin (äuch colla di flaschetta genannt),
das Biweiss , und der in Alkohol gelöste Mehlkleister (glutine di farina di
frumento sciolto coli’ alcool). Den von Plinius besonders gerühmten Leim von
Stieren hatte Viglioli keine Gelegenheit zu versuchen.
”) Die im Museum zu Neapel befindlichen, mit dem Stempel des Fabrikanten
versehenen Stücke weisser Farbe hält Viglioli für das Paraetdnium der Alten. Nach
seiner Untersuchung bestand dieses Weiss aus gebräunten Austernschalen und sehr
weisser Tonerde. Die klebende Eigenschaft käme von der seifenartigen Natur der
Tonerde her.
304
Anhang VI.
Kollektion meiner Versuche zur Rekonstruktion der Mal-
technik des Altertums.
I. Alt-ägyptische Malerei.
Restitution nach den chemischen Untersuchungen von John, Geiger,
Merinide und anderen. Die Grundierung wurde aus Gips und Kreide mit
Leim angemacht, als Bindemittel diente Eigelb, Gummi oder Honig.
1. Mumiensargdeckel. (Original im Wiener Hofmuseum.) Die Holz-
tafel ist mit Leinwand überklebt und darauf der Grund aufgetragen.
2. Teil eines Mumien sarges. (Original im Münchener Antiquarium.)
Eitempera.
3. Detail eines Mumiensarges. (Original derselben Sammlung.) Die
Ornamente sind teilweise mit Gips plastisch erhöht.
4. Oberteil einer ägyptischen Grabtafel. Spätere Zeit. (Orig, im
Wiener Hofmuseum.) Das Holzbrett ist mit Gips grundiert und mit
Wachsüberzug versehen, die Farben sind mit Ei temperiert und
geglättet.
5. Malerei auf vergipster Leinwand. Eitempera und Pirnisüberzug.
6. Teil eines Mumien sargdeckeis aus kaschierter Leinwand her-
gestellt, mit reliefartig ausgeschnittenen Figuren. Gipsgrund und
Eitempera bemalt. Pirnisüberzug.
7. Malerei auf vergipster Leinwan d mit Vergoldung. (Orig, im
Dresdner Antiquarium.) Teils Ei-, teils Honigtempera. Nicht ge-
firnist.
II. Griechische und Römische Malerei.
Restitution nach den Quellenschriften des Plinius, Vitruv, Dioskorides u. a.,
den Funden von St. Mödard-des-Pres, den graeco-ägyptischen Mumienporträts,
chemischen Untersuchungen von Ohevreul, Geiger und Büchner, sowie eigenen
Beobachtungen und Versuchen.
A. Zur Charakteristik der ältesten Zeit.
8. Archaisches Vasenbild (alter Stil). Amazonenkampf (Orig, in
der Münchner Vasensammlung). Die Figuren sind in schwarzer
Silhouette auf hellem Grund gemalt, die Zeichnung eingeritzt, die
weisse und rote Farbe nachträglich aufgetragen.
9. Vasengemälde des strengen Stils. Musikunterricht. (Orig,
wie obezi.) Die Figuren sind auf schwarzem Grund ausgespart, an-
dere Farben sind selten und wenig (bei Kränzen oder Bändern) an-
gewendet.
305
10. Vasengemälde der Spätzeit (sog. reicher, malerischer Stil). De-
tail einer Darstellung auf Nr. 810 der Münchner Vasensammlung.
Die Zeichnung ist schwarz auf rotem Ton, die weisse, gelbe und
violettrote Farbe reich zur Belebung der Komposition verwendet.
11. Teil eines Frieses aus einer Grabkammer zu Ruvo. Orig, im
Museum von Neapel Die Zeichnung gleicht im Charakter derjenigen
auf Vasengemälden. Die Konturen sind schwarz gezogen; die Farben
sind in einfachen Lokaltönen ohne Modellierung aufgetragen (Mono-
chrornmalerei).
(Nr. 8 — 11 sind nicht in der Technik der Originale ausgeführt.)
B. Tempera und Bnkaustik (Technik d. Mumienporträts).
12. Eitempera mit den 4 Farben des Plinius (XXXV, 50).
13. Bitempera mit Biklar gefirnist.
14. Tempera-Porträt ägypt. Provenienz. Orig, im arohäolog. Museum
zu Florenz.
15. Bnkaustik nach den Restitutionen des Grafen Caylus (1757 3. Art),
auf Wachsunterlage mit Gummifarben gemalt und dann „eingebrannt“.
16. Gauterium-Enkaustik nach Plinius. Nach dem Orig, der Grät-
schen Porträtgalerie. * Die Wachsfarben sind in heissem Zustande
mit dem Cauterium aufgetragen und mit dem erhitzten , verdickten
Ende desselben verarbeitet worden.
17. £lnkaustik der dritten Art nach Plinius (Pinselenkaustik).
18. Technik der Grätschen Porträts. Die Anlage mit heissflüssigen
Wachsfarben und dem Pinsel, die Vollendung mit Hilfe des Oaüteriums.
19. Bnkaustik ähnlicher Art, auf Schiefer gemalt. (Die Muse von
Cortona sowie ein Cleopatrabildnis aus der Villa des Hadrian her
Tivoli sind auf Schiefer gemalt.
20. Bnkaustik aus byzantin. Zeit, VIII. Jht. Orig, im Museum der
geisthchen Akademie zu Kiew.
21. Tempera von punischem Wachs, Kreide-Grundierung, ungefirnist.
22. Gleiche Tempera (Punische Wachstempera), ohne Grundierung, ge-
firnist mit Wachs und Harz, heiss verwendet.
0. Wandmalerei in Griechenland und Rom.
a) Aeltere Versuche zur Rekonstruktion der antiken Stuckmalerei.
Die Grundfarben sind mit der letzten, in der Masse gefärbten Stuckschicht
aufgetragen. Für Ornamente und Malerei ist das Farbpulver mit punischem
Wachs als Bindemittel verwendet und hernach die gemalten Stellen „bis zum
Schwitzen“ erwärmt und das ganze in der Art der „Ganosis“ geglättet.
23. Ornamentale Verzierungen nach pompejan. Muster.
24. Fischstilleben. Orig, im Neapeler Museum.
25. Verkäuferin von Liebesgöttern, nach einem pompej. Gemälde.
26. Faun und Nymphe ; auf blau gefärbtem Stuckgrund mit Wachstempera
(pun. Wachs mit Ei) gemalt.
27. Arkadia und Faun. Detail nach einem herkulanischen Wandgemälde
im Neapeler Museum.
b) Neue Versuche.
Die Grundfarben sind teils mit der letzten, in der Masse gefärbten
Stuckschicht aufgetragen oder in verschiedener Art aufgeraalt. Die Ornamente
und Bilder sind entweder auf die geglättete Unterlage mit Tempera (Ei, Leim
oder Casein) aufgemalt oder 'in Stuccolustro Manier gemalt und geglättet.
Schlussoperation wie oben: Ueberzug mit punischem Wachs (Ganosis).
28. Verkleinerte Darstellung einer einfachen Wanddekoration.
29. Darstellung der Schichten und des in der Masse gefärbten und ge-
glätteten Auftrages.
30. Maske auf blauem geglätteten Grund. Ei-Tempera.
20
306
31. Blumenguidande. Leimtempera auf dunkelrotem geglätteten Grund.
32. Weibliche Figur auf weissem Grund. Geglättete Tempera.
33. Tänzerin auf schwarzem Stuckgrund. Reine Stuccolustro-Technik.
34. Verkleinerte Darstellung einer Wanddekoration aus dem Hause der
Livia. Stuccolustro und geglättete Tempera.
35. Entwurf einer Wanddekoration in modernem Stil. In der Masse ge-
färbter Stuck, Malerei und Glättung in Stuccolustromanier.
36. Arkadia und Faun, Detail nach einem herkulanischen Wandgemälde
im Neapeler Museum. Gemischte Manier.
Nachträge.
37. Malerei auf Marmor (Oircumlitio). Orig, im Berliner Museum.
38. Dekoration auf Ziegel (farbiger Stuck), nach den Funden von Caere.
Orig, wie oben.
39. Malerei spät.-röm. Zeit auf Leinwand mit reicher Vergoldung. Nach
einer Mumienhülle des ägypt Museums in Berlin. (Eiklar-Alaun-
tempera auf ungrundierter Leinwand.)
40. Porträt der Ahne. Orig, im selben Museum. (Untermalung mit Wachs-
tempera , Uebermalung mit enkaustjscher Wachsfarbe, heiss ver-
wendet, Leinwand.)
307
Anhang VII,
Litteratur.
1,. Malerei des Altertums im Allgemeinen und Technik der
W andmalerei.
Winkelmann, Geschichte der Kunst des Altertums, VII. B. 4. Kap. (Werke V,
149 flf.)
Rode und Riem, lieber die Malerei der Alten, Berlin 1787.
A. Hirth, Deutsche Abhandlungen der kgl. Akademie z. Berlin f. 1798 — 1803,
S. 209.
J. J. Grund, Die Malerei der Griechen, Dresden 1810 und 1811, 2 Bände.
0. A. Böttiger, Ideen zur Archäolog. d. Malerei, Dresden 1811, T. I, S. 133 ff.
Letronne, Lettres d’un antiquaire a un artiste, Paris 1835.
J. P. John, Die Malerei der Alten, Berlin 1836.
R. Wiegmann, Die Malerei der Alten in ihrer Anwendung und Technik,
Hannover 1836.
K. 0, Müller, Handbuch der Archäologie der Kunst, Berlin 1835.
Raoul-Rochette, De la peinture sur mur chez les anciens. Journal des
Savants, Paris 1833.
J. J. Hittorff, Restitution du temple d’Empedocle ä Selinonte ou l’Architec-
ture polychrome chez les Grecs, Paris 1851.
H. Brunn, Geschichte der griech. Künstler, 2 Bände, Braunschweig und
Stuttgart 1853 — 59.
O. Donner, Die erhaltenen antiken Wandmalereien in technischer Beziehung.
Einleitung zu Helbigs Wandgemälden der vom Vesuv verschütteten
Städte Campaniens, Leipzig 1869. (Sep.-Abdr.)
Presuhn, Die Pompejanischen Wanddekorationen, Leipzig 1882.
Mau, Geschichte der dekor. Wandmalerei in Pompeji, Berlin 1882.
H. Blümner, Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste der
Griechen und Römer, IV. p. 414 ff. Leipzig 1886.
P. Girard, La Peinture antique, Paris 1892.
2. Enkaustik.
Oaylus in den Mömoires de FAcad. des Inscriptions. Paris 1755, T. XXVIII.
Requeno, Saggi sul ristabilimento delF antica arte, Napoli 1784; 2. ed.
Parma 1787.
Montabert, Traitd complet de la peinture, T. III, Paris 1829.
Welcker, in der Hall. Litter.-Ztg. für 1836, Oktober, S. 149 ff.; s. kleine
Schriften III, 412 ff.
P. Knirim, Die Harzmalerei der Alten etc., Leipzig 1839.
20'
308
P. Knirim, Die endlich entdeckte wahre Maltechnik des klassischen Altertums
und des Mittelalters, sowie die neuerfundene ßalsamwachsmalerei etc.,
nebst einer vollständigen Lösung des Problems der alten Enkaustik
und der angeblich alten Freskomalerei. Leipzig 1845.
V. Klenze, Aphoristische Bemerkungen auf einer Reise nach Griechenland,
Berlin 1838.
Cartier in der Revue archöol. II, 278; 365; 437.
H. Gros et Oh. Henry, L’encaustique, Paris 1884.
0. Donner-von Richter, lieber Technisches in der Malerei der Alten, ins-
besondere in deren Enkaustik (Sep.-Abdr.), München 1885.
R. Graul, Die ant. Porträtgem. aus den Grabstätten des Paijüm, Leipzig 1888.
G. Ebers, Eine Gallerie antiker Porträts, Berlin 1889.
Th. Graf, Katalog z. Gallerie ant. Portäts aus heilenist. Zeit, Leipzig 1892.
3. Chemische Untersuchungen.
Chaptal, Annales de Chimie, T. LXX (1809) p. 22.
Davy, Some experirnents and observations on the coulour used in painting
by the ancients, in Philos. Transactions of the Ro yal-Society,
1815 p. 97 (übersetzt mit Anmerkungen von Gilbert in dessen Annalen
der Physik. Bd. LII. [1816] S. 1 ff.).
Geiger, Chem. Untersuchungen altägyptischer und altrömischer Farben, mit
Zusätzen und Bemerkungen von Roux, in Geigers Magazin für
Pharmacie, 1824, Bd. XIV; auch bes. erschienen, Karlsruhe 1826.
V. Minutoli, in Erdm.anns Journal für Chemie VIII, 2 (auch in dessen Ab-
handlungen II. Cykl., I, 49).
Länderer, Ueber die Farben der Alten, in Büchners Repertorium für
Pharmacie, XVI (1839) p. 204.
Fillon, Description de la villa et du tornbeau d’uhe fenirae artiste Gallo-
Romaine, döcouverts a St. Medard-des-Prös, Pontenay 1849.
Chevreul, Recherches chimiques sur plusieurs objets d’Archeologie, trouves
dans le Departement de la Vendee , in Memoires de l’Academie des
Sciences de ITnstitut de France. T. XXII (1850), vgl. Hittorff,
L’Architecture polychrome, p. 512 ff'.
Palmeri, Ricerche chimiche sopra dodici colori solidi trovati a Pompeji, in
Giornale degli Scavi di Pompeji, Napoli 1875, p. 159.
REGISTER
(Abkürzungeo: Mal. = Malerei, n = Anmerkong, Mus. = Museum. Plin. = Plinius
Vitr. = Yitruv.)
Abblätteni d. Farben 65, 71.
Accademia Ercolauese 64, Etnisea 209.
, Adonis, verwundeter- 75, 134, 160.
Aegypt. Mal. 3, Wandmal. 6, Mumien-
sargmal. 11, Farben 22.
Aerugo 257, 262.
Aetius 228, 231. 246.
Ajunta, Grotten v., 34.
Alabastermörser 213.
Alberti, Leon Batt. 106.
Albumin 126 n.
Alaun 247, 259.
Alaunzusatz 35. 39.
.Mexandersarkophag 240.
Alexandrinisch Blau s. Glasfritte.
Alkali 17, 81, 98. 287, 290, 301.
.\lter der Mal. 3.
Anacreon 181 n.
Analysen, chemische, v. Merimee 22, John
24, 133, Rüssel 25, Chaptal 132,
Davy 132. Chevreul 135, 268, Geiger
140, Farada^ 144, Länderer 145, Sem-
per 145, V. Stuccolustromasse 123 n,
des Farbenkästchens 235 n, v. Pal-
meri 256. Schoofs 271. Büchner 273.
Anchusa 99, 186.
Anderson über Japan. Mal. 37.
Angaben f. Wandstuck 84, Stuccolustro 107
Anonymus des Morelli 106.
Ansatzfugen 67, 74. I6l.
Apelles M, 181 n, 179, 184.
Appianum 79, 186, 257, 262.
Arbeitsfolge b. ägypt. Mal. 16.
Architekturstil 151, 155.
Aristides 54. 55.
Armenium 261.
.Arsenicum s. Auripigment.
Asphalt 229.
Assyrische Mal. 29.
Athenapriesterinnen 241.
Atramentum 262.
Auerochsenhorn 187, 188,
Aufzeichnung f. Mosaik 250.
Auripigment 23, 40, 79, 186, 247, 261.
Austernschalenweiss 40.
Racheher 287.
Balsame 24. 228.
Basalttafel 213.
Beizen 241, 246.
Belzoni 8.
Bemalung von Skulpturen 10, 240.
Beni-Hassan, Mal. v. 6.
Bergblau 23. 25, 39, 262.
Bienenwachs s. Wachs.
Bindemittel für ägypt. Mal. 7. für Tempera
177, für Marmormal- 241, v. röm
Farben 273.
Blaue Farben 26 .
Bleirot s- Mennig.
Bleiweiss 40, 79. 186.
Blutstein 40.
Böcklin, .4. 120, enkaustischc Versuche
v. 219.
Bogenschützen assyr 31.
Bolus, weisser 256, 259.
, Brautschmückung- 158.
Bronzeinstrumente 265.
Bronzelöffelchen 214.
Bronzemörser 214.
Bronzetiegel von Herne-St. Hubert 232, 273.
Buchner’s Analyse 234. 273.
Bux;baumtäfelchen 176, 293.
I Caere. E'unde v. 243.
Oaeruleum 79. 262.
I Calau 289.
CaJixtus-Katakomben 2-19, 250 n.
Carcani 64.
Carnuntum 147.
Casa dei Vettii 61. 151, 157. 160 n; di Dia-
dumeno 73; di Livia 151, 154. 157;
di Sirico 1^: d'Adonide ferito 74.
159; del poeta 160 n.
Casein 93, 120, 123, 126, 181 -n.
Cauterium 191, 193, 195, v. St. Medard 222.
Cauterium-Technik 219.
Caylus 287.
Cennini 11, 251.
; Cera, cerae 186. 187, 190, 192.
310
Cerussa 260, 261.
Cespedes 64.
Cestnim 187, 193, 195, 285, 294.
Cestrum-Technik 219-
Chaptal’s Analysen 66, 132.
Charakteristik d. ägypt. Mal. 5.
Chemische Analysen s. Analysen.
Chemisches Verhalten 129.
China 37.
Chevreul's Analysen 135, 215.
Chrysocolla 79, 262.
Cinnabaris 261.
Cleopatra-Bildnis 209.
Cochenille 259.
Cornelius 69.
Creta 260, s. weisse Kreiden.
, viridis 262.
Davy’s Analysen 23, 66, 132, 255 n.
Decarlini’s Stuckverfahren 112, Stuckmasse
123 n.
Deckfarben 35, 37, 182.
Dedekind 17, 33, 259.
Dekoration antik. Wandmal. 61, 153.
Detoma’s Stuckverfahren 109.
Dichtmachen d. Bewurfs 89, 122.
Dicke der Stuckschicht 67, 161.
Dieulafoy 32.
Dioskorides über pun. Wachs 81, 99.
Dioskorides-Manuskript 173, 174.
Donneris Freskotheorie 70, Enkaustik 201,
294.
Doppelmörtel 91.
Dörpfeld 95.
Drachenblut 34, 51, 182.
Eibindemittel, auf Wandfläche 79, 125:
z. Tempera 178.
Eigelb 7, 143 n. 178.
Eiklar 123, 125; 128, 178, 302.
Einbalsamierungs-Papyrus 12.
Einbrennen d. enkaust. Mal. 193.
Eingeputzte Flächen 77.
Einölen 128.
Einwachsen 129.
Eitempera s. Tempera.
Eleodorisches Wachs 289.
Elephantinum 262.
Elfenbein 187, 188.
5 -Enkaustik 223.
Email 252.
Emulgierung v. Wachs 99.
Englischrot s. roter Ocker.
Enkaustik 33; auf Mauern 66, 164, 165;
auf Tafeln 185; spätere 203; Böck-
lin’s Versuche 2^n; Rekonstruk-
tionen 285.
Enkaustische Technik 22, 185 , 219 , 229;
Maler 55; Gemälde 198.
Essigzusatz zu Leim 124.
Faraday’s Analyse 144.
Farben der Aegypter 22, 24: d. Japaner
39; pompej. Urspnmgs 135, 140, 256;
f. Enkaustik 189; v. St. Medard 268;
der Alten 255, 260.
Farbenfläschchen 216.
Farbenfund v. St. Medard 214 , 268; d.
Stra'da di Stabiae 229, 255 ; v. Herne-
St. Hubert 230, 271, 273.
Farbenkasten 175.
f Farbenreste auf Elfenbein 224.
Farbenstücke 231; im Neapeler Museum
I 264.
I Farbenwürfel 232, 235, 273.
Farbstoffe 177.
Fayüm 197 n.
Feigenmüch 125, 143 n, 179.
Fernbach’s Enkaustik 292.
Festigkeit d. Mörtels 89.
Fettsäuren d. Bindemittels 150 , 234 , 269,
274.
Figurenmalerei 158.
Firnis d. altägypt. Mal. 6 ; goldfarbiger 15,
26; d. Griechen 183; des Apelles
184; auf Elfenbein 224; z. Mal. 300.
Firnisbaum 43.
Fimisüberzüge 14.
Flavius Vopiscus 250.
Fhnders Petrie 200.
Frau Aline’s Porträt 206.
Freskoglättung 82, 163.
Fresko-Technik 70, 251, 296.
V. Füchs über Mörtel-Erhärtung 90.
' G-aUe s. Ochsengalle.
Ganosis 80, 98, 101, 239.
Geiger’s Analysen 140.
Gelbe Farben 25, 261.
Gemäldetafeln 175.
Giovanni da Udine 63, 71 n.
Gipsgnmd, ägypt 14.
Glanzfarbe-Rez. 237.
Glanzvergoldung 19, 245.
Glänzende Mal. d. Aegypt. 28.
! GJasfritte, blaue 23, 24, 262.
j Glasierte Ziegel 30.
! Glasur, assyr. 31, 32 n.
I GlättkeUen 164, 165.
j Glättung d. Mal. 14, 17, 76; mit heissem
I Eisen 81, 114; d. Stucco 124, 154, 159.
j Goldbeize 44.
I Goldfarbe 40.
i Goldschrift 41, 247.
^ Goruzzoli 260.
i Gouache s. Deckfarben.
I Grabstelen, ägypt. lO; bemalte griech. 241 n.
I Grafsche Porträts 197.
I Gravieren auf Elfenbein 225.
j Griffelenkaustik 293.
! Grüne Erde 257, 262; V'eroneser 23.
I Grüne Farben 24, 262.
Grundierung s. Kreidegrund,
j Gummi 6, 94, 178, 247.
1 Gummiemulsion d. Chinesen 44 n.
■ Gummigutt 39, 40.
Hanföl -44 n.
: riardouin 286.
Harze 34, 183, 228; Harz-u.Wachsmischimg
215 , 269; Harzzusatz 223, Harz-
masse 268.
Hausenblase 179.
i Helldunkel-Malerei 51.
Heraclius 251.
„Herakles u. Telephos* 159.
Herculanum 60.
Herculan. Wandgemälde 158, 159.
Hermeneia v. Berge Athos 237, 251.
Herne-St. Hubert 230, 271.
Herodot 29.
Herstellung des Verputzes 85, 121, 298.
Hilfslinien 67, 160, 160 n, 244.
311
Hittorff 66, Stuckanweisung v. 107.
Holzgrundierung 12, d, Japaner 39-
Honig 6, 12, 12 n, 259.
Huybrigts 233, 235.
Indien 33, 34.
Indigo (Indicum) 23, 34, 40, 79, 186, 262.
Inkrustation, assyr. 30, 33.
Inkrustationsstil 151.
Instrumentenfunde 211, 233, 265.
Jaia aus Kyzikos 57, 187.
Japan. Mal. 37.
John’s Analysen 7, 12 n, 24, 133.
Kak4monos 40.
Kalk 85, 90; gelöschter 93, 127; Staubkalk
110, lll; röm. 121; hydraulischer 90.
Kalkseife 81, 149.
Kalkspath 122.
Kampferzusatz 44.
Kaschierungen mit Leinwand 18, 19 n.
Kästchen des Malergrahes 213, 217 n.
Katakomhenmal. 8, 9; d. Calixtus 249.
Kausis 68.
Kautschuklösung 292 n.
Kernschwarz 262.
Khorsahad 29.
Klappmesser 213.
Kleister 39, 41.
Knirim 143 n, 293.
Kuoller, Martin 117 n.
Kohlenbecken 236.
Kohlschwarz 24, 262.
Koloristische Neuerungen 16.
Kolorit 52.
Komposition, jap. 41.
Konturen, eingedrückte 72, 160.
Korallenrot 40.
Krapprot 259.
Kreide, weisse 26, 40, 256. 260.
Kreidegrund ägypt. Mal. 6, 14; griech. u.
röm. Mal. 79, 176.
Krystallin. Kalkhaut 67, 78, 297.
Kupferlasur 24, 261.
Ijacaze-Duthiers 258.
Laekarbeiten, Japan. 42.
Lackfirnis, chines. 43, Japan. 43 n.
Lackieren 36, 42.
Lackmalerei 36.
Lackrot 26.
Landerer’s Analysen 145.
Landschaften, gemalte 77.
Lapis lazuli 23.
Lasuren 26, 79, 179.
Lasurfarben 182.
Lauge s. Alkali u. Pottasche
Leim, in ägypt. Mal. 6, 7, 12; z. Stück-
arbeit 68, 79, 93, 123, 126; f. Tafel-
mal. 178.
Leinöl 117, 231.
Leinwand zu Kaschierungen 18.
Leinwandumhüllung f. Mumien 205.
Leinwand unterläge f. Grundierungen 15.
Leroux 6.
Leukophoron 246, 261.
Leydener Papyrus 41, 247.
Linienführung 51, 181.
Linienzeichnung 5.
Lithostrotum 249.
Litterarische Nachweise, f. Enkaustik 186,
f. Stuccolustro 106, f. spätere Wachs-
mal. 236.
Löffelartige Utensilien 216.
Loggien d. Raphael 64 n, 71.
Loriot’scher Mörtel Hin, 122.
Löwenfries 31.
Lucca Ms. 237, 252.
Lücke bei Vitr. 87.
Ludius 61.
Malbuch vom Berge Athos 237.
Maler auf antiken Darstellungen 174.
Malerei in theban. Gräbern 6; im Neapeler
Mus. 158, 160 n; im Thermen-Mus.
161; V. Solunto 162; auf Marmor-
Grabstelen 241 n ; s. W andmal., Tafel-
mal., Enkaustik u. s. w.
Malerschulen, Japan. 37 ; griech. 53.
Malergrab v. St. Medard 211; y. Herne-
St. Hubert 231.
Malgeräte, ägypt. 27 ; enkaustische 217;
d. Neapeler Mus. 263.
Malgründe 176, 187.
Malkästen 186.
Maltechnik d. Aegypter 3; Assyrier, Perser
u. in Ostasien 29; d. .Japaner 38;
d. griech. u. röm. Mal. 47 ; Tempera
u. Enkaustik 171.
Malutensilien 214, 231.
Manieren der Stucktechnik 163.
Marmoratum 116, 251.
Marmorimitation 157, 166.
Marmorinkrustation 166.
Marmorino-Rez. 110, 122.
Marmormehl 110, 113, 123.
Mastixharz 209, 229, 303.
Matthiessen 164 n.
Mayhoffs Erklärung der Pliniusstelle 189—
‘ 196.
„Medea“ 76.
Meinungsstreit über d. antike Wandmal-
technik 63.
Meister der Enkaustik 55.
Melinum (Melisches Weissl 54, 79, 186,
255, 260.
Mennig 26, 39.
Meugs, Raf. 65.
Merimee 22, 27.
Micaglas (Glimmer) 41.
Milch, ägypt. Mal. 6; Zusatz zum Mörtel
93, 123.
Miniaturmal., indische 35; griech. u. röm.
53, 246; d. Dioskorides Ms. 173.
Minium 257, 261 ; s. Mennig u. Zinnober.
V. Minutoli 7, 12 n.
Monochrome Mal. 49.
Montabert 291.
Montjosieu 286.
Mosaiktechnik 250.
Mumie 262.
Mumienmasken 18, 21.
Mumienporträts heilenist. Zeit aus Fayüm
21 , 197 ; d. Berliner Mus. 202 ; auf
Leinwand 205, 206; im Louvre 208.
Mumiensargmal. 13; hellenist. Zeit 19.
Murex s. Purpurschnecken.
„Muse von Cortona“ 209.
Nachweis von Wachs 136, 139, 142, 144,
145, 146. 268, 269.
Näpfchen f. Farben 216.
312
Naphtha 26, 228 n, 291.
Natron (Lauge) 100.
Naturalistische Mal. 58.
Nikawa-Leim 39.
Nikias 56, 239.
„Nitrum“ 100.
Nussöl 228, 231.
Ochra 257, 260.
Ocker, gelber 26, 40. 54, 261.
„ roter 23, 40, 257.
Ochsengalle 43, 108, 109, 125, 127. 128, 248.
Oele 228.
Oel- und Fettsäuren 150, 269, 274.
Oel-Kalk-Kitt 116.
Oelharzmal. 231, 237.
Olivenöl 116, 123.
Oelvergoldung 246.
Oelzusatz 223.
Ornamentaler Stil 151, 154.
Ostasien 29.
Paletten 172.
Pamphilos 53.
Panänos 52, 58, 95.
Papier 39.
Papierasche 99, 100, 186.
Papyrus 179; Leydener 247.
Paraetonium 76, 79, 256, 260.
Parrhasios 53, 179.
Passalacqua, Sammlung 23, 27.
Pausias 55.
Pergament 53, 179.
Persische Mal. 29, 35.
Pflanzenfarbstoffe 40.
Pflanzengelb 26, 261.
Phantastischer Stil 151.
Pinienharz 215.
Pinsel 27, 41, 172; f. Enkaust. 187, 198,
218, 226.
Pinselmaler 55, 177.
Platon 3.
Plinius über Entwicklung d. Mal. 49; Pa-
nisches Wachs 99; Ganosis 102; En-
kaustik 186, 187.
Polieren des Lacküberzugs 44.
Polierkelle 108, 111.
Politur f. Stuccolustro 109, 115.
Polychromie 66, 80; d. Statuen 239.
Polygnot 52, 55, 59, 255.
Pollux 221 n.
Pompeji 60, Bewürfe aus P. 140, 146.
Pompejanum 297.
Pottasche 100, 303.
Porträts, antike s. Mumienbildnisse.
Praxiteles 55, 56, 239.
Protogenes 54, 177, 183, 226.
Panisches Wachs 17 , 80 , 99, 100, 180; s.
Wachstempera.
Purpur 21, 26, 40, 79, 186, 206, 229, 258.
Purpurgewänder 12 n.
Purpurissum 261.
Purpurschnecken 258j 259.
Puteolanum (Puzzolanerde) 63 n, 91, 121,
262.
Pygmaeen- Atelier 173.
Raphael 63.
Realgar 43.
Realistische Mal. 19, 53.
Reiffenstein 291.
Reismehl 41.
Reispapier 41.
Rekonstruktionen, frühere 285.
Requeno 66, 103 u, 290.
Rezept, f. panisches Wachs lOOn; f. Stucco-
lustro-Masse 123 n.
Rhabdion f|5aßSiov) 195. 219 n.
Ricinusöl 228.
Rippenvorbereitung 31.
Römische Bewürfe 147.
Rote Farben 261.
Rötel (Rubrica) 51, 2-57, 261.
Russel’s Analysen 25.
Russschwarz (Kienruss) 26, 93, 262.
Saflor 40.
Safran 58, 95, 248.
Sal tartari 109.
Salmasius 285.
Sandaraca 261.
Sandmörtel 84. 107, 113, 298.
Sandyx 79, 261.
Santelholz 40.
San torin erde 91 n.
Schaf häutl 133, 300.
Schattenriss 49.
Scheffer 286.
Schiefertafel 208.
Schiffsmalerei 226.
Schildkrötengalle 248.
Schlagen des Bewurfs 85, 89.
Schlagholz 122.
Schlussarbeit f. Stucco 128.
Schlussbetrachtungen 248.
Schlussfolgerungen, v. Chevreul 140; v.
Geiger 143, 151.
Schlusspolitur 98, 109, 115.
Schreib- u. Malgeräte, ägypt. 27.
Sehreibtinte 79, 93, 262.
Schulen, jap. Maler 38: griech. 53.
Schulregeln 182.
Schüttgelb 25, 261.
Schwamm 173.
Schwarz (indisches) 34.
Schwarze Farben 262.
Schweinsgalle 43.
Schwitzen, des erwärmten Wachses 101,
102, 119; der Freskomal. 3C0.
Seide 39.
Seife, weisse s. Venezianer Seife.
Seifenwasser 109.
Selinunt 96.
Semper 30, 32, 43 n, 45, 66.
Semper’s Analyse 145.
Sepia 8, 26, 262.
Sienaerde 26.
Sil s. Ocker.
Silberfarbe 40.
Silberschrift 247.
Silberstift 176.
Silikatbildung 91.
Sinopisrot 51, 54, 257, 261.
Solunto 61, 162.
Spiegelnder Glanz d. Tectoriums 86, 104.
Spiköl 300.
St. Medard-des-Pres 138, 211, 222, 234, 268.
Staffeleien 175.
Stereochrbmie 293 n.
Stilistische Verschiedenheiten 4, 158.
Stucco lustro 8l, 104, 163; Anweisungen f.
107.
Stucco lustro-Eisen 114.
, „ -Ofen 115.
313
Stucco lustro-Rezept 123.
„ r, -Manier 128.
Stuck, in der Masse gefärbt 77, 81, 93, 96.
Stuckarbeiter, pompej. 102-
Stuckatorspachtel 264.
Stuckmal., assyr. 30; alt-röm. 276 ; s. Wand-,
malerei.
Stuckmarmor 168 n.
Tabloche (Tavolezza) 173 n, 267.
Tafelmal. 11, 171.
Tagesarbeit b. Fresko u. Mosaik 251.
Tanagrafiguren 242.
Taubenheim 290.
Tectores 79.
Tectorium nach Vitr. 83; spiegelglänzen-
des 104; Herstellung 121, 295.
Tee-Oel 43.
Tell-el-Jahudieh 33.
Tempera 177, 181; Versuche mit Tempera-
bindemitteln 125.
Temperamal. 172,199,210.; s. Wachstempera
Terpentinöl 130, 228 n, 292.
Terracottamasken 21.
Theophilus 252.
Thermen-Museum 161.
Thermen d. Titus 63, 167.
Thoma, Hans 181 n.
Tonsarkophage 182, 244.
Tonziegel, bemalte 243.
Tournesol 259.
Trass 91 n, 276.
Trocknende Oele 228, 231
Uebermalung 182; d. Rapbaerschen Log-
gien 7l.
Ultramarin 34, 40.
Untermalung 182; b. Mosaik 250.
Untersuchung v. Farben röm. Provenienz
273; s. Analysen.
Ursache der Erhaltung ägypt. Mal. 3; des
Verfalls pompejan. Mal. 73.
Ursprung d. Freskotechnik 273.
Varro 186.
Vasengemälde 50.
Venetianer Seife 17, 116, 124.
Vergipsen der Holztafeln 15.
Vergoldung, ägypt. Mal. 19; Japan. 40; v.
Bildwerken 242; Beispiele v. 204, 245.
Verseifung, s. Wachsseife.
Versuche z. Rekonstruktion d. Enkaustik
216i 285; d. Wandmal. 119, 295.
Verzierungen, plastische 15, 204; ver-
goldete 16, 245.
Viglioli’s ersuche 124 n, 301.
Villa Hadriana 142, 209.
Vitruv über antikes Tectorium 83, 105;
über Ganosis 80, 101; Wanddekora-
tion 61; Marmorputz 86.
Vorzeichnung f. Mosaik 250.
Votivtafeln, ägypt. 17.
Wachs, in ägypt. Mal. 7, 27; f. Enkaustik
186, 188; gefunden in St. Medard
215, 268.
Wachsähnliches Bindemittel 235, 273.
Wachsemulsiom 100 n.
Wachsfirnis 111, 112.
Wachsmalerei 180; der spät. Zeit 236; s.
Enkaustik.
Wachsseife 8, 98, 99, 238, 290, s. Punisches
Wachstempera 119, 180, 237.
Walter J. G. 289.
Wandmal., d. Aegypt. 6; glänzende 9;
indische 34; d. Griechen u. Römer 58;
älteste in Italien 62; Stilverschieden-
heiten 151; V. Herkulanum 158;
Pompeji 60, 73; im Neapler Mus. 160;
Römische 161.
Wärmapparat 217 n.
Westenhofer Mosaik 120, 283.
V. Wilmowsky 278.
Wurka 31.
Xenti 12.'
Yamato-Schule 38.
„Yaue conosite“ 238.
Zement 90, 121.
Zeuxis 53, 179, 255.
Ziegel, glasierte 30.
Ziegelmehl 44, 110, 276 n.
Zopissa 223 n, 227.
Zuschläge zum Mörtel 90, 93, 121, 123.
Berichtigungen,
S. 59 Text Zeile 2 von unten lies Thespiae statt Thespis.
r 68 „ „ l „ oben „ ausser „ selbst.
Zur gef. Notiznahme.
Die Besitzer dieser Ausgabe werden gebeten, die jetzt nicht mehr zutreffenden
Rüekverweisungen in der III. Folge (Mittelalter) wie folgt zu ändern.
S.VIII Zeile 14
von
oben muss
es
jetzt heissen :
Altert. S.
230.
, 12 „ 1
»
unten
»
V
P P
p p
260.
„ 14 Anm. 13
T.
W P
p p
245.
„ 15 Zeile 18
von
unten
V
p
P P
P T»
231.
„ 18 mittlerer Absatz ist
richtig
zu stellen nach „
81 U.82.
„ 26 Zeile 20
von
oben muss
es
jetzt heissen:
Altert. „
250.
37 , 7
»
unten
n
p
P P
P P
207.
. 103 „ 21
n
„
n
P P
P P
250.
, 109 „ 26
V
n
p
P P
P V
231.
, ebd. „ 28
r)
p
P P
P P
246.
„ 141 Anm. 5
p
P P
P P
238.
„ 208 Anm. 16
V
p
P P
P
252.
„ 265 Anm. 1
p
P P
P P
301.
Diejenigen Stellen, an denen nach der früheren Auffassung das Oestrum ge-
nannt ist, während es nunmehr Cauterium heissen müsste, wird der aufmerksame
Leser leicht selbst bemerken.
I
Kgl. Hofbuchdruckerei Kästner & Callwey, München.
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GETTY CENTER LIBRARY CONS
ND 1471 B496 1904 BKS
c. 1 Berger. Ernst, 1857-
Ole Ualtechnlk des Altertuns ; nach den
3 3125 00411 8531